Kr.232 Zweites Blatt
Dienstag, 5. Oktober (93Z
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Aus der Stadl Gießen.
Bückling auf jeden Tisch!
V. A. Fett wie ein Aal, zart und schmackhaft — eine Delikatesse von großer Preiswürdigkeit, das ist der deutsche Bückling in diesen Monaten. Und das hat seine guten Gründe. Nach den Untersuchungen des staatlichen Instituts für Seefischerei in Weser- münde hat nämlich die deutsche Fischindustrie aus den Heringsfängen den fettesten und schönsten Hering zur Verfügung. Diese Qualität gerade des deutschen Herings wird einmal bedingt durch die Art der Heringe, die uns zum Fang zur Verfügung stehen, sie ist zweitens bedingt durch die Jahreszeit, in der wir den größten Teil fangen. Und schließlich sind die Fangergebnisse bestimmt durch die wissenschaftlichen und technischen Voraussetzungen, die in großzügigster Weise heute geschaffen sind. Heute unterliegt auch der Fischbestand auf dem offenen Meere einer sehr großzügigen und umfangreichen Forschung, deren Ergebnisse der Hochseefischerei und damit unserer Ernährungsbasis zugute kommen. Zwar kannten die Fischer im allgemeinen die Ergiebigkeit der Fischgründe, und sie wußten auch, zu welchen Jahreszeiten sie dem Fang nachgehen mußten. Die Wissenschaft vermochte aber erst die Ursachen zu ergründen, die zu den merkwürdigen Schwankungen in den Fischbeständen führen, Schwankungen, die sich im Fangergebnis derart stark auswirken, daß die Hochseefischerei früher periodenweise in die schwierigsten Wirtschaftskrisen geriet. Mit Hilfe der Wissenschaft und mit dem Ausbau unserer Fischereiflotte war es erst möglich, die Fangzeiten ganz wesentlich auszudehnen. Die Wissenschaft hat nämlich eine sehr eingehende Erkenntnis von den verschiedenen Heringsarten, ihren Laichplätzen und Laichzeiten geschaffen. Die Heringsart, die z. B. jetzt in ganz großen Mengen im westlichen Teil der Nordsee von der schottischen Küste bis zur Doggerbank gefangen wird, da sie dort ihre Laichplätze hat, stellt einen völlig unabhängigen Bestand, wie der Wissenschaftler sagt, gegenüber denen dar, die im Februar/März an den Küsten Schottlands, der Orkneys und Shetlands laichen.
Jetzt wird der Leser auch verstehen, warum der Beauftragte des Vierjahresplans in umfassender Weise die Vervollkommnung der technischen Ausrüstung unserer Fangflotte und den Bau einer genügenden Anzahl modernster Heringslogger fördert. Erst durch Einsatz aller technischen Mittel ist es möglich, nicht nur das Fangergebnis ganz erheblich zu steigern und damit vor allem die Einfuhr von Salzheringen weitgehend überflüssig zu machen, sondern jetzt ist es auch erst möglich, die Fangzeit des Herings, die saisonmäßig auf die Zeit von Juli bis Oktober beschränkt war, auf die Zeit von Ende Mai bis in den Januar hinein auszudehnen. Weiter ist es durch eine leistungsfähige Flotte möglich, die Preisgestaltung am deutschen Fischmarkt gerade in den kritischen Monaten September und Oktober, in denen alle nur verfügbaren Schiffe für den Heringsfang eingesetzt und dem übrigen Fischfang entzogen werden — wodurch die Preise der'Fische, mit Aus- nabme des Herings, in die Höhe zu gehen pflegen —, einigermaßen zu regulieren.
Die bisherigen diesjährigen Heringsfangergebnisse sind wieder ganz vorzüglich, und wenn nicht in den beiden kommenden Monaten schwere Stürme den Fang beeinträchtigen, dann können wir mit einem neuen Rekordjahr im Heringsfang rechnen. Was das für die deutsche Ernährung bedeutet, weiß heute jeder von uns. Schon 1936 konnte gegenüber 1935 das gesamte Fangergebnis in allen Fischarten ganz erheblich gesteigert werden — nämlich um rund 100 Millionen Kilogramm —, wobei auch der Hering sehr stark beteiligt war. Statt 121 Mill. Kilogramm im Jahre 1935 konnten 169 Mill. Kilogramm angelandet werden, wodurch es möglich wurde, die Salzheringsproduktion und auch den Konsum über die seit längerer Zeit konstant gebliebene Ziffer von 1.3 Millionen Faß auf rund 1,4 Millionen Faß zu steigern. ‘
bei Katarrh
(Schluß folgt.)
zu zeigen.
ternehmer zu erklären. Wir sehen also die Berufs» erziehung und -ausbildung in drei großen Abschnitten: Lernen, Können, Beherrschen!
Die Leistungspyramide sieht also in ihrer breitestens Basis alle Menschen und in ihrer Spitze nur Einzelne. Diese Einzelnen haben durch ihren Dienst an der Gemeinschaft und durch ihre Leistung und ihre Befähigung an verantwortungsvollster Stelle zu beweisen, daß sie nicht nur befehlen, sondern auch gehorchen können, denn sie sind durch das Vertrauen der Volksgemeinschaft auf führende Posten gestellt und haben sich dort als führend und der Volksgemeinschaft dienend nationalsozialistisch
geführt werden kann, ist es notwendig, für den verbleibenden Teil der deutschen Facharbeiter aller Berufe — und das ist der Großteil aller schaffenden deutschen Menschen —, eine überbetriebliche Berufserziehung durchzuführen und die entsprechenden Einrichtungen zu schaffen. Das hat die Deutsche Arbeitsfront getan, und zwar durch die Errichtung der Uebungsstätten im Bern fserziehungswerk. Die fördernde Berufserziehung hat nun die Aufgabe, die Menschen, die von ihr erfaßt werden, nach dem Prinzip der Auslese allmählich höher zu führen und sie durch kleinere Teilprüfungen, wie z. B. Bilanzbuchhalter- oder Geschäftsstenographenprüfung, oder durch Ganzprüfungen, wie Meister- oder Einzelhandelsfachprüfung als befähigt zum Betriebsführer und Un»
Vom Kaufmann sei zu fordern, daß er an den Anfang aller Dinge die Tat setze!
Als Grundlage allen Erfolges gilt für Greck die Voraussetzung einer gewissen Harmonie in der Familie, sowohl des Geschäftsinhabers wie in der des Geschäftspersonals, zwischen Betriebsführer und Gefolgschaft. Diese Harmonie müsse sich dann auch in der gemeinsamen Arbeit auswirken können, indem der Verkäufer dem Geschäftsinhaber die Bemerkungen der Kundschaft, ihre Wünsche und Anregungen so übermittelt, daß sie für die Geschäftsvorgänge, die Schaufensterdekoration, den Verkauf und Einkauf usw. ausgewertet werden können. Verkäufer müßten sich bewußt sein, daß sie in der Front stehen. Dazu sei aber auch notwendig, daß ihnen Anregungen geboten werden, daß sie auch einmal an die großen Handelsplätze geschickt würden und anderes sähen. Dafür brachte der Redner den Gedankenaustausch der Kaufleute mehrerer Städte in Vorschlag, und für einen solchen Zweck regt er auch einen Schulungskurs des Einzelhandels auf dem Gleiberg an.
Nach einer kurzen Pause ging der Schulungsleiter ganz besonders auf die Fragen der Geschäftsführung ein und hob die Bedeutung einer übersichtlichen und geordneten Buchführung hervor, die Aufschluß über den Bestand und die Entwickelung eines Betriebes zuläßt. Viele Kaufleute glaubten etwas zu haben und lebten doch von der Substanz, und ihr Geschäftsrückgang belaste die Volkswirtschaft. Zum Schluß verwies er aus die Notwendigkeit eines inneren Zusammenhanges von Geschäftsgefolgschaft und Geschäftsführung hin und kennzeichnete diejenigen, die außerhalb des Geschäftes irgendwie geringschätzig von ihrem eigenen Geschäft reden, als nichtsnützige und minderwertige Charaktere, die nicht wert feien, dem Kaufmannsstande anzugehören. Der anhaltende Beifall brachte dem Vortragenden den Dank zer Zuhörer zum Ausdruck.
3m Auftrag des Führers!
Von K. Beckmann, Kreisberufswalier der OAF., Gießen.
Lebensfragen des Einzelhandels
Vortragsabend der Kreisfachgruppe Einzelhandel.
Prüfung und für alle Lehrlinge (einschließlich der handwerklichen Lehrlinge) der jährliche Reichsberufswettkampf statt. Darüber hinaus können die jugendlichen Facharbeiters jedes Berufes bis zu einem bestimten Alter am Reichsberufswettkampf ebenfalls teilnehmen. Gegen Ende der Lehrzeit hat der jeweilige Lehrherr feinen Lehrling zur Gesellen-, Facharbeiter- ober Kaufmannsgehilfenprüfung anzumelden. Besteht der Lehrling diese Prüfung, so erhält er seinen Gesellen-, Facharbeiter- oder Kauf- mannsgehilfen-Brief und ist damit ein Facharbeiter für die deutsche Volksgemeinschaft geworden. Er hat seinen Beruf gelernt! Damit hat er die erste Stufe der Berufserziehung- und Berufsausbildung erreicht.
Er darf nun keineswegs glauben, daß er jetzt genug gelernt hat, denn jetzt setzt die fördernde Berufserziehung, die Erwachsenen- Erziehung ein. Diese teilt sich in eine betriebliche und eine überbetriebliche Berufserziehung. In größeren Betrieben ist es ohne weiteres möglich, die betriebliche Berufserziehung durchzuführen, und zwar für die größten Gruppen der jeweilig vertretenen Berufe. Die betriebliche Berufserziehung kann 1. durch Vorträge betriebswirtschaftlicher und volkswirtschaftlicher Art, 2. in fachlichen Vorträgen, die durch Lichtbilder und Filme besonders wirksam gemacht werden können, und 3. durch praktische Unterweisung erfolgen. Da diese betriebliche Berufserziehung aber nur in größeren Betrieben ganz bzw. in mittleren Betrieben, sofern die Belegschaft zu 80 v. H. einer Berufsgruppe angehört, durch-
Die Verordnung des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler über die Deutsche Arbeitsfront enthält u. a. auch den strikten Auftrag, die deutsche Volks- und Leistungsgemeinschaft zu bilden und für die gesamte Berufserziehung und -ausbildung Sorge zu tragen. Die Deutsche Arbeitsfront hat diesem Befehl Folge geleistet und durch ihr Amt „Berufserziehung und Betriebsführung" die grundsätzlichen Richtlinien für die verschiedenen Gebiete der Berufserziehung und damit der Betriebsführung bekanntgegeben. Vor allem sind auch die verschiedenen Probleme, die zu lösen waren, in Angriff genommen worden, und wir sehen heute die Berufserziehung und Berufsausbildung in ihrer Zielsetzung durch die praktische Inangriffnahme der verschiedenen Probleme klar vor uns und zum Teil bereits gelöst.
Es ist selbstverständlich, daß die gesamte Berufs- erziehuna und Berufsausbildung als Grundlage die nationalsozialistische Weltanschauung haben muß. Für das deutsche. Volk ist der beste Arbeiter auch sein wertvollster. Wir haben heute nur noch einen Adel, und zwar den Adel der Arbeit. Wenn wir diesen Wertmesser an die Arbeit im Wirtschaftsleben unseres Volkes anlegen, so sehen wir die naturnotwendige und naturgegebene Auslese in einer großen Pyramide bildlich vor uns. Die breiteste Grundlage umfaßt alle die Menschen, die in das Berufsleben eintreten. Sie werden künftig im letzten Schuljahr, d. h. im 14. Lebensjahr, durch die Einfach ft schulung der Deutschen Arbeitsfront, die gemeinsam durch die Deutsche Arbeitsfront und durch die Schule durchgeführt wird, hindurchlaufen. Die jungen Menschen werden hier an mehreren Materialien, wie Papier, Stoff, Holz und Eisen erprobt, die sie mit den einfachsten Werkzeugen bearbeiten müssen. Es handelt sich hier nicht um eine Berufsausbildung, sondern um das Studium des Arbeitscharakters, um die Berufsfindung des einzelnen jungen deutschen Volksgenossen. Die Berufslenkung und den Arbeitseinsatz nimmt bann das Arbeitsamt vor, und es ist selbstverständlich, daß nur diejenigen in eine Lehrstelle gelangen, deren herausgefundener Arbeitscharakter diese Bevorzugung rechtfertigt und Gewähr dafür bietet, daß der fo getroffene Arbeitseinsatz die daran geknüpften Erwartungen auf Leistung erfüllt. Diese nun bereits getroffene Auslese tritt in der Lehrzeit ein. Die Lehrzeit erstreckt sich über mehrere Jahre, im Durchschnitt drei bis vier Jahre. Es ist selbstverständlich, daß die praktische Ausbildung im Betriebe liegen muß, während die theoretische Ausbildung Aufgabe der Berufsschule ist. Das Ziel für die praktische Ausbildung ist in jedem Betrieb die organische Berufsausbildung, d.ch., wenn möglich, eine Ausbildung in Lehrwerkstadt ober Lehrecke; wo dies nicht möglich ist, insbesondere in den kaufmännischen und Kleinhandels- und Handwerksbetrieben, soll die Ausbildung trotzdem eine planvolle sein. Es sind also zum mindesten genaue Berusserziehungs- und -ausbil- dungspläne aufzustellen und strikte einzuhalten.
Das Ziel für die Berufsschule muß sein, den Stoff theoretisch zu lehren, welcher praktisch im Betrieb erarbeitet wird. Der Unterricht in der Berufsschule soll möglichst für alle Berufe den Fachunterricht in der Fach klasse durch den Fachlehrer bringen. Da dies nicht restlos möglich sein wird, ist es Ausgabe der Uebungs- stätten der Deutschen Arbeitsfront, durch entsprechende Lehrgemeinschaften den jungen Menschen den notwendigen Ausgleich zu geben, genau so wie den Betrieben, die ihren Lehrlingen die erforderliche Grundausbildung nicht geben können, diese Lehrlinge für das erste Jahr in die G e - meinschastslehrwerkstatt der DAF. geben können. Während der Lehrzeit findet für die handwerklichen Lehrlinge halbjährlich eine Zwischen
Die Kreisfachgruppe Einzelhandel hatte zu einem Vortrag eingeladen. Kaufmann Erich Schulte hatte den Schulungsleiter der Reichsfachgruppe Einzelhandel Greck (München) als Redner verpflichtet. Dankbar folgten die Zuhörer, um fo mehr, als der Redner von feinem ersten Vortrag her in Gießen bekannt ist. Seine starke persönliche Eigenart des Vortrages war für jedermann unterhaltsam und lehrreich zugleich. Der Redner verstand es, seinen Zuhörern die Bedeutung und den Wert eines gesunden und existenzfähigen Kaufmannsstandes begreiflich zu machen, aus feiner reichen Erfahrung heraus einen Geschäftsbetrieb nüchtern und kritisch zu betrachten und zu beurteilen. Das tat er einmal vom Standpunkt des Verkäufers und dann von dem des Geschäftsführers aus. Er ging zur strengsten Kritik über und vermochte dazu anzuregen, sich selbst zu prüfen mit dem Ziel: Ein Geschäft zu erhalten und es weiter zu entwickeln! Dabei machte er auf Trugschlüsse, wie z. B. die befriedigenden Tagesumsätze aufmerksam und lenkte die Aufmerksamkeit der Umsatzkurve, .dem Reichsdurchschnitt und der Preisbildung zu. Der Chef müsse das Risiko, so sagte er, die Ausgleichsmöglichkeit haben, damit er Reserven schaffe und dafür sei die Zusammenarbeit von Geschäftsführer und Geschäftsgefolgschaft notwendig. Als Voraussetzung forderte er für beide Teile die Sachkundeprüfung.
Jedes Geschäft müsse einen einheitlichen Plan haben, so fuhr der Redner fort, es müsse von außen wie von innen einheitlich wirken und alle Faktoren eines gesunden Geschäftsbetriebes in sich vereinen. Nur der Kaufmann komme vorwärts, der viel vergleiche. Wer hinter dem Ladentisch stehen bleibt und nicht einmal aus dem Laden, geschweige denn aus dem Ort herausgehe, der werde „betriebsblind". Wer im Betrieb stehe, müsse von großer geistiger Beweglichkeit sein. Wer nicht jeden Tag Fragen an sich stelle, der komme nicht vorwärts.
Oie Gtunde Gottes.
Von Otto Heuscheie.
Düster und schwarz stiegen an diesem Abend die Wvlkenberge aus dem westlichen Horizont. Es lag eine schwere Schwüle über der Ebene, kein Luftzug lief über das weite Land und der Wald drüben stand reglos und finster, er erwartete den Sturm, der von Westen her einbrechen würde, wie so oft schon in den Jahren und Jahrzehnten, seit er hier stand. Wald und Wolkenwand sahen fich an wie die finsteren Angesichte zweier Feinde vor dem Kampf.
Michael Wurm, seinem Beruf nach Landarbeiter, Vater dreier kleiner Kinder, verlieh in dieser Stunde ein kleines Haus, das in einem kleinen, aber sauber gepflegten Garten stand. Sein Antlitz, finster wie das des Waldes und das der Wolken, sah nach der schwarzen Wolkenwand zurück. Aber er fürchtete fich vor nichts . . . weder vor dem Unwetter noch vor dem Wald, wenn ihn der Sturm aufwühlte und zornig werden lieh. Das hatte er schon oft erlebt. Gerade bei solchen Wolken war er gerne in den Wald hinübergegangen ... da war niemand, der ihn beobvchtete, niemand, der ihm folgte. Fadesten stand die Frau wie immer mit bebenden Gliedern am Fenster, um dem fich @ntfernenöen nachzusehen. Sie wuhte wohin er ging. Sie kannte das. Sie hatte alles versucht, ihn von diesen Gangen zurückzuhalten. Vergebens. Er war sonst ein Mensch, mit dem man umgehen konnte. Er schlug sie nrchll. Er trank nicht. Er l ef keinen anderen Frauen nach. Aber er ging in den Wald . . . und brachte von dort heim, was nicht erlaubt war. Das war seine Leidenschaft . . . sein Unglück. War es anders als ein grohes Wunder, daß er bisher noch ntd)t ent- deckt worden war? War der Wald endlos? Er zog sich wohl drei, vier Stunden hin, man konnte sich verbergen, konnte fliehen, aber einmal, einmal, das wuhte die Frau, einmal würde er nicht meyr wiederkehren. Einmal würde er als 33 e,r Bremer entlarvt werden. Langsam kam die Wolkenbant herüber. Der Himmel verfinsterte sich. Roch uef kein Wind über das Land. Unruhig, als fürchteten sie das Drohende, flogen die Vögel, ganz meoer fcie Schwalben, höher die Staare und noch hoher die großen Raubvögel. Jetzt war der Mann verschwunden. Sie holte die Bibel. Warum hatte sie in diesem Sinn keine Gewalt über ihn? Früher hatte sie noch Kralt genug gehabt, mit ihm zu streiten, ihn zu warnen, ihn zu richten. Da gab es Szenen Harte Wortwechsel. Geschlagen hatte er sie nie. Jetzt schwieg sie. Aber sie litt unter all dem
und oft wünschte sie, er möge entdeckt werden und gerichtet, damit der Frevel ein Ende habe. Aber sogleich erschrak sie vor ihren Gedanken, denn sie liebte ihren Mann, obgleich er ein Verbrecher war.
Michael Wurm schlich durch das niedere Buschwerk. 3m Wald war es finster und still ... unsagbar still. Jeder gebrochene Zweig knackte laut, jeder zurückschnellende Ast klatschte, als rausche Waster über Felsen. Die Stille schreckte Michael. Er hielt inne, warf sich auf die Erde. Die Wolkenbank muhte heraufgestiegen sein. Mit einem Mal brach der Sturm los . . . wild, gewaltig. Als seien wilde Tiere aus Abgründen schreiend aufgesprungen, um sich ineinander zu verbeißen, so brüllte der Sturm. Äste brachen . . . Blitze zuckten blutig aus dem Schwarzblau der Wolken, Donner krachte, der Sturm peitschte Hagel durch die Baume . . . weih und hart trafen sie Michaels Gesicht. Der sprang auf, stürzte durch das Dickicht. Wie ein Schwimmer im Waster fühlte er sich jetzt in seinem Element. Rastlos trieb es ihn vorwärts. Da brach ein Wild durch das Dickicht ... er legte an. Sein Schuh krachte durch den Wald, wahrend gleichzeitig zwei, drei Donnerschlage sich trafen. Er hatte sein Ziel verfehlt. Weiter, immer weiter trieb es ihn, während der Sturm sich härter in den Wald verbiß, so dah dieser immer lauter aufbrüllte. Ein Wirbel erfaßte zwei alte Tannen, hob sie samt den Wurzeln aus der Erde und ließ sie krachend zu Boden fallen. Lächelnd sah Michael zu. Er drängte unbekümmert vorwärts. In Strömen fielen Regen und Hagel. Da! Was war das . . . Drüben hundert Meter im Schuhe einer großen alten Tanne stand der Förster. Er hatte ihn gesehen. Er legte sein Gewehr an. Er rief etwas. Michael hörte es nicht, er sah nur, wie der Mund des Mannes sich öffnete. Zwischen ihnen stand eine große Eiche. Sie mochte achthundert, neunhundert Jahre alt sein. Sollte er sich bis dorthin schleichen und hinter ihrem Stamm Schuh vor des Försters Kugeln suchen? Bon dort aus sein Gewehr auf ihn richten? Rein - von hier aus wollte er ihn treffen.
Sekunden vergingen. Sin Blitz erhellte die Rächt. Die Erde bebt. Zwei Gewehre gehen los. Donner krachen. Die uralte Eiche, vom Blitz getroffen, bricht m't furchtbarem Krachen auseinander. Der Förster sieht, wie die Elemente walten ... Er sieht wie der Wilderer aus der Kniestellung, in der er gefloßen hatte, umsinkt. Er hat ihn getrosten! Das sind Sekunden gewesen. Ewigkeiten. Der Sturm brüllt weiter. Die Luft ist voll Schwefel und Brand» geruch. Langsam geht der Förster auf Michael zu. Der liegt bleich und mit geschloßenen Augen da . .. seine Hand hält das Gewehr umklammert. Aber es ist keine Wunde an ihm zu sehen, kein Blut.
Der Förster blickt den Mann an. Er sieht, daß er atmet. Also nicht tot... Er hat ihn nicht getrosten. Er schüttelt den Kopf. .Ein Wunder. Er überlegt, was zu tun ist, läuft zu der zersplitterten Eiche zurück und findet in ihrem Stamm beide Kugeln stecken, die seinige und die Michaels. Das ist ein Wunder, denkt er und wartet, bis der bleiche Mann aus seiner Bewußtlosigkeit erwacht. Dieser aber, als er langsam wieder zu sich kommend, den Förster vor sich stehen sieht, erschrickt, greift nach des Försters Händen und will sich ihm ausliefern, legt fein Schicksal völlig in seine Hände Er könne ihn dem Gericht ausliefern, könne ihn strafen laßen, könne ihm verzeihen und Gnade vor Recht gehen laßen, es werde alles dasselbe fein; er werde umkehren von feiner Leidenschaft. Hart und schwer kommen die Worte über Michael Wurms Lippen, aber sie sind echt und ohne Falsch. Er bekennt seine Schuld, sein Verbrechen so ergreifend und stark, er bittet nicht um Gnade, aber er nimmt sie um des Weibes und der Kinder willen an, er weiß um das Wunder, das geschehen ist und wird es begreifen. Der Förster ist so überwältigt, daß er den Mann ziehen läßt, nachdem er ihn nach Rame und Wohnung gefragt. Als er am nächsten Tag gesehen, daß beide richtig waren, wußte er, daß Michael verwandelt war.
Bleich und wortlos kam dieser im Morgengrauen zu seinem Heim. Lange wich der Schrecken nicht von ihm. Sein Weib fragte nicht nach dem, was ihm widerfahren war. Erst als sie nach vielen Wochen plötzlich entdeckte, daß er im Geheimen in der Bibel las und allabendlich die Hände faltete zum Gebet, wußte sie, daß eine Verwandlung mit ihm vor sich gegangen war. In den Wald ging er nie mehr. Eines Abends kam der Förster vor das Haus, die Männer faßen lange auf der Dank unter dem Ahornbaum. Was sie sprachen, hat sie nie erfahren und nie erfragen wollen.
Sloria-palast: „Spiel auf der Tenne/"
Die Gemeinde St. Waltraut will den Fremdenverkehr heben und beschließt zu diesem Zweck, ein Theater zu errichten. Die Einheimischen spielen selber, und da etwas geboten werden muß, und weil es ein grausames und ergreifendes Stück sein soll, verfallen sie auf „Judith und Holofernes". „Eine ehrsame Witfrau verführt einen mächtigen General und schlägt ihm dann im Zelt den Kopf ab." Es ist nämlich vom Marterlverfasser der Gemeinde gedichtet, und es wird eine großartige Aufführung im oberbayerischen Moritatenstil, mit Blasmusik und viel Bier und unter hitziger Anteilnahme der gesamten Bevölkerung. Dem Holofernes muß fünfmal hinter»
einander das Haupt heruntergemacht werden, ehe sich die begeisterte Menge zufrieden gibt. Außerdem ist es schön zu sehen, wie das reale Leben auf die Bühne übergreift, und umgekehrt das Theater im Alltag weiterwirkt. Es schadet also nichts, daß die zweite Aufführung von einem Gewitter sozusagen weggeschwemmt wird: dafür heiraten sich, aller Ueberlieferung zum Trotz, Judith und Holofernes und noch drei andere Paare unter den Mitwirkenden; das ist fürwahr ein starker Erfolg, nicht zuletzt für den Wirt, bei dem vier Hochzeiten gefeiert werden. Das Ganze ist ein recht vergnügtes, bayerisches Volksstück (nach einem Roman von Hans Matscher; Drehbuch von Aloys Johannes L i p p l). Georg Jacoby hat es sauber und mit gutem Humor in Szene gesetzt. Von den Darstellern geben Joe Stöckel, Fritz Kämpers, Josef Eichheim und Kurt M e i f e l einige der urwüchsigsten Gestalten ab; Heli Finkenzeller ist eine sehr fesche und nicht bloß auf der Bühne verliebte Judith; wenn sie das Schwert hebt am Bett des Holofernes, hält die ganze Gemeinde die Luft an. In einer kleinen Rolle fällt die junge Theodolinde Müller durch die natürliche Anmut einer dörflichen Liebhaberin auf. — (Ufa.)
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Das Vorprogramm bringt einen aufschlußreichen Kulturfilm „Spreehafen Berlin"; in der neuen Wochenschau sieht man eindrucksvolle Bilder von den Vorführungen der Wehrmacht beim Reichsparteitag und vom Empfang Mussolinis in München.
Hans Thyriot.
Hochschulnachnchlen.
Im Alter von 88 Jahren starb nach kurzem Krankenlager der Nestor der deutschen zoologischen Wissenschaft, Geheimrat Professor Dr. Richard von Hertwig in München. Der Verstorbene hat an den Universitäten Jena, Königsberg, Bonn und München gewirkt, war in München auch Direktor der Zoologischen Sammlungen des Staates und des Zoologischen Universitätsinstituts. Professor Dr. von Hertwig hat durch seine Forschungen und feine ausgezeichneten Lehrbücher hervorragenden Einfluß auf die zoologische Wissenschaft und die Abstammungslehre genommen.
Dem Ordinarius für romanische Philologie an der Universität Breslau, Professor Dr. Fritz N e u • bert, ist der durch die Emeritierung von Professor Dr. G. W e ch ß l e r freigewordene Lehrstuhl für romanische Philologie an der Universität Ber < lin angeboten worden.


