Mittwoch 8. September |Q57
Nr. 20° vierter Blatt
(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesftn)
Aus der Stadt Gießen.
Briefe, die ihn nicht erreichten ...
Ist es dir nicht auch schon |o gegangen? Du hast einen Kameraden auf Fahrt, in der Jugendherberge oder tm Lager kennengelernt und möchtest von zu Haufe mit ihm in Briefverkehr' treten, aber du weißt feine genaue Adresse nicht mehr Trotzdem schreibst du ihm, zwei-, dreimal, ohne eine Antwort au erhalten: dann aibst du es auf. Sollten die Briefe etwa im Postbetrieb verlorengegangen fein? Doch diefes Mißtrauen der Reichspost Gegenüber grenzt schon an „Beamtenbeleidiaung". so zuver- lässia arbeitet sie. Denn die Zahl der 'Briefe, die durch irgendeinen Umstand im Postbetrieb in Verlust geraten, ist nachweislich verschwindend gering. Aber groß ist die Zahl der Briefe, die wegen ihrer ungenügenden Anschrift nicht zugestellt werden können. In Berlin allein gehen täglich über taufend folcher Sendungen ein. Daher legt die Postoer- waltung Wert daraus, daß bei Sendungen nach den Großstädten die Zustellpostanstalt näher bezeichnet wird, z. B. Berlin NW 87; außerdem dürfen die Straße und Hausnummer nicht fehlen und bei „möblierten Herren" der Name der Vermieterin.
Doch nicht nur in Berlin ist die Post so „anspruchsvoll", sondern auch in der „Provinz", bis in den kleinsten Landslecken hinein Der Landbrief- träger kennt zwar jeden Menschen in seinem Bezirk, er weiß sogar, daß ein Brief aus Berlin mit der Anschrift: „Peter Müller, Heusweiler", nur für den Pitt Müller in der Bachstrahe bestimmt sein kann, weil nur er einen Bruder in Berlin wohnen hat. Doch das ist noch ein günstiger Fall, denn gewöhnlich gibt es in einem Dorf Dutzende von Bewohnern mit dem gleichen Namen, eine Folge der früher üblichen Dorfbeiraten. Was soll der Briefträger aber machen, wenn er eine ganze Schwadron von Müllers zu betreuen hat? Da beginnt der Bereich des Detektivischen, und für den ist er nicht mehr zuständig. Wenn der Absender die Anschrift wenigstens irgendwie ergänzt hätte.
So aber wird der Briefträger den Grund der Unzustellbarkeit auf der Rückseite des Brieses angeben. Der Vermerk kann lauten: „Nicht zu ermitteln", oder „Welcher von mehreren?", oder „Verzogen, wohin unbekannt", ober „Gestorben" usw Dann geht der Bries über die Aufgabepostanstalt zurück an den Absender, wenn er angegeben ist Das trifft jedoch in den meisten Fällen nicht zu. Deshalb müssen diese Briefe an die Rückprüfstelle der zuständigen Oberpostdirektion gesandt werden, wo sie geöffnet werden Da man gewöhnlich den Brief mit seinem Vornamen oder mit „Dein Freund", „Dein Onkel" u. a. abschließt, besitzt er nur mehr „archwarisches Interesse" für die Post Er wird noch eine bestimmte Zeit lang aufbewahrt und dann vernichtet.
Also Vorsicht bei der Kritik über den „Postbetrieb". Wenn die Kritiker die Körbe voll Briefe sähen, die allmonatlich verbrannt werden, würden sie kleinlaut werden und die Schuldigen in den eigenen Reihen suchen. hab.
Dornoiizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Versprich mir nichts". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Das Schweigen im Walde"
Die DwWrbti Wollt
NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude".
Winzerfest 1937 in Gießen.
Am 25. und 26. September 1937 führen wir obige Veranstaltung durch. Wir bitten die Wirte, die Mitglied der Deutschen Arbeitsfront sind und Interesse haben, ein Wein- oder Kaffeebüfett zu übernehmen, auf der Kreisdienststelle vorbeizukommen, wo sie die näheren Bedingungen erfahren tönnen.5826D
Großem Erleben entgegen!
Abfahrt der politischen Leiter des Kreises Gießen nach Nürnberg.
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Am gestrigen Dienstagabend verließen die Politischen Leiter des Kreises Gießen und eine Anzahl als Zuschauer zum Reichs- Parteitag mitfahrende Männer und Frauen mit einem Sonderzug unsere Stadt zur Fahrt nach Nürnberg.
Gegen 18 Uhr erfolgte unter Führung des Kreisausbilders Dr Kopp der Abmarsch der Politischen Leiter in einem geschlossenen Marschblock von dem Hause der Kreisleitung aus. Das Bild der Marscheinheit erhielt dadurch eine besonders eindrucksvolle Note, daß zum ersten Male annähernd hundert Fahnen der Bewegung aus dem Kreise Wetterau mitgeführt wurden, deren Zusammen
fassung in einer geschlossenen Fahnengruppe ein prächtiges Bild bot, ferner die neugegründete Kreiskapelle mit dem Spielmannszug zum ersten Male öffentlich in Erscheinung trat.
Vor der Kreisleitung hatten sich viele Volksgenossen eingefunden, um die Aufstellung und den Abmarsch des Marschblocks zu sehen. Dort sowohl, wie auch in den Marschstraßen — der Marsch ging vom Hause der Kreisleitung in der Lonystraße durch die Bleichstraße, Hindenburgwall, Neuen Säue, Sonnenstraße, Seltersweg, Bahnhofsstraße zum Bahnhof — wurden die Fahnen der Bewegung und die Nürnberg-Fahrer von allen Volksgenossen freudig begrüßt. Unter den schneidigen Klängen der Kreiskapelle wurde flott marschiert.
so daß die Marschgruppe schon bald auf dem Bahnhofsplatz yntraf, wo sich eine vielhundertköpfige Menschenmenge zur Abschiedsbegrüßung eingefun» den hatte.
Nach dem Aufmarsch vor dem Bahnhofsgebäude wurden alsbald die Fahnen eingerollt, die als Zuschauer nach Nürnberg mitfahrenden Volksgenossen in die Fahrtgemeinschaft eingegliedert, dem Führer der Gruß seiner Gefolgschaft dargebracht, dann ging es zu dem im Bahnhof bereitstehenden Sonderzug, der kurz nach 19 Uhr die Bahnhofshalle verließ.
Heute früh gegen 3.30 Uhr werden die Nürnberg- Fahrer^aus dem Kreise Wetterau in der Stadt des Reichspatteitages angetommen fein. >
(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger)
Mit „Kraft durch Freude" ins Theater!
Theaterring Gießen 1937/38 in der kommenden Spielzeit.
Nachdem durch ein Abkommen zwischen den Reichsleitern Dr L e y und Rosenberg die NS- Kulturgemeinde mit den Aemtern „Feierabend" und „Deutsches Volksbildungswerk" in die NS.-Ge- meinschaft „Kraft durch Freude" als die vom Führer berufene Freizeitorganisation des gesamten Volkes eingegliedert worden ist, beginnt in diesen Tagen Die großangelegte Werbeaktion der N S G. „Kraft durch Freude" für die in Kürze beginnende neue Spielzeit Die Erfolge der vergangenen Spielzeit waren in unserem Kreisgebiet durchaus erfreulich: es wurden veranstaltet 24 Vorstellungen für „Kraft durch Freude" und 16 Vorstellungen für über 600 Mitglieder der NS.- Kulturgemeinde Insgesamt wurden in der letzten Spielzeit rund 18 000 „Kraft-durch-Freude"-Be- sucher erfaßt, ohne die NS.-Kulturgemeinde und ohne die Wehrmacht. In diesem Jahre soll die kulturelle Arbeit der NSG. „Kraft durch Freude" noch erheblich erweitert und ausgebaut werden. Es wurde für die kommende Spielzeit der Theater- ring Gießen 1937/38 errichtet und „K r a f t-- durch-Freud e"- M ' eten für den Besuch unseres Stadttheaters aufgelegt, und zwar eine „Große- KdF.-Miete" zum monatlich zwei maligen, und eine „Kleine-KdF.-Miete" zum monatlich e i n maligen Theaterbesuch. Die „Große-KdF.-Miete" umfaßt 17 Theaterabende: 4 Op-rn. 4 Operetten, 4 Schauspiele, 4 Lustspiele und einen großen Bunten Abend, wogegen die „Kleine-KdF-Miete" 8 Theaterabende bringt, und zwar je 2 Opern, Operetten, Schauspiele und Lustspiele. Der geringe Durchschnittspreis
für die einzelnen Vorstellungen und bequeme Zahlungsweife in Raten fetzen jeden Volksgenossen in die Lage, seine Ausgabe für das Theater nach seinen Einkünften einzuteilen. Die bisherigen Mitglieder der NS. - Kulturgemeinde sind durch die Eingliederung Mitglieder des Theaterrings und nehmen an der „Großen-KdF.-Miele" teil. Außerdem find KdF.-Einzelvorstellungen und KdF.-Vorstellungen für die Wehrmacht und für die Betriebe vorgesehen, wie sie zum Teil schon in der vergangenen Spielzeit durchgeführt worden sind. Darüber hinaus wird angestrebt Theatergemein- schäften in den Betrieben zu b'lden die einen regelmäßigen Theaterbesuch fördern und einen festen Kreis von Besuchern schaffen und sichern sollen. Auch von Wetzlar und aus der ländlichen Umgebung sollen — mit Sonderzügen — Besucher herangeholt werden.
Für die „Große-KdF.-Miete" sind im einzelnen die folgenden Werke vorgesehen: in der Oper: „Der Wildschütz", „Die Boheme", „Don Juan" und „Troubadour": in der Operette: „Die Dorothee", „Die Geisha", „Die lustige Witwe" und „Eine Nacht in Venedig": im Schauspiel: ,,W>'- helrn Tell", „Uta von Naumburg", „Scharnhorst" und „Lady Windermeres Fächer": im Lustspiel ..Maß für Maß" (als Eröffnungsvorstellung), „Mein Sohn, der Herr Minister", „Die Weiber von Redditz" und „Ich liebe dich". Außerdem: ein großer Bunter Abend Der Spieltag ist zweimal monatlich am Samstag. Die Preise sind außerordentlich günstig. Die Staffelung der Eintrittspreise nach dem
Einkommen wurde aufgegeben dafür wurden zwei Platzgattungen X und B geschaffen Der Durchschnittspreis in der großen Miete beträgt 94 und 84 Pfennig je Vorstellung Um eine möglichst gerechte Verteilung zu erzielen, sollen die Plätze jeweils gewechselt werden.
Da noch vielfach Zweifel bestehen, wer an den „Kraft-durch-Freude-Mieten" teilnehmen kann, fei ausdrücklich darauf hingewiesen, daß sich jeder deutsche Volksgenosse an den KdF-Vorstellungen beteiligen kann, soweit sein Einkommen eine gewisse Höhe, die es ihm erlaubt, die üblichen Eintrittspreise zu zahlen, nicht übersteigt. Die Mitgliedschaft zur Partei ober DAF ist nicht unbedingt erforderlich. Es kann jeder Volksgenosse Mitglied werden, dessen Ein« kommen- bzw Lohnsteuer den Betrag von 15 RM. im Monat nicht übersteigt Eine enge Begrenzung erfolgt nicht, da die sozialen Verhältnisse des einzelnen berücksichtigt werden. In Grenzfällen und bei auswärtigen Mitgliedern entscheidet der Kreis- wart. Der Mitgliederbeitrag für die Spielzeit 1937/38 beträgt 1 RM. Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront haben diesen Beitrag nicht zu entrichten. Die Preise werden in Raten gezahlt und betragen in der Platz» gattung A 16 RM., in der Platzgattung B 14,40 RM. für die 17 Vorstellungen.
So sieht die NSG ,Kraft durch Freude" für das kommende Winterhalbjahr ein großes Arbeitsfeld allein auf dem Gebiete der Theaterveranstaltungen vor sich. Die Vorbedingungen sind geschaffen, daß die Bevölkerung von Gießen und der näheren und weiteren Umgebung Freude und Erbauung in ihrem schönen Theater finden kann: vom Theater durch die Aufstellung eines hervorragenden Spielplanes, von der NSG „Kraft durch Freude" durch die Errichtung des Theaterringes und Auflegung der „Kraft-durch-Freude-Mieten" Möge die Bevölkerung das erwartete Interesse aufbringen, damit wir wieder einen Schritt weiter kommen zum Theater der Volksgemeinschaft.
Ein bedeutendes Arbeitsprogramm ist verwirklicht; ein noch umfangreicheres ist für die kommende Zeit geplant: die Erweiterung der Kraft-durch- Freude-Arbeit im Rahmen eines großen Kulturringes, in enger Gemeinschaftsarbeit mit dem Volks- bildungs- und dem Feierabend-Werk: auch eine fruchtbringende Zusammenarbeit mit den kulturtragenden Vereinen, soweit sie nicht wisienschaftlichen Aufgabe dienen, wird angestrebt; als Endziel: die Zusammenfassung und Betreuung der gesamten kulturellen Arbeit, soweit sie mit der Freizeitgestaltung zusammenfällt, durch die NS.-Gemeinde ,Kraft durch Freude".
Von der Universität.
Don der Pressestelle der Ludwigs-Universität Gießen wird uns mitgeteilt:
Der Reichs- und Preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat den Dozenten Dr. phil. habil. Gerd Tellenbach von der Universität Heidelberg beauftragt, vom 1. Oktober 1937 ab die freie Professur für mittelalterliche Geschichte an der Universität Gießen vertretungsweise zu übernehmen.
Dem Oberarzt des Pathologischen Instituts der Universität Gießen, Professor Dr. Werner S ch o p« per, ist ab 1. Oktober 1937 die Direktion des Da» tbologischen Instituts am Städtischen Krankenhaus St. Georg zu Leipzig übertragen worden.
Oie Gießener Herbstmesse.
Vom 11. bis einschl. 19. September findet in Gießen auf Oswaldsgarten die Herbstmesse (Schau- und Derkaufsmesse) statt. Vorausschauend ist zu sagen — so wird uns von der Pressestelle der Stadtverwaltung geschrieben —, daß die seit Jahren bestens eingeführte Schau- und Derkaufsmesse bei der Bevölkerung Gießens und der näheren Umgebung auch diesmal wieder starken Anklang finden wird. Zahlreiche neuartige Fahrgeschäfte und Schaugeschäfte, außerdem Verkaufsstände aller Art sind zu erwarten. Für auswärtige Besucher besteht verbilligte Fahrgelegenheit (Sonntags-Rückfahrkar-
Das Wunder von Sologna.
Zum 200. Geburtstage von Luigi Galvani am 9 September.
Die Tat, durch die Luigi Galvani seinen Namen in die Reihe der großen Naturforscher versetzte. ist eindringlichster Beweis dafür, daß die zufällige Beobachtung eine unerklärte Einzelerscheinung bleibt ohne das Medium des Genies und die sorgfältige Arbeit des Gelehrten.
Seit Guericke und Leibnitz waren die Zuckungen lebender Muskeln infolge elektrischer Schläge bekannt, und längst vor Galvani, 1756, hatte der Anatom Caldani bemerkt, daß enthäutete Froschschenkel zusammenzuckten, wenn man aus dem Leiter einer nahen Elektrisiermaschine Funken zog. Galvani, der, nachdem er Theologie studiert hatte, zur Medizin übergegangen war und seit 1778 einen Lehrstuhl für Anatomie in Bologna inne hatte, experimentierte lange schon über die mechanischen Reizungen der muskelbewegenden Nerven an Froschpräparaten Als er im Winter 1780 in Gegenwart mehrerer Personen Versuche anstellte, fielen ihm ebenfalls die Zuckungen der auf dem Tische liegenden präparierten Frolchschenkel auf. Bald ent» ' deckte er, daß sie nur eintraten, wenn er wahrend des Funkenüberspringens in der abseits stehenden Elektrisiermaschine den blohgelegten Nerv mit seinem, an der Klinge gefaßten, Präpariermesser berührte. Bisher hatte man dieser Erscheinung keine Bedeutung beigelegt Galvani aber, „von einem unglaublichen Eifer und Begehren entflammt" — so hat er später den Eindruck dieser Anregung geschildert — machte sich an die Untersuchung dieser Erscheinung. Die Arbeiten erstreckten sich fast über elf Jahre. Hunderte von Tierpräparaten, vor allem Froschschenkel, die später auch Volta als hochempfindliche Anzeig»mittel für elektrische Kräfte benutzte, brauchte Galvani für seine Experimente Das Ergebnis veröffentlichte er 1791 unter dem Titel „lieber die Kräfte der Elektrizität bei der Muskelbewegung".
Im zweiten Teil dieses Buches berichtete er über die — nicht unbekannte — Einwirkung der- atmosphärischen Elektrizität auf die Organismen. Es war ihm aufgefallen, daß auch bei völlig von Gewitterspannung freier Luft die Zuckungen auftraten, wenn man den Muske' des Froschschenkels, der an einem den Rückenmarksnerv durchbohrenden Mefsinghaken am Balkongeländer aufgehängt war, gegen das Eisen drückte Er brachte das Präparat in sein Arbeitskabinett, legte es auf eine Eijen-
platte und wiederholte den Versuch: „siehe da, dieselben Kontraktionen, dieselben Bewegungen!"
Das war die große Entdeckung! Weder atmosphärische Elektrizität, noch Reibungselektrizität einer Maschine waren wirksam Aus unbekannten Quellen stieß die geheimnisvolle elektrische Kraft in das blaßrote, zuckende Fleisch unter seinen Händen
Gewiß: die Schlüsse, die Galvani zog, wurden bald mit Grund angezweifelt Er glaubte im Tierkörper selbst die Elektrizitätsguelle annehmen zu dürfen. Nerven und Muskeln wiesen entgegengesetzte elektrische Ladung auf, man könne also den Körper mit einer Kleistschen Flasche vergleichen, die durch die schließenden Metallteile entladen werde. Galvani sprach deshalb von „tierischer Elektrizität". Aber er hatte auch gefunden, daß die Stärke der hervorgerufenen Zuckungen von der Wahl der Metalle abhing, die den Kreis zwischen Nerv und Muskel schlossen Von diesem eigentümlichen Umstand ging Galvanis wissenschaftlicher Gegner aus, Alessandro Volta in Pavia Seine Versuche zeigten ihm bald daß er die Tierpräpurate weglassen konnte, daß die leblosen, metallischen Elektrizitätsleiter durch die Berührung miteinander ihre Wirkung als Elekttizitätsguellen erweisen. Ihm wurde klar, „daß die Elektrizität hier in einer Art und Weise erregt wird", von der man vorher keine Ahnung hatte.
Hinter dem Gelehrtenstreit, der sich an die Arbeiten Voltas und Galvanis knüpfte, zog das Wetterleuchten der französischen Revolution auf. Bonaparte marschierte in Norditalien ein und verschmolz die alten Staatengebilde, darunter Bologna, in der „Cisalpinischen Republik" Während Volta m der Abordnung schritt, die den Sieger auf Italiens Boden empfing, während er auch spater von Napoleon begünstigt, zum Senator ernannt und m den Grafenstand erhoben wurde, verweigerte Gal- oani die Eidesleistung auf die aufgezwungene Verfassung. Er wurde seines Lehramtes an der alten Hochschule enthoben und ist bald danach, im Dezember 1798, einunosechzig Jahre alt, gestorben.
Voltas Versuche ergaben, daß mit der ersten Entdeckung Galvanis eine nicht weniger bedeutende andere zusammenhing. Der Royal Society in London gab er die Beschreibung eines von ihm konstruierten Instrumentes zur Erzeugung von ..galvanischer Elektrizität" — der Name geht auf Voltas Anregung zurück und hat sich bis heute in vielen technischen Wortverbindungen (Galvanometer. Galvanoplastik, Galvanokaustik) erhalten Verband man die Pole dieser „Volta-Säule" die sich m einer werbenden Folge von Knp'er- und Z'nkplättchen dckch eine leitende Flüssigkeit getrennt, aufbaute.
so verschwand die erzeugte Kraft nicht mit der Entladung, wie es bei den bisher gebräuchlichen Elektrizitätssammlern der Fall war': vielmehr erzeugte sie sich dauernd neu. Ständig floß galvanische Elektrizität durch den Metallbogen zwischen den Polen. Bisher war die Elektrizität nur als ruhende Kraft bekannt gewesen und untersucht worden. Jetzt gab Volta, auf Galvanis Versuchen aufbauend, der Physik einen neuen Begriff: den des elektrischen Stroms. Der Weg war geöffnet für die Forschungen Faradays und der deutschen Gelehrten: Gauß, Weber, Ohm, Kirchhoff und Bunsen.
„Das alles habe ich", so hatte Galvani in seiner Abhandlung geschrieben, „zu dem Zwecke erdacht, daß es von großen Gelehrten erwogen werde, damit sie es einst nutzbar machen konnten." Jener be- scheidende Versuch mit dem auf der eisernen Platte zuckenden Froschschenkel bezeichnet den ersten, tastenden Schritt in ein neues Gebiet der Physik.
Walter Schwerdtfeger.
Herbstpracht in Sad-Aauheim.
Don Hans Gäsgen.
Nun sind wieder die Tage gekommen, da Astern und Georginen die Sommerblumen im Park verdrängt haben.
In vielfältiger Pracht stehen die schweren Blüten auf den Beeten, und in den weit ausladenden Blutbuchen, auf die Bad-Nauheim mit Recht besonders stolz ist. ist ein Raunen vom milden Spätjahrswind
Auch zu dieser Zeit ist es herrlich sein im Hessischen Staatsbade. Noch spielt am Nachmittag die Kapelle im Freien, aber am Abend läßt man sich gern in den geschmackvollen Räumen des Kurhauses nieder
Am Tag lockt die wundersam milde Luft, mit der das Bad begnadet ist, zu Gängen durch den Park, durch die nun in Erntefülle prangenden Obstgärten und hinein in die Wälder, die sich sacht zu färben beginnen.
Da gibt es herrliche, verträumte Wege, wo nur die Rehe oder ein paar Fasanen deinen Pfad kreuzen.
Und auf einmal stehst du wieder droben auf dem Johannisberg, der auf jeden, der Nauheim liebt, eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübt. und blickst in die Weite.
Vielleicht blinkt süßer Apfelmost in deinem Glase, vielleicht frisch gepreßtes Traubenblut denn diese Säfte tun ja dem der die Kur in Bad-Nvubeim gebraucht, besonders gut. und die Traubenkur ge»
hort ja zu den Heilmitteln, die man jedem, und wenn er auch nur zur Erholung und nicht als Leidender hierher kommt, empfehlen muß.
Drunten steigt, wie eine silberne Fahne, der große Sprudel in den Tag.
Hierdroben, unter den Bäumen, sitzen plaudernde Menschen, die ihre Sorgen vergessen haben, die frohen Herzens die Herbstpracht dieses gesegneten Fleckchens genießen, das vielen schon zum Segen geworden ist und es tagtäglich aufs neue wird.
Nun wird es Herbst!
Alles glüht und blüht, letzte Lerchen steigen, mild kommt der Sonnenschein zu uns und legt warmes Gold hin über Täler und Hügel, über Gärten und Wälder, über Park und Bad ...
Ood)fd)ulnod>rid>fen
Geheimrat Professor Dr. Karl Doßler, der unlängst wegen Erreichung der Altersgrenze ent» pflichtete hervorragende Romanist der Universität München, wurde in diesen Tagen 65 Jahre a 11. Doßler begann seine wissenschaftliche Laufbahn 1900 als Privatdozent in Heidelberg, wurde zwei Jahre später zum Extraordinarius ernannt, folgte 1909 einem Rufe an die Universität Würzburg und ging 1911 als Ordinarius nach München, wo er bis zu feiner Entpflichtung gewirkt hat. Doßler darf als der bedeutendste Vertreter der romanistischen Wissenschaft in Deutschland gelten, dessen Arbeiten zur Sprach-, Literatur- und Kulturgeschichte der Völker des romanischen Kulturkreises grundlegend zu nennen sind; wir erwähnen nur die Werke über Frankreichs Kultur in der Sprache, über Dantes „Göttliche Komödie", über Leopardi, La Fontaine, Racine und Lope de Vega. Voßler ist Ritter des Ordens pour le m£rite für Kunst und Wissenschaft und Mitglied der gelehrten Akademien in München und Wien.
Professor Dr Rudolf Strothmann, Ordinarius für orientalische Philologie, insbesondere Islam» künde, und Direktor des Instituts für Geschichte und Kultur des Vorderen Orients in Hamburg, wurde 60 Jahre alt. Strothmann stammt aus Lengerich (Westfalen) und promovierte in Halle 1911. Vorher war er im Schuldienst tätig. 1923 erfolgte feine Ernennung 3um o ö. Professor der orientalischen Philologie in Gießen Don hier ist er 1927 nach Hamburg übergesiedelt. Er ist Herausgeber der Zeitschrift ..Der Islam" seit 1927 und Ehrenmitglied der Islamic Research Association in Bombay Von seinen Werken heben wir hervor „Die Kovtische Kirche in der Neuzeit" und „Die „Zwölfer-Schia; Reliviin^geschichtliche Charakterbilder aus der Mon* golenzeit".


