hatten, unD gewisse Erscheinungen der Wirt- s ch a f t s k r i s i s.
Wenn in „wohlmeinenden" französischen Kreisen die auch in Frankreich spürbaren Krisenerscheinungen immer sehr laut vor aller Oeffentlichkeit festgestellt wurden, so hatte man sie doch keineswegs verstanden. Der Siegesrausch nach Versailles und das Bewußtsein um Den tatsächlichen Reichtum des Landes und Volkes ließen keine Zweifel an einer glücklichen und sorglosen Zukunft aufkommen. Man vertraute auf den Sparstrumpf und das Gold der Bank von Frankreich. Während man so glaubte, daß der Schicksalswagen Frankreichs siegreich durch die Wolken brause, erkannte man nicht, daß er sich in Wirklichkeit schon auf irdischen und abschüssigen Wegen mit beängstigender Geschwindigkeit fortbewegte. So geriet das reiche und glückliche Frankreich mit dem Lauf der Jahre in die mißliche Lage, in der es sich höute befindet.
Aus der politischen Rechten und auch in der Mitte erkannte man die Folgen dieser Mißwirtschaft noch am ersten. 1934 wollte eine Regierung Doumergue ihnen entgegentreten, aber der radikalsoziale Führer H e r r i o t stürzte sie. Nicht einmal einen Bruchteil der Vollmachten, mit denen in unserer Zeit die Kabinette Blum und Chautemps ausaerüstet sind, wollten die Radikalsozialen dem greisen Doumergue zuerkennen. Sein Nachfolger F l a n d i n wurde zu einem Werkzeug in Händen der Radikalen. Bei der ersten Auflehnung stürzten sie ihn. Das Kabinett Laval unternahm einen letzten Versuch, eine Besserung herbeizuführen, aber sofort erschien die Partei Herriots wieder und stürzte auch diesen Ministerpräsidenten. Das Kabinett S a r r a u t wurde zu einer Zeit der politischen und wirtschaftlichen Ahnungslosigkeit („Ich werde es nie erlauben, daß Straßburg unter dem Feuer der deutschen Kanonen steht", sagte Sarraut damals in einer Rede), das für sich nur den einen „Erfolg" in Anspruch nehmen kann, in parteiischster Form der Volksfront alle Wege zu den Legislativwahlen 1936 geebnet zu haben. Frankreich war vor dem Tor der Not und des Mißstandes angelangt. Die Volksftontregierung Blum zögerte nicht, dieses Tor zu durchschreiten. Damit war der heutige Zustand erreicht. Gewiß bemüht sich heute Finanzminister Bonnet, den Karren wieder aus ebenere Bahnen zu leiten, doch macht ihm die Volksfront diese Aufgabe sehr schwer.
Die Kantonalwahlen, die an den beiden nächsten Sontagen in ganz Frankreich vor sich gehen werden, sollen den Wählern Gelegenheit geben, ihre Meinung zu dieser Entwicklung zu äußern. Es wäre aber grundfalsch, wenn man glauben wollte, die Wählermassen hätten diese Entwicklung richtig erkannt. Auch die Not hat vielen Franzosen die Augen geöffnet. So haben die ftan- zösischen Marxisten mit einer schamlosen Propaganda einen großen Teil des Volkes über die wahren Ursachen der heutigen Lage hinweggetäuscht. „Wäre das Volksfrontprogramm wirklich angewandt und durchgeführt worden, so würde Frankreich heute im Wohlstand leben." So lautet die Losung der Kommunisten. Tatsächlich aber ist das Programm der Volksfront angewandt worden mit dem Erfolg einer zweifachen Geldentwertung, einer gewaltigen Erhöhung der Staatsschuld, mit Streiks und sozialen Unruhebewegungen. Die Radikalsozialen werden büßen müssen für alle ihre Schwächen. Man rechnet in politischen Kreisen Frankreichs mit einem Anwachsen der sozialdemo- kratischen und besonders der kommunistischen Räte im Vergleich zu 1931. Das bedeutet allerdings zunächst nur eine Angleichung der Kantonalwahlen an die inzwischen erfolgte Entwicklung der Volksfront. Allzu große Bedeutung darf den Kantonal- wählen trotzdem nicht beigemessen werden; da sie von örtlichen Interessen beherrscht sind und allenfalls einen ungefähren Stimmungsmesser bilden.
Zweierlei Maß
Das Warschauer Blatt ,Kurjer Poranny" hat herausgerechnet, daß es im Jahre 1940 auf litauischem Boden keine polnische Minderheit mehr geben werde. Zur Begründung weist es auf die neue litauische Steuerpolitik hin, die die Polen ruinieren solle, und auf das neue litauische Vereinsgesetz, das die Organi- fationen der Minderheiten zerstöre. Wir haben für diese Klage des Warschauer Blattes vollstes Verständnis. Denn auch den deutschenMin- derheiten in anderen Staaten geht es genau so. Man unterläßt nichts, um sie zu vernichten und auszulöschen. Wäre es nicht herrlich, wenn alle Völker, von denen Splitter außerhalb ihrer Staatsgrenzen leben, sich zusammenschließen und sich verpflichten würden, eine gerechte Minderh eite n p o l i ti k zu treiben, d. h. den Minderheiten das Recht einzuräumen, entsprechend ihrer nationalen Eigenart zu leben? Das würde voraussetzen, das alles unterbleibt, was auf eine Erschütterung der wirtschaftlichen Grundlage dieser Volkssplitter hinausläuft. Wir meinen, der „Kurier Poranny" und mit ihm das ganze um das Schicksal feiner Volksgenossen auf litauischem Boden bangende polnische Volk müßte einen derartigen Vorschlag begeistert aufgreifen. Tatsächlich wird es das aber nicht tun, solange mindestens nicht, als es selbst eine Minderheitenpolitik treibt, die sich mit der an» gefeindeten litauischen Politik hundertprozentig deckt. Wenn wir einmal schildern wollten, wie es unfern Volksgenossen auf polnischem Boden geht, so müßten wir uns sehr, sehr viel Zeit zur Berichterstattung nehmen. Und jeder einzelne Bericht würde eine unerhörte Anklage der Polen sein. Sicher werden sie sagen, daß ihre Politik den Deutschen gegenüber etwas ganz anderes sei als die litauische Politik den Polen gegenüber. Wer aber seine außerhalb des Landes lebenden Volks- angehörigen retten will, der kann nicht mit zweierlei Maß messen und die fremden Dolksangehörigen auf feinem Boden vernichten Solange aber das doppelte Maß zur Anwendung gelangt, wie das in Polen der Fall ist, haben die Kläger nicht das mindeste Recht als Ankläger aufzutreten, gehörten sie doch selbst auf die Anklagebank.
Eine Hebe Roosevelts.
Chikago, 6. Okt. (DNB.) Präsident Roosevelt hielt eine Rede, in der er auf die ständige Besorgnis einging, die die politische Weltlage bei allen friedliebenden Völkern und Nationen ver» urfache. Die Erwartungen, die man an den Bri - and-Kellogg-Pakt geknüpft habe, hätten sich nicht erfüllt. Angesichts der heutigen Weltlage sieht er die Fundamente der Zivilisation ernstlich bedroht und glaubt auch die Vereinigten Staaten von Amerika gefährdet, da Rüstungen keine Sicherheit und Autorität keine Hilfe böten. Er wendet sich besonders gegen den Luftkrieg, das Bombardement offener Städte und gegen die U-Boot-Piraterie im Mittelmeer und fordert dann die friedliebenden Nationen auf, sich gemeinsam zu bemühen, die Gesetze und Grundsätze des Friedens wieder aufzurichten.
In einem zweiten Teil der Rede wendet er sich gegen die politische und wirtschaftliche U n r a ft in der Welt und gibt ein Bild der politischen Lage, wie er sie sieht. Er schließt mit der Erklärung, es müßten positive Bemühungen jur Erhaltung des Friedens gemacht roeroen. Amerika beteilige sich daher aktiv an der Suche nach Frieden.
polnische Warnung vor dem Bolschewismus.
Warschau, 7. Okt. (DNB. Funkspruch.) Die Wühlarbeit der marxistischen Internationalen, die bestrebt sind, die Völker mit revolutionären Explosivstoffen zu erfüllen, hält das rechtseingestellte „ABC" die beiden autoritären Staaten Deutschland und Italien gegenüber. Heute sei bereits sichtbar, daß diese Nationen zu großen Gemein- schaftsleistungen imstande sind. Als ein Moment der Schwächung wirke dagegen der Bolschewismus in Frankreich. Sollte er in Deutschlands westlichem Nachbarland als kommunistische Regierung an die Macht kommen, so würde dies eine unerhörte Stärkung Moskaus und damit eine unmittelbare Bedrohung Deutschlands darstellen. Der nächste Schritt Moskaus würde die Bolschewisierung Polens sein, sei es auf dem Wege des revolutionären Umsturzes, fei es durch militärische Gewalt. Diese Gefahr wolle man in Palen in ihrer Schwere noch weithin verkennen. Der Streit der Parteien stehe bedauerlicherweise immer noch über allem. In Wirklichkeit aber müsse sich die gesamte polnische Nation zu großer schöpferischer Arbeit zusammen finden, um die innerpolitische Atmosphäre zu reinigen; damit Polen jederzeit den von außenher drohenden Gefahren gewachsen fei.
Amerikanisches Kriegsmaterial für Sowjetrußland.
Washington, 7. Okt. (DNB.) Eine Mitteilung des Staatsdepartements enthüllt die erstaunliche Tatsache, daß Sowjetrußland im September in den Vereinigten Staaten Waffen, Munition und Kriegsmaterialien im Werte von über 10 Millionen Dollar gekauft hat. Seit der Annahme des Gesetzes, das derartige Käufe genehmigungspflichtig macht, ist dies der g r o ß t e Waffenkauf, den jemals eine einzelne Nation in Amerika durchführte, lieber die Hälfte ist für Materialien für zwei Schlachtschiffe bestimmt. Um den Bau und Erwerb dieser Schiffe hatten sich die Sowjets in den Vereinigten Staaten seit vielen Monaten bemüht. Die amerikanische Regierung hat also nun die lange umstrittene Bewilligung erteilt. An zweiter Stelle der Auslandoerkäufe von Kriegsmaterial steht China, das für 2,8 Millionen Dollar Bomben, Torpedos und Minen bezog. Mit 1,4 Millionen Dollar ist Argentinien der drittgrößte Käufer.
Sowjetrussische Flottenmanöver unter neuem Oberbefehl.
Moskau, 6. Okt. (DNB.) Sowjetamtliche Meldungen berichten vom Beginn der Manöver der roten Ostseeflotte vor Kronstadt. Dabei sollen die beiden im Finnischen Meerbusen stationierten Linienschiffe „Marat" und „Oktoberrevolution" zum Einsatz kommen, sowie eine beträchtliche Zahl von Zerstörern und Unterseebooten. Der Kriegskommissar Woroschilow wird an den Flottenmanövern teilnehmen. In feiner Begleitung befindet sich „Flottenflaggmann 1. Ranges" Viktorow, der Kommandierende der gesamten roten Seestreitkräfte. Damit sind die Nachrichten über die Absetzung feines Vorgängers Orlow nun bestätigt, lieber das Schicksal Orlows ist nichts näheres zu erfahren. Er ist „verschwunden". Dasselbe gilt von dem erst vor wenigen Monaten ernannten Flottenchef der roten Dftfeeftotte, Vizeadmiral Siwkow, an dessen Stelle ein bis jetzt unbekannter „Flaggmann 2. Ranges" Jsakow auftritt. Auch der bisherige Stellvertreter Orlows im Oberkommando der gesamten roten Seestreitkräfte, Admiral Haller, ist bei den diesjährigen Flottenmanövern noch nicht in Erscheinung getreten. Das Verschwinden Orlows und Siwkows zeigt, daß auch der Oberste Kommandostab der roten Flotte einer Säuberung unterzogen worden ist.
Wahlradau in Frankreich.
Paris, 7. Okt. (DNB. Funkspruch.) Aus einer politischen Kundgebung für die am nächsten Sonntag stattfindenden Kantonalwahlen kam es in Meaux zu Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Anhängern der Rechtsparteien. Etwa 12 Versammlungsteilnehmer erlitten durch Gummiknüppel und andere Schlaginstrumente schwere Verletzungen. Mobilgarde und Polizei mußten eingesetzt werden, um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen.
Zahlreiche Luftangriffe in Ehina.
Schanghai, 6. Okt. (DNB.) Die japanische Luftwaffe führte einen Angrift auf die südchinesische Provinz K w a n t u n g durch. 66 japanische Flugzeuge bombardierten 20 Städte und die Bahn- st recke Kantung — H a n k a u. Auch fanden erneut japanische Luftangriffe auf Nanking statt, die den gesamten Verkehr der chinesischen Hauptstadt auf zwei Stunden völlig lahmlegten. Das chinesische Abwehrfeuer zwang die angreifenden japanischen Flugzeuge, in großer Höhe zu fliegen. Die japanischen Flieger gingen bei ihrem Angriff äußerst vorsichttg vor. Keine einzige Bombe wurde innerhalb der Stadtmauer abgeworfen. Dagegen wurden zahlreiche Bomben über den Militärflugplatz, 30 Kilometer östlich von Nanking, abgeworfen. Schließlich wurde auch der Stadtteil T f ch a p e i in Schanghai erneut außerordentlich stark durch japanische Flugzeuge bombardiert. Im Abschnitt Liuhang-Lotten erfolgten chinesische Gegenangriffe gegen die neuen japanischen Stellungen. Auf beiden Seiten der Eisenbahn Schanghai— Wusung bauen die Chinesen starke Verteidi- gungsstellungen aus, die sich in westlicher Richtung auf eine Länge von fast 20 Kilometer erstrecken.
Eine Pulverfabrik in Tokio explodiert.
Tokio, 7. Okt. (DNB. Funkspruch.) Exttablätter melden eine heftige Explosion in der Pulverfabrik der Tokioter Pulverkompanie. In der Nähe liegende Gebäude einiger neuen Pulverfabriken der gleichen Gesellschaft find schwer beschädigt worden. Durch die Explosion ist ein Riesenfeuer entstanden. Die Zahl der Opfer ist bisher unbekannt. Polizei und Militär haben sofort eine Untersuchung ein» geleitet.
Reise an die japanische Front.
Von unserem H.Tr.-Sonderderichtersiatter.
(Nachdruck verboten.)
ID. Sie Front ohne Etappe.
Tientsin, Ende September 1937.
(Durch Luftpost.)
Das Motorschiffchen, mit dem die Presse von einem Dutzend Ländern und Länderchen jetzt den „K a i \ e r f a n a I", allgemeine Richtung Maschang hinauffuhr und das von japanischen Pionieren gesteuert wurde, sollen die Japaner angeblich mit vielen ähnlichen aus Japan rnitgebracht haben, — behauptete unser militärischer Führer, der kleine Rittmeister S a t o h — wahrscheinlich, um uns von der Genauigkeit und Sorgfalt, mit der Japan diesen chinesischen Feldzug vorbereitet hatte, zu überzeugen. Natürlich sttmmte das nicht, das Boot war ein chinesisches Boot, das im Zolloder Kanal-Ueberwachungsdienst bisher Verwendung gefunden hatte. Mit der Besatzung freundeten wir uns bald an, für Zigarettenspenden waren die Krieger uns von Herzen dankbar, denn einen Marketendereibetrieb scheinen die Japaner noch nicht eingerichtet zu haben.
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übrigen die von den Chinesen ausgebaute, jetzt aber geräumte Haupt st ellung auf dem Ostufer hin. Schützengräben nach europäischem Muster, mit vertrockneten Zweigen getarnt und sehr vielen, einge» deckten Maschinengewehrnestern versehen. Zahlreiche Granattrichter unmittelbar am Kanalufer deuteten auf eine lebhafte Beschießung durch die japanische Artillerie hin, die Stellungen selbst waren kaum oder überhaupt nicht getroffen. Ein erschossener chinesischer Bauer, dem die Arme auf dem Rücken zusammengebunden waren, war der einzige Tote, der zu entdecken war, ein paar aufgetriebene Maultierleichen trieben den Kanal herunter, auf dessen Westufer zahlreiche, bis ans Wasser heranreichende chinesische Dörfer lagen, die von allen Lebewesen geräumt waren. Ueberall hatten die japanischen Flieger gründliche Arbeit geleistet, aber auch hier — wie in Tientsin selbst — siel die geringe Wirkung der japanischen Fliegerbomben auf.
Die genauesten Beobachtungen in dieser Hinsicht haben in Tientsin wohl die Offiziere der amerikanischen Schutztruppe angestellt, die mit wissenschaftlicher Gründlichkeit den Weg beinahe jeder einzelnen japanischen Fliegerbombe vom Abwurf bis zur Detonation verfolgt, kontrolliert und wirkyn^s- mäßig registriert haben. Nach deren Angaben soll die Zahl der nicht-detonierten Bomben auffallend groß, dabei ihre Wirkung nicht weniger klein gewesen sein. Ich selbst habe diese Behauptung in gewisser Hinsicht in Peiping kontrollieren können, als ich die vor der Stadt gelegenen, von den Japanern bombardierten chinesischen Barackenlager besuchte. Die Fliegerbombe hatte in den meisten Fällen eigentlich nur ein rundes Loch in die Decke „gestanzt" und war dann im Innern krepiert. Normalerweise hätte man erwarten müssen, daß die betreffende Baracke dann nach allen Seiten auseinandergeflogen wäre. Nichts von alledem! Die Fensterscheiben waren geplatzt und die Wände an der Sprengstelle ein wenig nach außen gebogen, das war alles! Aehnlich war die Wirkung der japanischen Bomben hier; in die Lehmhäuser hatten die Bomben lediglich Trichter gerissen, das Dach war eingefallen, aber die Mauern stehen geblieben, so daß so eine Bude sich in zwei Tagen wieder Herstellen läßt. Lehm hat außerdem noch den großen Vorteil, nicht brennbar zu sein, so daß die Japaner also auch mit ihren Brandbomben hier nichts anfangen konnten.
Daß im übrigen die Chinesen die Absicht gehabt hatten, sich hier am Kanal nachhaltig zu verteidigen, bewiesen die vier großen Kanaldurch- st i ch e, an denen wir vorbeifuhren. Dieser, vor ein paar hundert Jahren erbaute Kanal — die Chinesen sind ja berühmte Wafserbaumeister gewesen — läuft hier stellenweise auf dem gewachsenen Boden und ist auf beiden Seiten durch breite Dämme eingefaßt. Diese Dämme waren an den ermähnten Stellen in einer Breite von etwa 10 bis 20 Meter durchstochen, und durch die Lücken ergossen sich nun brausend die Wafsermassen in die unendlich weite, mit Kauliang-Getreide und Gemüse bebaute Tiefebene. Ein riesiger See war auf diese Weise entstanden, und mit dem Glase konnte man beinahe deutlich erkennen, wie der Sviegel dieses, in der Nachmittaassonne funkelnden Sees, der schon beinahe ein Meer geworden war, immer weiter nach Norden, atlgemeine Richtung Tientsin, wanderte. Hunderte von Quadratkilometern standen bereits unter Wasser, und da die Wasser des Kanals — genau wie der „Gelbe Fluß" — stark lehmhaltig find, wird das ganze überschwemmte Gebiet allmählich mit einer sich langsam ablagernden L e h m s ch i ch t überdeckt, die auf Jahre hinaus e i n Säen und Ernten unmöglich macht.
Nun macht man als Deutscher immer wieder den Fehler, Menschen. Gestalten und Ereianisie im Fernen Ollen mit deutschen Auaen zu sehen. Hätten beispielsweise die Franzosen solche Kanaldurchstiche im Weltkriege unternommen, so wäre die zuständige deutsche Heeresleitung noch am gleichen Tage darangegangen, diese Bruchstellen zu stopfen hier waren die Japaner schon drei Tage lang im Besitz des Kanals, aber von irgendwelchen Vorbereitungen, die Lücken im Damm zu schließen, war nichts zu bemerken. Vielleicht fehlt es ihnen bei der ungeheuren Ausdehnung des Kriegsschauplatzes an Menschen, weil jeder Soldat an der Front gebraucht wird.
Auch das ist auf diesem eigenartigen Kriegsschauplatz eine Beobachtung, die zu denken gibt. In jedem europäischen Kriege ist es doch so, daß Front
und Etappe 3. B. einen „Streifen" bilden, der eine gewisse Breite oder Tiefe hat. Sagen wir mal 50 ober 100 Kilometer... wer aus diesem „Hinterland" kommend die rückwärttge Grenze dieses „Kriegsstreifens" überschreitet, wird auf dem Wege zur eigentlichen Front auf Schritt und Tritt, auf jeder Straße, in jedem Dorf auf Soldaten oder Einrichtungen stoßen, die auch dem blutigsten Laien beweisen, daß „hier Krieg ist". Ganz anders a n d e r japanischen Front. In Tienftin liegt 3. B. das japanische Hauptquartter, reist man von hier an die Front, bann durchquert man ein Gebiet von 50 Kilometer Breite, in dem nicht ein japanischer Soldat oder irgend etwas anderes, was an den Begriff „Krieg" erinnert, zu entdecken ist. Front und Etappe haben hier vielleicht eine Breite von 5 oder 10 Kilometer, in diesem schmalen Raume ist alles zusammengedrängt, was die fechtende Truppe braucht. Nach deutscher Auffassung fehlt also die Verankerung mit dem Hinterlande, die in China einmarschierende japanische Armee erinnert an eine kleine „Nudelwalze", die einen glattgewalzten „Teig" hinter sich läßt, der ein ideales Betätigungsfeld für Banden, Freischärler und „Komitadschis" jeder Art bilden. Von einer Sicherung der rüdroärtigen Verbindungen war z. B. auf der fast 60 oder 70 Kilometer langen Eisenbahnfahrt von Tientsin bis Maschang, wo Der Stab der fechtenden Division lag, nichts zu bemerken. Nach Deutscher Auffassung hätte an jeder Brücke eine Wache liegen und Patrouillen zu Fuß die ganze Sttecke fortgesetzt abwandern müssen; nichts von alledem! Man vermißte hier den japanischen Landsturmmann.
Die Fahrt den Kanal hinauf verlief im übrigen ohne Zwischenfälle, die Schiffahrt war eingestellt, irgendwo lagen ein paar versenkte chinesische Dschunken, auf den Feldern suchten einzelne japanische Soldaten die Kürbisse und Melonen zusammen oder zogen sich Rüben aus, irgendwo mar- schierten parallel zum Kanal Trains und Kolonnen jeder Art, mit marschkranken Infanteristen durchsetzt, die sich — sehr praktisch — Gewehr und Tornister von „aufgegriffenen Panjes" — sprich Bauern oder Kulis — tragen ließen. Endlich tauchten wieder Lehmhäuser am Ufer aus, Maschang, die von den Japanern vor zwei Tage genommene Schlüsselstellung und zur Zeit Sitz eines Divisionsstabes war erreicht. Das Motorboot legte an, die Soldaten bekamen ein paar Zigaretten, wir nahmen unsere Handköfferchen, steckten die schon sehr „zusammengeschmolzenen" Bierflaschen in die Jackentaschen und kletterten an Land. Das Boot wendete und sauste wieder ab.
Was nun? Das zerschossene Stadttor mit seiner großen Indanthren-Reklame stand offen, und Rittmeister Scttoh erkundigte sich bei dem japanischen Posten nach dem Sitz des Divisionsstabs- q u a r t i e r s. „Tja", sagte der Posten — in der Sprache des preußischen Kommiß übertragen — „der liegt ganz woanders, da müssen Herr Rittmeister noch so ungefähr 5 Kilometer, hier immer am Kanal entlang, bis ans andere Ende der Stadt laufen!" — Etwas bedrückt übersetzte uns der Rittmeister diese neue, peinliche Ueberraschung und wie aus Kommando sahen wir uns alle nach dem Motorboot um, das gerade mit Gefauch um eine Kanalbiegung sausend unseren schmerzlichen Blicken entschwand „Ohne Unterschied der Parteirichtung stellte die Presse daraufhin mit Befremden fest" — daß es doch besser gewesen wäre, wenn Rittmeister Satoh unseren Besuch an der Front vorher angemeldet hätte, denn schon rein äußerlich gesehen, erinnerten wir von Stunde zu Stunde immer mehr mit unseren aufgekrempelten Hosen, verschmutzten Anzügen, mit unseren in allen möglichen Taschen untergebrachten Bier- und Whiskypullen — einer trug sogar zwei hohe Gummilang- jchäfttge an zwei zusammengebundenen „Strippen" über der Schulter — an reisende Handwerksburschen, außerdem begann der Hunger sich empfindlich bemerkbar zu machen und die Frage: „Wo und vor allem wie werden wir heute Abend penne n?" erhob immer drohender ihr Haupt, Denn Betten — das fiel uns erst jetzt ein — kennt der Nordchinefe nicht, sondern nur den Kong, jene aus Lehm gebaute, von innen zu heizende breite Pritsche, auf der eine dünne Bambusmatte ausgebreitet ist, in der sich Flöhe besonders wohl fühlen. — Was also machen? Immer mehr Soldaten sammelten sich um uns und starrten uns philosophisch, mit Händen in den Hosentaschen, an, auch Rittmeister Satoh dachte scharf nach und hatte auch halb die Lösung gefunden: „Wi möst go!" — Wir müssen looosen!"
„Na, dann Helpt bat nüscht!" — Wieder nahmen wir unser Handköfferchen und tigerten im Lehm- staub immer am Kanal entlang, allgemeine Richtung Süden, um den Divisionsstab zu suchen. Maschang ist ein „Städtchen", d. h. es hat vielleicht 100 000 Einwohner, und da jedes chinesische Haus eine Art ummauerter Garten mit Hof und Nebengebäuden ist, kann man sich ungefähr eine schwache Vorstellung von der ungeheuren räumlichen Ausdehnung dieses „Städtchens" machen. Die Straße am Kanal war ganz eng und schmal, und in ihrer vollen Breite von einem vormarschierenden Feld- arkillerie-Regiment ausgefüllt, so daß für uns reifende Handwerksburschen nur die schmale Deichkrone übrig blieb. Auf ihr kamen alle Augenblicke von hinten ein Stab oder Meldereiter-Pulks im scharfen Trabe angebraust, so daß man manchmal nicht wußte, sollte man in den Kanal ausweichen oder sich von den Geschützen über die Hühneraugen fahren lassen. Der Staub war unerträglich, die Zunge klebte am Gaumen, der Schweiß lief in Strömen den Körper herunter, alle Augenblicke wurde man von einem Gaul angerempelt, daß man mit seinem „Musterkoffer" beinahe auf der Nase lag — all bas erzeugte eine ingrimmige verbissene Wut.
Da enblich ein Lichtblick! Vor uns tauchte im Kanal ein Lastkahn von der Form und Große eines mittleren Elbkahns auf, der bis an bie Bord- kante im Wasser lag unb hoch mit Artillerie-Munition befaben war. Das Schiffchen selbst würbe von etwa 100 chinesischen Kulis, bie in einer langen Reihe hintereinanber auf der Deichkrone marschierten, „getreibelt", bas heißt mit einem unendlich langen und wie mir schien reichlich Dünnen Tau Den Kanal heraufgeschleppt. Rittmeister Satoh, Der mit seinem großen Samurai-Schwert in Der einen unD seinem schwarzen Musterkoffer in Der anDeren HanD, wieder die Spitze bildete, erfaßte sofort die Gunst des Augenblickes, komman- dierte „Halt?" und Schiff und Kulis hielten. Die Strömung trieb den Kahn ans Ufer, mir sprangen an Deck und ließen uns aufatmend auf die auf- gestapelten Granaten nieder. Die Besatzung sah uns zwar etwas dumm an, aber Rittmeister Satoh übernahm sofort das Kommando und kommandiert-


