Kr.Z9 Erstes Blatt
Dienstag, 6. April 193Z
18Z. Jahrgang
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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AriedensmelodieinfalfHerTonart
In London ist am Montag die Internationale Zuckerkonferenz eröffnet worden, zu der nicht weniger als 22 Länder, darunter auch Deutschland, Delegierte sandten. Aber die ganze Aufmachung dieser Konferenz zeigt, daß es um mehr geht als die Erneuerung des alten Chad- bourne-Abkommens, der Preisregelung auf dem internationalen Zuckermarkt, die vor anderthalb Jahren völlig zusammenbrach, weil die Rohzuckerproduktion in der Kriegs- und Nachkriegszeit gewaltig zugenommen hatte. Die Preise fielen und trotz des großen Opfers, das Java brachte, indem es seine Zuckererzeugung infolge des Chadbourne-Abkom- mens plötzlich auf ein Sechstel zurückwarf, sind sie weiter gefallen. Die USA. haben nämlich zu dieser Konferenz einen Sonderbotschafter, NormanDa- vis, entsandt, von dem nicht nur die englische Presse annimmt, er habe Sonderbotschaften des Präsidenten Roosevelt auszurichten. London ist durch den greisen Lordpräsidenten des Geheimen Rats MacDonald und durch den bekannten Wirtschaftsberater Leith Roß vertreten, und auch die Deutschen haben neben die Fachleute den deutschen Botschafter in London gestellt.
Wenn es sich nur um eine Wirtschaftskonferenz, die schließlich doch nur ein beschränktes Produktionsgebiet zum Ziele nimmt, wie es bei Zucker der Fall ist, handelte, dann wäre der ganze Aufwand an Staatsmännern und die Leitung der Konferenz durch die britische Regierung überhaupt nicht notwendig gewesen. Die Lösung des Rätsels ist wohl in dem Bemühen der USA. und Englands zu erblicken, diese Konferenz als Vorbereitung einer neuen Weltwirtschaftskonfe- r e n z hinzustellen, auf der gleichzeitig die R ü - stungssrage erörtert werden soll. Dabei wird in der britischen Presse vor allem Gewicht auf die Intimität der englischen und der nordamerikanischen Politik gelegt. Andererseits ist bekannt, daß London und Paris in vielen hochpolitischen Fragen übereinstimmen, rnnd natürlich macht die englische Presse jetzt schon den Versuch, die Formeln für die kommende große Konferenz zu bilden, die angeblich wie der „Sunday Expreß" unvorsichtig schreibt, „einen Druck auf die übrige Welt ausüben würden, um die Rüstungen herabzusetzen."
Soll so etwas wie eine politische und wirtschaftliche Front der drei Staaten England, Frankreich und USA. gebildet werden, die in politischer und wirtschaftticher Hinsicht den anderen Mächten eine festumrissene Formel vorlegt, den Frieden, den dieses Triumvirat ausgetüftelt hat, anzunehmen oder abzulehnen und damit die Welt vor die Frage zu stellen, ob sie einen Frieden der sogenannten Weltdemokratien will oder nicht? Wenn das die Absicht dieser Konferenz ist, wenn dazu die Grundsteine gelegt werden sollen, dann muß doch gesagt werden, daß die anderen Staaten zunächst einmal die Pflicht haben, überhaupt zu untersuchen, auf welcher Basis sich denn diese Friedenspolitik der Weltdemokratien eigentlich aufbaut.
Zunächst ist bezeichnend, daß die englische Presse davon spricht, die Handelsbeziehungen zu dem Reich Roosevelts würden intensiver gestaltet werden. Das ist eine Sache, die lediglich Washington und London angeht, und die übrigen Mächte haben nur das Interesse daran, daß diese Verhandlungen nicht ihre Handelsinteressen gefährden. Aber diese Verhandlungen sollen durch solche mit anderen Staaten erweitert werden, angeblich will Roosevelt, nachdem durch die neue Konferenz des Empire die wirtschaftlichen und politischen Linien der Zusammenarbeit aller Glieder des brittschen Weltreiches festgelegt sind, dazu übergehen, der übrigen Welt einen Friedens plan vorzulegen, so wie ihn sich die amerikanischen Staatsmänner denken. Wohl gemerkt: nachdem das Empire wirtschaftlich und handelspolitisch wieder einig sei, nachdem die Amerikaner aller Zungen sich auf einen amerikanischen Frieden nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft in Buenos Aires einigten, nachdem die englische Aufrüstung im wesentlichen durchgeführt wurde und ebenfalls die der Vereinigten Staaten. Marr glaubt durch Hinzutritt Frankreichs dann stark genug zu sein, um der übrigen Welt die anglo-amerikanischen Friedensideen aufzudrücken.
Aber an und für sich entspricht doch die vielleicht kommende Zusammenarbeit Washingtons und Londons nicht dem demokratischen Ideal der Gleichberechtigung aller Mächte. Außerdem kommt hinzu, daß wenigstens die englische Staatsführung darauf hinausläuft, die Grundlagen des durch Versailles geschaffenen Zustandes beizubehalten und eine Revision abzulehnen, zum Beispiel in der Mandatsfrage. Und überdies würde England, wie es schon im Währungsabkommen eigene Wege ging und dadurch Frankreichs Währungspolitik nicht sicherte, immer und überall den Grundsatz vertreten, daß die britische Politik zunächst britisch sei, dann die Politik der auswärtigen Staaten danach beurteilt werden müßte, ob diese Politik einigermaßen mit der englischen übereinstimmt, woraus der Brite selbstverständlich schließt, ob die Politik dieser Staaten „gut" oder „schlecht" ist. Die Moralismen des demokratischen Eigennutzes wurden also dem neuen Friedensgebaude von den Briten und den übrigen Demokratien als Grundmauern unterlegt werden. Das ist das Ziel, das ist aber auch die Gefahr für alle dleien.gen Mächte, deren Politik sich außerhalb des britischen und des amerikanischen Bereichs auf eine gewisse Selbständigkeit stützt. _ f
Und wie will man, um das angeblich letzte Ziel des Sonderbotschafters Norman Davis zu kennzeichnen, zu einer Abrüstung kommen, wenn man einmal sich dem gesunden Gedanken verschreibt, daß jede Macht über die militärischen Mit-
„Amerikas größter Kehler."
Nachdenkliche Rückblicke am 20. Jahrestage des Eintritts der USA. in den Weltkrieg.
Hüll fordert Abbau der Zollmauern.
..Neuyork, 6. April. (DNB. Funkspruch.) Anläßlich des 20. Jahrestages des Eintritts der Vereinigten Staaten in den Weltkrieg stellt die Presse Vergleiche über die Gefühle des amerikanischen Volkes in damaliger Zeit gegenüber der heutigen Einstellung an. „New $orE Post" erwähnt die kürzlich erfolgte Rundfrage an die Bevölkerung, ob der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten ein Fehler gewesen sei. 70 v.H., also nahezu Drei- viertel der Gesamtbevölkerung, hätten diese Frage mit Ja beantwortet. Der progressive republikanische Senator Morris, der seinerzeit gegen den Eintritt in den Krieg gestimmt hat, erklärte, daß die Beteiligung der Vereinigten Staaten am Weltkrieg der größte Fehler gewesen sei, den diese Nation jemals begangen habe. Der Schritt habe niemandem etwas Gutes gebracht, und noch die Kinder der jetzt lebenden Generation würden unter diesem Fehler zu leiden haben. Der demokratische Senator Sheppard bezeichnete seine Weigerung, den Kriegshetzern Gefolgschaft, zu leisten, als die st o l z e st e Tat seines Lebens, auf die er täglich stolzer werde.
Staatssekretär Hüll
erhielt in Neuyork von der Wilson-Stiftung die Woodrow Wilson-Medaille für seine Bemühungen um Abbau der internationalen Handelsschranken. In seiner Dankrede führte Hüll u. a. aus, Wilson habe im Januar 1918 im Punkt 3 seiner Friedensvorschläge die Niederlegung der Handelsschranken gefordert. Auf der Pariser Friedenskonferenz sei jedoch lediglich erreicht worden, daß die Sieger auf das wirtschaftliche Bündnis verzichteten, das sie sich 1916 versprochen hatten. Im übrigen aber habe der Vertrag Deutschland und dessen Verbündete wirtschaftliche Fesseln und Ungleichheit auferlegt,
und es habe bis 1925 gedauert, bis die wirtschaftliche Gleichberechttgung zwischen den Siegern und Besiegten wieder hergestellt wurde. Inzwischen hätten die wirtschaftlich freien Nationen alle möglichen Handelsschranken errichtet und die Zentralmächte seien, sobald sie ihre Freiheit wieder erlangt hätten, in dieser Richtung gefolgt. Dann sei 1928 von Amerika ein schwerer Schlag gegen die wirtschaftliche Zusammenarbeit geführt worden,
und die Bereinigfen Staaten seien daran schuld, daß bis 1930 die Zollschranken immer
höher wurden und eine Flutwelle extremer Schuhpolitik in der ganzen Welt in Gang kam. Es gebe nur einen Weg, eine Katastrophe abzuwenden. Und das fei der, daß die gegeneinander rüstenden Nationen sich zu zielbewußter gemeinsamer Arbeit für die Wiederher st eltung der internationalen politischen und wirtschaftlichen B e- Ziehungen auf der Grundlage freundschaftlicher Zusammenarbeit zusammenfinden.
Die Befreiung des internationalen Handels.
Ein Auftrag für den belgischen Ministerpräsidenten.
Wenig Vertrauen in London.
London, 6. April. (DNB. Funkspruch.) Mit einer gewissen Skepsis stehen die Blätter einem Plan der englischen und französischen Regierung gegenüber, durch den belgischen Ministerpräsidenten van Zeel and die Möglichkeit eines Abbaues der internationalen Handelsschranken prüfen zu lassen. • „Daily Telegraph" warnt ausdrücklich vor übertriebenen Hoffnungen. Jedes Land wünsche, daß die anderen Länder die Zolltarife herabsetze und das Quotensystem lockere. Das sei ganz natürlich. Diesen Traum aber in die Praxis umzusetzen, bedeute eine Periode geduldiger Verhandlungen. Von der Einberufung einer Weltwirtschafts-Konferenz könne noch keine Rede sein. Ein allgemeiner wirtschaftlicher Waffenstillstand sei auch nicht möglich, solange die einzelnen Staaten s i ch nicht politisch sicher fühlten. Die Staaten der Osloer Konvention hätten nur gezeigt, wie guter Wille wenigstens die Handelshemmnisse innerhalb dieser Staatengruppe verringern könnte.
Auch „Morning Post" verneint die Absicht ber Einberufung einer Weltwirtschafts-Konferenz. Zwi
schen England, Belgien und Frankreich finde e i n Meinungsaustausch statt. Wenn man sich über die Hebung des Handels in Europa im klaren sei, werde man vielleicht an andere Regierungen herantreten, um zu sehen, ob Aussichten für ein allgemeines Abkommen bestünden. „Daily Mail" will wissen, daß ein belgischer Wirtschaftler in kurzer Zeit einige Länder bereisen und dann van Zeeland berichten werde.
„Daily Herold" und „News Chronicle" unterstellen der englischen Regierung, daß sie an der Beseitigung der internationalen Handelshemmnisse nicht mitarbeiten wollte. Erst vor einigen Tagen habe Baldwin einer Abordnung einflußreicher Männer die Unterstützung der englischen Regierung selbst für den kleinsten Schritt zur Herabsetzung der Zollschranken verweigert. Die englische Regierung habe die Einladung an van Zeeland überhaupt geheim halten wollen, was vermuten lasse, daß ihre Beteiligung nur a u f Drängen anderer Staaten, insbesondere Frankreich und der Vereinigten Staaten erfolgt sei.
tel selbst befindet, wie es England, Frankreich und die USA. tun, und zwar grundsätzlich tun, aber dann die Rüstungen der anderen Länder nach dem eigenen Interesse beurteilt, ob sie gut oder schädlich sind. Der Führer hatte seinerzeit den Westmächten ein Abrüstungsangebot unterbreitet, das gleiches Recht für alle schaffen sollte. Weil die Westmächte glaubten, darauf nicht eingehen zu können, also in Wirklichkeit die Fortdauer Deutschlands auf Gleichberechtigung verneinten, ist die Aufrüstung aller Länder eingetreten und Nicht zuletzt als eine Folge der sowjetrussischen Rüstungstätigkeit, die doch nicht durch Konferenzbeschlüsse aus der Welt geschafft werden kann. Bei der bolschewistisch-jüdischen Mentalität ist es klar, daß Moskau alles versprechen, aber nichts halten wird, und auf dieser Grundlage vertrauensvoll den Selbstschutz einer nichtbolschewistischen Nation verringern, heißt doch, langsam Selbstmord verüben. tv.
Die Eröffnung der Zuckerkonferenz.
London, 5. April. (DNB.) Im „Locarno- Raum" des Außenamtes wurde die Internationale Zuckerkonferenz eröffnet, an der 23 Länder beteiligt find.
Der Lordpräfident des Geheimen Rates, Ramfay Macdonald, wies in seiner Eröffnungsrede daraufhin, daß die Konferenz erwägen solle, ob etwas zur Beseitigung der Schwierigkeiten getan werden könne, auf die die Zuckerproduzenten seit Jahren gestoßen seien. Die Lage sei zwar heute besser als noch vor vier Jahren, aber trotzdem betrage die Produktion in einigen der größten Zucker erzeugenden Ländern nur 50 v. H. des rüheren Ausmaßes. Die Schwierigkeiten eien darauf zurückzuführen, daß es nicht gelungen ei, die Zuckerpolitik der verschiedenen Lander auszugleichen. Die Konferenz müsse den Zweck verfolgen, ein internationales Abkommen für die A ufrechte rhaltung eines vernünftigen Gleichgewichts zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Zuckerweltmarkt zu erzielen. Es fei klar, daß keine allgemeine Formel gefunden werden könne, die auf alle Länder anwendbar sei, aber es werde sich ermöglichen lassen, Regeln aufzustellen, die aus jede Gruppe von Ländern anwendbar seien, und die besondere Rolle, die diese als Erzeuger, Exporteure und Importeure in der Zuckerindustrie spielten, berücksichtigten.
Im Namen der übrigen Delegationen dankte der holländische Vertreter, Ministerpräsident Colijn, für die Bemühungen der englischen Regierung. Die Konferenz werde ihr Aeußerstes tun, um eine Vereinbarung zu erzielen. Schließlich wurde das Büro der Konferenz gebildet und die Einsetzung eines kleinen statistischen Ausschusses vereinbart. Nach der Wahl des englischen Kolonialministers Ormsby Gore zum Vizepräsidenten vertagte sich die Konferenz. *
Im Jahre 1931 versuchten die damaligen Hauptzucker-Ausfuhrländer der Welt, nämlich Kuba, Java, Peru, Tschechoslowakei, Polen, Deutschland, Belgien, Ungarn und Jugoslawien die verheerenden Wir
kungen der Zuckerrüben-Uebererzeugung in der Welt durch ein Abkommen zu regeln. Es wurden Aus- f u h r a n t e i I e für die beteiligten Länder festgestellt, um dadurch mittelbar die Erzeugung zu beschränken. Der Versuch ist jedoch gescheitert, weil die festgesetzten Ausfuhranteile ju hoch waren und das Abkommen von einigen Ländern, insbesondere englischen und amerikanischen Kolonien, dadurch hinfällig gemacht wurde, daß diese Läyder ihre Erzeugung auf Kosten der am Abkommen beteiligten Länder wesentlich g e st e i - g e r t haben. Inzwischen ist der freie Zuckerweltmarkt, der im Jahre 1931 noch über 5 Millionen Tonnen betrug, auf etwa 3,2 bis 3,3 Millionen eingeschrumpft.
Auf Veranlassung der englischen Regierung findet daher jetzt die große Weltzuckerkonferenz statt, an der nahezu alle am Zucker irgendwie interessierten Länder beteiligt sind. Das Ziel dieser Verhandlung
ist ein großes internationales Abkommen in der Richtung, daß der freie Weltzuckermarkt in Form von Ausfuhranteilen auf die an der Ausfuhr beteiligten Länder a u f g e t e i l t wird, und daß die nicht Zucker ausführenden Länder sich verpflichten, ihre Zuckererzeugung nicht zu vergrößern und keinen Zucker auf den freien Weltmarkt auszuführen. Deutschland hat in den letzten Jahren wegen der niedrigen Weltzuckerpreise und aus anderen Gründen sich von der Ausfuhr zurückgehalten und dadurch seinerseits zu der sich jetzt anbahnenden Gesundung im Weltzuckermarkt beigetragen. Da das Abkommen voraussichtlich für eine Zeitspanne von fünf Jahren abgeschlossen wird, ist es selbstverständlich, daß Deutschland einen genügend großen Ausfuhranteil in einem gegebenenfalls abzuschließenden Abkommen besitzen muß, denn es ist durchaus möglich, daß in den späteren Jahren sich für Deutschland die Notwendigkeit ergibt, Zucker auszuführen.
Oie Preisbewegung in England.
Die Engländer haben im Jahre 1931 einen phantastisch günstigen Zeitpunkt für die Abwertung ihres Pfundes von 20.— auf rund 12,50 RM. erwischt. Damals sanken alle Weltmarktpreise von einem Tage zum anderen und da auch das Pfund nicht mit einem Schlag abgewertet wurde, sondern sein internationaler Kurs auf 12,50 Mark im Laufe von ungefähr sechs Monaten sank, so merkte der „Mann auf der Straße" überhaupt nichts oder nur sehr wenig von dem Sinken des Pfundkurses, der sich ja unter anderen Umständen in einer wesentlichen Erhöhung der englischen Einfuhrpreise hätte ausdrücken müssen. Auf der anderen Seite wurde die englische Ausfuhr wettbewerbsfähiger und zugleich wurde auch das englische Preisniveau im Innern vor einem zu jähen Abgleiten, wie es damals etwa die Vereinigten Staaten oder auch Deutschland erlebten, geschützt, so daß die englischen Warenbesitzer in die Katastrophe der Rohstoffmärkte nicht in demselben Umfange hineingezogen wurden wie ihre unglücklicheren Kollegen in anderen Ländern. Denn: wenn das Sinken der Roh- ftoffpreife in dieser Zeit durch die Pfundabwertung, der ja eine Verteuerung anderer ausländischer Zahlungsmittel gegenüberstand, abgebremst wurde, so war" doch der Umfang der Pfundabwertung wie des Preissturzes auf der anderen Seite ungefähr so parallel, daß der englische Verbraucher die Pfundabwertung, wie gesagt, „nicht merkte".
Nun ist eine scharf gegenläufige Bewegung im Zuge. Gewiß, wir Haden in Deutschland auch unsere Sorgen. Aber der Staat sucht doch durch ein planmäßiges Eingreifen die einzelnen Faktoren der Preis- und Lohnbildung im Gleichgewicht zu halten und die dabei erzielten Erfolge find trotz mancher Mißlichkeiten da und dort gar nicht zu unterschätzen. In England wie in den anderen liberalen Ländern herrscht aber das freie Spiel der Kräfte und zu diesem freien Spiel der Kräfte gehört auch die Spekulationsfreiheit, die Preise so hoch in die Höhe zu setzen, als es die Atemkraft der Spekulanten überhaupt nur zuläßt.
Das gilt sowohl für die Rohstoffe der Industrie wie für den unmittelbaren Lebensbedarf.
Seit dem Jahre 1932 ist der englische Quarter (ein englisches Hohlmaß mit dem Fassungsinhalt von 2,9 Hektoliter) für Brotgetreide von 25 Schilling 3 Pennies (rund 15 Mark) auf 55 Schilling 6 Pennies (34 Mark) gestiegen; dementsprechend erhöhte sich natürlich auch der Brot- u.nd M e h l p r e i s. Seit einem halben Jahr Haden nicht weniger als sechs Erhöhungen des Mehl- und Brotpreises stattgefunden, der nun wieder auf der Höhe des Jahres 1928 oder der Kriegszeit angelangt ist. Dabei muß England noch eine zusätzliche unerfreuliche Entdeckung machen. Vor dem Kriege bezog es sein Getreide aus rund einem Dutzend Länder. Infolge der Bevölkerungszunahme in den Vereinigten Staaten und wiederholter dortiger Fehlernten ist die Bezugsfreiheit hier wie in anderen agrarischen Ueberschußländern wesentlich eingeschränkt. Heute bezieht England sein Getreide überwiegend nur aus drei Ländern, nämlich Australien, Kanada und Argentinien. Die Ernteerträge schwanken aber gerade in diesen Bezugsländern wegen des sehr wechselnden Wetters ganz ungemein und so sind die Preise auch sprunghaften Äenderungen unterworfen.
Werfen wir nun noch einen Blick auf die induft ri e l l e n Rohstoffe, so ergibt sich z. B. eine Preissteigerung wieder von 1932 bis März 1937 für die Tonne Kupfer von rund 360 auf 850, für die Tonne Blei von etwa 150 auf 380 Mark. Das Pfund G u m m i kostete 1932 etwa 12 Pfennig, im März 1937 aber 65 Pfennig. Allgemein wird die Steigerung der Großhandelspreise aller Arten auf mindestens 50 v. H. geschätzt. Mit dem Weizen werden auch Fleisch, Speck, ja selbst Milch, Butter, Eier und Fische teurer. Das freie Spiel der Kräfte' wirkt sich nun zusätzlich darin aus, daß nicht eine allmähliche, sondern eine sprunghafte Preissteigerung eintritt, die teilweise in sich selbst schon ungesund und unvernünftig geworden ist und deut-


