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Nr. 255 Erstes Matt

187. Jahrgang

Freitag, 8. Oktober 1057

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China und Gowjetrußland Großabnehmer amerikanischer Waffen. Cine iniereffanie Kundenliste der amerikanischen Rüstungsindustrie.

Theorie und Praxis.

Washington, 8.DEL (DJIB. Funkspruch.) Am Donnerstagabend wurden in Washington die G e - samtziffern der beträchtlichen amerif ani- schen Rüstungsausfuhr während der letzten zwei Jahre bekanntgegeben. Danach gewährte das Staatsdepartement insgesamt 8612 Ausfuhrlizenzen für Kriegsmaterialien im Gesamt­werte von 81 829 000 Dollar. Ls kauften Kriegs­material für 13 605 000 China als der g r ö h t e Kunde (meist Militärflugzeuge): 12 195 000 Soro- jetrutzland; 2 343 000 Japan; 7 462 000 Ar­gentinien, als größter südamerikanischer Käufer; 7 4 0 6 0 0 0 Spanien, als größter europäischer Käufer.

Präsident Roosevelt hat in Chikago eine Rede gehalten, in der sich die geistige und seelische Ver­fassung der Nordamerikaner mit der geschäftlich be­dingten Erwägung reiner Nützlichkeit mischt. Wir kennen diesen Tonfall gut aus der Zeit, in der Wilson vom höchsten Richterstuhl Werturteile über den Krieg in Europa fällte, die sowohl in der Voraussetzung wie in der Schlußfolgerung inzwi­schen durch Forschungen und Erkenntnisse in den Vereinigten Staaten selbst widerlegt worden sind. Wenn wir uns noch daran erinnern, mit welcher sittlicher Ueberheblichkeit Wilson den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu den Mittelmächten begründete, um dann später erfahren zu müssen, daß einer der tätigsten Einpeitscher für den Kriegs­eintritt der Herrscher Wallstreets, I. P. Morgan war, so können wir heute ruhig sagen, daß unser Gleichmut gegenüber solchen Dingen nicht mehr zu erschüttern ist.

So stellen wir denn auch fest, daß es im Sinne des Präsidenten Roosevelt gewiß sehr schön, sehr edel und sehr menschlich ist, gegen Anarchie und Krieg Zu kämpfen, daß es auch nützlich ist, dem ge­wissenlosen Angreifer schon die Hölle auf Erden an­zukündigen, daß es aber nicht gut ist, daß sich das eine wie das andere in W i d e r s p r ü ch e n auf­löst. Wenn nämlich der Präsident der Vereinigten Staaten ernst und feierlich mit der sittlichen Gewalt einer starken Persönlichkeit gegen Krieg und Kriegs­treiber, gegen Hetzer und Brunnenvergifter auftritt, so schadet es diesem Auftritt, wenn gleichzeitig be­kannt wird, daß industrielle Werke der Vereinig­ten Staaten dem gefährlich st en Hetzer und Br-unnenvergifter, dem Bolschewismus, Waffen liefern.

Auf den Präsidenten Roosevelt ist doch wohl in der Hauptsache das Gesetz zurückzuführen, daß den Vereinigten Staaten in künftigen Kriegen unbedingte Zurückhaltung auferlegt. Ob dies Gesetz schon damit zu begründen war, daß die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten sich schon seit Jahren da­von durchdrungen fühlt, daß durch die Teilnahme am Großen Kriege nichts im Sinne einer wirklichen Befriedung und einer aufrichtigen Völkergemein­schaft erzielt wurde, tut nichts zur Sache. Aber es ist klar, daß es für Kriegstreiber und Kriegshetzer einen Dämvfer bedeutet, daß die Vereiniaten Staa­ten entschlossen sind, in einem künftigen Kriege sich nicht wieder so zu verhalten wie 1914 bis 1918. Nun wissen wir weiter, daß die öffentliche Meinung in den"Vereinigten Staaten das bolschewistische Un­termenschentum sehr lange abgelehnt hat. Als vor wenigen Jahren die diplomatischen Beziehungen zwischen Washington und Moskau wieder ausge­nommen wurden, mußten sich die roten Machthaber im Kreml verpflichten, auf jede kommunistische Werbetätigkeit in den Staaten zu verzichten. Sehr herzlich sind die Beziehungen zwischen Washington und Moskau nie geworden, insbesondere in der Zeit, als die Komintern mittelbar oder unmittelbar die Streikwelle in Gang gebracht hatten Gewiß ist auch in Wafhington beobachtet worden, daß die diplomatische Tätigkeit Moskaus nicht dazu beige- traqen hat, die Welt zu befrieden, ganz abgesehen davon, daß es ja im Wesen des Bolschewismus liegt, alle Völker zu unterwühlen, die noch nicht kommunistisch verseucht sind. Jedes Mittel dazu ist -er Komintern recht. _ .. _.. ,

Stalin hat bei der Verkündung des zweiten Funs­jahresplanes wörtlich erklärt, der erste Funßahres- p'lan sei dazu bestimmt gewesen, für Raterußland Krieqswerkstätten zu schaffen, die mit Ar­beit zu versehen, die Ausgabe des zweiten Funf- jahresplans sein werde. Offenbar ist diese Aufgabe nur unvollkommen gelöst worden, denn Moskau hat immer wieder versucht, hier oder dort Auftrage auf Herstellung von Waffen aller Art unterzubringen. So ist das auch wiederholt m Den Vereinigten Staaten geschehen, zunächst ohne Erfolg, nun ist jedoch das Ziel erreicht, das nicht nur ge- ährlich ist für den Frieden und für die Gestttunu der Völker, sondern sich auch gar nicht mit dem deckt, was Präsident Roosevelt als Sinn und Wesen seiner Politik in Cbikago gedeutet hat. Moskau hat den industriellen Werken der Vereinigten Staaten nicht belanglose Dinge in Auftrag gegeben, nicht Kugelbüchsen oder Trommelrevolver, sondern für Millionen Dollars alles erhalten, um Schlachtschiffe von größtem Ausmaß und von beisvielloser Be­stückung zu bauen. Wenn Moskau sich m dieser

Weise aufrüsten kann, so wird seine Politik dazu übergehen, andere Völker durch Worte und Taten herauszufordern. Hatte Präsident Roosevelt etwa diese Politik Moskaus aufs Korn genommen, als er in Chikago Mahnungen und Warnungen formte, ohne ein Land oder eine Regierung zu nennen? D.S.

Amerika

und der Fernostkonflikt.

Scharfe Sprache gegen Japan,

Washington, 7. Okt. (DNB.) Amtlich wird mitgeteilt:Im Lichte der sich ausbreitenden Ent­wicklungen im Fernen Osten ist die Regierung der Vereinigten Staaten zur Schlußfolgerung gezwun­gen worden, daß die Aktion Japans in China u n - vereinbar ist mit den Grundsätzen, die die Be­ziehungen zwischen den Nationen beherrschen sollten, und daß sie ferner den Bestimmungen des Neun­mächtevertrages vom 6. Februar 1922 sowie denjenigen des Kellog-Briand-Paktes vom 27. Au­gust 1928 widerspricht. Daher befinden sich die Schlußfolgerungen der amerikanischen Regierung in Uebereinstimmung mit denjenigen der Völkerbundsversammlung."

In der Pressekonferenz betonte Staatssekretär Hüll, daß die Bemühungen des Völkerbundes um das Zustandekommen einer Neunmächtekon­ferenz formal auf diejenigen Unterzeichner des Neunmächtepaktes beschränkt seien, die Völkerbunds­mitglieder sind. Bisher hätten die Vereinigten Staa­ten keine Einladung zur Teilnahme an einer Neun­mächtekonferenz erhalten. Hüll ließ jedoch keinen Zweifel darüber, daß die amerikanische Regierung annehmen werde, sobald eine Einladung ein­gehe.

Das Echo in Tokio.

Absage an den Neun-Mächte-Pakt?

T o k i o , 8. Okt. (DNB. Funkspruch.) Der Sprecher des Auswärtigen Amtes kündigte eine Erklärung der japanischen Regierung zur Stellungnahme der

Vereinigten Staaten zum japanisch-chinesischen Kon­flikt an. Im Mittelpunkt dieser japanischen Erklä­rung werde die Zurückweisung der ameri­kanischen Anschuldigung, daß Japan den Neunmächtepakt verletzt habe, stehen. Ja­pan werde auch zu der Anregung einer Konfe­renz aller Unterzeichner des Neunmächtepaktes Stellung nehmen. Ein Rückzug Japans vom Neun­mächtepakt wird in politischen Kreisen nicht für aus­geschlossen gehalten.

Warnungen an Roosevelt.

N e u y o r k, 7. Okt. DieNew Port Times" stellt fest, daß der Präsident aus der amerikani­schen Neutralitätspolitik einen toten Buchstaben ge­macht und einen neuen Kurs aktiver Ein­mischung in die internationale Politik einge­schlagen habe. Dieser neue Kurs habe im Lande zum Teil erheblichen Widerspruch hervor­gerufen; so hätten sechs führende Frie­densverbände gegen die Roosevelt-Rede protestiert und den Präsidenten beschuldigt, daß er das amerikanische Volk auf die Straße zu­rückdränge, die zum Weltkrieg geführt habe. Roose­velt habe nur dem Teil der öffentlichen Meinung stattgegeben, der für Aufgabe der Isolationspolitik sei. So verurteilt der frühere Staatssekretär S t i m - s o n in einem offenen Brief die bisherige ameri­kanische Neutralitätspolitik und schlägt eine gemein­same Aktion mit England zur Unterbindung der Ausfuhr von Kriegsmaterial nach Japan vor. Auch in der Frage eines Boykotts japanischer Erzeugnisse stehen sich die Meinungen in den Vereinigten Staaten scharf gegenüber. Während der amerikanische Gewerkschaftsverband auf einer Tagung in Denver-Colorado für einen Boy­kott eintrat, beantwortete die amerikanische Strumpfindustrie diese Aufforderung mit einem Aufruf an die amerikanischen Frauen, in dem darauf hingewiefen wird, daß es dann keine Seiden st rümpfe mehr geben würde, da diese beinahe ausschließlich aus japanischer Seide hergestellt würden. Außerdem würde ein Boykott etwa 100 000 Arbeiter der Strumpsindustrie brot­los machen.

England und die deuffche Kolonialforderung.

Ein unbrauchbarer Vorschlag.

London, 7. Okt. (DNB.) In einer Zuschrift an dieTimes" setzen sich der diplomatische Korre­spondent derNews Chronicle" Vernon Bärt­le t t, der englische Wissenschaftler Gilbert Mur­ray, Noel Buxton und der Direktor des Insti­tuts für internationale Angelegenheiten Professor Arnold I, Toynbee mit dem deutschen Kolo­nialanspruch auseinander. Die Verfasser der Zuschrift behaupten, daß die Kolonialfrage nur unter Beachtung' gewisser Bedingungen zu lösen sei. Die erste Bedingung sei die, daß die Ein­geborenen der sich nicht selbst regierenden Ge­biete, sowohl der Mandats- wie der Nichtmandats­gebiete,nicht für die Verbesserung der Beziehungen europäischer Mächte untereinander geopfert" wer­den dürften. Die zweite Bedingung sei, daß die europäischen Mächte sowohl in der Ver­waltung der sich nicht selbst regierenden Gebiete wie auch in bezug aus den Zugang zu Märkten und Rohstoffquellen dieser Gebiete auf eine gleich­berechtigte Stufe miteinander gestellt wer­den müßten. Das erfordere offensichtlich eine R e - vision des Kolonialkapitels des Ver­sailler Vertrages.

Beide Bedingungen könnten nur erfüllt werden, wenn die europäischen Mächte in drei Punkten übereinstimmten. Der erste sei, daß wenigstens einige der früheren Kolonien unter Beibe­haltung des Mandatssystems an Deutschland zurück gegeben werden müß­ten. Gleichzeitig sollten die europäischen Mächte, die Kronkolonien besäßen, sich bereiterklären, wenigstens einen entsprechenden Teil die­ser Kronkolonien demselben Mandats­system zu unter st ellen. Dann werde Deutsch­land wohl nicht das Gefühl haben, die einzige Macht zu sein, von der man fordere, unter dem Mandatssystem Kolonialgebiete zu verwalten, in denen es früher uneingeschränkte Souveränitäts­rechte besessen hat. Drittens sollten alle sich nicht selbstregierenden Gebiete für den Handel aller Nationen unter gleichen Bedingungen geöffnet werden, wie die Mandatsgebiete heute und die früheren britischen Kronkolonien und Protektorate einst.

Der konservative Abgeordnete A m e r y , ehemals Erster Lord der Admiralität, wendet sich in einer Zuschrift an dieTimes" gegen diese vermit­telnde Stellungnahme Vernon Bartletts. Amery behauptet, daß die Eingeborenen sich unter britischer Herrschaft wohler fühlten. Auch die häu­fig genug angewandte Methode, militärische Einwände zu erheben, wird wieder hier vorge­kramt, indem er eine Gefährdung des ganzen Em- pire-Derteidigunassnstems an die Wand malt. Schließlich meint Amery, vor der Illusion warnen

zu sollen, daß eine Formel gefunden werden könne, durch die Englands Verantwortung gegenüber den Eingeborenen und der Freiheit des Handels Ge­nüge getan und gleichzeitig der deutschen Forde­rung entsprochen werde.

Wenn hier einige bekannte Persönlichkeiten in England den an sich anerkennenswerten Versuch gemacht haben, durch die Fixierung präziser Vor­schläge mit positivem Inhalt eine Möglichkeit zur Lösung des Kolonialproblems aufzuzeigen, so ist nicht zu leugnen, daß ihr Vorschlag weitergehend ist als alles, was uns bisher von der anderen Seite des Kanals offeriert wurde. Wir sehen sedenfalls, daß hier einige Männer den ehrlichen Versuch machen, unseren Wünschen entgegenzukommen. Nur ist es uns leider nicht möglich, auf den Boden ihrer Anregungen zu treten, eben weil sie völlig übersehen haben, daß das Gesetz der Gleich­berechtigung jede Einengung von Besitzrechten nicht verträgt. 'Wir können uns nicht auf die Bahnen einer Kompromißpolitik begeben, an deren Ende die bedingte Abtretung von kolonialen Ge­bieten steht. Denn was sie zugestehen wollen, ist die Uebereignung von Kolonien in Mandats- form, wodurch uns das freie Verfügungsrecht ge­nommen wird, wohl aber eine fremde Kontrolle der Mandatsgebiete aufrechterhalten bleibt. So stellen wir uns jedenfalls eine Lösung des Kolonial- vroblems nicht vor. Eine gleiche oder ähnliche Lösung würden unzweifelhaft die Besitzenden, romn sie sich in unserer Lage befänden, auch als Zu­mutung empfinden und ablehnen. Auf diese Weise kommen wir also nicht vorwärts. Was von Vor­schlägen ganz allgemein gilt, gilt insbesondere auch für diejenigen, die sich auf das Kolonialproblem beziehen: sie müssen so beschaffen fein, daß sie für den anderen in jeder Beziehung tragbar sind. Hier bleibt aber unausaesprochen das erhalten, was in der Kolonialschuldlüge steckt. Will man uns nur bedingt Kolonien geben, ohne uns ein Besitz­recht zuzugestehen, dann kommt damit eine gute Portion Mißtrauen zum Ausdruck, dann wird da­mit festgestellt, daß man Deutschland beobachten und kontrollieren müsse. Dann wird eben die in den Versailler Vertrag hineingemauerte Be­hauptung verewigt, wir seien unfähig, kolonisato­rische Leistungen zu vollbringen. Infolgedessen müsse man uns an die Leine legen und zum ManDats- syftem greifen, um uns sobald es den anderen ge­fällt, wieder an die frische Lust setzen zu können.

Für eine freundschaftliche Regelung.

London, 7. Okt. (DNB.) Vom nationalistischen Parteikongreß von Transvaal wurde mit großer Mehrheit'eine Entschließung angenommen, in der

die südafrikanische Regierung aufgefordert wird, ohne Aufschub die Aufmerksamkeit des Völkerbundes auf die Frage der euro­päischen Besitzungen in Afrika zu lenken, um Besprechungen mit Deutschland und Italien mit dem Ziel einer befriedigenden Lösung der Kolonialfrage herbeizuführen. Mehrere Redner erklärten, daß die Frage der früheren deutschen Ko­lonien eine dunkle Wolke am internatio­nalen Horizont sei. Man müsse eine freund­schaftliche Regelung finden. Zwei Redner forderten die Rückgabe von Südwestafrika an Deutschland.

Ersparnisse und Vorgriffe.

Ihn Dr. Carl Wellthor

Reichsbankpräsident Dr. Schacht hat am 29. Sep­tember in seiner Rede auf dem Essener Sparkassen­tag dem Spartrieb des deutschen Volkes ein recht gutes Zeugnis ausgestellt. Er rief feinen Hörern ins Gedächtnis zurück, daß er die Politik der un­bedingten Währungsordnung im ausdrücklichen Einverständnis mit dem Führer und Reichskanzler begonnen habe. Er hat auch eine materielle und eine moralische Rechtfertigung hinzugefügt: Es kann ohne Sorge von allen Sparwilligen gespart werden, da das Reich denjenigen, die ihm ihre Spargroschen zur Verfügung stellen, als Gegenlei­stung völlige Sicherheit gewährleistet und es ablehnt, die Menge der umlaufenden Zahlungs­mittel über den unmittelbaren Bedarf hinaus zu vermehren. In den acht Jahren von 1929 bis 1937 hat sich die Menge der in Deutsch­land umlaufenden Zahlungsmittel nur um 10 v. H. erhöht; in den Vereinigten Staaten von Amerika machte die Steigerung etwa 42 v. H. aus; in Eng­land und Frankreich lag die Vermehrung der Zah­lungsmittel in der Mitte. Nimmt man den Um­fang der Produktion und der Warenbewegung in den beiden Jahren als Richtschnur, so muß man feststellen, daß sich die Zahlungsmittel in lang­samerem Tempo vermehrt haben als das Wirt­schaftsvolumen sich vergrößert hat. Dies Urteil wird durch das geringfügige Ansteigen des Großhandels­und des Lebenshaltungsindex bestätigt.

Es gibt Deutsche, die es als einen Mangel emp­finden, daß die Gewinne aus der Ab­wicklung des Vierjahresplans nicht restlos für Reich und Volk erfaßt worden find. Wären solche Uebergewinne weggesteuert worden, so hätte das Reich die Möglichkeit gehabt, sich an den Neuanlagen und den Werkserweiterungen, die im Verfolg des Vierjahresvlanes notwendig waren, maßgebend zu beteiligen. Dadurch hätte sich in der deutschen Produktion der st a a t s w i r 1 s ch a f t- liche Einschlag erheblich vergrößert. Solange aber der deutsche Nationalsozialismus der Ueber- zeugung ist, daß der private Charakter der Wirtschaft gewahrt bleiben muß, wäre es Mangel an Folgerichtigkeit gewesen, eine Steuervolitik zu treiben, die den Staat in wachsendem Maße zum stillen Teilhaber der Privatwirtschaft gemacht hätte. Aus der stillen Teilhaberschaft wäre bald eine ak­tive Beteiligung geworden und na* kurzem hätte sich der Charakter der Wirtschaft grundlegend ge­wandelt. In den Reden, die Ministerpräsident Gö­ring und nach ihm der Führer selbst auf der Son­dertagung der Deutschen Arbeitsfront während des letzten Nürnberger Parteitages gehalten haben, er­gibt sich klar, daß die Frage des Wirtschaftsregi­mes eine reine Zweckmäßigkeitsfrage ist. Dach stehen die Dinge so, daß nach wie vor die von selbstveranfmortlichen Privatunter­nehmen geleitete Wirtschaft als die beste Form anerkannt ist. Werden den privatwirtschaftlichen Unternehmern jene Uebergewinne überlassen, die für den Ausbau bestehender und für die Errichtung neuer Anlagen verwendet werden' sollen, so 'ft nicht weniger Gewähr dafür geboten, daß solche Mittel iroerfnnH verwandt werden, als wenn der Staat diese Beträge für sich erfaßte. Was volkswirtschaft­lich unerträglich wäre, ist die Ueberlassuna solcher Uebergewinne zum Verzehr. So erwünscht eine Besserung des Lebensstandards in unterem Volke wäre, so unmöglich ist es, den inneren Aufbau und die deutsche Wettbewerbsfähigkeit auf dem Welt­markt mit solchen Produktionsverteuerungen va be­lasten. Der Führer hat in feiner Nürnberger Pro­klamation von derverpflichteten Volks­wirtschaft" gesvrochen. Daher ist ein Ausweichen der privatwirtschaftlichen Unternehmer gegenüber ihrer Pflicht zur zweckvollen Verwendung ihrer Uebergewinne ausgeschlossen.

Zur Zeit als die Wirtschaft als gleichberechtigter Faktor neben dem Staat angesehen wurde heute ist sie in die Rolle der Dienerin an Staat und Volk verwiesen, wurde gesagt, daß Produktionser­träge in den Händen der Wirtschaft besser aufge­hoben seien als in denen des Staates, der diese Ertragsteile doch nur für Konfumzwecke verwende und damit volkswirtschaftlich vergeude. Heute sehen wir die Dinge wesentlich anders an, und zwar weil sich der deutsche Staat von Grund auf geändert hat. Es gibt keine Parteien und organisierten Jnter- effentengruppen mehr, die auf dem Wege über das Parlament eine Verwendung von öffentlichen Mit­teln für selbstsüchtige Zwecke kleiner Gruppen durch­setzen könnten. Allerdings hat sich bei uns auch die Auffassung gewandelt, wasVerschwendung" ift und was zukunftsträchtiger ..Aufbau" In der Zeit überspitzt privatkapitalistischer Auffassung wurde vielfach nur eine solche Aufwendung als wirtschaftlich" anerkannt, die am nächsten Jahres­ende Zinsen lieferte. Wo das nicht möglich war, wurde allen Ernstes erwogen, ob man nicht auf das betreffende Mirtschaftsvorhaben verzichten, das Kapital und die Betriebskosten sparen und die da-