MMWWMWM
Aus den Gießener Gerichtssälen.
Amtsgericht Gießen.
Der achrzehnjährige E. E. aus DauLringen hatte einen Strafbefehl über 40,00 RM. wegen Körperverletzung erhalten, gegen den er Einspruch einlegte. Es lag folgender Vorfall zugrunde: Ein neunjähriger Knabe aus der Nachbarschaft hatte sich auf dem Hof der elterlichen Wohnung des Angeklagten mit dessen jüngeren Brüder geschlagen. Die Mutter des Angeklagten kam hinzu und verwies den Jungen des Hofes. Diesem Befehl kam dieser auch langsam rückwärtsgehend und sehr zö-gernd nach. Der Junge hatte eine Peitsche in der Hand und diese auch gegen die Frau erhoben. Dies sah der An- Se, lief hinzu und versetzte dem Jungen zwei ge Schläge, daß er mit dem Kopf gegen eine Mauer siel und beachtliche Schwellungen und Hautabschürfungen davontrug, sodaß er sich in ärztliche, Behandlung begeben mußte. Der Angeklagte behauptete, er habe seine Mutter schützen wollen. Diese Einlassung war nicht ernst zu nehmen, da die erst vierzigjährige Mutter des Angeklagten wahrhaftig imstande gewesen wäre, sich vor einem neunjährigen Jungen selbst zu schützen. Der Angeklagte, der im übrigen sich vor Gericht recht ungezogen aufführte, so daß ihm der Vorsitzende eine energische Rüge erteilen mußte, erhielt die im Strafbefehl bereits festgesetzte Geldstrafe von 4 0,00'RM.
Ebenfalls wegen Körperverletzung wurde der Einspruch des 20 Jahre alten G. S. aus Gießen, der einen Strafbefehl über 70,00 RM. erhalten hatte, verhandelt. Der Angeklagte stand im November vorigen Jahres mit einem Mädchen abends in dem sogenannten Essiggäßchen. Ein Gießener Handwerksmeister, der des Weges kam, wurde durch die beiden plötzlich vor ihm austauchenden -jungen Leute erschreckt und gab dies durch irgendwelche Bemerkungen auch zu verstehen. Der Angeklagte rief ihm daraufhin eine ungezogene Antwort zu, die den Zeugen veranlaßte, sich den jungen Mann etwas näher anzusehen. Es ent- wickelte sich die schönste Keilerei, in der der Zeuge Verletzungen davontrug. Der Angeklagte behauptete, er habe in Notwehr gehandelt, da der Zeuge ihn zuerst angegriffen und sogar mit einem Messer gestochen habe. Richtig ist, daß der Angeklagte eine Verletzung an der einen Hand davontrug, die aber darauf zurückzuführen ist, daß er beim Zuschlägen sich an einem nebenan befindlichen eisernen Gitter verletzte. Durch die einwandfreien Bekundungen deS Zeugen wurde der Angeklagte restlos überführt. Das Gericht ermäßigte in Anbetracht der Jugendlichkeit des Angeklagten und feiner bisherigen Ihr Vorbestraftheit Die Strafe auf 3 0,00 R M.
Schöffengericht Gießen.
Der A. W. aus Gießen hatte sich gestern wegen Unterschlagung und Untreue vor dem hiesigen Schöffengericht zu verantworten. Der Angeklagte hatte als Obmann einer Fachschaft Beiträge in Höhe von etwa 700 RM. nicht weitergeleitet, sondern sie für sich verbraucht. Er betrieb diese Mani- pulattonen fast ein ganzes Jahr, nämlich von Mitte 1936 bis Mitte 1937. Der Angeklagte, der restlos geständig war, behauptet, aus wirtschaftlicher Not gehandelt zu haben, da er mit feinem kleinen Einkommen die notwendigen Aufwendungen für sich und seine vierköpfige Familie nicht
habe aufbringen können. Das Urteil lautete wegen fortgesetzter Untreue in Tateinheit mit fortgesetzter Unterschlagung auf eine Gefängnis st rafe von zwei Monaten und 150 RM. Geld- {träfe.
Weiter stand der W. M. aus Büdingen wegen Beleidigung vor dem Schöffengericht. Der Angeklagte hatte einem Bekannten gegenüber herabsetzende Aeußerunaen über eine im öffentlichen Leben stehende Persönlichkeit aus Büdingen gemacht, die er angeblich von einem Wehrmachtsangehörigen gehört haben wollte. Don der Militärbehörde war daraufhin ein Disziplinarverfahren gegen diesen eingeleitet worden, bei dem sich herausstellte, daß er eine derartige Aeußerung niemals getan hatte. Der Angeklagte wurde daraufhin als der alleinige Urheber des unwahren Gerüchtes ermittelt. In der gestrigen Hauptverhand- 4ng war der Angeklagte geständig und bedauerte, die Aeußerung getan zu haben. Das Urteil lautete wegen Verleumdung auf 10 0 R M. Geldstrafe.
Die nächste Anklage gegen die M. Sch. aus Ober-Mörlen lautete auf Urkundenfälschung. Der Angeklagten, die Inhaberin eines Drefchmafchinen- unb Holzschneidewerkes ist, wurde zur Last gelegt, in den Jahren 1935 und 1936 in fünf Fällen in ihrem Postquittungsbuch Ausgabenposten, nachdem diese bereits durch den Postbeamten quittiert und mit dem Stempel versehen waren, durch Anhängung einer Null verzehnfacht zu haben. Die Angeklagte war geständig, sie behauptete zu ihrer Entschuldigung, diese Manipulationen deshalb vorgenommen zu haben, weil ihr Mann, den sie als Haustyrann bezeichnete, ständig in den Büchern berumgeschnüffelt und ihr Vorhaltungen gemacht yabe, daß sie zu wenig Geld an ihre laufenden Gläubiger bezahle. Als ein Gläubiger Zahlung verlangte, begab sich die Angeklagte mit ihrem Ehemann, da nach den Eintragungen im Postbuch der fragliche Betrag bereits beglichen sein mußte, auf das Postamt und reklamierte dort den Betrag. Daraufhin wurden von der Post Erhebungen an- gestellt, wodurch die Sache ans Licht kam. Die Angeklagte behauptete, auch diesen Schritt aus Angst vor ihrem Mann unternommen zu haben. Weiterhin hatte die Angeklagte, die mit der Zahlung der Krankengelder in Höhe von 42 RM. im Rückstand war, einen Anforderungszettel mit der Unterschrift der Ehefrau des für die Gemeinde Ober-Mörlen zuständigen Kassierers der Kasse versehen und die- sen einem Vollziehungsbeamten, der die Rückstände eintreiben sollte, als Quittung vorgelegt. Es stellte sich jedoch heraus, daß die Angeklagte mit dem örtlichen Kassierer und dessen Familie verfeindet war und in letzter Zeit alle Zahlungen unmittelbar an die Zentrale in Friedberg geleistet hatte. Die Angeklagte bestritt diese Fälschung, wurde jedoch durch die Beweisaufnahme und das ausführliche Gutachten eines Schriftsachverständigen überführt. Das Gericht hielt der Angeklagten weitgehendft ihre trostlosen Familienverhältnisse zugute, sowie auch ihre bisherige Unvorbestraftheit, und erkannte wegen fortgesetzter einfacher Urkundenfälschung, sowie einer weiteren schweren Urkundenfälschung in Tateinheit mit Betrug unter Zubilligung mildernder Umstände auf insgesamt fünf Wochen G e <- f ä n g n i s.
Jl$.-(9emein|d)aft „Kraft durch Ireude".
„Große KdF.-INiele", Gruppe II. (6565D
Samstag, den 9. Oktober, 20 Uhr, Lustspiel „Mein Sohn, der Herr Minister". Karten für diese Vorstellung zu 90 Pf. sind auf der Kreisdienststelle Gießen, Schanzenstrahe 18, erhältlich. Wir machen noch einmal darauf aufmerksam, daß noch Meldungen zu „KdF.-Mieten" angenommen werden.
HZ., Bann und Zungbann 116.
Theaterring.
Die Mitgliedskarten zum Theaterring, sowie die Eintrittskarten zur ersten Vorstellung am 18.d.M. sind gegen Zahlung von 0,80 RM. (0,20 RM. Eintrittsgebühr, 0,60 RM. Vorstellung) am Mittwoch, 13. Oktober nachmittags, auf der Ver- waltungsstelle des Bannes abzuholen. Es sind je- weils sämtliche Karten für jede Gefolgschaft bzw. jedes Fähnlein vom Geldverwalter zusammen abzuholen.
Verwaltungsstelle.
Vom 8. bis einschl. 12. d. M. ist die Verwaltungsstelle für jeden Geschäftsbetrieb geschlossen. Die Einberufungen für die Geldverwaltertagung sind von den Geldverwaltern in jeder Beziehung als verbindlich zu betrachten.
Stelle KS.
Am Sonntag, 10. Oktober, findet eine Abnahme im Geländesport für das HJ.-Leiftungsabzeichen statt. Antreten: 9.00 Uhr an der Dolksyalle. Teilnahmeberechtigt alle Jgg. des Bannes 116.
BOM.-Unteraau 116.
vetr.: VDM.-Leistungsabzeichen.
Am Samstag, 9. 10., 16 Uhr, ab Ludwigsplatz wird noch einmal das Zielwandern abgenommen.
Am Sonntag, 10. 10., 14 Uhr, ab Ludwigsplatz findet ein 25-km-Wandern statt, an dem alle Führerinnen, die an den beiden Schulungen in Gießen teilnehmen, sich pflichtmäßig beteiligen (auch wenn sie das LA. schon besitzen). Es ist dies letztes 25=km=9Banbern in diesem Herbst.
Ein K u r z s a n i k u r s für das LA. beginnt am Dienstag, 12.10., 20 Uhr in der Goetheschule. Ein großer Sanitätskurs beginnt Ende Oktober.
D i e Untergaufportmartin.
Gießener Konzertverein.
Der Gießener Konzertoerein erläßt jetzt seine Einladungen zum Abonnement 1937/38. Er bringt in diesem Konzertwinter vier Solistenkonzerte, vier Orchesterkonzerte und ein Chorkonzert. Im einzelnen sieht die Darbietungsfolge vor:
4. November Erstes Orchesterkonzert des städttfchen Orchesters im Stadttheater, Leitung Kapellmeister Walter; 13. November in der Neuen Aula Liederabend von Gertrude P i tz i n g e r ; 25. November Zweites Orchesterkonzert des städtischen Orchesters im Stadttheater, Leitung Prof. Temesvary; 9. Januar Klavierabend Claudia Ar rau in der Neuen Aula; 20. Januar Drittes Orchesterkonzert des städtischen Orchesters im Stadttheater, Leitung Kapellmeister Paul Walter; 6. Februar Diolin- abend in der Neuen Aula, Maria Neuß (Berlin); 27. Februar in der Neuen Aula Quartette di Roma; 13. März im Stadttheater Chorkonzert, Haydns „Die Jahreszeiten", der Akademische Gesangverein und das städtische Orchester, Leitung Prof. Temesvary; 7. April Viertes Orchesterkonzert des städtischen Orchesters im Stadttheater, Leitung Prof. Temesvary; Mai 1938 in der Neuen Aula Sonderkonzert Erna Sack.
Heute wieder Neitjagd.
Die nächste Reitjaad unserer Garnison findet am heutigen Freitag, 8. Okt., 14.50 Uhr beginnend, statt. Stelldichein: 300 Meter ostwärts Mtv.-Sportplatz (Anfang Nizza), Halali: Rindsmühle.
NeichSmütterdieust
im Deutschen Frouenwerk.
In die Hand der Mutter ist die Pflege und die Erziehung des Kindes gegeben. Wie steht es aber mit der Eignung zu diesem schönsten weiblichen Beruf? Auch hier fällt kein Meister vom Himmel, auch für diese Aufgabe, die im Dritten Reich als eine der wichtigsten gilt, muß die junge Frau, ja das junge Mädchen schon, sich gründlich vorbereiten. Wir können es uns nicht leisten, das wertvollste Volksgut, unsere Kinder, ungeschulten Frauen an» auüertrauen, oder sie als Versuchsobjekte ungeschickten Händen zu überlassen. Ebenso wichtig wie die körperliche Pflege, die Ernährung und die Klei
dung des Säuglings ist die Erziehung, die vom ersten Lebenslage ab mit Pünktlichkeit und gleich- bleibender Geduld durchgeführt werden muß.
Das alles vermittelt der Reichsmütterdienst in seinen abwechselungsreichen Lehrgängen. Die Kurse sind ausgerichtet nach den drei großen Hauptaufgaben der Frau und Mutter: Die Haushaltsführung mit Kochen und häuslicher Näharbeit, die Ge- sunderhaltung der Familie mit Säuglingspflege und allgemeiner Gesundheits- und häuslicher Krankenpflege, und die Erziehungslehre mit Spiel und Beschäftigung des Kleinkindes und mit Dolksbrauch- tum und Heimgestaltung.
Wie wertvoll und anregend die Lehrgänge sind, sehen wir aus den guten Erfolgen. Die Teilnehme
rinnen, dis einen Lehrgang besuchten, freuen sich schon auf den nächsten, denn durch die kameradschaftliche, gemeinsame Arbeit werden Kräfte geweckt, Freude und Lebensmut gestärkt, die dann lebendig weiterwirken zum Wohle der Familie, sowie der weiteren Volksgemeinschaft.
Hier in Gießen beginnt am 11. Oktober in der Sonnenstraße, Sanitätswache, ein Kranken- pflegekurs, an dem alle deutschen Frauen und Mädchen teilnehmen können. Der Kursus ist Montag und Donnerstag, von 20 bis 22 Uhr, und kostet 3 Reichsmark.
Ende Oktober beginnt ein Näh- und Flickkurs, auch zweimal wöchentlich. Anmeldungen bei den Ortsfrauenschaftsleiterinnen und in der Geschäftsstelle der Kreisfrauenschaft, Frankfurter Straße 1.
F. K.
Neugestaltung
von NontgenS Grabstätte.
Gegenwärtig ist man auf dem Alten Friedhof damit beschäftigt, die Grabstätte des bekannten Forschers und Entdeckers der Röntgen-Sttahlen Wilhelm Conrad Röntgen einer Neugestaltung zu unterziehen. Diese bezieht sich allerdings weniger auf die Grabstätte selbst, als auf deren unmittelbare Umgebung. Man entspricht damit einem Wunsche des verstorbenen Gelehr.^n, der testamentarisch festgelegt hatte, daß seine Crabstätte für alle Zeit in der gegenwärtig bestehende i schlichten Form erhalten bleiben soll. Um so mehr wendet man sich deshalb jetzt und im Einvernehmen mit Professor Zehner (Zürich), einem der letzten Schüler des Verstorbenen, der Verschönerung der Umgebung des Grabes zu. Hinter der Grabstätte ist ein lichter Hain im Entstehen begriffen, der aus verschiedenen edlen Bäumen angepflanzt wird. Einige Taxusbäume und schön gewachsene Blautannen stehen bereits, einige Birken sollen noch hinzukommen. Ferner ist vorgesehen, unmittelbar rechts neben dem Grabe einen Platz herzurichten, der für Besucher der Grabstätte des Gelehrten eine Möglichkeit zu beschaulichem Verweilen gibt. Ein freigewordener Platz wird mit Rosen, Berberitzen und Erika bepflanzt werden. Außerdem wird eine Bank zur Aufstellung gelangen, die sich der Umgebung gut einfügt. Da die Grabstätte nicht jedem auswärtigen Besucher nach ihrer Lage im Friedhof bekannt fein kann, wird voraussichtlich vom Friedhofseingang an der Kapelle eine Markierung den Weg zur Grabstätte weisen.
Aelteste Grabsteine aufgefunden.
Bei den Ausschachtungsarbeiten zur Schaffung der Transformatoren-Station am Alten Friedhof wurden auch einige alte Grabsteine zu Tage ge- bracht, die als die ältesten Grabsteine im Alten Friedhof bezeichnet werden dürfen. Den Steinen, drei an der Zahl, hat der Zahn der Zeit allerdings schon stark zugesetzt. Die Steine sind etwa 60 Zenti- meter hoch und zeigen sich in der Form des Kreu- zes. Auf dem ältesten der Steinfunde ist noch die Jahreszahl 1551 zu lesen, auf einem anderen dis Jahreszahl 1566. Der Alte Friedhof wurde, wie bekannt fein dürfte, im Jahre 1533 angelegt.
Abend der Werbefachleute.
Am Mittwoch hielt die Reichsfachschaft Deutscher Werbefachleute ihre Monatsversammlung ab. Rach Begrüßungsworten des Orts - Fachgruppenleiters Briola sprach Herr Schuster, der Werbefachmann unserer Stadt, in einem Lichtbildervorttag über Fremdenoerkehrswerbung. Er griff das Spezialgebiet der Werbung für eine Universität heraus und zeigte, wie man Studienaufklärung durch Wort und Bild vornehmen kann. Immer wieder stellte er bei den gezeigten Bildern das Werbeargument in den Vordergrund, und gab so manchem Kollegen Aufschluß, wie eine wirklich zugkräftige Werbung aufgebaut werden muß.
Nach Dankesworten an Herrn S ch u st e r kam der Ortsfachgruppenleiter auf geschäftliche ftafy schaftsanordnungen zu sprechen. Vor allem sollen berufswissenschaftliche Vorträge im Winterhalbjahr den Werbefachleuten Gelegenheit zur Weiterbildung geben. Auch wurden Vorschläge für die kommende Weihnachtswerbung besprochen. Nach reger Aussprache wurde die Versammlung in der üblichen Weise geschlossen.
MWWWMU!
Roman von Bernhard Lonzer.
Urheberrechtsfchutz:
Arthur Moewig, Romanvertrieb, Berlin SW 68.
36 Fortietzung (Nachdruck verboten.)
Der Wagen bog in die Pappelallee ein. Dunkel ragte am anderen Ende das Schloß auf. Stefan sah aus dem Wagenfenster. Noch hielt der Winter alles in weißen Armen gefangen, aber nur ein paar Wochen noch, dann wckr es Frühling. Alles brauchte den Frühling, Natur und Mensch, Mensch und Herz, Herz und Liebe. Bald ist es so weit! Bald wird der Frühlingssturm auch dein Herz aufrütteln, Annelore... Werde ich es sein, den es mit feinen Blütensternen überschütten wird ...?
Der Wagen hielt auf dem Schloßhof. Stefan sprang heraus. Mit raschen, federnden Schritten stieg er die Treppe hinauf. Während er Hut und Mantel ablegte, hörte er Stimmen aus dem Wohnzimmer kommen. Es ging ungewohnt lebhaft zu. Anscheinend war Besuch da. Suse vielleicht.
Es war in der Tat Suse Vollrath, wie er mit Erleichterung sah. Gleichgültiger Besuch wäre ihm heute sehr unerwünscht gewesen.
„Das ist ja reizend, Suse", begrüßte er die Kusine. „Sehr lobenswert von dem Herrn Gemahl, daß er dir Urlaub erteilt hat."
„Keine Spur. Den Urlaub habe ich mir selber genommen. Der ,Hertt hat heute nämlich seinen Klubabend. Und da ich sowieso mit Annelore zu sprechen habe, war ich so frei —"
„Recht so. Aber wenn ich dich so sehe, muß ich unwillkürlich wieder an den Frühling denken."
„Das ist eine ebenso schmeichelhafte wie merkwürdige Jdeenverbindung. Aber wieso wieder? Hast du schon mal daran gedacht? Du fängst ein bißchen früh damit an, finde ich. Oder —" — ihre Augen bekamen einen eigentümlichen Glanz — „hast du etwa besondere Ursache dazu?"
„Das kann ich nicht sagen. Jedenfalls habe ich unterwegs an den Frühling denken müssen. Uno jetzt muß ich es wieder. Du siehst heute tatsächlich aus wie ein richtiger kleiner Frühlingsvogel."
„Na, na! Seit wann reift Stefan von Achenbach denn in Schmeicheleien?"
„Seitdem er angefangen hat, Dummheiten zu machen, Kufinchen. Kann ja vorkommen, nicht wahr? Nun warte ich bloß darauf, daß du mich
auch geschmacklos nennst. Das ist mir nämlich schon mal passiert."
„Bitte, Herr von Achenbach, das habe ich nicht gesagt!"
Die Worte waren Annelore wider Willen entschlüpft. Mit glutüberhauchtem Gesicht sah sie da.
„Ach, sieh an ...!" wandte Suse sich chr zu. „Schrecklich diese Männer, nicht wahr? Man weiß nie, woran man mit ihnen ist. Meinen allerdings ausgenommen, den kenn' ich wie mich selber. Aber dieser junge Mann hier — ich bin ganz erstaunt. Was für eine Schmeichelei hat er dir denn ange- hängt?"
Annelore hatte ihre Verlegenheit notdürftig wieder überwunden.
„Ich weiß es nicht mehr. Es wird wohl nicht viel zu bedeuten gehabt haben. Schmeicheleien Haven nie etwas zu bedeuten. Höchstens das Gegenteil von dem, was der Schmeichler jagt."
„So ...!" richtete Suse sich auf. „Das ist ja nett von dir! Einen Frühlingsvogel hat Stefan mich genannt — das Gegenteil davon wäre so ungefähr eine Winterkrähe — danke für das Kompliment, Freundin Annelore!"
Damit löste sich die Situation in Heiterkeit auf. Stefan nahm Platz. Der Großvater war erkältet und schien leichtes Fieber zu haben, aber er war doch sichtlich guter Laune.
„Du bist recht zeitig wieder zurück", bemerkte er zu Stefan.
„Na ja, was soll man denn da noch herumsitzen. Ich hatte keine Lust, zu bleiben, und bin gleich nach der Aussprache wieder fortgefahren."
„Leider eben zu früh", sagte Suse. „Deine Anwesenheit ist heute nämlich recht wenig erwünscht."
Stefan lehnte sich zurück.
„Du warst immer sehr offenherzig, warum sollst du es heute nicht auch sein! Leider aber bin ich nun einmal da. Was willst du dagegen machen!"
„Na, es mag nun auch fein. Im großen und Sen sind wir ja «fertig mit unseren Plänen. Es
eit sich um die große Maskerade zum Presse- und Künstlerfest. Soll diesmal ganz große Sache werden."
„Wollt ihr euch daran beteiligen?"
„Versteht sich. Das ist — mit Rücksicht auf den guten Zweck — diesmal Ehrensache. Und wenn man schon mitmacht, dann auch richtig. Wäre nun beiläufig noch die Frage zu stellen, wie der junge Herr von Achenbach seinerseits über eine Beteiligung denkt. Er wird gebeten, sich darüber zu äußern. Oder wünscht er vierundzwanzig Stunden Bedenk
zeit? Wir würden nötigenfalls darüber mit uns reden lassen."
„Sehr gnädig. Aber ich werde es morgen ebenso wenig wisten wie heute, ob ich mich daran beteiligen werde. Ich finde nicht viel Geschmack daran, man hat sich von solchen Dingen eben entwöhnt."
Suse strich sich eine Locke aus der Stirn.
„Geschmack ober nicht! Wenn wir uns daran beteiligen, darfst du es getrost auch! Annelore wollte auch erst nicht, weil dein Großvater sich nicht wohl- fühlt. Aber er hat ihr zugeredet. Und du willst streiken? Kommt gar nicht in Frage, mein Söhnchen."
„Aber als Maske erscheine ich nicht."
„Ist auch nicht unbedingt notwendig. Auch der Frack ist selbstverständlich zugelassen. Da kostet es uns auch nicht so viel Mühe, dich herauszufinden. Um so mehr wirst du dich anftrengen müssen, uns ßu entdecken. Falls du Interesse daran hast. Aber ich mochte es dir empfehlen. Vielleicht entdeckst du bei dieser Gelegenheit wirklich einen Frühlingsvogel."
Stefan sah zur Seite.
„Wollen sehen. Aber vorläufig entdecke ich da eine Laute. Da habe ich wohl einen kleinen Musik- abend versäumt?"
„Ich bin als Störenfried dazwischengeschneit. Aber du könntest schon noch auf deine Kosten kommen, wenn Annelore sich bereitfinden würde, uns noch ein paar Lieder zu fingen. Magst du, Annelore?"
Annelore sträubte sich nicht lange. Es waren, dem Charakter des Instrumentes angepaht, nur einfache Lieder mit schlichten Melodien, die sie sang. Aber ihre Stimme war wieder so warm, so süß und schön wie an jenem Abend drüben im Musikzimmer am Flügel.
Stefan saß, ohne sich zu rühren. Den Kopf in die Hände gestützt, ließ er den dunkel-süßen Strom dieser warmen Mädchenstimme über sich hingehen. Annelore! Du singst mir den Frühling ins Herz, Annelore ...!
Als Annelore die Laute wieder zur Seite legte, erhob er sich plötzlich. Sein Gesicht war unbewegt, aber in seinen Augen stand ein fremder Glanz.
„Gestatten Sie?" sagte er und griff nach der Laute.
Wolfgang von Achenbach glaubte feinen Augen nicht trauen zu dürfen. Seit Jahren hatte Stefan kein Instrument mehr angerührt. Nicht den herrlichen Flügel, nicht die Laute, nicht die alte Orgel in der Kapelle, auf der er früher mit Vorliebe gespielt hatte. Auch Fräulein von Birkhammer machte große Augen. Es gingen merkwürdige Dinge vor auf Schloß Achenbach. Es war alles anders ge
worden. Die Zeit glitt einem unter den Händen fort. Man konnte nur staunen. Auch über sich selber. Man war selbst anders geworden in diesen kurzen Monaten, wenn man es auch nicht hatte glauben wollen und wenn man es auch nicht zeigen konnte und mochte. Irgend etwas war da in einem wach geworden, etwas Vergessenes ober nie Gekanntes. Man glaubte manchmal zu träumen, aber man sah es immer wieder: es war etwas tm Werden. Und man hatte teil daran, wenn man auch nur das Fräulein von Birkhammer war, die Hausdame, die ungeliebte einftige Erzieherin des jungen Herrn.
Und das alles durch das wehmütig-sonnige Menschenkind dort: durch Annelore Hildach. Man hatte manchmal geradezu das Bedürfnis, ihr das Gesicht und das dunkelblonde Haar zu streicheln. Oder das eigene welke Gesicht in ihre blühenden, lebenswar. men Hände zu legen, in die Hände, die so gut waren wie ihre Augen. Man war nur zu alt ge- worden, um noch den Mut dazu finden zu können. Man war zu ungeschickt dazu geworden, zu scheu, zu verschämt. Aber daß man überhaupt das Be- bürfnis danach haben konnte, das war schon wundervoll genug.
Stefan griff ein paar Akkorde, als ob er sich erst einfühlen müßte. Dann setzte er an. Er war nicht einmal erstaunt, daß er überhaupt noch fingen konnte, es war ja selbstverständlich, daß er jetzt fingen mußte!
Er sang ein paar Balladen. Zunächst eine ernste, etwas düstere. Dann noch ein paar heitere. Auch seine Baritonsttmme hatte einen warmen, dunklen Klang. Kraft und Weichheit strömten aus seinem Vortrag.
Suse hatte den Arm um Annelores Schulter gelegt. So horten sie ihm zu. Annelore saß da wie im Traum. So konnte Stefan singen! Er konnte sein Herz in seinen Gesang legen — also war sein Herz wirklich wieder wach geworden! Ihr eigenes Herz schlug dumpf. Ihre Augen brannten vor Glück.
„Das war ja wundervoll", lobte Suse. „Du müßtest dabei nur unten auf dem Schloßhof stehen, den flatternden Mantel um die Schultern gelegt, das Haar im Winde wehend, dann wäre der Barde fertig. Oder als Minnesänger vor dem flackernden Kaminfeuer, während die schönste der Frauen deinem Gesang lauscht. Kannst du dir das vorstellen?"
„Das könnte ich. Wenn es eine Frau gäbe, die sich von mir ins Herz singen lassen wollte"
Damit legte er die Laute wieder zur Seite.
I Fortsetzung folgt


