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ttr.182 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger sGenerai-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag, 7. August |93Z

Wehr und Waffen.

Miorisierung und Llebermolorisierung neuzeitlicher Heere.

Von Erhard Wegeli, Oberstleutnant a. O.

Die Erinnerung an die Ausartung der Krieg­führung im Weltkriege in einen vierjährigen Stel­lungskrieg liegt den für den Ausbau der Wehr­macht in den Militärstaaten verantwortlichen Män­nern wie ein Alpdruck auf der Seele. Mit Recht sagen sie sich, daß wenigstens die europäischen Staaten es sich in den nächsten Jahrzehnten nicht leisten können, nochmals derartige Opfer an Gut und Blut zu bringen, wie sie ein mehrjähriger Krieg mit einem von Jahr zu Jahr ins Unge­messene steigenden Materialeinsatz und entsprechen­den blutigen Verlusten erfordert. Sie sind sich auch darüber klar geworden, daß selbst der Sieg in einem solchen Kriege weltpolitisch und weltwirt­schaftlich betrachtet einer Niederlage gleichkommen würde. Die logische Folge solcher Erwägungen kann nur die sein, zum Bewegungskriege mit schnellen Entscheidungen zurückzukehren, wie er in den meisten Feldzügen Napoleons und in den Einigungskriegen Preußen-Deutschlands in beispiel­hafter Form verwirklicht wurde.

Man muß sich dabei aber darüber klar sein, daß, je stärker die Angriffswaffen werden, die den Be­wegungskrieg erzwingen sollen, um so stärker auch die abstoßende Wirkung der Abwehrwaffen wird, die dem Angreifer immer wieder einen Riegel vor­schieben, ihn zu Boden zwingen und schließlich doch wieder die Offensivoperationen nach Anfangser­folgen im Stellungskampf erstarren lassen. Das haben die wiederholten Durchbruchsversuche im Weltkriege auf beiden Seiten, besonders auf der Westfront, immer wieder schlagend bewiesen.

Ein Mittel, aus diesem Dilemma herauszukom­men, glauben nun maßgebende Männer der ver­schiedenen Militärstaaten in der Motorisie­rung und Mechanisierung der Kriegfüh­rung gefunden zu haben. Die großen Erfolge der Kampfwagen in verschiedenen Schlachten des Weltkrieges, der Tankschlacht bei Cambrai im November 1917, der Schlacht zwischen Soissons und der Marne im Juli 1918 und ganz besonders der tiefe Einbruch in die deutschen Stellungen am 8. August 1918 scheinen denjenigen Recht zu geben, die meinen, mit riesigen Massen an schwer ver­wundbaren schnellen Kampfwagen jeden Widerstand rasch brechen und den Bewegungskrieg erzwingen du können. Im Verein mit dem Luft­kriege, nicht nur gegen die kämpfenden Truppen, sondern auch gegen die wehrwichtigen Verbindun­gen, Erzeugungsstätten und die Bevölkerung des feindlichen Landes hoffen sie, den Krieg in kurzer Zeit und mit verhältnismäßig geringen eigenen Opfern entscheiden zu können. Wenn die Rechnung stimmt, so muß derjenige gewinnen, der durch über­legene Ausrüstung mit motorisierten Streitkräften auf der Erde und in der Luft die Vorhand über den Gegner hat. Es wäre dann nur noch eine Frage des Geldeinsatzes und der technischen Leistung bei der Kriegsvorbereitung, um das sichere Rezept zum schnellen Siege zu besitzen. Die Befürworter einer auf das äußerste gesteigerten Motorisierung und Mechanisierung der Streitkräfte denken sich den Verlauf der Operationen etwa so:

Durch schlagartigen Einsatz überlegener Luftstreit­kräfte, möglichst ohne vorherige Kriegserklärung, soll zunächst die Mobilmachung und der Aufmarsch des feindlichen Heeres gestört und verzögert wer-

den. Sie hoffen dieses Ziel durch umfangreiche Zer­störung von Eisenbahnanlagen, insbesondere Kunst­bauten, wie Strombrücken, Viadukte und wichtige Bahnhöfe, zu erreichen. Durch gleichzeitige Bomben­angriffe gegen Industriezentren und Städte soll gleich zu Beginn des Krieges das Wirtschaftsleben lahmgclegt und die Bevölkerung entnervt werden. Gegen die im Aufmarschgebiet eintreffenden Trup­pen- und Materialtransporte werden schnelle moto­risierte Truppen mit Straßenpanzerkraftwagen und Kampfwagen sowie Luftgeschwader vorgeworfen, um einen planmäßigen Aufmarsch unmöglich zu machen. So soll schon die Einleitung der Kampf­handlungen den Keim zum Enderfolg legen. Ge­lingt dem Gegner schließlich dennoch der Aufmarsch und kann er eine einigermaßen festgefügte Front, sei es zur Offensive, sei es zur Defensive aufbauen, so sollen ungeheure Massen von leichten, mittleren und schweren Kampfwagen mit starker Artillerie­unterstützung in seine Linien einbrechen, sie tief durchstoßen und so der stürmenden Infanterie den Weg steimachen. Nicht genug damit, sollen moto­risierte schnelle Divisionen, die neuzeitliche Schlachten- kaoallerie, die Flügel des Gegners umgehen und tief in seine Flanken einbrechen, die rückwärtigen Verbindungen durchschneiden und so seine Lebens­adern unterbinden. Ein wahrhaft bestechendes Bild!

Die Rechnung muß aufgehen, wenn... ja eben, wenn alle ihre Faktoren stimmen, das heißt, wenn die Gegenwehr eines an motorisierten Streit­kräften zu Lande und in der Luft schwächeren Gegners so gering ist, daß sich alle diese Ziele er­reichen lassen. Sind beide Gegner etwa gleich stark an motorisierten und mechanisierten Streitkräften, so wird dem der Erfolg winken, der den besseren Feldherrn, die tüchtigeren Unterführer und die best- ausgebildeten Truppen besitzt. Halten sie sich auch darin die Waage, so ist es wahrscheinlich, daß nach hin- und herwogendem Kampfe, wobei Massen von Kampfwagen und Flugzeugen zerstört werden, eine Ermattung auf beiden Seiten eintritt. Diese würde wie im Weltkriege einen Stillstand der Operationen, einen Stellungskrieg, wenn auch wohl in anderen Formen als im Weltkriege, jedenfalls aber mit noch weit größerem Materialverbrauch, herbei­führen.

Es ist nun zu erwägen, wie die Aussichten für ein He"r stehen, das bei genügender zahlenmäßiger Stärke einem Gegner gegenübersteht, der ihm an motorisierten und mechanisierten Streitkräften zu Lande und in der Luft erheblich überlegen ist. Den Seekrieg wollen wir in dieser Betrachtung außer acht lassen. Würden die Befürworter einer auf das Höchstmaß zu steigernden motorischen Ausrüstung recht behalten, so würde der darin schwächere Teil hoffnungslos unterliegen. Um das zu beurteilen, müssen wir uns mit der modernen Abwehr gegen motorisierte Streitkräfte, in erster Linie Kampfwagen und Flugzeuge, befassen. Wie stets in der Geschichte der Bewaffnung tobt auch jetzt ein erbitterter Kampf zwischen Angriffs- und Ab­wehrwaffen. Als im Weltkriege zum ersten Male die Panzerechsen der Tanks auftraten, die Hinder­nisse niederwalzten und die mit ihren Gewehren und Maschinengewehren wirkungslose Infanterie überrannten, schien die Aufgabe, den Stellungs­krieg zu entwurzeln und den Bewegungskrieg zu

entfesseln, gelöst. Und dennoch wurde das Gegen­mittel gefunden. Zunächst wurde die Abwehr durch Feldgeschütze, Minenwerfer und Werfen von Hanogranatenbündeln mit zunehmendem Erfolge organisiert. Es wurde dann auf deutscher Seite ein überschweres Maschinengewehr konstruiert, dessen Geschosse die Kampfwagenpanzer durchschlugen. Es kam allerdings nicht zum Einsatz dieser Waffe in größerem Maße, da kurz vor ihrer Zuteilung an die Infanterie-Divisionen in ausreichender Zahl der Waffenstillstand eintrat.

Nach dem Kriege, als die Ausrüstung der Militär­staaten mit gepanzerten Angriffswaffen in das Massenhafte gesteigert und ihre Schnelligkeit und Kampfkraft immer mehr erhöht wurde, blieb die Technik auf der anderen Seite in der Herstellung von Abwehrwaffen und -mitteln nicht müßig. Die Abwehrwaffen bestehen in erster Linie in sehr schnell feuernden kleinkalibrigen Geschützen mit hoher Be­weglichkeit. Ferner werden an den bedrohten Stellen Minenfelder gelegt und Drahtrollen verwendet, in denen sich der Bewegungsmechanismus der Kampf­wagen verwickelt, so daß sie zum Stehen kommen und den Abwehrwaffen ein dankbares Ziel bieten. Auch ist die Taktik darauf bedacht, in der Ver­teidigung möglichst kampfwagensicheres Gelände wenigstens für Teile der Widerstandszone aufzu­suchen, wie Wälder, sumpfiges Gelände, Flüsse, Steilhänge, Ortschaften, deren Straßen verbarrika­diert werden, usw. Die Abwehr wird dann in den nicht durch das Gelände geschützten Stellungsteilen massiert.

Es wird wohl bis zum Ernstfall eine ungelöste Frage bleiben, ob die Abwehr stark genug ist, um den gepanzerten Angriffswaffen so hohe Verluste zuzufugen, daß sie ihr Ziel, den Bewegungskrieg gegen den an Kampfwagen schwächeren Teil zu er­zwingen und ihn in diesem zu schlagen, aufgeben müssen. Die Meinungen darüber find zur Zeit ge­teilt, aber mir will es scheinen, daß bei ausreichen­der Zuteilung und geschicktem Einsatz der Abwehr- mittel die Verluste der Kampfwagen außerordent­lich hoch fein werden und daß sie allein nicht den Bewegungskrieg erzwingen werden. Man darf dabei auch nicht übersehen, daß die materielle Wir­kung der schnell fahrenden Kampfwagen nicht fo groß ist, wie viele annehmen. Ein gezieltes Feuer auf kleine gut gedeckte und getarnte Ziele, wie die dem Angreifer besonders gesährlichen MG.-Nester, ist ihnen nicht möglich, sondern nur ein Streufeuer, dessen Wirkung im Verhältnis zum Munitionsauf­wand gering ist. Ob die Kampfwagen selbst bei Masseneinsatz in häufigen Fällen ihr Ziel erreichen werden, die in der tiefen Abwehrzone verstreuten MG.-Nester in genügender Zahl zu beseitigen, um der folgenden Infanterie die Bahn zum Angriff frei zu fegen, und ob sie dann noch trotz der Ab­wehr durch Tankabwehrgeschütze bis in die Artillerie­stellung Vordringen und die Reserven überrennen werden, ist beim heutigen Stande der Abwehrmittel nicht ohne weiteres zu bejahen.

Eine Gefahr des übermäßigen Einsatzes mo­torisierter und mechanisierter Verbände wird nicht unterschätzt werden dürfen: Die Zerstörung der Straßen. Nicht überall kann man die unge­heuren Massen von Kampfwagen, motorisierter Ar­tillerie, oerlafteter Infanterie und Nachschubfahr­zeugen auf so widerstandsfähige Straßen verweis fen wie etwa unsere Reichsautobahnen. Die ge­wöhnlichen Kunststraßen, von unbefestigten Wegen ganz zu schweigen, werden aber, besonders bei Regenwetter, in wenigen Tagen in einen solchen Zustand geraten, daß sie schließlich den Bewegun­gen ernste Hindernisse bereiten und die Operationen wesentlich stören können. Man wende nicht dagegen

ein, daß ja ein großer Teil der Kraftfahrzeuge geländegängig ist. Dieser Begriff ist doch nur recht bedingt; für längere Bewegungen find jedenfalls die Kraftsahrzeuge "auf die Straßen angewiesen. Eine weitere Gefahr einer Uebermotorifierung liegt in der erheblichen Verletzlichkeit der Massen von motorisierten Fahrzeugen durch Luftangriffe. Ich hatte Gelegenheit, die Versammlung und den Vormarsch einer französischen motorisierten Division im Manöver zu sehen, die dabei von Flugzeugen angegriffen wurde. Es unterlag keinem Zweifel, daß die Verluste erheblich gewesen wären und daß besonders in Straßenengen Dörfern, Wäldern durch zerstört liegengebliebene Fahrzeuge bedenk­liche Marschstvckungen entstanden wären.

Wir kommen nun zu den Luftstreitkräf- t e n. Auch in deren Beurteilung bezüglich ihres Einflusses auf die Operationen find die militärischen Sachverständigen sehr verschiedener Ansicht. Der italienische General D o u h e t geht so weit, daß er glaubt, ein Zukunftskrieg werde durch die Luftwaffe allein entschieden werden. DerDvuhetismus" hat nicht wenige Anhänger. Ich bin überzeugt, daß er mit seiner Ansicht erheblich zuweit geht, denn die Luftwaffe kann zwar, wenn sie nicht von Luft- ftreitträften und Erdabwehr ausreichend bekämpft wird, sehr erheblichen Schaden verursachen und zum Enderfolg ganz wesentlich beitragen, aber, daß sie ohne gleichzeitigen Sieg der Erdstreitkräfte den Geg­ner zum Frieden zwingen wird, ist unwahrschein­lich, es sei denn, daß es sich um ein moralisch schwaches Volk handelt, das sich durch den zweifel­los niederdrückenden Eindruck wiederholter ßuft> angriffe auf die Wohnstätten niederwerfen läßt.

Auch hier ist der Kampf der Technik um Die lieber» legenheit der Angriffs- und Abwehrwaffen in vol­lem Gange. Der rapiden Steigerung der Luftwaffe nach Zahl und Kampfkraft steht eine sehr inten­sive Entwicklung der Erdabwehr gegenüber.Die artilleristische Abwehr ist durch.sehr schnell feuernde Flakbatterien mit höchst vervollkommneten Richt­mitteln gegenüber den Verhältnissen im Weltkriege ganz bedeutend gesteigert worden. Wenn die Frie- dens-Schießplatz-Ergebnisse nicht allzusehr täuschen, muß mit einem beträchtlichen Hundertsatz im Ab­schuß von Flugzeugen gerechnet werden. Zum min­desten ist es aber wahrscheinlich, daß die Flskartil- lerie die feindlichen Luststreitkräfte in erhebliche Höhen zwingen wird, wodurch die Treffwahrschein­lichkeit des Bombenabwurfes stark herabgesetzt wird. Gegen Tiefflieger werden in großer Zahl klein­kalibrige Schnellfeuergeschütze und Fliegerabwehr­MG. eingesetzt werden, denen ebenfalls wegen ihrer Ausstattung mit verfeinerten Richtmitteln und wirk­samer Munition erhebliche Erfolge zugesfirochen werden müssen. Nicht zum geringsten wird der Ausbau des passiven Luftschutzes dazu bei­tragen, die materielle, besonders aber die moralische Wirkung von Luftangriffen gegen die Wohnstätten abzuschwächen. Wenn also die an Luftstreitkräften schwächere Partei die Erdabwehr und den passiven Luftschutz sorgfältig ausgebaut hat, so erscheint es keineswegs sicher, daß der Ueberlegenheit in der Luft allein ohne gleichzeitige Ueberlegenheit der Erdstreitkräfte den Endsieg sichert.

Eine äußerst wichtige Frage, die vor einer Ueben» fteigerung der Motorisierung warnt, ist die der

f Steinhäfur- »Urquell

Violwille-Mars-la-Tour, Gravelotte-sl. privat.

Ehrentage des Gießener Regiments am 16. und 18. August 1810.

Von Georg Lind.

An die Namen Weißenburg, Wörth, Spichern knüpfte sich im Jahre 1870 die frohe Zuversicht des gesamten deutschen Volkes auf siegreiche Vollendung des ihm von dem französischen Kaiserreich aufge­zwungenen Krieges, der zur Einigung der deutschen Stämme und zur Errichtung des Deutschen Reichs führen sollte. Die blutigen Kampfe bei Weißenburg, Wörth und um die Spicherer Höhen hatten den be­absichtigten Vorstoß der Franzosen nach Süddeutsch­land aogewehrt, sie in die Defensive gedrängt und den deutschen Truppen den Besitz des nördlichen Elsaß bereits gesichert. Die jetzt folgenden August­kämpfe vor Metz sollten die Vereinigung des Ba­za i n e schen Heeres mit dem neuen, sich um Chälons sammelnden Heere des Marschalls Mac M a h o n vereiteln. Sie wurden eingeleitet durch die Schlacht von Colombey-Nouilly am 14. August und wurden von deutscher Seite gleichsam improvisiert, indem sich aus eigener Initiative die Führer des I. und des VII. deutschen Korps auf die schon im Abmarsch von Metz nach CHLlvns begriffenen französischen Armeeteile warfen und deren wesentliche Weiter­bewegung empfindlich störten und erheblich verzö­gerten, allerdings mit dem Verlust von 5000 Mann, dem ein solcher der Franzosen von 3500 gegenüber­stand.

Da in diesen Augustkämpfen in hervorragender Weise auch das Gießener Regiment, 2. Großh. Hess, (später Nr. 116), teilgenommen hat, sei kurz vor den Erinnerungstagen des 16. und 18. August an die­ser Stelle darauf hingewiesen. Das Regiment war bereits am 21. Juli 1870, zwei Tage nach der Kriegserklärung, auf Kriegsstärke gebracht worden. Das Ersatzbataillon blieb in der Gießener Kaserne; die übrigen Teile wurden für zwei Tage in den Orten Krofdorf, Atzbach, Kinzenbach, Duten­hofen und Münchholzhausen in Bauernquartiere gelegt. Schon am 25. Juli trat das aus zwei Ba­taillonen bestehende Regiment, das mit den übri­gen hessischen Truppen die dem Prinzen Lud­wig von Hessen (dem späteren Großherzog Ludwig IV, 1877 bis 1892) unterstehende Großh. Hessische Division bildete und im Verband des IX. Armeekorps der Heeresgruppe des Prinzen Friedrich Karl von P r e u ß e n-unterstand, von Wetzlar aus per Bahn über EmsOberlahn­steinBiebrichMoosbach seine Bewegung nach dem Kriegsschauplatz an. Der Weitermarsch erfolgte

in die Umgebung von Mainz und von dort weiter über AlzeyWormsKaiserslautern nach Saar­brücken, wo es am 10. August eintraf und am 11. dort am obersten Kriegsherrn, König Wil­helm, vorbeimarfchierte. Bei Forbach wurde ju­belnd die französische Grenze überschritten und Quar­tier bezogen. Am 16. August marschierte das Regi­ment, nachdem es bei Corny die Mosel überschritten hatte, an seinem Divisionsführer Prini Ludwig von Hessen vorbei; seine ermunternde Ansprache wurde mit kräftigen Hurra-Rufen ausgenommen und be­antwortet.

Von Richtung Gorze schallte schon heftiger Ka­nonendonner und das Knattern der Mitralleusen herüber; alles deutete darauf hin, daß das Regi­ment in diesem Kriege seine Feuertaufe erhalten sollte. Im Sturmschritt entwickelte es sich in Rich­tung Gorze. Gegen Rezonville streckt sich ein Wald feindwärts. Mit einbrechender Dunkelheit gehen die 116er zum Angriff vor. Die Franzosen unterhalten gegen die anftürmenöen Oberhessen ein mörderi­sches Feuer. Aber sie müssen sich vor deren Unge­stüm bald zurückziehen. Die Feuertaufe des Regi­ments war ein Sieg! Ein Sieg mit Opfern. Das Gefecht, das als Teil der Schlacht von V i o n- ville Mars-la-Tour mit ehernen Lettern in der Geschichte des Einigungskriegs 1870/71 ver­zeichnet ist, kostete das Regiment 7 Tote und an Verwundeten 1 Offizier und 18 Soldaten. Ver­mißt wurden seitdem 2 Mann. Am härtesten war dabei die 2. Kompanie mitgenommen worden.

Nach der glänzend bestandenen Feuerprobe ver­lief der 17. August in verhältnismäßiger Ruhe. Aber schon der nächste Tag gab dem Gießener Re­giment Gelegenheit, sich in hervorragender Weise an den Kämpfen zu beteiligen, die unter der Be­zeichnung der Schlacht von Gravelotte St P r "i v a t eine Der stolzesten Erinnerungen des Regiments aus dem Krieg 1870/71 bildet. Schon am frühen Morgen um 6 Uhr trat das Regiment an. Der Marsch ging über Verneville auf Amanvillers (Amanweiler) zu nach einem diesen Ort deckenden Höhenrücken, dem Bois de la cuffe 2In der Eisen­bahnlinie Metz-Verdun war deutsche Artillerie po­stiert Das zur Artillenedeckung beorderte 1. Ba­taillon 116 erlitt erhebliche Verluste Die 3. und 4 Kompanie nahmen gegen 4 Uhr nachmittags nach heftigem Kampf die vom Feind stark be.etzte und energisch verteidigte nach Süden des Bois de la cusie w gelegene L^Envie-Ferme. Schon beim Vormarsch auf L'Envie-Ferme fiel mit anderen tapferen 116ern Der Leutnant Steinberger von Der 4. Kom­panie Die Leibkompanie und Die 2. Kompanie ging gegen Die Champenois-Ferme vor. Die von Der Ar­tillerie bereits in Brand geschossen war. Bei dem Ansturm auf Die Champenois-Ferme wurde durch eine einschlagende Granate ein Mann getötet und

ein Offizier und sechs Mann schwer verwundet. Der Bataillvnskvmmandeur Major Gräf sank bald dar­auf tödlich getroffen vom Pferd. Bei dem letzten Angriff auf die Ehampenois-Ferme wurde der Portepee-Fähnrich Naumann schwer ver­wundet (jetzt als 88jähriger Oberst i. R. in Gießen). Die Champenois-Ferme "wurde von Dem Halbbatail­lon genommen unD zur VerteiDigung eingerichtet. Das zweite Halbbataillon, 3 und 4/116, verließ L'Envie Ferme unD murDe mit zur Besetzung Der Champenois-Ferme herangezogen, Die trotz allen feinDlichen Gegenmaßnahmen von Dem 1. Bataillon 116 auch behauptet mürbe.

Während so Das I. Bataillon im SüDen Des Gehöl­zes Bois De la cusie in schwerem, aber erfolgreichen Kampfe ftanb, wurDe Das II. Bataillon Der 116er närD- lich von Dem Gehölz engagiert. Die Franzosen über­schütteten an diesem Teil das Gehölz mit einem ver­nichtenden Feuer, in Dem 11/116 abroartenD aushalten mußte, bis Das preußische GarDekvrps am linken Flü­gel gegen St. Privat eingreifen konnte. Dieses vorerst tatenlose Ausharren im feinDlichen Feuer stellte an Führer unD Mannschaften eine starke Nervenprobe, Die vorzüglich beftanDen wurDe. EnDlich löste sich Die Nervenspannung, als Das Vorgehen Der preußischen Garde in Richtung St. Privat bemerkbar wurDe. Mit Begeisterung wurDe Der Angriffsbefehl des Ba­taillons in Der Richtung auf Amanvillers ausgenom­men, Der sich solgenDermaßen vollzog: Die 5. und 8. Kompanie ging gegen Die norDwestlich Dieses Or­tes feuernDen französischen Schützen vor. Von der 5/116 fielen hier kurz hintereinander sieben Mann. Die 6. und 7. Kompanie wurde in Richtung auf St. Privat eingesetzt und konnte die Feinde hier unter wirkungsvolles Feuer nehmen. Alle Kompanien er­litten beträchtliche Verluste. Einen Ausgleich be­wirkte hier die deutsche Artillerie, Die sich schnell eingeschossen hatte unD mit berounDernsroerter Treff­sicherheit Granate auf Granate in Die französische Stellung setzte.

Als Dann Das GarDekorps zum Sturm auf St. Privat eingesetzt wurDe, wurDe auch Dem II. Batail­lon Der Befehl zum Angriff gegeben. Oberst Kraus ging mit Der 6. unD 7. Kompanie nach St. Privat vor, währenD Die 5. und 8. Kompanie einen Vorstoß abwies, Den Die Franzosen von Amanvillers her gegen Die GarDe unternommen hatten. Das Bataillon wurDe hagelDicht mit Geschossen umpfif­fen. Unter erheblichen Verlusten wurDe ein Bahn­wärterhaus erreicht. Das an Der Bahnlinie zwischen Bois De la cusie unD Amanvillers lag. Dort wurDe Stellung genommen und sie auch behauptet trotz Des stärksten feindlichen Feuers.

Mit dem hereinbrechenden Abend war Der Sieg errungen! St. Privat selbst war von Den Sachsen unD Der preußischen GarDe im Sturm genommen worden. Am nächtlichen Augusthimmel em prächtig­

furchtbares Bild: St. Privat ftanD in Hellen Flam­men, weithin Das heißumstrittene Schlachtfeld be- leuchtenD. Die ermüDeten Truppen waren sich Der Tragweite Des blutig errungenen Sieges noch gar nicht bewußt: Er war Die Einschließung Der stolzen französischenRhein"-Armee unter Bazaine in Metz. Im Zentrum Des Angriffs hatte Das IX. Korps und mit ihm Die Großh. Hess. Division Dem Vvr- Dringen Der Franzosen Einhalt geboten. Es waren Die schweren Kämpfe, Die Den Zusammenschluß Der französischen Armeen unter Bazaine unD Mac Ma- hon vereitelten unD hierDurch Die ohne Beispiel Da­stehenden Katastrophen von SeDan und Metz er­möglichten.

Das Regiment hatte Durch Den Sieg einen Aus­fall von 323 Mann einschließlich Offizieren, wovon 107 auf Das I. unD 216 auf das II. Bataillon kamen. Die Gefamtverluste Der Hessischen Division betrugen nach einer Mitteilung Des Divisionsführers, Des Prinzen LuDwig an feine Gemahlin, Die spätere Großherzogin Alice, an Toten 21 Offiziere, 169 Unteroffiziere unD Mannschaften, 96 PferDe; an VerwunDeten 50 Offiziere, 1224 Unteroffiziere und Mannschaften, 56 Pferde; vermißt wurden 338 Mann und 3 Pferde. An Offizieren betrauerte Das Regiment: Major Gräf, Der bereits am 19. August feinen schweren WunDen erlag, Leutnant Stein­berger unD Reserveleutnant Georg Gail, Der fpätgr an seiner VerwunDung starb, ebenso wie Die in Der Schlacht verwunDeten Oberleutnants Kiß- ner und Kullmann, der in Altenstadt in Ober- hessen verschieb. VerwunDet warben waren Haupt­mann Riedel, Oberleutnant Heydacker, Re- gimentsaDjutant H o f und Oberleutnant Haupt. Die Ehrentafel in Der Vorhalle Des Alten Gießener Rathauses am Marktplatz unD Das Kriegerdenkmal mahnen auch an Die Schlachten von Vionville-Mars- la-Tour und Gravelotte-St. Privat. Das Gießener Regiment hat seinen Ruf auch im weiteren Verlauf Des FelDzugs mit alter, blinDer Hessentreue bewährt, sei es bei Den Einschließungskämpfen um Metz, in Der Schlacht von Nvisseville, bei Dem gefahrvollen Vormarsch auf Die Loire unD in Den blutigen Ge­fechten bei Orleans, in Der gefährlichen Situation bei Briare unD zahlreichen erfolgreichen, aber schwie­rigen Rekognoszierungen, zu Denen es als hervor- ragenDe Kampftruppe herangezogen wurDe. An Ruhm und Ehren reich kehrte Das Regiment am 26. Juni 1871 in feine GarnisonstaDt Gießen zurück. Die TraDition von 1870/71 hat sich auch im Welt­krieg bei Den 116ern bewährt unD festen Mutes und voll Stolz vertrauen auch heute wieDer Die Gießener Volksgenossen auf Die jetzigen 116er, Die alte TraDi­tion unD Treue zu Führer unD Volk, VaterlanD und Heimat in sich vereinigen.