Nr.30 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Freitag, 5. Februar MI
Aus der Provinzialhauptstadt.
Hellere Tage ...
Natürlich, man muß schon ein wenig hoffnungs- freudig veranlagt sein, um es zu bemerken. Aber die Hoffnungsfreude ist ja überhaupt jener nimmermüde Motor, der unserem Dasein den schönen Schwung verleiht. Was hat so ein alter Griesgram vom Leben, wenn er stets das Unerfreuliche sucht und selbstverständlich bei jeder Gelegenheit ein Haar in der Suppe findet. Er wird auch in diesem Falle ein mürrisches Gesicht ziehen und auf die unwiderlegbare Tatsache Hinweisen, daß es Winter ist und daß wir eben noch die Wirkungen des winterlichen Regiments verspüren.
Mag er auch mit diesem Hinweis recht behalten, er wird nicht glücklicher davon. Ein Griesgram wird niemals glücklich und würde er auch zum König der Griesgrämigkeit gekrönt. Hingegen läuft der Hoffnungsfreudige täglich mit der Anwartschaft auf das große Glück herum, und diese Aussicht stimmt ihn auf alle Fälle heiter. Mit heiteren Augen läßt sich aber auch eine ganze Menge wahrnehmen, und so stellt der Hoffnungsfreudige jetzt mit großer Genugtuung fest, daß es mit jedem Tage heller wird, daß wir das „Tief" winterlicher Lichtoerhält- nifse' längst überwunden haben und daß — etwas großzügig gerechnet — der Frühling nicht mehr allzu weit sein kann.
Es ist in der Tat etwas viel Großzügigkeit in dieser Rechnung, denn bis zum Beginn des lenz- tichen Spiels werden wir noch ein gutes Weilchen warten müssen. Aber daß wir im Zeichen der helleren Tage leben, ist unbestreitbar. In der Frühe erscheint der graue Schein im Osten merklich zeitiger, und der Nachmittag dehnt sich bereits ganz angenehm aus. Zusammengenommen ist das eine spürbare Verlängerung des Tageslichtes, die uns sehr zustatten kommt und die wir deshalb dankbar begrüßen.
Vielleicht ist die Meise derselben Ansicht, die sich jetzt jeden Mittag von einem Baum vernehmen läßt, der aus einem Garten auf die Straße ragt. Zum erstenmal erklang ihr hübsches Liedchen vor einigen' Tagen. Die Quecksilbersäule stand unter Null und von einem Frühlingslüftchen konnte gewiß keine Rede sein. Um so erfreulicher war dieser bescheidene Gesang in den Lüften, der wie ein rührendes Rufen aus der kleinen Vogelkehle drang und hier und da einen Fußgänger veranlaßte, stehen zu bleiben und verwundert Hochzuschauen. Seitdem singt die Meise täglich ihre Helle Weise, und das ist ein Grund mehr, um den Hoffnungsfreudigen zu frohen Erwartungen zu veranlassen.
Jedenfalls bringen uns die Heller werdenden Tage von einem Stundenkreis zum anderen dem lenzlichen Beginnen ein wenig näher. Es geht zwar nur schrittweise oder besser minutenweise, aber dafür haben wir doch schon das Glück, gelegentlich in den Mittagsstunden ein wenig wärmenden Sonnenschein zu genießen. Der Griesgram wird davon keine bessere Laune kriegen, aber um so mehr wir anderen, die wir uns zu den Hoffnungsfreudigen rechnen. H- W. Sch.
Dornotizen.
Tageskalender für Freitag.
Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr „Lehrling gesucht". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Der Säger von Fall". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Spiel an Bord". Karl-Ludwig-Lindt-Uraufführung im Stadttheater.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet die alleinige Uraufführung der Schwank-Operette „Lehrling gesucht" im Stadttheater Gießen statt. Der Autor dieser Schwank-Operette ist Karl-Ludwig Lindt, das beliebte Mitglied des Stadttheaters. Karl-Ludwig Lindt ist als Autor nicht mehr unbekannt. Auch in Gießen ging sein letzter Schwank „Parole: Heiraten" schon über die Bretter. Dieses erste Stück des Autors hatte einen großen Erfolg. Der Intendant des Stadttheaters Hermann Schultze-Griesheim sicherte sich die Uraufführung des neuen Schwankes von Linot.
Zweites Artilleristentreffen in Gießen.
Noch klingen in der Erinnerung aller alten Artilleristen der Provinz Oberhessen und der angrenzenden preußischen Gebiete die schönen, kameradschaftlichen Stunden des 1. Gießener Artilleristentreffens im März 1936 nach.
Auf Befehl des Führers wurde die damalige Gießener Artillerie-Garnison zur Wiederbesetzung unserer Rheinlande vorzeitig abberufen. Trotzdem infolgedessen das 1. Treffen nicht in der beabsichtigten Form durchgeführt werden konnte, hatten sich in bewährter Waffenkameradschaft etwa 1200 alte Kampfgefährten in unserer Stadt eingefunden.
Der aus vielen Kreisen ehemaliger Artilleristen an die III. Abteilung Artillerie-Regiment 9 und den Artillerie-Verein Gießen herangetragene Wunsch, das Treffen in diesem Jahr zu wiederholen, hat auf Veranlassung des Kommandeurs der III. Abteilung Artillerie-Regiment 9 zu einer Besprechung zwischen der Abteilung und dem Artillerie-Verein geführt, deren erfreuliches Ergebnis die Durchführung eines 2. Artilleristentreffens am 6. und 7. März in Gießen sein wird.
Unsere Gießener Artillerie und der Artillerie- Verein wollen sich, insonderheit mit einem in aller
Karl D i e r g a r d t schrieb die Musik. Hans A l - tendorf verfaßte die Gesangstexte. Die musikalische Leitung liegt in den Händen des Kapellmeisters Hans Hampel. Wolfgang Kühne führt die Spielleitung. Die Titelrolle spielt Hansi Prinz. Es wirken mit: Maria Gerhardt. Ilse Laskus, Luise Schubert-Jüngling; Gustav Bley, Gerhardt Frickhoeffer, Gert Geiger, Karl-Ludwig Lindt, Karl Volck. — Bühnenbilder: Karl Löffler. — Die Vorstellung findet als 19. Vorstellung der Freitag- Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr. —
Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.
Bett.: Iugendfilmslunde.
Sonntag, den 7. Februar, morgens 11 Uhr, läuft im Lichtspielhaus für alle Gießener Einheiten einschließlich Jungvolk und BDM. der Film: „Der Reiter von Deutsch-Ostafrika". Die Einheiten haben vor Beginn der Jugendfilmstunde die bereits erhaltenen Karten abzurechnen.
Kameradschaft durchgeführten Abend, sowohl an alle ehemaligen Artilleristen Oberhessens und der an- arenzenden preußischen Gebiete, als auch an die Bevölkerung unserer Stadt wenden. Gleichzeitig will unsere Artillerie-Abteilung mit diesem Abend eine Dankesschuld an alle diejenigen Eltern unserer aktiven hessischen Artilleristen abtragen, die sich in selbstloser Weise bereiterklärt hatten, ostpreußische Kameraden der nach hier versetzten 7. Batterie, der weiten Entfernung von ihrer Heimat wegen, während des Weihnachts- bzw. Neujahrsurlaubes bei sich aufzunehmen. Sie sind ganz besonders herzlich eingeladen.
Die Durchführung der Werbung unter allen alten Artilleristen hat im Einvernehmen mit der III. Abteilung Artillerie-Regiment 9 der Artillerie-Verein Gießen übernommen.
Der Festabend findet am 6. März um 20 Uhr in der Volkshalle statt. An der Ausgestaltung des Programms wird bereits von der Truppe fleißig gearbeitet. Vorläufig wird aber noch nichts davon verraten.
Die Parole für jeden Soldatenfreund in Gießen muß fein: Den 6. und 7. März freihalten!
umgehend bestellt werden. Die vorbestellten Karten können auf der Kreisdienststelle abgeholt werden.
Militärische Trauerparade.
Eine militärische Trauerparade durchschritt am Donnerstagvormittag die Straßen der Stadt. Von den Kliniken kommend die Frankfurter Straße entlang über die Wälle zur Marburger Straße geleiteten Gießener Infanteristen ihren verstorbenen Kameraden, den Unteroffizier W i n d e m u t h von der 2. Kompanie, den ein jäher Tod aus einer erfolgversprechenden Soldatenlaufbahn gerissen hatte. Unter dem Kommando ihres Hauptmanns Pauly geleiteten ihn seine Kameraden zum letztenmal durch die Garnisonstadt. Gedämpfter Trommelwirbel, abgelöst von Trauerweisen des Musikkorps, kündeten
schon von weitem die Trauerparade an, zu der die 1. Kompanie mit geschultertem Gewehr die Ehren- abordnung stellte. Vor dem Leichenwagen schritt Standortpsarrer A u s f e l d. Dem Sarge folgte ein Angehöriger des Entschlafenen mit den Kameraden der 2. Kompanie. Eine Anzahl von Kränzen war der Ausdruck der Wertschätzung und Beliebtheit, deren sich der junge Unteroffizier erfreute. An den Straßenseiten standen mit erhobener Rechten grüßend viele Volksgenossen. Am Stadtausgang schoß die Ehrenkompanie den Trauersalut. Der Verstorbene wurde in seinen Heimatort Wellingrode bei Eschwege übergeführt, wo die Beisetzung stattfindet. Morgen plahkomerte für das WHW.
Die Kameradschaft Gießen der Nat.-Soz. Kriegsopferversorgung teilt uns mit:
Auf Anregung der Nat.-Soz. Kriegsopferversor. gung haben sich in dankenswerter Weife anläßlich der Reichsstraßensammlung für das WHW. die Regimentskapelle des Inf. Reg. 116, sowie der Musikzug der SA.-Standarte 116 zur Verfügung gestellt. Beide Kapellen werden am Samstag konzertieren, die Regimentskapelle von 14 bis 15 Uhr auf dem Kreuzplatz, der Musikzug der SA.-Stan- darte von 16.30 bis 17.30 Uhr am Selterstor.
** Filmvorführungen für b i e Schu - l e n. Am gestrigen Donners'tagvormittag wurde den Volksschülern unserer Stadt, den Berufsschulen und höheren Lehranstalten im Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, der Film „Jugend der Welt" gezeigt. Es wurde den Schülern Gelegenheit geboten, die Ereignisse der Weltolympiade vom Winter 1936 in Garmisch-Partenkirchen in Bild und Wort mitzuerleben. Mit größter Aufmerksamkeit nahmen die jugendlichen Besucher die starken Eindrücke in sich auf. Ein zweiter Film „Sport und Soldaten" geb den Schülern einen Einblick in die Vielgestaltigkeit des deutschen Sports, wie er bei unserer Wehrmacht gepflegt wird. Die Besucher nahmen die Erkenntnis mit, wie notwendig die Ausübung des Sports für Körper-, Geistes- und Charakterbildung ist. Zum Schluß zeigte die Wochenfchau als Beiprogramm einige wichtige und spannende Ereignisse der letzten Tage. Am Freitag- und Samstagvormittag wird in den übrigen Schülern dasselbe gezeigt.
Spitzbergen und Grönland.
BOM.-undIM.-Untergaul 16 Gießen.
Ab Mittwoch, 3. Februar, bis zum 10. Februar einschließlich, ordne ich für jedes Mädel und Jung- mädel Uniformverbot an. Der Dienst fällt, außer am Fastnacht-Dienstag, nicht aus, die Mädel kommen in Zivilkleidung zum Dienst. Die Dienststelle ist am 9. Februar geschlossen.
Die Führerin des Untergaus 116 Gießen: K. Pfeffer.
Vic dcuMe Rrbeitofronr
? n.3.=0cmtinf(haft „Kratt durch frcuöc";
Amt: Feierabend.
Vorstellung am 13. Februar im Gießener Stadttheater. Am Samstag, 13.2., bringen wir als 11. Sondervorstellung im Stadttheater Gießen das Schauspiel „Wasser für Cani- toga" von Georg Turner. Die Eintrittspreise betragen 70 und 90 Pfennig. Kartenbestellungen müssen umgehend erfolgen.
Amt: Reifen, Wandern und Urlaub.
Omnibusfahrt am Rosenmontag nach Mainz. Am diesjährigen Rosenmontag führen wir eine Omnibusfahrt nach Mainz durch, um auch den Arbeitskameraden aus Oberhessen Gelegenheit zu geben, sich den traditionellen Rosenmontagszug anzusehen. Der Preis der Fahrt beträgt 4,10 RM. Abfahrt 7 Uhr am Haus der DAF., Schanzenstraße 18. Einige Plätze sind noch frei, müssen aber
Vortrag in der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde.
Am gestrigen Donnerstagabend hielt auf Einladung der Gesellschaft für Eid- und Völkerkunde Dr. P o s e r aus Göttingen in der Neuen Aula einen Lichtbildervortrag über „Spitzbergen und Grönlan d", der auf den Beobachtungen und Erfahrungen des Redners auf eigenen Reisen im Rahmen von Forschungsexpeditionen aufgebaut war. Die zahlreichen Zuhörer erlebten bei diesen Reifeschilderungen viel Interessantes und Neues, das durch die Unmittelbarkeit der Eindrücke des Vortragenden, durch die vielen guten Lichtbilder und die fesselnde Erzählerart des Redners noch mehr an Reiz gewann.
Den ersten Teil seines Lichtbildervortrags widmete Dr. P o s e r den Schilderungen von Spitzbergen. Er machte zunächst an Hand der Karte mit den geographischen Verhältnissen, dem Lauf des Golfstroms und seinen Einwirkungen auf die klimatischen Bedingungen des Landes, mit den Strö- mungsverhältnissen an der Küste, sowie den Eisbildungen usw. bekannt. Anschließend schilderte er in Wort und Bild die Landschaft und ihre Bodenformattonen, wobei in der Hauptsache zutage trat, daß im Bereiche des Küstengebiets der alpine Charakter ausgesprochen vorherrscht, während im Innern des Landes, wie sich auch aus den zahlreichen Bildern von den Fahrten in die Fjorde ergab, die Hochflächenlandschaft mit dazwischenliegenden Gletschern das Charakteristikum des Landes ist. Die Zuhörer erfuhren weiter interessante Einzelheiten über die Wild- und Jagdverhältnisse im Vorland
bereiche der Fjorde, über das Leben der Jäger, die in jenen Gegenden allein als menschliche Bewohner des Landes anzutreffen sind, außerdem gab der Vortragende einen Einblick in die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes, die ihren stärksten Ausdruck in dem Abbau der Spitzbergen-Kohle finden, einer Arbeit, die von einigen hundert Männern geleistet wird, mit hohen Unkosten belastet ist und doch nur eine für europäische Verhältnisse nicht ganz vollwertige Kohle bringt. Während nach der Ansicht des Redners diese kohlenwirtschaftliche Möglichkeit des Landes als negativ zu bewerten ist, kommt seiner Ansicht nach der verkehrsgeographischen und verkehrswirtschaftlichen Seite eine weit größere und positive Möglichkeit zu, die ihren Ausdruck findet in der Eignung des Landes als günstiger Verkehrsstützpunkt für den transatlantischen Flugverkehr, und zwar von Europa als kürzester Weg nach Asien und den Norden Amerikas.
Wie der erste Teil des Vortrags, so bot auch der zweite Teil über Ostgrönland in Bild und Wort viel Neues und Interessantes. Die Besucher erlebten hier zunächst im Geiste die Anfahrt des Schiffes nach der Küste, den schwierigen Weg durch das Packeis mit zeitweiligem Festfrieren des Schiffes, die Wiedergewinnung der freien Fahrt infolge
putzt gründlich
Oer gemeinsame Vogelbauer.
Von Korvettenkapitän a. O. Zrhr. v. Iorstner.
Der Kommandant eines Auslandskreuzers war ein ausgezeichneter Seemann und allbeliebter Vorgesetzter, nur eines setzte sein Ofsizierskorps an ihm mit Recht aus, daß er im Punkte des Geldausgebens überaus zurückhaltend war. Jede unnütze oder irgendwie vermeidbare Ausgabe wußte er unter irgendwelcher Begründung, gegen die man Mit 23er- nunfts- oder Rechtsgründen auch nicht ankommen konnte, zü umgehen. Eines schönen Tages unternahm er in Las Palmas einen Spaziergang mit dem Schiffszahlmeister, wobei kleine niedliche Singvögel eines Händlers beider Aufmerksamkeit erregten. Bald kamen Kommandant und Zahlmeister überein, daß jeder sich ein Dutzend dieser niedlichen Tierchen kaufen wollte, zumal sie ziemlich billig waren. Der nötige Vogelbauer war dagegen unverhältnismäßig teuer, doch auch hier wußte unser Kapitän bald guten Rat:
„Herr Zahlmeister, wie wäre es, wenn wir unsere Vögel alle in einen gemeinsamen Bauer täten, dann brauchte jeder von uns nur den halben Preis dafür zu bezahlen. In meiner Kajüte ist genügend Platz, da kann ich beide Dutzend Vögel bequem unterstellen."
Der arme Zahlmeister übersah sofort die Situation; ging er auf diesen Vorschlag ein, so würde er seine Vögel allmonatlich doch nur einmal kurz zu sehen bekommen, und zwar jedesmal am „ersten des Monats", wenn er dem Kommandanten in dessen Kajüte fein sauer verdientes Monatsgehalt vorzählte. Andererseits war es aber auch zu verstehen, daß er diesen Vorschlag seines höchsten Vorgesetzten an Bord nicht einfach ohne weiteres ablehnen konnte, — so etwas soll Vorgesetzten gegenüber niemals zu empfehlen fein.
Deshalb willigte er, wenigstens äußerlich, sehr einverstanden in diesen Vorschlag ein. Der ihnen folgende Bursche des Kommandanten, der noch wegen etwaiger weiterer beabsichttgter Einkäufe mitgenommen war, brafyte den großen gemeinsamen Vogelbauer dieser neuesten ,,G. m. b. H." an Bord, wo er einen würdigen Platz in der geräumigen Kommandantenkajüte fand.
Nachts träumte der betrübte Zahlmeister von feinen schönen Vöglein, die nun alltäglich feinem Kommandanten ihre «frohen Lieder Vorsingen würden. Kein Wunder, daß er hierbei nicht die richtige Nachtruhe fand.
Der Kommandant des Schiffes dagegen schlief friedlich und ruhig, immer noch innerlich erfreut über seinen guten und praktischen Gedanken bei dem
Einkaufsgeschäft des gemeinsamen Bauers. Am nächsten Morgen aber sollte ein jäher Schreck sein innerliches Gleichgewicht auf das schwerste stören, als sein Bursche ihm beim Wecken die Trauermeldung erstatten mußte: „ Herr Kapitän, da is über Nacht all einem von die kleinen Vögels krepiert, wo wir gestern an Land haben gekauft. Das bekommt die Biester wohl hier nicht gut an Bord bei uns."
Gleich wurde der Zahlmeister geholt. Der Kommandant empfing ihn an der Stätte der Trauer mit der schmerzlichen Mitteilung: „Herr Zahlmeister, es tut mir unendlich leid, Ihnen mitteilen zu müssen, daß über Nacht zu meinem großen Bedauern einer Ihrer Vögel gestorben ist."
Der Zahlmeister dankte bewegten Herzens für die liebenswürdige und wohltuende Teilnahme feines Kommandanten und bat sich gerührt den Leichnam feines kleinen Lieblings aus, den der Herr Kapitan ihm dann unter Händedruck überreichte.
Der vorausschauende Zahlmeister schickte dann sofort feinen Burschen an Land, um einen kleineren Bauer, feinen beschränkteren Kammeroerhältnissen entsprechend, aber für zwölf Vögel genügend, $u kaufen. Mittags war dieser Bauer dann mit viel Geschick in der Zahlmeisterkammer vom Meister- personal nach Umhängung einiger Bilder angeschraubt.
Während des Nachmittagschlafes des Kommandanten wurde nun nach Bestechung des Kommandantenburschen, dem die ganze Sachlage erklärt wurde und der hierzu das vernünftige Urteil fällte: „Is auch ganz gut so, an einem Dutzend von die Vögel haben wir auch allermeist genug, ich hab ja doch man die ganze Schererei davon", wurde nun folgender gefaßter Kriegsplan durchgeführt. Der Vogelleichnam wurde gegen einen lebenden Vogel aus dem Kommandantenbauer ausgetauscht, der in die Kammer des Zahlmeisters wanderte.
Dann wiederholte sich fortgesetzt dasselbe Bild. Stets wurde nach einem so vorgenommenen Austausch der Zahlmeister zum Kommandanten geholt, der ihm immer wieder mit größtem Bedauern mitteilte, daß abermals leider ein Zahlmeister- Vogel das Zeitliche gesegnet hätte. Tief ergriffen verließ der Zahlmeister dann jedesmal mit feinem toten Vögelchen die Kommandantenkajüte.
Als einige Tage verstrichen waren, kam das unvermeidliche Unwetter zum Ausbruch. Wieder stand der Zahlmeister vor feinem Kommandanten, aus dessen Antlitz jeder Zug von Mitleid jetzt gewichen war, und er nun in barschem Tone den armen Zahlmeister mit Vorwürfen überschüttete: „Herr Zahlmeister, ich finde es unerhört, nun haben ihre kranken Vögel auch noch einen von meinen Vögeln
mit angesteckt. Ich will Sie jetzt nicht hierfür verantwortlich machen, aber ich muß mir doch sehr ausbitten, daß, falls wir wieder einmal ein ähnliches Geschäft machen sollten, Sie sich für den Gesundheitszustand Ihrer Tiere vorher etwas mehr interessieren müssen, sonst kann ich mich unmöglich wieder auf derartige Dinge mit Ihnen einlassen."
Verlegen stammelte der gekränkte Zahlmeister nun einige Entschuldigungsworte wegen feiner großen Leichtsinnigkeit beim Einkauf seiner Vögel, und verließ äußerlich geknickt die Kajüte. Dann aber ließ er sich sogleich in feiner Kammer von seinen zwölf munteren Tieren etwas Fröhliches Vorsingen und war bald wieder bei guter Laune.
Auch der Zorn des gestrengen Kommandanten verrauchte bald wieder, denn die Vogelepidemie war zum Glück erloschen, und seine elf übriggebliebenen lustigen Gesellen konnten ihn bald wieder durch ihr munteres Trillern erheitern.
Sinnig meinte der Kommandantenbursche: „Laß dem Zahlmeister man ruhsg fein Dutzend voll haben, wir haben wirklich an die elf genug, und die können sich auch freuen, daß sie in dem großen Bauer jetzt viel mehr Platz haben als mit dem Zahlmeister feine zusammen, is doch wahr, nid)?" —
Gloria-palast: „Oer Jäger von
Ganghofers Roman lieferte den Stoff für diesen Peter-Ostermayr-Film der Ufa. Die Fabel ist geschickt zusammengedrängt, von einer unmittelbar sich mitteilenden Dramatik. Die Fronten sind klar abgegrenzt: hier die Wilderer, dort die Jäger; die Gegnerschaft der Männer wird auf eine menschlich begründete Weise verschärft, wenn einer der Jäger und einer der Wilderer sich um das gleiche Mädchen bemühen: Liebe, Eifersucht, böser Argwohn schüren die naturgegebene Feindschaft. Der Kampf der beiden findet in der Schlußszene mit einem erbitterten Ringen Mann wider Mann auf himmelhoher Brücke über einem brausenden Bergbach eine leicht vorauszusehende Entscheidung. In Hans A. Schlettow und Paul Richter, der seinerzeit als Siegfried in den „Nibelungen" bekannt wurde, finden die beiden männlichen Hauptgestalten eine prächtig charakterisierende Verkörperung. Zwischen beiden Georgia Holl als die Sennerin Burgl: gut, wenn auch wohl etwas zu zart für diese Rolle. Auch sonst sieht man tüchtige Leistungen im Ensemble: Willi Rösner, Rolf P i n e g g e r, Hans Hanauer, Betty Sedlmayr, Gustl Stark-Gstettenbaur, Josef Eichheim und Hans- Henninger feien genannt. Hans Deppes Regie verbindet geschickt
kriminalistische Spannung Mit volksstückhasten Zügen und zeichnet sich durch schöne Aufnahmen einer großartigen Beraszenerie aus. — Im Beiprogramm fällt ein interessanter Kulturfilm in natürlichen Farben auf, der biologisch und filmtechnisch gleicherweise interessant ist. Hans Thyriot.
Zeitschriften.
— Die Februarnummer von „Langen- scheidts English Monthly Magazine“ und „Le Journal fran^ais Langenscheidt“ bieten wieder reichhaltigen Lesestoff in englischer und französischer Sprache. Das englische Magazin wird eingeleitet durch einen aufschlußreichen Artikel über „Neuyorks Waterfront". ,,Le Carnaval ä Nice" ist der Leitartikel im französischen Journal. Ein weiterer Aufsatz behandelt die lebenden Torpedos, von denen Nachrichten aus Japan zu uns gekommen sind. Weiter bringen beide Zeitschriften Kurzgeschichten, reichlich Humor und auch die Sprache des Kaufmanns. Das Wertvolle sind dis auf jeder Seite neben dem Text gegebenen Übersetzungen und die genaue Angabe, wie die englischen bzw. französischen Wörter auszusprechen sind.
— „Der Bergsteiger" (Verlag F. Bruck- mann, München) beginnt fein Januarheft mit einem Romanabschnitt „Die Nacht im Fels^ von Oos- Graber, wobei zwei Bergsteiger zum Grand Dru steigen und wegen äußerst ungünstigen Schneeverhältnissen sich zu einem Biwak entschließen müssen. Sie seilen sich über die vereiste Wand gegen die Scharte des Pettt Dru ab und müssen nun auf einer Felsleiste, hoch über einem unergründlich tiefen Abgrund, ein Freilager beziehen. Hier geht es in erster Linie um den Menschen in den Bergen, um das Aufzeigen feines Seelenzustandes, feiner Regungen und Gedanken. Dieser Erzählung folgen prachtvoll bebilderte Aufsätze über Skifahrten im Wallis, um Gargellen und im Drtlergebiet, sowie eine Schilderung von schwierigen Bergfahrten in den Pyrenäen, ebenfalls mit selten schönen Lichtbildern versehen. Ein Beitrag „Hie Jäger — hie Bergsteiger" will das Verständnis für Jagd und Winternot des Bergwildes wecken. Das Heft enthält neben seiner ausgezeichneten Abhandlung über den Winter und feine Erscheinungen im Leben unserer Sprache noch einen Beitrag über Bergschulen in den österreichischen Alpenländern und schließt mit einer in Graubünden spielenden Novelle. In dem reichhaltigen Bilderteil finden wir die Wiedergabe des Bildes „Winterlandschaft" von C. D. Friedrich, das seinerzeit im Münchener Glaspalast mif verbrannt ist.


