Linser täglich Brot.
Von Professor Dr. Bürker, Direktor des physiologischen Instituts der Universität Gießen.
Schluß*.
Große Kochkunst ist auch politischen Zwecken dienstbar gemacht worden, besonders in Frankreich. Friedrich der Große hatte einen Koch Noel, den Saucenkünstler, einen einflußreichen Mann, und berühmt geworden sind die Köche des Wiener Kongresses Careme und Montmireil, die Talleyrand aus Paris mitgebracht hatte. Der Dierjahresplan, auch eine politische Angelegenheit, verlangt eine möglichst rationelle Ausnutzung des Getreides bei seiner Zubereitung als Nahrungsmittel, welchem Zweck in Berlin besondere Institute für Mahltechnik und für Bäckerei dienen. Man sieht, wie im Grund der Wirkungsraum der Küche sich mächtig erweitert.
Das in der Küche mit Verständnis, Kunst und nicht zuletzt mit Liebe zu den Tischgenossen zubereitete Mahl muß so dargeboten werden, daß das E s s e n ein 3 e ft wird. Das ist nicht etwa eine Redensort, sondern physiologisch wohl zu begründen. Wissenschaftliche Untersuchungen der letzten Jahrzehnte haben nämlich gezeigt, daß es ein besonderes Nervensystem gibt, das die bei der Chemie und Mechanik der Verdauung tätigen Organe beeinflußt, und zwar gehen von diesem Nervensystem sowohl fördernde wie hemmende Einwirkungen auf die Sekretionen, die Durchblutung und die Bewegungen der Verdauungsorgane aus. So kann eine möglichst zweckmäßige Ausnutzung der Nahrung erzielt werden. Dieses sog. vegetative Nervensystem bat auch noch ein Zentrum im Gehirn unter den Sehhügeln, dorthin können psychische Einflüsse gelangen und zu den Verdauungsorganen hingeleitet werden. Die Berechtigung des Ausspruchs „Der Aerger ist mir ins Gedärm gefahren", läßt sich deshalb physiologisch leicht dartun. Gibt man einer Katze eine Kontrastmahlzeit, die für Röntgenstrahlen undurchlässig ist, so kann man nach einiger Zeit bei dem gemütlich schnurrenden Tier die Bewegung des Darms vor dem Röntgenschirm beobachten. Hält man der so gut verdauenden Katze einen Hund vor, so kann man feststellen, wie es nach kurzer Zeit zu einem Stillstand der Darmbewegung kommt. In Wahrheit ist bei der Erregung der Katze ein Hormon der Nebenniere, das Adrenalin, auf nervösen Reiz hin ins Blut gefah- ren, bat von dort aus auf die Hemmunqsnerven des Darms gewirkt und diesen so zum Stillstand gebracht. Es ist kein Zweifel, daß beim Menschen die Verhältnisse ähnlich liegen. Unangenehme Eindrücke sind also beim Essen zu vermeiden, das Essen soll in der Tat ein Fest fein.
Dazu trägt bei, wenn der Tisch nett g e - deckt und mit Blumen geschmückt ist und wenn der Mann es vermeidet, seinen Berufsärger gerade bei Tisch auszukramen oder die Erziehung seiner Kinder bei Tisch zu betreiben. Was die Kinder anlangt, so sollten sie zum Essen nicht zu sehr gezwungen werden, ihre Weigerung hat meist einen Grund, wenn von Unarten abgesehen wird.
* Teil I in Nr. 188 vom 14. August; Teil II in Nr. 191 vom 18. August: Teil III in Nr. 194 vom 21. August; Teil IV in Nr. 208 vom 7. September.
Förderlich ist auch, liebe Gäste bei Tisch zu haben, denn
„Du hall das nicht, was andre haben, Und andern mangeln deine Gaben;
Aus dieser Unvollkommenheit Entspringet die Geselligkeit."
Der schon erwähnte Philosoph Kant liebt es besonders, die Freuden der Tafel mit andern zu teilen; er, der schon um fünf Uhr aufstand und mit der Arbeit begann, pflegte das Mittagsmahl, auf das er sich im wesentlichen beschränkte, von ein bis vier Uhr auszudehnen und mit weisen Gesprächen zu würzen. Jedenfalls sollte man sich zum Essen Zeit lassen und es nicht, womöglich stehenden Fußes, hinunterschlingen, um sich dann wieder auf die Arbeit stürzen zu können.
Zu einem „Fest" gehört aber auch, daß der Feiernde sich entsprechend herrichtet und nicht mit der Zipfelmütze zum Essen erscheint. Es gibt eine Essenskultur, die man pflegen sollte und die uns der in Gießen nicht unbekannte Professor Dr. Carl Vogt seinerzeit dadurch zu vermitteln suchte, daß er das berühmteste Buch auf diesem Gebiet, das von Brillat-Savarin „Physiologie du goüt“ ins Deutsche übertrug. In dieser Physiologie des Geschmacks äußert sich Vogt auf Seite 7 folgendermaßen über das Buch: Dieser Ton leiser Ironie, die sich hinter schalkhafter Gutmütigkeit verbirgt, diese feinen Wendungen, die nirgends verletzen und überall das Richtige treffen, diese Freude am Leben, am Genüsse, welche durch die pflichtgetreue Arbeit und die ernste Leistung erhöht und getragen wird, diese Mäßigung in allem Guten und Schönen, welche den Exceß des Genusses verabscheut und den Gleichmut einer heiteren Lebensansicht in alle Verhältnisse überträgt, und dabei die reizende Anmuch der Sprache wählt — wenn Hoffmann, der bekannte französische Feinschmecker und Literat, das Buch ein Göttliches nennt, so hat er wahrlich nicht Unrecht! —
In einem Anhang wird auch über Liebigs Fleischextrakt, seine künstliche Milch, seine Suppe für Kranke, seine Verbesserung des Roggenbrotes und der Kaffeebereitung berichtet, Liebig beschäftigte sich häufig mit den Mysterien der Küche. Wer also auf diesem Gebiet der Essenskultur sich unterrichten will, wird gut tun, dieses auch noch in andern Beziehungen außerordentliche Buch zu lesen.
Und endlich solldasGenossenesichphyso- logisch günstig auswirken können.
„Nach dem Esten sollst du stehn oder tausend Schritte gehn!"
Das Schlafbedürfnis, das sich nach dem Esten einzustellen pflegt, hat Kant mit allen Mitteln zu bekämpfen gesucht und auch Brillat-Savarin empfiehlt, der Ruhe sitzend zu genießen und niemals bei Tag zu schlafen; doch hat dies wohl jeder mit sich selbst und sein-r Konstitution abzumachen. Soviel ist sicher: „Wenn ihr gegessen und getrunken habt, seid ihr wie neu geboren; seid stärker, mutiger, geschickter zu eurem Geschäft" und das ist ja schließlich der Sinn des täglichen Brots.
Regierungsrat mit Wirkung vom 1. August 1937 ernannt.
** Arbeitsjubiläum städtischer G e - folgschaftsmitglieder. Die Pressestelle der Stadt teilt uns mit: In den nächsten Tagen können die Gefolgschaftsmitglieder des städtischen Gas- und Wasserwerks Werkmeister August Rinn und Ofenbausarbeiter E. Euler auf eine 35- bzw. 30jährige Dienstzeit zurückblicken. Werkmeister Rinn ist am 8. dieses Monats 35 Jahre und Ofenhausarbeiter Euler am 16. dieses Monats 30 Jahre im Dienste der Stadt tätig. Der Herr Oberbürgermeister hat die beiden Arbeitsjubilare durch ein besonderes Glückwunschschreiben geehrt.
Große Strafkammer Gießen.
Die Angeklagten H. Sch. aus Lügte (Wests.) und W. H. aus Salzböden waren vorn Schöffengericht Gießen am 2. Dezember 1936 zu Gefängnis- strafen von 5 Monaten b z w. 1 Monat wegen fahrlässiger Tötuna verurteilt worden. Gegen dieses Urteil hatten die Angeklagten und die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt.
Die gestrige Berufungsveryandlung vor der Gro
ßen Strafkammer ergab, daß der Angeklagte Sch. am Abend des 5. April 1936 vollkommen übermüdet von Braunfels aus eine Möbeltransportfahrt nach Bad Pyrmont angetreten hatte. Der Angeklagte war als Fahrer vorher zwei Tage und zwei Nächte dauernd unterwegs gewesen und hatte fast nicht geschlafen. Sch. führ mit drei weiteren Begleitern im Möbeltransportauto über Wetzlar und Gießen, dann weiter in Richtung Kassel. Am Badenburger Wäldchen, kurz vor Lollar, stellte er den Möbeltransportlastwagen, gegen 23 Uhr, an die rechte Straßenseite, angeblich, weil einer der Mitfahrer austreten wollte. In der fraglichen Nacht war heller Mondschein, der Wagen kam aber durch den Wald an der rechten Straßenseite in den Schatten der Bäume zu stehen. Der Angeklagte blieb hier in der Dunkelheit über eine halbe Stunde lang stehen. Er behauptete, daß das Handlicht und das Schlußlicht des Wagens gebrannt hätten. Demgegenüber haben aber eine Reihe von Zeugen, die während des Haltens des Lastkraftwagens in beiden Richtungen vorbeigefahren sind, angegeben, daß der Wagen vollkommen unbeleuchtet gewesen war. Eine Zeugin habe sogar gesehen, daß die Leute im
ten) im Umkreise von 75 Kilometer um Gießen, und zwar a) an den beiden Messe-Sonntagen mit tarifmäßiger Geltungsdauer; b) am Mittwoch, 15. September, mit Geltungsdauer vom Mittwoch 0 Uhr bis Donnerstag 3 Uhr (Ende der Rückfahrt).
Alte Gießener Artilleristen fahren durch Oberhesten.
Die Artilleristenkameradschaft 1895 Gießen, veranstaltete am vergangenen Sonntag mit zwei großen Omnibussen und mehreren Drivatwaaen eine schön gelungene Fahrt nach Glauberg—Büdingen— Strandbad Hillersbach. Kamerad Dr. Michel hatte die Führung übernommen, und er verstand es in feiner Weise, die Fahrt für alle Teilnehmer zu einem nachhaltigen Erlebnis werden zu lassen.
Nachdem auf der Hinfahrt in dem reizend gelegenen Bad Salzhausen kurze Rast gemacht worden war, rollten die Wagen durch herrliche Wälder und schmucke Täler dem Glauberg entgegen. Kamerad Dr. Michel, der selbst an den Ausgrabungen teilgenommen hat, zeigte hier mit feinem Verständnis, welches nur die Heimatliebe eingibt, wie Steine und Scherben und Erdschichten reden können von dem Werden und der Geschichte unseres Volkes. Die in ihrer Art mächtige Anlage aus der grauen Vorzeit mit ihren Rätseln und ihren Deutungen schlug eine gute Stunde alle Besucher in ihren Bann.
Dann ging die Fahrt weiter nach dem schönen altertümlichen Büdingen. Dort wurde Mittagsrast gehalten, und neu gestärkt und erfrischt besichtigten dann die alten Soldaten mit ihren Familien auf einem interessanten Rundgang die erstaunlich gut erhaltenen Befestigungsanlagen und sehenswerten Bauten der Stadt, die Kunde geben von der Kultur und dem Können aus Jahrhunderten vor uns. Einen prachtvollen Ueberblick über Stadt und Umgebung bot der „Wilde Stein", mächtige Basaltblöcke, die vor Jahrtausenden ein Vulkan emporgeschleudert hat, indem er mit riesiger Gewalt den Sandstein durchbrach, sich einen „Schlot" schuf. Nur schwer konnte man sich trennen von dem Städtchen, obwohl noch ein herrliches Fleckchen Erde zu besuchen war.
Weiter ging die Fahrt durch Bad Selters, Ortenberg, Lißbera, und auf einmal tauchte mitten im schönsten Waldtal im Sonnenlicht Strandbad Hillersbach auf. Noch ein paar Stürmen der Freude und der Erholung und — heim gings nach Gießen nach einer Fahrt durch schönes deutsches Land und durch deutsche Geschichte.
Altersvereinigung 4869—4919.
Einen wohlgelungenen Familien-Ausflug nach Bad-Nauheim unternahm am ©onntagnadjmittag, vom schönsten Wetter begünstigt, die Altersvereinigung 1869—1919 mit rund 50 Teilnehmern. Gleich nach der Ankunft fand eine eingehende Besichtigung der unterirdischen Anlagen des Bades unter der Führung eines technischen Beamten statt, den die Badeoerwaltung, dank der Bemühung des rührigen Vorsitzenden, Photographenmeister Zimmer, in zuvorkommender Weise der Vereinigung zur Verfügung gestellt hatte. In gemeinverstänolicher Weise gelang es dem Beamten, den Teilnehmern die großartige Anlage, die Zusammensetzung der verschiedenen Badearten, die Einrichtung der einzelnen Badezellen, die Wäscherei usw. zu erläutern, um dann am Schlüsse an Hand mehrerer Modelle nochmals die Gesamtanlage des Bades zu zeigen. Mit gespanntem Interesse verfolgten die dankbaren Teilnehmer die über eine Stunde währende Besichtigung und die klaren Ausführungen des Leiters. Nach der Besichtigung erging man sich in dem herrlichen Kurpark und den im prächtigsten Blütenschmuck prangenden Anlagen, um sodann auf der Terrasse des Teichhauses, angesichts des von Schwänen, Enten und zahlreichen Ruderbooten belebten Teiches, gemeinschaftlich den Kaffee einzunehmen. Nachdem noch ein Teil dem auf halber Höhe des Johannisberges vor einigen Jahren großangelegten stimmungsvollen Gefallenendenkmal, von dessen Plattform sich ein prachtvoller Ausblick über die Stadt und die gesegneten Fluren der Wetterau erschließt, einen Besuch abgestattet hatte, brachte am Abend das Dampfroß die Teilnehmerschar, hochbefriedigt von all dem Erlebten und Geschauten, der Heimat wieder zu.
**ZumRegierungsraternannt. Regie- rungsasiessor Eberhard Fuhr, der seit dem 1.Juli 1937 bei dem Kreisamt in Gießen tätig ist, wurde mit Urkunde des Führers am 27. August 1937 zum
MüWWMU!
Vornan von Bernhard Lonzer.
Urheberrechtsschutz:
Arthur Moewig, Romanvertrieb, Berlin SW 68.
10 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Auf dem langen Gang, in der Nähe der steinernen Treppe, stand wie ein lautloser Schatten eine dunkelgekleidete weibliche Gestalt: Fräulein v. Birkhammer. Ein wenig vornübergebeugt, die Hände ineinander verschränkt, sah sie den beiden entgegen. Jetzt schien sie Annelore zu erkennen. Sie lächelte leicht. Ein bißchen hoheitsooll, ein bißchen konventionell liebenswürdig und ein bißchen mißbilligend zugleich. Ader das Mißbilligende schien die Oberherrschaft zu haben. Zu so später Stunde noch Besuch zu machen! Wie konnte man nur! Frau Vollrath hatte als Verwandte zwar ein Recht dazu. Aber diese fast fremde Person, die das Schloß noch nie betreten hatte, um diese Zeit noch mitzuschlep- pen, das war doch allerhand. So etwas konnte sich ja auch nur Suse Vollrath leisten! Was mochte der Besuch übrigens zu bedeuten haben?
„Ein bißchen spät, Fräulein von Birkhammer, nicht wahr?" sagte Suse unbekümmert. „Aber Onkel Wolfgang wird hoffentlich ein Auge zudrücken."
Wieder lächelte Fräulein v. Birkhammer. Diesmal ein wenig freundlicher.
„Herr von Achenbach ist im Wohnzimmer."
Sie wollte die Damen führen. Aber Suse lehnte mit einer Handbewegung ab.
„Danke. Lassen Sie sich durch uns nicht stören." Fräulein v. Birkhammer fühlte, daß ihre Gegenwart unerwünscht war. Mit hochgezogenen Augenbrauen sah sie den beiden nach.
Die Freundinnen wollten eben ablegen, als eine Tür geöffnet wurde. Wolfgang v. Achenbach erschien auf der Schwelle. Er griff nach dem Lichtschalter. Der nur schwach erleuchtete mächtige Kor- ridor füllte sich plötzlich mit strahlender Helle.
Mit einem raschen, prüfenden Blick umfaßte Wolfgang v. Achenbach Annelores Gestalt. Er war sichtlich überrascht von ihrer Erscheinung. Das schlichte, knappsitzende schwarze Kostüm brachte
ihren prachtvollen Wuchs voll zur Geltung. Und die ihr vielleicht ganz unbewußte Haltung! Die kraftvollen und doch geschmeidigen Bewegungen! Donnerwetter, hatte sich das Mädel in den letzten Jahren entwickelt!
„Also doch!" sagte er. „Das ist ja nett. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben."
Dann trat er auf Annelore zu und gab ihr die Hand. Seine Augen suchten mit gütigem Blick in ihrem Gesicht.
„Willkommen, Fräulein Hildach. Ich freue mich sehr. Es ist lange her, daß wir uns gesehen haben." Ihre tief dunkelblauen Augen strahlten ihn an. Die leise Schwermut, die ihren Blick sonst immer wie ein feuchter Schleier verhüllte, war nur noch wie ein Hauch zu spüren.
„Ja, es ist lange her, Herr von Achenbach", erwiderte sie mit ihrer ruhigen, klangvollen Stimme. „Auf dem Fest des Gondelklubs damals..."
„Richtig. Ich besinne mich. Wir haben uns inzwischen ein bißchen veränoert, nicht wahr? Als alter Knabe darf ich Ihnen ruhig das Kompliment machen: Sie haben sich fabelhaft entwickelt."
Sie lächelte leicht.
„Sehr schmeichelhaft. Ist aber nicht mein Verdienst, wenn es wirklich zutreffen sollte."
Wie ein Schatten verschwand jetzt erst Fräulein v Birkhammer in einem der Zimmer.
Da meldete sich Suse:
„Haben wir vielleicht auch für mich ein Pfötchen übrig, Herr von Achenbach? Sieh nur, wie mich der blasse Neid schüttelt!"
Mit leisem Lachen ließ der Schloßherr Annelores Hand los.
„So seid ihr nun! Aber natürlich, komm her, sollst auch dein Teil haben", wandte er sich an Suse.
Er drückte ihr die Hand. Dann betraten sie bas Zimmer.
„Also nochmals herzlich willkommen, Fräulein Hildach", sagte Wolfgang v. Achenbach. „Hoffentlich darf ich sagen: als liebe Hausgenossin .. "
Mit einem warmen Blick begegneten Annelores Augen den seinen. So warm und vertrauensvoll, daß es ihm ganz eigen ums Herz wurde.
„Sie sind sehr gütig, Herr von Achenbach", entgegnete sie verhalten. „Und — ich würde mich sehr freuen..
Man nahm Platz. Bald war eine lebhafte Unterhaltung im Gange. Bis der Schloßherr sich endlich an den eigentlichen Zweck des Besuches erinnerte.
„Ja, nun — mein Enkel hat sich gerade heute sehr zeitig zurückgezogen, um zu arbeiten. Ich werde ihn aber gleich mal rufen lassen, damit wir die Sache in Ordnung bringen."
Er drückte auf den Knopf der Klingel. Nach überraschend kurzer Zeit erschien Fräulein v. Birkhammer, obwohl das Zeichen nicht ihr gegolten hatte.
„Bitte, lassen Sie doch Stefan rufen, Fräulein von Birkhammer", sagte der Schloßherr. „Lassen Sie ihm sagen, Frau Dollrath möchte ihn sprechen."
Stefan war ganz in seine Arbeit vertieft, als der alte Diener bei ihm anklopfte. Suse? Ach. richtig... Sie hatte sich um Ersatz für die Assistentin kümmern wollen. Aber heute abend noch ...?
Die Störung war ihm sehr unwillkommen. Aber man konnte natürlich nicht unhöflich sein. Und schließlich war die Sache ja auch wichtig.
Er erhob sich also sofort und folgte dem Diener fast auf dem Fuße.
Aber er war mit feinen Gedanken noch immer halb bei der so jäh unterbrochenen Arbeit, als er das Wohnzimmer betrat. Das halb freundliche, halb abwesende Lächeln, das auf feine Lippen treten wollte, verschwand gleich wieder. Suse — ja... Aber da saß noch eine Dame...!
Er zögerte unwillkürlich, als er die Schwelle überschritten hatte. Seine Haltung nahm etwas Zurückhaltendes, beinahe Abwehrendes an.
„Ja, Stefan, da wären wir also ..!" lächelte Suse. „Du darfst ruhig ein bißchen näherkommen. Wir sind bekannt harmlose Tierchen."
Jetzt zwang er bas Lächeln auf sein Gesicht und wandte den Blick wieder der zweiten Dame zu. Er sah ein Paar dunkle Augen mit seltsamem Ausdruck auf sich gerichtet. Da kam es wie ein Erwachen über ihn.
„Ach, Fräulein — gnädiges Fräulein...", sagte er und trat ein paar Schritte näher. Die Verbeugung, die er machte, erschien ihm selber reichlich ungeschickt.
Annelores Augen leuchteten noch stärker als sonst.
Beinahe hätte er „Fräulein Annelore" gesagt...! dachte sie und fühlte ihr Herz klopfen.
Führerhaus des Lastkraftwagens geschlafen haben.
Auf den haltenden Lastkraftwagen fuhr der An- geklagte H. auf, der auf dem Soziussitz seines Mo- torrabes bie 16 Jahre alte Gerda Will aus Lollar bei sich hatte. Er war an diesem Tage mit seinem Motorrad unterwegs gewesen und befand sich abends mit der Gerda Will auf der Heimfahrt von Krofdorf nach Lollar. Er behauptete, von einem ihm entgegenkommenden Personenkraftwagen irritiert worden zu sein, außerdem habe er den Lastwagen nicht gesehen und auch nicht sehen können. Er sowohl wie seine Mitfahrerin erlitten durch den Anprall Schädelbrüche, an deren Folgen Gerda Will, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu
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haben, gestorben ist. Er selber erholte sich wieder, ist aber heute auf dem einen Auge fast blind.
Die Kammer sprach den Angeklagten H. frei, da ihm eine Fahrlässigkeit nicht nachgewiesen werden konnte, zumal er mit mäßiger Geschwindigkeit gefahren ist und infolge des verkehrswidrigen Verhaltens des Angeklagten Sch. die Gefahrenquelle nicht rechtzeitig erkennen konnte. Im übrigen wurde die Berufung der Staatsanwaltschaft, sowie die bÄ Angeklagten Sch. zurückgewiesen.
Seim Motorrad - Zusammenstoß tödlich verunglückt.
* Lauterbach, 7. Sept. An einer scharfen Straßenkreuzung stießen hier zwei Motorradfahrer mit ihren Maschinen heftig zusammen. Während der eine Motorradler zum Glück mit verhältnismäßig leichten Verletzungen am Kopfe und am rechten Arm davon kam, wurde der andere Motorradler, namens Anton Traudt aus H erb - stein, so schwer am Kopfe verletzt, daß er einige Stunden später in der Nacht seinen schweren Verletzungen erlegen ist.
Erstes Treffen der KdF.- Wanderführer des Gaues.
NSG. Aus den 37 Kreisen des Gaues Hessen- Nassau trafen sich am Samstag und Sonntag 2 5 0 Wanderführer der NS. -Gemeinschaft „Kraft durch Freude" in Harheim, um in Beratungen die Richtlinien für bie kommende Winterarbeit festzulegen.
Am Samstagnachmittag eröffnete Gauwander- wart Schwab eine’ interessante Ausstellung, bie alle Gebiete des Wanderns umfaßte und wertvolle Anregungen bot, fei es in sinngemäßer Kleidung und Nahrung auf der Wanderung, vernünftiger Wanderausrüftung, Photogeräten, Volksmusikinstrumenten und in Wander-Literatur. Besondere Beachtung fand ein schönes Modell des neuen „KdF".» Wanderheims „Steinkopf", das in den kommenden Wintermonaten bei Köppern im Taunus in Gemeinschaftsarbeit errichtet wird. Am Abend vereinigte bei ernsten und heiteren Vorträgen ein Kameradschaftsabend die Wanderführer aus dem Gau.
In gemeinsamer Aussprache wurden am Sonntag- vormittag alle wichtigen Fragen der Wanderarbeit in der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" besprochen. Heber die künftige Arbeit machte Gau- wanderwart Schwab nähere Mitteilungen, aus denen hervorzuheben ist, daß nunmehr auch die Motorradfahrer erfaßt und betreut werden. Das Wasserwandern soll stärker als bisher in den Vordergrund treten. Wichtigste Aufgabe fei nach wie vor, den Gedanken des Wanderns in die Betriebe zu tragen und den Betriebskameraden. in Wanderungen die Schönheiten des Gaues zu erschließen. Um die Mittagsstunde fand am Hindenburg-Born eine Kundgebung statt, in der Gau- wanderwart Schwab die neuen Wanderführer auf ihr Amt verpflichtete. Dann richtete er das Wort an die Wanderführer des Gaues, die zum erstenmal zu einer Kundgebung zusammengekommen waren, die nun alljährlich im September wiederholt werden soll. Der Bevölkerung von Harheim dankte er für die liebevolle Aufnahme. Zum Schluß ging er auf die Aufgaben ein, die dem Wandern in der Verwirklichung der nationalsozialistischen Weltanschauung zufallen. Es gälte, dem deutschen Menschen die schone Heimat zu erschließen und darüber hinaus Freude am Leben zu schenken. Nur wenn wir die Heimat kennen, können wir sie lieben.
Fräulein Annelore...! Wie damals, auf jenem Gondelfest.. .1 Nach einer wundersamen Fahrt in lampiongeschmückten Booten auf dem nächtlich schimmernden Wasser hatte man an der langgestreckten Insel angelegt, um sich in der lauen Sommernacht zu ergehen. Eine weiche, blaue, blühende, von Sternenglanz überschüttete Sommernacht war es gewesen. Leuchtkäfer waren durch die dunklen Büsche geschwirrt. Wie goldene Funken einer zauberhaften Welt. Wie märchenhaft süße, kleine Sternschnuppen.
Wie warm hatte Stefans Stimme in jener Nacht geklungen! Wie nahe hatte sie fein Herz dem ihren gefühlt! Oder doch^u fühlen gemeint...
Aber es war wohl eine Täuschung, eine Selbsttäuschung gewesen. Ein Traum nur, der schon zerronnen war, bevor er überhaupt beqonnen hatte. Nichts war davon zurückgeblieben. Nichts als ein heftig bohrender, mit der Zeit ruhiger werdender Schmerz und ein von leiser Wehmut erfülltes Erinnern.
Stefan befand sich in einer seltsamen Stimmung. Annelore Hildach...! War das noch Annelore Hildach...? Er hatte sie in der Erinnerung als ein sehr, sehr liebes Mädelchen, für das er einmal warmes Interesse gehabt hatte. Bis — bis jene Frau in sein Leben getreten war wie ein trügerisches Irrlicht...!
Ja — war das noch Annelore Hildach...?
Er wiederholte seine Verbeugung, bie biesmal erheblich korrekter ausfiel, unb sprach ein paar Der» binbliche Worte. Fast unbewußt lauschte er auf ben warmen, schwinqenben Klang ihrer bunklen Stimme, ohne aber richtig zu verstehen, was sie sprach.
„Also, Stefan, ich habe Fräulein Hilbach gleich mitgebradjt", ließ Suse sich vernehmen. „Es wirb bir gewiß lieb sein, benn es kürzt bas Verfahren erheblich ab, nicht wahr?"
Er sah auf unb fuhr sich mit ber Hand über bie Stirn. Er schien nicht gleich zu verstehen Plötzlich aber prägte sich ein ungläubiges Staunen auf seinem Gesicht aus.
„Wie benn...? Du meinst...?"
„Natürlich meine ich! Was denn sonst?"
Da zog ein eigenartiges, beinahe ein bißchen " luftloses Läch-ln um seine Livven Unwillkürlich ließ er den Blick wieder über Annelore hingleiten.
Fortsetzung folgt.
Ruhl Sei ersweg
adlO Telephon V
eparaturen


