UM Drittes Blatt
Aus Oer Provinzialhauptstadt.
Oreikönigstag.
Die Heiligen Drei Könige mit ihrem Stern, Sie essen gern und trinken gern, Sie essen und trinken und zahlen nicht gern.
So und ähnlich singen die Buben in den bayerischen und tirolischen Dörfern, wenn sie als „Sternsinger" in der Rolle der drei Weisen aus dem Morgenlande mit goldenen Papierkronen und m langen Mänteln von Haus zu Haus ziehen und Gebäck und kleine Geschenke „für das neugeborene Christkind" heischen. Mit dem Dreikönigstag finden die Rauhnächte ihren Abschluß, die geheimnisvolle, gelsterdurchraunte Zeit „zwischen den Jahren", in denen es nicht ganz geheuer ist, in denen das Feuer nicht ausgehen darf und das Brot nachts auf dem Tisch liegen bleiben muß, wo Bäuerin und Mägde ängstlich darauf bedacht sind, daß in Haus und Hof alles sauber und ordentlich ist, weil die „Perchtn" als gestrenge Hüterin umgeht und die Säumigen straft. Der Dreikönigsabend bringt das Ende dieser Nächte und in einem letzten hellen Aufleuchten das Ende der ganzen Weihnachtsfestzeit, die mit dem Advent begann. Die ganze Innigkeit und der ganze Zauber von Weihnachten verdichtet sich noch einmal in dem Brauchtum dieses Abends, der m manchen Gegenden geradezu der „Dritte Heilige Abend" heißt. Die frischen Buben- geßchter leuchten unter der Verkleidung, das rußgeschwärzte des Mohrenkönigs am allermeisten, die hellen Stimmen der ganzen mitziehenden Kinderschar jubeln, an allen Haustüren tauchen die mit Kreide gemalten Buchstaben C. u. M. u. B. auf, Caspar und Melchior und Balthasar.
Der kindliche Umzug ist ein letzter Ueberrest aus den mittelalterlichen weihnachtlichen Mysterienspielen, in denen die Gestalten der Magier aus dem Morgenland eine bedeutende Rolle spielten. Mit ihrem Auftauchen nimmt das weihnachtliche Geschehen gewissermaßen Besitz von der Welt, der Stern, der über dem Stalle von Bethlehem aufgegangen ist, hot seinen Schein über den weiten Erdkreis geworfen, und die Welt hat, verkörpert in den Heiligen Drei Königen oder den Drei Weisen, ihre Antwort darauf gegeben. Das Verborgene und Eingeschlossene der Weihe-Nacht, das nur Hirten und Engeln kund war, hat sich nun ganz entfaltet und im weltweiten Raum erfüllt.
So ist der Dreikönigstag zeitlich und sinngemäß ein Abschluß, und es liegt über ihm bei aller Freude etwas von der Wehmut des Abschieds. Ueberall verschwinden an oder nach diesem Tage die Christbäume, die bunten Glaskugeln und der übrige Schmuck, vor allem die geliebten Krippenfiguren werden sorgsam wieder eingepackt und weg- geschlossen — bis zum nächsten Jahr. Das scheint noch in unendlich weiter Ferne zu liegen, und doch mischt sich auch in diese Abschiedswehmut wieder ein heller Schein von Hoffnung. Denn nun sind ja alle die längsten und dunkelsten Nächte, die kürzesten Tage des Jahres vorüber, das Licht nimmt wieder zu, noch zwei Wochen, dann ist der Tag da, an dem nach altem Volksglauben es in der Natur wieder anfängt sich zu regen, denn „St. Sebastian läßt den Saft zu Holze gähn".
Das Gefühl, daß mit dem Dreikönigstag ein Neues beginnt, fand auch darin seinen Ausdruck, daß manche früheren Zeiten mit diesem Tag das Jahr beginnen ließen, wovon sich eine Erinnerung in manchen alten Orakelbräuchen erhalten hat.
C. K.
Dornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Stadttheater: 19.30 bis 21.45 Uhr „Gyges und fein Ring." — Gloria-Palast, Seltersweg: „Das Hofkonzert." — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Jugendsünde."
Sladllhealer Gießen.
Heute abend findet die Erstaufführung von „Gyges und sein Ring", Trauerspiel von Friedrich Hebbel, statt. Die Spielleitung führt Wolfgang
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch, tt.Zanuar 1937
Gemeinnütziger Neubau am Oswaldsgarten.
In den letzten Monaten des vergangenen Jahres entstand am Oswalds- garten, unmittelbar unterhalb des Bahndammes am Wernerwall, ein eingeschossiges, langgestrecktes Haus, das in ver- nützigen Zwecken dienen soll und im Laufe der nächsten Woche seiner Bestimmung übergeben werden kann. Das Haus, das in seiner Gesamtgestaltung einen freundlichen Eindruck macht und durch einen originell gemauerten Säulenumgang reizvolle Gestaltung erfahren hat, soll in erster Linie den häßlichen Wellblech- und Gußeisen-Pa- villon an der Ecke gegenüber der Gastwirtschaft Dippel ersetzen. Gleichzeitig wurde in dem Haus ein besonderer Raum geschaffen, von dem aus Erfrischungen verkauft werden können.Zwei große Auslage- und Verkaufsfenster stehen dafür zur Verfügung. Selbstverständlich ist dieser Raum von den übrigen Räumen des Hauses durch Mauerwerk streng getrennt. Mit dieser zusätzlichen Einrichtung soll auch die Möglichkeit gegeben sein, das einzeln und so unvermittelt auf Oswaldsgarten stehendeErfrischungshäus- chen abzulösen.
Unter dem Säulenumgang des Neubaues, der Seite des großen Platzes zugewandt, wurde eine
Das Alte fällt. — (Aufnahmen [2]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
■ M
Die neuen gemeinnützigen Anlagen auf Oswaldsgarten.
lange Bank geschaffen, die bei schlechtem Wetter den Fahrgästen der Postomnibusse als Warteplatz dienen kann. Von diesem Unterstandsplatz bis zur Omnibushaltestelle sind ja kaum 30 Meter zu gehen.
Eine reizvolle Bereicherung hat die Neuanlage durch einen etwa sechs Meter hohen Turm erfahren, der eine Uhr trägt, die während der Dunkelheit beleuchtet wird. Die Uhr an dieser Stelle wird sicherlich allgemein begrüßt werden.
Diese gemeinnützige Anlage — in Hellen Klinkern ausgeführt — stellt eine erfreuliche Verschönerung des Stadtbildes an dieser Stelle dar, um so mehr, als sie links und rechts sehr bald von glatten, fteingefaßten Rasenflächen begrenzt sein wird. Der Pavillon Wellblech und das Derkaufshäuschen werden unmittelbar nach der endgültigen Fertigstellung des Hauses entfernt werden.
Kühne. Es wirken mit Heinz Rosenthal (Gyges); Emmy Güngerich, als Gast (Rhodope); Anton Neuhaus (Kandaules); Maria Gerhardt (Hero); Hansi Prinz (Lesbia); Gert Geiger (Thoas); Fritz Walter (Kama). Die Bühnenbilder schuf Karl Löffler. Die Kostüme wurden in eigener Werkstatt unter der Leitung von Willi Endrich angefertigt. Die Vorstellung findet als 15. Vorstellung der Mittwoch- Miete statt. Anfang 19.30 Uhr, Ende 21.45 Uhr.
Der Dterfe (Sintopfioimfaa
NSG. Es erübrigt sich, um die Bedeutung des deutschen Eintopfsonntags viel Worte zu machen. Heute weiß es jeder, daß diese Einrichtung den sozialen Willen und die soziale Tat des neuen Reiches offenbart. Mag fein, daß der eine ober der andere, der unbelehrbar ist (das härtere Wort fei verschwiegen), allerlei Redensarten macht, wenn er an diesem Tage wiederum opfern soll. Die Tatsache bleibt bestehen, daß der Eintopfsonntag die schönste Einrichtung der größten Friedenstat der Welt ist.
Am nächsten Sonntag appelliert das Winterhilfswerk wiederum an den guten Willen und den gefunden Menschenverstand aller Deutschen. Wer sich vom Opfer des Eintopfsonntags ohne triftigen Grund ausschließt, verdient die Opfer nicht, die andere für das Glück Deutschlands gebracht haben. Zwar haben die oorausgegangenen Feiertage manchen Geldbeutel erheblich in Mitleidenschaft gezogen, ber wo ein guter Wille ist, da ist auch ein guter Weg. Das Opfer des Eintopffonntags wird für Deutschlands Zukunft gebracht. Wer Sinn für Verantwortung hat, reicht feine Gabe freudigen Herzens, wenn die nimmermüden Sammler des WHW. ihn aufsuchen. Nationaler Anstand verpflichtet! Worte sind nichts. Die Tat des Opferns entscheidet!
Die Eintopfgerichte
der Gaststätten am 10. Januar.
DNB. Der Leiter der Wirtschaftsgruppe Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe teilt seinen
Mitgliedern mit, daß für den vierten Eintopfsonntag am 10. Januar folgende vier Eintopfgerichte für die Gaststätten vorgeschrieben sind:
1. Weiße Bohnensuppe mit Wurst- oder Fleisch- ejnlage.
2. Eintopf von Sauerkraut mit Schweinefleisch.
3. Fisch-Eintopfgericht nach eigener Wahl.
4. Vegetarischer Gemüsetopf.
Die Festlegung dieser Eintopfgerichte gilt nur für Gaststätten.
Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.
Vetr.: Tätigkeitsbericht der Stellenleiter.
JDie Leiter der Stellen O, G, WS, KS, R, Pr, (9a, K haben bis spätestens 6. Januar 1937, 18 Uhr, ihren Tätigkeitsbericht an die Adjutantur des Bannes 116 abzuliefern. Der Termin ist genauestens einzuhalten.
Velr.: Lehrgang 1 der Vannführerschule.
Die zur Einberufung notwendigen Papiere sind bereits durch die Personalstelle des Bannes zum Versand gekommen. Die Meldung der Teilnehmer hat bis spätestens 10. Januar 1937 an die Personalstelle zu erfolgen.
Velr.: HJ.-Lhren;eichen.
Die Ehrenzeichen der Jgg.: Karl Weber, Karl Heinrich, Walter Schmidt, Rudolf Keil, Karl Opper, Richard Müller, Richard Böcher, Wilhelm Keil, Ewald Neidel sind eingetroffen und können ab 5. Januar 1936 auf der Personalstelle des Bannes in Empfang genommen werden.
Vetr.: Wochenendschulungen des Vannes 116.
1. Wochenendschulung des Unterbannes 11/116. An der Wochenendschulung des Unterbannes 11/116 haben alle Führer (vorn Kameradschaftsführer aufwärts) der Gefolgschaften 6, 7, 8, 9 und 10'116 teilzunehmen. Die Wochenendschulung beginnt am 9. Januar, 20.15 Uhr, und dauert bis 10. Januar, 16 Uhr. Die Teilnehmer müssen am 9. Januar um 20 Uhr in Londorf eingetroffen fein. Sportzeug ist mitzubringen.
2. Wochenendschulung der Gefolgschaften 5, 13, 14 und 15/116. Zu dieser Wochenendschulung haben alle Führer (vom Kameradschaftsführer aufwärts) der obengenannten Gefolgschaften anzutreten. Die Wochenendschulung beginnt am 9. Januar, 20.15 Uhr, und dauert bis 10. Januar, 16 Uhr. Die Teilnehmer müssen am 9. Januar um 20 Uhr am HJ-- Heim in Watzenborn-Steinberg angetreten sein.
Vetr.: Führerbesprechung.
Am kommenden Donnerstag, 7. Januar, findet auf der Banndienststelle eine Führerbesprechung aller Unterbann- und Gefolgschaftsführer, Führer der Sondereinheiten, sowie des gesamten Bann- ftabes (Stellenleiter und Mitarbeiter) statt. Beginn: 20.15 Uhr pünktlich. Angetreten wird in Winteruniform.
Der Pfälzer Maler Otto Dill.
Nächste Ausstellung im Oberhessischen Kunstverein.
Der Kunstverein bringt in seiner nächsten Ausstellung eine Uebersicht über bas Schaffen des Pfälzer Malers Professor Otto Dill.
Otto Dill wurde 1884 in Neustadt an der Hardt (jetzt Neustadt an der Weinstraße) geboren. Mit 24 Jahren ging er auf die Akademie nach München und wurde dort Meisterschüler Heinrich von Zügels. In den Jahren 1912 bis 1914 hat er als Krönung seiner Leistungen verschiedene Medaillen und Stipendien erhalten. Seine künstlerische Entwicklung begann ursprünglich beim Malen von Küh- und Ochsengespannen der Heimat. Dann machte er Pferdestudien auf verschiedenen Rennplätzen des In- und Auslandes. Auf Reifen nach Tunis und Algier, überhaupt rings um das Mittelmeer, hat sich dann fein Blick für die Landschaft geweitet. Die Bewegungsprobleme der Tiere, die
Gute Möbel bei Koos
Giessen Schulstr.6
Robert Schumann undRichard Strauß als Symphoniker.
Ium bevorstehenden II. Orchester-Konzert des Gießener Konzertvereins.
Nachdem Robert Schumann nach schweren Kämpfen sein Glück in dem Bunde mit Klara Schumann gefunden hatte, regte sich fein Schaffensdrang mit drängender Kraft. Diese ersten sonnen- freudigen Jahre der Ehe geben seinem Schaffen eine Wendung zum Instrumentalen. Er kann jetzt mit bewußt geschultem Können dem Zug zur Symphonie hin Erfüllung geben.
In überaus kurzer Zeit entsteht so die Skizze zu der 6-clur-Symphonie (23. bis 26. Januar 1841); er selber schreibt darüber: „Ich habe in den vorigen Tagen eine Arbeit vollendet (wenigstens in den Umrissen), über die ich ganz selig gewesen, die mich aber auch ganz erschöpft. Denken Sie, eine ganze Symphonie... und obendrein eine Frühlingssymphonie... ich kann kaum selber glauben, daß sie fertig ist." Bereits am 20. Februar des Jahres liegt die Partitur fertig vor, und schon am 31. März 1841 findet sie in einem Konzert Klara Schumanns, das sie zum Besten des Orchester- Pensionsfonds in Leipzig gab, ihre Uraufführung, und der reiche Beifall bestätigte, daß sich Robert Schumann seinen Platz unter den Symphonikern gesichert hatte. f ..... _
Die direkte Anregung zu dieser „Fruhlmgs- fymphonie" soll ein Gedickt von A. Bottger gegeben haben. Schumann hatte sich auch mit dem Gedanken getragen, alle Sätze durch entsprechende Ueberschriften zu kennzeichnen: der erste Satz als „Frühlingserwachen", der letzte als ,,5rul)llt}95: abschied". Wenn auch die einzelnen Satze spater keine Sonderbezeichnungen bekommen haben, so kündet doch das ganze Werk von der neu erwachten Lebensfreude und verjüngten Kraft, die ihm der Ehefrühling gebracht hat. Und so wird diese Symphonie zum Bekenntnis überströmenden Lebenswillens. .,
Dieses völlige Erfülltsein des Innern gibt ihm die Möglichkeit, die Formen, die er beifemen symphonischen Vorbildern, Beethoven und Schubert, begeistert bewundert hatte, mit eigenem . 3U füllen und so über die Form hinaus zu persönlicher Aeußerung zu erheben.
Hörner und Trompeten eröffnen das Tor des Frühlings und das volle Orchester nimmt ihren Ruf auf, der sinnend weitergetragen wird und in feinem Aufwachfen hin in das stürmende allegro molto vivace führt. Sein Hauptthema ist aus dem
Fanfarenruf gebildet; in Gegensatz dazu stellt sich das zweite Thema. Das Aufsprießen, Aufjauchzen des Hauptgedankens beherrscht die Durchführung, nur leichte Wolken scheinen den lichten Frühlingshimmel trüben zu wollen; dunkle Erinnerungen haben aber hier keinen Platz; der Jubel der Coda, untermischt mit der Fülle des Gefühls, läßt diese Stimmung voll ausschwingen.
Das Larghetto gibt besinnlicher Beschaulichkeit Raum. Die' einmal angeschlagene Grundstimmung bewegt einheitlich den ganzen Satz, der eigentlich nicht zum Schluß geführt wird, sondern die Posaunen lassen bei seinem Abklingen schon das Grundmotiv des folgenden Scherzos erscheinen, das nun, obwohl in Moll erklingend, starken Impuls in sich trägt. Ihm stehen zwei Trios im Wechsel gegenüber; das erste im Zwei-Diertel-Takt, von eigenartigem Reiz der sich antwortenden Streicher- und Holzbläsergruppen, fast mit einer Wendung zum Phantastischen durch die eingeflochtenen Triolen; das zweite Trio im Drei-Viertel-Takt läßt fein Entwicklungsmotiv aus der Tonleiter entspringen. Ganz besonders aber die Coda verleiht dieser Satzgruppe eine eigentümliche Wendung.
Das Finale schließt den Ring der wechselnden Bilder, inhaltlich stellt es sich ganz in die Nähe des Kopfsatzes. Die nur wenige Takte umfassende Einleitung kündet durch die rhythmische Verschiebung (Synkope) schon das zweite Thema im voraus an; ja, es scheint, als habe Schumann diesem Motiv seine besondere Liebe verliehen; denn er gewährt ihm in der Durchführung den Hauptantett. Die Posaunen erscheinen hier als drohende, schicksalhafte Erinnerung, dann aber lösen sich die Klänge und eine anmutige zierliche Kadenz der Flöte führt zur Wiederkehr der Themen hin. Wenn auch die Posaunen noch einmal hier versuchen, dem Dahinstürmen Dämpfung aufzuerlegen, es gelingt ihnen nicht, voller Jubel klingt das Werk aus.
♦
Schon diese Schumann-Symphonie hat mit ihrer Entstehungsgeschichte erwiesen, daß ihr Werden nicht nur'rein musikalischen Triebkräften zu danken war sondern daß eine außermusikalische Anregung den 'letzten Anstoß gab. Die Entwicklung des symphonischen Schaffens im 19. Jahrhundert konnte weiterhin auch nicht auf die Schaffenserregung durch von außen her auf den Musiker einwirkende Ideen verzichten. Nur wenigen symphonischen Meistern dieses Zeitalters war es gegeben, aus rein musikalischen Antriebskräften ihr Werk erstehen zu lassen wie etwa Brahms. War in der grandiosen Entwicklung der Oper des 19. Jahrhunderts das Schaffenselement durch die Bühnenhandlung ohne
weiteres gegeben, so nahm auch der reine Symphoniker gern Eindrücke von außen her zur Befruchtung seiner Phantasie an. An der Spitze dieser Gruppe stand der Franzose Hector B e r l i o z, er legte seinen Symphonien ein Programm zu Grunde. Auf dem gleichen Wege schreitet Franz Liszt weiter in seinen symphonischen Dichtungen. Gegen Ende des Jahrhunderts gelangt Richard Strauß zur selben Erkenntnis. „Will man nun ein in Stimmung und konsequentem Aufbau einheitliches Kunstwerk schaffen, und soll dasselbe auf die Zuhörer plastisch einwirken, so muß das, was der Autor sagen wollte, auch plastisch vor seinem geistigen Auge geschwebt haben. Das ist nur möglich infolge der Befruchtung durch eine poetische Idee, mag dieselbe nun als Programm dem Werke beigefügt werden oder nicht." So Richard Strauß an Hans von Bülow, er kennzeichnet damit feine Einstellung aufs klarste.
Das Befolgen eines vorgesetzten Programms kann für den Musiker zur größten Gefahr werden, wenn er sich verleiten läßt, mit der Musik das nachahmen zu wollen, was nur der bildenden Kunst und dem Dichter Vorbehalten ist; er würde sich gegebenenfalls im Abschildern verlieren und der Musik nur illustrierenden Wert geben. Läßt er dagegen den geschauten Vorgang in der Wirkung seines Verlaufes auch das Gefühl erleben, so wird er den grundlegenden Gesetzen musikalischer organischer 'Durchgestaltung dabei nicht entgegen arbeiten, sondern den Hörern in der Darstellung des Gefühlsablaufes ein geschlossenes musikalisches Ganzes geben können. Entscheidend wird dabei immer die persönliche Veranlagung des betreffenden Musikers sein.
Der Tondichtung „Tod und Verklärung waren schon zwei Programmwerke vorausgegangen. „Don Juan" und „Macbeth", denen beiden ein durch lleberlieferung und Geschichte festgelegtes Geschehen zum Anhaltspunkte diente. Mochten sich darum in diesen beiden Werken mehr objektive Tatsachen abprägen, so strebt Richard Strauß in „Tod und Verklärung" mehr allgemein-menschlichen Empfindungen zu und läßt die Erschütterungen wach werden, denen sich keiner entziehen kann, der einmal an einem Sterbebette geweilt hat. Dieses Uebermaß an innerer Erregung, das ein jeder in solcher Lage erlebt, ließ dieses Werk werden So äußert sich hier tiefstes Empfinden, aus dem letzten Ich des Schaffenden heraus, und das mag der Grund dafür gewesen fein, daß „Tod und Verklärung" unter den symphonischen Werken von Richard Strauß das volkstümlichste geworden ist.
Die Geschlossenheit des Erlebnisaktes ließ hier einen organischen musikalischen Vorgang erstehen,
der einer programmlichen Erläuterung kaum bedurft hätte. Der Partitur dieses Werkes hat man aber eine Dichtung vorangestellt, die von einem Freunde des Komponisten, Alexander Ritter, stammt, und die erst nachträglich geschaffen wurde. Ja, für die Beurteilung dieser Tondichtung wäre sie fast zum Verhängnis geworden, da man an Hand der Wortdichtung nun jeden einzelnen musikalischen Vorgang ausdeuten wollte. Im Gegenteil, der Vorwurf, mit dem man den werdenden Richard Strauß treffen wollte, daß er mit dem Kopf und nicht mit dem Herzen Musik mache, wird gerade hier entEräftigt.
Das ganze Werk kann als ein ausgedehnter Symphoniesatz gelten, in den eine Einleitung hinführt und dem ein zum Hymnischen sich auswachsender Epilog die Verklärung gibt. Mag man in der Einleitung den schlummernden Schwerkranken sehen, ihn in seinem Traumdämmern belauschen. In dem Allegro des Hauptteiles schüttelt ihn das Fieber; mit unerbittlichen, scharfen Tatzenschlägen gleichen Akzenten sucht der Tod seine Beute zu ergreifen. Noch einmal zieht das Leben in den Ficber- phantasien vorüber; selige Kindheitserinnerungen, jugendlicher Frohsinn wachen noch einmal kurz auf, immer droht der vernichtende Schlag. Fieberglut durchpeitscht den ganzen Körper, läßt ihn sich in Abwehr gegen den Tod aufbäumen und wieder absinken; die Kämpfe des Lebens werden noch einmal wach; ein Zurückfinken, ein letztes erschütterndes Aufzucken: der Tod hat fein Opfer. Aber über die sterbliche Hülle hinaus klingt nun der Wert des vollbrachten Lebens, die Hymne von Erlösung, Verklärung und Sieg.
Das am 21. Juni 1890 auf dem Tonkünstlerfest zu Eisenach zuerst aufgeführte Werk mochte mit seinen zu realistischen Mitteln herausfordernden Vorgängen durch die Schärfe der Dissonanzen, durck die innere Schwere des Satzes zunächst auf Widerspruch stoßen; aber die Entwicklung seit dieser Zeit hat unsere Ohren und unfern Blick immer mehr für die bleibenden Werte dieses tiefergreifenden menschlichen Bekenntnisses geöffnet.
* e
Mit dem Violinkonzert op. 82 in a-moll von Alexander Glasun 6 w (geb. 1865) kommt ein Vertreter russischer Musik zu Wort, der als ein Schüler von Rimsky-Korssakow der national-russischen Komponistenschule folgte, und der gerade in diesem Werk mit feinem eigentümlich russischen Gepräge durch die Ausdruckskraft und feine Führung der Melodik dem Geiger würdige und dankbare Aufgaben stellt.
Dr. H. Hering.


