Nr. 7 Erstes Blatt
187. Jahrgang
Samstag. 9.Januar 1937
Erscheint tüglich. außer Sonntags und Feiertags Beilagen: Die 3Ilu|trtcrte Gießener Familienblätter Heimat im Bild - Die Scholle Monats-Bezugspreis:
Mit 4 Beilagen «REt 1.95 Ohne Illustrierte , 1.80 Zustellgebühr.. e -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt 8ernsprechanschlüsse
unter Sammelnummer 2251 Anschrift für Drahtnach» richten: Anzeiger Gießen
Postscheckkonto:
Zrantfurt am Main 11686
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: vrühl'sche Univerfitätr Buch- und Steindruckerei «.Lange in Gießen. Schriftleitung und Seschäftrftelle: Schulstraße 7
Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer bis 8'/,Uhr des Vormittags
Grundpreise für 1 mm höhe
für Anzeigen von 22 mm Breite 7 Rpf.. für Text- anzeigen von 70mm Breite 50 Rpf..Platzvorschrift nach vorh.Dereinbg.25°/„ mehr.
Ermäßigte Grundpreise:
Stellen-. Vereins-, gemeinnützige Anzeigen sowie einspaltige Gelegenheitsanzeigen 5 Rpf .Familienanzeigen. Bäder-, Unterrichts- u. behördliche Anzeigen ORpf. Mengenabschlüsse Staffel B
Llm eine Kontrolle -er Nichteinmischung.
England wünscht diplomatische Verhandlungen über den deutsch-italienischen Vorschlag.
London, 9. Ian. (DNB. Funkspruch.) „Times" sagt, die Antwortnoten Deutschlands und Italiens feien nicht negativ. Auf der Grundlage dieser Antworten könnten die Bemühungen zur Abstellung fremder Einmischung in Spanien selbstverständlich fortgesetzt werden, vielleicht auf diplomatischem Wege, da dieser der schnellste sei. Die Bedingungen der beiden Staaten bereiteten keine unüberwindlichen Schwierigkeiten. Daher sollte ohne Verzug ein Kontrollschema für alle Zugangspunkte zum spanischen Gebiet ausgearbeitet werden. „Daily Telegraph" hält es für möglich, daß England eine Sechs-Mächtekonferenz vorschlagen könnte, um möglichst schnell die Gefahren der Einmischung abzuwenden. — „Mor- ning Post" schreibt, nach britischer Ansicht stelle der diplomatische Weg im Augenblick die beste Methode zur Abstellung der Einmischung in Spanien dar. Das Verfahren des Nichteinmischungsausschusses habe sich als zu langsam erwiesen, weil die einzelnen Vertreter sich immer erst mit Rückfragen an ihre Regierungen wenden müßten. Da Deutschland und Italien in ihren Noten zugestimmt hätten, die Unterstützung durch Freiwillige abstellen zu helfen, werde die britische Regierung jetzt daran gehen, praktische Maß'- nahmen vorzuschlagen.
*
„Daily Herald", das Organ der Labour-Party, glaubt, daß die englische und die französische Regierung die anderes Länder auffordern würden, sich bereit zu erklären, 1. zu einer Erörterung auf Grund der Vorschläge von Berlinn und Rom zu beginnen; 2. sofort die Entsendung von Freiwilligen abzustoppen;3. ein Kontroll- s y st e m mit auszuarbeiten, wie es Deutschland und Italien verlangten und 4. sofort die Frage der finanziellen Unterstützung und anderer Formen indirekter Einmischung zu erörten. Die größte Schwierigkeit werde die Forderung einer wirksamen Kontrolle an Ort und Stelle
machen. — „News Chronicle" meint, wahrscheinlich liege schon einfertigerpraktischer Plan zur Verstärkung der Nichteinmischung in White Hall. England denke an eine internationale Seeblockade. Auf alle Fälle werde es sich nicht mehr
P a r i s , 9. Ian. (DNB. Funkspruch.) Der „Petit Parisien" betont unter der Überschrift „U e b erwach u n g s m a x i m u m in einem Minimum von Zeit" u. a., die französische und die englische Regierung seien sich über die Formel einig und würden jetzt die Verhandlungen mit Berlin, Rom und Moskau beschleunigen. Die Arbeitsweise des Londoner Nichteinmischungsausschusses habe sich als zu langsam erwiesen. Daher würden jetzt unmittelbar Verhandlungen mit den interessierten Kanzleien angebahnt. Französischerseits sei bereits eine ganze Reihe von Maßnahmen ausgearbeitet worden, die sofort in Kraft tre.ten könnten, wenn die anderen Länder ihre Haltung klar dargelegt hätten. „Petit Journal" erklärt, Frankreich könnte bereits am Dienstag dem Parlament die entsprechenden Entwürfe vorlegen.
Der „Jour" meint, daß die Haltung der französischen Regierung noch ziemlich unklar sei. Jene Persönlichkeiten, die mit Valencia sympathisierten, seien durch die deutsche und die italienische Antwort i n Verlegenheit gebracht worden. Sie gäben daher zu verstehen, daß der Vorschlag, sämtliche ausländischen Elemente aus Spanien zu entfernen, undurchführbar sei. Wenn sich aber die französische Regierung weigere, Maßnahmen zu ergreifen, die den Roten in Valencia unbequem seien, dann könnte man ihr mit Recht den Vorwurf machen, ein doppeltes Spiel zu treiben.
„Figaro" ist der Ansicht, daß man jetzt e tappe n w e i s vorgehen müsse. Alle Staaten müßten zunächst die ehrenwörtliche Versicherung abgeben, die Ausreise weiterer Freiwilliger nach Spanien zu verhindern. Dann müßte die Ueberwachung der Grenze und der Küsten Spaniens durchgeführt werden, um
auf eine längere Verhandlungsdauer einlassen, während der Freiwillige ungehindert nach Spanien kommen könnten. England werde den Weg direkter diplomatischer Verhandlungen dem über den Nichteinmischungsausschuß vorziehen.
die Einhaltung dieser Maßnahmen sicherzustellen. Diese Ueberwachung sei den ausländischen Konsuln in Spanien zu übertragen. Schließlich müßten sämtliche Freiwillige aus Spanien a b b e - rufen werden. — „Matin" meint, daß es die erste Sorge Frankreichs sein müsse, auf französischem Boden jede Durchreise, jede Ansammlung und jede Abfahrt von Freiwilligen für Spanien, gleichviel welcher Nation diese Freiwilligen angehörten, zu verbieten.
Moskau plant neue Sabotage.
London, 9. Jan. (DNB.-Funkspruch.) Ein Bericht der „Morning Post" aus Riga zeigt, wie wenig Moskau sich an die Nichteinmischung zu halten beabsichtigt, und daß es alles tun wird, um die Bolfchewisierung Spaniens auch weiter zu fördern. Moskau lehne, so heißt es in dem Bericht, die Antworten Deutschlands und Italiens in der Freiwilligen-Frage scharf ab, britische, französische und sowjetrussische „Freiwillige" sowie Kriegsgerät seien „für die Aufrechterhaltung der Demokratie in Spanien unerläßli ch". Die Sowjetregierung werde ohne Rücksicht auf das, was sie vielleicht versprechen müsse, nicht einen einzigen Soldaten zurückrufen oder ein einziges Maschinengewehr oder Geschütz zurückholen. Die Sowjetregierung sei außerdem überzeugt davon, daß Frankreich ebenso handeln werde. Aus dem Bericht der „Morning Post" geht weiter hervor, daß Moskau London die Rolle zuweist, Ausschüsse einzuberufen und den Austausch von Noten zu besorgen, während Sowjetrußland- und Frankreich „praktische Maßnahmen" durchführen würden.
Paris für Beschleunigung der Verhandlungen.
Keine Antwort -er roten Machthaber.
Oie Reichsregierung wir- nun über die beiden aufgebrachten roten Handelsschiffe verfügen.
Berlin, 8. Jan. (DRV.) Auf das vom Admiral der deutschen Seestreitkräfte in Spanien an die roten Machthaber in Valencia gerichtete, bis 8. Januar, 8 llhr vormittags befristete Angebot bezüglich des Austausches der Restladung und des Passagiers des deutschen Dampfers „Palos" gegen die beiden aufgebrachten roten Handelsschiffe „Aragon" und „THarfa Junquera" ist keine Antwort eingegangen.
Die deutsche Reichsregierung wird nunmehr in Ausführung der angekündigten Maßnahmen über die beiden Dampfer verfügen.
Zur Beschlagnahme der Palos hatte die „M o r= ningpo st" am 4. Januar ausgeführt: Nachdem man das deutsche Schiff, das von spanischen Schiffen aufgegriffen war, freigelassen hatte, war kein Grund zur Zurückhaltung eines Teiles der Fracht und eines der Passagiere. Die Verweigerung von mehr als teilweiser Genugtuung für den klaren Verstoß war eine platte und ganz unnötige Provokation, die nicht geduldet, wie sie auch nicht übersehen werden konnte. Zu den deutschen Gegenmaßnahmen bemerkt das gleiche Blatt: Gerade 'solche Handlungsweise könnte sehr wohl unsere eigene Regierung unter ähnlichen Umständen gewählt haben und hat sie tatsächlich in der Vergangenheit oorge- nommen. Während des amerikanischen Bürgerkrieges griffen Kreuzer der Bundesregierung auf hoher See'den brititischen Postdampfer „Trent" auf und entführten zwei Bundesagenten, Mason und Sli- dell, welche Bordpassagiere waren. Die britische Regierung trieb ihren Protest gegen diese Handlung bis auf die hohe Spitze der Kriegserklärung, bis die Bundesregierung nachgab und die Gefangenen wieder auslieferte. So bestätigt auch das angesehene englische Blatt, daß Deutschland seine Gegenmaßnahmen im „Palos"-Fall streng im Rahmen des Notwendigen und Angemessenen gehalten hat.
Seerechk gegen Seeraub.
Da die vom Admiral der deutschen Seestreitkräfte in Spanien an die roten Machthaber in Valencia rveaen der Befchlagnahme des deutschen Dampfers „Palos" gerichtet- und bis zum Freitag Morgen 8 Uhr befristete Aufjorderung keine Antwort fand, den Rest der „Palos" zuruckzug-ben und den wider- rechtlich verhafteten Ipamsch-N Passagier freyula|= sen, tritt jetzt die volle Wirkung d e r Vergeltungsmaßnahmen em: die beiden im verlaufe der Represtwmaßnahmen beschlagnahmten spanisch-bolfchewistischen Dampser werden nut ihrer Ladung verkauft und aus dem Erlös -mrd der Ausfall des deutschen Gutes, das die Bolschewisten fest-
gehalten, gedeckt. Es steht fest, daß der Dampfer „Palos" sich außerhalb der Dreimeilenzone befand, daß der örtliche bolschewistische Ausschuß durch die Jagd auf das deutsche Schiff einen Akt der Piraterie beging und daß diese Herausforderung, diese Brüskierung des Rechtes auf See, nur durch die deutsche Abwehrmaßnahme wiedergutgemacht werden konnte. Alle Verdrehungen des wahren Tatbestandes können nicht verhindern, daß das Recht des deutschen Vorgehens auch von den Regierungen Englands und Frankreichs anerkannt werden muß. Wer sich gegen Sitte und Gebrauch auf See bolschewistischer Upterweltsmethoden bedient, braucht sich nicht zu wundern, wenn ihm die Abwehraktion auf die Finger saust und die Piraterie unmöglich macht.
Man hat in der Londoner „Morningpost", einem deutschfeindlichen Blatt, den Standpunkt Deutschlands durchaus für gerechtfertigt gehalten und dabei auf die Beschlagnahme des britischen Postdampfers „Trent" während des Bürgerkrieges in den Vereinigten Staaten verwiesen, der nachher, als England mit Krieg drohte, rückhaltslos wieder freigegeben wurde. Das ist richtig. Aber wir können mit
einem ähnlichen Fall aufwarten. Während des Burenkrieges wurden am 29. Dezember 1899 in der Delagoa-Bay der deutsche Dampfer „Bunde s r a t" und der deutsche Dampfer „H e r z o g" von englischen Kriegsschiffen beschlagnahmt, weil sie angeblich für die Burenrepubliken Waffen an Bord hätten. Die deutsche Regierung protestierte gegen diese Beschlagnahme und die beiden Dampfer wurden bereits am 18. Januar 1900 von England freigelassen. Die englische Regierung erkannte die Pflicht auf vollen Schadenersatz an und damit war der Zwischenfall beigelegt. Nicht nur also Nordamerikaner hatten ihren Uebergriff gegen das englische Postschiff rückhaltlos wieder gut gemacht, sondern auch die Briten den Uebergriff gegen deutsche Dampfer. Das ist rechtens. Keine zivilisierte Nation hat sich bis jetzt gesträubt, Uebergriffe ihrer Streitkräfte zur See wieder gut zu machen. Nur die spanischen Bolschewisten weigern sich, völkerrechtliche Bestimmungen anzuerkennen. Es ist nicht mehr wie recht, wenn sich dagegen der internationale Begriff des Seerechts mit Kraft zur Wehr setzt. rt.
Der Mord an dem bergischen Diplomaten einwandfrei sestgestellt.
Von den Bolschewisten mit Revolvern aus nächster Nähe niedergeknallt.
Brüssel, 8. Jan. (DRB.) Der belgische Außenminister teilte am Freitag mit, daß die Exhumierung des Barons de Borchgrave am Freitagvormittag in Fuencarral im Beisein des belgischen Geschäftsträgers und Konsuls st a 11 gefunden hat. Ls wurde festgestellt, daß die Leiche de Borchgraves drei Wunden trug, die von Revolverschüssen in den linken Oberschenkel, ins Schulterblatt und ins Ohr herrühren. Der Schuß ins Ohr wurde aus nächster Nähe abgegeben. Damit ist einwandfrei klarge stellt, daß deBorchgrave von den fpanifchenBolfche- wisten ermordet wurde. Die Leiche, die etn- gefargt wurde, befindet sich augenblicklich in der Leichenhalle des Madrider Friedhofes. Die Ermittlungen werden fortgesetzt.
♦
„Libre Belgique" berichtet, die Machthaber in Valencia hätten in ihren Verhandlungen mit der belgischen Regierung zunächst die Lüge gebraucht,
Baron de Borchgrave habe sich unvorsichtigerweise an die Front begeben und sei v o n e i n er K u g e l in der Kampfzone getroffen worden. Diese Lüge habe jedoch einer Prüfung nicht stand- gehalten. Allgemein wird die weitere Behandlung dieses schweren Zwischenfalles, durch den selbstverständlich die Beziehungen zwischen Belgien und den Roten in Valencia aufs stärkste berührt werden, mit großer Anteilnahme verfolgt. Andererseits ergibt sich aus der Haltung, die am Donnerstag von den marxistischen Mitgliedern des Auswärtigen Ausschusses eingenommen wurde, der begründete Verdacht, daß die belgischen Marxisten ihren großen Einfluß innerhalb der Regierung van Zeeland nach Kräften geltend machen wollen, um es auf keinen Fall zu einem Bruch zwischen Brüssel und Valencia kommen zu lassen. Der marxistische Abgeordnete Roll in bemühte sich sogar, mit formal-juristischen Wendungen die kommunistischen Machthaber von Valencia herauszupauken. Er versuchte eine Verschleppung der Angelegenheit zu erreichen, und empfahl dem Außenminister, den Fall dem Haager Gerichtshof zu unterbreiten, falls die Antwort auf die Forderungen Belgiens nicht eingehen sollte.
Flottenpolitik im Pazifik.
Die Jahreswende hat für die Flottenpolitik der großen Seemächte eine bedeutsame Aenderung gebracht, die auch für uns von Interesse ist, wenn wir auch nur mittelbar von ihr berührt werden. Mit dem 31. Dezember 1936 sind nämlich die beiden großen Verträge zur Begrenzung der Seerüstungen, der von Washington aus dem Jahre 1922 und der 1930 in London zustandegekommene Ergänzungs- oertrag abgelaufen, nachdem Japan sie beide am 29. Dezember 1934 fristgerecht gekündigt hatte. Japan war in Washington der leidtragende Teil gewesen. Es hatte sich damals dem Druck der sich gegen die aufstrebende asiatische Großmacht vereinigenden angelsächsischen Seemächte fügen müssen; denn es hatte zwar die Periode ungestörter Alleinherrschaft im Pazifik während des Weltkrieges zu einer gewaltigen Anspannung seiner nationalen Kraft auf allen Gebieten nützen können, aber diese hatte die beschränkte finanzielle Basis des Insel- reiches weit über Gebühr in Anspruch genommen, so daß die leitenden japanischen Staatsmänner im Gegensatz zu manchen Meinungen in Heer und Flotte nicht glaubten, die Verantwortung für die bei einem Abbruch der Verhandlungen in Washington drohende Alternative eines Krieges gegen die vereinigten angelsächsischen Seemächte, deren Flotten verhältnismäßig intakt den Weltkrieg überstanden hatten, auf sich nehmen zu können. So mußte sich Japan in Washington mit einem zahlenmäßigen Stärkeverhältnis von 3:5:5 zufrieden geben und es vermochte, soweit diese Schlüsselzahl für Schlachtschiffe und Flugzeugträger gilt, auch in London 1930 nichts an ihr zu ändern, nur für Kreuzer, Zerstörer und U-Boote konnte es ein günstigeres Verhältnis erreichen. Da aber die Unterseebootsstärke ohnehin allgemein sehr niedrig bemessen worden war, bedeutete diese neue Zahl für Japan eher eine Fessel als eine Vergünstigung.
Japans Streben ging seitdem dahin, an die Stelle eines Verhältnisses, das seine Schlachtflotte um 40 v. H. niedriger als jede der beiden andern großen Seemächte des Pazifik hält, eine für alle drei gemeinsame Höchststärke zu setzen, innerhalb dieser Grenzen die Beschränkung der einzelnen Schiffkategorien den verschieden gelagerten Sicherheitsbedürfnissen der einzelnen Mächte angepaßt werden sollte. Amerika widersprach dieser japa- nisHen Forderung nach Parität kategorisch. Daran scheiterte schon im Grunde der Versuch einer Erneuerung der Flottenoerträge auf der zweiten Londoner Konferenz im Frühjahr 1936, da Japan in der Paritätsforderung einen Punkt sah, der seine nationale Ehre berührte, und sich von den weiteren Verhandlungen zurückzog. Die marinetechnischen Interessen der drei großen Seemächte des Pazifik — nur von diesen soll hier vorerst die Rede sein — werden im wesentlichen von ihrer geographischen Lage bestimmt und sind infolgedessen sehr verschieden. Die Vereinigten Staaten glauben, wegen der weiten (Entfernung ihrer Küste von dem voraussichtlichen Schauplatz künftiger weltpolitischer Entscheidungen und der ungeheuren Spannen zwischen ihren einzelnen Flottenstützpunkten und Kohlenstationen auf dem Wege dorthin, auf den Bau größter Schlachtschiffe und Flugzeugträger mit hohem Fassungsvermögen und weitem Bewegungsradius nicht verzichten zu können. Japan sieht gerade hierin eine Bedrohung seiner an sich überaus günstigen Flottenbasis in der buchtenreichen, zerklüfteten Inselwelt der japanischen See, die es mit leicht beweglichen, mengenmäßig überlegenen Kreuzern, Zerstörern und Ubooten besser verteidigen kann, als mit einer kostspieligen und daher vermutlich der amerikanischen unterlegenen Schlachtflotte. Die Möglichkeit jedoch, daß die Vereinigten Staaten mit Hilfe riesiger Flugzeugträger ihre Luftwaffe in ungeahnter Stärke einsetzen können, würde die Lage für Japan natürlich sehr viel ungünstiger gestalten, wie es ja auch in einem Konflikt mit Sowjetrußland einen Luftangriff von Wladiwostok aus auf die Industriezentren der japanischen Inseln am meisten zu fürchten haben würde. Japan ist daher in London stets für eine Abschaffung der „Offensiv-Streitkräfte" eingetreten, als die es Schlachtschiffe und Flugzeugträger bezeichnet.
Englands Interesse ist, wenn auch aus anderen Gründen, ähnlich gerichtet. Es umspannt im Gegensatz zu den beiden anderen großen Seemächten den ganzen Erdkreis. An allen Meeren hat es Besitzungen zu schützen und Verbindungswege des Empire zu verteidigen. Es braucht deshalb eine zahlenmäßig große Flotte, die überall dort, wo britische Interessen gefährdet erscheinen, mit einer imponierenden Zahl kampfkräftiger Einheiten auftreten kann, ohne andere Interessengebiete jeden Schutzes berauben zu müssen. Wir sahen die großen Schwierigkeiten einer alle diese Gesichtspunkte berücksichtigenden Flottenpolitik Englands in dem soeben durch das Gentleman-Agreement mit Italien beendeten Mittelmeerkonflikt. England muß also an sich Wert legen auf viele, im einzelnen nicht zu große und daher auch nicht so kostspielige Schiffe, um allen Anforderungen des weit gespannten Empire gerecht werden zu können. Freilich die Nichterneuerung des Londoner Flottenoertrags und die Baupolitik der anderen Seemächte zwingt nun auch England, vier neue Schlachtschiffe auf Kiel zu legen, deren Dimensionen alles bisher Dagewefene beträchtlich übertreffen sollen. Englands Interesse weicht von dem japanischen nur in der Ubootsfrage ab. Während Japan das Uboot als wichtiges Instrument der Verteidigung aus den Schlupfwinkeln feiner Inselwelt gegen eine feindliche Schlachtflotte einzusetzen wünscht, fürchtet England nach den Erfahrungen des Weltkrieges das Üboot als eine Waffe, die besonders empfindlich die Handelswege des Empire zu bedrohen vermag und die auf die


