Treib ft offversorgung. Eine sehr beachtenswerter Aufsatz in der Zeitschrift „Der deutsche Volkswirt", Nr. 29 Dom 16. April 1937: „Kann der Treibstoffbedarf der heutigen Kriegführung überhaupt befriedigt werden" von Dr. F. Friedensburg, Berlin-Wannsee, gibt zu diesem Punkt interessante Aufschlüsse. Der Bedarf einer kriegführenden Großmacht an flüssigen Treibstoffen wird in diesem Aufsatz auf etwa 12,65 Millionen Tonnen für ein Kriegsjahr berechnet, wohl bemerkt ohne den Bedarf der Heimat, durch den der Gesamtbedarf auf etwa 15 Mill. Tonnen steigen dürfte. Nach den weiteren Ausführungen in diesem Aufsatz erscheint es ausgeschlossen, daß in einem Kriege, der annähernd die Ausmaße des Weltkrieges annehmen würde, fache Mengen von den kriegführenden Mächten und den voraussichtlich für eine Teilnahme am Kriege nicht in Frage kommenden ölerzeugenden lieber« schußländern verfügbar gemacht und verschifft werden können. Letzteres um so weniger, als die Seetransporte durch Handelskrieg mit See- und Luftstreitkräften wesentlich vermindert würden. Es ist sicher anzunehmen, daß sich der Handelskrieg ganz besonders gegen Tankschiffe wenden würde, deren Bedeutung für die Kriegführung klarliegt. Ob die Verflüssigung von Kohle in absehbarer Zeit den Fehlbedarf wird decken können, erscheint zwei
felhaft, besonders natürlich in kohlenarmen Lan« dern. Es darf dabei auch nicht übersehen werden, daß eine so bedeutende Steigerung der künstlichen Erzeugung von flüssigen Treibstoffen nur möglich ist, wenn die Anlagen dazu schon im Frieden hergestellt sind, und daß ferner zu ihrem Betriebe eine erhebliche Zahl kampffähiger Männer der Front entzogen werden müßten.
Wenn man aus diesen Erwägungen das Ergeb- nis zieht, so scheint es angebracht, vor einer Ueberfteiqerung der an sich aus der neuzeitlichen Kriegführung nicht mehr wegzudenkenden Motorisierung und Mechanisierung zu warnen. Jedenfalls werden die für die Kriegsvorbereitung verantwortlichen Stellen erwägen müssen, wie weit sie darin gehen müssen und dürfen. Letzten Endes wird auch der moderne Krieg nicht vom Motor, sondern von den Beinen des Infanteri- st e n entschieden werden. Die motorisierten Streitkräfte sollen ihm den Weg dazu bahnen.. Sie sollen ein Hilfsmittel der Führung sein, aber sie nicht beherrschen. Im richtigen Maße angewandt, werden sie diese Aufgabe erfüllen. Keinesfalls aber kann man Voraussagen, daß die zunehmende Motorisierung und Mechanisierung der Streitkräfte die Gewähr für einen kurzen Kriegsverlauf gibt.
Llm Völkerfreiheit im
iii:
eltkrieg.
Oer britisch-russische Machtkampf im vorderen Orient.
Don Dr. Gustav ORoloff, ehemaligem Professor der Geschichte an der Universität Gießen.
Unter den Aktenpublikationen, mit denen die Großmächte ihre Politik vor dem Weltkriege zu rechtfertigen unternommen haben, nimmt die der Sowjetunion eine besondere Stellung ein. Sie ist zuletzt auf dem Plan erschienen und gibt nicht wie die anderen eine urkundliche Schilderung der letzten Jahrzehnte vor dem Kriegsbeginn — die deutschen und französischen Veröffentlichungen beginnen mit dem Jahre 1871 —, sondern sie setzt erst am 1. Januar 1914 ein, bringt also nur Material zur Geschichte der eigentlichen Julikrisis und der letzten Friedensmonate. Wann die Moskauer Regierung die Lücke nach rückwärts ausfüllen und eine vertiefte Anschauung von der auswärtigen Politik des letzten Zaren ermöglichen wird, steht dahin; einstweilen scheint ihr mehr daran gelegen zu sein, die auswärtige Politik während des Krieges, den Sturz des Zaren und ihren eigenen Ursprung zu schildern. Acht starke Doppelbände, die mehrere tausend Akten bis zum Herbst 1915, vornehmlich Korrespondenzen des Ministers des Auswärtigen mit den Botschaftern und Gesandten, enthalten, sind vorläusig erschienen. Wir wollen aus dem überaus reichhaltigen Material heute nur einen Punkt herausgreifen, der äußerlich zwar weit ab- zuliegen scheint, aber doch außerordentlich charakteristisch ist für die allgemeine Politik der Entente und speziell für das Verhältnis der Ententegenossen unter einander: d i e Beziehungen zwischen England und Rußland im vorderen Asien, insbesondere in Persien, während des Krieges.
Ueber dieses Gebiet hatten England und Rußland im Jahre 1907 selbstherrlich Verfügungen getroffen: Afghanistan sollte politisch und wirtschaftlich einen englischen Vasallenstaat bilden, Persien sollte zwischen den beiden Mächten aus- geteilt werden, und die Türkei sollte früher oder später demselben Schicksal verfallen. Der politische und wirtschaftliche Einfluß fremder Mächte, vornehmlich Deutschlands, sollte nach Möglichkeit ausgeschaltet werden, nur das verbündete Frankreich sollte seine hergebrachte Stellung im Nahen Orient behalten und damit an dem gemeinschaftlichen Gegensatz gegen Deutschland interessiert werden.
In Persien hatten sich bisher der russische und englische Einfluß bekämpft; jetzt sollte eine reinliche Scheidung stattfinden: England sollte ein bestimmt abgegrenztes Gebiet im Süden, Rußland im Norden ausbeuten, in einer dazwischen liegenden „neutralen" Zone sollten beide nur mit Zustimmung des anderen wirtschaftliche Unternehmungen begründen. In dem Abkommen war feierlich
die Unabhängigkeit und Integrität Persiens anerkannt worden — natürlich war das nur eine Kulisse für das Streben nach einem Protektorat; der Schah war bei dieser Verteilung feines Landes gar nicht zu Rate gezogen worden. Rußland hoffte, früher oder später den Hauptteil des Landes mit Beschlug zu belegen und seine transkaukasischen Provinzen durch eine Eisenbahn mit dem Persischen Golf zu verbinden, England strebte zur Sicherung der indischen Grenze nach dem maßgebenden Einfluß im Süden und wollte den Bau einer solchen russischen Bahn verhindern. Der Kampf zwischen den beiden Ententegenossen ging daher trotz des Abkommens weiter; man suchte einander in der Gunst des Schahs auszustechen und in der Erlangung von Konzessionen für die Anlage von Straßen, Bahnen, Häfen und Bergwerken zuvorzukommen. Der aggressivere Teil war Rußland. Im Widerspruch mit jener Verpflichtung ließ der Zar nordpersische Landschaften militärisch besetzen, russische Bauern ansiedeln, Steuern einziehen, Beamte ab- und einsetzen. Natürlich sah England dies Vorgehen ungern, weil darin die Vorbereitung eines Angriffs auf Afghanistan und Indien liegen konnte; die politische Korrespondenz zwischen Petersburg und London der Jahre 1907 bis 1914 — wir haben außer den englischen Akten auch viele von privater Seite veröffentlichte russische — ist angefüllt mit gegenseitigen Vorwürfen.
Aber bei alledem dachte keine Partei daran, die Dinge hier zum Bruche zu treiben, denn beiden war die Verständigung über die asiatischen Länder doch nur ein Mittel zum Hauptzweck: zur gemeinsamen Bekämpfung Deutschlands. Als Rußland, dessen Politik immer offensiver wurde und in feiner Presse die drohendsten Angriffe gegen Deutschland richten ließ, Anfang 1914 in London anregte, die politisch-militärischen Beziehungen durch eine gegen Deutschland gerichtete Marinekonoention enger zu gestalten, war die englische Regierung sogleich dazu bereit. Etwaige Gegensätze in Asien, sagte der Minister des Auswärtigen Grey, würden kein Hindernis sein, weil die europäischen Dinge viel wichtiger als die persischen seien. /
Interessant ist nun zu sehen, wie der Weltkrieg auf die Politik der beiden Ententestaaten in Persien eingewirkt hat. Man spürte sofort die Sympathie der Perser mit den Mittelmächten, von deren Sieg sie die Beseitigung des russisch-englischen Jochs erwarten durften, aber das bewirkte nicht, daß man sogleich allen Streit fallen ließ und die persische Regierung unter einen gemeinschaftlichen Druck setzte. Einstweilen lebten die beiden Gesandt-
Randglossen zur kleinen Zeitgeschichte
Von Ernst von Niebelfchütz.
Daß im Tode die Menschen gleich sind und jenseits der dunklen Pforte Stand und Namen zu gelten aufhören, wird theoretisch zwar allgemein anerkannt, allein praktisch will man es so wenig wahrhaben, daß man die sozialen Unterschiede selbst in die Friedhöfe hineinträgt, ohne sich der tiefen Unlogik, die darin liegt, eigentlich bewußt zu sein. Man wird nach „Klassen" beerdigt, und der Stein auf unserem Grab läßt ziemlich genaue Schlüsse auf die Höhe unseres Jahreseinkommens zu. Ein Gang durch einen Friedhof ist eine Qual, nicht etwa weil die Nähe des Todes peinliche Gefühle erweckte, sondern weil der weihevolle Friede, der uns auf einem Gottesacker umgeben sollte, fortwährend und in der aufdringlichsten Weise durch das steingewordene Geltungsbedürfnis der Verstorbenen gestört wird. Und wirklich: nirgends hat sich der hemmungslose Individualismus, der die letzten hundert Jahre kennzeichnet, so breit gemacht, nirgends fällt er uns so auf die Nerven als Da, wo er am wenigsten hingehört: auf unseren Friedhöfen.
Das soll nun nach den Richtlinien, die der P r ä» fibent der Reichskammer der bildenden Künste im Einvernehmen mit den beteiligten Ministerien erlassen hat, in Zukunft anders werden, es wird eine Friedhofsordnung erstrebt, die der prunkenden Ueberheblichkeit und dem meistens damit eng verbundenen Kitsch das längst verdiente Ende bereitet. Keine grellpolierten Steine, keine übergroßen Denkmäler mehr, aber auch keine künstlichen Felsen und Grotten, keine Blechkränze und Papierfiguren, keine aufgeklebten Photogra- pien, keine Glasplatten und Porzellanengelchen, und was dergleichen Geschmacklosigkeiten mehr sind. Stattdessen ein gewisses Gleichmaß, eine planvolle Ordnung, die allein schon dafür sorgen werden, daß der hier so unpassende Gegensatz von Arm und Reich seine Schärfe verliert. Nach Durchführung dieser Bestimmungen, deren Notwendigkeit leider nicht zu bestreiten ist, wird man erst sehen, wie schön ein solcher, von einer maßvoll regulierenden Kunst gestalteter Friedhof sein kann und daß er auch das religiös gestimmte Gemüt ungleich mehr befriedigt als sein Vorgänger, der ein Tummelplatz der persönlichen Willkür und des Ungeschmacks war.
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In Amerika hat man über das moralisch zulässige K u n st w e r k merkwürdig strenge Auffassungen, nur tut man darin oft des Guten zuviel und zieht es gelegentlich vor, sich lieber ein wenig lächerlich zu machen, als daß man sich der Gefahr aussetzte, den polizeilich gehüteten Nationalschatz der öffentlichen Sittlichkeit dem Bazillus der moralischen Inflation preiszugeben. Diese Sorgfalt bezieht sich natürlich nicht auf das Leben im allgemeinen, wo man im Gegenteil der sexuellen Weekend- Freiheit und dem „Anzug" der Revuestars Rechte zugesteht, die sich ziemlich weit außerhalb der sonst zulässigen Grenze bewegen. Aber Kunstwerke? — Nein, da gilt es aufzupassen! Das hier folgende Stückchen amerikanischer Moralgeschichte steht aber doch wohl einzig da. Ort der Handlung: ein Hafenzollamt. Dramatisches Motiv: eine von einer angesehenen Kunstgalerie aus Europa bezogene Mappe mit Photographien nach Michelangelos Fresken in der Sixtinischen Kapelle wird wegen des „obzönen" Charakters der Bilder beschlagnahmt und der Adressat verständigt, er könne einer schweren Bestrafung nach den geltenden Zollgesetzen nur bann entgehen, wenn er freiwillig auf die Aushändigung der Mappe verzichte. Der Adressat war aber hartnäckig und humorvoll genug, auf das sonderbare Ansinnen der Behörde nicht einzugehen. Man darf sich also auf einen recht interessanten Prozeß gefaßt machen: wie amerikanische Sittlichkeit contra Michelangelo und die Päpste. Hoffen wir, daß man einen weisen und gerechten Richter finden wird!
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In einer medizinischen Wochenschrift geht ein Göttinger Arzt dem Problem der „G e m ü t s verarm u n g" nach. Der zersetzende Geist der letzten Generationen, so etwa wird ausgeführt, habe eine allgemeine Atomisierung der Seelenkräfte notwendig zur Folge gehabt, nicht bloß in den Spezialwissenschaften, sondern vor allem im sozialen Leben. Die individuelle Einkapselung habe die Menschen der psychischen Derbindungsfäden, ihrer „Haltetaue" beraubt; infolgedessen könnten sie den sich überstürzenden Eindrücken der Außenwelt nicht mehr den gleichen inneren Widerstand entgegensetzen wie ihre noch fest in Familien, Sippengenossenschaften usw. verwurzelten Vorfahren. Das Uebel komme keineswegs nur daher, daß der heutige Mensch Mangel an Vitaminen, Fetten, Kohlenhydraten und Mineralsalzen leide, sondern daß er arm an Gemüt geworden sei. Die aus dieser Erkenntnis gezogene Schlußfolgerung, daß die Jndividuglseele nichts für sich Bestehendes und Selbstherrliches fei, sondern ihre Wurzeln in der
schäften zu sehr in der hergebrachten Gegnerschaft, um sogleich eine Wendung finden zu können. Ja, zunächst erweiterte sich die Kluft. England wie Rußland waren überzeugt, binnen kurzem die Mittelmächte niedergeschlagen zu haben, und hofften, dann ihren orientalischen Zielen mit um so größerer Wucht nachgehen zu können. Rußland vermehrte daher seine Truppen in Nordpersien, England schürte den Widerstand des Schahs dagegen durcy finanzielle Hilfen und durch Unterstützung der persischen Proteste. In Persien müsse man, sagte Grey voll Bitterkeit, aus diesen Dingen auf einen Gegensatz der englischen und russischen Politik schließen, und der russische Gesandte in Teheran klagte, England suche die augenblickliche Situation, in der Rußland nur wenig Truppen für Persien übrig habe, zur Untergrabung des russischen Prestiges zu benutzen.
Die Hoffnung auf die rasche Besiegung der Mittelmächte mußte man bald aufgeben, und zugleich schuf die Kriegserklärung der Pforte an die Entente (31. Oktober 1914) eine neue Lage. In England rechnete man sofort mit der Möglichkeit einer panislamitischen Bewegung. Man hegt, berichtete der russische Botschafter nach'Hause, ernste „Besorgnis vor der nachteiligen Wirkung auf die großbritannische Kraft in dem gegenwärtigen Kriege, wenn alle Muselmanen auf türkischer Seite geeinigt würden, eine Eventualität, die Anlaß zu Schwierigkeiten sowohl in Aegypten als in Indien geben würde", deshalb, meinte die englische Regierung, müsse man Persien gewinnen, um eine mohammedanische Einheitsfront zu verhindern. Die erste Bedingung dam mußte selbstverständlich die Räumung des persischen Landes durch die Russen sein. Den Londoner Politikern schien sogar noch mehr erreichbar. Da die Türken sich anschickten, die Russen in Nordpersien anzugreifen, sollten die Russen den Persern die Verteidigung ihres Landes überlassen und einen Bruch zwischen den beiden mohammedanischen Staaten herbeiführen: das würde, sagte Grey, außerordentlich günstig für die Entente und schädlich für Deutschland fern. Aber Rußland verwarf diese Idee mit Rücksicht auf seine Zukunftspläne schroff: der Gegensatz der beiden Bundesgenossen schien unversöhnbar zu sein.
Indessen kurz darauf schien die Kriegslage einen neuen gemeinsamen Boden zu bieten — natürlich auf Kosten Persiens und anderer Schwachen. Als die Entente im März 1915 den Angriff a u f öte Dardanellen vorbereitete, glaubte man in derselben Ueberschätzung der eignen Kraft wie ein Halbjahr vorher mit der Türkei bald ein Ende machen zu können, und sogleich meldete Rußland feinen Anspruch auf das Fell des zu erlegenden Bären an: Konstantinopel und das westliche Ufer der Meerengen müsse ihm im Frieden zufallen. Die englische Regierung widersvrach nicht, verlangte aber als Gegengabe die lleberiaffung der neutralen persischen Zone, so daß England in zwei Drittteilen Persiens herrschend sein werde. Rußland war einverstanden, begehrte aber dafür das nördliche Afghanistan für sich: zwei Länder, die sich im großen Kriege neutral zu halten bestrebt waren, sollten also die Kosten aufbringen, damit sich die Nationen, die angeblich für die Freiheit und Sicherheit der kleinen Völker in den Krieg gezogen waren, verständigen und bereichern könnten. Tatsächlich kam auf dieser Basis eine Verständigung zustande. Seit dieser Zeit arbeiteten der englische unt> russische Gesandte in Teheran zusammen, von einer Forderung Englands auf Zurückziehung der russischen Truppen ist keine Rede mehr, bald setzt England in Buschir selbst Truppen auf persischen Boden (August 1915): das Geschick Persiens, in einen russischen und englischen Teil zerrissen zu werden, fasten entschieden.
Wie das neue Zusammengehen sich in den nächsten Jahren bewährte, können wir im Einzelnen nicht verfolgen, da die russischen Akten vorläufig nur bis zu Diesem Zeitpunkt gehen, aber schließlich hoben die Dinge doch eine ganz andere Wendung genommen, als die eroberungslustigen Mächte wähnten. Der Zusammenbruch Rußlands im Jahre 1917 machte Persien nach dieser Seite frei, und wenn auch der englische Druck zunächst noch zunahm, so zwangen die Verwicklungen, die im Anschluß an den Weltkrieg im Orient ausbrachen, auch die englische Regierung, ihre Truppen aus dem
Sozialpsyche suchen müsse, ist sicher richtig; die Frage ist nur, ob die Erklärung ausreicht, ob der Mangel an Gemüt nicht noch tiefere Ursachen hat. Wir sehen sie vor allem in dem Fehlen eines tragkräftigen Glaubens an den Sei ft als diejenige überpersönliche Instanz, die allein den Menschen zum Menschen, d. h. zum Ebenbilde Gottes macht. Eine wahre Angst vor dem Geiste — dem Geiste als dem „Creator Spiritus“, nicht etwa dem analysierenden Verstände (der ja im Gegenteil seine höchsten Triumphe feiert) — hat sich feit vielen Generationen in wachsendem Maße der Menschheit bemächtigt, und im Grunde genommen ist es diese Angst, die den modernen Menschen seine übersinnliche Herkunft vergessen läßt, die ihn dem plattesten Materialismus in die Arme treibt und schließlich — wenn die Zeit erfüllet ist — Zustände möglich macht, wie fie heute in Rußland und im bolschewistisch gebliebenen Spanien herrschen und den Menschen in einer Verfassung zeigen, die ihn seinem anderen Gegenpol, dem Tiere, annähert. Ein neuer Glaube, ein neues Bekenntnis zu den geistigen Urmächten, eine neue Ehrfurcht vor dem Menschen muß entstehen, wenn die Gemütsarmut, die nichts weiter als die Folge einer geistigen Verdorruna ist, nicht eine allgemeine Zeitkrankheit werden soll.
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Vor kurzem ist die berühmte frühromanische Holztür der Kirche St. Maria im Kapitol zu Köln anläßlich Erneuerungsarbeiten am Bauwerk von ihrem Platz entfernt und bei dieser Gelegenheit sachgemäß gereinigt worden, so daß erst jetzt ihre hohe kunstgeschlchtliche Bedeutung ganz zutage tritt. Man wird sich einer solchen Entdeckung — denn die jetzige provisorische Aufstellung im hellen Licht des Kölner Schnütgen-Museums kommt wirklich einer Entdeckung gleich — nur freuen, sehr viel weniger aber des sogleich aus wissenschaftlichen Kreisen geäußerten Wunsches, die Tür möge nun dauernd als Leihgabe in der Obhut eines der städtischen Museen verbleiben. Wir mochten nur hoffen und sind dessen sogar sicher, daß dieser vom Standpunkt der Kunstwissenschaft verständliche, von dem der Kunst völlig unverständliche Wunsch kein Gehör bei der maßgebenden Stelle findet. Die Tür ist vor 900 Jahren für einen beftimmten Platz in einer bestimmten Kirche geschaffen worden, nicht um Kunsthistorikern Stoff für geistreiche Formbetrachtungen zu geben, sondern „in maiorem dei gloriam". Und dabei soll es bleiben, zumal gar kein Grund vorliegt, das Kunstwerk aus Gründen der besseren Erhaltung in ein Museum zu verschleppen.
Lande des Schah zurückzuziehen (1920) und Persien ebenso wie Afghanistan als völlig souveräne Staaten anzuerkennen.
So haben die beiden Vorländer Indiens, die zu Provinzen der beiden Weltmächte herabgedrückt werden sollten, durch den Weltkrieg ihre Freiheit erlangt: dem Weltverkehr sind damit ganz andere Bahnen eröffnet worden, als die Urheber des Krieges beabsichtigt hatten. Deutschland darf dieses Ergebnis als einen Erfolg seiner militärischen Leistungen und Opfer buchen. Auf feine Siege geht die Niederlage Rußlands und die Erhaltung des Hauptteils der Türkei als unabhängiger Staat zurück, und beide Ereignisse stellten mit ihren unmittelbaren und mittelbaren Folgen England, das unerwartet große Opfer im Kriege hatte bringen müssen, vor solche Aufgaben, daß es mit seiner durch den Krieg geschwächten Kraft seine ursprünglichen Zwecke nicht mehr erreichen konnte. Es mußte seine Politik begrenzen und seine Ansprüche herabsetzen. So ist die russische Publikation ein neues Zeugnis dafür, daß der Gedanke der Freiheit und Unabhängigkeit der Volker nicht im Lager der Entente, sondern bei den Mittelmächten Vertretung und Schutz gefunden hat.
Walter von der Vogelweide.
Von Wilhelm Schäfer.
Zierliche Reime hielten zärtliche Worte umrankt und waren im Goldgrund der Minne züchtig gemalt mit höfischen Farben, als Reimar, der alte, Walther, dem Jüngling, den Minnesang lehrte.
Aber der Jüngling aus armem Rittergeschlecht lernte anders zu fingen und sagen als sonst ein höfischer Junker, von der Vogelweide war er genannt, und bessere Weide als Brosamen fand er sein Leben lang nicht.
Früh war die Straße sein Saal und der Wald seine Kammer, auf allen Wegen des Abendlandes sah er das fahrende Volk; da horte er harschere Töne als die der höfischen Sitte.
Die Vögel sangen ihm Lieder, die Bäche pochten den munteren Takt, und der Wind in den Bäumen rauschte den Harfenton: eine braune Dirne im Arm, das war sine hellere Minne, als nach der Herrin zu schmachten.
Und Walter wußte der helleren Minne die Lieder zu fingen wie keiner- Wald und Wiese wurden lebendig, wo ihm das Wort aus dem Mund svrang, und die Liebe fing an zu lachen, wo fein Lockruf ertönte.
Als Otto den Welfen der Bann traf — dem der Papst selber zur Macht verhalf, da er ihn brauchte, und den er verfluchte, da er ihm leid war — vergaß Herr Walter die Maße der höfischen Zucht; da sprang ihm der Zorn in die Kehle, und Rom hatte nicht solche Sprüche gehört, wie die von der Vogelweide. ,,
Denn mehr als ein christlicher Ritter war Walter ein Mann von deutschem Geblüt; jach war sein Zorn, und sein Wort zückte schärfer als manchermanns Schwert.
Als seine Sprüche dem treulosen Rom um die Ohren sprangen, von fahrenden Schülern und frechen Rittern gesungen, da schlug die Stunde schrill in den Morgen, da trat in den Kampf der Schwerter und Listen die neue Gewalt, da wurde in Ehren und Zorn der deutsche Geist wach.
Da wurde Herr Walther, der Mann ohne Burg und Land, eine Stärke, der die Fürsten und Herren im deutschen Land zag ober zornig den Gruß gaben.
Und als er grau war, gab ihm der Staufer Friedrich der Zweite, der Todfeind der Kirche, in Würzburg ein Lehen; da saß die singende Seele der Deutschen im Alter und sagte der Zeit ihre Klage.
Das Feld war umbrochen, der Wald war verhauen, Weisheit, Alter und Adel hatten den Sitz an die Torheit verloren, das Recht hinkte sehr, die Scham war in Trauer, im Siechtum die Zucht, als Walter, der Weiser und Sänger der Deutschen, den Tod nahen fühlte.
In seinen Leichenstein waren vier Löcher gehauen, Brosamen den Vögeln zu streuen, daß sie kämen zur täglichen Weide und daß ihr Gesang dem Grab die Fröhlichkeit gäbe, die Walter im seßhaften Alter wehmütig suchte, weil seine fahrende Jugend so übervoll davon war.
Wie Chopin spielte.
Unter dem Titel „Wie Chopin spielte" ist in London eine kleine Schrift erschienen, die die Aufzeichnungen von 21. I. Hipkins, von seiner Tochter herausgegeben, enthält. Hipkins, der selbst später als Klavierspieler einen guten Ramen hatte, horte Chopin im Jahre 1848, als er seinen zweiten und letzten Besuch in London machte. Der große Musiker schien schon vom Tode gezeichnet; er mußte zu dem Konzertraum die Treppe hinaufgetragen werden, aber sein Spiel machte auf den damals noch jungen Hörer einen überwältigenden Eindruck, dem er mit folgenden Worten Ausdruck zu verleihen versuchte: „Körperliche Schwache war nicht etwa der Grund für seine wunderbar zarte Spielweise. Diese Art zu spielen war sein eigenster Ausdruck und unzertrennlich von seiner Auffassung, wie man ein Instrument zum Klingen bringen solle ; unmöglich, daß irgendein äußerer Einfluß da eine Aenderung hätte bewirken können. In seinem „fortissimv" erklang nur der Ton selbst in seiner vollen Stärke und Reinheit ohne lärmendes Rebengeräusch.eine harte abgehack e Rote bereitete ihm Schmerz. Seine Abstufungen eines Tones bis zur hauchleisen Abschwächung blieben doch immer klar. Sein klangvoll verbundener Anschlag war herrlich. Die weitspannenden gebrochenen Akkorde im Baß leitete er durch Anschlag und maßvollen Gebrauch des Pedals in die entsprechenden lang ausgehaltenen Akkorde über und lieh sie aufrauschen und abschwellen wie Wogen in einer Flut von Wohllaut. Seine Ellbogen lagen eng am Körper an und er gab den Dachdruck nicht durch das Gewicht des Armes, sondern durch die Kraft der Hand und der Finger. Er bevorzugte die einfache natürliche Haltung der Hände, verschieden bedingt, je nachdem er Tonleitern spielte oder Akkorde anschlug. Er gebrauchte den leichtesten Fingersatz, wenn er auch einmal nicht der strengen Regel entsprach. Auf einer Taste wechselte er die Finger so oft wie es sonst nur beim Orgelspiel üblich ist. Seine Technik war unübertrefflich. Jedes Hämmern auf dem Klavier war ihm in der Seele zuwider. Sein lautes Spiel war relativ, nicht absolut laut, denn es ging hervor und beruhte auf seinem köstlichen leisen und leisesten Spiel im zarten Wechsel von An- und Abschwellen. Es kam nicht vor, daß Chvpin eine eigene Schöpfung zweimal gleich spielte, denn jedesmal war sie von seiner augenblicklichen Stimmung wie neu erschaffen; Stimmungen, die gerade durch ihre Launen und Eingebungen, die fein Inneres widerspiegelten, bezauberten; glich seine Musik dann doch den feinen Farbtönen, die eine Perlmutter-Muschel wiederzugeben vermag; ebenso mühelos schien sein Spiel alles widerzustrahlen."


