Ur. 285 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)
Samstag, 4. Dezember (957
Aus der Stadl Gießen.
Kinder-Träume.
Von Hans Hartmann.
In diesen Tagen erscheint in fast allen Häusern, wo Kinder sind, der Nikolaus oder der Knecht Ruprecht, mit einem großen Sack, einem langen Bart und einer Rute. Vielfältig ist Gestalt und Name dieses Mannes, der zu unseren Kinderträu- merr' gehört, wie die Märchengestalten der Frau Holle oder der Knusperhexe. Sie erzählt von einer reichen Vergangenheit. Es gab wirklich einen „Heiligen" Nikolaus, dessen Leichnam vom Osten nach der italienischen Hafenstadt Bari gebracht wurde und dessen Geburts- und Todestag davn gefeiert wurden. Als diese Feier nach Deutschland übertragen wurde, ist der heilige Nikolaus zusammengeflossen mit dem altgermanischen Ruprecht. Heidnische Gebräuche hatten sich erhalten, in denen während der Wochen vor dem Iulfest ter Umzug der Geister sinnbildlich dargestellt wurde. Manche meinen, daß DZotan der Führer dieses Zuges war; dann wäre der Knecht Ruprecht eine Art Wotansgestalt, freilich stark verkleinert und verniedlicht.
Gleichgültig, wie er durch die Jahrhunderte seine Gestalt behacken oder gewechselt hat — er ist und bleibt ein Sinnbild unserer Kinderträume. Wie gerne möchten wir noch die ganze Erlebniskraft unserer Kindheitstage besitzen, möchten uns der Spannung, ter Freude und der Furcht hingeben können.
Ja, das sind wohl die eigentlichen Erlebnisse: Erwartung und Spannung, Freude und ein wenig Furcht. Wohl haben wir in unserem Leben immer wieder Spannung erlebt, wohl kam immer roieter Sorge und Angst über uns und manchmal auch ein wenig Freude — aber es war alles verblaßt gegenüber dem unmittelbaren und tiefdringenden Eindruck. Wir verloren das Träumen, wir wurden wach, zu wach. Das Träumen aber ist die Vorbedingung der Knecht-Ruprecht-Erlebnisse.
Wir möchten gerne wieder wie ein Kind erleben, aum Kinde werden können. Wie fd)ön müßte es sein, dies Triiinnen-Kvnnen, diese starke, volle unüberwindliche Hingegebenheit! Aber es kommt nicht wieder, trine künstliche Erweckung führt zum Ziel. W:r kommen immer nur bis zu der Weisheit Goethes: „Niemand glaube, die ersten Einorücke der Jugend verwinden' zu können." Sie leben fort, sie haben unter Sein für immer geprägt, und glücklich die, die schöne Jugendeindrücke haben. Glücklich wir nüchtern Gewordene, wenn wir verstehen, unseren Kindern olche Eindrücke zu vermitteln und sie damit fürs Leben zu beschenken!
So müssen wir entsagen. Entsagen gehört zum Schwersten, aber auch zum innerlich Notwendigsten des Lebens. Wer in den Naturwissenschaften zu Hause ist, würde von einem „nicht umkehrbaren Vorgang" sprechen. In einer, nicht umkehrbaren Richtung geht unser Lebensweg. Bejahen wir ihn! Seien wir wach! Aber helfen wir unseren Kindern, daß sie in ihrem Kinderland schön und glücklich träumen'
Dank an die G^ßener Bevölkerung.
Die Verdunkelungsübung am 30. November 1937 hat bewiesen, daß der Luftschutzgedanke in der Bevölkerung weiter Fuß gefaßt und die überwiegende Mehrzahl der Volksgenossen seine Notwendigkeiten willig und richtig befolgt hat. Indem ich für die dabei aufgewandte Mühe jedem einzelnen danke, verbinde ich damit den Wunsch, daß auch der letzte Volksgenosse die ernsten Aufgaben des Luftschutzes erkennt und befolgt.
Heil Hitler!
Der stellvertretende Polizeidirektor als örtlicher Luftschutzleiter.
IM -Unterbau 116, Gießen.
Betr.: Berichtigung zur IM. - Führerinnen schulung.
Alle Jungmädelführerinnen, die Konfirmandinnen sind, sind vom Kirchgang im Heimatort beurlaubt und können am Schulungsort in die Kirche gehen. Die JM.-Untergauführerin.
Am heutigen Samstag, dem „Tag der nativ n a I e n Solidaritä t", werden sich auch in ©iefjen wiederum alle Volksgenossen zu einer großen Opfergemein schäft d e r Spender und Sammler zusammenfinden, um durch ihre Opfergabe einen neuen Baustein hinzuzufügen zu jdem großen Werk der Nächstenliebe des Winter- lhilfswerks. Viele Männer unseres öffentlichen Lebens und in angesehnen Stellungen werden sich in Gemeinschaft mit führenden Männern der Partei und ihrer Gliederungen während des heutigen Nach- mittags und Abends mit den Sammelbüchsen des | WHW. unterwegs befinden, um die Opferspenden i aller Volksgenossen entgegenzunehmen. Mögen diese i Gaben allenthalben nach besten Kräften ter Spender reich lOch fließen und in ihrem Ausmaß ein wirkliches Opfer darstellen, damit das Gesamtergebnis der Sammlung in unserer Stadt sich nach jeder Richtung hin sehen lassen kann!
Di» Hilfe der Wehrmacht.
Anläßlich des „Tages der nationalen Solidarität" werden am heutigen Samstagvormittag die Soldaten unseres Standorts in ihren Kasernen ihre Beisteuer für das WHW. spenden. Daß unsere Soldaten dabei wiederum ihre innige Verbundenheit mit allen Volksgenossen, insbesondere mit den hilfsbedürftigen Familien durch den Sozialismus der Tat unter Beweis stellen werden, versteht sich von selbst. Ferner wird unsere Garnison das Sammelwerk durch ein
TNilitärkonzerl des TNusikkorps des IR. 116 am heutigen Samstag in der Zeit von 16 bis
17 Uhr am Selterstor fördern. Dabei wird die nachstehende Musikfolge zu Gehör gebracht merten.
1. a) Schneidige Truppe, Marsch, Kayser;
b) Regimentsgruß, Marsch, Steinbeck;
2. Romantische Ouvertüre, Keler Bela;
3. Großes Potpourri aus der Oper „Rigoletto", Verdi;
4. Temperamente, Walzer, Prager;
5. a) Anarimander-Marsch, Stork;
b) Marsch des Hessischen Kreisregiments II, 262.
Konzert des Musikzugs der SA.
Der Musikzug der SA.-Standarte 116 unter Leitung des Musikzugführers Herrmann wird sich wiederum in bekannter Tatfreude für das WHW. einsetzen. Der Musikzeug wird von 16 bis 17 Uhr zur Förderung der Sammlung ein Konzert auf dem Kreuzplatz geben mit nachstehender Vortragsfolge:
1. „Durch Kampf zum Sieg", Marsch von Schröder.
• 2. Ouvertüre „Die diebische Elster", von Rossini.
3. Ungarische Tänze Nr. 5 und 6, von Brahms.
4. Hyons Zauberhorn aus „Oberon", von C. M. Weber.
5. „Heil Hitler!", Marsch von Roßweil.
Oie Kapelle ves HZ.-Aannes 116
wird ebenfalls am heutigen Samstag von 17 bis 18 Uhr am Selterstor und von 18 bis 19 Uhr auf dem Kreuzplatz spielen.
Deutschlands Fellversorgung
Vortrag in der Gießener Hochschulge ellschast.
Am gestrigen Freitagabend vermittelte die Gießener Hochschulgesellschaft im Großen Hörsaal der Universität ihren Mitgliedern und Freunden wieder einen interessanten Vortrag. Der Vorsitzende der Hochschulgesellschaft, Dr. Mees- mann, erinnerte in seinen kurzen Einleitungsworten an die erfreuliche Tatsache, daß auf der Weltausstellung in Paris die neuen deutschen Werkstoffe mit vielen höchsten Preisen ausgezeichnet worden sind und damit die dankenswerten Bemühungen unserer Wissenschaft, Wirtschaft und Industrie um die Erschließung neuer Rohstoffe aus heimischen Quellen eine weithin sichtbare Anerkennung gefunden haben, auf die wir alle stolz fein können.
Anschließend sprach zu der Zuhörerschaft, die den Saal fast bis zum letzten Platze füllte, Prof. Dr. Kaufmann, Direktor des Instituts für Pharmazie und chemische Technologie der Universität Münster i. W., über das Thema „Deutschlands Fettversorgun g". Er gab zunächst einen kurzen Rückblick auf die Umwandlung Deutschlands vom Agrar- zum Industriestaat, die in weiterer rückschauender Sicht eine der Ursachen der Verringerung in der Fetterzeugung unserer Landwirtschaft ist, wobei insbesondere der im Laufe der früheren Jahre immer weiter in Erscheinung getretene Rückgang des Anbaues von Oelpflanzen und die dafür vor dem Kriege, aber auch in den Nachkriegsjahren ständig gestiegene Einfuhr von Fetten und Deien zu beachten find. Von dieser Verschiebung der Grundlagen unserer Fettversorgung ausgehend schilderte er sodann die Auswirkungen auf unsere jetzige Sage, zugleich zeigte er vielseitige und weitreichende Möglichkeiten, deren Ausnutzung geeignet sein wird, die Eigenerzeugung von pflanzlichen und tierischen Fetten zur menschlichen Ernährung und zur technischen Verwendung erheblich zu steigern. Er kam dabei u. a. auf manche Möglichkeiten einer Fettersparnis und auf die gesundheitlich und wirtschaftlich annehmbare Verwendung von anderen Nahrungsmitteln, die wir in unbeschränktem Maße besitzen, zu sprechen, und behandelte in diesem Zusammenhänge die zweckentsprechenden Maßnahmen
der Derbrauchslenkung. Weiterhin schilderte er u. a. die große Bedeutung des jetzt in erfreulicher Weise in starkem Anstieg befindlichen Anbaues von Oel- faaten und der zur Förderung dieser Produktionssteigerung dienenden Maßnahmen unserer Agrarwirtschaft. Er machte ferner auf die Bedeutung des deutschen Walfangs zur Erschließung eigener deutscher Oelquellen und Futtererzeugungsmöglichkeiten auf diesem Gebiete aufmerksam, sodann hob er die außerordentliche Wichtigkeit der von der Wissenschaft betriebenen Züchtung von Pflanzen zur Oel- und Fasergewinnung auf deutschem Boden zwecks Steigerung der Eigenerzeugung pflanzlicher und tierischer Fette hervor. Dabei würdigte er auch Arbeiten von Prof. Dr. S e s s o u s und Dr. Scheibe in Gießen. Zum Schluß sprach er noch über die Aufgaben, die von der chemischen Wissenschaft und Industrie auf diesem ganzen Fragenkomplex zu bearbeiten und zu lösen sind und die sich zu einem erheblichen Teile bereits -auf dem besten Wege' befinden. Er machte aber auch auf die großen Verpflichtungen aufmerksam, die alle Volksgenossen unter der Führung unserer starken und zielbewußten Regierung im Interesse der Volksgesamtheit und deren Sicherung für die Zukunft zu erfüllen haben.
Im Anschluß an den mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag dankte Dr. Meesmann dem Redner mit herzlichen Worten für die fesselnden Darlegungen, deren Bedeutung er auch seinerseits unterstrich.
Vornoinen.
Tageskalender für Samstag.
Ortsgruppe Gießen-Nord: 20.30 Uhr Cafe Leib Kameradschaftsabend. — Stadttheater: 20 bis 22.45 Uhr „Der Wildschütz". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Mädchen für alles". Spätaufführung 23 Uhr „Lockspitzel Asew". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Warschauer Zitadelle". — Leistungsschau der Volksschulen des Kreises Gießen in der Turnhalle der Neuen Pestalozzi-Schule. — Aerzt-
Verein: 20.30 Uhr „Hessischer Hof" Karne- iftsabenb.
Tageskalender für Sonntag.
Stadttheater: 11.30 bis 12.30 Uhr „Neue italienische Musik". 15 bis 17.30 Uhr „Schneewittchen". — 19 bis 22 Uhr „Eine Nacht in Venedig". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Ein Mädchen für alles". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Warschauer Zitadelle". — Oesfentlicher Vortrag über Physiologie: 11.30 Uhr Physiologisches Institut, Fried- rlchstraße 24, „Vom Herzen". — Evangelische Petrusgemeinde: 14.30 Uhr Cafe Leib, Gemeindetag. — Luthergemeinde: 14 Uhr Turnhalle Os- roalbsgarten, Gemeindetag. — Leistungsschau der Dölksschulen des Kreises Gießen in der Turnhalle der Neuen Pestalozzi-Schule. — Oberhessischer Ge- birgsverein: 10.15 Uhr Bahnhof Gießen, Nikolauswanderung.
Stadttheater Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet die Wiederholung ter komischen Oper „Der Wildschütz" von Albert Lortzing statt. Musikalische Leitung Kapellmeister Heinz Mark- warbt, Spielleitung Hermann Schultze- Griesheim. Die Vorstellung findet gleichzeitig als KdF.-Miete Gruppe I (5. Vorstellung) statt. Beginn 20 Uhr, Ende 22.45 Uhr.
Am Sonntag, 5. Dezember, als 6. Morgenoeran- ftaltung der Spielzeit „Neue italienische Musik". In dieser Morgenfeier kommen zwei der markantesten
t)as \ \
Gthönfcßifsrtftept
Vertreter der Neuen italienischen Instrumentalmusik zu Wort: Ottorino Respighi mit „Konzert für fünf Soloinstrumente und Streichorchester", das in Gießen erst zum zweiten Male in Deutschland erklingt; das andere Werk von Riccardo Z a n- d o n a i „Andalusisches Konzert für Cello und kleines Orchester" ist eine deutsche Uraufführung. Musikalische Leitung Heinz Markwardt. Als Solisten wirken mit: Willy Heer, Ewald Lassen, Joachim Popelka, Adam Schöffel, Ernst Schneider, Georg Thomas. Platzmiefer auf allen Plätzen 0,25 RM. Die Veranstaltung beginnt pünktlich 11.30 Uhr. Ende 12.30 Uhr. — Am Nachmittag findet die erste Wiederholung des diesjährigen Weihnachtsmärchens „Schneewittchen", Märchen nach Gebr. Grimm von Trude Wehe, statt. Spielleitung Hermann Schultze- Griesheim, musikalische Leitung Heinz Markwardt. Die Tanze studierte Irmgard Zenner ein. Die Bühnenbilder schuf Karl Löffler. Beginn der Vorstellung 15 Uhr, Ende 17.30 Uhr. Diese Vorstellung ist bere'ts ausverkauft! — Am Abend Wiederholung der großen Erfolgsoperette „Eine Nacht in Venedigs von Johann Strauß. Spielleitung Karl-Ludwig Lindt, musikalische Leitung Heinz Markwardt. Die Vorstellung findet außer Miete statt. Beginn 19 Uhr, Ende 22 Uhr.
Das Winterfest ter Studentenschaft.
Am heutigen Samstagabend findet das Winterfest unserer Studentenschaft in der Volkshalle statt. Zu einem guten Gelingen der Veranstaltung sind umfassende Vorbereitungen getroffen. Die Musik stellt die Kreiskapelle der NSDAP.
Evangelische Gemeindetage.
Die Petrusgemeinde und die Luthergemeinde veranstalten am morgigen Sonntag, 5. Dezember, ihre alljährlichen Gemeindetage. Die Petrusgemeinde begeht diese Feier im Cafe Leib, die Luthergemeinde versammelt sich in der Turnhalle am Oswaldsgarten.
Kem Brot vergeuden'
NSG. In Hameln, der Stadt des Rattenfängers, haben die Bürger einst erfahren, was es heißt, wenn der Getreidevorrat der Stadt, das Mehl der Bäcker, das Brot in der Speisekammer bedroht find.
I^auschgoldenget und Christkindlesmarkt.
Adventszauber in Nürnberg.
Don der Freiung der alten Hohenzollernburg Nürnbergs schweift der Blick über das Dächergewirr der alten Stadt. Dicht drängen sich die spitzen Giebel aneinander, in wundersamem Zickzack verlaufen die Gassen zwischen den schmalbrüstigen Häusern und verlieren sich im Grau des Dezembertages, der früh den Schleier te*1 Dämmerung über die Stadt legt. Wuchtig ragen die Türme von St. Sebaldus mit dem hohen Dach des Chores in den Himmel. Weiter ab zeigt der Lorenzer Dom fast das gleiche Bild, nur sein Gestein ist noch bunter, sein Dach noch vielfarbiger. Dazwischen streckt sich in strenger Renaissance der schwere Block des großen Rathauses und das gotische Türmchen der Frauenkirche. Von fern zeigen die dicken Türme und Mauerstücke die starke Einfassung Nürnbergs, die Jahrhunderte überdauerte, in deren Mauern sich heute noch das Leben der Stadt zusammendrängt.
Die Dämmerung und der Dunst aus dem Pegnitz- tal verschlucken langsam Farben und Formen, das Bild der Stadt verschwindet, während von den Türmen das Abendgeläut der großen Glocken sein Brausen und Klingen beginnt. Die Lichter flammen auf und legen einen /mitten Schein über die dunklen Häuser und Gassen. Im Herzen der alten Stadt, auf dem früheren Hauptmarkt, dem heutigen Adolf- Hitler-Platz, wird dieser Schein immer stärker: das Leben des C h r i st k i n d l e s m a r k t erwacht Wie vor Jahrhunderten hat hier Nürnberg feinen Weihnachtsmarkt aufgeschlagen; die breite Front der Frauenkirche beherrscht den Platz, den stolze Bürgerbauten aus der Zeit der späten Gotik und der Renaissance umsäumen. Strenge Fronten mit behäbigen Erkern aus dunklem Holz, rötlicher Stein mit gelockerter Ornamentik, die Giebel mit kleinen Türmen und angeklebten Stübchen hoch über dem Platz, zaubern immer noch das Bild der alten Stadt aus dem Mittelalter.
Nürnbergs junges Volk drängt sich vor den Bu-, den, die in acht, zehn Reihen den Markt füllen. Hell j fällt das Licht der Lampen und Kerzen auf die bun-1 ten Auslagen der Stände. „NürnbergerTan d", einst ein Handelsartikel über Meere und Kontinente,! gegen den Fugger und Welfer Spezereien und Tuch, aus dem Osten eintauschten, feiert in diesen Buden i
Auferstehung. Auf breiten Tischen sind unzählige Zinnfiguren nach alten Modellen und modernsten Vorbildern aufgebaut, dort ist ein Stand mit den tausend Dingen, die kleine Mädel für ihre Puppenküche brauchen, dort ein Stand mit Rosinenbrot, dort zahllose Stände mit Lebkuchen, der so köstlich nach vielen Gewürzen schmeckt. Das handfeste Hölz- spielzeug aus der Bayerischen Ostmark für wilde Buben. Die bunten Decken und Tücher, wie sie im Bayerischen Wald noch heute am Handwebstuhl nach uralten Mustern gewebt werden, — und wieder Lebkuchen mit viel Zuckerguß und in Herzform. Mitten auf dem Christkindlesmarkt steht die große Krippe, matt erleuchtet vom Adventsstern mit rührend schlichten Figuren.
Aber alles überstrahlt die weihnachtliche Herrlichkeit der R a u s ch g o l d e n g e l, die in mehreren Buden in allen Größen verkauft werden. Niemand kennt den Ursprung dieses Engelchens; man weiß nur, daß er schon lanje vor der Einführung des Weihnachtsbaumes den Gabentisch in den Nürnberger Häusern geschmückt hat. Ein Engel mit breiten goldenen Flügeln, mit einem plissierten Röckchen und einem bunten, gefransten Mieder, dessen glattes Puppengesicht durch eine bunte Papierkrone verklärt wird. Golden sind Flügel, Rocksaum, Miederiransen und Krone, in leuchtendem Rot die große Schürze und die Miederumrandung, breite grüne Streifen legen sich über diese Farbenpracht. Das alles ist in seinem Blinken und Gleißen eine Harmonie, nichts Grelles, nichts Störendes. Das Figürchen ist voll rührender Anmut und weihnachtlichem Zauder, ganz ein Engel, der den grünen Tannenbaum verschönen will. Nur wenige Zentimeter groß, oder prächtig bis zur Kindergröße, stehen die Nauschgoldengel in den Buden, bestaunt von jung und alt, und warten, daß sie einer heimholt zum Gabentisch der Kinder.
Nürnberg ist vielfältiger Begriff, er erzählt von Kaiserpracht und Bürgerstolz, von der Kunst Dürers und Stoßens, von den Liedern des Hans Sachs, von dem Schritt der braunen Kolonnen Adolf Hitlers. All das versinkt, wenn in den ersten Dezember' tagen vom Altan der Frauenkirche der große lebendige Rauschgoldengel mit einem Dorsoruck den Christmarkt eröffnet, wenn sich der Duft der Bratwürstel in den Geruch der Lebkuchen mischt, wenn ! Kinderlachen vom nahenden Fest zeugt. .
I Dann ist Alt-Nürnberg auferstanden, dann webt ein Zauber sondergleichen die Stadt in die Weih- ! nachtsseligkeit ein. Vergangenheit steht auf, Cbrist- , kindlesmarkt und Nauschgoldengel sind wieder in [Nürnberg. Heinrich Hest
Charlie, der Sch mpanse.
Von paut Eipper.
Im Frühjahr 1925 kam ein kleines, schwarzhaariges Schimpansenkind in den Dresdner Zoo; heute ist dieser Charlie wohl der größte und älteste unter den in Deutschland lebenden Schimpansenmännern, ein beinahe menschengroßer, breitbrüstiger Koloß.
Ich weiß von keiner Begegnung in diesen mehr als zwölf Jahren, da Charlie anders als gut und freundschaftlich zu mir gewesen wäre. Aber das ist nichts Außergewöhnliches. Buschi, der Dresdner Drang, der in Gemeinschaft mit seiner Mutter Suma kürzlich den zehnten Geburtstag begehen konnte, erkennt' mich innerhalb weniger Minuten selbst aus dem dichtesten Zuschauerhaufen heraus und „zieht" mich durch den einladenden Blick feiner schönen braunen Augen zwingend zu sich heran. Die hoch entwickelten Menschenaffen besitzen ein vortreffliches Erinnerungsvermögen, vergessen auch über noch so lange Trennungszeiten hinweg jene Personen nicht, mit denen sie einmal frohe Stunden verbracht haben.
Allzu lange sind die Trennungszeiten zwischen Charlie und mir nie gewesen; die Klugheit und das erstaunlich behutsame, geradezu überlegende Verhalten dieses Schimpansen lockten mich immer wieder nach Dresden.
In seinen Jünglingsjahren mußte Charlie täglich Vorstellungen geben; er war ein tüchtiger Akrobat, lief tadellos Seil, machte Ueberschläge am Reck, balancierte und konnte sich — auch im menschlichen Sinn — einwandfrei benehmen. Akrobatisches Turnen gehört ohne Zweifel zu den Grundfäksigkeiten der meisten Affen, und durch fachmännisch verständnisvolle Dressux kann diese angeborene Begabung zu einer gewissen Vollkommenheit gesteigert werden; das Tier gewinnt körperlich und geistig.
Aber ich kann es nicht verschweigen, daß mir und sicher vielen Tierfreunden ein in Frack ober als Tiroler Dirndl verkleideter Affe peinlich, ja schmerzvoll ist, und ich bin froh, daß Charlies Größe und Kraft längst solche Maskeraden verbieten. Er schießt, wenn er gut aufgelegt ist, auch jetzt noch zu seiner eigenen Freude Kobvlz vor und zurück, turnt täglich; aber ebenso lieb ist ihm die stille Beschäftigung, das Basteln und Austüfteln. Man sieht feinem Gesicht die Interessiertheit deutlich an; er brabbelt dauernd, und auf feiner Stirn find Falten von der Anstrengung des Begreisenwollens»
Einmal nahm er mir einen Bogen Papier aus der Hand, auf den ich mir Notizen gemacht hatte. Ich gab Charlie nun auch einen Bleistift; er beroch ihn, beugte sich dicht über das Papier und — schrieb.
Selbstverständlich erwartete ich nicht, daß Charlie mir nach einiger Zeit den schriftlichen Erguß feiner Freundschaft wohlgeformt zurückreichen würde; er hat nur wirres Zeug gekritzelt, Punkte, Schnörkel, dünne und dicke Linien; aber er tat es mit einer verblüffenden Aufmerksamkeit, versuchte immer wieder, die schwarzen Gegenstände, die da vor seinen Augen entstanden, vom Papier hochzuheben, „malte" dann weiter, und sooft wir das seitdem wiederholten, nie hat er den Bleistift abgebrochen oder das Papier zerknüllt. Beides erhielt ich stets unversehrt zurück, allerdings im Tausch gegen etwas Angenehmes, ein Bonbon oder ein Ei.
Während der letzten zwei Jahre bemühte ich mich, alle diese stillen, erstaunlichen klugen Betätigungen Charlies im Film festzuhalten: das Deffnen eines Manschettenknopfes durch Schieben von unten und Drücken von oben, die Besichtigung einer illustrierten Zeitung oder eines Buches, das zärtlich-sanfte Streicheln der Menschenstirn, das Verbinden einer Verletzung an meinem Finger, die genießerische Art, wie Charlie eine Zigarette raucht, sich ganz von selbst eine raffinierte Ablage für den Stummel ausdenkt und noch vieles andere.
Die Forschung bezeichnet die Schimpansen als die klügsten Tiere überhaupt; nach meiner Ansicht ist Charlie einer der hervorragendsten Vertreter seiner Sippe; jetzt, im reifen Mannesalter, verblüfft er uns durch feine Besonnenheit, die aber nicht hindert, daß gelegentliche Temperamentsausbruche die Urgewalt seiner Körperkraft erhärten. Mein Menschenaffenfilm wird vielen Tierfreunden durch Charlie neue Erkenntnisse von den Geistesgaben der Schimpansen vermitteln; er zeigt aber auch, wie wir den Lebenskreis der Zootiere am besten erweitern und ausfüllen können, nämlich durch die freundschaftliche, anregende Beziehung zum Menschen.
Zeiischn'ffen.
— Im neuen Heft der „Sirene" findet sich u. a. ein interessanter Bildbericht „Verräter und Saboteure!" Das Heft bringt außerdem: Eine kleine Stadt baut ihren Luftschutz auf; Luftschutz-Dienstpflicht in der Tschechoslowakei; Gebrauchsanweisung für die Dolksgasmaske; Bilder aus unserem Grenzland; bei den fliegenden Seeleuten; die Mitteilungen des Reichsluftschntzbundes und vieles andere.


