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Marsch zur Artilleriekaserne zu begeben. Leider wurde dieser Teil des Artilleristen-Treffens, wie auch der weitere Verlauf des Tages durch das an­haltende starke, nasse Schneegestöber beeinträchtigt, jedoch hielten die alten Soldaten bis zum Schluß wacker durch.

Mit dem Trompeterkorps der Artillerie und einer Ehrenabordnung unserer Artillerie-Abteilung an der Spitze marschierten die alten Soldaten von Oswaldsgarten aus durch die Neustadt, Bahnhof­straße, Horst-Wessel-Wall, Seltersweg, Kreuzplatz, Sonnenstraße, Neuen Baue, Gartenstraße, Lud- wigsplatz, Kaiserallee zur Artilleriekaserne, wo sie bei ihrem Einmarsch in die Kaserne mit Salut­schüssen empfangen wurden und zugleich die Ehre hatten, an dem Kommandeur unserer Artillerie- Abteilung, Oberstleutnant Döring, strammen Schrittes vorbeimarschieren zu können.

Auf dem großen Kasernenhof marschierten die alten Soldaten im offenen Viereck auf. Nach der Meldung durch den Kameradschaftsführer der Ar­tilleristen - Kameradschaft 1895 Gießen, Johann Müller, an den Abteilungs-Kommandeur Oberst­leutnant Döring, hieß dieser die alten Soldaten in der Kaserne herzlich willkommen. Er begrüßte sie insbesondere als die einstigen Kämpfer des großen Krieges und als die Träger der Tradition unserer alten Artillerie-Regimenter. Weiter lieh er in den Kameraden die stolze Erinnerung an ihre Dienstzeit und an ihr Soldatentum in Friedens­und Kriegszeiten lebendig werden, dabei zugleich auf die hohen Tugenden des deutschen Soldaten­tums hinweisend: nämlich freudige Unterordnung unter den höheren Willen des Gemeinschaftsinter­esses, strengste Pflichterfüllung, Opferfreudigkeit bis zum Allerletzten, auch zur Hergabe des eigenen Lebens für Volk und Vaterland. Mit packenden Worten wies der Kommandeur dann auf das große Werk des Führers hin und stellte dabei ganz be­sonders die Wiedererrichtung unserer starken deut­schen Wehr durch den Führer in den Vordergrund. Alle Liebe, Treue und das volle Vertrauen zum Führer brachten die jungen und die alten Soldaten zum Ausdruck in dem begeisterten Gruß an den Führer.

Kameradschaftsführer Müller von der Artille- rlsten-Kameradschaft 1895 Gießen gab dem Kom­mandeur die Versicherung, daß die alten Soldaten gerne zu den aktiven Artilleristen gekommen seien, mit denen sie sich in herzlicher Kameradschaft ver­bunden wissen. Zugleich dankte er dem Komman­deur für den freundlichen Empfang in der Kaserne. Er erinnerte sodann an den alten, guten Geist der Frontkameradschaft, an die hehre Tugend des Sol­daten, die ihren stärksten Ausdruck findet in dem schlichten WorteDienen", erinnerte ferner an die glänzenden Waffentaten der deutschen Heere an allen Fronten und an die blanke Waffenehre, mit der das deutsche Heer nach dem Kriege in die Heimat zurückkehrte. Weiter wies er auf die Einsatz­bereitschaft aller alten Soldaten für unser Volk und Vaterland hin, die auch im Aufbau durch die Arbeit des Alltags im Dienste der Nation geleistet wird. Zum Schluß hob er hervor, daß, wie einst die alten Soldaten im Kriege die Probe aufs Exempel gut bestanden haben, auch die neue deutsche Wehrmacht voll und ganz ihre soldatische Pflicht und Schuldigkeit zum Wohle der Volksgemeinschaft erfüllen und stets ein schlagkräftiges, einsatzbereites Instrument des Fv^rers für den Frieden und die Ehre des deutschen Volkes sein werde. Nach altem militärischem Brauch schloß der Redner Mit drei­maligem Hurra auf unsere Wehrmacht.

EhrungdesAbteilungs-KommandeurS.

Sodann überreichte Kameradschaftsführer Mül­ler dem Kommandeur unserer III. Abt. Art.-Regt. 9 Oberstleutnant Döring als Zeichen der Verbun­denheit zwischen den alten und den aktiven Artille­risten und zugleich als äußeres Merkmal der kame­radschaftlichen Wertschätzung die silberne Ehren­nadel der Artilleri st en-Kameradschaft 18 9 5 Gießen, durch die der Kommandeur in die engste Gemeinschaft der alten Gießener Artille­

risten eingetreten ist. Oberstleutnant Döring nahm die Ehrung mit herzlichem Danke an.

Militärische Vorführungen.

Vom Kasernenhof aus begaben sich die Besucher nunmehr zu dem Kasernengclände, das an den Hin­teren Trieb in der Richtung nach dem Eulenkopf zu angrenzt. Von hier aus konnten sie die Vor­führungen der 8. Batterie unter dem Befehl ihres Chefs, Hauptmann Brech tel, beobachten. Die Batterie zeigte alle Einzelheiten des Instellung­gehens einer Batterie, von der Wahl des Stand­orts für den Richtkreis durch den Batteriechef, über die Besetzung der Beobachtungsstelle, das Einfah­ren der Batterie in Feuerstellung, das Abprotzen und Richten der Geschütze, währenddessen die Prot­zen in Deckung zurückfahren, ferner die Bereit­stellung der Geschütze zum Feuern und schließlich das Feuer selbst. Es war ein außerordentlich fes­selndes Bild, das die 8. Batterie durch diese Hebung den Zuschauern darbot. Im Anschluß daran er­folgte unter den Klängen des Trompeterkorps ein Vorbeimarsch der Batterie vor dem Kommandeur und den zahlreichen Zuschauern, der wiederum ein prächtiges Bild zeigte.

Anschließend hatte man in einer Reithalle Ge­legenheit, interessante Reit-Vorführungen von Ar­tilleristen unter dem Kommando von Major N o a ck bei der I. Reit-Abteilung und von Hauptmann Brandts bei der Voltigier-Abteilung zu beobachten. Viele Zuschauer konnten sich auch hierbei in hohem Maße erfreuen an den prächtigen Darbietungen der jungen Reiter.

Oer Ausklang in der Kaserne.

Sodann setzten sich die alten Soldaten in Ge­meinschaft mit den Offizieren der Abteilung in der Reithalle zum gemeinsamen Mittagessen zusammen. Es gab aus den Feldküchen ein kräftiges, prächtig schmeckendes Eintopfessen (Erbsensuppe mit Fleisch),

Warum die Weidenkätzchen geschützt werden müssen!

Das silberne Leuchten der Weidenkätzchen verleitet auch heute noch immer Blumenfreunde zum Pflücken von Sträußchen, obwohl durch das Reichsnatur- chutzgesetz die Weidenkätzchen geschützt sind. Gewiß weiß man, daß der Blütenstaub der Weidenkätzchen der Brut der Bienen als Nahrung dient,aber schließlich kann es doch auf ein paar Zweige nicht ankommen", so meint vielleicht der Blütenfreund und bricht trotz der drohenden Geldstrafe die Zweig­lein. Vermutlich würde er es nicht tun, wenn er wüßte, welche Mengen Blütenstaub selbst ein kleiner Blütenstand für die Aufzucht der jungen Bienen benötigt.

Es mag deshalb hier kurz einmal der Bedarf an Blütenstaub eines Bienenstandes errechnet wer­den. Zur Fütterung einer einzigen Larve benötigt das Bienenvolk 0,15 Gramm Pollen. Das macht, da die Larve nur sechs Tage gefüttert zu werden braucht, auf den Tag umgerechnet, also 0,025 Gramm Blütenstaub. Sicher ist das sehr wenig; berücksichtigt man aber, daß die Königin eines Bienenvolkes täg­lich im Durchschnitt etwa tausend Eier legt, in sechs Tagen also 6000, so daß also unterbrochen 6000 Larven zu ernähren sind, so macht das täglich 150 Gramm Pollen, bei einem kleinen Stand von zehn Völkern also 1,5 Kilo täglich. Drei Pfund Bluten­staub von den Kätzchen der Weiden denn andere Blüten, die nennenswerte Mengen Blütenstaub lie­fern stürmten, gibt es jetzt noch nicht, täglich her­anzuschaffen, dazu bedarf es einer erheblichen Ar­beitsleistung, und manche Biene fällt auf diesen Sammelflügen, bei denen sie jedesmal nur 0,01 Gramm Blütenstaub holt, der Kälte oder der Nässe zum Opfer. Würden die Weiden im Hochsommer

dem von allen Speisenden mit großem Appetit so reichlich zugesprochen wurde, daß die Feldküchen ihren gesamten Vorrat an Essen loswurden. Einige Zeit des kameradschaftlichen Beisammenseins in den Räumen des Unteroffizierskasinos und in der Kan­tine bildete den Abschluß des Besuchs in der Kaserne.

Sodann wurde der Rückmarsch der alten Artil­leristen mit den Fahnen der alten Gießener Sol­daten angetreten.

Kameradschastsadend.

Die Nachmittags- und die Abendstunden waren mit einem Kameradschaftsabend im Caf6 Leib aus- gefüllt, der so zahlreich besucht war, daß man den großen Saal in allen Teilen bis zum letzten Platze besetzt sah. Das Trompeterkorps der Artilleristen unter Leitung von Musikmeister Lindemann erfreute die Kameraden durch ein ausgezeichnetes Konzert, das hochstehende künstlerische Leistungen der Kapelle offenbarte und in allen Teilen den begeisterten Beifall der Zuhörer fand.

Kameradschaftsführer Müller von der Artil- leristen-Kameradschaft 1895 Gießen erinnerte die Kameraden in einer kurzen Ansprache an die Größe ihres schicksalsvollen Lebensweges, der sie zu Trä­gern schwerer Aufgaben in Krieg und Frieden im Dienste der Nation machte, zugleich lenkte er auch die Aufmerksamkeit auf die tapfere und opferfreu­dige Haltung der Frauen hin, die während der Kriegsjahre ihre Männer oder Söhne vor dem Feinde wußten und daheim in aller Opferbereit­schaft und Liebe zum Volke ihre Aufgabe an der jungen deutschen Generation und damit am Auf­bau des neuen deutschen Volkes erfüllten.

Die weiteren Stunden des Beisammenseins waren der frohen Geselligkeit gewidmet, die den schönen Ausklang der unvergeßlichen Stunden des 2. Artil­leristen-Treffens und des Beifammensfeins mit un­seren aktiven Gießener Artilleristen bildeten.

blühen, wenn die Natur überall Pollen in Hülle und Fülle spendet, dann käme es auf ein paar Weiden­kätzchen wahrlich nicht an. Jetzt aber sind die Wei­den die einzigen Pflanzen, die den Bienen die Nah­rung für die junge Brut liefern, und deshalb ist es notwendig, die Kätzchen zu schonen und den fleißigen Bienen die Arbeit zu erleichtern.

Domotizen.

Tageskalender für Montag.

Stadttheater: 20 UhrCarmen" (NSG.Kraft durch Freude"). Gloria-Palast, Seltersweg: Mil- lionen-Erbfchaft. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Henker, Frauen und Soldaten". Stadtkirche: 20 Uhr Vortrag von Dr. R. von Thadden-Trieglaff, Berlin.

Stadttheater Gießen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Am Freitag, 12. März, findet die Erstaufführung der OperetteDer Opernball" von Heuberger im Stadttheater Gießen statt. Die Spielleitung führt Karl-Ludwig Lindt, der sich bereits in der Spiel­zeit 1934/35 mit der Inszenierung seines Schwan­kesParole: Heiraten" als Spielleiter eingeführt hat und dessen neue Schwank-OperetteLehrling gesucht" vor kurzem mit großem Erfolg am Stadt­theater uraufgeführt wurde. Die musikalische Lei­tung hat Kapellmeister Hans H. Hampel.

AG.-Lehrerbund, Gießen.

Abteilung höhere Schule.

FachschaftNeuere Sprachen"'.

Die nächste Sitzung der Arbeitsgemeinschaft findet amfDienstag, 9. März, 16 Uhr, in der Oberrealschule

Gauleiter Sprenger in Gießen.

von der Vannpressestelle des Vannes 116 wird uns mitgeleill:

Der Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger wird am Dienstag, 16. März, zur Hitlerjugend Gie­ßens in der Volkshalle sprechen.

Die Öcutfdie Arbeitsfront ^7 7 n.9.=ßemcinf(haftfiraft durch Freude''

Amt Feierabend.

Car me n"- Dorstellung am 8. März. Diese Vorstellung im Gießener Stadttheater be­ginnt um 2 0 Uhr. Die Theaterzütze fahren nicht. Einzelne Karten zu 60 Pfennig sind noch an der Abendkasse erhältlich.

VorstellungDie vier Gesellen" am 13 März. Zu dieser Vorstellung im Gießener Stadttheater können Bestellungen umgehend erfol­gen. Die Eintrittspreise sind 70 und 90 Pfennig. Beginn: 20 Uhr.

Das Iröbelseminar zeigt seine Jahresarbeit.

In einer liebevoll aufgebauten Ausstellung gab am Samstag und Sonntag das Fröbelseminar in seinem Hause an der Gartenstraße wieder einmal Rechenschaft über ein Jahr der Arbeit im Dienste der Ausbildung von Kindergärtnerinnen, sowie von Kinderpflegerinnen und Hausgehilfinnen. Die Schau brachte wie in allen Jahren vorher wieder eine Fülle schöner Dinge, denen Aufmerksamkeit zu schen­ken sich wohl lohnte. In der Abteilung, die von den Kindergärtnerinnen ausgestellt war, sah man hohe Ansprüche erfüllt. In der Ausrichtung auf wichtige praktische Arbeit gab es viele Stücke selbstgefertigter Kinderkleidung zu sehen, die nicht nur eine beach­tenswerte handwerkliche Fertigkeit, sondern auch eine gute geschmackliche Schulung erkennen ließen. Kleider und Kleidchen, Röcke, Mieder, Knabenhem­den, Kindermäntel und viele andere Kleidungsstücke fanden gerechtfertigte Bewunderung. Sehr anregend war die Abteilung der Spielzeuge, die sich wie­derum in einer großen Reichhaltigkeit darbot. Ent­sprechend den Grundsätzen des Fröbelseminars war fast alles aus den einfachsten Materialien hergestellt und meist durch etwas Farbe zu schöner Wirkung gebracht worden. Ganze Bauernhöfe und Gespanne, Tiere in klaren und künstlerisch erarbeiteten For­men, Tiere aus Holz und Stoff, Eisenbahnen und Flugzeuge für Knaben, Puppenwagen und Küchen für Mädchen, Schränke und Tischchen, Pappearbei­ten aller Art, Bucheinbände und Legespiele und noch vieles andere, entstand unter geschickten Mädchen­händen und unter der Anleitung verantwortungs­bewußter Lehrkräfte.

Das gleiche galt auch für den Teil der Ausstel­lung, der von den zukünftigen Kinderpflegerinnen und Hausgehilfinnen bestritten wurde. Wenn in die­ser Abteilung auch nicht so hohe Anforderungen gestellt wurden, so konnte man doch bemerken, daß dort die Mädchen mit nicht weniger Geschick und Eifer bei der Arbeit waren.

Die Ausstellung in ihrer Gesamtheit ließ erken­nen, in welch wertvoll aufbauender Arbeit im Frö­belseminar Mädchen herangebildet werden, die einer­seits der Hausfrau und Mutter Stütze fein können, zum anderen aber auch als Leiterinnen v»n Kinder­gärten sich in den Dienst der Allgemeinheit stellen können. .

Oie Mädchenberufsschule feiert ihr isjähriges Bestehen.

Zu einem festlichen Abend hatte die Mädchen- berufsschule die Eltern und die Lehrfrauen in das Cafe Leib geladen. Der Saal war bis auf den letz­ten Platz gefüllt.

Ein Trio von Haydn, in gutem Zusammenspiel gebracht, leitete den Abend ein. Nach einem Vor­

Aus der proviuzialhaupistadi.

Das Mädchen mit dem Gilberhaar.

Vornan von Anny von panhuys.

22. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

An einem Tisch in ihrer Nähe saß eine schmale zierliche Dame in leuchtend rotem Tuchkleid mit breitem Astrachanbesatz und übermodernem roten Hütchen. Sie lachte mehrmals etwas zu laut, und ein älterer Herr mit weißem Spitzbart sah neben ihr, schien ebenfalls sehr vergnügt.

Berthold Radix wechselte seinen Platz am Tisch, drehte nun dem Paar den Rücken zu und erklärte seiner Frau sichtlich amüsiert:Der Herr mit dem weißen Spitzbart, der neben der ein bißchen zu rot gekleideten Dame sitzt, ist Graf Rethel, unser Gene­ralvertreter. Er soll mich nicht sehen, weil ich ja offiziell noch nicht hier bin; ich melde mich erst bei ihm nach einigen Tagen; denn wenn er mich hier erkennt, ifts aus. Dann kommt er mit einer Fülle von Vorschlägen, wie wir uns hier in seiner Gesellschaft amüsieren sollen. Weiß der Teufel, wen der alte Schwerenöter da bei sich hat."

Franziska blickte nach dem Tisch hinüber und meinte:Er sieht famos aus, der alte Herr, und repräsentiert die Radio-Radix äußerlich sehr vor­teilhaft. Die Dame gefällt mir weniger."

Mir gar nicht", gab ihr Mann zurück,aber dem alten Windhund scheint sie um so besser zu gefallen. Na, sein Privatleben geht mich ja nichts an."

Franziska sah noch, wie der alte Herr der Dame die Hand küßte und verschwand, also konnte ihr Mann wieder seinen vorigen Platz, ihr gegenüber, einnehmen.

Ein wenig später erhob sich auch die Dame. Als Berthold dann mit seiner Frau nach kurzem Aus­ruhen in ihren Räumen wieder die Straße betrat, sahen beide die Dame gerade in ein dunkelrotes Auto steigen.

Aber dann vergaßen sie den Generalvertreter über anderem. Berthold kaufte seiner Frau ein wunderschönes schwarzes Abendkleid aus stumpfer Seide mit vielen kleinen Fältchen und Rüschen aus Tüll und allerlei kleine Toilettensachen.

Franziska schalt ihn:Verschwender!" Er aber lachte glücklich:Du bist die blondeste und schönste Frau der Welt, und wenn ich ein Maharadscha märe, ließe ich dir die Kleider mit Edelsteinen be­sticken."

Er fuhr abends mit ihr nach dem Montmartre hinauf, und sie bestaunte das bunte nächtliche Treiben zwischen dem Place de Clichy und der Rue de Martyrs; am nächsten Tage gingen sie durch den Louvre, und Franziska war sehr be­geistert. Sie bat:Hier müssen wir mindestens

drei- oder viermal hergehen, sonst kann ich das alles gar nicht fassen."

Der Dame im roten Kleid begegneten sie im Laufe der nächsten acht Tage mehrmals oben auf dem Gang, auf dem auch ihre zwei Zimmer lagen. Sie stellten fest, daß sie unerhörten Kleiderluxus trieb, denn stets, wenn sie ihr begegneten, erschien sie in anderer Aufmachung.

Ein Zimmermädchen, das Franziska manchmal freiwillig ein wenig beim Umkleiden half, erzählte ihr, die Dame fei eine Amerikanerin, heiße Miß Janson und besitze schrecklich viel Geld. Man munkle, sie stände vor der Verlobung mit einem jungen französischen Grasen. Franziska erzählte ihrem Mann, was sie gehört.

Der meinte:Wenn das Mädel nicht von einem jungen Grafen gesprochen hätte, würde ich glauben, der alte Graf Rethel wäre der Freier, weil wir ihn zusammen mit der Amerikanerin im Speisesaal des Hotels gesehen. Im übrigen werde ich dem Grafen morgen vormittag Mitteilung von unserem Hiersein machen."

17.

Berthold hatte mit Franziska gefrühstückt und nahm nun den Hörer vom Telephon, stellte die Verbindung mit dem Büro der Vertretung her. Ein paarmal war er schon mit Franziska an dem Hause, dessen erste Etage die Radio-Rahix inne­hatte, vorbeigekommen; Franziska wußte also, wie sie von außen aussah, freute sich aber darauf, sie nun auch bald von innen kennenzulernen. Ihr Mann fragte am Apparat nach dem Grasen.

Eine leicht knarrende Stimme antwortete:Hier Graf Rethel, selbst am Apparat."

Dann lachte der Graf ins Telephon:O, Herr Direktor, Sie sind es, wirklich Sie? Ich freue mich sehr! Wann sind Sie denn angekommen? Und die gnädige Frau ist natürlich auch da? Wann darf ich meine Aufwartung machen? Sofort, nicht wahr? Ich bitte jedenfalls um die Erlaubnis dazu. Im Continental wohnen Sie? Ah, da wohnt zur Zeit auch eine scharmante Dame meiner Bekannt­schaft, Miß Jonson. Darüber erzähle ich Ihnen per­sönlich allerlei, Herr Direktor. Erlauben Sie mir jetzt vor allem, sofort zu kommen."

Berthold, der auf die vielen Fragen gar nicht so schnell antworten konnte, gab zurück:Meine Frau und ich erwarten Sie und bleiben bis dahin im Hotel."

Der Graf erzählte den Herren im Büro:Der Chef aus Deutschland ist angekommen. Falls nicht alles ganz tipptopp bei uns fein sollte, bitte ich, es in Ordnung zu bringen. Monsieur Radix wird wahrscheinlich schon im Laufe des heutigen Tages hierherkommen."

Darauf begab er sich in einen Blumenladen, kaufte wundervolle langstielige Rosen und ließ sich dann nach dem Continental-Hotel fahren. Er wurde sofort Berthold Radix geführt, der ihm mit ausgestreckten Händen entgegenkam. Der Graf

stellte wieder ein halbes Dutzend Fragen, wartete kaum die Antwort ab, lächelte:Welch Zufall, daß Sie auf demselben Gang wohnen wie Miß Jonson! Unter uns: die Dame ist nämlich meine zukünftige Schwiegertochter. Sie wundern sich darüber, weil ich doch keinen Sohn habe, nicht wahr? Aber ich stehe im Begriff, einen Herrn, mit dem ich sehr sympathisiere, zu adoptieren. Ich möchte vor allem nicht, daß mein alter Name mit mir ausstirbt und möchte auch nicht auf meine alten Tage ganz allein bleiben. Nun ja, also mein Sohn, dieser Adoptiv­sohn, der in Kürze mit allen Rechten meinen Namen tragen wird, ist schon heimlich verlobt mit Miß Jonson. Veröffentlicht wird die Verlobung, nach­dem er meinen Namen führen darf." Er blickte sich um.Ich habe mir erlaubt, ein paar Blumen mit- zubringen."

Berthold Radix rief:Fränze!" Gleich darauf öffnete sich die Tür vom Nebenzimmer, und in den Salon trat eine schlanke mädchenhafte Gestalt in Trauerkleidung. Der Graf sah ein helles, weiches Gesicht mit festem, energischem Kinn, mit großen Grauaugen und silberblondem Haar über der ge­raden Stirn. Was er erblickte, schien Jean Louis de Rethel wie ein Spukbild, vor dem er, so schön es auch war, doch am liebsten weit geflohen wäre, gleichviel wohin. Nur nicht mehr vor Augen haben, was er jetzt sah, nur nicht länger die Marter auf ihn zustürmender Gedanken ertragen müssen! War er denn verrückt, war die Vergangenheit wieder lebendig geworden oder zeigte sich ihm ein Wahn­bild?

Unsinn, beruhigte er sich. Das, was ihn jetzt wie ein Alpdruck quälte, war nichts als eine zufällige Ähnlichkeit. Mehr als einundzwanzig Jahre war es her, daß eine mit so silberblondem Haar, mit so großen grauen Augen vor ihm gestanden und ihn angeklagt, er sei an allem Unheil schuld.

Franziska war erstaunt, daß der Graf sie so er­schrocken ansah.

Ihr Mann aber lächelte stolz. Er wunderte sich gar nicht darüber. Der alte Herr war einfach ver­blüfft über Fränzes zarte Schönheit. Das machte ihm Spaß.

Er stellte vor, und der Graf bot der jungen Frau die Rosen. Etwas hatte er seine Fassung nun doch zurückerlangt, und er brachte sogar ein Lächeln auf, küßte Franziskas Hand und sagte galant:Ich habe sehr viel von dem guten Geschmack des Herrn Direktors erwartet, aber ich glaube, er hat sich Deutschlands schönste Frau ausgesucht."

Er war dann sehr gesprächig, und man verab­redete sich nachmittags in den Geschäftsräumen, für den Abend in einem vornehmen Restaurant.

Der Graf verließ das Hotel wie im Traume. Er schickte sein Auto fort, denn er fühlte sich jetzt außerstande, in dem kleinen geschlossenen Raum zu sitzen.

Er ging in den Tuilerien-Garten hinüber. Der Rasen war noch dicht und grün, Herbstblumen

blühten auf den Beeten. Aber er sah nichts von dem schönen Park. Wie ein Schlafwandler ging er an den Standbildern, an alten Bäumen und Terrassen vorbei. Uebermütig rennende Kinder stießen ihn an, er merkte es nicht einmal, ein Hund sprang spielerisch an ihm hoch und bellte laut, er hörte es nicht. Er sah nur die schöne Frau vor sich, die einer anderen glich, die er vor mehr als zwei Jahrzehnten gekannt.

Karsten! Er erinnerte sich erneut des Namens, den er auf der Verlobungsanzeige gelesen, der ihn stutzig gemacht, den er bald wieder vergessen hatte, weil er sich eingeredet, daß eine Namensgleichheit noch gar nichts besage. Jetzt aber gewann dieser Name eine Wichtigkeit, die ihm unheimlich war, trotzdem er die Zusammenhänge nicht verstand.

Er durchlief alle möglichen Wege, grübelte und zerbrach sich den Kopf über Dinge, die weit zurück- lagen, jetzt aber mit einem Male wieder mitten in die Gegenwart und mitten in fein Leben gerückt waren. Es schien ihm, als seien dichte Vorhänge auseinandergerauscht, und auf einer Bühne zeigten sich ihm schattenhafte Gebilde, die er vergeblich zu erkennen suchte.

Er lief kreuz und quer; dabei war es ihm, als gingen zwei schlanke Frauen von gleichem Wuchs und gleicher Größe leichtfüßig vor ihm her. Sie wandten manchmal den Kopf und sahen ihn an mit denselben grauen Augen silberblondes Haargelock flimmerte in der Herbstsonne.

Er machte schroff kehrt, als könne er dadurch die Wahngebilde verscheuchen. Aber wieder schritten die beiden Gestalten vor ihm her, wandten den Kopf, schauten ihn an mit großen Augen.

Jean Louis Graf de Rethel lachte kürz auf. Er war doch nicht betrunken, daß er zu sehen glaubte, was es gar nicht gab! Wurde er noch zum phan­tastischen Narren, weil er vorhin eine junge Frau kennengelernt, deren Aehnlichkeit mit einer anderen ihn erschreckt? Aehnlichkeit mit einer, die spurlos verschwand, von der er nie wieder eroas gehört und auch nicht hatte hören wollen!

Er rief ein Auto an, nannte als Ziel der Fahrt das Palais Rethel in der Rue de Grenelle.

Du kommst spät, Papa", empfing ihn Günther Grevenstein.Die Köchin hat schon fragen lassen, ob du zurück wärest."

Der Graf lächelte und hatte dabei das Gefühl, sein Gesicht müsse ganz fahl aussehen.

Die Köchin hat berechtigte Angst um ihren Braten gehabt, aber nun können wir natürlich sofort essen."

Er faßte den Jüngeren unter, und sie gingen in das Zimmer hinüber, in dem das Bild der Ur­großmutter aus der Zeit des ersten Napoleons hing.

Günther hatte sich schnell daran gewöhnt, das Diadem, dessen Original sich in seinem Besitz be­fand, täglich auf den Bildern zu sehen, ohne dabei noch die geringste Beklemmung zu empfinden.

(Fortsetzung folgt!)