Montag, 6. September 1937
Nr. 207 Zweites Blatt
Aiesteper Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Aus der Stadt Gießen.
Lustschutz tut dringend not!
Aufruf
des Reichsluftschuhbundes Ortsgruppe Gießen.
Sprechen Sie dem Relchsluftfchutzbund nicht nur Ihre unverbindliche Anerkennung aus. sondern fördern sie ihn durch die Tat!
Tat in diesem Sinne heißt: die Mitglied- schäft erwerben! Der Jahresmindejtbeitrag von 1,20 RM., der in monatlichen Raten von 0,10 RM. gezahlt werden kann, bedeutet für Sie kein Opfer!
Aber dieser geringe Beitrag ermöglicht den vollkommenen Ausbau einer lebensnotwendigen Organisation, die jedem unterschiedslos zugute kommt
Schließen Sie sich nicht aus! Stellen Sie sich nicht abseits! So vorbehaltlos wie der zivile Selbstschutz für Sie eintritt, so vorbehaltlos müssen auch Sie ihn unterstützen.
Jeder, der heute seine Mithilfe bewußt oder unbewußt verweigert, ist im Ernstfälle verantwortlich für eine Unterlassung, die dann nicht mehr gutzumachen ist, sondern schwere Opfer kosten wird!
Bedenken Sie dies reiflich, und zeichnen Sie sich in die Beitrittserklärung ein, die Ihnen demnächst ein Amtsträger des Reichsluftschutzbundes überreichen wird.
Dornotizen.
Tageskalender für Montag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Pat und Patachon im Paradies" — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Das Schweigen im Walde". — Modenschauen im Cafe Amend 16 und 20 Uhr.
Zum Kreisdirektor ernannt.
Oberregierungsrat Dr. Schönhals, der Mitte Januar 1934 zum Oberregierungsrat bei der damaligen Prooinzialdirektion Oberyessen in Gießen ernannt worden war und seitdem am Kreisamt in Gießen wirkte, wurde durch Verfügung des Herrn Reichsstatthalters in Hessen mit Wirkung vom 1. Mai 1937 ab mit der Wahrnehmung der Amtsgeschäfte des Kreisdirektors des Kreises Alsfeld beauftragt. Nachdem Oberregierunasrat Dr. Schönhals, em geborener Gießener, seit jenem Zeitpunkt kommissarisch an der Spitze des Kreisamts Alsfeld gewirkt hatte, ist er nunmehr zum Kreisdirektor des Kreises Alsfeld ernannt worden.
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** Versetzt wurde der Kulturinspektor Karl Friedel von dem Kulturbauamt Oberhessen in Gießen in gleicher Diensteigenschaft an das Kulturbauamt Starkenburg in Darmstadt.
** Vom Zug überfahren und auf der Stelle getötet. Ein aufregender Vorfall ereignete sich am gestrigen Sonntagmittag gegen 11.15 Uhr im Gießener Bahnhof bei der Einfahrt des Eilzuges von Frankfurt a M. Etwa 20 Meter vor der heranfahrenden Lokomotive warf plötzlich eine Frau ihr Handtäfchchen auf den Bahnsteig und lief in das Gleis hinein. Als sie den Schienenstrang schon nahezu überquert hatte, kehrte sie wieder um und ließ sich mitten zwischen den Schienen auf den Boden nieder Bei der kurzen Entfernung zwischen der Lokomotive und der Frau konnte der Zug nicht mehr rechtzeitig zum Stehen gebracht werden. Die Frau wurde von der Lokomotive überfahren und auf der Stelle getötet Nach allen Begleitumständen zu urteilen, hat die bedauernswerte Frau in einem plötzlichen Ansall von geistiger Umnachtung gehandelt. Die Tote ist eine 44 Jahre alte Frau H. aus Alsbach (Odenwald)
**SchwererVerkehrsunsall. Am Samstagnachmittag ereignete sich am Oswaldsgarten ein schwerer Verkehrsunfall, bei dem ein Motorradler und seine auf dem Soziussitz mitfahrende Begleiterin stürzten Dabei trug die Mitfahrerin, die 22 Jahre alte Annemarie Möller aus Krofdorf, schwere innere Verletzungen davon, die ihre sofortige lieber« führung in die Klinik erforderlich machten.
Abreise der Mrnberg-Fahrer.
Dienstag, 7. September, 19 Uhr, verlassen die Teilnehmer am diesjährigen Parteitag unsere Stadt. Der Antritt ihrer Reise wird besonders weihevoll gestaltet werden Annähernd 100 Fahnen der Bewegung aus dem Kreise Wetterau, sowie die neugegründete Krelskapelle mit Spielmannszug, werden gemeinsam mit den Nürnberg-Fahrern zum Bahnhof marschieren Die Marschteilnehmer werden ihren Weg durch die Bleichstraße Hindenburgwall, Neuen Bäue, Sonnenstraße. Seltersweg nach dem Bahnhof nehmen Der Abmarsch erfolgt Ecke Lony- straße Bleichstraße pünklich 17 45 Uhr
Amtliche Bekanntmachung.
Antreten der Marschteilnehmer Dienstag, 7. September, 17.35 Uhr pünktlich an der Kreisleitung (Ecke Lonyflrahe). Für den Spielmanns- und Musikzug gilt das gleiche. Den Zuschauern wird empfohlen, sich tunlichst eine halbe Stunde vor Ad- fahrt, also um 18.30 Uhr, am Vahnhofsplah Gießen einzufinden.
Letzter Appell der Aiirnbera-Fahrer der SA. Am gestrigen Sonntagfrüh traten die Nürnberg- Fahrer der SA.- Brigade 147 (Oberhessen) auf dem Trieb zum letzten Appell an Standartenführer Lutter nahm dort ein? Besichtigung der SA -Männer vor und ließ zur Vorbeimarfch- Uebung antreten SZ und MZ hatten Paradeaufstellung genommen und spielten zum Vorbeimarsch. Trotz der etwas frühen Stunde brannte doch die Sonne auf die feldmarschmäßig angetretenen SA - Männer Gegen 10 Uhr traf Brigadeführer Schwarz der Führer der Brigade 147, auf dem Trieb ein und überzeugte sich davon, daß die Männer, die in Kürze vor dem Führer vvrbeimarschie- ren werden, voll und ganz für diesen großen Tag ausgebildet sind
Nach der Bekanntgabe von Einzelheiten, die auf dem Nürnberger Aufmarschfeld zu beachten sind, formierte sich der Marschblock der Oberhessen zum Einmarsch in die Stadt Unter Vorantritt des SZ und MZ. der SA-Standarte 116 ging der Marsch durch folgende Straßen Kaiserallee, Neuenbäue, Sonnenstraße, Seltersweg, Wolkengasse, Bahnhofstraße zum Bahnhosspiatz, wo vor dem Cafe Schwarz ein Vorbeimarsch vor dem Brigadeführer stattfand
Am Freitag, 10. September, wird die SA gegen 17 Uhr vom Standartenhof (Senckenbergstraße) mit klingendem Spiel zur Abfahrt nach dem Bahnhof marschieren Am 11 September gegen Morgen werden die Oberhessen ihren Einzug im Zeltlager Langwasser halten Bis die zu Hause Gebliebenen am Samstagfrüh erwachen, wird sich bei den Nürnberg-Fahrern schon gemütliches Lagerleben entwickelt haben Der Samstag bietet ausreichend Gelegenheit Kameraden anderer Gruppen zu besuchen und die Kameradschaft, die auf früheren Reichsparteitagen geschlossen wurde, zu erneuern. Auch diesmal werden wieder höhere SA.-Führer im Lauf des Samstag ihre SA.-Kameraden besuchen Den Abschluß des ersten Tages bildet ein Riesenfeuerwerk
Sonntag morgens gegen 4 Uhr, wird die Gruppe Hessen das Lager verlassen um zum Aufmarschgelände in die Luitpold-Arena zu marschieren, wo der Führer zu seiner SA spricht Der Vorbeimarsch der Hessen vor dem Führer 'st diesmal erst zwischen 15 und 16 Uhr zu erwarten, da die Gruppe Hessen in diesem Jahre als letzte SA -Gruppe, vor der Standarte Feldherrnhalle marsch'ert.
Der Montagvormittag sieht die SA. geschlossen bei den Vorführungen der Wehrmacht, nachmittags ist Zeit, die Stadt zu besuchen
Eine besondere Note wird der Parteitag für die SA. noch durch die SA -Kampfspiele erhalten, den Besten von den Besten
Am 15 September, morgens gegen 4 Uhr, werden die Nürnberg-Fahrer der SA wieder in Gießen eintreffen
„Teil" im Sieinbruch über Vurg Aordeck.
* Nordeck, 6 Sept Gestern hatte unser stilles Dörfchen einen großen Tag. Etwa 350 Frauen der NS.-Frauenschaft des Bezirks kamen in unsere Gemeinde und hielten eine Bezirkstagung ab Die Frauen waren fast durchweg in ihren schönen Trachten erschienen, so daß sich in den Gassen des Dorfes ein prächtiges Bild bot Zur Feier des Tages hatte es die Prwatschule Dr Erdmann auf Burg Nordeck übernommen, den Frauen eine besonders schöne Stunde zu bereiten Im Steinbruch über der Burg führten die Schülerinnen und Schüler des Instituts Szenen aus Friedrich Schillers „Wilhelm Tell"
Gipfel und Schluchten, See und Hohlweg in so glücklicher Vereinigung, daß der starke Eindruck des Spieles nicht ausbleiben konnte. Dankbar verließ man bei einbrechender Nacht das schöne Naturtheater
Höhepunkt der Aufführung: Die RüUiszene. ^Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
ließ, sich nach Schwyz, Uri oder Unterwalden versetzt zu fühlen Die Landschaft des Steinbruchs bot
auf und bereitsten damit den vielen Zuschauern
und Zuhörern eine große
Freude Die Ausführung wurde für die Schule nicht nur durch die Hingabe aller Mitwirkenden zu einem großen Erfolg, sondern auch durch die glücklichen Umstände der Szenerie, die es nicht schwer fallen
Frauenschast eßen-Ost.
gfs. Die Amtswalterinnen der Frauenschaft Gie» ßen-Ost waren am Freitag zu einem Ausflug auf den Schiffenberg aufgefordert worden Wer nicht dringend verhindert war folgte freudig dieser Einladung. Einmal ledig aller Sorgen über Psund- spendenfammlung ohne Mitteilungszettel oder sonstige Ausgaben für ein paar Stunden sich in sorgloser Kameradschaft zusammenzufinden das war der Zweck dieses Ausfluges Auf der Terrasse waren die Kasfeetifche gedeckt, und begünstigt von dem schönsten Sommerwetter genossen die Frauen das fröhliche Beisammensein
Kameradschastsabend
ehemaliger Freikorpskämpfer.
Die Kameradschaft ehemaliger Freikorpskämpfer hielt am Samstag im „Andres" ihren monatlichen Kameradschaftsabend ab, der auch von auswärtigen Kameraden zahlreich besucht war. Kameradschaits- führer B e u f e begrüßte das sich immer stärker auswirkende Gemeinschaftsgefühl und wies erneut auf die Aufgaben hin, die der im Reichsbund „Kyff- häufer" eingegliederten Kameradschaft aufgetragen sind Weiter unterstrich er die Auszeichnung die den ehemaligen Freikorpskämpfern durch die fieber» reichung der Ehren-Urkunde „Einsatz für Deutsch- land" zuteil wurde, und gab seiner Freude Ausdruck. daß nun einer Anzahl weiterer Kameraden diese Anerkennung verliehen wurde. Folgenden Kameraden konnte er diese Ehrenurkunde überreichen: Johs. Ries (Lollar), Phil Trautmann, Wilhelm Kumpf, Ludwig Feige, Fritz Walter, Paul Euler, Wilhelm Schades, Hans Engel, Heinrich Ludwig, Albert Schädlich, Wilhelm Wille, Hermann Koch, Wilhelm Dickes und August Göbel Schriftwart Kamerad K Weber unterstrich die Ausführungen des Kameradschaftsführers und betonte die Notwendigkeit des Zusammenschlusses der Freikorpskameraden im Kyffhäuserbund. Nachdem über die Beschaffung einer Fahne für die Kameradschaft Beschluß gefaßt war, sprach Kamerad K Weber noch über „Die deutsche Seegeltung und den Vierjahresplan " Nachdem der Appell in üblicher Weise beendet war, saßen die Kameraden noch einige Zeit beisammen und tauschten Erinnerungen aus.
Nechstreubund ehemaliger Soldaten.
Der Reichstreubund ehemaliger Berufssoldaten hielt am Samstag einen Kameradschaftsabend des Standortes Gießen im „Burghof" ab, der an Stelle des im Urlaub befindlichen Kameradschaftsführers von dessen Stellvertreter Bill eröffnet wurde. Zunächst wurde den in letzter Zeit zur großen Armee abberufenen Kameraden Heinrich Thraum und Heinrich Seibert ein stilles Gedenken gewidmet. Anschließend wurden mehrere Rundschreiben verlesen. Der Kameradschaftsführer machte darauf aufmerksam, daß in der nächsten Woche wieder Abschlußprüfungen bei der Truppe durchgeführt werden, bei denen auch der Standort Gießen des Reichstreubundes vertreten fein wird. In diesem Zusammenhang richtete der stellv. Kameradschaftsführer Bill wiederum die Mahnung an die jüngeren Kameraden, sich frühzeitig dem Reichstreubund anzuschließen, um dadurch die Anregung und die Beratung über ihre Berufsausbildung zu erhalten. Das Mitglied der Führerschaft, Kamerad Friedrich, berichtete bann über die am nächsten Sonntag stattfindende Fahrt an den Rhein, die mit zwei Omnibussen ausgeführt wird. Kameradschasts- führer Schwender dankte seinem Stellvertreter Bill für die Arbeit und Mühe, die er wiederholt durch die Führung der Kameradschaft auf sich nehmen muß, und ersucht alle Kameraden, den Führerrat tatkräftig zu unterstützen. Die in nächster Zeit wieder aufzunehmende Winterarbeit, für die einige lehrreiche Vorträge vorgesehen sind, ist besonders auf die Heranziehung der jungen Kameraden bei der Truppe abgestellt. Es gilt, diese zu erfassen und sie zu den Arbeiten zu führen, die zur Erhaltung eines Derwaltungsapparates erforder-
Das Kind des Bauern.
Von Georg A. Oedemann.
Des Nickel Löbners Bergacker steigt jach an die blaue Linie der Fichten hinan. Schmale, von dichten Hecken besäumte Querpfade stufen das Land und geben dem Berg das Aussehen einer Terrasse. Im Miriguido, wo die Erde mächtige Runzeln hat, da war der Bauer sparsam mit seiner Erde und machte in zäher Generationen-Arbett den Berg Zunutze.
lieber große Katzenbuckel ziehen die Pferde die blitzende Pflugschar. Der Bauer steht unten an den Holmen, aber die Zugtiere sind hoch über ihm, so hoch, als wollten sie grabroeg in ben Himmel steigen. Dann ist's roieber so, baß ber Bauer ben Pflugsterz mit zurückstrebender Kraft in seinen viereckigen Fäusten hält, als müsse er bas ganze Feldgespann vor dem Abgleiten bewahren.
Der Wind kommt hier oben nie zur Ruh Mal pfeift er hart daher, mal kommt er lind und warm, spielt mit Gräsern und Blüten, zaust in den Mahnen der Ackerpferde, rauscht in den Fichten des Berghauptes. Im Winter schaukeln sich die Krähen in seinen Fängen Im Sommer dudelt die Lerche darin ihr helles Lied, und der Bussard läßt sich hoch hinaustragen, ohne einen Flügelschlag zu tun
Der Nickel Löbner war dem Winde gut Es mußte wohl so sein, denn der Bergbauer und der Wind lebten seither in seltener Freundschaft zueinander. v n„.
. Am Nachmittag des St. Servatius, da die Lob- nerin gesegneten Leibes das Bett hütete und die Altenteilerin ab und an nach dem Rechten schaute, b'a hatte der Bauer wieder mancherlei mit dem Winde zu besprechen gehabt. D:e Fäuste regten sich langsamer als sonst, forderten manchmal mit energischem Ruck, daß die Braunen mitten in der Zeile stehen blieben. Dann saß ber Löbner auf der Sprosse des Ackergerätes und blickte heimlichen, ver- ionnenen Blickes hinab auf seinen Hof, der so win- Üg wie Seifsener Spielzeug im Tale lag
Da unten mochte es jetzt heiß hergehen. Der Wagen der Kindsfrau stand im Hofe, die Pferde wühlten schnaufend in der Futterkrippe Jetzt kam (in Mann aus der Tür des Wohnhauses, der Knecht Bernhard verließ den Hof rastlosen Schrittes.
Nickel Löbner blinzelte Heiß strömte sein Blut. Bernhard kam den Berg herauf — „Hm machte ber Bauer und erhob sich langsam- .jetzt ist wohl o weit! Hü Lotte — hü?"
D>e Pferde stemmten die Hufe in den Boden Langsam stieg ber Bauer hinter ihnen durch die
Zeile. Nicht lange danach stand Bernhard neben dem Bauern. Sein Gesicht glühte. „Bauer" sagte er und jappte nach Lust, „Bauer —" damit drängte er den Nickel weg vom Ackergerät und nahm die Leine zur Hand, „Ihr müßt gleich runter kommen. Gottes Segen Bauer — Gottes Segen!"
Nun hatte also der Knecht die Zügel m der Hand. Nickel Löbner trat von einem Bein auf das andere und schob die Hände in die Taschen. So gleichgültig tat er, und sogar zu lächeln versuchte er. „So — also wenn du meinst, Bernhard —? Und — was sagt die Kmbsfrau?"
„Gar nichts sagt die Kindssrau. Aber so geht doch, Bauer, die Löbnerin tut schwer —"
„Tut schwer?" Der Bauer holte tief Atem und tat die Hände ineinander. So stand er da, und der Wind, der liebe Wind bließ ihm die braunen Haare über die Stirn.
Aber dann ging er doch weg von seinem Acker.
Langsam ging er, als schliche er sich heimlich davon Als er unten am Birkenanflug den Blicken seines Knechtes entschwand, da vergewisserte er sich, daß niemand es sehe, und mit einemmal begann er zu laufen, als wäre der schlimme Berggeist hinter ihm her.
Ein Brausen und Zischen und Tosen war um ihn, als er beim Sturzbach querab sprang und von Stamm zu Stamm sein Körpergewicht auffing mit den Händen.
Nun war die Talwiese flink zu überschreiten. Nicht hastig, nicht so, daß irgendwer etwas von seiner Erregung spüre. Mit langen, weit ausgreifenden Schritten kam Nickel Löbner auf ben Hof. Hier tastete er sich nun vorsichtig in bas Haus So gewaltiges vollzog sich hier — unb boch war es so still Die gelbe Katze suchte sich an Nickels Bein anzuschmiegen Sollte er sie fortstoßen? Nein Es war ein feierlicher Augenblick unb Nickel bückte sich unb streichelte bas Tier mit hastigen Bewegungen.
Die Katze, von so viel Liebe angenehm berührt, legte sich lang auf bie Seite unb begann ein behagliches Knurren.
Nickel horchte nach oben Ganz still war es im Hause fast unheimlich stiC .
Plötzlich schreckte ber Bauer auf. Em Schrei brang' durch die Stille ein Schrei, der ihm ans fien griff Mit wankenden zitternden Knien erklomm er die knarrende Holzstiege, horchte angstvoll nach der Kammer der Löbnerin Nun vernahm er ein leises Flüstern Die Stimme seiner alten Mutter. unb bie kurzen Befehle ber Kindsfrau
Aber was war nun bas?
Dem Bauern verschlug es den Atem Minuten, lange Minuten verstrichen. Jetzt stand er vor ber
Tür unb legte bas Ohr an. Ein leises ganz fernes Sümmchen schrie. Ein Laut erklang, ben er nie zuvor im Leben vernommen hatte, ber ihm bas Wasser verstohlen in bie Augen trieb.
Nun legte er bie breiten Hänbe auf bie Brust unb lauschte bem fernen Klang. Dies silberhelle Quäken, manchmal heiser erstickenb, manchmal sich überschla- genb, es wuchs unb wuchs unb ber Bauer penbelte •ben Kopf hin unb her unb lächelte —
Merkwürbig war es, bies Glück. Aus fernen, unerklärlichen Tiefen kam nun biefer junge Klang näher unb näher biefer Welt. Ein Lebewesen stieß ihn aus — sein Kinb
Es tarnen Schritte nach ber Tür. Nickel Löbner machte einen Sprung zur Treppe hin. Die alte Löbnerin kam heraus aus ber Kammer unb eilte auf ben Sohn zu. Sie ergriff roeinenb unb lachenb feine Hänbe „Gottes Lieb — N'ckel — es ist ein starker Junge!"
„So so —" sagte ber Bauer unb legte schnell bie Wange auf ben schönen weißen Kopf ber Mutter. „Dank bir. Vater im Himmel —"
Sie ftanben eine Weile schweigend beisammen, der Sohn und die Mutter.
Dann riß sich Nickel los von ihr und eilte wortlos die Stiegen hinab.
Zu seinem Bergacker zog es ihn. Denn es war nun ein unvergleichliches Feiern, jetzt über die steilen Hänge zu schreiten, den Wind, den lieben, treuen Wind im Nacken — und mit den Blicken den Hof zu suchen, den Hof, auf dem endlich bas Wunberbare geschehen war —
Grieg und die kleine Klavierspielerin.
Ebvard Grieg, der große norwegische Komponist, besten 30. Tobestag soeben begangen wurde, war ein großer Kindersreund aber er hatte die Kleinen besonders gern, wenn sie nicht Klavier spielten. An einem schönen Sommerabend saß er mit seiner Frau und einigen Freunden in einem großen Hotel in Zürich Es herrschte eine feierliche Abendstimmung, und die Gesellschaft lauschte andächtig den Worten Griegs, der sich über Musik aussprach. Da tönten plötzlich von der unteren Etage Klavierklänge — ein Stück von Grieg wurde gespielt! Der'Komponist unterbrach sich sofort in seinen Ausführungen, und sein Gesicht wurde immer düsterer, je länger bas Klaoierspiel bauerte Als gar „Anitras Tanz" im Takte von Chopins Trauermarsch gespielt würbe, geriet Grieg ganz außer sich unb rief ben Kellner „Können Sie nicht dem entsetzlichen Menschen da unten die Finger abschlagen!"
rief er ihm zu. Er hatte oft unter solchen Peinigern zu leiden, die sofort, wenn sie von seiner Anwesenheit gehört hatten, in der Nähe seine Kompositionen spielten oder sangen, in der Hoffnung, eine Anerkennung von dem großen Tondichter zu bekommen. Der Kellner stürzte davon und gleich darauf wurde es still. Aber groß war das Erstaunen Griegs, als am nächsten Tag ein bildhübscher Backfisch in weißem Kleide zu ihm kam, ihm einen Blumenstrauß überreichte, und innig um Verzeihung wegen der Störung durch das Klavierspiel bat. „Ich habe deswegen so viele Schläge von meinen Eltern bekommen", fügte sie schelmisch und zugleich traurig hinzu. Sie würde es auch nie wieder tun. Als die Kleine von ihren Schlägen sprach, war Grieg doch ein wenig beschämt, er dankte ihr für die herrlichen Blumen, gab ihr sein Bildnis und bat sie, so oft Klavier zu spielen wie sie wollte.
ßocbfcbutnodiHtbfen.
Ernannt wurden: Professor Dr. Karl Vietor, Ordinarius für deutsche Literaturgeschichte an der Universität Gießen, zum Professor an der Harvard-Universität in Cambridge (Mass), USA., Professor Dr Binz, Ordinarius für Chemie an der Universität Berlin, zum Professor am Franklin-Institut in Philadelphia.
Geheimrat Professor Dr. Ernst F a b r i c i u s , em. Ordinarius für Archäologie an der Universität Freiburg, beging seinen 80 Geburtstag. Fabricius, ein geborener Darmstädter, hat vor allem über das Limesproblem, über die römische Verfassung und über die Inschriften vom Pergamon gearbeitet.
Geheimrat Professor Dr. Otto Holder, ber em. Orbinarius ber Mathematik an ber Universität Leipzig, ist im 78. Lebensjahr gestorben Seine wichtigsten Arbeiten erstrecken sich auf bas Gebiet ber Analysis; 1886 fand er das erste Beispiel einer transzendenten Funktion, die nicht einer algebraischen Differentialgleichung entspringt, und erschloß damit ein neues Forschungsgebiet
Forstmeister Professor Dr.-Jng. Kurt Fritzsche von der Technischen Hochschule Dresden. Abteilung forstliche Hochschule Tharandt, ist geworben. Fritzsche hatte sich 1934 in Dresden habilitiert. Fachliterarisch beschäftigte er sich mit der physiologischen unb technischen Bebeutung bes Winbes unb Sturmes für Bäume unb Walb, ferner mit ber Leistungskontrolle, insbesondere Fehleruntersuchungen unserer Aufnahmemethoden.


