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Nr. 105 Zweites Blatt

GießenerAnzeiger (General-Anzeiaer für Oberheffen)

Samstag, 8.Mai l<)57

Ltnd der Wesipakt?

Don Dr. Hans von Ma»ottN.

Mit jedem Tag erweist es sich aufs Neue, daß die Entlassung Belgiens aus seinen Locarno-Verpflichtungen nur den Auf­takt "für eine große diplomatische Auseinander­setzung gebildet hat, deren Tragweite und Bedeu­tung weit über das belgische Problem hinausreicht. Die Presse Frankreichs und Englands mag sich da­bei noch so sehr zu dem Verständnis und Entgegen­kommen beglückwünschen, das Belgien bei den bei­den Westmächten gefunden habe. Sie kann damit weder den Eindruck verwischen, daß sich im Grunde aroei verschiedene Welten gegenüberstehen, noch kann sie verhindern, daß der Kampf, den Belgien so tapfer um sein Selbstbestimmungsrecht führt, als beispielhaft empfunden und vor allem von den Mittel- und Kleinstaaten mit Bewunderung und Sympathie verfolgt wird.

Vor allem aber gelingt es ihr nicht mehr, den ausgesprochenen Egoismus zu verbergen, der die Erklärung über die Freigabe Belgiens diktiert hat. Dabei war das Spiel um Belgien zweifellos ge­schickt aufgezogen. Was man mit der einen Hand großzügig gab, glaubte man mit der anderen wie­der nehmen zu können. Im Grunde sollte es sich nicht um die Freigabe Belgiens, sondern nur um die Ersetzung der aktiven Beistandsgarantie, die Belgien im Locarno-Vertrag übernommen hatte, durch den Mechanismus des Artikels 16 der Völker­bundsakte handeln. War Belgien auch nicht mehr durch die Bindung des Locarno-Vertrages für die eigenen Zwecke zu gebrauchen, so glaubte man doch auf dem Weg über diekollektive Aktion" zum Ziel zu gelangen. Danben deutete man den Willen Belgiens zu ausreichender Selbst­verteidigung als eine Verpflichtung, die England und Frankreich das Recht gäbe, alle wünschenswer­ten Einblicke in die belgische Landes­verteidigung zu tun. Die französische Presse sprach ganz ungeniert von einer Art Kontrollrecht, das Belgien zugestanden habe, und womit den Ge­neralstäben der beiden Westmächte wieder die eben geschlossene Tür geöffnet wäre.

Belgiens Außenminister S p a a k hat nicht ver­fehlt, die Dinge richtigzustellen und die Hoffnungen Frankreichs und Englands auf künftige Einfluß­möglichkeiten in Belgien in ihre Schranken zu ver­weisen. Seine allerdings auch notwendige Feststel­lung, daß die Landesverteidigung Belgiens ein rein technisches Problem sei, das Belgien in voller Unabhängigkeit und ohne fremde Einmischung lösen werde, ist von entscheidender Bedeutung. Sie läßt erkennen, daß die belgische Politik weder ein Kontrollrecht von feiten der Westmächte anerkennt, noch bereit ist, einen solchen Preis für die englisch­französische Garantie zu zahlen. Es wird abzuwar­ten sein, ob und wie sich England und Frankreich mit diesem Standpunkt abfinden werden. Kompli­kationen liegen hier jedenfalls im Bereich der Mög­lichkeit.

Dies gilt auch für die Frage der Auslegung der Völkerbundssatzungen, wo sich jedenfalls ganz verschiedene Auffassungen gegenüberstehen. Herr Spaak hat den Standpunkt vertreten, daß die Sanktionsverpflichtungen und die Durchmarschfrage der souveränen Entscheidung jedes Völkerbundsmit­gliedes unterliegen müssen. In diesen schwerwiegen­den Dingen will Belgien sich weder majorisieren las­sen, noch will es ein eigenmächtiges Vorgehen Frankreichs auf Grund seiner Bündnisverpflichtun­gen alskollektive Aktion" anerkennen. Den Hoff­nungen der französischen Politik, Belgien über Ar­tikel 16 im. entscheidenden Augenblick für ihre Zwecke einzuspannen, ist Herr Spaak mit einer sehr inter­essanten Interpretation der Völkerbungsaktion ent­gegengetreten. Danach setzt sie für Belgien zwar nicht die effektive Teilnahme aller Völkerbundsstaa­ten, wohl aber die Teilnahmeder Nach­barn Belgiens" voraus. Der belgische Staats­mann hat damit vor allem Rolland im Auge, dessen Außenminister bekanntlich in aller Form b e st r i t t e n hat, daß ein Staat zur Teilnahme an Sanktionen gezwungen werden kann.

So klar es also ist, daß Belgien sich an dem holländischen Vorbild orientieren und sich auf das Verhalten dieses Staates berufen will, so sehr muß andererseits in Betracht gezogen werden, daß es sich hier um subjektive Aüslegungen handelt, die keine Rechtskraft haben. Das gleiche gilt natür­lich auch von der französischen Völkerbundstheorie, die der Genfer Satzung einen Zwangscharakter zu­spricht. Das bedeutet aber, daß diese Dinge weiter in der Schwebe bleiben, und die französische Presse hat ja ganz offen ihre Hoffnung zum Aus­druck gebracht, daß Frankreich im entscheidenden Augenblick es doch verstehen werde, seiner These aum Siege zu verhelfen, d. h. sie den widerstreben­den. Mächten aufzuzwingen. Diese Erwartung ist allerdings reichlich optimistisch und verkennt die Ausmaße und das Gewicht der Abneigung, die sich in der ganzen Staatenwelt gegen den Zwang zum Kriegführen herausgebildet hat. Denkbar wäre es jedenfalls, daß die von Belgien her wieder einmal auf Gerollte Problematik der Sanktionsartikel der sanft entschlafenen Völkerbundsreform einen neuen Auftrieb gibt. Dafür sprechen auch manche Andeutungen, die Herr Spaak gemacht hat, ganz abgesehen von der Unterstützung, die er im Falle einer energischen Initiative bei der Gesamtheit der Neutralen" finden würde.

Unter europäischen Gesichtspunkten wäre es nur zu begrüßen, wenn das belgische Problem zum An­laß genommen würde, um endlich einmal d i e ganze Sanktionspolitik grundsätzlich und entsprechend dem Zug der Zeit zu klären und die Welt von dem Albdruck derkollektiven Aktion", dieser Dämmerzone zwischen Krieg und Frieden, zu befreien. Im Grunde geht es hier um die alte Streitfrage, was der Völkerbund im Rahmen der Staatengemeinschaft eigentlich darstellen soll. Es ist wichtig, sich zu erinnern, daß in dieser Frage die Politik Frankreichs und die Einstellung Englands gar nicht Übereinstimmen. Während England in dem Genfer Bund nie etwas anderes gesehen hat als eine Ministerkonferenz, bei der die Staaten sich in gütlichem Einvernehmen über et­waige Maßnahmen einigen, war für Frank- r ei ch der Völkerbund stets eine Art Heber ft aat,

dessen Entscheidungen sich die Mitglieder ohne wei­teres zu unterwerfen hätten. Diese Einstellung war allerdings auch nur zweckbedingt, weil die Inter­essen Frankreichs im allgemeinen es so wollten. Daß die französische Politik aber auch anders kann, bewies sie beim Abschluß des Russenpaktes, der gerade auf dem entgegengesetzten Grundsatz der Entschließungsfreiheit der Völkerbundsmitglieder be­ruht, ja den Rat als dritte Instanz völlig ausfchal- tet.Diefer Opportunismus eines führenden Genfer Mitgliedes, der jede Grundsatztreue vermissen läßt, sollte ein Grund mehr sein, um die Völkerbunds­reform in Angriff zu nehmen und dafür zu sorgen, daß dem Gedanken der Souveränität und der Frei­heit der Entschließung und Handlung im internatio­nalen Leben endlich wieder grundsätzlich zum Siege verhalfen wird. Nur dann wird sich die Genfer Institution, wenn überhaupt, wieder von ihrer schweren moralischen Einbuße erholen können.

Aber all diese Probleme reichen weit in die Zu­kunft hinein. Näher liegt zunächst die Frage, welche Entwicklung die Dinge nach der Entpflichtung Bel­giens im W e st e n nehmen werden. Die deutsche Auffassung, daß es sich nur um eine Etappe han­deln kann, ist von Herrn Spaak mit dem Wunsch bekräftigt worden, den derzeitigen Zustand durch Einbeziehung Deutschlands zu erweitern und somit das durch die französisch-englische Erklärung ge­schaffene einseitige Verhältnis durch eine alle Seiten befriedigende Regelung zu er­setzen. Eine konstruktive Aufgabe also, deren Lösung gewiß nicht durch Ansichten erleichtert wird, wie sie D e l b v s vor dem Senatsausschuß entwickelte. Wenn der französische Außenminister der gegen­wärtigen Lage nur deshalb Interesse abgewinnt, weil sieden Verteidigungsmitteln an der Ostgrenze größere Geschmeidigkeit verleihen werde", so hat das mit konstruktiver Politik nichts mehr zu tun. Solche Aeußerungen legen den Verdacht nahe, daß die französische Politik die gegenwärtigeEtappe" als einen erfreulichen Endzustand ansieht, ganz ab­gesehen von der verblüffenden Offenheit, mit der Deutschland hier wieder unter der Perspektive des vermutlichen Angreifers" betrachtet und behan­delt wird. Was hat es denn noch für einen Sinn, wenn Selbes im gleichen Atemzug von Verständi­gung und Westpakt spricht.

Zu denken gab ja auch die Eile, mit der Frank­reich und England ihre Garantie gegen­über Belgien ausgesprochen haben. Diese

Garantie gehört nicht in die Entpflichtung Bel­giens, sondern in die W e st p a k t - Verhandlungen, weil sie einen Baustein des neuen westlichen Sicher­heitsgebäudes darstellt. Das Vorgehen der beiden Westmächte erweckt dagegen den Eindruck, daß man wieder einmal ein wichtiges Problem zunächst unter s i ch vorweg behandeln und im Sinne der eigenen Interessen festlegen will. Es wird Sache Belgiens sein, sich gegen diese Manöver zur Wehr zu setzen. Dies ist offensichtlich auch die Absicht des belgischen Außenministers, der wohl weiß, daß die Unabhängigkeit des Landes durch Einbau einer deutschen Garantie ausbalanciert werden muß. Was die Form betrifft, so denkt man in Brüssel jetzt offenbar an ein System von Nichtangriffspakten unter möglichster Ein­beziehung Hollands. Dies ist insofern eine Ab­weichung von der ursprünglich in den belgisch-hol­ländischen Besprechungen vorgesehenen Linie, als dort ein Garantiepakt der drei Großmächte ohne Teilnahme Belgiens und Hollands ins Auge ge­faßt wurde.

Ob Brüssel nun die holländische Politik für die Nichtangriffspakte gewinnen kann ober nicht entscheidend ist die grundsätzliche Richtung, in der sich die kommende Entwicklung vollziehen muß, wenn tatsächlich Friedensarbeit geleistet werden soll. Und das bedeutet, daß die zwischenstaatliche Politik sich endlich von dem Gedanken leiten läßt, die Konfliktsmöglichkeiten auszuschalten, nicht aber auf Umwegen und durch Hintertüren die berühmten Ausnahmen" zuzulassen. Die Idee des totalen Kriegsverzichts, dieser von Deutschland vertretene und auch die belgische Politik leitende Gedanke ist es, der allein zu einer wahren Friedenssicherung führen und das natürliche Ruhe- und Sicherheits­bedürfnis der Völker befriedigen kann. Es ist er­freulich und bestätigt den Nutzen dieser von Deutsch­land konsequent verfolgten Politik, daß kürzlich auch der luxemburgische Staatsminister Bech Ausfüh­rungen gemacht hat, die in die gleiche Richtung wiesen. Immer deutlicher stellt sich so für die beiden Westmächte das Problem, diesen neuen Einsichten und Erkenntnissen Rechnung zu tragen und damit den Raum freizugeben für die systematische Ver­wirklichung eines Friedensgebäudes, das in prak­tischer und moralischer Hinsicht unendlich viel höher steht als jene falsch verstandenen und mißbrauchten Genfer Solidaritäten, die sich immer mehr zu einer kollektiven Gefahr entwickelt haben.

Das neue Paradies.

Wer zahlt in Frankreich die Zeche? Die Schraube dreht sich weiter.

Von unserem Sonderberichterstatter Kurt Ziesel.

Paris, Ende April 1937.

Ob man die Zeitungen in Paris lieft ober Plakate studiert, ob man mit Intellektuellen spricht oder mit Arbeitern, man begegnet seit Wochen einem heftig diskutierten Begriff in ganz Frankreich:le loisir. Das ist der Begriff der Mußestunde. Bislang gab es dieses Problem in geringem Umfang. Man erhitzte sich über die Möglichkeiten, die Mußestunden zu verbringen, nicht allzusehr. Der Sonntag, der dieses Problem für die breiten Massen der Arbeiter­schaft aufwarf, ist nicht zu kurz und nicht zu lang. Man fährt ein bißchen ins Grüne, man geht in ein Variete, in ein Kino. Man tanzt, man trinkt, man amüsiert sich irgendwie und freut sich im Grunde, wenn man am Montag wieder am Arbeitsplatz steht. Denn so ein Sonntag kostet sein Geld. Der französische Arbeiter ist einem guten Tropfen nicht abgeneigt, er geht gern ins Kino oder Kabarett. Man mußte sich das natürlich vom Munde ab­sparen und in der Wache trockenes Brot essen. Aber es enthob für einen Tag dem Alltag und gab eine gewisse neue Kraft.

Man organisiert in Frankreich nicht gern. Man sieht dieserhalb lächelnd auf Deutschland. Nun ist das Lächeln etwas vergangen. Die französische Ar­beiterschaft hat das Danaergeschenk der zwei Sonntage in der Woche erhalten. Die einen feiern Samstag, die anderen Montag zum Sonn­tag dazu. Die seltenen doppelten Festtage des Jah­res werden nun zum wöchentlichen Recht und vor allem zum ... wöchentlichen Problem! Ein, zwei Wochen lang war es ganz reizvoll. Da sonnte man sich so richtig im Rausche des Erfolges und war geneigt, diesen Erfolg als eine soziale Tat der extremen Linksparteien zu feiern. Aber der Katzenjammer blieb nicht aus. Wie ist es heute schon in Frankreich?

Kommen Sie einmal mit", sagte eine kleine französische Studentin zu mir, mit der mich der Zu­fall und ihre guten deutschen Sprachkenntnisse zu­sammengeführt hatten. Wir fahren mit der Metro, der Pariser Untergrundbahn, in eine der. kleinen Pariser Vororte, wo die Massenwohnungen der Pa­riser Arbeiter sich in trostloser Eintönigkeit dehnen. Der Glanz des zentralen Paris, die Parks und Boulevards, die Paläste und Museen und Denk­mäler einer großen Geschichte sind erloschen. Hier draußen sind enge Straßen, kein Grün, viel Schmutz. Die Geschäfte spielen sich mehr vor den Häusern als in den Häusern ab. Von der einen zur anderen Seite spannen sich Wäscheleinen. Wie in Neapel denkt man zuerst. Es hat viel Aehnlichkeit. Nur, daß hier weniger romantische als humane Gefühle die Oberhand behalten.

Meine Begleiterin sieht mich prüfend an, als ich über die Gerüche die Nase rümpfe.Daran ge­wöhnt man sich" tröstet sie mich.Ich bin hier jede Woche einmal draußen. Wir haben einen sozialen Verein und helfen und raten hier. Wir arbeiten auch mit der Heilsarmee zusammen. Sie ist in Paris die stärkste Trägerin der sozialen Arbeit und Fürsorge."Und der Staat?" frage ich.Der hat andere Sorgen", sagt sie ein wenig bitter. Sie wird nun da und dort von Frauen gegrüßt, Kinder geben ihr die Hände und laufen ein Stück mit. Die junge französische Studentin, eine erbitterte Gegne­rin des Kommunismus' will mir etwas von der sozialen Situation der ftanzösischen Arbeiterschaft zeigen.Begreifen Sie", fragt sie mich,warum wir Franzosen, die unsere Arbeiterschaft und ihr Leben kennen, Gegner der 40 = St unden - Woche sind? Sehen Sie: schlechte Wohnungen,

miserable hygienische Derhältnftse, wenig Luft und Sonne, mangelhafte Ernährung der Kinder, bau­fällige und uralte Häuser. So ist es auf der einen Seite. Die Frauen tragen eine ungeheure Last. Sie werden früh verbraucht, sie haben Mühe, ihre Män­ner an Heim urtb Familie zu binden. Aber statt Arbeit, Besserung, Aufbau, statt sozialer Einrich­tungen, statt großzügigem Wohnungsbau, statt Kleinsiedlung, Familien- und Kinderfürsorge, statt der Schaffung besserer Lebensbedin­gungen und damit größerer Lebensfreude, macht man zwei Sonntag e." Ich bin schweigsam geworden. Hier ist ein ganz neuer Gesichtspunkt. Ich höre ihn zum erstenmal. Er kommt aus dem praktischen Leben. Er betrifft Frau und Familie des französischen Arbeiters. Dient man der Gemein­schaft dieser Familie mit der 40-Stunden-Woche?

Wir kommen zu einer jungen französischen Ar­beiterfrau, die meine Begleiterin besuchen will. Sie hat vor vier Wochen ihr drittes Kind bekommen. In der Wohnung ist es sauber, aber ärmlich. Die Kleider der Kinder sind fadenscheinig und alt. Ein­richtung fehlt fast ganz. Die $rau ist blaß, aber sie hat schon wieder ein tapferes Lächeln.Es geht schon wieder ganz gut", sagt sie fröhlich, als sie die Studentin sieht.Die Kinder brauchen neue Schuhe", sagt sie etwas schamhaft,aber es reicht mit dem Geld nicht."Wir werden sehen", sagt die Studentin und notiert sich den Wunsch.Hier können sie einmal über die 40-Stunden-Woche etwas hören", sagt sie zu mir gewandt. Ich frage. Die Frau sieht mich mißtrauisch an. Dann legt sie los. Früher hätte man einen schönen Sonntagnachmittag mit einem Spaziergang Zugebracht. Abends wäre der Mann meistens wohl in ein Lokal gegangen. Denn den ganzen freien Tag in dieser Wohnung mit den Kindern herumsitzen, das könne sie ihm nicht zumuten. Er war so ganz zufrieden. Nun käme er aus feiner Schuhfabrik schon am Freitagabend zum freien Wochenende nach Hause. Und dann sei es losgegangen. Die erste Woche hätten sie noch versucht, die zwei freien Tage zusammen totzu- schlagen. Nun aber ginge er Samstag mittag weg und käme in der Nacht betrunken nach Hause und am Sonntag finge die gleiche Geschichte von vorne an.

Das ist aber sicher ein Einzelfall", versuche ich zu unterbrechen,warum fahren Sie nicht einmal in die Umgebung? Warum gehen Sie nicht in ein Bad, in irgendwelche Arbeiterveranstaltungen, in Ausstellungen, Bibliotheken oder ähnliches?" Sie sieht mich verständnislos an. Die Studentin lächelt. Nun sind Sie dort, wo ich Sie haben wollte. Denn das gibt es ja eben alles nicht. Bei Ihnen hat man, ich habe es voriges Jahr in Deutschland erlebtKraft durch Freude", so heißt es doch: Theaterbesuche, Schiffahrten, kleine und große Reisen, billig, fröhlich, gesund. Sie treiben gemeinsam Sport und Spiel. Sie schwimmen und turnen gemeinsam, Eure Arbeiter und Arbeiterin­nen. Dies alles haben wir nicht. Die Mußestunden sind nicht organisiert. Man hat die Sache beim Schwanz aufgezäumt. Es gibt keine billigen Son­derzüge, keine billigen Gemeinschaftsveranstaltun- gen, ferne billigen Arbeitertheatervorstellungen. Mu­sikabende, Varietes, Kinos oder Aehnliches. Man treibt nicht gemeinsam billig Sport, man fahrt nicht gemeinsam billig aufs Meer, übers Land, oder auch nur zum Wochenende in die Umgebung von Paris. Wir haben keine Bäder für Arbeiter, keine nennens­werten Turnhallen und Sportplätze. Wir haben nur zwei Sonntage."

Ich erinnere mich des boshaften Wortes eines französischen Unternehmers:Im vergangenen Mo­nat haben wir in Frankreich als schönes Ergebnis der 40-Stunden-Woche 20 Prozent zu wenig Kohle gefördert, die wir nun grundsätzlich einführen muß­ten. Dafür ist unser Alkoholverbrauch um 20 Pro­zent gestiegen." Das ist zweifellos ein Bonmot, eine Tarifierung. Aber die Wurzel hat ihre Gründe im Leben. Die zwei Sonntage haben eine ungeheure demoralisierende Wirkung. Der fran­zösische Arbeiter hat keinen kleinen Garten, wo er in feiner Kleinsiedlung zwei Tage Sonne und Lust genießen kann, er hat feine Organisation, die ihn und seine Familie seinen miserablen Einkommens­verhältnissen gemäß billig zwei Tage ins Grüne führt, keine Organisation, die ihm billige Bibliothe­ken, Museen, Theater, Kinos, Varietes erschließt, keine, die ihm das Problem seiner Mußestunden, die er nicht in seinen ärmlichen, überfüllten Woh­nungen zubringen will, abnimmt. Eine Organisa­tion, wie etwaKraft durch Freude" wäre für die französische Arbeiterschaft und damit für ganz Frankreich weitaus wichtiger, gesünder und not­wendiger. Welch eigenartiges Gesicht bekommt der Sozialismus der französischen Gewerkschaften von dieser Seite! Hier wird die Demagogie dieser Maß­nahme eindeutig sichtbar. Nicht ein Lebensbedürfnis des französischen Arbeiters hat diese 40-Stunden- Woche ins Leben gerufen, sondern politische Gau­kelspieler, die um ihre Eristenz kämpfen.

Die Frau des französischen Arbeiters ist auf der ganzen Linie eine erbitterte Gegnerin dieserFau­lenzerei", wie mir dieses einer Arbeiterfrau kate­gorisch erklärte. Mit völliger Logik erläuterte sie mir:Welcher Wahnsinn, Millionen gesunde und junge Männer, vor allem in den großen Städten, zum Nichtstun anzuhalten. Mein Mann hat nie ein Wort gesagt, daß er weniger arbeiten will, er will nur mehr verdienen, er will besser wohnen, er möchte ein kleines Gärtchen haben, er möchte ein­mal eine Reise mit mir machen können, einmal ins Theater gehen, Bücher kaufen können. Aber von Tag zu Tag wird alles teurer, alle Streiks und Lohnforderungen können diese Preissteigerungen gar nicht so schnell mitmachen. Und nun wird es noch teurer werden. Und wer spürt es zuerst und am meisten, wenn weniger gearbeitet wird und die Er­zeugung teurer und daher die Preise höher werden: Wir! Wir französischen Arbeiterfamilien!"

Ich höre das gleiche Lied von drei anderen Frauen. Das gleiche bekennt mir schließlich eine Gruppe von Arbeitern, die ich in der Mittagspause am Neubau des Trocadero in Paris spreche.Schön ist es doch, nur fünf Tage zu arbeiten", sagen sie zuerst. Als ich ihnen von meinem Gespräch mit den Arbeiterfrauen erzähle, geben sie einer nach dem andern klein bei. Als man von der Schraube, von der ewigen Schraube der Verteuerung der Er­zeugung durch Lohnerhöhungen und -weniger Ar­beit und folgender Preissteigerung spricht, lachen alle.Das ist nicht unsere Sorg e." Das wird schon der Gewerkschaftsoerband in Ordnung brin­gen. Sie sind bei aller Verbitterung und Verhetzung immer zum, Optimismus geneigt. Er hat etwas Versöhnendes. Es ist nicht der beste Boden für Moskaus Anarchismus. Hier spricht schon überall ein wenig von der Sicherheit des Franzosen, der am Himmel der Zukunft sein Häuschen und seine Rente und seinen Lebensabend im Grünen sieht. Das darf man nicht außer acht lassen.

In unserem Gespräch werden wir durch einen vorbeiziehenden Demonstrationszug gestört. Die Rufe und Plakate zeigen, daß hier die Kino- angeftellten und Angestellten der sonstigen Vergnü­gungsstätten von Paris Lohnerhöhungen und 40- Stundenwoche fordern. Sie sind auch bisher davon ausgeschlossen worden. Die Arbeiter winken ihnen solidarisch zu. Ich sehe sie an. Eben noch geben sie zu, daß die Segnung der 40-Stundenwoche eigent­lich ein großer Betrug sei. Nun haben sie es schon wieder vergessen.Das ist Frankreich", sagt die französische Studentin an meiner Seite. Auch sie lächelt den Demonstranten sympathisierend zu.

Als der Rummel vorbei ist, beginnt sie mir an­dere Erscheinungen zu erklären. Diese 40-Stunden- woche ist vor allem die größte Ungerechtigkeit für die Gesamtheit Frankreichs, sagt sie eifrig.Sehen Sie, alle die Angestellten der Bahnen, der Taxis (es gibt kaum Privattaxis in Paris), der Kinos, der Gaststätten, der Theater, Varietes ufw die haben statt eines schweren Tages in der Woche, des Sonntags, nun zwei, an denen sie doppelt so viel arbeiten müssen als sonst. Das Leben und die Wirtschaft eines Volkes sind etwas Eingespieltes, Eingewöhntes, in Hunderten von Jahren aufein­ander Abgestimmtes. Man zerstört nicht ungestraft mit Willkür, Demagogie und Schlagworten einen solchen Lebenszustand."

Wir sprechen in der Metro mit einem Schaffner. Er schimpft auf den kleinen Lohn und beschwert sich, daß er sechs Tage arbeiten muß und andere Ar­beiter nur fünf Tage arbeiten. Ueberall ist es ähn­lich. Frankreich löst sich in Klassen auf, und diese Auflösung erfolgt nach Rechten, Wünschen und Interessen. Wer svricht noch von Pflichten, von dem Wohl der Gesamtheit, von der Nation? Das Millionenheer der Angestellten, die noch keine 40-Stundenwoche haben, werden sie auch noch durchsetzen. Sie drohen schon mit Verkehrsstreik, mit Streik in den Kinos und Theatern, groteske Blü­ten des sozialen Kampfes entfalten sich: Kranken­hauspersonal streikt, lebenswichtige Betriebe wer­den stillgelegt. Ist das Ethos der Arbeit, das Pllicht- bewußtsein in Frankreich unter der Arbeiterschaft ausgestorben? Wir fühlten, daß es anders ist, aber die Verhetzung, die Macht der Apostel aus Moskau hat sich bisher als stärker erwiesen. Es ist der Weg der Selbstzerfleischung. Wenn man den Kreislauf wirtschaftlichen Lebens durchdenkt, wird es überall klar: Der Arbeiter verdient so und soviel. Für zwei Sonntage braucht er schon mehr Geld als an Werk­tagen. Bahnen, Autos, Vergnügungsstätten müssen ihre Preise erhöhen, weil auch ihre Angestellten für das gleiche Geld weniger arbeiten wollen. Also wird das Sonntagsvergnügen des Arbeiters wieder teurer. Er braucht wieder mehr Lohn. Soziale Neu­ordnung? Maßnahmen zum Segen der Arbeiter­schaft?

Und darf man vergessen, daß die Arbeiterschaft nur ein Teil der französischen Bevölkerung ist, etwa 35 Prozent? Der Mittelstand, die Bauern,