Nr. 260 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 6. November I95Z
Gesundheit.
Von Dr. Erich Schmidt.
Als in dem reichen Vorkriegsdeutschland sich materielles Gelddenken sehr weit verbreitet hatte, da sahen viele in einem hohen Bankkonto das erstrebenswerteste Ziel unseres irdischen Daseins, Dann kamen Krieg und Inflation. Die Bankkonten schmolzen wie der Schnee an der Sonne, aber ohne, daß es eine Sonne des Glücks und der Freude war. Die Ersparnisse waren dahin. Der Deutsche wurde gezwungen, wieder ganz natürlich und einfach zu denken. Nicht mehr das Geld, sondern die wirklichen Güter des Lebens traten an die erste Stelle. Eine Erkenntnis aber setzte sich hierbei vor allem durch: das wichtigste und köstlichste Gut unseres irdischen Lebens ist die Gesundheit. Solange sie dem Menschen gegeben ist, solange der einzelne dadurch mitten in seiner vollen Arbeitskraft steht, kann alles andere wieder gutgemacht werden. Verlorenes Vermögen? Wer gesund ist, kann sich einen bescheidenen Wohlstand wieder erarbeiten. Verlorene Gesundheit? Das kann nicht mehr ausgeglichen werden. Sie bedeutet den -Verlust der Lebenskraft und der Lebensfreude.
So ist für jeden von uns die Gesundheit das köstlichste Gut. Was hier für den einzelnen gilt, das trifft aber auch für das ganze deutsche Volk zu. Je besser der Gesundheitsstand des deutschen Volkes, desto höher sind seine völkischen Leistungen. Je hochwertiger aber die Leistungen, desto mehr kann die Nation als Ganzes sich emporarbeiten. Das alles sind ja Selbstverständlichkeiten. Oder nicht? Manchmal allerdings muß man noch heute meinen, daß gerade diese selbstverständlichen Dinge leicht übersehen werden. Denn sonst würde von allen dieser kostbarste Besitz, die Gesundheit, besser gepflegt und gehütet, als es zuweilen geschieht. Sonst wäre es unmöglich, daß die Gesundheit für irgendeine Leidenschaft — und sei es die eines übertriebenen Sportes — aufs Spiel gesetzt würde. Wir wollen gewiß keine Hypochonder, die mit übertriebener Aengstlichkeit nur darauf bedacht sind, daß chre Gesundheit nicht leidet. Wir wollen frohe, lebensbejahende Menschen, die aus einer ganz natürlichen Einstellung heraus so leben, wie es der Erhaltung der Gesundheit am zweckdienlichsten ist. Dazu gehört aber in vielen Lebenslagen der fachmännische Rat des geschulten Arztes, und damit kommen wir zu der Frage, die heute so stark im Vordergrund der Erörterung steht: zu der systematischen Gesundheitsfürsorge und Gesundheitsvorsorge, wie man es noch treffender bezeichnen möchte.
Ein kurzes Wort über die Notwendigkeit einer planvollen Gesundheitsvorsorge: Wir sind stolz darauf, daß es der modernen medizinischen Wissenschaft und der neuzeitlichen Hygiene gelungen ist, das durchschnittliche Lebensalter der Menschen in Deutschland um 20 Jahre zu verlängern. Die heute Vierzigjährigen haben — wie der Versicherungsfachmann sagt — eine mittlere Lebenserwartung von 72 Jahren. Wir leben im Durchschnitt 20 Jahre länger als die Generation vor uns. Dieser Verlängerung des Lebens steht jedoch ein sehr ernster Faktor gegenüber: der Rückgang der Geburtenziffer. Kamen vor dem Kriege, 1913, auf je 1000 Einwohner bei uns 27,5 Lebendgeborene, so waren es 1935 nur 18,9; und das, nachdem der Tiefpunkt der Geburtenkurve — 14,7 auf 1000 Einwohner im Jahre 1933 — bereits längst überwunden war. Bei der Volkszählung am 16. Juni 1933 wurden in Deutschland rund 14,3 Millionen verheiratete Frauen gewählt. Von ihnen waren 2,85 Millionen kinderlos und 3,13 Millionen hatten nur 1 Kind. Drei Kinder .hatten nur 1,79 Millionen der verheirateten Frauen; uier Kinder und mehr dagegen 3,52 Millionen. Die letzte Zahl täuscht aber. Denn von den 3,5 Mil- •'lionen Frauen, die vier oder mehr Kindern das .Leben geschenkt hatten, kamen rund 2 Millionen •auf Ehen, die 1907 und früher geschlossen waren. Von den mehr als 730 000 Frauen, die beispiels
weise 1920 geheiratet hatten, waren über 123 000 kinderlos, während vier Kinder nur 62 181 und fünf und mehr Kinder 73 314 hätten. Die wenigen Angaben zeigen, daß wir als deutsches Volk durch die Verlängerung des Lebens verbunden mit dem Rückgang der Geburten einer hoffnungslosen lieber» alterung verfallen, wenn es nicht gelingt, die Gesunderhaltung der Menschen bis in das hohe Alter zu erreichen und die Zahl der Geburten noch mehr als bisher zu heben.
Verschiedene Maßnahmen sind ergriffen worden im Sinne einer großzügigen Gesundheitsvorsorge. In den vier Gauen Hamburg, Köln, Kassel und Bayerische Ostmark sind seit einigen Monaten die gemeinsam vom Hauptamt für Volksgesundheit der NSDAP, und der DAF. veranlaßten ärztlichen Untersuchungen der Betriebsgefolg- schäften im Gange. Wenn sich die Maßnahme bewährt, soll sie im gesamten Reichsgebiet durchgeführt werden. In bestimmten Zeitabständen sollen dann in den Betrieben alle Gefolgschaftsmitglieder ärztlich untersucht werden. Der Zweck ist, Krankheiten bereits in ihren ersten Anfängen zu erkennen, um rechtzeitig vorbeugen zu können.
Das gleiche Ziel verfolgen die vom Amt für Volksgesundheit der DAF. herausgeaebenen Richtlinien für die Tätigkeit der Betriebsärzte. In allen Betrieben mit mehr als 2000 oder 3000 Ge- folgschaftsmitgliedern soll im Laufe der nächsten Jahre ein Betriebsarzt hauptamtlich tätig werden. Für die kleineren Betriebe soll die betriebsärztliche Versorgung vom Amt für Volksgesundheit geregelt werden. Der Betriebsarzt soll nicht über den Rahmen der ersten Hilfe hinaus eine Krankheitsbetreuung der Gefolgschaftsmitglieder durchführen. Er soll vielmehr fürihre Gesunderhaltung sorgen. Deshalb soll er den Betriebsführer in den Fragen der Gesundheitsfürsorge für die Gefolgschaft und die Gefolgschaftsmitglieder selbst beraten, die Lehrlinge ärztlich überwachen, Untersuchungen vor allem der Jungarbeiter durchführen, Neueingeftellte begutachten und die gesamte Belegschaft, besonders die Frauen, ständig gesundheitlich überwachen.
Sehr wichtige Anregungen hat der Reichsärzte- führer Dr. Wagner in einer Düsseldorfer Rede gegeben. Während vor 1933, fo führte er aus, zuweilen die Auffassung vertreten wurde, die Zeit des Hausarztes sei vorbei, würde heute von ihm das Ideal in dem Hausarzt des alten Systems gesehen, jenem Hausarzt, „der neben den Methoden
der Schulmedizin auch in den Methoden der Naturheilkunde Bescheid wissen muß, der seinen Patienten nicht nur ein Heiler sein will in den Tagen der Krankheit, sondern auch Führer, Berater und Freund in den gesunden Tagen". „So stelle ich mir", sagte der Reichsärzteführer, „den Jdealzustand vor." Dieses Ideal will Dr. Wagner nicht nur für die „Privatpatienten", sondern auch für die Krankenversicherten, und damit für die Mehrheit unseres Volkes, verwirklicht sehen. Das soll nicht in der Art erstrebt werden, daß die Krankenversicherten einfach, etwa bezirklich, auf die Kassenärzte aufgeteilt werden. Vielmehr soll die freie Arztwahl unbedingt beibehalten werden. Aber jeder Sozialoersicherte soll die Möglichkeit — und wohl auch die Pflicht — haben, „sich für die Dauer eines Jahres bei einem Arzt einzufchreiben, fo daß' jeder für sich und feine Familie für ein Jahr einen bestimmten Arzt hat". „Dann haben wir", führte Dr. Wagner weiter aus, „zunächst einmal eine Kontrolle. Wir können die Aerzte dann auch in diefen Familien für alle möglichen großen Aufgaben ansetzen." Für das Verhältnis von Arzt und Patient verspricht sich Dr. Wagner von einer Verwirklichung seines Vorschlages folgende Wirkungen: „Dann ist es auch nicht mehr so, daß der Arzt ein Interesse an der Einzelleistung hat, denn er bekommt fa pro Patient oder pro Familie einfach im Jahr soundso viel. Ich will mal sagen, er hat 500 Familien, so bekommt er bei vielleicht 10 Mark oder 20 Mark für die Familie 5000 bzw. 10 000 Mark. Der Arzt hat dann ein Interesse daran, daß er möglichst wenig Kranke in diesen Familien hat, denn dann hat er weniger zu tun. Wir sind dann bei dem System angelangt, daß wir nicht das Krankenbehandeln, sondern das Gesunderhalten bezahlen."
Gerade hierauf aber scheint es uns entscheidend anzukommen: das Gesunderhalten! Unsere medizinische Wissenschaft und unsere ärztliche Versorgung der Bevölkerung müssen immer mehr sich in dem Sinne entwickeln, daß ihre Hauptarbeit dem Gesunderhalten gelten kann. Der Vorschlag des Reichsärzteführers kann hier zu einem bedeutungsvollen Schritt werden. Wir find mit ihm der Auffassung, in einem wirklichen Hausarzt das Ideal der ärztlichen Versorgung zu sehen. Deshalb sollten auch alle Kräfte und Mittel zunächst einmal d -auf einheitlich eingesetzt werden, dieses Ideal des Hausarztes zu verwirklichen.
Es lebe der Dreckfrieden.
Die Zahl der weisen Sawizkis und der gemäßigten Kasimullahs nahm aber zusehends ab. Im Sommer 1917 gab es schon anarchische Zustände an allen Fronten. Zwei Grundströmungen traten zutage, vertreten durch Kerenski und Lenin; weit erkämpfen bis zum Siege — das war Kerenski, und das hieß eventuell noch, als Krüppel heimkehren. Lenins Agenten aber versprachen: Am selben Tage, wo die Bolschewiken bi« Macht erhalten, beginnen die Friedensverhandlungen, und ihr könnt zurück ins Dorf und bi« Gutsbesitzer unb alle Blutsauger „liquidieren", ba« her die Waffen mitnehmen! Das war wie Balsam bei ben reichlich abgekämpften Mushiks. Auch bi« Kasimullahs begannen, sich ben Kopf zu kratzen.., Als baher Kerenski, ber wirklich unermüdliche Abgott der russischen Intelligenz und Demokratie auch an unserer Front erschien, um vom Auto aus ben schier erloschenen Kampfgeist neu anzufachen, erhielt er beim pathetischen Schlußruf: „Also Krieg bis zum endgültigen Siege!" eine drastische Antwort: Es lebe ber Dreckfrieben! Dabei
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FUSSBODENBELAG
stießen die Soldaten ihre Bajonette rings um sein Auto in ben Boben, so daß er einen Wald von Kolben vor sich sah. In Minsk wurde es noch schlimmer — da wurde er mit seiner Babuschka (Großmutter) Breschkowskaja beinahe gelyncht. Trotzdem beachtete ber „Napoleon in spe" biesen satanisch-genialen Einsatz auf ben „inneren Schweinehund" des Mushiks durch die Lenin- Agenten weit weniger, als ersprießlich war. Für ihn und die Demokratie stand ber Feind nun mal rechts, bei der Generalität, dem Adel.
3m Taurischen Palais.
Der Appell an den Schweinehund.
Getbsterlebteee aus den Tagen der Oktoberrevolution in Rußland.
Von Hans von Schroeder.
Nur nicht an die Front geschickt werden, das war die Hauptsorge der Petersburger Ersatzformationen im Jahre 1917. Lieber schon auf ben Barrikaden sich kriegerisch betätigen, als gegen deutsche Scharfschützen anstürmen müssen . . . Bei ber Fronttruppe war die Demoralisation anfangs nicht besonders stark in Erscheinung getreten; auch als ber berüchtigte Befehl Nr. 1 des Kriegsminifters Gutfchkoff erschienen war, kamen in unserer 5. Kavallerie-Division (Dünafront) noch keinerlei Ausschreitungen vor. Die sogenannten Soldatenräte erschöpften sich in generösen Urlaubsbewilligungen, so daß bald auf fünf Pferde ein Pferdepfleger kam. Aber debattiert wurde eifrig, aus Petersburg kamen immer häufiger Redner, um bas „dunkle Volk mit dem Licht ber Aufklärung" aufzuhellen. Gewaltig rissen sie bas Maul auf, boch das wurde unseren tatarischen Reitern zuviel. „Schaltay-bvltay" (müßiges Gewäsch) sagten sie wegwerfend von den Meetingrednern und holten sich lieber drastischere Aufklärung beim alten Wachtmeister Adam Sawizki.
Also verlangte im Namen vieler Kasimullah zu erfahren, was denn diese „Schaltay-bvltay"-Revv- luzija zu bedeuten habe. Fama erzählt, baß ber
Herr Wachtmeister sich eine Streichholzschachtel geben ließ und die einzelnen „Spitschki" mit Bedacht in bestimmter Ordnung auf dem Tisch ausgelegt haben soll. „Siehst du, Kasimullah, hier oben allein — das ist der Zar. Unter ihm siehst du die Minister, da ist unser Kriegsminister Suchomlinow, die anderen gehen dich nichts an. So — und unter dem Kriegsminister ist die ,Stawkcti (Generalkommando), unter der Stawka die einzelnen Armeen, hier unsere 11. Armee, darunter unsere 5. Division, jetzt das Alexandrinsche Husarenregiment, bisher Ihrer Majestät. Dieses ist unser Oberst Baron Korfs, unter ihm ich, der Wachtmeister Adam Sawizki, bann der Unteroffizier des I. Zuges Chu- doroschkoff, bann ber Gefreite vom linken Flügel Petroff und hinter ihm im 2. Gliede, hier ganz am Tischrande, da bist du, der des Lesens unkundige Tatar Kasimullah, verstanden." „Tak totschno", bestätigte der also Apostrophierte prompt. „Und nun sieh — jetzt werfe ich alle Spitschki burcheinander. So. Sag' jetzt — wo ist der Zar, wo sind die Minister, Kommandeure, wo bin ich, Adam Sawizki, wo bist du, Kasimullah? Du weißt es nicht, und keiner weiß mehr, wo sein Platz ist. Da hast du die Revolution . . ."
Anfang Juni war ich in Petersburg, erhielt eins Einlaßkarte ins Parlament. Im Speisesaal des einstigen Favoriten Potemkin tagte ber Sozialistenkongreß, Bolschewiki unb Menschewiki noch zusammen. Auf dem Podium des Vorstandes bekannte Menschewikiführer, es leitet den Kongreß der schwarzbärtige Tscheidse, es hält die Hauptrebe ber elegante Fürst Zeretelli. Es fällt u. a. ber Passus: „So naiv ist heute keine Partei, baß sie erkläre: Gebt uns die ganze Macht!" Da ertönt ein Sst, Sst aus ber 6. Reihe des Aubitoriums, ein Herr mit rötlichem Ziegenbärtchen, großer Glatze hebt seinen Finger wie ein artiger Schüler und sagt sein Sprüchlein: „Verzeihung, doch es gibt so eine Partei, die so naiv ist. Die allrussische Partei ber Bolschewiken!" Sprach's unb verschwand, umtost von frenetischem Beifall des ganzen Auditoriums. Offensichtliche Betretenheit im Vorstand — es war klar, daß ber Ziegenbart, es war Lenin, den ganzen Saal geschloffen hinter sich hatte. Der Einsatz auf den „inneren Schweinehund" begann Früchte zu bringen ...
Petersburg, Rußland schien für ben Sturmangriff des Untermenschentums reif zu sein. Anfang Juli griff Lenin nach ber reifen Frucht. Sie erwies sich aber noch als sauer. Kerenski hatte in ben Offiziersschulen, ben Georgienritter-Formationen wie den Frauenbataillonen und den frisch herbeigeholten Kosaken diesmal noch eine genügend starke Macht, um die bolschewisierte Rasselbande aus dem Gardeersatz in Schach zu halten, auch stand ihm im Stadtkommandanten General Polowzefs eine erste Kraft zur Verfügung. Hauptsächlich galt es
Gemeinschaft übers Buch.
Von Loses Martin Bauer.
Die Jahre, die wir erleben, haben bas Angesicht bes Volkes erneuert. Hat früher dieses Gesicht fcen verzagten Ausbruck bes Sichfügens ins Unoer- ^eidliche getragen, so sind ihm jetzt die lebendigen Züge des Schaffens, des Glaubens ans eigene Werk, der stolzen Befriedigung über bas gemein- cme Tun aufgeprägt. Das Gesicht ber Menschen, ! ie zu einer gemeinsamen Arbeit zusammenstehen, st deswegen aber nicht gleichförmig erstarrt, zu t inem Lächeln etwa, das lauter Genugtuung ausspricht. In jedem Menschen, bei jedem Stamm, in icöem Stand, in jeder sozial anders gelagerten Schicht hat die Arbeit unb bie aus ihr entfprin- $enbc Erfüllung bes Lebens einen anberen Ausdruck gefunben.
Aber gleich ist überall bie Freute am Schaffen unb bas Verstehen, baß es nicht um biesen kleinen Vlatz hier geht, sonbern um ein ganzes großes Volk, bas irgendwo mit uns zusammen im gleichen Raum wohnt und bas gleiche will, was wir vollen.
Gleich ist überall auch bie Sehnsucht jebes einzelnen Menschen, biefes Volk in seinen Menschen, V inen Stämmen und seinen ßebensbebingungen kmnenzulernen. Freilich mußte diese Sehnsucht in rieten erst geweckt werden durch die Selbstver- siändlichkeit einer gemeinsamen Arbeit, bie alles 6-ewachsene und Geschaffene von einer Hand in bie c-ibere spielt. Dieses Sehnen aber ist nun erweckt, e> ist gekommen mit dem Augenblick, bg wir wieder wußten, baß wir ein gemeinsames Volk bes Schaffens finb. Unb jetzt strebt bas Suchen vie- hr Menschen mit aller Kraft hinaus ins anbere »Tolk, um jeben Teil in feiner Art unb feiner Ar- bi it kennenzulernen.
Wir müssen sein unb bleiben an unserem Platz. 21tir tönen vielleicht hin und her ein Stück der |d>önen Heimat bereisen, um dort selbst die Dinge unb bie Menschen kennenzulernen. Mehr können mir nicht tun.
Unb boch ist uns noch etwas an bie Hanb gegeben, was jene uns noch fremben Menschen mit i^rer Lebensart unb chren Lebensaufgaben uns vertraut machen kann bis zur innigsten Kenntnis: ■ mir müssen im Buch mieber zu ben anberen suchen iis-d im guten Buch jeber Art sie verstehen lernen, dis hat man allzulange vergessen, und ich weiß nicht, ob jeder mich sogleich verstehen wird. Aber id weiß von den Bauern zum Beispiel, bie mit ihrer festgebundenen Arbeit fast gar keine Möglichkeit haben zum- gegenseitigen Kennenlernen, daß!
sie aus dem Buch, aus oft ganz einfachen, fast immer aus lehrhaften, beschreibenden Büchern langsam ein Wissen um andere Menschen, andere Stände, andere landschaftliche Gebiete unb auch anbere Völker ober Erbteile zusammenlesen.
. Es ist fürs erste bestimmt nicht Wissensburst, es ist im Grunb wahrscheinlich nur eine Suche nach Unterhaltung, vielleicht nach abenteuerlichen Begebnissen. Dann aber finben sie plötzlich im Buch, ganz allgemein, etwas bargestellt, was sie bisher nicht kannten.' Das Buch führt sie in eine neue Welt, bie vielleicht gar nicht fo weit weg liegt unb boch von ber ihren in taufend Dingen verschieden ist. Von hier aus gehen sie dann weiter, um andere Menschen zu finden und verstehen zu lernen, um von einem anderen Boden zu erfahren, baß er munberbarermeife zweimal im Jahr Weizen trägt, um ohne Unzufriedenheit etwas erzählt zu bekommen von einem Ackerland, das feine Ernte für weniger Mühen hergibt.
Das ist bei ben Bauern so, bie meist nicht zu weit über bie Kalenbergeschichten hinaus kommen. Bei anberen Menschen, bie weniger gebunben sind mit ihrer Zeit und ber Verpflichtung an einen bestimmten Platz, barf man schon viel weiter gehen, wenn man sie begleitet auf ihrer Suche nach bem Verstehen bes anderen Volkes. Es gibt viele Arbeiter, bie schon sehr weit hineingefunben haben in ein neues Wissen durch das Buch. Man wirb belächelt, wenn man ben einfachsten Leuten etwas von Büchern erzählt, aber nicht von jenen wirb man belächelt, benen man bie Zusammenhänge um bas Buch erklärt, sonbern von anberen, bie nicht glauben wollen an bie Wissensfreube unb ben Lesebrang bes einfachen arbeitenben Mannes.
Vielleicht aber sollte -einmal einer von benen, bie nicht glauben wollen baran, in einer Unterhaltung bie Herkünfte so manchen Wissens zu ergründen versuchen. Vielleicht wäre mancher erstaunt über bie Urteilsfähigkeit eines Mannes, ben er für unbelesen gehalten hat. Das Buch ist in seiner Bil- bungsmoglichkeit mit kaum einem anberen bilben- ben Faktor zu vergleichen, benn ihm sind bie Möglichkeiten gegeben, in bie Hand unb ben Wissensbereich eines jeben Menschen zu gelangen, ihm finb natürlich auch bie größten verberblichen Möglichkeiten gegeben, wenn es schlecht ist. Diese Gefahr aber ist gering geworben burch eine strenge Aussiebung ber Bücher, bie öffentlich ausgegeben werben können, unb so bleibt am Enbe ber große erzieherische Wert allein.
Wir, bie wir selbst Bücher schreiben, sehen vielleicht am klarsten bie Zusammenhänge, weil wir auch nur aus einem ganz kleinen, engen Bereich schreiben können, aus einem bestimmten Stück Lanb- fchast, aus einem begrenzten Arbeitskreis heraus. I
Ueber diese Umgrenzung können wir nicht hinaus, aber was wir aus biesem festen Kreis schreiben, muß boch so innig und tief erlebt fein, daß andere, diesem Kreis fremde Menschen diese Welt mit ihren Menschen verstehen und vielleicht auch lieben lernen im Lesen ber Bücher.
Die Vielheit besten aber, was zusammengetragen wirb zu einem Menschen, ber lieft unb im Lesen bewußt ober unbewußt bas Kennenlernen anftrebt, schafft nach unb nach im Lesenben ein großes Wis- sensbilb. Die verschieben gearteten Menschen, Stämme, Stänbe unb Schichten eines Volkes werden in einem Blickfeld zusammengeführt, im Lesen lernt ber eine bie Arbeit unb bie Lebensbeb ingun- gen bes anberen mit seinen Sorgen unb mit seiner Liebe zu eben seinem Tun kennen unb verstehen. Da werben bie Grenzen zwischen Stämmen, bie sich mißverstanden haben, verwischt, und jene Stände werden näher aneinandergeführt, bie das Ziel ihrer Arbeit bisher auf ganz entgegengesetzten Gebieten suchen unb erstreben zu müssen glaubten.
Wie vielgestaltig ist allein bie Lanbschaft innerhalb ber Grenzen unseres Vaterlanbes! Jebe an- bers geartete Landschaft formt ihre Menschen anders, unser Streben aber ist, daß bie Menschen ber verschiedenartigsten Lanbschasten boch in ihrem Streben beim gleichen Dienst zusammenfinben, und ich wüßte nichts, was bestimmter dieses Zusammenführen erreichen könnte, als eben das Buch.
Der Strauß hat einen guten Magen.
Der Straußenmagen hat wegen feiner Aufnahmefähigkeit sprichwörtliche Bedeutung erlangt; ber Strauß ist tatsächlich wie ein kleines Kind, das alles in ben Munb nimmt, er kann lange mit einem Schlüstelbunb spielen, und es schadet ihm meist nicht viel, wenn er es schließlich verschluckt. Aber manchmal mutet er sich boch zuviel zu. Als man in einem Zoologischen Garten ein Emu, ein wahres Prachtexemplar, bas plötzlich kein Futter mehr nahm unb einging, sezierte, fand man, daß eine Hutnadel in ihrer Gesamtlänge im Magen herumgewandert war und dort zahlreiche Kanäle geschaffen hatte; außerdem fand man noch darin ein fingerlanges Drahtstück, ein halbe Haarnadel, eine große Holzschraube unb einen krummen Nagel, bie alle an ber Zerstörung ber Magenwanbung mitgearbeitet hatten. Stets finben sich im Magen bes afrikanischen Straußes eine größere Anzahl Steine, bie er zum Zerkleinern seiner Nabrung braucht, aber außer- bem enthält er sehr häufig Holzstücke, Drahtnägel, Haarnadeln, Glasscherben und ähnliches. Aber nicht nur der Strauß, sondern fast jedes Tier nimmt
Fremdkörper mit ber Nahrung auf. So hat man in bem Magen ber katzenartigen Raubtiere Seh« nen, Haare, Febern, Sanb, Stroh, Holzsplitter usw. gefunben, aber biefe unverdaulichen Stoffe können bie Tiere leicht mieber von sich geben. Bei anderen Tieren ist bas Verschlucken unverbaulicher Dinge gefährlicher, unb sie finb in ben Zoologischen Gärten schweren Schäbigungen baburch ausgesetzt, baß ihnen bie unglaublichsten Dinge in bie Käfige geworfen werben. Bei ber Sektion eines Walroßes, das gern mit solchen kleinen Frembkörpern spielt, ehe es danach schnappt, wurden im Magen vielerlei Fremdkörper gefunden, bie schließlich ben Tod herbeigeführt hatten, da bie Magenschleimhaut allmählich burch sie zerstört war. In bem Magen eines Alligators wurden einige Stücke gefunden, die auch bie kühnste Phantasie nicht dort vermutet hätte. Da lag bie kunstvoll behauene Speerspitze eines Steinzeitmenschen friedlich vereint mit ber Fassungskapfel einer mobernen Gewehrpatrone; da in ber Gegenb, aus der ber Alligator stammte, bie Eingeborenen nicht mehr mit Steinfpeeren auf bie Jagd gehen, fo mußte ber riesige Bursche im Flußbett ben Ueberreft einer uralten Zeit verschluckt haben, und vielleicht stammte bie Patrone von einem modernen Jäger, ben er mit seiner Ausrüstung sich einverleibt hatte.
Zeitschriften.
— Ueber bie Sprache als Ausbruck ber Nation * schreibt im Novemberheft ber Zeitschrift „D a s Innere Reich" (Albert Langen / Georg Müller, München) Paul Alverbes. Was er über bas Wesen ber Sprache, ihre zauberhafte Macht unb ihre Be- beutung für bas Leben ber Nation aussagt, oerbient allgemein erkannt unb geroürbigt zu werben. Lyrische Beiträge finben wir von Josef Weinheber, Georg Britting, Gerharb Schumann, Georg von ber Bring, Hermann Claubius. Beachtung oerbient auch die Erzählung „Der Brook" von Lubwig Zügel, weil in ihr ein wichtiges Problem unserer Zeit gestaltet ist: bie Wanblung verführter ober haltlos geroorbe- ner Menschen ber Nachkriegszeit zum Glauben an die neue Gemeinschaft. Mit einer bisher unbekannten ober vergessenen beutschen Kunstprovinz macht ber Aufsatz „Ein berttsches Kunstlanb unter ber Hohen Tatra" von O. Schürer bekannt — eine Reihe von Silbern bezeugt ben hohen Rang ber Bau- unb Bilbkunst biefer fo weit vom Reich entfernten beut« scheu Volksgruppe im Osten. Welche weltgeschichtliche Bebeutung bas Deutschtum an ber europäischen Ostgrenze hat, zeigt bie Betrachtung bes Englänbers Rolf Garbiner: Englanb unb bie europäische Ostgrenze, ein Beitrag auch zu ben Bemühungen um bas Verständnis der beiden Völker füreinander,


