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Nr.55 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)

Samstag, b. Marz 1937

Wehr und Waffen.

Der Arzt im Waffenroü.

Von Pr. Gerhard Scholtz, Hauptmann a. D

Das Handwerk des Soldaten ist nicht zuletzt des­halb geschätzt, weil es hart ist und daher ganze Männer verlangt. Der Krieg kostet Blut Der Welt­krieg hat für die deutsche Wehrmacht, zu der im Verlaufe des Ringens rund 13 Millionen Mann einberufen wurden, eine Gesamtverlustzahl von 2 036 897 Gefallenen und vermißt Gebliebenen ge­bracht. Außer den Gefallenen wurden in der deut­schen Wehrmacht 5 686 937 Mann, darunter 100 000 Offiziere, verwundet. Durch mehrfache Heilbehand­lung verwundeter und kranker deutscher Krieger er­gibt sich die fast die gesamte Kriegsstärke der Wehr­macht erreichende Ziffer von 13 Millionen von Behandlungsfällen in Feld und Hei­mat. Bei allen am Großen Kriege beteiligten Mäch­ten wurden 19 Millionen Kämpfer ver­wundet. Davon find 3,5 Millionen invalide geblieben. In diesen gewaltigen Zahlen widerspie­gelt sich die Größe des Heldentums aller derjenigen, die für die Landesverteidigung eingetreten sind und dafür gelitten haben. Diese Zahlen' lassen aber über den furchtbaren Ernst des Krieges keinen Zweifel.

Aus den Reihen der deutschen Wehrmacht des Weltkrieges sind (rund) 19 v H., also ein Fünftel der Offiziere (darunter 24 v H., ein Viertel des aktiven Bestandes) und (rund) 14 v. H der Unter­führer und der Mannschaften gefallen Auf je 35 Einwohner Deutschlands ist demnach em Frontsol­dat gestorben. Das lehrt die Wahrheit des auch heute und in Zukunft geltenden alten Soldaten­wortes, daß nicht jede Kugel trifft. Es rechtfertigt Zuversicht für jeden einzelnen. Auf der anderen Seite aber bleiben die Blutopfer, die der Krieg ver­langt, schwer genug.

Für den Dienst an den Opfern des Krieges ist der Arzt im Waffenrock bestimmt. Er soll die vom Feinde wund geschlagene Wehrkraft wie­derherstellen, helfen und heilen Dieser Dienst heischt Männer und Soldaten Er ist Pflege zur Er­haltung des Lebens und der Kraft. Der Arzt im Waffenrock, der Sanitätsoffizier mit seinen Gehilfen, gehört in die Mitte der Wehrmacht. Es ist dabei gleich, ob sich feine Dienststelle beim Heere, bei der Luftwaffe oder auf einem Panzer­schiff befindet. Wie dem Soldaten mit der Waffe, stellt der Krieg dem Sanitätsoffizier die größten und schwersten Aufgaben. Er ist die Probe auf fein Können im Ernstfall. Zum Erwerb der Befähigung dazu und zur Vorbereitung des Heilfürsorgedien­stes im Kriege dient die Arbeit im Frieden.

Ein schwerer Irrtum wäre aber die Ansicht, ba­nnt sei die Arbeit des Sanitätspersonals bet der Wehrmacht erschöpft Der Sanitätsoffizier ist viel­mehr einer der ersten Führer aus den Reihen der Wehrmacht, der dem jungen Dienstpflichtigen vor Augen kommt, wenn er sich zur Musterung stellt. Er ist der Mann, der den Anwärter auf die körperliche und allgemeine geistige Tauglichkeit zum Wehrdienst untersucht. Die Feststellung der Taug- lickkeit aller Angehörigen der Wehrmacht, ein­schließlich der Offiziere, die dauernde Ueber- wachung der Gesundheit bei den Führern und der Mannschaft, die Anleitung und Dienstauf­sicht bei der Innehaltung aller für die dauernde Gesundheitspflege erforderlichen Maßnahmen ein­schließlich der Nahrungsmittel- und Speisezuberei­tungsaufsicht, und die Heilfürsorge bei Dienstun- fällen und Erkrankungen sind dte hauptsächlichsten Aufgaben des Sanitätspersonals der Wehrmacht im Frieden. Wie bei allen sonstigen Soldaten gehört eine dauernde sachliche Fortbildung und Uebung dazu

E^nst waren die Kriege gefürchtet auch wegen der regelmäßigen Begleitung durch Seuchen. Sie haben oft Verluste erzeugt, die denjenigen der Ge­fechte nicht nachstanden. Einst wurde ein beträcht­licher Teil der Mannschaft während langer Dienst­zeit früh invalide; zur Zeit Napoleons lägen Zehn­tausende verwundeter und sterbender Krieger fast hilflos auf der Walstatt. Heute gehören derartige Dinge der Vergangenheit an Etwa in die Mitte

des 18. Jahrhunderts, ins Zeitalter Friedrichs des Großen, fällt die nun regelmäßig und ausgebreitet werdende Zuordnung von Aerzten zur Truppe; wer erinnert sich nicht daran, daß kein Geringerer als Friedrich Schiller alsChirurgus", wie der frühere Titel hieß, oder wie man heute sagen würde, als Unterarzt beim Regiment Dienst ge­tan hat?

Einst haben Alkohol und ein aufs Gesicht ge­drückter Esiigfchwamm als Behelfsmittel zur Be­täubung während kriegsmäßiger Amputationen die­nen müssen; heute ist eine Fülle von lindernden Betäubungsmitteln vorhanden. Aus dem Anblicke des namenlosen Elends auf den Schlachtfeldern des 18. Jahrhunderts ist die Einrichtung des Sanitäts­personals beim Heere und dann bei der gesamten Wehrmacht hervorgegangen. Das ist nicht nur zu einer menschlichen Wohltat für Millionen von Kämpfern geworden, sondern hat in steigendem Maße dazu geführt, daß nunmehr Hunderttausende, die früher dem sicheren Tode preisgegeben waren, erhalten bleiben und dem Heere nach der Wiederherstellung großenteils wieder eingereiht werden können.

Es läßt sich für das 20. Jahrhundert der Satz auffteUen, daß eine Truppe ohne Arzt und Hilfs­personal nicht einsatzfähig ist. Sie Wirkung der Waffen kann kein Arzt hindern; danach zu heilen und vorher dafür zu sorgen, daß eine gesund er­haltene Truppe ihre Waffen zur Wirkuna bringt, ist seine Aufgabe. Die Truppe und der Arzt ge­hören zusammen; dieser ist der treue Gefährte jener, bis mitten aufs Schlachtfeld, wo er alle Not und Gefahr mit ihr teilt. Er ist ihr Freund, der ihr hilft, wo immer Menschen helfen können. Die Leistung der deutschen Aerzte im Weltkrieg ist ein Ruhmesblatt, das kein Soldat vergessen kann.

Die Achtung, die dem Arzt entgegengebracht wird, ist verknüpft mit seinem Können. Dieses ist eine Frage der Ausbildung. Von den bescheidensten Anfängen im 18. Jahrhundert war es ein weiter Weg bis zur Gegenwart. Dabei hat die Truppe den Arzt schätzen gelernt. Eine böse Krittk an der angeblich mangelhaften Vorbildung der Truppen­ärzte hat das bald verbreitete Wort von demAll­heilmittel Aspirin" hingeworfen; dabei wurde die ernste Berufsarbeit der Aerzte im Waffenrock feit einem Jahrhundert geringgefchätzt und leichtfertig übersehen, welches hohe Ausmaß an Können, Wissen und Bildung die deutschen Truppenärzte im Weltkrieg ausgewiesen haben. Es wurde von keinem Fremdstaat übertroffen. Die Erhaltung der Millio­nenzahl von Kämpfern, die unser Volk an die Front geschickt hat, ist den deutschen Aerzten in der Wehr­macht für immer zu danken. Der Frontkämpfer des großen Krieges weiß, in welch tiefer innerer Be­deutung des Wortes der Arzt im Waffenrock Kamerad und Helfer gewesen ist.

Der Arzt ist ein Angehöriger der Wehrmacht mit dem Range der Offiziere, vom Fähnrich an bis zum General; feine Abzeichen sind diejenigen der Offi­ziere. Zur Unterscheidung trägt der Sanitätsoffizier blaue Besatzstreifen und eine blaue Unterlage unter seinem Achselstück. Es ist die Farbe, die bei der bunten Uniform der alten Armee bis zum Welt­kriege das Gattungskennzeichen der Sanitätsoffi­ziere gewesen ist. Die Abzeichen zur Unterscheidung der Dienstgrade vom Fähnrich im Sanitätskorps bis zum Generalstabsarzt find völlig diejenigen der übrigen Offiziere. An Stelle der sonst vorhandenen Nummer oder des Namenszuges des Truppenteils führen die Sanitätsoffiziere das allgemeine Arzt­abzeichen, den Aeskulapstab mit der Schlange, das Sinnbild der Heilkunft, auf dem Schulterstück.

Bei der Truppe find die Aerzte den militärischen Befehlshabern (Kommandeuren) zugeteilt; sie ge­hören zu ihren Stäben und find ihre fachlichen Be­rater und Gehilfen, ähnlich wie die Generalstabs­offiziere dies für die Truppenführung sind. Als Führer geschloffener Sanitätsverbände (Sanitäts­kompanien, Sanitätslager und Lazarette) besitzen die leitenden Sanitätsoffiziere volle Befehlsgewalt, wie jede andere Gattung des Offiziers nach Dienst­grad und Bereich. Bekannt ist dieRote-Kreuz- Flagge" als das Kennzeichen des Gefundheits- und

Heildienstes auch im Frieden. Im Krieg gilt das Rote Kreuz als ein Schutzzeichen für Verwundete und ihr Pflegepersonal; alle Personen des Sani­tätsdienstes tragen im Kriegsfälle am linken Ober­arm die weiße Binde mit dem Roten Kreuz. Ihnen iftJiie Beteiligung am Kampf völkerrechtlich unter­sagt; dafür sollen sie völkerrechtlichen Schutz gegen den Angriff genießen. Im Kriegsfälle wird die Rote-Kreuz-Flagge deutlich und weityin sichtbar ge­zeigt; sie ist von der Tarnung ausgenommen, die sonst zum beherrschenden Gesetz des neuzeitlichen Krieges geworden ist. Die Verwundeten und ihr Pflegepersonal gelten als aus der kämpfenden Front ausgeschieden. Die Waffen, die das Sanitätsperso­nal trägt, sind ausschließlich zur Selbstverteidigung bestimmt.

Wer Sanitätsoffizier werden will, muß selbstver­ständlich im vollen Umfange tauglich zum aktiven Wehrdienst sein; vordem Gintritt in die fachliche Laufbahn erfolgt eine grundlegende allgemeine Ausbildung, ähnlich wie sie

jeder andere Soldat erfährt, b e t der Truppe. Wer im einfachen Mannschaftsdienst nicht genügt, ist für die Laufbahn eines Sanitätsoffiziers unge­eignet. Eine erste Bewährungsprobe im Frontdienst geht voraus. Sie ist deswegen unerläßlich, weil der Sanitätsoffizier nicht nur befähigt fein muß, den Truppendienst fachkundig zu beurteilen, sondern weil er ihn, jis in hohe Dienstgrade hinauf, durch Tag und Nacht, Märsche, Lager, Quartier, Uebung und Gefecht begleiten muß. Der Sanitätsoffizier ge­hört so eng zur Truppe wie jeder andere Führer. Das Hochschul st udium schließt sich an die all­gemeine Ausbildung an; wenn es vorausgegangen ist, entscheidet die Bewährung bei der Truppe über die Zulassung zur Laufbahn. Der Abschluß der fach­lichen Ausbildung, die entweder an einer beliebigen deutschen Universität oder an der Militärärztlichen Akademie und bei der Truppe erfolgt, mit einem guten Zeugnisse ist eine Voraussetzung für den Ein­tritt in die ebenso schöne und dankbare wie ver­antwortungsvolle Laufbahn.

SlaMerien und Flakscheinwerfer.

Von Wolfgang pickeri, Major im Michslustfahriministerium.

Die nachstehenden Ausführungen sind der SchriftUnsere Flakarttllerie" entnommen. (E. S. Mittler und Sohn, Berlin.)

Wenn auch die Flakarttllerie des Weltkrieges auf der Anfangsstufe ihrer Entwicklung stand, wenn sie auch besonders 1914 bis 1916 erst geringe Wir­kung hatte, so wurde doch von Offizier und Mann mit glühendem Eifer unermüdlich an der Verbesse­rung dieser Waffe zur Bekämpfung des neu ent­standenen Luftgegners gearbeitet. Abgesehen von den 1588 im Weltkrieg durch deutsche Flakartillerie tatsächlich und amtlich bestätigt abgeschossenen Flugzeugen muß man vor allem die zahllosen Fälle erwähnen, in denen durch gutliegendes Flak­feuer der Gegner an der Ausführung feines Auf­trages Bombenwurf, Aufklärung, Lichtbildaus- nahmen, Artillerieeinschießen wirksam b e ° hindert wurde. Diese Fälle lassen sich zahlen­mäßig genau so wenig erfassen, wie die Gesechts- handlungen auf der Erde, bei denen Maschinen­gewehr- oder Arttlleriefeuer den Gegner am An­griff, in der Artillerietätigkeit, im Nachschub usw. störte oder seinen Auftrag unmöglich machte.

Mit Kriegsende wurde durch Feinddiktat die deutsche Flakarttllerie fast vernichtet. Sie verschwand aus dem kleinen Reichsheer, abgesehen von den paar ortsfesten Geschützen der Festung Königsberg. Nur die Reichsmarine durfte dank einer gnädigen Sieger­laune die Flakarttllerie weiterführen. Aber trotz dieser fast ttostlosen Lage arbeiteten die deutschen Hirne weiter an der Entwicklung des schwierigen Problems der artilleristischen Flugzeugbekämpfung. Diese Arbeit der Köpfe konnte ja kein Feind ver­wehren. So entstanden gegenüber der Flakarttllerie des Weltkrieges die entscheidenden Fortschritte: Geschütze mit großer Anfangsgeschwindigkeit, Reichweite und Beweglichkeit, Meßgeräte mit einer gegenüber dem Kriege hochstehenden Leistungs­fähigkeit, verbesserte Kommandogeräte ver­schiedener Art zur Ermittlung der Schußwerte und damit weitgehender Steigerung der Wirkung, schließlich noch wesentliche Verbesserungen an der Munition, dem Scheinwerfergerät und vor allem auch in den leichten, schnell schießenden Flakwaffen kleinen Kalibers.

So ist in den 18 Jahren nach Kriegsende ein Kriegsinstrument gewachsen, das trotzdem mit der ungeheuren Entwicklung des Flugwesens im glei­chen Zeitabschnitt nicht nur Schritt gehalten hat, sondern dem angreifenden Flugzeug ein Abwehr­mittel wirkungsvollster Art entgegenstellt. Der Wettlauf zwischen Angriffsmittel und Abwehr, der schon durch die Jahrhunderte zu verfolgen ist, zeigt sich auch hier wieder in bemerkenswerter Form. Der Ernstfall nur kann zeigen, welches Mittel das wirksamere ist. Vermutungen ober Voraussagen in dieser Richtung sind zu vermeiden. Für beide Teile

Im Münchner Armeemuseum wurde diese Kanone ausgestellt, die als Vorläufer der heutigen Flugzeug-Abwehrkanonen anzusehen ist. Zu Beginn des Krieges fertigten unsere Soldaten im Schützen­graben selbst diese Kanone an, um damit feindliche Fliegerangriffe abzuwehren. Das Rohr ist zwischen den Riesenrädern frei aufgehängt, während eine Kiste mit Steinen und Eisenteilen das Gleichgewicht hält. Trotz feines Aussehens hat das Geschütz brav seinen Dienst getan, bis den Soldaten entsprechende Ge­schütze geliefert wurden. (Scherl-Bilderdienst-M.)

aber, Flakartillerie wie Flieger, ist gegenseitige Beobachtung ihrer Kampfweise, ihrer Fortschritte notwendig, um nüchtern die Lage zu beurteilen. Ein Fehler ist es jedenfalls, den Gegner zu unter­schätzen, also etwa den Maßstab von 1918 bei der Beurteilung der Flakartillerie oder der Flieger anzulegen.

Die Arbeit der Flakscheinwerfer beruht in erster Linie auf einwandfreiem Horchen. An die Ausbildung der Horcher müssen daher ähnliche Forderungen gestellt werden wie an Entfernungs­meßleute. Die Bedeutung der Horcher steigert sich noch aus der Erkenntnis heraus, daß voraussicht­lich nächtliche Luftangriffe in einem künftigen

Antwort geht die rote Rakete in die Nacht,Das Ziel erreicht" .... Langsam treibt die Rakete den

Besichtigungssieber schadet auch nichts. Es ist ein harmloser Vorgeschmack des Kanonenfiebers und

Smrmnacht an Der Westfront.

An den ausgebrannten Ruinen der Chambrettes Ferme schiebt sich niedrig die dunkelrote Riesen­scheibe des Vollmondes vorbei. Langsam wächst die Nacht aus der Niederung heraus, während Rauch und Nebel einen Gespenfterreigen tanzen Auf der unter Feuer liegenden Straße von Ornes marschie­ren m langen Reihen Sturmtruppen und harren im Schutze der Dunkelheit, lieber sie hinweg schleu­dern schwere Batterien ihre Geschosse am Himmel entlang und weiter immer weiter rollt das Feuer, übertobt vom riesenhaften Brüllen der Ferngeschütze. Weißglühend fährt der heulende Tod am Himmel dahin, gleichsam als streife er die Sterne und reiße ganze Stücke von ihnen ab. Aus tiefen Unter­ständen züngeln Feuerzungen: Feldhaubitzen, Ka­nonen und Mörser bellen in die Nacht hinaus. Dicht über den Erdboden hinweg fegen hellauf- jaulend Flachbahngeschosse und veranlassen den Kopf unwillkürlich etwas tiefer zu ducken. Don der anderen Seite sendet der Feind den gleichen Tod. Ringsum brechen Glutkrater aus der Erde hervor und aus lodernden Flammen fingen wie rotierende M.-sser, haarscharf und eisern Sprengstücke durch die Nacht. Aus der Luft aber schütten Schrapnells ihren Inhalt klirrend über die Straße. Unaufhörlich steigen an der ganzen Front von Süden nach Nor­den Leuchtkugeln auf. Rote, grüne, wie es die Ge­fechtslage erfordert. Raketenfignale zischen durch die Nacht und zerplatzen in grüne, rote und orange Sterne, wie Blendfeuerwerk zur Sommersonnen­wende. Aufmerksam und sorgfältig werden diese Signale von besonderen Beobachtern aufgefangen und sofort zu den Stäben nach hinten weitergelei­tet. Ueberaü in der Nähe wichtiger Punkte und Straßen stehen diese Lichtsignalposten Vom Him­mel durchzogen vom bleichen Band der Milchstraße bringt das Surren der Bombenflugzeuge. Heber ihnen aber noch stehen die feurigen Glutbälle der berstenden Schrapnells und streuen ihren prasseln­den Eisenregen gegen die^ächtlichen Flieger

Noch liegen die Sturnitruppen m Deckung, star­ren hinaus in das vor ihnen liegende Gelände, in dem die Vernichtung Orgien feiert, ruhig des Zeit­

punktes harrend an dem sie die schützende Deckung zu verlassen haben. Da werden Minuten zu Stun­den, Stunden zu Tagen. Unter dem stählernen Helm im kreisenden Rhythmus der Gedanken, ballt sich zusammen der Wille zur Tat, zur Pflicht, zum Drange nach vorwärts. Geradeaus zu marschieren in den Orkan von Feuer, Eisen und Gas. Los- getrennt einer vom anderen, abgerissen vom Füh­rer, jeder auf sich selbst gestellt, verschlungen vom Dunkel der Nacht. Eisern umschlingt den Sturm­soldaten das Band der Gemeinschaft und läßt selbst den Gedanken an ein einsames Sterben in den Schlammtrichtern keine Macht über ihn gewinnen. Mit dem Sturmgepäck des guten Gewissens äußer­ster Pflichterfüllung stürmt er nach vorne ober liegt in einem ber granatgeschaufelten Kratern in Er­wartung des feindlichen Gegenstoßes.

Unaufhörlich trommelt noch die Front, geht bas Walzwerk über zermürbte Gräben, ..... um plötz­

lich zu verstummen.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen. Heraus stürzen die Kämpfer, vorwärts geht es, vorbei an schan­zenden Kompanien, durch sinkende Gräben, zwischen Hindernissen und Verhauen, hinein in dieses be­täubende Brüllen, Johlen, Heulen, Klirren, Schreien, hindurch zwischen spritzenden Erdbrunnen und haus­hohen Rauchfontänen, weiter, immer weiter, hinter dem sich unaufhörlich oorschiebenden Feuerriegel unserer Artillerie, hindurch durch die feindlichen Stellungen Der Himmel ist in Blutröte getaucht, da schleudern Flammenwerfer den Tod des Grau­sens, das Feuer der Hölle. Mit zischenden Flam­menruten peitscht es in die feindlichen Unterstände hinein, alles Leben vernichtend. Minen zerspringen und wie Geiser im Feuerwerk zerspritzt der weiße Luftschaum ätzender Gasgranaten und überschwemmt das Gelände. Im Mondlicht sieht man das Gift wallend über die Erde schleichen und die Trichter füllen. Die Kompanien reißen die Gasmasken vor das Gesicht und verschwinden im Dunst der teuf­lischen Wolke.

Erreicht ist das Angriffsziel und sofort werden die gewonnenen Punkte zur Verteidigung hergerich­tet. Kalk und Stein zerspritzt unter der Spitzhacke und in beispielloser Arbeit schanzen Pioniere in Gift und Feuer. Von hinten steigen farbige Leucht­kugeln hoch, --Wie weit seid ihr?" Als

Mond bleich hinter der Chambrettes-Ferme, bleibt noch ein Weilchen in den Ruinen und Baumskelet­ten hängen und taucht dann in einer aufkommen­den Wolkenwand unter. Durch die dürren Aeste aber der zerschossenen Bäume klingt dumpf und leise die dunkle Weise vom Tod.

Otto Müller.

Besichtigung.

KWK. Ein altes Soldatenwort will wissen: Was nicht besichtigt wird, wird nicht geübt." Dem ist natürlich nicht so, denn es wäre tran ig, wenn es wahr wäre, wenn soldatisches Streben sich nur unter den Augen der Vor­gesetzten entfalten würde. Aber ein Körnchen Wahr­heit liegt doch in dem Satz. Der Major brütet über den Aufgaben, die er zu stellen hat, der Hauptmann sorgt, ob die Griffe klappen, der Leutnant quält sich mit den Remonten ab, der Oberfeldwebel rechnet an der Stärkenachweisung herum, der Unteroffizier hämmert seiner Korporalschaft immer wieder die Namen der Vorgesetzten ein, und der Rekrut wie­nert Koppel und Stiefel, bis er sich in ihnen spie­geln kann. Die ganze Bevölkerung der Stadt nimmt an ihrer Aufregung teil. Jung und alt liegt aus den Fenstern der Nachbarhäuser und folgt den Vor­gängen auf dem Kasernenhof oder pilgert hinaus zum Exerzierplatz, um vom Kletterwall herab die Geländebesichtigung zu erleben. Die Mütter, die Bräute drücken in aller Arbeitshast den Daumen. Alles atmet erleichtert auf, wenn am Spätnachmit­tag der Fritz oder Werner aus der Kaserne kommt und leichthin berichtet:Es war nur halb so schlimm. Unsere Kompanie war natürlich die beste."

Besichtigungen müssen sein. Sie sind ja die einzige Gelegenheit, bei der die hohen und höchsten Vorgesetzten die Truppe kennenlernen, bei der die Truppe Vertrauen zu den Vorgesetzten gewin­nen kann. Sie verlieren auch nichts von ihrem Ernst, ihrem Gewicht, wenn der Vorgesetzte sie tarnt", wenn er erklärt, daß er nicht besichtigen, sondern nur dem Dienst beiwohnen will. Ein wenig

nur, wenn der Besichtigungseifer dazu führt, aus der Besichtigung einen Film zu machen, bei dem der Vorgesetzte in einem verabredeten Frage- und Ant- Wortspiel durch vorher mehrmals geübte Aufgaben über das wahre Können der Truppen getäuscht wird. Noch schlimmer ist es, wenn der Vorgesetzte sich tat­sächlich dadurch hinter das Licht führen läßt. Aber er wird schon in der Regel stutzig werden, wenn die Besichtigung allzu glatt verläuft. Er weiß, junge Soldaten machen Fehler, und lernen durch nichts mehr und besser als durch die Fehler, die sie machen. Er knüpft bei seinen Besprechungen gern an diese Fehler an, macht dabei niemand einen Vorwurf aus ihnen, wenn er nur guten Willen und keimen­des Verständnis sieht. Er wird nur ungemütlich und sacksiedegrob, wenn er auf Faulheit und Nachlässig- feit stößt. Er lobt lieber. Aber er ist auch vorsichtig in seinem Lob, auf daß die Truppe nicht übermütig werde und sich auf ihren Lorbeeren ausruhe.

Er bemüht sich, in wenigen Stunden ein klares Urteil über den Stand der Ausbildung zu gewinnen und unzweideutig zum Ausdruck zu bringen. Er hält klug die Mitte zwischen dem Römerwort: , Um Kleinigkeiten soll sich der Feldherr nicht kümmern!" und dem Ausspruch des großen Königs:Vernach- läsfigt mir nicht die Einzelheiten!" Er durchkreuzt das Besichtigungsprogramm nur dann, wenn er merkt, daß es allzusehr ins Friedensmäßige ab- gleitet. Er sucht der Truppe etwas aus dem Schatze seiner Kriegserfahrung mit auf den Weg zu geben, ben er will, daß der Besichtigungstag kein verlore­ner Tag in der so kurz bemessenen Ausbildungs- zeit ist, daß im Gegenteil an ihm viel, besonders viel von Vorgesetzten und Untergebenen gelernt wird. Er ist nur zufrieden, wenn die Truppe ihn mit Bedauern wieder in feinen Kraftwagen steigen sieht. Und die Truppe? Der Kommißhengst er ift glücklicherweise im Nachkriegsheer immer seltener geworden denkt voll Sorge an die nächste Be­sichtigung, die große Masse wirft aber alle schweren Gedanken hinter sich und freut sich auf das Bier, das der Hauptmann zum Lohne für die gute Be- sichtigung auflegen wird. By.