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Krieg eine große Rolle spielen werden. Ehe nicht die Horcher durch tadelloses, schnelles und genaues Horchen die Flakscheinwerfer zum Aufleuchten auf das Flugziel gebracht haben, können ja die Entfer­nungsmeßleute der Flakbatterien nicht messen. Die Zeiten, die nachts für rechtzeitige Feuereröffnung zur Verfügung stehen, sind noch viel kürzer als bei Tage. Vom schnellen Arbeiten der Flakscheinwerfer­batterien hängt daher die rechtzeitige Feuereröff- nung der schweren und leichten Flakbatterien ab. Das bedeutet noch mehr als bei Tage einen Kampf um Sekunden!

Flakscheinwerfer müssen ebenso wie Flakbatterien nach dem Grundsatz aufgestellt werden, daß der Lutfgegner von allen Richtungen anfliegen könnte. Natürlich wird er besonders markante An­flugwege Flüsse, Kanäle usw. bei Nacht vor­ziehen, wenn er nicht blind, also nach Navigation, anfliegt. Zum eigentlichen Angriff jedoch kann er bei Nacht wie bei Tage aus jeder Richtung kom­men. Er wird bei Nacht versuchen, durch Gleitflug oder durch besondere Störflugzeuge die Horcher zu täuschen und dem angreifenden Flugzeug das un­bemerkte Herankommen zu erleichtern. Diese Mög­lichkeiten stellen an die Aufmerksamkeit und Wen­digkeit der Flakscheinwerfer- und Horchgerätebedie­nung besonders hohe Anforderungen. Andererseits kann man aber feststellen, daß ein im Scheinwerfer­licht fliegendes Flugzeug, besonders da es von 3 bis 5 Flakscheinwerfern gleichzeitig gefaßt wird, nicht mehr dem Scheinwerferlicht sich entzie­hen kann und daß der Flugzeugbesatzung der ge­zielte Bombenwurf durch die Blendwirkung stark erschwert wird. Das Scheinwerferlicht verhindert das Erkennen von Einzelheiten auf der Erde.

Wenn der Luftgegner die Wirksamkeit der Flak­artillerie richtig einschätzt, wird er voraussichtlich versuchen, die Flakbatterien während oder vor dem Luftangriff zu lähmen, und zwar durch besondere Angriffe auf die Flakbatterien selbst, meist wohl im Tiefangriff. Dieses Angriffsverfahren stellt an den Angreifer hohe Anforderungen Tiefangriff ist ein schwieriges Verfahren, vor allem, wenn starke Gegenwehr vorhanden ist, besonders aber auch an die Flakartillerie. Diese muß trotz und während des feindlichen Tiefangriffs mit ihren schweren Flakbatterien unerschütterlich im Feuer gegen den hoch oben anfliegenden Hauptangreifer bleiben.. Nur ganze Männer, eine todesmutige, fest diszipli­nierte Truppe, mi'rd diese Aufgabe meistern können.

Neuzeitliche Flakartillerie wird also dem Luftgeg­ner schärfsten Widerstand entgegensetzen. Trotzdem darf kein Zweifel darüber bestehen, daß, genau wie bei den Kampfhandlungen auf der Erde, auch in der Luft ein entschlossen durchgeführter Angriff oft nicht verhindert werden kann. Daß diese Angriffe aber dem Gegner so hohe Verluste beibringen, daß seine Angriffskrast entscheidend geschwächt oder gar gebrochen werden kann, ist Sache gut ausgerüsteter, gut schießender Flakartillerie. Eigene Jagdflieger werden hierbei die Flakartillerie durch Angriff auf die feindlichen Kampfflugzeuae unterstützen.'

Ferner ist die Moral des Angreifers ebenso einer Abnutzung ausgesetzt, wie sein Material. Ob und wie lange diese beiden Faktoren beim Luftgegner auf der Höhe gehalten werden können, hängt stark von den Leistungen der Flakartillerie ab. Nur der Ernstfall wird die letzte Klarheit in diese Fragen bringen können. Die Flakartillerie wird das Men­schenmögliche aus den ihr anvertrauten Waffen her­ausholen und ihr Teil beitragen zur Verteidigung des deutschen Luftraums und zum Schutze des Hee­res bei feinen entscheidenden Kämpfen zur Nieder- ringung des Feindes.

MrschleistulMti.

Ein großer Teil der Kriegstätigkeit der Truppe besteht im Marschieren", die alten Soldaten wissen um die Wahrheit dieses Satzes, der das Kapitel Marsch" in der deutschen VorschriftTruppenfüh­rung" einleitet. Vom Rhein bis nach Paris, von der Weichsel bis an die Grenze Asiens ist der deut­sche Musketier im Weltkrieg marschiert. Hohe Einzel- und Durchschnittsleistungen sind erzielt worden. So legte die 115. Infanterie-Division in den letzten fünf Tagen der Schlacht um Wilna, nachdem schon die Tage vorher hohe Marschanforderungen an sie ge­stellt hatten, 180 Kilometer zurück. So brachte das Jäger-Regiment zu Pferde 2 von 8. bis 31. August

Gottfried Kellers Stiefel.

Von Wilhelm von Scholz.

Von den Stiefeln des Dichters Gottfried Keller wird dies und das erzählt. Zum Beispiel: daß Meister Gottfried sie auf der Freitreppe seines Hauses in Zürich gelegentlich abends ausgewogen und auf die Straße geworfen habe. Das mag ge­schehen sein, wenn die Hauptfiguren zu Gottfried Kellers eigentlichem Stiefelabenteuer fehlten, nämlich die nächtlichen Heimführer des Herrn Stadtschreibers, die ihn aus derOepfelkammer" oder demPfauen" au leiten und im Gleichgewicht zu halten hatten. Aber vielleicht wird es erst aus dem Folgenden ver­ständlich.

Ich habe einen alten Herrn aus Zürich, der Keller öfters nach einem Trunk den Liebesdienst des Heim­bringens erwies, gut gekannt. Er ist vor wenigen Jahren als hoher Achtziger, der bis zuletzt rüstig und geistig lebhaft war, in Zürich gestorben. Es war der Professor Rohrer, einstiger Ordinarius für Ohren­heilkunde an der Universität, zugleich ein Sänger und Freund der Künste. Er saß als jüngerer Mann manchen Abend mit Keller beim schweigsamen Bechern, bei dem jede kleine Meinungsäußerung offenbar sehr viel Gewicht annahm, denn Keller hat ihn einmal gar zum Duell fordern wollen, was dann durch die beiderseitigen Freunde friedlich beigelegt wurde.

Der Kobold aber, der Keller zeitweilig fein konnte ober wohl immer ein wenig war, der zeigte sich bei den Stiefeln. Rohrer und noch ein anderer hilf­reicher Nachtgeist hatten den Dichter unter dem Arm und führten ihn zu seiner Wohnung, die damals im Stadtteil Enge lag. Die Drei nähern sich in der hellen Züricher Sommernacht langsam und leicht schwankend der kleinen Freitreppe vor der Kellerschen Wohnung. Dort angelangt, ersucht Keller die beiden Adjutanten um ihre technische Nothilfe, indem er ihnen, auf der obersten Stufe sitzend, die Füße zu­reicht. Als sie ihm die Stiesel höflich ausgezogen haben, streckt der noch immer auf seiner Stufe Sitzende den Zeigefinger der Rechten aus und bittet darum, man möge ihm die Schlaufen der Stiesel da herüber streifen, damit er sie nicht verliere. Als die Stiefel an seinem Finger baumeln, kneift er ihn zusammen und drischt nun mit höchstem Vergnügen auf feine beiden Begleiter ein.

Soviel Groll hatte Gottfried Keller eben immer und gegen alle auf dem Herzen, daß er eine schöne Gelegenheit, diesem Groll Luft zu machen, nie vor­übergehen lassen konnte. Und nun wirb klar, was vorgegangen sein mag, wenn er seine Stiesel allein

1914, ungerechnet die Märsche auf dem Gesechts- felbe, 594 Kilometer hinter sich.

Die Reichswehr hat mit ihren langbienenden, durchtrainierten Berufssoldaten die Kriegsleistungen oft überboten. Das junge Heer hat sie während der letzten Manöver ohne große Mühe erreicht. Der Motor ist im Begriff, Marschtechnik und damit Marschleistungen auf eine ganz andere Basis zu stellen. So berichtete das Militärwochenblatt, daß ein Krastradschützen-Bataillon für den Rückmarsch aus dem Manöver im südlichen Würt­temberg nach seinem Standort Eisenach (410 Kilo­meter) im hügeligen Gelände zwölf Stunden ge­brauchte. Fahrer und Fahrzeuge hatten anstrengende Tage hinter sich. Dennoch wurde die Strecke mit Ausnahmen einiger rasch zu behebenden Reifen- unb Zünberpanncn unb einem Gabelbruch ohne Un­fall burchmessen. Die einzelnen Kompanien mar­schierten mit Drei Minuten Abstand. Nach spätestens zwei Stunden wurde ein Fahrpause eingelegt, so daß eine reine Fahrzeit von 8 Stunden 50 Minuten blieb. Es wurde unterwegs aus dem Betriebsstoff­

kraftwagen des Bataillons getankt und kleinere In­standsetzungen während der Marschpausen an der mitgeführten Werkstatt ausgeführt. Am Ende des Marsches war die Truppe voll gefechtsfähig.

Sowjetrußland legt bei den großen Entfernungen innerhalb seines weiten Reiches besonderen Wert auf Dauermarschleistungen. So finden sich in der russischen Militärpresse fortlaufend Berichte über Gewaltmärsche von Infanteristen, Reitern unb Ski­läufern. Es legten zum Beispiel fünf Unteroffiziere mit ihren Patrouillen bie 5300 Kilometer lange Strecke IrkutskMoskau in 83 Tagen zurück, bas bebeutet eine Tagesleistung von 60 Kilometer.

Der abessinische Krieg brachte in seinem Schluß­akt, imMarsch des eisernen Willens", in ber Ueberwinbung ber letzten Wegeftrecke nach Addis Abeba ein Glanzstück neuzeitlicher Marschtechnik und Marschleistungen. 20 000 Mann legten auf etwa 1600 Lastwagen nicht zuletzt dank ber auf- opfernben Tätigkeit ber wegebauenden Pioniere, die fast wegelose Strecke von 400 Kilometer im schweren Tropenregen in 10 Tagen zurück. By.

Bummel durchs Suaheli-Land

Von unserem E.R.K.-Äerichierstaiier.

in.

SprungvomDampferindieUrzelt

Tanga, Anfang 1937.

Der erste Eindruck vorn tropischen Afrika war ber, daß selten auf ber Erbe bie Gegensätze von Zivilisation unb Wilbnis, von Ge­fahr unb Gesichertheit, so aufeinanber platzen wie hier. Kaurn waren wir in Tanga vorn Dampfer ge­gangen, hatten uns in Autos verstaut unb die letz­ten Häuser der Stadt hinter uns gelassen, als sehr zu meinem Kummer die den Wagen fahrende Afrikanerin scharf anhielt.Fahren Sie doch rüber", sagte ich mehrmals. Denn vor uns quer über dem Weg lag eine gut IV- Meter lange Puffo11er, eine Der giftigsten Bestien des Erd­teils, der bräunliche Schuppenleib dick wie eine Männerfaust und mit widerlich kleinem und spitzem Kopf. Die Dame am Steuer lenkte vorsichtig um bas Tier herum, indem sie bemerkte:Bei ber Hitze heute würbe es nur eine Stunbe dauern, bis man tot ist." Dies war ber erste unb man muß sagen: etwas drohenbe Gruß Afrikas.

Den zweiten erlebten wir nicht allzuviel später. Und diesmal konnte ich es kaum erwarten, bis der Wagen anhielt. Ich brüllte fortwährend: anhalten, anhalten, in allen Sprachen, deren ich im Augen­blick habhaft werden konnte. Die Bedenken kamen mir erst, als es schon zu spät zum Rückzug war. Wenn die Menschen überlegen würden, solange es noch Zeit ist, geschähe viel weniger auf der Welt. Außerdem: die Verlockung war gar zu groß. Also ich wand mich ohne viel Besinnen unter dem Ver­deck des Ford hervor. Es war auch kein Traum, der mich äffte, nein. Ich fühlte meinen Photoapparat in ber Hanb, unb auf dem Kopf hatte ich einen Tro­penhelm, unb ber war bestimmt kein Traum von einem Tropenhelm, benn er brückte. Ganz beson- bers spürbar bann, wenn ich aufgeregt war. Oben auf biesem Auswuchs meines Schädels lag, burch bas wohl isolierte Schweißleber hinburch zu fühlen, eine Sonnenglut wie schmelzendes Blei. Ich duckte mich unwillkürlich ein bißchen.

Die Sache aber war die, daß gänzlich unerwar­tet, wider alle Wahrscheinlichkeit und alles Hoffen, eine Giraffe zu sehen war, ungefähr 150 Me­ter rechts von dem, was sich hier Straße nennt. (Was aber eher einem Halbmeter tief verstaubten Feldweg mit sorglich 'eingearbeiteten Schlaglöchern glich, damit man auch ja merkte, baß man in Afrika fuhr.) Es war die erste Giraffe meines Lebens, wenn man von den Zoologischen Gärten absieht, wo man immer Angst hat, sie stoßt ein Loch in bas Dach. Hier aber war bie Giraffe burchaus am Platze, ber Umgebung angepaßt. Wie sie da in ber Gegend stand, auf ihren vier unendlich langen Beinen und mit dem meilenlangen Hals, glich sie einer verbindlich nach vorn sich neigenden Groß- fenbeftation. So gewaltig war sie. Eine überlebens­große Ausgabe meiner kühnsten Vorstellungen.

Also ich latschte, mit meinen schweren Safari- ftiebeln, recht langsam unb geruhig auf sie zu, ohne zu bebenfen, baß ich an Waffen nichts, aber auch gar nichts babei hatte außer einem Taschenmesser. Meine Augen hingen an ihr wie an einer Fata Morgana. Ich verzehrte sie förmlich. Leider stellte ich wäh- renbdem fest, baß eine der meinem zweifelhaften Schutz anvertrauten Damen gleichfalls ausgestiegen war und entschieden und furchtlos hinter mir drein marschierte, die Kleinkamera in der Faust. Es war eine noch jüngere Dame, hager unb sehr breit­schultrig, sportbeflissen unb sportgeübt. Ich bin überzeugt, daß ihr Schwinger einigen Nachdruck hatte, doch bleibt zweifelhaft, ob mit Boxen etwas gegen Giraffen auszurichten ist.

Auf alle Fälle, bie Dame mit ihrer Leica störte mich gewaltig, aber ich hatte die Geistesgegenwart, mich sofort zum Führer unserer Safari aufzuwer­fen unb tommanbierte leise:Ganz langsam unb ruhig Herangehen, bis wir nahe genug finb. Nur Ruhe, Ruhe, erschrecken Sie mir bas Vieh nicht mit hastigen Bewegungen. Das ist unsere einzige Chance, denn gesehen hat sie unsere weiß blenben» ben Tropenhelme natürlich längst." Vorsichtshalber warf ich ber Dame noch einen Blick über die Schul­ter zu, der ihr verhieß, daß ich sie ben Löwen oorwerfen würbe, wenn sie Dummheiten machte. Aber ihr Gesichtsausbruck bewies mir, daß sie mich als willkommenes Panzerschild gegen unliebsame Zwischenfälle seitens ber Giraffe betrachtete. Sie ging denn auch während der ganzen Aktion nicht aus ihrer Deckung hinter meinen nicht gerade her­vorragend breiten Schultern heraus.

Die Giraffe unterdes tat, wie Giraffen immer tun, wenn ihnen etwas mißfällt: sie äugte. So etwas schief und mit wehleidigen Gedanken unterm Schädeldach. Im übrigen aber stand sie königlich und sozusagen prähistorisch da, und bie Steppe um sie war weit und groß. Der Blick in ber Runbe schweifte über Hunderte von Qubratfilometer unb am Horinzont entlang schwangen sich hier unb ba blauende Gebirge. In ber Richtung unserer soge­nannten Autostraße aber türmte sich keglig der über 4500 Meter hohe Meru - Vulkan. Dazu bas äugenbe Tier der Wilbnis ich verstaub in die­sem Augenblick sehr lebhaft bie Tiroler, bie bei solchen Gelegenheiten überschäumenber Daseins- freube bas Jobeln anfangen.

Aber das wäre wohl hier nicht das Rechte ge­wesen. Die Haltung der Giraffe war Mißtrauen. Und ich mußte unb mußte so nahe kommen, wie nur irgendmöglich. Denn so groß die Giraffe ist unb sie wird, wie bas Ulmer Münster, erst auf weite Entfernung so groß, wie sie wirklich ist, die Steppe ist noch großer. Und man muß die Giraffe gegen den Horizont zu bekommen versuchen, ohne ben flimmernden Boden, von dem sich ihr geflecktes Fell oft zuwenig abhebt. So setzte ich sachte immer wieder einen Fuß vor den andern und die Sekunden vergingen mir so langsam, wie ich es hier erzählte. Das Gras um meine Füße ra-

auszog unb man sie seltsamerweise nachher auf ber Straße l^nb. Da hat er sie ohne Zweifel einem ver­meintlich begleitenben Samariter, Der aber zu seinem Glück nicht mehr mitgefommen war, an ben Kopf geroorf

Blick auf Island.

Von Manfred Hausmann.

Eine Regenbö nach ber anderen fegte von Süden her über bie Westmänner-Jnsel hin, über bie schwarzen Lavaklötze mit ben grünen Rasenflächen obenauf, über den düsteren Kegel des erloschenen Helga-Vulkans unb über bie Holz- unb Wellblech­häuschen von Kaupftadur.

DieBerlin", die vor Kaupstadur auf Reede lag, sollte um Mitternacht ankeraus gehen. Da nicht anzunehmen war, daß ich eine Stunde vorher noch jemanden auf dem Aschengipfel des Vulkans an­treffen würde, zumal die meisten Fahrgäste, des schlechten Wetters wegen, von vornherein auf die Besteigung verzichtet hatten, machte ich mich gegen breiundzwanzia Uhr auf, um eine Weile allein bort oben, zweihunbertdreißig Meter über ber See, im Gebrause zu stehen unb nach ben isländischen Glet­schern hinüberzublicken.

Als ich mich in der Dämmerung ber nordischen Nacht, bie trotz des schweren Regengewölks keine eigentliche Dämmerung sondern nur ein Stumpfer­werben bes Tageslichtes war, am oberen Steil­hang bes Kegels burch den losen, windburchwinlel- ten Aschenschutt emporarbeitete, zeichnete sich der Gipfel dunkel und menschenleer gegen bas dicht über ihm hinjagende hellere Gedämpf ab. Ich klet­terte höher, rutschte zurück, fand einen Halt unb klet­terte wieder weiter. Von hinten prasselte ein Re­genschauer auf meinen Delmantel, wilde Luftmas­sen, von weit her über ben Norbatlantik rasend, warfen sich gegen ben Berg unb wichen bröhnenb zur Seite. Ich schwankte unb rutschte unb kämpfte mich auf allen Vieren vorwärts. Unb nach einer Diertelstunbe war ich oben. Aber ber Sturm wuch­tete so heftig gegen mich an unb bie eiskalten Regentropfen fuhren, wenn bie sie vor sich her trieb, so schmerzhaft in mein Gesicht, einer Schrot­labung gleich, baß mir, wenn ich nicht in bie Tiefe geschleubert unb blutig geschlagen werben wollte, nichts anderes übrig blieb, als erst einmal in ben Krater hinabzugleiten unb hinter einem ber Lava- blöcfe, die am Grunde aus dem kümmerlichen Rasen von Grasnelken und Thymian herausrag­ten, Schutz zu suchen. So etwas von einem Wetter hatte ich denn doch noch nicht erlebt.

Nach einer Weile flog ein silbriger Lichthauch durch ben grauen gewellten Regenvorhang über mir, an einer Stelle zeigte sich sogar ber blaßgrüne Himmel, aber ber Sturm heulte unb bröhnte noch unoeränbert fort. Es hals nichts, ich mußte es, wenn ich bie Zeit nicht ungenutzt verstreichen lassen wollte, noch einmal versuchen. So kletterte ich wie­her auf ben Ranb bes Kraters hinauf. Aber sowie mich bort bie volle Gewalt bes Wetters traf, taumelte ich zurück. Es war einfach nicht möglich, aufrecht ftehenb ben Stößen stanbzuhalten. Erft als ich mich nieberbutfte unb kriechenb Schritt für Schritt aufwärts brang, gelang es mir, den Grat zu gewinnen und mich bort eine Zeitlang zu be­haupten.

Gegen Narben hin, wo Jslanb liegen sollte, war alles noch Blinbheit unb Regenschauer vom höchsten Himmel bis nieder auf die See. Ich konnte nicht einmal bieBerlin", nicht einmal Kaupstadur, bas doch gleichsam am Fuße bes Berges lag, erkennen. Nur ber Donner ber Branbung rauschte bumpf, wenn bas Sturmgeheul einmal schwächer würbe, aus ber verhüllten Gegenb herauf. Von Süden, genauer von Sübwesten her, wehte inbeffen bas Licht heran, bas blasse, wunbersam verschleierte unb verschleiernde Licht bes Nordens. Es sickerte durch die wattigen Wolken, es schimmerte wie glanzloses Silber durch die schräg herunterhängen- ben, durchsichtigen Regenbahnen, es ließ ben Luft­raum, in ben ich hineinblickte, so wirklich, so greif­bar werden, daß ich unwillkürlich bie Hanb aus­streckte, um hineinzufassen; es verwandelte, wo es hintraf, bie schwarzblaue, in langer Dünung sich heranwälzende See gleichfalls in Silber, in mattes, graues, wogendes Silber. Da und bort fliegen aus dem Silber, jetzt ungewiß, jetzt deutlicher, schnee­weiß umgischtete Klippen unb Jnselblöcke empor, bereu finstere Wänbe unb zarte Wiesen grau üb er­wischt waren. Wie benn überhaupt alle Farben nur Abschattierungen von Grau unb Silber bar­stellten unb alle Dinge, bie Luft, bas Laub unb bie See, in sickernbes, strömenbes, wehendes Licht auf­gelöst waren. Ich bezweifelte fast, ob der Gipfel, auf dem ich stand, noch Festigkeit genug hatte, um mich zu tragen, ich wurde, im Sturm, der un­unterbrochen weitersauste, hin unb her schwankend, fast schwindelig von all diesem deutlichen Raum und dieser Tiefe unter mir.

Das Licht flog heran, flutete um mich her und über mich weg unb schwamm blaßleuchtend gen Norben, gen Island. Der Dampf, der den nördlichen Bereich verhüllt hatte, wich vor ihm zurück, bie grauen und roten Dächer von Kaupstadur wurden langsam sichtbar, die gelben Wiesen darum herum,

schelte, ein wenig Wind sauste durch meinen Tropenhelm, sonst war tiefe Mittagsstille. Zugleich setzten meine Bedenken plötzlich mit ungehemmter Stärke ein, benn ich war vielleicht nur noch 50 Meter von ihr entfernt, unb Giraffen sind, wie man weiß, sehr schnell. Die im Wagen hatten bereits, wie sich nachher herausstellte, bie blasse Angst um uns, benn von dort aus sah es aus, als ständen wir bereits dicht unter ihr. Aber auch mir schien ber kritische Zeitpunkt nahe.

Offenbar hat die Giraffe die Absicht gehabt, in den Dornenakazien zu äsen, mit denen bie Steppe hinter ihr weitläufig bestreut war. Mit solcherlei Gebanken in ihrem Hirn hatte sie das brummende Kriechtier, das mit einer gewaltigen Staubwolke hinter sich bie Steppe entlangfegte, gar nicht weiter beachtenswert gefunben. Erst als unsere weißen Helme sich unter bem Verdeck herauslösten, hatte sie sich alarmiert gefühlt, und ba ich nahe gnug war, konnte ich sehen, baß sie nicht nur mit ben Augen äugte, sonbern auch mit ben Ohren, ben Nüstern unb mit jebem Fleck ihres herrlich gelb unb braun gezeichneten Fells. Nie zuvor habe ich mich so gesammelt angesehen gefühlt, unb ber un­behagliche -Gedanke kam mir, baß ein Schlag ihrer Vorderläufe reichlich genügen würde, um mich zu erledigen. Denn bie Decke bes Tieres, bie abgezo­gene Haut allein wiegt, wie mir ein erfahrener Säger erzählt hatte, bereits 200 Kilo.

Kurzum, ich überlegte mir, ob sie vielleicht bvch annehmen würde. Ich erinnerte mich zwar, gelesen zu haben, daß Giraffen das nie tun. Ader was lieft man nicht alles? Früher las man auch, Löwen konnten keine Bäume erklettern, und bann war es eines Tages gar nicht wahr. Was ich tun würde, wenn es ihr etwa einfallen sollte, die Mode an­griffsweisen Vorgehens bei ben Giraffen einzufüh­ren, stand keineswegs fest. Aber um so sicherer war ich, baß mir im gegebenen Zeitpunkt schon etwas einfallen würbe, um mich in Sicherheit zu bringen. So schritt ich einfach ganz frech weiter los, bis ich eine Berührung an meiner Schulter spürte. Die Dame mit ihrem kleinen Kinofilm-Format konnte nun nicht weiter heran, wollte sie bas Tier noch ganz auf bas Bild bringen.Also los", flüsterte ich, eisern ruhig und doch zitternd vor Freude und unbändiger Jagdlust. Und die Verschlüsse knackten leis. Einmal, zweimal, während wir versuchten, langsam im Kreise um bas Tier herumzukommen.

Aber dem wurde es nun endgültig zu Dumm. Es setzte an: ein paar Sprünge in diesem sonderbar wiegenden Giraffengalopp,--Gott sei Dank in

ber Richtung quer von uns weg. Sie bog auch nicht gegen uns um, sondern verhielt unb äugte aber­mals. Wir näherten uns von neuem, worauf sie gemütlich etwa um die Doppelte Strecke davontrollte, sehr gemächlich, und bann stehen blieb, wie im Hohn auf unsere Langsamkeit. Dies, Aeugen und Davontrollen, wiederholte sich drei- oder viermal. Dann gaben mir es auf und drehten ab. Außer­dem hupte in ber Ferne der Wagen. Die dort wollten weiterfahren.

Ich winkte hinüber: jawohl, wir kommen gleich. Meine Begleiterin, die ich ganz vergessen hatte, stand mit hochrotem Kopf mitten in ber Steppe und drehte an ihrer Leica herum mit einem Aus­druck von Zärtlichkeit, als wolle sie zu ihr sagen: So was Feines wirft du in deinem ganzen Leben nicht wieder vor deinen Schlitzverfchluß bekommen. Ich verspürte nur den brennenden Wunsch, dem Tier ben ganzen Tag folgen zu können, lediglich, um in seiner Nähe zu sein. Ich hatte dasselbe'Ge­fühl wie Damals, als ich zum ersten Male vor Dem Eiffelturm stand. Dann drehte ich mich noch einmal um. Die Giraffe blieb äugend bei einer Der Grup­pen von Dornakazien stehen und schweifwedelte heftig, im berechtigten Selbstgefühl des Siegers. Dann schien ihr ein kleiner Imbiß rötlich. Sie steckte Den Kopf in Das Geäst. Mit wählerischer Greiflippe und feinschmeckerisch, sozusagen vor Behagen schmat­zend, schien sie Das Aroma Der Dornen zu probie­ren wie mir einen Artischockenboden oder einen Riesling Spätlese aus Der besten Lage am Rhein. So stand sie ba, eindrucksvoll und grotesk, und doch königlich, von etroas komischer Einfalt unb doch weise von der Weisheit vergangener Erdepochen, aus denen sie stammt und aus denen diese ganze Steppe hier überdauerte. Welch ein frevler'ischer Wahnsinn, welche Unmöglichkeit, so ein Tier zu erschießen!

die mit Segeltuch bedeckten Klippfischhaufen, das zackige Vorgebirge, bas bie Hafenbucht beschützte, bieBerlin' nut ihren weißen Aufbauten unb gelben Schornsteinen, Die Felseninseln Bjarnar Ey unb Elliba Ey braußen in Der grau überschimmerten See, Die nördliche See wurde sichtbar, weithin, und dann, während über mir schon wieder, von Süden sich heraufhebend, ein pechschwarzer Regenwust hing unb ber Sturm mich dicht an ben Boben zwang, die gewaltigen Gletscher von Jslanb, die eisigen Schübe, bie in flachen Wölbungen oben auf ben flachen Gipfeln der Gebirge lagen. Sie leuchteten, als bie Wolken sie freigaben, gleichsam von innen heraus, sie leuchteten weißer unb heller als alles sonst auf der Welt, sie waren wie zusammenge­drücktes Licht, unirdisch in ihrer gleichmäßigen Helligkeit und Transparenz, sie waren wie ver­doppeltes, wie verdreifachtes Licht. Wenn ich nicht gewußt hätte, um was es sich handelte, wäre ich nie auf ben Gebanken gekommen, daß dies Gletscher sein sollten. Unten deutete sich mit blauen und grauen Nebelstrichen bie Küste an, unb darüber schwebte Das leuchtende Eis, schwerelos. Es war ungeheuerlich.

Don hinten und von der Seite schüttete sich wieder Regen über mich. Ein bräunlicher Schleier wehte in großem Bogen, faltenroerfenb unb am Rande flatternb, vor Die Ferne. Aber ber Gletscher- glonz schimmerte noch immer hinburch. Links ber Eyjafjalla Jokull unb rechts ber Myrbals Jökull. Ich sah hinüber unb buchte an bie norwegischen Männer, Die Jslanb entdeckt hatten. Was waren wir doch für armselige Menschenkinder! Da ging man zu Hause umher und betrieb sein Geschäft und saß im Theater und kam sich wunder wie vor, und hier aab es jahraus, jahrein so etwas Wogendes und Allmächtiges. Nichts waren wir im Grunde, nichts!

Der bräunliche Schleier wurde dichter und dichter, und nun war es kein Schleier mehr sondern Ge­wölk, graues, violettes und wieder graues, das wie Rauch dahintrieb und die letzte Spur von Island auslöschte.

Nun war es auch höchste Zeit, mich wieder an den Abstieg zu machen, wenn ich das Schiff noch erreichen wollte. Ich tappte mit quergestellten Füken voran, rutschte aus und fuhr auf dem losen Aschen» geroll ein Stück in die Tiefe. Regenböen klatschten auf mich nieder, der Sturm blies mich vorwärts und unterm Rutschen und Schwanken und Mar­schieren schwur ich mir zu, daß ich nach Island hinein müßte, tief ins Innere bis zu bem Licht betf . Gletscher.