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Nr. 105 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, 8. Mai 1957

Heimweh nach der Mutier.

Eine Geschichte zum Muttertag am 9. Mai 1937. Don Ruth Kristekat.

Wenn man von der Mutter Abschied nimmt, und sie hat Tränen in den Augen, so möchte man wohl umkehren, um ihr die Tränen fortzutrösten. Aber man kann nicht umkehren, weil man jung ist, und weil die Ferne stärker ist als alles andere. Die jungen Menschen müssen ihre Mütter verlassen, sie zurückkehren wissen in die stiller gewordene Woh­nung und sie den Tagen des Wartens anheimgeben.

Als ich dieses Mal eigentlich war es so recht das erstemal von meiner Mutter fortging, um mit sicherem Vertrauen in die Welt hinauszuwan­dern, stand meine Mutter am Zuge, abschied­nehmend mit einem feuchten Schimmer in den Augen. Weiß flatterte das Taschentuch in ihrer Hand, letzte tröstliche Gebärde, die sich verlor, und ich lehnte mich in die Polster zurück, weil es merk­würdig still in meinem Herzen geworden war. Die Landschaft eilte vorüber, die Menschen, die mit mir das Abteil füllten, sprachen, aßen und lachten. Ich konnte lange nicht teilnehmen an ihren Gesprächen, weil ich meine Mutter noch immer zwischen all dem Getriebe der Menschen auf dem Bahnsteig stehen sah, wie sie zu mir aufblickte und wie sie mir dann mit einer hastigen und doch auch müden Bewegung nachwinkte, die verhieß: wie wird es dir ergehen, mein Kind, in der Welt, wo ich so wenig an deinem Leben teilhaben kann?

Ich schloß ermattet die Augen, erstieg mir doch plötzlich im Rattern des Zuges ein fernes Bild, lieber ein Jahrzehnt verwischte sich, ich war ein Kind. Es war ein heller Frühlingstag um Pfing­sten. Die Schulferien hatten begonnen, und ich ging an der Hand meiner Mutter, die ein Köfferchen in der Rechten trug, zum Bahnhof. Auf dem Bahnhof es war noch der alte, der nun verlassen abseits von allem Verkehr liegt stand schon Traute, meine Freundin, ein hochaufgeschossenes Mädchen mit langen, blonden Zöpfen mit ihrer großen Schwester, die einen ruhigen erwachsenen Eindruck machte, und meiner Mutter die Hand reichte. Es war die erste größere Reise, die ich, ohne in den Kreis der Familie eingeschlossen zu sein, machen sollte. Meine Mutter, die noch einige Besorgungen in der Stadt zu machen hatte, wartete nicht auf die Abfahrt des Zuges, sondern verabschiedete sich freundlich, nachdem sie Trautes Schwester meinen Koffer ausgehändigt hatte und wünschte mir ein frohes Pfingstfest.

Du wirst schon rote Backen bekommen da draußen auf dem Lande", meinte sie lächelnd und streichelte mir sanft über das Haar. Dann ver­schwand sie im Gewühl der Menschen.

Die Bahnfahrt, die Ankunft auf der kleinen Station, der Kutscher, der mit Pferd und Wagen auf uns wartete, das alles war so verwirrend für mich, daß ich keine Zeit fand, mich allein zu fühlen. Wir fuhren durch breite Alleen, die von hellen Birken besäumt waren, deren lange Aeste weich im Winde wehten. Der hohe Himmel stand in einem klaren Blau, das Frühjahrslicht zitterte zwischen dem zarten Grün der Wiesen. Der Kutscher, dessen breiten Rücken ich mit Verwundern betrachtete, rief manchmalHo!" oder!" oderWollt ihr wohl!", was Traute und ihre Schwester kaum beachteten, mich aber immer wieder in Schrecken setzte, da seine Rufe grell und ganz unerwartet an mein Ohr trafen.

Das Schloß war kein Schloß, wie ich es von den Märchen und Geschichten her kannte, sondern ein langgestreckter weißgetünchter Bau, an den sich ein aroßer etwas verwilderter Garten schloß. Es war hier alles so anders, als ich es mir oorgestellt hatte. Selbst Traute verlor die natürliche Rühe. Sie, die sonst in der Stadt ein stilles verschüchtertes Kind war, wurde hier lebhaft und gesprächig. Alle Leute, denen wir begegneten, grüßten sie, lachten und sag­ten:Ach, das ist Fräulein Traute, sie ist zu Pfing-

sten nach Hause gekommen" Mich aber bemerkten sie gar nicht.

Ich weilte zum erstenmal richtig auf dem Lande. Ich hatte mit Eltern und Geschwistern den Sommer meist an der See in einem Badeorte verbracht. Die Menschen waren dort alle fröhlich, trugen weiße Kleider, das Meer rauschte, und der Sand mar von einem starken Leuchten. Friedlich breitete sich die Promenade. Hier waren die Weae aufgeweicht und schmutzig. Es gab noch viele Leute, die wie der Kutscher aussahen und fremde rauhe Redensarten führten. Auch die Frauen, die lange schwarze Röcke trugen, waren zum Fürchten. Trautes Mutter, die ich von der Stadt her kannte, erschien mir in den großen niedrigen Stuben mit den Balkendecken so riesenhaft, daß ich kaum ihr Gesicht zu erkennen vermeinte, wenn ich vor ihr stand. Ich begriff sie ebenfalls nur in der Weite ihres dunklen Rockes und der festen Bewegung ihrer nicht gerade weichen Hände.

Traute, mit der ich in einem Zimmer schlief, spielte hier nicht still mit ihren Puppen, die ganz unbeachtet in einer Ecke lagen. Meine Mutter hatte mir einen großen Gummiball mitgesandt, den ich Traute als Gastgeschenk Überreicht hatte. Mit dem tollte sie durch die weiten, düsteren Korridore des Hauses. Wenn das Wetter es jedoch nur einiger­maßen zuließ, war sie unten im Garten, der mir wie ein undurchdringlicher Wald erschien, kroch auch gern in den Keller, wo sieRäuber und ..." mit den Söhnen des Inspektors spielte.

Ich wußte nicht, wie ich mich bewegen sollte. Ich ging mit Traute hierhin und dorthin. Ich folgte ihr, ängstlich bedacht, nur nichts verkehrt zu machen. Ueoerall aber fehlte mir die Luft zum freien Atmen.

Ich ging mit ihr durch das Haus des Kutschers, der in seinen Stuben noch mächtiger wirkte, wenn er mit seinen großen Händen an seinem Schnurrbart zwirbelte. Ich spürte nicht, daß er uns Kinder mit geheimer Freude betrachtete, und wenn er Traute an die Zöpfe griff und meinte:Ei, das Fräulein ist aber groß geworden!" verkroch ich mich in eine Ecke, weil ich fürchtete, er könnte vielleicht seine große Hand auf meine Schulter legen, denn ich hatte keine Zöpfe, an denen man zerren konnte.

An einem Sonntag wollte Trautes Mutter die Förstersleute besuchen. Die Pferde wurden vor den Wagen, der uns auch vom Bahnhof zum Gut ge­bracht hatte, gespannt. Wieder saßen wir hinter dem breiten Rücken des Kutschers, vor dem ich nun nicht gar so arge Furcht hatte, da Trautes Mutter mit uns im Wagen saß. Auch der Inspektor stieg ein einen Vater hatte Traute nicht mehr, er war im Krieg gefallen, und wir fuhren Stunden um Stunden durch einen großen finsteren Wald. Manch­mal blinkte ein See auf, manchmal stand ein Reh still und blickte verwundert und scheu zu uns her­über. Der Wald war bedrückend, und selbst der stillen Tiere konnte ich mich nicht freuen, denn der Inspektor machte ein solch ingrimmiges Gesicht, und ich war gewiß, daß er etwas Böses im Schilde führte. Irgendwo hatte er bestimmt eine Flinte versteckt und hätte sie vielleicht schnell hervorgezogen, um auf die schönen Tiere zu schießen, wenn ich nicht so genau aufgepaßt hätte. Wie oft hatte er doch von der Jagd erzählt und von dem feinen Rehbraten, der gar so gut munde!

Bei den Förstersleuten gab es Kaffee und Kuchen. Die Förftersfrau war eine kleine rundliche Dame, die immerzu aufsprang, 'um noch dieses oder jenes aus der Küche zu holen. Man hörte, wie sie die Mamsell schalt. Dann trat sie wieder ins Zimmer mit einem lächelnden Gesicht. Ich aber begriff nicht, wie sie lächeln konnte, da sie noch eben so mit der Mamsell gestritten hatte!

Ich war froh, als es Abend wurde und wir wieder in den Wagen fliegen und die Sterne

Anselm Feuerbach: Mu11erglück, Gemälde.

(Aus der Schack-Galerie in München.)

zwischen den hohen Wipfeln der Bäume leuchteten. Ich weiß nicht mehr, wie wir im Gutshofe ange« kommen sind, an der Seite von Traute mußte ich wohl eingeschlafen sein.

Die Pfingstserien waren vorüber. Ich hatte meiner Mutter geschrieben, daß ich mit dem Mit- tagszuge in der Stadt sein würde. Traute und ihre Schwester fuhren mit mir zurück. Als wir auf dem Bahnhof ankamen, sah ich meine Mutter zwischen den Menschen stehen. Sie kam uns freudig ent­gegen. Ich trat ganz still an ihre Seite und faßte nach ihrer Hand, die ich nicht mehr freiließ. Wir traten aus dem Bahnhofsgebäude. Mutter winkte einer Droschke. Es waren noch Pferdedroschken, aber die Kutscher hatten hier längst nicht so breit* Rücken, auch trugen sie Zylinder, die ich bewunderte. Sie sprachen freundlich mit den Menschen und schrien nichtHo!" und nicht!" und ergingen sich nicht in rauhen Redensarten. Ich nahm mit meiner Mutter im Rücksitz Platz, Traute mit ihrer Schwester saß uns gegenüber. Als der Wagen an- ,ruckte, spürte ich plötzlich, wie mir die Tränen aus den Augen stürzten. Ich konnte nicht aufhören zu meinen, es würgte mir in der Kehle. Ich sah nichts mehr von der Straße, die vertrauten Häuser wogten hinter weißem Rebel. Mutter aber nahm mich fester an ihre Seite und drückte meinen Kopf an ihre weiche Brust. Sie sagte:Ach, das Kind hat Heimweh gehabt." Trautes Schwester aber meinte: Sie war doch so vergnügt die ganze Zeit, mir haben nichts davon bemerkt." Ich aber lächelte schon unter Tränen, da mich die Wärme der schützenden Mutterliebe umfing, doch ich vermochte nichts zu sagen.

Albrecht Dürer und seine Mutter.

Durch die bekannte Kohlezeichnung Dürers, die sich in Berlin befindet, ist uns das Antlitz seiner alten Mutter vertraut geworden Es ist uns mie das Antlitz der Mutter überhaupt. Die großen meitgeöffneten Augen schauen bis auf den tiefsten Grund unserer Seele dieser Mutter kann man nichts verheimlichen! Weisheit und Verstehen ist in dem ausgemergelten Gesicht, Hinhören auf den Anderen und alle Liebe und alles Leid der Mut­ter. Wir missen außer diesem Bilde und einigen kurzen Worten in den Aufzeichnungen Dürers nichts meiter von ihr. Und mir missen doch alles! Denn ebenso stark mie aus der Zeichnung des er­greifenden alten Gesichtes tritt das Wesen dieser Frau aus den einfachen Worten hervor, die ihr Sohn unmittelbar nach ihrem Tode niedergeschrie­ben hat. Und mir fühlen die Bedeutung, die sie, die schlichte Frau, für die Wesensformung unseres größten deutschen Malers gehabt hat Dank sind auch mir ihr schuldig.

Dürer berichtet, daß er seine Mutter nach des Vaters Tode zu sich nahm, da sieganz arm mar". Neun Jahre hat er sie in Ehrfurcht be­treut und versorgt, bis sie einer langmicrigen Krankheit im Jahre 1514 erlag.Diese meine frumme Mutter hat 18 Kinder tragen und er­zogen", schreibt Dürer,hat oft die Pestilenz ge­habt, viel anderer schmerer merklicher Krankheit, hat große Armut gelitten, Verspottung, Verach­tung, höhnische Worte, Schrecken und große Wi- öermärtigfeit, doch ist sie nie rachselig geroeft ... Und sie hätt allmeg mein und meiner Brüder große Sorg vor Sünden, und ich ging aus oder ein, so mas allmeg ihr Sprichmort: geh im Na­men Christo. Und sie hätte uns mit hohem Fleiß stetiglich heilige Vermahnung, hält allmeg große Sorg für unser Seel. Und ihre gute Werk und Barmherzigkeit, die sie gegen jedermann erzeigt

unreine

Waldgeschenk.

Don Helene Doigt-Diedenchs.

Morgen früh, da mird nicht ausgeschlafen, da wandern wir in den Maitau!" sagt verheißungs­voll der Glasbläser zu seinen Kindern und zu seiner Frau. In den Wald und auf die Berge laufen, nach der langen Woche in der Fabrik, kann man auch auf andere Art. Da wird der Rucksack umaehängt und im Vorüber eingesammelt je nach der Jahres­zeit: Beeren, Pilze ober auch nur Kiefernzapfen, Tannenastwerk, dürre Stecken vom Haselbusch.

Morgen am Maiensonntag aber will der Werk­mann aus einem ganz besonderen Grunde früh in feinen großen Garten hinaus. Er hat es den Seinen noch nicht verraten, aber neulich hat er beim Um- herstreifen entdeckt, es ist die Zeit, wo der Frauen­schuh blüht, diese schöne seltene Pflanze, die ge­rechtermaßen seit ein paar Jahren unter Natur­schutz steht. Den hätte es nicht gebraucht für den Liebhaber, der sich mal eine einzelne Blume ins ©las setzt. Aber daß die Stadtleute losziehen, rupfen, knicken und ausgraben wenn dies so weitergegangen wäre, gar manche Pflanzenart hätte in Gebirge, Tal und Acker nie ein Mensch mehr Dors Gesicht bekommen.

Damit der Vater seiner Frau und den Kindern nicht zuviel verspricht, ist er schon am Himmel­fahrtstag allein los gewesen, wie ein Dachs an den Hängen entlang gespürt, um die richtigen Plätze auszumachen. Seine liebe Frau, hat sie nicht reich­lich zu schaffen gehabt, seit sie knapp vor Ostern das kleine neugebaute Siedelhaus bezogen haben! Da­für soll nun aber auch, ihr zum Lohn, die lieber» raschung am Muttertag klappen.

Um diese Jahreszeit braucht man keine Weckuhr. Das Wecken besorgt der Kuckuck; um vier Uhr ist der Glasbläser mit seiner Frau und dem Mädchen und dem Jungen schon zum Hause hinaus, lieber dem Fluß wölkt ein zarter Dunst, aber hier, höher am Berg, will der Himel blau werden. Die Blätter­wände der Kastanien sind rosig von ihrer eignen Blüte und vom Morgenlicht. Die Häuser stehen alle noch mit geschlossenen Fenstern, nichts lebt auf der Straße nur die Vögel laufen hin und her Dros­sel Haubenlerche, Rotkehlchen; auf dem Pfosten sitzt keck ein Gimpel in seinem prächtigen Federrock.

Bald sind die Wanderer vollends zum Stadtrand­dorfe hinaus. Das Seitental herauf, entlang dem Bachlauf, dampfen die Wiesen. Das lebendige Korn begrünt die roten Aecker. Die Pappeln ragen senk­recht mit lichten Wipfeln aus dem Bodennebel. Grau von Nässe ist der Klee. Und nun gar der LlleleU (ein Weiß, Rosa und Himmelblau schim­

mert nur verdeckt. Das Wild hält sich noch ver­borgen am trockenen Hang. Aber von irgendwo klingt der Balzruf des Fasans, und im kahlen Kar­toffelacker sitzt aufrecht ein Hase, stellt die Augen nach der einen und die Löffel nach der anderen Seite und läßt sein taunasses Fell von der jungen Sonne wärmen und trocknen.

Tauben klatschen hoch von den dunklen Dächern des Dorfes im Pappelgrund. Jetzt wird der Hang steil und unfruchtbar, nackt bricht der Muschelkalk zwischen den Kiefern hervor. So arm sie stehn mit kümmernden Nadeln, da jst keine, die nicht ein paar helle Maienlichter aufsteckte. Zwischen ihren hung­rigen, weithin suchenden Wurzeln haben sich wohl­gemut die Karnickel eingebaut.

Die Kinder spähen mit scharfen Blicken, sie möch­ten es dem Vater zuvor tun, den ersten Frauen­schuh selber entdecken! Der läßt sie gewähren, lächelt still für sich. Wozu hat er vorgesorgt? Ahah hier ein Holzsplitter unter den Stein geklemmt das erste Merkzeichen!

Wie von ungefähr zweigt der Vater zum Hang hinauf. Aber das Mädchen, die Schlaue! Flink ist sie ihm zur Seite, bald vorweg! und nun schickt sie schon von oben ihren hellen Finderruf.

Bald hockt die ganze Familie staunend auf dem abschüssigen Boden um das Nest von nickendem Frauenschuh. Maiengrün leuchten die gewellten Blätter, der krauttge Stengel steht steil heraus, daran schwebt, groß und fremd, fast wie ein an- gehängter Vogel, die nie gesehene Blume

Geheimnisvoll bläht sich, zwischen blutdunklen Zipfeln, die goldgrüne Honiglippe Ist es nicht eine Pracht, wie die ganze Pflanze strotzig dasteht . Die Kinder staunen zu den Eltern hin, tun ihre Fragen, nehmen Wort für Wort aus des Vaters Mund. Sie wissen schon, abgeschnitten wird hier nichts! Wozu auch? Ist doch nirgendwo^ eine Pflanze so schön wie an ihrem natürlichen Stand­ort Aus dem Weiterweg finden sie noch einmal ein volles Beet. Aber hier sieht es beim Naher- fommen schlimm aus. Die Blätter sind unversehrt doch an den Blüten hat ein Reh herumgezerrt. Hat sie zerbissen, verstümmelt, nur eine Knospe ist ver­schont geblieben. Hier auch eine volle Blute heil, aber an ihrem Stiel tief zwischen die kühlen Blatter niedergeknickt. Sie läßt sich nicht wieder aufrichten, will schrumpfen, da ist es schon recht, sie vollends abzulösen. Vielleicht gelingt es, sie daheim im Wasser für ein paar Stunden lebendig zu machen»

Nach dem ersten Morgensingsang sind die Vögel nun stiller geworden. Da gibt es keinen Sonntag, Futter müssen sie schassen für ihre Jungen So ein hilflos flaumfedriger Gelbschnabel was verlangt

er nicht alles, zum Glück für den Wald! wie wollte der sonst bestehn gegen die Unmassen winziger Angreifer.

Bleibt mal still, Kinder, und horcht! Alle hören und sehen, wie es rieselt und knackt unter der Eiche von schwärzlichem, schnell verdauten Blattfutter. Und nun der nächste Baum! Behängt ist er mit wie aus Glas gesponnenen Schaukelfäden, an denen die kleine grüne Raupe, die zur Verpuppung reif ist, sich zu Boden feilt.

An diesem warmen viellebigen Morgen, auf Schritt und Tritt hat der Vater seinen Kindern was zu zeigen. Wie die Kiefer blühen will, in zierlich braunlichten Kegeln liegt es nicht wie ein gol­denes Frühlingstuch über dem ganzen winterdunk­len Baum? ... Höher im Wald, wo es schwarze Erde gibt, Feuchtigkeit und duftende Maiglöckchen, da finden sich tischgroße Wasserlöcher, das schönste natürliche Aquarium mit grünen Pflanzen am Grund und flinken Salamandern. Da! ein Käfer plumpst hinein, der kleine Räuber im besonnten Wasser rudert heran schon ist das Flügeltierlein verwandelt in eine kleine glashelle Luftblase ...

Man soll beileibe nicht meinen, daß an der Pflanze nur die Blume schön sei. Jeder Wurzelstock am Grund, jedes Kraut gebt acht! ist nicht gar manches Mal das Laub am Zweig: hier die Fich­tennadel, dort das schlanke Buchenblatt! geformt wie ganz im Großen die Baumkrone? macht das Herz froh, sobald man es nur wahrhaftig anschaut. Das rechte Anschaun, das hat es in sich . Der Vater wird nicht müde, die Seinen zu immer neuen Frühlingswundern hinzuführen Manchmal kommt es auch vor, daß er selber die Kinder befragt, denn sie lernen manches in ihrer Heimatkunde, wovon, als er selber klein war, niemals ein Lehrer mit den Kindern gesprochen hat.

Der Morgen rückt vor. Nach dem einsamen Teil des Waldes, wo man ohne Weg und Steg auskam, trifft man nun die Pfade, die glatt und gemächlich aus der Stadt die Scharen der Spätaufsteher her­aus führen.

Als die Sonne recht mailich an zu brennen fängt, ist die Familie wieder zu Haus angelangt Die Mutter wärmt das bereit gestellte Essen, der Vater selber hat darauf bestanden, daß sie sich heut mit Kochen nicht plagen darf. Die Kinder ordnen ihre Maiblumensträuße, einen davon soll die fremde Mutter kriegen, die im Nebenhaus tagaus tagein lahm am Fenster sitzt.

Der Vater zieht den geknickten Frauenschuh aus dem schattenden Papier. Die Blüte ist schlaff und zerdrückt Aber sieh einer an! aufhauchen läßt sich die Honiglippe, mit einem Glasstäbchen werden die

Blütenzipfel geglättet, und zuletzt wird die Pflanze zur Erfrischung bis an den Hals ins Wasser gesteckt.

Und wirklich, als Vater und Kinder sich zu ihren Tellern um die Mutter setzen,' duftet aufgelebt in der Mitte des Tisches das schönste blühende Wald­geschenk.

Zeitschriften.

Die K u n st", Monatshefte für Freie und Angewandte Kunst (Verlag F. Bruckmann, Mün­chen. Preis vierteljährlich 7 Mark) bringt als Auf­takt zu einem Wettbewerb um das beste Kinderbild- nis einen AuflaH über dieses Thema von Ulrich Christoffel, mit Abbildungen, die zeitlich von Ti­zian bis Thoma reichen; Christoffel untersucht darin die besondere Aufgabe, die der Kinderbild­nismalerei zukommt und rückt so das Thema über das Historische hinaus in die Sphäre der Problemstellung, wie sie sich der heu­tigen Malerei darstellt In einer Artikelserie sol­len die jungen drängenden Kräfte der deutschen Malerei zu Worte kommen. Als dritter Maleraufsatz ist der über den holsteinischen Maler Wilhelm Pe­tersen hervorzuheben, der sich gleich bei seiner ersten Ausstellung einen Erfolg zu sichern gewußt hat. Den plastischen Teil des Heftes bestreiten die Bildhauer Josef Enseling in Essen (besonders eindrucksvoll der Kriegerkopf vom Coesfelder Ehrenmal) und Josef Henselmann in München Der AufsatzBauten, Fahnen und Licht" von Wilhelm Lotz zeigt on Hand eindrucksvoller Abbildungen, wie durch die Anordnung von Fahnen und durch die nächtliche Anstrahlung die Architektur zu höchster Wirkung gebracht wird. In dem Teil Wohnungskunst, der voll von geschmacklichen und praktischen Anregun­gen für alle, die sich ihr Heim schön machen wollen, ist, nimmt der Aufsatz über das Arbeitszimmer den größten Teil ein. Sehr schön sind die Bilder von Gartenhäusern des Stuttgarter Architekten Valen­tin. Auch die Einfamilienhäuser des Münchener Ar­chitekten G. H. Winkler werden Beifall finden. Prächtiges Kunstgewerhe verschiedener Art beschließt das Heft.

Das neue Heft derSire n e" bringt u. a. Aufnahmen von den unterirdischen Schutzräumcn der sächsischen Stadt Penig, die aus dem Mittel­alter stammen und heute wie damals für den Ernst­fall ideale Zufluchtsstätten darstellen; ferner Bilder­artikel über Luftschutzübungen der HI und über die Ausbildung von Laienhelferinnen auf dem Lande. Ein Bildbericht schildert die große Rolle des deutschen Vorbildes bei der Ausbildung der japa­nischen Marineflieger. Herrliche Photos zeigen den Park von Sanssouci zur Zeit der Magnolienblüte.