Glehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
nrJ05 Drittes Blatt
Mittwoch. 5. Mai (937
Aus der Stadt Gießen
I. - R. 116. Als diese Mannschaft über den Trieb läuft, kommen von der Liebigshöhe her schon die ersten Ankömmlinge von der 8. Batterie A.-R. 9 am Ziel an.
Als die 6. Kompanie J.-R 116 auf der Laufstrecke ist, kommen schon die ersten Artilleristen am Ziel an. Auf dem Trieb entwickelt sich nun ein reges Leben. In gewissen Zeitabständen rücken die Mannschaften an, empfangen die letzten Anweisungen, legen ihre Trainingsanzüge oder Mäntel ab und rücken zum Start an.
Mittlerweile trifft auch der Standortälteste, Generalleutnant Oßwald, ein. Der Sportoffizier, Oberleutnant Kuhle, erstattet ihm Meldung. Der Generalleutnant läßt sich eingehend orientieren und reitet dann die Laufstrecke ab.
Die gute Vorarbeit der sportlichen Leitung, für die die Sportoffiziere, Oberleutnant Kühle, Oberleutnant H e r l e r t h vom J.-R. 116 und Leutnant Dippel vom III/A.-R. 9 verantwortlich zeichnen, erweist sich sehr vorteilhaft. Dadurch wird es möglich, die beste Leistung jeder Mannschaft reibungs
los und sicher sestzustellen und gleichzeitig die besten Einzelläufer jeder Mannschaft zu ermitteln.
Das Endergebnis des Standort-Geländelaufes wird erst am Samstag festzustellen sein, weil infolge des Himmelfahrtstages erst am Freitag die sog. „Nachzügler", die den Wachdienst versehenden Mannschaften und das Ausbildungspersonal des E.-Batls., ihre Lieblingen durchführen können.
Der Start erfolgt in folgender Anordnung:
8/A.-R. 9; 6/J.-R. 116; Stabskomp., Nachrichtenzug, RZ.., Musikkorps J.-R. 116; 13/J.R. 116; 2/J.-R. 116; Stab und Nachrichtenzug H'I/J.-R. 116; 5/J.-R. 116; 1/JR. 116; 7/A.-R. 9; Stab und Nachrichtenzug III/A.-R 9; 3/J.-R. 116; Stab und Nachrichtenzug l/J.-R. 116; 14/J.-R 116; 7/J.-R. 116; 9/A.-R. 9; 4/J.-R. 116; 8/J.-R. 116.
Pünktlich um 10 Uhr startete als letzte M a n n- s ch a f t die 8. Komp. JR. 116 Die beste Leistung hat wie wohl anzunehmen ist, die 3. Komp. I R. 116 vollbracht. An zweiter Stelle dürfte die 1. Komp. I R. 116 und voraussichtlich an dritter Stelle die 2. Komp. JR. 116 fein. Von der Artillerie hat die 7. Batterie AR. 9 die beste Zeit gelaufen
Am Start
vor der Volkshalle steht die 8. B a t t e r i e A. - R. 9, von der rechten Seite des Triebs in langer Linie bis über die Grünberger Straße. „Mein Kommando gilt", ruft der Offizier, die Mannschaften bereiten sich vor, dann kommt der entscheidende Befehl: „A ch t u n g I Fertig! Los!" Es ist pünktlich 6 Uhr. Sofort braust die Mannschaft über den Trieb und die Grünberger Straße entlang los. Die besseren Läufer haben sich an die Spitze gesetzt, die Linie löst sich in eine Kette und in Gruppen auf, so daß die Soldaten vom Trieb ab auf die Grünberger Straße wechseln und dem Flugplatz zustrebeN.
Kaum ist die erste Mannschaft fort, da steht schon die zweite zur Stelle, die 6. Kompanie vom
nicht so sehr viel damit abgeben. Wann schauen wir einmal wirklich auf?
Wenn ein Flugzeug über uns dahinzieht. (Bald aber werden nicht einmal die Kinder mehr Hinschauen, wenn wir lange genug daran gewöhnt sind.) Wenn der Zeppelin kommt! Das ergreift uns immer wieder, weil wir da wirklich aufschauen können zu Gipfeln menschlicher Leistung und Größe. Manchmal steht einer auch abends vor seiner Haustüre und hat Feierabendgedanken. Dann schaut er zu den Sternen hinauf.
Ob die Feierabendgedanken nicht schließlich doch die besten sind? In ihnen schauen wir am höchsten „hinauf"! Das Gegenstück ist dort, wo wir uns dieses Hinaufschauen abgewöhnt haben. Dann verlernen wir den Feierabend Und dann verlernen wir uns selbst.
Wir wollen das Hinauf-Schauen nicht aufgeben! Es hilft uns dazu, außer uns selbst zu schauen, und dabei finden wir uns doch am ehesten wieder! Gott will uns die Brücken zum Ewigen bauen. Die Himmelfahrt Christi ist ein Weg auf die Brücke! Christus verbindet die Welten. Wer aber nur auf die Erde sieht, sieht die Brücken nicht. Auch mit dem schärfsten Fernrohr nicht! W.W.
Himmelfahrt.
Nach der nordisch-germanischen Sage ward der Frühling als Sinnbild der endlichen Vereinigung Wotans mit Freya angesehen, und das Fest der
Siandort-Geländelaus der Wehrmacht in Gießen
Heute früh sportlicher Grohbetrieb zwischen Volkshalle und Flughafen.
Als Abschluß der Winterausbildung führte der Standort Gießen unserer Wehrmacht am heutigen Mittwochvormittag einen
Sfanbod-Oelänbelauf
durch, an dem sich alle Kompanien, Batterien, Stäbe und Nachrichtenzüge einschließlich Musikkorps des JR. 116 beteiligten. Die Durchführung dieser großen sportlichen Veranstaltung des Gießener Standortes lag in den Händen des Standortoffiziers, Major Lange, dem als Mitarbeiter der Stand- ort-Sportoffizier, Oberleutnant Kuhle, sowie alle Sportoffiziere der Bataillone, Abteilungen, der Kompanien und Batterien zur Seite standen.
Teilnehmer an der sportlichen Veranstaltung waren 80 v. H. aller Oberleutnants und Leutnants und Nachrichtenoffiziere, sowie 85 v. H.
aller Unteroffiziere und Mannschaften.
In sorgfältiger Vorbereitung fanden die Vorübungen statt, die für die vorgeschriebenen 5000 Meter der Strecke eine Mindestzeit von 22.30 Minuten ergaben. Die Laufstrecke wurde von langer Hand ausgesucht und festgelegt, wobei reichlich abwechselndes Gelände berücksichtigt wurde.
Der Start für den 5-Kilometer-Geländelauf erfolgte an der Dolkshalle. Von hier führte die Strecke nach einigen Windungen zum Flugplatz, von dort in einem großen Bogen um den Philosophenwald nach dem Handgranaten-Wurfstand, dann zur Volks- halle zurück.
Die Kompanien bzw. Batterien und Nachrichten- Aüge, die in Sportkleidung antraten, starteten in Abständen von jeweils 15 Minuten.
Vor sechs Uhr waren am Start vor dem Seiteneingang zur Volkshalle schon alle Vorbereitungen getroffen. In einem Halbrund waren Tische für die Meldungen der Ankommenden eingerichtet, die am Ziele einen schmalen, mit Seile abgesteckten Lauf- gang passieren mußten. Jeder Mann wurde hier gemeldet.
Schau in die Höhe!
EPNH. Die englische Sprache hat für unser Wort „Himmel" zwei verschiedene Worte Das eine heißt Sky. Damit ist der gestirnte Himmel über uns gemeint, der blaue unendliche Raum, an dem die Sonne steht und die Wolken ziehen Das andere heißt Heaven und bedeutet das Himmelreich, die ewige, unbegrenzte Welt Gottes. Dadurch ist der Engländer also vor Verwechslungen bestens geschützt.
Wir Deutsche haben nur dieses eine Wort Himmel. Es kann sowohl die Himmelswelt bedeuten, die wir mit unseren Fernrohren durchforschen als auch die ewige Welt, in die kein Fernrohr reicht. Trotzdem meine ich, sind wir besser dran als der Engländer!
Mit den zwei verschiedenen „Himmel" kann man auch die beiden Welten immer hübsch säuberlich voneinander trennen! Es gibt da keine Verwechslung, aber es fehlt auch gar leicht die Verbindung zwischen den beiden Welten in den Gedanken und dem Geist des Menschen.
Darum aber geht es in der christlichen Botschaft der Himmelfahrt! Durch sie sollen wir eigentlich dazu gezwungen werden, aufzuschauen! Unsre eigene Welt ist das, was wir mit unseren Fernrohren betrachten können. Auch sie ist unendlich groß. Aber selbst das wissen wir nicht genau, weil wir uns
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Links: Auf der Strecke am Professoreneck. — Rechts: Im Ziel an der Volkshalle. — (Aufnahmen f2]: Pfaff Nächst, Gießen.)
Vermählung wurde in der Walpurgisnacht und den zwölf ersten Tagen des Mai begangen. Diese Tage galten als heilig, und an ihnen fand das „Maifeld öder Mailager"', der urdeutsche Landtag, statt. Hier wurden die Kriegszüge beschlossen, die Herzöge gewählt, Jünglinge für wehrhaft erklärt und mit dem Schwert umgürtet; dabei wurden große Opferfeste begangen mit Gelagen, Spiel und Tanz.
Den Himmelfahrtstag zu fröhlicher Feier in Wald und Heide, auf Bergen und Hügeln zu benutzen, ist alter Brauch in deutschen Landen. In neuchristlicher Zeit zog zur Maifeier die Dorfgemeinde mit dem Priester um die im jungen Grün schimmernden Aecker und brachte dem Wettergott Donar Opfer, damit er die Felder schütze vor Wetterschäden und Mißernte, vor Frost und Hagel. Daran schloß sich das Anzünden eines Feuers: die verglimmten Holzreste wurden in die Felder gesteckt und die Asche über die Flur gestreut. In kluger Anpassung übernabm^bie Kirche die heidnische Sitte und gab ihr ein christliches Gepräge. Der Tag des Donar, Donnerstag, wurde auf den Tag der Himmelfahrt des Heilands gelegt. Allmählich ist bann der heidnische Wetterbittgang zu einem christlichen Erntebittgottesdienst, einer sogenannten Hagelfeier, umgebildet worden. Eine Erinnerung an den Wettergott Donar lebte noch bis in die Neuzeit hinein im Waldeckschen und in einigen Harzdörfern, das Eichhörnchenjagen; am Himmelfahrtstage zog man in die Tannenwälder, um die dem Donar heiligen Tiere mit dem roten Pelz zu, jagen.
Maientau ist kräftigend und heilsam, wenn man sich damit wäscht. Am Himmelfahrtsmorgen pflücken in Schlesien die Burschen einen Strauß aus Gräsern und Maiblumen und überreichen ihn ihrer Auserwählten am Kammerfenster; wer sich mit dem Tau aus diesen Blumen das Gesicht bestreicht, bewahrt sich eine fleckenreine Haut und gesunde Augen, und welche Maid hat nicht den Wunsch nach frischen Wangen und blauen Augen? Weniger zart bei der Wahl der Mittel zur Auffrischung der Mädchenhaut verfahren die Knechte im Westfälischen, indem sie die Hofdirnen am Himmelfahrtsmorgen schlankweg in die „Hofkühle" werfen, und das nennen sie dann noch gemütvoll „Maibad"! Zugunsten der Burschm spricht noch der mögliche Mittelweg, daß die Mädchen einen Fuß oder wenigstens den Holzschuh in has Wasser der „Hofkuhle" stecken; dann sind sie vom „Bad" befreit, vorausgesetzt, daß sie nicht auf die Burschen schimpfen. Diese Voraussetzung kann man wohl als mildernden Umstand für die Dorfkavaliere dahin auslegen, daß die dörflichen Evastöchter ihr Mundwerk auch nicht immer zart und säuberlich handhaben. Im übrigen findet sich Männlein und Weiblein abends bei der Himmelfahrtsfeier zum Tanz friedlich und vergnügt beisammen. A.
Dornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Stadttheater: 19.30 bis 21.45 Uhr „Die Kleider meiner Frau". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Sein letztes Modell". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Kronzeugin". — Oberhessischer Kunstoerein, Turmhaus am Brand: 16 bis 18 Uhr Ausstellung von Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen von Lotte Droese.
Tageskalender für himmelfahrlslag.
Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: Ausstellung von Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen von Lotte Droese. — Gloria-Palast- Sel- tersweg: „Sein letztes Modell". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Kronzeugin". — Landschaftsbund Volkstum und Heimat: 7.30 Uhr Abfahrt ab Bahnhof zur Wanderung durch den Krofdorfer Forst. — Paddlergilde Gießen: 6.30 Uhr Abfahrt ab Bahnhof zur Wanderfahrt Marburg—Gießen. — Turnverein von 1846: 7 Uhr Abmarsch von der Lahnbrücke zur Wanderung ins Salzbödetal. —
sich
Hamstern Sie „Sonne"!
Sonne ist Kraft u. Energie. Sie können nicht genug davon in aufnehmen! Aber Vorsicht vor Sonnenbrand! Nivea erlaubt Ihnen, in Sonne zu schwelgen, wenn Sie sich vorher und nach Bedarf wiederholt einreiben.
Geburtstag eines guten Onkels.
Von Gorge Spervogel.
Die Schwänze abgeschnitten? Ihnen bei lebendi- oem Leibe die Schwänze abgeschnitten, um eine Ochsenschwanzsuppe ju kochen? Aber er hatte doch nur eine Pfanne! Nein, selbst die Ochsen wußten, daß Onkel Bommerjan, wenn er an seinem Geburtstage mit den Nichten, den Neffen und ihrer Freundschaft ausfuhr, wirklich nur eine Pfanne mitnahm. Zwar, hätten sie ihn mit einem Kessel gesehen ...
Die Pfanne, das war die Hauptsache, sie war blank wie ein Spiegel, aber auch das Waldhorn war nötig. Wir alle kannten die Pfanne und das Waldhorn, jedoch in jedem Jahre erschienen sie uns neu. Auch der Gutshof, auch die Wagen — alles blank und neu wie die glitzernde Weite des Stromtales und der frische Himmel darüber und die Wolken, deren kühle Schatten das sprühende Licht auf den Wiesen kaum dämpften. Wir fuhren am Strome entlang durch die Wiesen, Onkel Bommerjan im Dogcart vorweg, dahinter die Equipage, der Landauer, die Chaise und der Jagdwagen, darauf Krümperwagen und Break, am Ende ein Lastgefährt; der Onkel blies, wir fuhren Trab, Lachen und Rufe den Zug entlang.
Es war das eine wie das andere Mal: Onkel Bommerjan lenkte dem Dorfstrcken zu, mit krachenden Rädern und Peitschenknall kutschierten mir durch die Vormittagsstille der Straßen. Dann blies er zum Halten, nun kaufte er ein. Und damit entschied sich das Schicksal des Tages. Er hatte nur feine Bratpfanne, alles andere lag am Zufall. Was, wenn der Einkauf mißriete? Was, wenn der Onkel gezwungen wäre, erst seine wahren Künste anzuwenden?
In Ruhe versammelte er die Schar der Nichten um sich her, daß sie ihm beim Suchen und Kaufen beistanden und lernten, aus dem, was der Zufall bieten mochte, ein Geburtstagsmahl zu erschaffen. Was den Meister Metzger betraf, so zeigte es sich, daß er im Besitze von nichts anderem als einer großen Menge Hammelkoteletten war; |a, vielleicht noch schieres' Kalbfleisch, wenn es das fein durfte, oder Leber, mehr war nicht vorrätig, das war alles Speck-? Jawohl, Speck war auch da. Keine übermäßige Auswahl, eine schwere Aufgabe für den Onkel.
Er überlegt und sagt: „Schneiden Sie das Kalbfleisch und die Leber in kleine Würfel und den Speck in dünne Scheiben. Ich nehme das alles mit." Fertig, zum Krämer. Der Metzger strahlte, als er die Last an den Wagen braute; er hatte sich nicht verrechnet, was alle Jahre geschah, war auch in diesem nicht ausgeblieben. Indessen kam Onkel Bommerjan mit den Nichten vom Krämer zurück, eine große Düte Holzkohlen auf dem Arme. Auch der Krämer strahlte, er hatte nicht umsonst, teuren Käse und ausgesuchte Früchte bestellt.
Nun gehörte es sich, daß wir alle, Nichten, Neffen und Freundschaft, den Onkel befragten, ob er auch wirklich in den Läden wenigstens das Allernötigste bekommen habe, und ob es nicht besser wäre, zurück zum Gute zu fahren oder im Gasthaus ein Essen zu bestellen. Er lächelte seine hübschen Nichten an, der gute Onkel Bommerjan, ob sie sich wohl getrauten, aus dem Eingekauften und einer Pfanne und sonst gar nichts eine des Tages würdige Mahlzeit für alle die Hungrigen zu bereiten; und nun gehörte es sich, daß sie daran zweifelten — nein, sie trauten es sich nicht zu, die lieben Mädchen. Ho, vorwärts, emgefttegen!
Jetzt trachtete Onkel Bommerjan danach, auf anmutigen und verzwickten Umwegen einen feiner Lagerplätze zu erreichen. Er hatte ihrer verschiedene, die je nach dem Wetter aufgesucht wurden. Keiner lag sehr weit entfernt, alle auf dem Boden des Gutes, aber der Onkel zögerte die Ankunft so lange hinaus, bis ihn selbst und damit wohl auch uns der Hunger spürbar zu plagen begann. Noch einen Hügel hinauf, durch einen Wald aus Birken, dessen Boden weiß von Buschwindröschen war — das Ganze halt!
Während wir die Pferde versorgten, die Körbe, die Decken und das Eingekaufte zum Lagerplatz trugen, streifte der Onkel einsam umher. Es gab nahebei einen kleinen Teich, in den ein Bach mundete, und Wiesen und Waldstücke, das alles war des Onkels Küchengarten. Was brachte er mit? Pfefferkraut, Löffel- und Pfennigkraut, junge Blätter vom Sauerampfer, dazu dürres Geäst, trockenes Gras und ein Bündel gerader, grüner Zweige Er betrachtete die Decken, die wir in einem weiten Kreise auf den Boden gelegt hatten, das weiße Tischzeug mit den Gläsern und Bestecken — gut, er konnte' anfangen. „Zu Tisch! Zu Tisch!" Aber noch war nichts vorhanden, nur die geöffneten
Flaschen, ein Korb voll Brotscheiben und Stapel leerer Teller.
Onkel Bommerjan entzündete in der Mitte unseres Kreises das dürre Gras und das Geäst. Er schüttete Holzkohlen darauf und blies. Es gab eine rote Glut. „Schenkt ein! Verteilt Brot!" Schnell, schnell ... und unter unserem staunenden Zweifel legt er eines der Koteletten nach dem anderen, nur eben trockengerieben, nebeneinander oben auf die Glut. Es zischt und brutzelt ... eine Minute, zwei, drei, er wendet sie, noch einmal zwei Minuten — die Teller, schnell! Ein Salznebel darüber, fertig. Die Glut neu entfacht, und noch einmal von vorne. „Eßt doch schon, wartet nicht!"
Und nun gehört es sich, daß wir erstaunen. Wir erstaunen wirklich, denn die Koteletten sind goldbraun und knusperig, es hängt keine Spur von Kohle oder Asche daran; innen sind sie rosa und saftig.
„Die Teller! Schnell!" Alle Koteletten sind gebraten. „Himmel, die Kräuter!" Sie schmecken, frisch wie sie sind, besser als Kresse Der Wein ist gut und alt, das Brot locker und kräftig.
Der erste Gang ist beendet. Unser Onkel streift Kalbfleischwürfel, Leberstückchen und wieder Fleischwürfel, eines vom anderen durch Speckscheiben getrennt, auf die kleinen Spieße aus grünem Holz. Wieder zittert die Luft über der entfachten Glut, wieder beginnt es zu braten und zu duften. Jeder bekommt solch einen Spieß, diesmal mit Salz, Pfeffer und einem Tropfen Zitrone gewürzt. Wir trin- fen etwas mehr Wein dazu. Noch einen Spieß, noch ein Stück Brot. Wir essen, bis nichts mehr da ist. Die Nichten verteilen den Käse, das Obst.
„Und nun", sagt Onkel Bommerjan voller Behagen, „einen Kaffee, wie?" Wir holen die Thermosflaschen. „Ein Glück, Onkel, daß du ihn nicht in der Pfanne kochst!" Die Pfanne? Nein, wahrhaftig, seht die Pfanne! Sie ist unbenutzt, blank und neu.
„Aber was hättest du getan, Onkel, wenn im Dorfe nichts zu kaufen gewesen wäre?"
„Es würde ... nun, es würde vielleicht wilde Spargeln gegeben haben, aus Teichkolbenstielen oder jungen Farrenwedeln, dazu Taubeneier und verschiedene Salate, vorher Fische, Forellen, mit der Hand aus den Bächen gefangen ... und nachher, ach, es hätte sich auch für nachher etwas gefunden."
Seht ihr? Don Ochsenschwänzen keine Rede!
Aber jetzt ist es an der Zeit, daß der gute Onkel ein wenig schlafen muß. Zwar ist er nicht müde, er ist jung wie wir; aber welche Anstrengung, ein Mahl für viele, aus Nichts, ohne Hilfe! So läßt er es geschehen, es sind ja seine Nichten, die ihn betten und mit allen Decken umhüllen. Leise nun! Wir gehen mit dem Geschirr zum Bach und waschen es, dann aber haben wir Zeit für uns. Wir gehen m den Wald, zu dritt, allein, oder zu zweien, und pflücken Anemonen, Sternblumen und Veilchen, Leberblumen, Lerchensporn und Himmelsschlüssel. Die Nichten winden Kränze für den Onkel, des Onkels Wagen und des Onkels Pferd. Vielleicht ist auch unter uns einer, dem ein Kranz zugedacht wird. Aber wir nehmen ihn aus dem Haar, wenn das Waldhorn zum Sammeln bläst.
Heinrich SchluSnus.
Kammersänger Heinrich Schlusnus (Bariton) von der Berliner Staatsoper gibt im Gießener Äon» zertverein einen Liederabend mit Werken von Schumann, Beethoven, Trunk, Pfitzner und Hugo Wolst


