Nr.54 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Zreitag, 5. März 1937
Handwerk hat goldenen Boden.
XL
Der Klempnermetster.
DA. Wenn wir heute eine neue Wohnung suchen, dann ist unsere erste Frage oftmals schon die nach dem Badezimmer, zum mindesten soll in der Wohnung bzw. der Küche fließendes Wasser oder gar eine Warmwasseranlage vorhanden sein. Wir wollen auch nicht mehr — wie zu Großvaters Zeiten — mit dem großen Schlüssel über den Hof oder in Mietshäusern eine halbe Treppe tiefergehen, sondern verlangen mit Recht, daß solche „Gelegenheiten" innerhalb der Wohnung liegen und daß für jede Familie mindestens eine Anlage vorhanden ist. Auch die Waschküche soll einigermaßen zeitgemäß eingerichtet sein. Und wenn gar in der Wohnung noch eine Zentralheizung ist, dann entspricht diese so ungefähr allen Ansprüchen technischer Art, die man heute an eine normale Wohnung stellen kann. Alles das gehört in das Arbeitsgebiet des Klempner- und Jnstallateurhand- werks, und welche Aufgaben dieses noch zu erfüllen hat, können wir daran ermessen, daß in ganz Deutschland nur etwa 2 v. H. aller Wohnungen mit „sanitären Anlagen" versehen sind, die man als vorbildlich bezeichnen kann und daß nur rund 3 bis 4 v. H. der Wohnungen eine Zentralheizungsanlage haben.
Große Schuld an diesen Zuständen haben die Baumeister der Vergangenheit, die alle diese Einrichtungen nicht als lebensnotwendig ansehen wollten und deshalb beispielsweise dem Badezimmer meistens den dunkelsten Raum der Wohnung zuwiesen. Und als nun in den Nachkriegsjahren das Verständnis für diese Dinge mehr und mehr zunahm, begannen alle Klempner, Zentralheizungsbauer, aber auch Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke hierfür in starkem Maße zu werben, ohne jedoch auf einander Rücksicht zu nehmen. So baute man wahllos in manche alte Wohnungen sanitäre Anlagen hinein, ohne sich weiter über Abflußrohre und dergl. Sorgen zu machen — die Folge war, daß manche Wohnung dadurch noch ungemütlicher wurde als vorher.
Obgleich in der Versorgung der deutschen Wohnungen noch so große Lucken vorhanden waren, hat die Krise doch nichts daran ändern können, daß auch die Umsätze dieses Handwerkszweiges zurück- gingen, wobei es einerseits eine große Rolle gespielt hat, daß man allgemein für die Notwendigkeit solcher Anlagen nicht das nötige Verständnis hatte und lieber ohne solche Anlagen billiger baute; anderseits gingen aber auch die größeren Werke da- äu über, sich eigene Klempnerwerkstätten anzuglie- bern — sogenannte Regiebetriebe — um 'den Verdienst an der Installation selbst in die Tasche zu stecken. Dies war damals vielleicht zu einem Teil dadurch berechtigt, daß mancher sich .„Klempner" oder „Installateur" nannte, ohne in Wirklichkeit sein Handwerk richtig gelernt zu haben. Heute rst zwischen dem Handwerk, der Industrie und den beteiligten Gas- und Wasserwerken eine Zusammenarbeit vereinbart worden, und man will künftig nur noch gemeinschaftlich für sanitäre Anlagen werben.
Im Jahre 1929 hatten die etwa 23 000 Betriebe dieses Handwerkszweiges noch einen Umsatz von rund 600 Millionen Mark gehabt, der jedoch bis 1932 auf 250 Millionen Mark, d. h. um 55 v. H. sank. Und da auch die Preise ständig zurückgingen, die Ausgaben für das verarbeitete Material jedoch ziemlich gleich blieben, mußten die Klempnermeister zwangsläufig ein Drittel ihrer Gesellen entlassen. Bereits im Jahre 1933 stiegen die Umsätze wieder, weil schon bald nach der Machtergreifung eine neue Aufwärtsbewegung im Baugewerbe einsetzte; die Zunahme betrug rund 20 v. H gegenüber 1932 Seitdem sind die Arbeitsaufträge dieses Handwerks- Zweiges ständig sehr stark gestiegen — ein Zeichen
dafür, daß man nach der Machtergreifung in alle Neubauwohnungen auch gleich gute sanitäre Anlagen einbaute und daß mancher Alt-Hausbesitzer jetzt auch in seinem Haus entsprechende Anlagen schaffen ließ.
Eines war jedoch bedenklich bei dieser ganzen Entwicklung: viele Klempnermeister behielten nämlich eine üble Angewohnheit aus den Krisenjahren bei und unterboten sich weiter gegenseitig, ohne sich dabei über die Folgen ihres Handelns klar zu sein. Gewiß hat derjenige, der ein Haus baut, ein Interesse daran, daß die Baukosten möglichst niedrig
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sind, wenn aber der Handwerker unter seinen Selbstkosten arbeiten muß, dann muß er das irgendwo wieder herauswirtschaften. Entweder liefert er also schlechte Arbeit oder er bezahlt seine Gesellen unter Tarif, wenn er nicht seine Rechnungen, Steuern, Sozialabgaben usw. unbezahlt lassen will. Aber auf die Dauer geht auch das nicht und eines Tages steht er dann vor dem wirtschaftlichen Ruin. In den Jahren 1932/1933 machten jährlich etwa 2 bis 3 v. H. aller Klempnermeister pleite. Das ist an sich noch eine verhältnismäßig gesunde Erscheinung, denn wer nicht rechnen kann, muß eben seinen Betrieb schließen. 1935/1936 stieg diese Zahl jedoch auf 17 v. H., und das ist entschieden zuviel, denn jeder Geschäftsinhaber, der Konkurs macht, schädigt ja seine Lieferanten, die bei ihm beschäftigten Volksgenossen verlieren ihren Arbeitsplatz usw. Diese Ent- roidtung mußte also abgebogen werden und deshalb genehmigte das Reichswirtschaftsministerium dem Klempnerhandwerk bzw. dem Reichsinnungsverband Maßnahmen, die den einzelnen Klempnermeister zu einer richtigen Preisberechnung bringen können. Hier ist nun auch das Verständnis der Kundschaft notwendig, die ja immer so gern von dem „teuren Handwerksmeister" spricht. Daß ein Handwerker keine zu hohen Preise nimmt, dafür sorgt schon die Konkurrenz — wenn der Preis trotzdem zu hoch erscheint, kann man sich seine Zusammensetzung ja einmal vorrechnen lassen —, wenn aber jemand zu billig arbeitet, dann ist Vorsicht am Platze. Und da die nationalsozialistische Wirtschaftsführung mit allen Kräften an der Gesundung des Handwerks und Handels arbeitet, sollte auch derjenige, der von einem Handwerker gute Arbeit fordert, dem Handwerksmeister einen angemessenen Preis zubilligen. _________________
Gchießschnüre für Artilleristen.
Auch für die Artillerie sind jetzt Schießschnüre eingeführt worden. Dies ist die Schnur für die zwölfte, die höchste Stufe. Eine silberne Schnur mit einem goldenen Ring und einer Plakette sowie drei kleinen Granaten, die in goldener Farbe gehalten sind.
(Scherl-Bilderdienst-M.)
Das Feuerlöschwesen im Kreis Gießen.
Guter Ausbildungsstand der Wehren. — 43 Freiwillige Feuerwehren
Dem Jahresbericht des Kreisfeuerwehrinspektors des Kreises Gießen für das Jahr 1936 entnehmen wir folgende Mitteilungen von allgemeinem Interesse:
In 48 Gemeinden des Kreises Gießen nahm der Kreisfeuerwehrinspektor eine Besichtigung der Feuerlöscheinrichtungen vor, mit der in 37 Gemeinden eine Hebung verbunden war. Die Feuerlöscheinrichtungen in den Gemeinden Birklar, Saubringen, Großen-Linden, Hausen, Heuchelheim, Klein-Linden, Leihgestern, Muschenheim, Nieder- Bessingen, Watzenborn-Steinberg, Weickartshain, Weitershain und Wieseck konnten in ihrer Gesamtbewertung mit sehr gut, die der Gemeinden Albach, Allertshausen, Alten-Buseck, Bersrod, Beuern, Harbach, Inheiden, Kesselbach, Langd, Lindenstruth, Lumda, Rabertshausen, Rüddingshausen, Ruttershausen, Saasen, Staufenberg, Steinbach, Stockhausen und Utphe mit gut bezeichnet werden, während das Ergebnis der Besichtigung in vier Gemeinden nur genügend war.
3m Zusammenhang mit dem Ergebnis der Besichtigungen des Vorjahres kann das Feuerlöschwesen im kreis Gießen im großen und ganzen mit gut bis sehr gut bezeichnet werden.
In fast sämtlichen Gemeinden des Kreises sind im Berichtsjahr Verbesserungen, sowie Neuanschaffungen der Gerätschaften vorgenommen worden. Neben Kleingerätschaften und Schläuchen wurden vor allem tragbare Schiebeleitern und mechanische Schiebeleitern neu beschafft. Besonders hervorzuheben sind in dieser Hinsicht die Gemeinden Beuern und Allendors a. d. Lda., die mechanische Schiebeleitern erhalten haben, und Klein-Linden, sowie Großen-Linden, die zur Verstärkung des Feuerschutzes Motorspritzen bekommen haben. Die Gemeinde Muschenheim hat ein geräumiges Gerätehaus mit einem Schlauchtrockenturm erbaut, das den Anforderungen für die Unterbringung der Löschgeräte und für das Trocknen der Schläuche in sehr vorteilhafter Weise entspricht.
Brände sind im Berichtsjahr insgesamt 24 dem Kreisfeuerwehrinspektor gemeldet worden.
Abgesehen von drei Bränden größeren Ausmaßes, dem Brand eines Sägewerkes in Treis a. d. Lda. am 17. März 1936, eines Sägewerkes in Villingen am 30. Juli 1936 und dem Scheuerbrand in Heuchelheim am 4. Juni 1936, hatte es sich in allen anderen Fällen um Kleinfeuer gehandelt.
Die Kreismotorspritze wurde anläßlich der Brände in Treis a. d. Lda., in Villingen und desjenigen in Heuchelheim alarmiert und konnte wesentlich zur Bekämpfung des Feuers beitragen.
Die Löschwasserversorgung war im Berichtsjahr Gegenstand der dauernden Ueberwachong durch den Kreisfeuerwehrinspektor. 3n den 80 Gemeinden des Kreises sind noch zehn Gemeinden ohne eigene Wasserleitung. Mit Ausnahme einer einzigen Gemeinde ist aber auch in diesen Gemeinden die notwendige Vorsorge für das Vorhandensein von Löschwasser durch Anlage von Brandweihern und dergleichen getroffen.
Es ist zu hoffen, daß ine einzige Gemeinde des Kreises, in der die Löschwasseroerhältnisie noch nicht zufriedenstellend sind, vielleicht noch im Lause dieses Jahres, in den Besitz einer Wasserleitung kommt.
Aus Anordnung des Kreisamtes fand am 24. April 1936 ein Nachtalarm für die Freiwillige Feuerwehr in L i ch statt. Mit Rotfeuerpatronen und Rauchfeuer wurde die Brandstelle (Maschinenfabrik Schieferstein) markiert.
Die Zusammenarbeit mit dem Reichsluftschuhbund war im Berichtsjahr außerordentlich rege.
In Lehrgängen wurden sämtliche Feuerwehrführer des Kreises durch den RLB. geschult. Die Wehr- sührer waren in Gießen zusammengezogen und in dem Studentenheim untergebracht. An der Spülung beteiligte sich der Kreisfeuerwehrführer "ktiv mit. Die Wehrführer bzw. Unterführer einer räßeren. Anzahl Wehren aus den Gemeinden des Kreises waren zu ihrer weiteren Ausbilduna zu Kursen in der Feuerwehrfachschule in Mainz abkommandiert. Außerdem hat der Kreisfeuerwehr- inspektor auf besondere Anordnung hin ebenfalls an einem Sonderlehrgang der Feuerwehrfachschule im November 1936 teilgenommen.
Die Gründung von Freiwilligen Feuerwehren im kreis Gießen hat weitere Fortschritte gemacht.
In insgesamt sieben Gemeinden, und zwar in Albach, Langd, Lumda, Nonnenroth, Inheiden, Rüddingshausen und Villingen wurden neue Wehren gegründet. Mit diesen Neugründungen sind am Ende des Berichtsjahres im Kreis Gießen insgesamt 43 Freiwillige Feuerwehren vorhanden. Es wird Aufgabe der nächsten Zeit fein, den Gedanken der Freiwilligkeit noch mehr als bisher auch in den Gemeinden zu verbreiten, die bisher noch nicht das notwendige Verständnis für die Notwendigkeit einer Freiwilligen Feuerwehr gezeigt haben.
. Messer
März.
Von Carl Conrad
Früh an einem Sonntagmorgen wird ein Mann wach in der Stadt, weil ihm die Sonne gerade ins Gesicht scheint. Der Mann macht die Augen auf und hält den Atem an. Er hört ein leises Pochen, rote wenn jemand Einlaß begehrt. Aber es ist nur das Schneewasser, das vom Dache auf den Asphalt der Straße niedertropft. Der Mann springt aus dem Bett und öffnet das Fenster. Eine milde weiche Luft bringt herein. Endlich nach langen grauen Wochen ist der Himmel wieder frei und schwingt weit in seinem klaren zarten Blau. Die gegenüberliegende Seite der Straße ist unbebaut. Dort liegt eine Wiese, die hat über Nacht einen grünen Schleier angelegt. Aus dem Schleier lausen Hühner umher und stechen zuweilen ihre Schnäbel in das zarte Grasgewebe. In der Mitte der Wiese steht ein kleines Bretterhaus mit schwarzer Dachpappe bedeckt. Die Sonne brennt daraus nieder so gut sie nur kann, und der Mann im Fenster glaubt den herben Teergeruch in seiner Nase zu spüren, die er so recht weit in die warme, helle Luft hinausstreckt. Auf dem Dach des Bretterhäuschens steht ein Hahn. Plötzlich plustert er sich auf. Er sieht beinahe aus, als stelle er sich auf die Zehenspitzen, so reckt er sich empor Und nun kräht er die Sonne an. Sein roter Kamm leuchtet wie eine kleine Flamme über seinem Kops.
Der Mann im Fenster denkt an die Kindheit. Er sieht sich in einer kleinen Kammer auf einem hohen Bette liegen. Das Holz der Bettstelle ist blaugestrichen, und am Kopf- und Fußende sind Rosen aufgemalt. Ein Hahn kräht. Es ist der blaue „Gockel Sepp", wie ihn die Kinder nennen. Hinter dem Hause rauscht der Bach Durchs Fenster leuchten die blauen, gewaltigen Berge. Von unten klingt das Dengeln einer Sense herauf. Wie er so zurückdenkt, zieht der Mann im Fenster sein Gesicht in wehmütige Falten, daß er recht alt und hausbacken aussieht.
Prötzlich schreckt chn ein Gelächter aus seinen schönen, traurigen Erinnerungen auf. Eine kugelrunde Mutter geht mit ihren beiden Töchtern vorüber. Die Mädchen tragen bunte leichte Kleider, die ihnen etwas Märchenhaftes geben. Aber bald hat eine von ihnen den seltsamen Mann entdeckt, der dort oben so träumerisch in seinem Nachtgewand am Fenster steht, und nun müssen sie alle beide lachen, weil es so komisch aussieht und das Wetter so schön ist. Sie flattern an den festen Armen ihrer Mutter wie zwei übermütige Falter davon. Der
Mann tritt ins Dunkel des Zimmers zurück. Er fährt sich durch das Haar und ist erstaunt, daß er plötzlich ganz ungehörig auf einer Kommode fitzt. Er läßt seine Seine baumeln, wiegt den Kopf hin und her, als sei das ein gewichtiger Baumwipfel im Frühlingswind, und beginnt aus voller Brust zu fingen: „Wie bist du doch so schön, du weite, weite Welt .. "
Aber da ist er auch schon wieder still, denn er weiß, daß es sich für einen ordentlichen Mieter nicht gehört, so in aller Frühe aus Leibeskräften zu singen. Indem er auf feine Beine blickt, wie sie so ganz für sich durch die Luft pendeln, denkt er: „War das nun eine richtige Geschichte? Nein, das war beileibe keine richtige Geschichte! Aber es ist trotzdem allemal ein herrliches Wunder, wenn der Winter vorüber ist, und die Sonne so schön warm scheint, die Wiesen grün werden und die Menschen in hellen Kleidern vor die Häuser gehen und lachen, in leichten, bunten märchenhaften Kleidern ... Das kann man gar nicht oft genug beschreiben. Basta!"
Und damit springt er von seiner Kommode herunter, daß das Geschirr auf dem Waschtisch rasselt.
Pisco.
Von Waldemar Keller.
Es sind nun viele Jahre her, da war Sievers, der Segelschiffskoch, mein bester Freund. Vermutlich deshalb, weil ich niemals, auf Ehre, die Kombüsentür mit Teer beschmiert, niemals „Smutje" durchs Bullauge gerufen habe.
In der Nacht, wenn der unwahrscheinlich aroße Mond aus den kahlen Küstengebirgen eine Landschaft für verliebte Amateurphotographen machte, war es in Pisagua, war es in Taltal oder Caleta Buena, ich weiß nicht mehr, dann standen wir auf dem Achterdeck, laues Wasser gluckste an der Bordwand, Mastengerippe streckten sich finster in den Himmel, und Sievers erzählte. Von seinen dreizehn Fahrten um Kap Horn, von seinen Abenteuern in Kanton, Rio und Honolulu, von der Karambolage im Nebel, vom goldstrotzenden Elefanten des Königs Tschulalangkorn
Schüchtern muß angemerkt werden: der alte Knabe war vordem nie über die Nordsee hinausgekommen, bestenfalls hatte er mal von fern Island gesehen. Aber was tat das? Die weiß gewesene Mütze keck im Nacken, schmauchte er seine Maispfeife, spuckte, spann sein Garn. Denn er konnte sich begeistern An bunten Schmökern. Am holländischen Tabak. Und an dem, wonach er in solchen Nächten roch. Das war Pisco.
Es gibt keine menschliche Erfindung, die schändlicher wäre als Pisco. Ein Traubenschnaps, genannt nach einer peruanischen Stadt. An der Westküste Südamerikas das Morgen- und Abendgebet. Sieht aus wie klarster deutscher Korn, wirkt wie ... nicht zu beschreiben. Eine ganze Flasche kostet vierzig Centavos Das Glück des kleinen Mannes.
An Bord der ankernden Schiffe: verboten. Zwecklos natürlich Der heimliche Import blüht. Diejenigen, die an Land gehn, find die „Bazillenträger" Aber man muß aufpaffen, denn der Erste Steuermann hat ein verflucht scharfes Auge.
Eines Sonntags will ich ins Boot steigen. Sievers pirscht sich heran. „Junge, bring’n Buddel mit." Wenn man nichts verderben will, ist Bitte hier Befehl.
Leider bin ich ein Unglücksrabe von seltenem Format. Als wir zurückkehren, leuchtet am Fallreep die gelbe Jacke des Ersten Steuermanns. Mein frommstes Kindergesicht ist zu nichts nütze. Eine derbe Harld angelt aus dem linken Hosenbein die Piscoflasche heraus.
Sievers, gerade mit dem Abendessen beschäftigt, hatte um die Ecke geluchst. Neese! Das erträgt kein braver Schiffskoch. Die Salzfleischgabel in der Faust, ftünt er auf den Steuermann zu, reklamiert „seinen^ Buddel. Der Steuermann lächelt, infernalisch konnte der Kerl lächeln, macht kehrt, wortlos, nimmt den Schatz mit.
Sievers hält eine Volksrede Das ganze Logis, bald versammelt, hört ihm aufmerksam zu, fünfundzwanzig Köpfe nicken Beifall, böse Zwischenrufe bringen den Gabelschwinger völlig aus der Fassung. Er stürmt in die Kapitänskajüte, sich zu beschweren. Fünfundzwanzig Mäuler feixen hinter ihm her.
Mit dem Koch die diplomatischen Beziehungen abzubrechen: das überlegt sich selbst der Kapitän. Man findet nicht gern Kakerlaken in den Suppenterrine. Sievers bekam seinen Buddel ausgehändigt. Ha, welch ein Sieg!
In der Nacht ritt wieder einmal der König Tschulalangkorn auf dem goldstrotzenden Elefanten, und der Nebel brodelte, Masten krachten ..
Am Morgen aber, als der Erste Steuermann kommt, zur Arbeit zu rufen, steht Sievers kreuznüchtern an der Reling. Wendet sich plötzlich „Stürmann", sagt er, „Stürmann, hier is de Buddel. Voll! Und hier fmiet ick em över Bord. So! Ick will mien Recht. Dat Snapstüg will ick gor nid) hebben!" Majestätisch schreitet er davon.
Pisco ist ein Traubenschnaps, sieht aus wie klarster deutscher Korn, wasserhell, wasserhell ...
Der Erste Steuermann tat vernünftigerweise dasselbe wie wir: er krümmte sich vor Lachen.
Lustsckiffahri vor 120 Jahren.
In der „Hildburghäuser Dorfzeitung" vom Jahre 1818 finden wir einige auch heute noch interessante Nachrichten, die beweisen, daß man sich schon damals mit der Luftschifferei befaßte. Es heißt da u. a.:
„Zu Lippstadt war am 18. Oktober eine Lustschiffahrt. Der Ball war gefüllt, der Nachen (!) halb verdeckt, so daß man das Einsteigen des Mannes nicht bemerken konnte; auf einmal wurde kommandiert, die Stricke zu lösen, der Ball hob sich, und man denke sich den Schreck! Der Mann konnte nicht so schnell in den Nachen, mit beiden Händen hielt er sich, während Alles aus Furcht und Entsetzen schrie und der Ballon sich mit Blitzesschnelle in die Höhe hob. Erst ging eine Hand los und so hing er noch eine gute Weile in einer Höhe von drei Kirchtürmen. Allen Zuschauern standen die Haare zu Berge, denn in jedem Augenblick mußte man ja fürchten, daß er herunterfiel. Einige hielten die Augen zu, um diesem schrecklichen Anblick auszuweichen. Andere aber liefen doch dem Ball nach. Endlich verlor der Mann denn auch die Krast in dem anderen Arm, er stürzte herab und — zerschmetterte in tausend Stücken?? — Gott bewahre! blieb ganz? — Ganz? — Ja, ja, er blieb ganz; als man sich hinzudrängte und näher zusah, war's ein Strohmann. Der Spitzbube, der die ßeute damit angeführt hatte, hatte sich indeß wohlweislich aus dem Staube gemacht."
Ein andermal berichtet der „Dorfschreiber" derselben Zeitung:
„Nicht weniger als fünf lustschiffende Familien sind nach Aachen gewandert, um dort ihre Künste sehen zu lassen, nämlich Herr Garnerin mit feiner Tochter, die er mit den Worten vorstellt: ,Das ist Fräulein Garnerin deren Vater zu seyn ich die Ehre habe'; Frau Reichard, Herr Sadler, Herr und Frau Margart und Frau Blanchard. Ich habe mir den Kopf zerbrochen, warum gerade soviel Lust- schiffer nach Aachen gereift sind, da man doch gar- nichts von Lustschlössern hört, die dort gebaut wor- den wären, am Ende habe ich herausgebracht, daß man wahrscheinlich die Truppen, die aus Frankreick; fortgehen, in Luftschiffen nach Haus schaffen will, damit sie unten nicht soviel Wirtschaft mad)en. Ich freue mich recht darauf, wenn nun so ein Regiment nach dem andern oben über unseren Köpfen mit klingendem Spiel hinzieht, und wir ihnen nid)ts zu geben haben als freien Rauch damit es droben in der Luft nicht zu kalt ist."
Wenn dieser „Dorfschreiber" heute aus dem Grabe steigen würde!...


