KrJ28 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 5. Zum 1952
Mehrlieferung.
-bon X. A Dietrich
In einer Zeit, in der die Zeitung uns die Ereignisse der Welt gedruckt mitteilt, in d?r das Gedächtnis der Menschheit in riesigen staatlichen Archiven und Bibliotheken in .,geprägter Form" aufbewahrt wird, in der durch Karteien unser ganzes Wissen geordnet ist — in einer solchen Zeit erscheint unwahrscheinlich, daß es einmal eine Ueberlieferung gegeben hat, die von Mund zu Mund weitergetragen wurde. Unwahrscheinlich weil ungewohnt ist uns solch überpersönliches „Gedächtnis" in unserer Zeit, in der schon allein die geistige Verkehrsregelung, die Ordnung und Verwaltung des Wissensgutes der letzten Jahrhunderte einen riesigen Schriftapparat verlangt.
Und doch bildet jene Ueberlieferung durch den Gedanken und durch das Wort, die von Mund zu Mund vermittelt, von Generation zu Generation vererbt wurde, zum großen Teil das geistige Nationalfundament der Völker; wurde doch all das, was an Sage und urtümlichem Wissen auf uns kam — und viel später erst niedergeschrieben, gesammelt, noch später gedruckt worden ist — zunächst nur durch die Ueberlieferung mittels des gesprochenen Wortes erhalten. Nicht nur der Buchdruck, auch die Schrift ist ja eine verhältnismäßig späte und keineswegs gleich allgemein zugängliche Erfindung der Menschheit gewesen. Die Schrift ging — wie Runen und Hieroglyphen beweisen — erst aus den Bildern, die zumeist Sinnbilder, Symbole waren, hervor. Die Schriftzeichen waren zudem großenteils (so zum Beispiel die altmexikanischen Steinbildschriften des Quetzalcoatlmythos) Priestergut. Dennoch lebten die Völker, die „nicht lesen und schreiben" konnten, ihre Geschichte aus dem nationalen Gedächtnis heraus weiter, wurden Sitte und Brauchtum — die Auswirkungen der forterzählten Ueberlieferung — heroischen Vorbildern nachgelebt. In Sippen und Familien war dieses nationale Gedächtnis Bestand des All- und Feiertäglichen. Darüber hinaus gab es noch einzelne: Skalden, Sänger, Märchen- und Sagenerzähler, es gab wissende Frauen, „Nornen", „Walas"; es gab Homere, von denen uns der eine bekannt wurde, der späte Sammler der alten Sagen um Troja, der sie schriftliche niederzulegen vermochte, ähnlich dem Weisen Saermund auf dem Pfarrhof Ob bi, ber die alten Lieber unb Sagas ber Ebba, bie auf Islanb von Munb zu Munb wanberten, sammelte; ähnlich den Evangelisten, von denen wir nur eben noch die Namen (oder Symbole) Matthäus, Markus, Lucas unb Johannes behielten; ähnlich ben anonymen Nieberschreibern ber Beben unb Upanishaben, ber inbischen Weistumswerke.
Es wäre eine Aufgabe für sich, zu untersuchen, wie unser gegenwärtiges Weltbild sich dadurch charakterlich oeränbert hat, baß an Stelle ber münb- lichen Ueberlieferung eine schriftliche unb später eine druckschriftliche, eine „Literatur" getreten ist. Vielleicht hat unsere späte Geistesentwicklung oft allzuscharf ben Trennungsstrich zwischen einer „Sa- gen"zeit (als ber Zeit ber münblichen Ueberlieferung) unb einer geschichtlichen (bokumentarisch erwiesenen, literarisch niebergelegten) Zeit gemacht. Aus bieser scharfen Trennung erwuchs bann auch die Auffassung, baß jene münbliche Ueberlieferung unzuverlässiger gewesen sei, als unsere schriftliche. Dennoch mußte man schon baburch stutzig werben, daß bie alte Ueberlieferung etwa Indiens oder der russischen Frühzeit (Olegs, Ruriks und der andern von Schweden eingewanderten ersten russischen Volksfürsten) durch spätere wissenschaftliche Entdeckung bestätigt wurde. Ganz ausfallende Zeugnisse von der Zuverlässigkeit jahrhundertelanger mündlicher Ueberlieferung haben wir an verschiedenen Stellen unserer deutschen und nordischen Vorvergangenheit gefunden. Man hat für das Wort „mündliche Ueberlieferung" in den Zeiten, da man sie mehr und mehr für freie Märchenerfindung hielt, gern das Wort ,V o l k s g l a u b e" verwandt.
das beinah etwa wie „Aberglaube" klingen sollte. Solcher „Volksglaube" hatte z. B. in der Nähe von Seddin in der Mark Brandenburg Jahrhunderte hindurch einen elf Meter hohen Erdhügel, der „Hinzberg" genannt wurde, für ein germanisches Königsgrab erklärt — bis durch einen Zufall, als die Anhöhe von einem Unternehmer als Steinbruch für den Straßenbau ausgebeutet wurde, im Jahre 1889 Arbeiter im Inneren auf eine mächtige Steinkammer stießen, in der neben Leichenbrandresten in Urnen Halsringe, Ketten aus schwerer Bronce und ein Schwert zu Tage kamen, die die Tatsächlichkeit eines Königsgrabes erwiesen, das seither zu einem unserer bedeutendsten Nationaldenkmäler wurde. Ganz ähnlich liegt ein Fall, der sich bei Ausgrabungen in der Nähe von Schleswig ergab. In ununterbrochener Kette der Generationen war hier von Mund zu Mund die „Sage" weitergegeben worden, daß in einem Grabhügel, „Dronninghoi" (deutsch: Königinhöhe) genannt, ein Mann begraben liege, dem eine Königin im Zweikampf den Kopf abgeschlagen habe. In der Tat fand man jetzt in diesem Hügel ein Skelett, dessen Kopf abgetrennt
zwischen den Schenkeln lag. Solcher Beispiele ließe sich eine ganze Anzahl allein aus unserer deutschen Umwelt finden.
Ganze Kulturreiche, die inzwischen versunken sind, haben in dieser mündlichen Ueberlieferung gelebt, unb spätere Entdeckungen bewiesen uns, daß „Sage" doch eben nicht nur Erfindung oder unzuverlässige Vermischung von Stoffgebieten aus früheren vorgeschichtlichen Ereignissen ist und daß der Unterschied zwischen Sage und (dokumentarisch nachgewiesener) Geschichte nicht so wesentlich ist. Mag dem Buchstaben nach die schriftliche und druckschriftliche Ueberlieferung genauer fein, dem Geiste nach war die mündliche gewiß ebenso zuverlässig, solange sie die einzige Trägerin der Geschichte war. Und es mag fein, daß dermaleinst der große Krieg, in' dem die Welt gegen Deutschland stand, als „Sage", „Sagung", in mündlicher Ueberlieferung noch fortleben wird, wenn unsere ganze Kultur und Literatur längst untergegangen oder gleich den Hieroglyphen nur noch für einige Fachgelehrte lesbar ist.
Moskau... acht Stunden Ausenthalt.
Von unserem H.T.-Serichterstatier im Femen Osten.
- 1
■K-wA
I i
■'
Generalmajor Stumpff, Amtschef im Reichsluftfahrtministerium, wurde zum Chef des General- stades der Luftwaffe ernannt. — (Scherl-M.)
I.
Ankunft und Hotel.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Moskau, im Juni 1937.
Der „Jnturift-Mann", der zur Bequemlichkeit des p. t. reifenden Publikums jeden „Sibirien-Expreß" auf seiner 8000 Kilometer langen Fahrt von der mandschurischen Grenze bis Moskau begleitet, wandert wieder mal wie so oft in den vergangenen Tagen durch den langen Zug, besucht die einzelnen Abteile, erkundigt sich nach Sonderwünschen und gibt bekannt, daß in einer halben Stunde endlich Moskau erreicht sei. „Wünscht einer der Herrschaften vielleicht eine Stadtbesichtigung zu machen? Preis richtet sich nach der Anzahl ber Teilnehmer!" — Selbstverstänblich wünscht jeher ber „Herrschaften" Moskau — unb wenn auch nur auf einer Runbreise mit einem „Kaefe-Autobus" — zu besichtigen, also werben bie Bestellungen verbucht, ber jeweilige Einzelanteil mit 3 Rubel 50 berechnet unb einkassiert. 3 Rubel 50 sinb nach offiziellem sowjetrussischem Wechselkurs 1,75 Mark, allbieroeil in ben Wechselstuben an ber Grenze ein Zwangs- kurs von 5 Rubeln für ben USA.Dollar festgesetzt ist. Gewitzte Leute können biesen Rubel allerdings auch außerhalb Rußlanbs — z. B. an ber schwarzen Börse von Charbin — für 10 Pfennige das Stück erstehen, so baß sie in diesem Sonber- falle für bie Moskauer Kaese-Rundfahrt nur 35 Pfennige zu zahlen hätten, — aber! Aber! Die Devisenbestimmungen in Rußlanb sinb sehr scharf, unb niemanb setzt sich gern ber Gefahr aus, schon an ber Grenzstation wegen „staatsfeindlicher Handlung" — sprich Einschmuggelung billiger Rubel — festgenommen zu werben. Also werben bie geforderten hohen Preise seufzenb vom p. t. Publikum gezahlt, das sich in biesem Sonberfalle zusammensetzt aus: ein paar amerikanischen Missionaren, einem chinesischen Eierhändler engros „nebst" Sohn, einer englischen Krankenpflegerin, bie eine leicht verrückte Dame betreut, einem jungen Belgier, ein paar beut= scheu Kaufleuten unb allerlei anberen Europa-Urlaubern. Alles in allem etwa 24 Personen, bie jetzt im Gang bie Fenster belagern unb mit wachsenber Spannung auf bie oorbeifiiegenben geheimnisvollen unb boch so nüchtern grauen Häuser starren, bie sich Moskau nennen.
Pünklich läuft ber Zug im Kopfbahnhof — Anfangs- unb Enbstation ber transsibirischen Strecke — ein. Das Gepäck bleibt im Zuge, bie Abteile werben verschlossen, unb im Gänsemarsch geht es hin
ter bem Jnturist-Mann burch die Sperre ins Freie. Unsicherheit und Unbehaglichkeit — bas ist bas vorherrschenbe Gefühl, wenn man nach siebentägiger Eisenbahnfahrt zum ersten Male ben Boben Moskaus betritt. Auf Schritt unb Tritt erwartet man unwillkürlich irgenbeine phantastische, noch nie erlebte Ueberraschung, aber — biese lieber» raschungen bleiben aus! Kaum, baß bie Menschen von ber Touristenschlange Kenntnis nehmen. Dienstmänner in weißen Schürzen, Taxis, Polizisten, Verkaufsstänbe, hastende Reisenbe — alles sehr nüchtern unb sachlich. Beinahe grau in grau. Eigenartig freublos ...
Ein paar Schritte weiter, unb bie kleine Gesellschaft steht vor bem ersten Moskauer „Wunber", bem Untergrunbbahnhof! lieber biese Un- tergrunbbahn ist viel gerebet, geschrieben unb gewitzelt worben ... bie Moskauer sinb sehr stolz auf sie, unb bei Licht betrachtet ist es eine Unter- grunbbahn w i e j e b e anbere auch. Allerbings mit einem Unterschieb: wenn man zu den Zügen gelangen will, muß man erst auf Rolltreppen an die 45 Meter in die Tiefe rutschen, so daß man diese Untergrundbahn wohl als ausgezeichneten Flieger- Schutz-Keller bezeichnen kann. Maßgebend war dieser Gesichtspunkt bei Bau jedoch nicht, vielmehr haben die Grundwasser der Moskwa diese tiefen und sehr kostspieligen Ausschachtungsarbeiten erforderlich gemacht. Und ansonsten? Verkaufsbuffets jeder 2T 1 Zeitungskioske, Reklameplakate, bei denen die politischen Riesenwandgemälde überwiegen ... auch in dieser Hinsicht nichts Besonderes ober Außergewöhnliches! —
Im Strome ber Menschen rollt man bie Treppe herunter, brängt sich auf irgenbeiner Station zusammen, die irgendeinen Namen irgendeiner russischen Landschaft trägt und in berem „Stil" gehalten ist. Donnernb saust ber „Einklassenzug" ln bie Halle, Türen öffnen sich ... Alles einfteigen! Türen zu! ... Ab mit Gebraust. — Das Publikum? Offiziere in Uniform, Arbeiter, Bäuerinnen, berufstätige Mäbchen unb Typen, bie man als „kleine Bürger" bezeichnen könnte. Sie starren die „Fremden" mit jenem Gemisch von ablehnender Neugier und mitleidiger Herablassung an, mit der man sonst den großen Schimpansen im Zoo zu betrachten pflegt. Sehr merkwürdig ... Die Wagen sind überfüllt. Irgendwo steht der „Jnturist-Mann" und gibt ein Zeichen: „Weitersagen! Weitersagen! Auf der nächsten Station alles aussteigen!"
Zwei Minuten später: Rums! Der Zug hält. Die Reisegesellschaft kämpft sich ins Freie, und als letzter versucht der Eierhändler engros junior auszu
steigen. Bums! ... knallt die automatische Tür vor seiner platten Chinesennase zusammen. Man sieht durch die Scheiben noch die verzweifelt gen Himmel gereckten Arme des jungen Mannes und schon ist der Zug mit Geheul davon und im Dunkel des Tunnels verschwunden. Der arme Vater in seinem mondänen Tailor-made-Anzug, ein Mann aus Schanghai, der wohl zum ersten Male eine Untergrundbahn erlebt, macht auf dem Bahnsteig einen Luftfprung, stößt einen Schrei, gemischt aus Wut, Verzweiflung und höchster väterlicher Angst aus und springt dann dem verblüfften Jnturist- Mann regelrecht an die Gurgel. Denn der Filius hat kein Geld, keinen Paß, keine Papiere ober anbere Dokumente bei sich, spricht kein Wort russisch unb saust nun nach Ansicht bes gebrochenen Vaters wohl geraberoegs wenn nicht in bie Hölle, so boch in bie Arme berufsmäßiger „Kibnapper". Aufgeregte Chinesen habe ich genug gesehen — bas Toben biefes verzweifelten Vaters, ber sich anscheinenb ein» bildete, sein Sohn reife nun unterirbisch bis ans Enbe ber Welt, hatte etwas grotesk Ergreifendes an sich. Aber bie geistesgegenwärtigen Missionare zeigen sich ber Lage voll gewachsen, sie ziehen alle Trostregister, unb auch der arme Jnturist-Mann versucht in einem Kauderwelsch von elf Sprachen, dem armen Eierhändler die Gefahrlosigkeit der Lage klarzumachen. Wie ein schwerkrankes Kind wird ber seelisch vollkommen Gebrochene hinausgeleitet und in dem vor dem Bahnhof haltenden Kaese-Auto- bus verfrachtet.
„Meine Herrschaften", erklärt der Jnturist-Mann, „wir fahren jetzt zunächst ins Metro polhotel. Bestes Haus am Platze. Dort können die Herrschaften ftühstücken und etwas Toilette machen. Anschließend von 11 bis V22 Uhr Rundfahrt durch Moskau. Den Nachmittag können Sie nach Belieben in Moskau verbringen. Um 5 Uhr wird der Autobus Sie wieder zum Europäischen Bahnhof bringen, von wo Sie im gleichen Zuge und im gleichen Abteil bann an bie russisch-polnische Grenze Weiterreisen werben. Hat einer ber Herrschaften noch eine Frage?" ... Nein! Keiner hat eine Frage mehr, nicht einmal der chinesische Eierhänbler, ber
»Urquell
Das Wunder.
Von Heinrich Hauser.
Es war bald nach dem Ende, der Inflation. Mein erstes Buch war erschienen, klein, unscheinbar unb, wie mir schien, eigentlich unter Ausschluß ber Öffentlichkeit. Als ich es zum ersten Male sah, erinnerte es mich in seinem packpapierähnlichen Umschlag lebhaft an das Nottzbuch eines bestimmten Polizisten, ber mich oft darin aufgeschrieben hatte wegen „Radfahrens auf verbotenen Wegen".
Es rounbert mich nicht, baß das Buch kein Erfolg war. Es wunderte mich vielmehr, daß es überhaupt erschienen war, unb baß es Besprechungen bekam, von ber Sorte: „Sie brauchen barum noch nicht alle Hoffnung aufzugeben, junger Mann, es kann noch immer etwas aus Ihnen werben — aber viel- leicyt boch wohl besser auf einem anderen Gebiet." Als ber Verlag bann seinen Bankrott erklärte, fühlte ich mich noch schuldiger als zuvor: natürlich, was blieb benn auch einem Verleger anbers übrig, der es gewagt hatte, mein Buch zu drucken. Seine hoffnungsvolle Ankündigung, sein Verlag werde unter anderem Namen wie ein Phönix wieder aus ber Asche auferstehen, erreichte mich gleichzeitig mit der Aufforderung, einen Beitrag zu den Druck- toften zu leisten.
Dem zu entsprechen, fuhr ich wieder zur See; diesmal nach Mexiko. Als ich zurückkam, hatte ich den Anlauf zur Literatur schon beinahe vergessen. Nur ganz nebenbei hatte ich einige Reiseberichte geschrieben und an die einzige Zeitung in Deutschland geschickt, an deren Namen und Adresse ich mich erinnern konnte. Was aus diesen Berichten geworben sein mochte, bas ahnte ich nicht. Jetzt wohnte ich, wie stets zwischen zcvei Reisen, im Seemannsheim ber Frau Wiether. Wir waren eine große, international gemischte Gesellschaft bort. Wir hausten mit unseren mitgebrachten Affen, Waschbären unb Papageien burcheinander, mit einem verkrachten ungarischen Opernsänger, ber unsere Zimmer säuberte unb uns abends trunkene Konzerte gab. Es war eine tolle Wirtschaft, ein Rest alter Seefahrerromantik, der heute natürlich längst gestorben ist. Oft gab es Schlägerei, oft floß auch Blut, ehe Mutter Wiether mit ihrem Krückstock dazwischenfahren konnte, der uns geheiligt wie das Zepter eines Königs war. Eines Nachts waren zwei Finnen mit ben Messern aufeinander losgegangen. Nichts Ernsthaftes, nichts wenigstens, was mir als ernsthaft betrachtet hätten; aber auf dem Flur lag eine Blutlache. Am Morgen kam ein Kriminalbeamter. Auch das kam öfters vor. Das Besondere war nur, daß der Beamte zu mir wollte, der ich an der Sache ganz unbeteiligt war:
„Sie sollen mit mir aufs Rathaus kommen." „Warum?"
„Das kann ich Ihnen nicht sagen."
Der Mann war mißtrauisch und ärgerlich; er war auf der Blutlache ausgeglitten und hatte sich ben Anzug schmutzig gemacht Auch ich war mißtrauisch unb voll trüber Ahnung. Was hatte ich wohl angestellt? Mutter Wiether unb bie andern sahen mir mit dem eigentümlichen Blick nach, ber sagt: „Der kommt nicht wieber — armer Kerl."
Wir kamen aufs Rathaus. Wir gingen durch lange Gänge mit dunkelgetäfelten Wänden, von Milchglas-Kandelabern trübe erhellt. In einem Vorzimmer machte der Beamte Meldung, daß er mich eingeliefert habe. Ein mächtig schwere Tür ging auf, man bedeutete mir hindurchzugehen; mir klopfte bas Herz.
In einem riesengroßen Arbeitszimmer saß hinter einem riesengroßen Schreibtisch ein kleiner, runber Herr. Er winkte mich heran, unheimlich lautlos war mit einem Mal mein Schritt auf bickem Teppich. „Nehmen Sie Platz", sagte er. Das war unerwartet. Ganz höflich, sanft unb leise hatte bie Stimme geklungen. Das Gesicht des kleinen Herrn war gütig, und seine blauen Augen schauten mich freundlich an.
Ich saß und starrte verwundert über bie Schreibtischplatte. Es war ganz still. Enblvs lange, wie mir schien; ber kleine Herr schad bie Finger seiner Hände in- unb auseinanber. als wüßte er nicht, wie er beginnen solle.
„Ich habe Sie burch einen Beamten zu mir laben lassen", kam bie leise, wohlgebildete Stimme wieder, „weil ich fürchtete, Sie würden sonst vielleicht nicht kommen. Brauchen Sie vielleicht tausend Mark?"
Ich war wie vom Donner gerührt. Was war das? War er wahnsinnig, der kleine feine Herr, war ich wahnsinnig, hatte ich mich verhört? „Nein, nein, danke", war alles, was ich stammeln konnte.
„Ich bin Ihnen wohl eine Erklärung schuldig: ich bin Staatsrat X, ich verwalte die Kulturauf- ■ gaben dieser Hansestadt. Wir haben gewisse Fonds zur Verfügung, unb ich würde mich freuen, wenn wir einen jungen Dichter von würdiger Begabung unterstützen könnten. Wir sind auf Sie aufmerksam geworden, durch Ihr Buch und jetzt durch Ihre Amerika-Berichte "
Ich saß blutübergoffen. Man nannte mich einen Dichter, man bot mir eine Summe an, wie ich sie noch nie im Leben besessen hatte. Es mar ein Wunder
Ich war stolz und, wie ich heute weiß, auch klug genug, geldliche Unterstützung abzulehnen. Die
Freundschaft des Staatsrats X und bie hilfreiche Hand, die ber Senat ber Freien Hansestadt zu neuen Reifen unb Arbeiten bot, sie haben mir viel mehr als Gelb bedeutet.
Ich weiß, daß diese Geschichte wie ein Märchen klingt, aber sie ist vollkommen wahr.
Einer aus der Kompanie.
Von Hans JRotf Sprengel.
Februar 1916. — Feuchtkalter Rieseldunst braute im Walde von Haute-Bois, einem der zahlreichen Vormarschgelände der deutschen Truppen vor Verdun. Eng aneinander gepreßt und frierend hockten die Männer der Kompanie Feldhans im lehmgelben Schmutzwasser ihres Not-Schützengrabens. Mit einem Male regte sich etwas in der Masse der grauen stummen Gestalten. Wütend knurrte eine rauhe Baßstimme: „Verdammter Idiot, paß doch auf mit deinem blöden Ellenbogen." Die Stimme gehörte zu einem großen, schwarzbärtigen Landser, einem wahren Athleten. Der Angegriffene, ein schmalschultriges bleiches Kerlchen, rückte ohne Antwort ängstlich zur Seite. Neben ihm der Riese, in der Kompanie allgemein der „starke Emil" genannt, gab sich aber noch nicht zufrieden: „Du Mustersoldat, du!" rollte es droyend weiter. Unter dem letzten höhnischen Wort kroch der Kleine noch mehr in sich zusammen. Es war nicht zu leugnen: Er, Anteck Kallumeit, der arme Schneidergeselle aus dem Masurischen, war sicher ein ganz unmöglicher Soldat, „der schlechteste Mann seiner Kompanie". So sagten alle, Hauptmann, Leutnant und die Kameraden. Denn ttotz der langen Schule der Frontzeit benahm sich Anteck noch immer wie ein Rekrut. Immer machte er irgend etwas verkehrt. Einmal brachte er seinen Affen nicht mehr zu, dann verlor er Patronen oder hielt beim Esfenholen plötzlich ein fremdes Eßgeschirr in der Hand. Kein Wunder, daß die Kameraden ihn neckten und sich häufig luftig über ihn machten. Der schlimmste aber war ber starke Emil. Wo Anteck dem in den Weg lief, bekam er seinen Spott. Anteck seufzte unhörbar in sich hinein, während seine trüben Gedanken nach und nach in ein unklares Halbdämmer verschwommen.
Stundenlang war es wieder ganz still im Graben. Dann kam erneut Bewegung in die Leute. Die helle Kommandostimme ihres Hauptmanns fuhr ihnen plötzlich in die steifen Glieder: „Acht Mann für Patrouille melden! Führer: Leutnant Berghoff!" Die acht Mann waren rasch zur Stelle. Man war froh, einmal aus dem nassen Lehmloch herauszukommen, um sich die Beine zu vertreten, wie der
schwarze Emil befriedigt bemerite. Er war ein vorzüglicher Aufklärer, ein noch besserer Soldat und fast bei jedem Patrouillengang dabei. — Der Hauptmann musterte kurz die acht Leute. Da, erstaunt blieb sein Blick an einem Mann hängen. Neben dem Gefreiten Schmidt stand eine kleine scheue Gestalt: Anteck, der Unglücksrabe der Kompanie. — „Nein, Anteck, das geht doch nicht!" — Anteck sah ihn flehentlich an: „Bitte, Herr Hauptmann, lassen Sie mich doch mit!" Der seltsam bittende Ausdruck in den Augen des Feldgrauen erschütterte den Vorgesetzten: „Na, gut denn, in Gottes Namen, nehmen Sie ihn mit Berghoff! Aber passen Sie etwas auf ihn auf!"
Nach knappem Gruß schwangen sich der Leutnant und seine Männer über den Grabenwall und verschwanden im Nebel. Es war ein verteufelter Weg. lieber gefallene Baumstämme, tiefe Lehmkuhlen und wasfergefüllte Granattrichter tastete sich die Patrouille vorsichtig durch das Gelände. Der Nebel war so dicht, daß man kaum einige Meter weit sehen konnte. Plötzlich, sie waren etwa eine gute Stunde vorwärts gedrungen, erhob sich unerwartet ber Erdwall eines Grabens aus dem Dunst: die Franzosen! Zugleich fingen mehrere Maschinengewehre an, wild auf sie loszubellen. Die Patrouille mußte unverzüglich zurück. Ihre Aufgabe, den Standort des Feindes feftzustellen, war gelöst, wenn auch reichlich überraschend. „Rasch mir folgen!" gellte Berghoffs Stimme erregt. Sofort machten die acht kehrt und hasteten in langen Sprüngen zurück, während ihnen das feindliche Feuer um die Ohren pfiff. Plötzlich schrie einer auf und schlug in eine der zahlreichen Wasserlachen hin. Im Laufen wandte sich der Leutnant um: Gerade den besten Mann, den Emil, hatte es gepackt! Aber es war keine Zeit zu verlieren, wollte man nicht noch mehr Männer einbüßen. So ging die wilde Jagd weiter durch den Nebel zurück!
Eine Stunde später stand Berghoff mit seinen Leuten wieder vor dem Hauptmann. Von den acht Mann waren nur fünf zurückgekommen. Der starke Emil, noch ein anderer Mann und ... Anteck fehlten. Da es inzwischen pechdunkle Nacht geworden, war an einer Bergung der Gefallenen nicht zu denken.
Erst am andern Tage machten sich drei Mann auf die Suche. Sie brauchten nicht lange zu gehen. Etwa nach einer Viertelstunde schon stießen sie auf zwei leblose Körper: Emil und Anteck. Emil atmete noch schwach. Ein Geschoß hatte ihm den rechten Oberschenkel zerfetzt. Neben ihm Anteck, war tot. Er hatte den schwerverwundeten Kameraden so lange nach hinten geschleppt, bis ihn der tödliche Kopfschuß traf.


