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Ilr.80 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, 7. April (937

Aus der Stadt Gießen.

Kinder im Garten.

. Wir wissen alle, daß uns der Garten recht viel Ar­beit und Muhe macht. Aber die Liebe zur Scholle über­windet alle Bedenken, und jeder Besitzer eines Heb ncn Gartens ist stolz aus ihn. Die Arbeit wird ver­gessen beim Anblick der blühenden Blumen, beim Ernten des ersten Gemüses. Mit dem Rechenstift in öer Hand dürfen wir nicht an die' Gartenbeft^lluna gehen. Denn dabei wird gar zu leicht der Haupt- posten auf der Habenseite vergessen. Das ist die Freude, die uns der Garten bereitet. Auch das kleinste Stückchen Land, das wir selbst bebauen und das uns bescheidene Erträge bringt, erhielt uns das Leben und schafft glückliche Stunden.

Und wie gern sind unsere Kinder im Garten! Hier gibt es doch immer wieder Neues zu bewun­dern, hier können sie Blumen pflücken und beim Jäten helfen. Die Eltern haben an ihren Kindern bei leichteren Gartenarbeiten immer wieder eine wertvolle Stütze. Daß diese Arbeiten in Luft und Sonne auch gesundheitlich fördernd sind, versteht sich von selbst. Man soll deshalb den Kindern Gelegen­heit zur Mitarbeit im Garten geben, auch wenn sie einmal etwas falsch machen, oder gar ein Beet ver­derben. Alle Betätigungen im Garten wirken er­zieherisch. Nicht jeder, der einen schönen kleinen Garten beschaut und sich über Blumen und Sträu­cher freut, hat eine Ahnung, welcher Fleiß und welche Ausdauer der Gärtner aufbringen muß, um seine Beete in Ordnung zu halten. Nur die größte Beharrlichkeit führt zum Ziel.

Der Betätigungsdrang unserer Kinder ist gren­zenlos. Sie wollen selbst etwas können, nicht nur das ausführen, was die Mutter ihnen vorschreibt. Um diese Selbsttätigkeit zu fördern, geben wir den Kindern ein kleines Stück des Gartens zur eigenen Bewirtschaftung. Selbst in den bescheidensten Schre­bergarten kann das geschehen. In den meisten Fäl­len begnügen sich die Kinder schon mit einem Stück­chen Land, das nicht viel größer ist als ein Tisch. Die Hauptsache ist ja, daß esihr" Land ist!

Es wäre nun verkehrt, wenn wir den Kleinen Vorschriften machen wollten, wie sie ihr Beet be­arbeiten sollen. Darüber mögen sie sich selber Ge­danken machen. Daß sie alles Mögliche aussäen und dabei Fehler begehen, darf für uns kein Grund fein, ihnen ihr Land wieder zu nehmen. Ganz von selbst schauen die Kinder auf ihre Eltern und mer­ken sich mit der Zeit, wie es gemacht werden muß. Gemüse, Blumen und Sträucher können nicht zu­sammen auf einem Beet wachsen. Das sehen die Kinder bald ein, und sie beginnen mit der Eintei­lung. Aber welche Freude herrscht, wenn die ersten selbstgesäten Blumen aufgehen, heranwachsen, Knospen bilden und endlich die Blüten bringen! Ein Sträußchen vonihrem" Beet hat doch einen ganz andern Wert, als alle andern Blumen. Mit Stolz wird es gezeigt, und wir wollen mit der Bewunde­rung nicht zurückhalten.

Daß die Kinder für die Bearbeitung ihres Beetes auch kleine Gartengeräte "notig haben, sei nur nebenbei erwähnt. Es gibt ja ganz zierliche und leichte Geräte. Eine kleine Hacke, ein kleiner Rechen und ein leichtes Gießkännchen genügen in den meisten Fällen.

Jeder, der es möglich fachen kann, sorge dafür, daß auch die Kinder ihr Gärtchen, ihr Beet besitzen, auf dem sie sich betätigen können. Ganz unbewußt wird ein solches Stückchen Land zum Erzieher der Kleinen. H.

Dornotizen.

Tageskal"nder für Mllwoch.

NSDAP., Amt für Beamte: 20 Uhr, im Cafe Leib, Gemeinschaftsabend der Kreisabschnitte des RDB. Allendorf (Lda.), Gießen, Grünberg, Hungen und Lollar. Gloria-Palast, Seltersweg:Men­schen ohne Vaterland". Lichtspielhaus, Bahnhof­straße:Die Stimme des Herzens."

Stadttheater Gießen.

Aus dem Ätadttheaterbüro wird uns geschrieben:. Heute abend findet die letzte Aufführung des gro­

ßen Erfolges vonViel Lärm um nichts" Lustspiel o Shakespeare statt. Spielleitung Dr. Schuma­cher a. G. Musikalische Leitung: Kapellmeister Ernst B r ä u e»r. Tanzeinlage und choreographische Leitung: Tanzmeisterin Irmgard Zenner. Die Vorstellung findet als 26. Vorstellung der Mitt­woch-Miete statt. Anfang 19.30 Uhr,' Ende 22.15 Uhr.

Kahneniibergabe on die ehemaligen Lerbgardisten.

Die kameradschaftliche Vereinigung ehemaliger Leibgardisten empfing am Montag aus den Händen des Kreisverbandsführers des Reichskriegerbundes Kyffhäu'ser, Dr. M o n n a r d , die Kyffhäuserfahne.

Kameradschaftsführer S t ü h l e r begrüßte die zahlreich imSchipkapaß" erschienenen Kameraden und entbot dem Kreisverbandsführer und feinen Mitarbeitern herzlichen Gruß. Er begründete den Eintritt der ehemaligen Leibgardisten in den Kyff- häuserbund und wies auf den denkwürdigen Tag in der Entwicklung der Leibgardekameradschaft Gießen hin, die nun durch eine Kyffhäuserfahne ausgezeichnet werden solle.

Hierauf nahm Kreisverbandsführer Dr. Mon- nard die Uebergabe der Fahne vor und sprach in begeisterten Worten zunächst von der ruhmreichen Geschichte des Leibgarde - Infanterie - Regiments (1. Großh. Hess.) Nr. 115, das sich im Krieg und Frieden bewährt habe. Der Redner flocht dabei manche persönliche Erinnerung an dieses Regiment ein und erinnerte daran, wie eng stets die Landes­hauptstadt mit den 115ern verbunden gewesen sei. Die neue Fahne, die jetzt der Kameradschaft ver­liehen werde, solle Symbol der Treue zu Führer, Volk und Vaterland sein, in gleicher Weise wie die alten Soldaten, ihrer Fahne die Treue hielten. Er wies darauf hin, daß es Pflicht jedes alten Sol­daten fei, feinen Platz auszufüllen, Kamerad neben Kamerad zu fein und dem großen Werke des Füh­rers zu dienen. Nachdem noch der gefallenen Ka­meraden gedacht war, übergab der Kreisverbands­führer die neue Fahne der Kameradschaft in der Gewißheit, daß die Kameradschaft stets in treuer Gefolgschaft hinter dem Führer stehen werde.

Kamerad Stütz! er übernahm die Fahne und gelobte zugleich für den Fahnenträger Strecker, daß auch die alten 115er immer ihre Pflicht und Schuldigkeit dem Führer und dem Volke gegen­über tun werden. Mit dem Gruß an den Führer

vorange,

terin, 60 Jahre, Klinikstraße 37; am 20. Karl Fried­rich Franz, 65 Jahre. Licker Straße 74: am 21J

tiere erhält der Siedler kostenlos. Den verdienten alten Kämpfern der SA., der Bewegung, Front­soldaten und kinderreichen Familien soll damit eine würdige Dankopfer-Siedlung als Heim gegeben werden.

Das Dankopfer der Nation schafft in diesem Rahmen Neues, indem Doppel-, Reihen- und Ein­zelhäuser der verschiedensten Typen in bunter Reihenfolge errichtet werden. Siedlungsform ist immer die Gruppensiedlung mit mindestens acht Häusern. Hierdurch soll nicht nur ein neuer Sied­lungstyp geschaffen, sondern auch der Gemein­schaftsgedanke in die Siedlungen hineingetragen werden.

Das Dankopser zum Geburtstag des Führers ist also dazu bestimmt, Arbeiterwohnungen im besten Sinne des Wortes zu schaffen und zugleich einer Dankespflicht zu genügen.

Dabei werden auch alle Volksgenossen in unserer engeren Heimat ihre Pflicht im Dienste der Ge­meinschaft und als Gefolgsleute des Führers zu er­füllen wissen. Vom 10. April bis 1. Mai wird das Dankopfer der Nation überall im Vordergrund stehen!

Heinrich Müller, Oberlehrer i. R., 81 Jahre, Hinden- burgwall 21; am 22. Robert Oberlies, Kaufmann, 41 Jahre, Marktlaubenstr. 4; am 22. Karoline Ham­mel, geb. Merte 76 Jahre, Walltorstr. 24; am 23. Phi« lippine Krähling, geb. Schmidt, 73 Jahre, Kaiser­allee 117; am 24. Josef Storto, Oberpostsekretär i. R., 73 Jahre, Licher Straße 85; am 24. Alwin Gustav Riedel, Lagermeister i. R., 63 Jahre, Glaub- rechtstraße 10; am 26. Charlotte Handrich, geb. Greb, 73 Jahre, Neuenweg 25; am 26. Hermann Noll, Drogist, 50 Jahre, Bahnhofstraße 53; am 27. Katharine Bender, Näherin, 62 Jahre, Weiden- gasse 6; am 28. Karl Kirchner, Küfer, 57 Jahre, Weserstraße 9; am 30. Karl Adam Johannes Greb, Kaufmann, 51 Jahre, Grünberger Straße 52.

** Das Abbrennen von Grasflächen u f w. betrifft eine Bekanntmachung des Oberbürger­meisters im heutigen Anzeigenteil, auf die beson­ders hingewiesen fei.

** Das erste Gewitter. Die schwüle und feuchte Temperatur des gestrigen Dienstagnach­mittag brachte unserer Stadt und der Umgegend

In wenigen Tagen werden die Dienststellen der ur/'r ,auc^n Gießen und in allen Orten der ober- hessischen SA.-Brigade 147, ihre Geschäftszimmer allen Volksgenossen öffnen.

Den Anlaß dazu bietet das Dankopser der Nation, zu dessen Zeichnung in der Zeit vom 10. April bis 1. Mai einschließlich Stabschef Luhe alle deutschen Männer und Frauen auf­gerufen hat.

Es wurde noch eine Reihe von organisatorischen Fragen behandelt, wie die Durchführung der Alt­materialsammlung in den Haushaltungen, die für die Stadt andere Richtlinien erfordert, als auf dem Lande.

Nach gemeinsamem Mittagessen begaben sich die Frauen in den schön geschmückten Saal des Cafe Leib zur Kleiderschau. Was hier allen Teilnehme­rinnen an (Eigenartigem und Schönem in der Klei­dung gezeigt wurde, weckte lebhafte Bewunderung und Freude zur Nacheiferung. gfs.

*

** (Sterbefälle in Gießen. Es verstorben in Gießen: am 18. März Wilhelm Hahn, Postafsi- stent i. N., 75 Jahre, Schützenstr. 7; am 19. Franz Sold an, Gastwirt, 63 Jahre, Kanzleiberg 5; am 19. Josef Klein, Zeichenoberlehrer, 57 Jahre, Bis­marckstr. 6; am 20. Katharine Klein, Krankenwär-

Obwohl dieses Dankopser im vorigen Jahre zum ersten Male dem Führer zur Schaffung von Sied­lungen für alte Kämpfer der SA., für Frontsolda­ten und die kinderreichen Familien dargebracht wurde, ist in knapp einem Jahre die Vorarbeit zur Errichtung von 2500 Siedlerstellen in verschiedenen Gegenden des Reiches geleistet worden. Manche Siedlungen konnten mit ihren Bauten schon weit

- -chractst werden, bei anderen ist vor einiger Zeit der erste Spatenstich erfolgt.

Die Häuser der SA.-Siedlungen sind schöne, maffioe Einfamilienhäuser, die Raum genug für eine kinderreiche Familie bieten und zu denen etwa 1000 Quadratmeter Land gehören. Alles, was in einem solchen kleinen Betrieb unentbehrlich ist, wie Obstbäume, Beerensträucher, Gartengeräte, Klein-

U H L Seilersweg Nr. 67

adlO Telephon Nr. 3170

eparaturen 1897D

das erste Gewitter in diesem Jahre. Es war zpiar nur von kurzer Dauer, ließ aber bei mehreren kräftigen Donnerschlägen den Fluren und Gärten eine willkommene Erfrischung zuteil werden.

** Vom Wartweg. Nachdem im vergangenen Jahre der Wartweg bis zum Schlangenzahl mit Straßenkanal versehen wurde, ist man jetzt dabei, auf der Westseite einen Bürgersteig anzulegen. Da­mit die Straße die vorgesehene Breite erhält, sind Teile der bereits bestehenden Vorgärten abzutreten, die jetzt mit neuen, massiveren Einfriedigungen ver­sehen werden; auch entstanden hier im Laufe des Winters drei Einfamilienhäuser, deren innerer Aus­bau jetzt vollendet wird. Mit dem Ausbau der Fahrbahn, mit dem alsbald zu rechnen ist, dürfte der Wartweg in der Hauptsache als ausgebaut zu betrachten sein.

Amtsgericht Gießen.

Der K. K. aus Gießen hatte sich wegen Betrugs vor dem Amtsrichter zu verantworten. Der Ange­klagte war bei einer Firma in Gießen angestellt gewesen. Während dieser Zeit, im Oktober und November vorigen Jahres, hatte er durch falsche Vorspiegelungen er hatte angegeben, daß er Inkassovollmacht besäße und daß er im Auftrage der Firma handele erreicht, daß ihm verschiedene , Kunden der Firma Rechnungsbeträge aushändig- ten. Dieser Gelder hatte der Angeklagte nicht an die Firma abgeführt, sondern für sich ausgegeben.

In der gestrigen Hauptoerhandlung war der Angeklagte in vollem Umfange geständig, er be­hauptete aber, aus Not gehandelt zu haben. Da er festes Gehalt bezog, konnte von einer Notlage nicht gesprochen werden. Das Gericht verurteilte ihn we­gen fortgesetzten Betruges zu einer Gefängnis­strafe von 6 Monaten und zu den Kosten des Verfahrens.

Große Strafkammer Gießen.

Dankopfer schafft Siedlungen?

Zeichnung bei allen Dienststellen der SA. - Frist vom 10. April bis 1. Mai.

Der W. H. aus Kaichen und der H. Sch. aus Wertheim hatten sich gestern vor der Großen Straf­kammer wegen fahrlässiger Tötung zu verantworten. Durch unoorschviftsmäßiges Fahren mit einem mit Zwei Pferden bespannten Wagen aus seiner Hof- reite hatte der Angeklagte H. am 27. Juli 1936 einen Derkehrsunfall herbeigeführt. Ein Lastzug, der auf der Fahrt von Wertheim nach Bad-Nauheim durch Kaichen fuhr, mußte wegen des unvorschrifts­mäßigen Fahrens des H. auf der glatten und schlüpfrigen Straße stark bremsen. Das Fahrzeug kam dabei ins Rutschen und stellte sich fast quer über die Straße. Der 71jährige Vater des Ange­klagten H. wurde von dem herumrutschenden Wagen . ~ , ----- v , erfaßt und gegen eine Wand gedrückt. An den dabei

nch Franz, 65 Jahre, Licher Straße 74; am 21.' erlittenen starken Verletzungen ist er am nächsten

und den beiden Nationalliedern wurde das Gelöb­nis bekräftigt.

Kamerad Glebe sprach anschließend über die Aufmarschpläne zu den Reichskyffhäusertagen vom 25. bis 28. Juli in Kassel und berichtete Einzel­heiten über die Beteiligung der Gießener Kame­raden.

Kameradschaftsführer S t ü h l e r wies ferner auf den am nächsten Sonntag in Darmstadt stattfinden- den Bundestag der ehemaligen 115er hin.

Zum Schluß gab der Kreisverbandsführer eine Uebersicht über die bevorstehende Neuordnung im Kyffhäuserbunde. Kameradschaftliches Beisammen­sein beschloß, den Abend.

Tagung der Leiterinnen der Frauenschast des Kreises Wetterau.

Eine Arbeitstagung der Kreisfrauenschaft ver­einte die Leiterinnen aus den Ortsgruppen der Kreise Gießen und Friedberg im U. C. Frau W r e d e eröffnete die Tagung mit herzlichen Be­grüßungsworten und sprach ihren Mitarbeiterin­nen den Dank der Gauleitung für die erfolgreiche Werbung zum Deutschen Frauenwerk aus. Außer­dem war ein Dankschreiben aus dem Patengau Oberschlesien eingetroffen für die Weihnachtspuppen und für Kinderkleidung und Wäsche. Dies ist ein neuer Ansporn für die Abteilung Grenzland-Aus­land, die schon jetzt wieder mit neuen Arbeiten für unsere Reichsdeutschen im Ausland und für unsere Grenzländer beginnen wird.

Goethes Meerfahrt.

Von Hans Sturm.

Im März vor hundertundfünfzig Jahren sah Goethe zum erstenmal das Meer im Sturm es war bei Neapel und rief begeistert:Die Natur ist doch das einzige Buch, das auf allen Blättern großen Gehalt bietet!" Auf seinen Wanderungen um den Golf kam ihm dieErkenntnis zur Ur- pflanze", auf kurzen Küstenfahrten beobachtete er (Ebbe und Flut, studierte Gestein und Geröll am Gestade und bewunderte vor allem die Pflanzen- und Tierwelt am und im Meer:Was ist doch ein Lebendiges für ein köstliches, herrliches Ding!" Dann erfüllte sich fein Traum: Sizilien, die Insel, die nach Asien und Afrika weist und so viele Radien der Weltgeschichte auf sich richtet.

Die Ueberfahrt beginnt mit dem hinderlichsten Gegenwind und endet mit einem handfesten Sturm. Goethe staunt über die Farbenspiegelungen der Himmelslichter in den Fluten, verfolgt die das Schiff umkreisenden Delphine und überdenkt, zur Ueberwindung einer Seekrankheit, die Fortführung desTaffo". Jetzt, wo er das Seefahrerschicksal so­zusagen im kleinen erlebt, gewinnt er erstden rechten Begriff von der Welt und feinem Verhält­nis zur Welt". Auf Sizilien genießt er immer wieder die Reinheit der Konturen, das auseinander und ineinander gleitende Farbenspiel, den Einklang von Himmel, Meer und Erde, stets von neuem prägt er sich den unvergleichlichen Anblick der Bucht eindie schwärzlichen Wellen am nördlichen Hori­zonte, ihr Anstreben an die Buchtkrümmungen", deneigenen Geruch des dünstenden Meeres" nimmt er wahr Er geht in Palermo ans Land mit seinem Reisegefährten, dem Maler Kniep, betrachtet Land und Leute, wird vom Vizekönig geehrt, spurt Cagliostros Stammbaum nach, lieft in den üppigen öffentlichen Gärten Homer, kommt auf den Nausikaa- Stoff und notiert:Italien ohne Sizilien macht gar fein Bild in der Seele: hier P erst der tzchlüstel zu allem." Ueberall mirä das Wichugste besichtigt: in dem nier Jahre zuvor von einem Erd­beben zerstörten Messina wird er von dem seltsam knurrigen Gouverneur begrüßt und tritt von hier aus auf einem französischen Kauffahrteischiff die Rückreise an. Nun beginnt erst die eigentlichege. fahrvolle Fahrt".

Durch ungünstigen Wind und durch die Tatsache, daß wede?Schiffshauptmann noch Steuerer ihr Handwerk recht verstanden, wurden dw Passagiere ungeduldig und rnißlaumg, und bald muhten

Goethe und Kniep alles aufbieten, um das von Stunde zu Stunde wachsende' Mißtrauen zu be­kämpfen. Am Nachmittag trieb das Schiff, anstatt längst im Hafen von Neapel vor Anker zu liegen, auf die steilen Felswände Capris zu, eine Stunde später sank die Abendsonne über Sorrent und tauchte die Küste in ein wundersames farbiges Schimmern. Die Fahrstraße der Meerenge war ver­fehlt, und als das Schiff immer unruhiger schwankte und die Felsenschroffen näher und näher zu kommen schienen, lief ein Verzagen durch die Reihen, jeder spürte den merkwürdigen Wellenschlag, der von der Insel ausging und unwiderstehlich alles an die Felsen heranzuziehen suchte. Vollständige Windstille schloß den Gebrauch der Segel aus. Plötzlich lag über dem Vesuv eine ungeheure Rauchwolke, die auf einen starken Ausbruch schließen ließ.Die Menge ward immer lauter und wilder", berichtet Goethe in derItalienischen Reise",nicht etwa betend knieten die Weiber mit ihren Kindern auf dem Verdeck, sondern weil der Raum zu eng war, sich darauf zu bewegen, lagen sie gedrängt aneinander. Sie noch mehr als die Männer, welche besonnen auf Hülfe und Rettung dachten, schalten und tobten gegen den Kapitän. Der Hauptmann schwieg und schien immer noch auf Rettung zu sinnen: mir aber, dem von Jugend auf Anarchie verdrießlicher ge­wesen als der Tod selbst, war es unmöglich, länger zu schweigen. Ich trat vor sie hin und redete ihnen zu. Ich stellte ihnen vox, daß gerade in diesem Augenblick ihr Lärmen und Schreien denen, von welchen noch allein Rettung zu hoffen sei, Ohr und Kopf verwirrten, so daß sie weder denken, noch sich untereinander verständigen könnten. ,Was euch be­triffst, rief ich aus, ,kehrt in euch selbst zurück, und dann (Goethe kannte die tiefreligiose Art der Ita­liener) wendet euer inbrünstiges Gebet zur Mutter Gottes, auf die es ganz allein ankommt, so sie sich bei ihrem Sohne verwenden mag, daß er für euch tue, was er damals für feine Apostel getan, als auf dem stürmenden See Tiberias die Wellen schon in das Schiff schlugen, der Herr aber schlief, der jedoch als ihn die Trost- und Hülflosen aufweckten, sogleich dem Winde zu ruhen gebot, wie er jetzt der Luft gebieten kann, sich zu regen, wenn es anders sein heiliger Wille ist/ Diese Worte taten die beste Wirkung. Sie fingen wirklich, da sie schon auf den Knien lagen, ihre Litaneiennut mehr als herkömmlicher Inbrunst zu beten an."

Goethe schildert weiter, wie man schon von oben herab die hohlen Schreie der Ziegenhlrten hören konnte, da unten strande ein Schiff, wie die Mann­schaft zu langen Stangen griff, um das Fahrzeug damit vom Felsen abzuhalten, bis diese schließlich

brächen und alles verloren sei. Unruhiger schwankte das Schiff, stärker wurde die Brandung da er­hob sich wie ein Wunder ein frischer Wind und blähte die schlaffen Segel. Und schon bewegte sich das Fahrzeug von den gefährlichen Klippen fort, noch eine kleine Weile, und die Felsen lagen weiter hinter den Aufatmenden, die ihr Leben der helfen­den Himmelsmutter, aber auch der Besonnenheit des Dichters verdanken konnten.

Während die Passagiere in freudiger Aufregung durcheinander redeten, blätterte Goethe in seinen Notizen über die Metamorphose der Pflanzen, deren Grundideen er in Sizilien hatte ausbauen können. Seine (Erinnerung an diegefahrvolle Fahrt" hat er später in Weimar in den beiden schönen Ge­dichtenMeeresstille" undGlückliche Fahrt" fest­gehalten; doch nicht nur die Worte, sondern auch die rhythmische Form vergegenwärtigen den wir­kungsstarken Eindruck. Man lese die beiden Kleinode deutscher Lyrik hintereinander:

Meeresstille.

Tiefe Stille herrscht im Wasser, Ohne Regung ruht das Meer, Und bekümmert sieht der Schiffer Glatte Fläche ringsumher.

Keine Lust von keiner Seite!

Todes stille fürchterlich!

In der ungeheuren Weite

Reget keine Welle sich.

Glückliche Fahrt.

Die Nebel zerreißen. Der Himmel ist helle, Und Aeolus löset Das ängstliche Band. Es säuseln die Winde, (Es rührt sich der Schiffer. Geschwinde! Geschwinde! Es teilt sich die Welle, Es naht sich die Ferne; Schon seh ich das Land!

Auf dieser wechselvolle Reise ward Goethe eine der tiefsten Erkenntnisse seines Lebens: er kam den Geheimnissen der Pflanzenzeugung, dem inneren Gefüge alles Natürlichen näher und ahnte bereits die llcbertragung dieser gleichen Gesetze auf alles Lebendige; ja, er sah in künstlerischer Vision selbst die Liebe als urzeugende Macht und spürtederen Wirken grenzenlos".

Zeitschriften.

Die Ordensburgen Vogelsang und Crössinsee sind nach Anlage und innerer Ausgestaltung beson­ders eindrucksvolle Zeugen neuer deutscher Bau­kunst. Als solche werden sie in der neuesten Num­mer derI l l u st r i r t e n Zeitung Leipzig" (Verlag I. I. Weber, Leipzig) gewürdigt. Die Li­byenreise des italienischen Regierungschefs wird auf drei Bildseiten lebendig geschildert. Außerdem enthält das Heft eine BildseiteAlte und neue Kunst für das Handwerk", einen reichbebilderten Artikel Neue Schätze für den Nutzgarten", der dem Gar­tenbesitzer wertvolle und neuartige Anregungen gibt, und einen völkerkundlichen AufsatzDas ostpersische Dorf."

Hochschulnachrichten.

Im Alter von 68 Jahren ist Geh. Justizrat Pros. Dr. Wilhelm van C a 1 k e r , Ordinarius für Staats« und Verwaltungsrecht an der Universität Frei­burg verstorben. In Reutin bei Lindau geboren, studierte er in München und Berlin. Später trat er in den bayerischen Verwaltungsdienst ein, aus dem er 1900 ausschied, um sich in Freiburg i. B. zu ha­bilitieren. Van Calker wurde 1903 o. Professor für Staats-, Verwaltungs-, Völker- und Kirchenrecht in Gießen, folgte 1913 einem Ruf nach Kiel und 1914 nach Freiburg i. B.

Dozent Landgerichtsrat Dr. Walter K r u s ch in Breslau ist beauftragt, auch im Sommerfemester 1937 Vorlesungen und Uebungen in der Rechtswis- senschaftlichen Fakultät der Universität Frank­furt abzuhalten.

Der Direktor des Saalburg-Museums, Dr. Wil­helm Schleiermacher, ist beauftragt, im Som- merfemefter 1937 in der Philosophischen Fakultät der Universität Frankfurt das Fach der Deut­schen Vor- und Frühegeschichte in einer Vorlesung wahrzunehmen.

Der Dozent Dr. Schönberg in Berlin ist be­auftragt worden, in der Landwirtschaftlich - Tier­ärztlichen Fakultät der Universität Berlin die Landarbeiterfragen und die Sozialpolitik in Vor­lesungen und Uebungen zu vertreten.

Der Dozent Dr. agr. habil. Emil Lowig in Bonn ist beauftragt worden, in der Landwirtschaft­lichen Hochschule in Hohenheim vom Sommer­semester 1937 ab die Vertretung der durch das Aus­scheiden des Professors Klapp freigewordenen Professur für Pflanzenbau- und Pflanzenzucht, ver­bunden mit der Leitung der Landessaatzuchtanstalt wahrzunehmen.