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Hr.56 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Montag, 8. März M7

Alte und junge Artilleristen vereint in Gießen.

Ein prächtiger Kameradschastsabend unserer III. Abteilung Artillerie-Regiments 9. Nie alten Artilleristen bei ihren Kameraden in der Kaserne.

Wenn alte Soldaten mit ihren jungen, aktiven Kameraden zusammen sind, dann schlagen beiden die Herzen höhere besonders ist das der Fall, wenn es sich um alte und junge Soldaten der gleichen Waffe handelt. Diesem starken Schwung der Her­zen und der Freude an deutschem Soldatentum kann auch durch ein so schlechtes Wetter, wie mir es am gestrigen Sonntag mit dem anhaltenden, nassen Schneefall und dem anschließenden schnellen Tauwetter erlebten, kein Abbruch getan werden. Die frohe, kameradschaftliche Stimmung ist eben doch stärker, und sie ließ auch den gestrigen Tag des Treffens der alten Artilleristen aus allen Teilen Oberhestcns und der angrenzenden preußischen Kreise mit den jungen Kameraden der aktiven Ar­tillerie in Gießen zu einem wunderbaren, unver­geßlichen Erlebnis werden.

Wer Gelegenheit hatte, die alten Soldaten über ihre Eindrücke bei dem Besuch in unserer Artillerie- Kaserne zu hören, der wird bestätigen können, daß diese Stunden ihnen zu einem außerordentlich wert­vollen Erlebnis geworden sind. Ebenso freudig wer­den aber auch alle Teilnehmer an den Auftakt des Artilleristen-Treffens zurückdenken, den unsere Gie­ßener Artillerie-Abteilung am Samstagabend voll­kommen mit eigenen Kräften bestritt.

Kameradschastsabend alsAustatt.

Unsere 111. Abteilung Artillerie-Re­giment 9 hatte zur Einleitung des Artilleristen- Treffens auf Samstagabend zu einem Kame­radschaftsabend in der Volkshalle eingeladen. Mehrere tausend Männer und Frauen, hauptsächlich aus Gießen, zum Teil aber auch schon aus der Provinz, füllten den Saalraum und die Empore der Dolkshalle. Unsere Artilleristen hatten für schö­nen Schmuck der Halle mit frischem Grün, Wappen­schildern und Schildern mit den Regimentsnum­mern unserer einstigen hessischen und benachbarten preußischen Artillerie-Regimenter gesorgt. Vor der

Volkshalle bereitete eine Gruppe von fackeltragen-, den Soldaten den Besuchern bereits einen freund-1 lichen Empfang. Das Trompeterkorps des Artil­lerie-Regiments aus Fulda, zu dem unsere Abteilung gehört, leitete den Abend mit schneidiger Musik ein und sorgte an seinem Teile auch im weiteren Ver­laufe der Veranstaltung dafür, daß sie in präch­tiger Weise ausgestaltet und ein voller Erfolg wurde.

Der Kommandeur unserer III. Abt. Art. - Regt. 9, Oberstleutnant Döring, eröffnete die kamerad­schaftliche Feier mit herzlichen Grußworten an die Tausende von Volksgenossen, insbesondere an den anwesenden Standortältesten, Generalleutnant- wald, den Kommandeur unseres Jns.-Regts. 116, Oberst Herrlein, die zahlreichen Offiziere, die Vertreter der Partei, der Behörden usw., mit beson­derer Freude aber auch an die vielen alten Artille­risten aus Gießen und Oberhessen. Als Zweck und Ziel des Abends bezeichnete er das Bemühen, zu zeigen, daß unsere Artillerie-Abteilung nicht nur eisern und stramm ihren militärischen Dienst ver­sieht, sondern-bie Männer in ihren freien Stunden auch noch Zeit hätten zum Einüben schöner, geselli­ger Darbietungen, mit denen sie den Besuchern eine Freude machen und dadurch die enge Verbundenheit zwischen der Wehrmacht und der Bevölkerung noch vertiefen wollen. Rach dem Dank des Kommandeurs an alle für den Abend tätigen Offiziere, Unteroffi­ziere und Mannschaften lenkte er die Aufmerksamkeit vor allem auf die Wiederkehr des Tages, an dem vor einem Jahr, am 7. März 1936, der Führer und Reichskanzler durch die Wiederherstellung unserer vollen Souveränität im Rheinland unser Land und Volk wieder freigemacht und ihm seine Ehre wie­dergegeben hat. Den Dank und den tiefen Glauben an den Führer und das vorbehaltlose Vertrauen zu seiner Staats- und Volksführung brachten die ver­sammelten Volksgenossen mit begeistertem Sieg- Heil-Ruf auf den Führer und dem Gesang der bei­den Verse der Nationallieder zum Ausdruck.

Links: Die Fahnengruppe der alten Soldaten auf dem Kasernenhof. Rechts oben: Oberstleutnant Döring (im Vordergrund links) begrüßt die alten Artilleristen. Rechts unten: Vorbeimarsch der 8. Batterie. (Aufnahmen [3]: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Die geselligen Darbietungen folgten nunmehr Schlag auf Schlag. Sie wurden in allen Teilen aus­schließlich von den Männern unserer Artillerie- Abteiluna bestritten. Und vorweg sei festgestellt: Was unsere aktiven Artilleristen hier zeigten, war in jeder Hinsicht eine glänzende, vollkommene Lei­stung, die mit Recht das einhellige starke Lob ver­diente, das man von allen Besuchern hören konnte. Außerordentlich wirkungsvoll leiteten die Unteroffi­ziere der 9. Batterie mit einem historischen Prolog den geselligen Teil ein. In einer mit feinem Empfinden ausgestalteten Fahnengruppe wurde den Besuchern ein Blick ermöglicht auf unvergängliche Höhepunkte unserer deutschen Geschichte: die Zeit Friedrichs des

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Großen wurde lebendig, die Erinnerung an 1870 stieg auf, das deutsche Heer vor dem Ausbruch des Weltkrieges trat in den Vordergrund, der Feld­soldat von 1914 bis 1918 in seiner unsterblichen Verbundenheit mit unserem Marschall Hindenburg wurde verkörpert, der Dolchstoß der Marxisten und Kommunisten in den Rücken der kämpfenden Front 1918 wurde in Erinnerung gebracht, der Geist der Brigade Ehrhardt wurde lebendig, der Kampf Adolf Hitlers und seiner SA. und SS. um die Wiedererrichtung eines starken und gesunden neuen Deutschlands trat vor die Herzen und Seelen der Zuhörer, als Schlußbild stand die durch den Führer wiedererstandene junge, starke deutsche Wehrmacht als Gipfelpunkt der bildhaften Gesamtdarbietung vor den Besuchern: alle Soldaten und Kämpfer dieser lebenden Bilder trugen die ihrer Zeit ent­sprechende Uniform, dazu die Fahnen jener ge­schichtlichen Epochen: das Ganze war von einheit­lichem, künstlerischem Zug durchdrungen und in der Darstellung von hohem Schwung der Herzen und Gedanken beseelt. Kein Wunder, daß die Zuschauer vor Begeisterung nicht endenwollenden Beifall spendeten. In der Tat wird dieses Bild noch lange in den Herzen aller derer haften bleiben, die die Freude hatten, es zu schauen.

Soldatenchöre der 7. Batterie unter Leitung des Musikmeisters Lindemann bildeten die schöne Üeber- leitung zu den nachfolgenden, auf den heiteren Ton gestimmten Überraschungen des Abends. Ein Fräulein Nummer", nett dargestellt von einem Unteroffizier, kündigte jeweils die Programmpunkte an. Oberwachtmeister D z i a tz k o erwies sich als ein sehr gewandter und mit nahezu unerschöpf­lichem Stoff geladener humoristischer Erzähler, bei dessen Erzählung vomOnkel" die Zwerchfelle der Zuhörer gewaltig in Erschütterung gerieten. Einen schneidigen Ansager stellte für die folgenden Dar­

bietungen der Gefreite K e ß dar, bei dem ebenfalls Witz und Geschick zur ausgezeichneten Erfüllung einer Aufgabe forderlich waren. Man sah nunmehr eine Mannschaft beim Reckturnen und erlebte in diesem Zusammenhang eine geradezu zwerchfell­erschütternde Groteske, bei der ein Kanonier als 99 Jahre altes Fräulein" sich an einem Langtau reischwebend von der Empore zur Bühne herab­ließ und dort beim Reckturnen allerlei Glanzleistun­gen zeigte. Im weiteren Verlaufe wurde durch einen unsichtbaren Sprecher am Mikrophon, in Verbindung mit der Schilderung eines soldatischen Erlebnisses, der Gemeinschaftspflicht aller deutschen Menschen zum Besten hilfsbedürftiger Volksgenossen gedacht und in diesem Zusammenhänge von etwa 30 Soldaten mit Sammelbüchsen eine ansehnliche Beisteuer für das Winterhilfswerk gesammelt. Nach den schönen Darbietungen der 3 Gebr. Dick bot ein Boxkampf zwischen dem BoxmeisterJumbo" und einem Manne aus dem Publikum (natürlich ein Artillerist) gleichfalls reiche Belustigung, zumal der Manager (Oberwachtmeister D z i a tz k o) mit seiner phantasiebeschwingten Ansprache den richtigen wirksamen Ton traf. Fünf lustige Sänger vom Kölner Rundfunk", alle fünf natürlich ebenfalls aus unserer Artillerie-Kaserne, bereiteten mit ihren frohgestimmten, schmissigen Liedern sehr viel Spaß, der noch erhöht wurde durch die feine Art der grotesken Bildgestaltung. Als sehr wirkungsvollen Abschluß der Darbietungsfolge kündete nunmehr der Ansager (Gefreiter Keß) in seiner launigen Art eingroßes Ballett" an, dasBallett von der Staatsoper Berlin". Es war in der Tat ein sehr seltenes und in seiner Wirkung einzigartiges Ballett, das den Zuschauern außerordentlich viel Freude be­reitete. Dieses Ballett entpuppte sich nämlich bei einem gemeinsamen Schlußgesang durch die tiefen Singstimmen als ein Ballett vonWehrmädchen", nämlich was nur wenige Eingeweihte schon vor­her wußten als ein Ballett aus lauter Artille­risten unserer Abteilung, die unter der Leitung der Ballettmeisterin unseres Stadttheaters Irmgard Zenner mehrere Tanzdarbietungen so prächtig eingeübt hatten, daß sie mit dieser Unterhaltungs­darbietung einen der stärksten Wirkungspunkte des Abends erzielten. Fräulein Zenner als Lehr­meisterin diesesBalletts" und alle dieseBallett- Wehrmädchen" können sehr zufrieden sein mit dem glänzenden Erfolg ihrer gemeinsamen Arbeit, denn das Publikum raste geradezu vor Vergnügen und erzwang sich eine teilweise Wiederholung der Ballett­tänze. Mit diesem Knalleffekt fand das sehr schöne und außerordentlich genußreiche Programm seinen Abschluß.

Daß der Abend mit seinen prächtigen, gehalt­vollen Darbietungen alle Besucher in vollstem Aus­maß befriedigte und zu einem sehr starken Erfolg wurde, ist neben den Darstellern zu einem erheb­lichen Teile auch den Männern zuzuschreiben, die in unermüdlicher Vorarbeit, aber auch in eifrigstem , Bemühen am Abend selbst hinter den Kulissen wirkend, dem Ganzen zum vollen Erfolg verhalfen: nämlich Hauptmann Brandts als Leiter, Leut­nant Lenne, Wachtmeister N i e d e n t h a l und Wachtmeister Herchenröder als Mitarbeiter bei der Ausgestaltung und Organisation des Festver­laufs. Ferner fei des Trompeterkorps unter der Leitung von Musikmeister Lindemann mit bestem Lab gedacht.

Nach den Unterhaltungsdarbietungen hatten die Besucher an drei verschiedenen Stellen der Volks­halle Gelegenheit zum Tanz, bei dem das in drei Gruppen geteilte Trompeterkorps unermüdlich auf­spielte.

3n der Artillerie-Kaserne.

Am Sonntagvormittag versammelten sich viele alte Artilleristen aus Gießen, aus Oberhessen und aus den preußischen Nachbarorten zusammen mit einer Reihe von Vertretern der Gießener alten Soldaten anderer Waffengattungen auf Oswalds- garten, um sich von dort aus in gemeinsamem

Konzert des Bauerschen Gesangvereins

Ein Chor, der, so wie der Bauersche Ge­sangverein, nun schon für Generationen ein Hort der Musikpflege geworden ist, wird in jedem Wandel der Zeiten seine Bedeutung nicht verlieren: denn das einigende Band, das er um feine Mitglieder geschlossen hat, hat diese durch das Schicksalserleben des Einzelnen und der Ge­samtheit zusammengeschweißte Gemeinschaft immer fester, unlöslicher werden lassen. Der Wille zu ge­meinsamem Schaffen wird unveränderlich bleiben (es müßte sich dann schon die Grundgesinnung lockern), wohl aber werden sich die Ziele, dem Wir­ken der Zeit entsprechend, wandeln und ausrichten müssen.

Die ursprüngliche Aufgabe der Männerchöre war das gemeinsame Lied als Sammelpunkt gemein­samen Fühlens. Die musikalische Entwicklung hatte diesem Streben eine ihren Zielen gemäße Literatur geschenkt. In der Wechselwirkung zwischen dem Können des Chores und den Anforderungen der Kompositionen war so ein ganz individuell gepräg­ter Klangkörper im Laufe der Zeit geworden; fast ein Instrument, das in seiner Gefügtheit auf diese besondere Kunstgattung hin besonders abge- sttmmt war.

Dieses so gewachsene musikalische Ausdrucksmit­tel war gegründet auf geistige Ideale des Mannes, auf das Band zur Heimat und zum Dolksganzen hin, als Lebens- und Kampfgemeinschaft, offen und aufgeschlossen für alles Große und Erhabene und sinniges Erleben menschlicher In- und Umwelt.

Dem entsprach auch die Vortragsfolge des dies­maligen Konzertes, indem sie solche Werke ausge­stellt hatte, die der traditionellen Entwicklung der technischen Durchbildung gemäß waren. Durch die­sen Gesichtspunkt hat sich der neue Leiter des Ver­eins, Musiklehrer Heinrich Blaß, leiten lassen.

Dirigentenwechsel bedeutet immer einen besonde­ren Einschnitt für die Chorarbeit durch die Anpas­sung an ein anders gerichtetes Wollen und, wenn es sich um einen erfahrenen Fachmann handelt, wie im vorliegenden Falle, um Beseitigung von Un­regelmäßigkeiten in der Technik. Hier hat Heinrich Blaß zweifellos recht beachtliche Ansätze aufbauen­der Tätigkeit bezeugt. Eins ist ihm sicherlich ge­lungen, die Textaussprache von dialektischen Fär­bungen völlig zu befreien, und wenn diesmal auf dem gedruckten Programm die Texte fehlten, man vermißte sie nicht; denn die Textbehandlung war Überaus deutlich, plastisch und damit für die De­klamation reif. Des Dirigenten unauffällige, aber doch bestimmte Zeichengebung wird in der kom­

menden Zeiten den einzelnen noch weiterhin zu selbst­tätigem Mitschaffen erregen und ihn jo zur frei­willigen Entfaltung und voller Einsatzbereitschaft seiner Kräfte bringen. Ein guter Anfang dafür ließ sich schon diesmal beobachten. Der weitere Fort- jchritt seiner Arbeit wird es ihm dann auch ermög­lichen, den Chor an dem Schaffen der neuen wer­denden Musikgesinnung teilhaben zu lassen.

Eingeleitet wurde das Konzert durch Schu­bertsGott meine Zuversicht", dem Studienrat Krauß am Flügel gründliche Stütze gab. Hier wie auch bei all den andern Chören erwies sich die Ausgeglichenheit im Zusammenklang und ein or­ganisches Erwachsen der dynamischen Steigerungen. Diese treffliche Modulationsfähigkeit der Stärke­grade ermöglichte ein differenziertes Ausarbeiten namentlich bei den strophischen Gesängen, sowohl in musikalischer Hinsicht wie in sinngemäßer kon­trastierender Ausdeutung des Textes. Dabei ließen sich Schwierigkeiten in der Komposition, wie im Pilgerchor von Richard Wagner, selbstverständ­lich überwinden, und der tenorale Glanz der Forte- stellen leuchtete ebenso wie der Abklang dieses Chores ein schönes Dekrefcendo hören ließ. Der stimmungsgemäße Gegensatz in Konradin Kreut­zersKapelle" und die feinen Durchstufungen in demNachtwächterlied" von Heinrich N e e b zeug­ten von Wollen und Gelingen. Wilhelm Volk- m a n n sAbendlied" ließ die eindringliche Piano­kultur bemerkbar werden, und Wilhelm Rinkens Nachtwandler" war namentlich in der letzte Strophe gut pointiert.

Zwischen den einzelnen Chören sang Jakob Sa- b e I (Tenor) vom Preußischen Staatstheater in Kassel Lieder von Schubert, Hugo Wolf und Johannes Brahms. Der Sänger weiß die schö­nen Mittel einer glücklichen Naturanlage dem ver­innerlichten Liedstil willig dienstbar zu machen, obwohl ihn sein eigentlicher Tätigkeitsbereich auf die Bühne verweist. Im Piano spricht seine cha­rakteristisch timbrierte Stimme überaus leicht mit weichtragendem Ton an, der sich ebenso aber auch zu strahlenden Forteklängen zu erheben vermag mit leuchtender Schallkraft. Es spricht für ihn als Liedgestalter, daß er jeden der drei Meister mit dem ihm stilgemäß Zukommenden bedachte und jedesmal das Lyrische zum tiefen Ausdruck einer szenischen Schau werden ließ. Da war ihm Ka­pellmeister Dr. Rudolf Michl von der gleichen Wirkungsstätte ein wertvoller Mitschaffender am Flügel, und beiden gab sich der Dank der Hören­den in reichem Beifall zu erkennen. Zu ungewöhn­lichem Ausmaß aber wuchs dieser an, als Jakob SabelO wie so trügerisch" aus VerdisRig'o- letto" zugab. Dr. Hermann Hering.

Gießener Staditheater.

XL Morgenfeier: Klassische Kammermusik.

Gelegentlich des an einflußreichen Eindrücken für Mozart so bedeutenden Aufenthaltes in Mann­heim, das ihn auf feiner großen Kunstreise, die ihn mit seiner Mutter nach Paris führen sollte, länger festhielt, ist auch das Flöten-Quartett in D - d u r (Köchel N. 285) entstanden. Seine Fertig­stellung ist gegen Ende des Jahres 1777 anzusetzen. Noch hatte Mozart nicht den letzten Ausdruck in der Durchbildung der Quartettform erreicht; wohl aber zeigen die Werke der Mannheimer Zeit, wie beispielsweise die Violinsonaten, den ebenmäßigen Ausgleich zwischen Inhalt und Formgebung, und aus der Musizierfreude heraus geschaffen, wird dieses Quartett stets innerlich beglücken. Das be­stätigte auch seine Aufführung im Stadtheater. Die Flöte ist hier der dominierende Führer, namentlich aber im Adagio wird ihr gegenüber dem Pizzicato der Streicher eine Sonderstellung eingeräumt, andrerseits hat Mozart die Verwebung der Klang­farben mit ganz besonderen Reizen bedacht, im Kopfsatze ebenso wie in den thematischen Zwischen­teilen des Rondos.

Diese Schönheiten ins rechte Licht zu stellen und nahezubringen war das Ziel bei den vier Aus- führenden: Flöte: Rudolf Meyer, Violine: Franz K e r z i s n i k, Bratsche: Georg Scheuermann, Cello: Ernst Schneider, die die melodische Gliederung, die sich ständig mit neu variierenden Feinheiten zeigt, mit feinem Empfinden belebten und fo den klaren Aufbau des Ganzen volles Recht zukommen ließen. Die einzelnen Instrumente ge­stalteten, dem empfindsamen Stil entsprechend, ihre thematischen Ausgaben mit feinem Nachgeben und klanglicher Differenzierung. Mochte beispielsweise das Adagio der Flöte mit ihrer ausdrucksvollen Kantilene, getragen von innerer Gefühlsbeseeltheit, den Vorrang gewähren, so stützten gerade hier die Streicher mit einem klangvollen Pizzicato, das dynamisch ausdrucksstark mit der Flöte mitging. Im Rahmen des Gesamtaufbaues war gerade den Einhaltepunkten und den Uebergängen besondere Sorgfalt zuteil geworden. Besonders hervorgehoben seien die farbigen Lichter im Rondo und die in­haltliche Schwere zu Beginn der Durchführung im ersten Satze.

Beethovens Septett in Es-dur op. 20 ist der Abschluß einer Reihe von kammermusikali­schen Werken mit Bläsern, die mehr oder weniger für den sich entwickelnden Symphoniker den Zweck hatten, sich mit den Verwendungsmöglichkeiten der Blasinstrumente vertraut zu machen. Auf der einen Seite reift so die erste Symphonie heran, auf der

andern Seite wird nun das Streichquartett Mittel persönlicher Äußerung.

Das Septett, das am 2. April 1800 im ersten eigenen Konzert Beethovens im Hoftheater zu Wien gleichzeitig mit der ersten Symphonie und dem C-dur-Klavierkonzert zur Uraufführung gelangte, hat unter den Zeitgenossen wohl fast von allen Werken des Meisters mit den stärksten Beifall ge­funden. Das liegt nicht zum mindesten in der harmonischen Ausgeglichenheit zwischen den klang­lichen Mitteln und der inhaltlichen Durchgestaltung.

So wurde auch diesmal das Septett zum be­jahenden Ausdruck heiterer Lebensfreude. k Stellt man den gestrigen Eindruck dem der vorjährigen Aufführung von Schuberts Oktett gegenüber, so kann man erfreulicherweise einen ganz hervor­ragenden Fortschritt feststellen. Das Nebeneinander der Instrumente von damals ist jetzt zu einem orga­nischen Miteinander geworden, sowohl in der klang­lichen Abrundung wie im gegenseitigen Eingehen aufeinander unter der Berücksichtigung des jeweili­gen Anteils am Thematischen. So wurde es stellen­weise zu einem fast idealen kammermusikalischen Musizieren in trefflicher Ausgeglichenheit.

Innere Spannung erfüllte die Adagio-Einleitung. Die Ranke der Klarinette wurde der Auftakt zum Ausbruch kraftvollen Lebensbewußtseins im Allegro, das namentlich in der feinen Behandlung des zweiten Themas und den Akzenten zu Beginn der Durchführung fesselte. Verinnerlicht, zumal in der wundervoll weich geblasenen Klarinettenkantilene, wie der gesanglichen ersten Geige, auch der sorg­fältig und klangschön ausgeführten Themen von Fagott und Horn, gab sich das Adagio mit beson­derem Ausgleich der Gesamtwirkung. Das Menuett war innerlich beschwingt, im Trio gewürzt durch das sichere Gelingen der Hornpassagen. Das Thema mit Variationen war in der Abfolge der Verände­rungen für die einzelnen Instrumente, Streicher so­wie Bläser, Gelegenheit, Musikalität und technisches Können ins Licht zu stellen; von besonderer Aus­wirkung war die vierte Variation mit dem ge­tragenen Hornsolo und der dramatischen Akzentuie­rung. Das Scherzo entfaltete seine rhythmische Kraft mit dem Cellosolo im Trio. In dem Finale setzten alle Kräfte noch einmal vollstes Können ein bei Entwicklung großatmiger Steigerungen in der Durchführung wie in der Kadenz der ersten Geige, die allerdings im Gesamtverlauf der Veranstaltung verschiedentlich mehr hätte aus der auferlegten Zurückhaltung herausgehen können.

Das Haus dankte den Mitwirkenden herzlich: Violine: Franz Kerzisnik, Bratsche: Georg Scheuermann, Horn: Albert Ries, Klari­nette: Heinrich Grau, Fagott: Fritz Wilhelmi, Baß: Georg Thomas, Cello: Ernst Schneider.

Dr. Hermann Hering.