Randglossen zur kleinen Zeitgeschichte Don Ernst v Niebetschüh.
Aus Rom vernehmen wir, daß der Maestro Jldebrando Pizzetti in einer kürzlich veröffentlichten, vielgelesenen Broschüre über die zunehmende Lauheit des italienischen Theater- Publikums in der Bezeugung von Beifall und Widerspruch Klage führt unb sich mit Wehmut der schönen Zeiten erinnert wo der Bühnenkünstler noch regelrecht ausgepfiffen wurde und ein Bombardement von Schimpfworten und faulen Eiern ihm unmißverständlich dokumentierte, daß man nicht mit ihm zufrieden war. Wie aber ist es heute? Da sitzen diese wohltemperierten, von Tag zu Tag besser erzogenen Leute, deren Väter noch wußten, was sich im Theater schickt, unbeweglich auf ihren Parkettsesseln, klatschen ein wenig und überlassen es im übrigen der Presse, ihrem Urteil den üblichen Ausdruck zu verleihen. Allein was kann der Künstler, der echte Künstler, der den Barometerstand der öffentlichen Anteilnahme spontan erfahren will, mit solchem Urteil anfangen? Nichts. Denn was ist die Meinung der Zeitungen, verglichen mit jenem nun schon historisch gewordenen Orkan der Leidenschaft, der einst vom Parterre auf die Bühne brandete, alles wie in einem Taumel der Lust oder auch des Abscheus mitriß und sich, auf seinem negativen Höhepunkt angelangt, in einem grellen Pfeifen entlud! Gestehen wir, daß dem Maestro Jldebrando Pizzetti unsere Sympathie gehört. So wenig wir diese Form südlicher Temperamentsäußerung auf das deutsche Theater übertragen wissen wollen, so unbedingt möchten wir Herrn Pizzetti recht geben, wenn er sie zur conditio sine qua non einer italienischen Theaterrenaissance machen zu müssen glaubt. Er mag ein wenig übertreiben und seine Forderung nach größerer Aktivität etwas überspitzen, aber m einem hat er doppelt recht, und das trifft für alle Theater zu: das Publikum soll pfeifen oder klatschen, es mag auch aus Ergriffenheit schweigen, nur teilnahmslos und stumpf dasitzen soll es nicht.
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Die Heldenoerehrung treibt in Frankreich zuweilen sonderbare, für uns nicht ganz verständliche Blüten, besonders, wenn ihr Gegenstand d i e Frau ist. Und das ist sie dort mehr und häufiger als in allen anderen Ländern, wobei immer wieder auffallen muß, wie außerordentlich nuancenreich diese Verehrung ist, und daß sie keineswegs etwa vor dem Heldenmädchenvon Orleans Haltmacht. Denn da ist sie berechtigt, so typisch französisch es auch sein mag, daß gerade eine Frau es ist, die den großen Männern, die Frankreich doch auch hat, bei weitem den Rang abläuft und über die Jahrhunderte hinweg als der „Nationalheld" gefeiert wird. Fragwürdiger wird die Sache schon, wenn der Kranz der Unsterblichkeit solchen Frauen gereicht wird, die für ihren Ruf mehr als für ihren Ruhm getan haben. Wir meinen die Heldinnen der Liebe, deren Vergangenheit sie keineswegs daran hindert, eine große Zukunft zu haben, immer vorausgesetzt, natürlich, daß es sich um einen beispielhaft französischen Fall handelt, der imstande ist, auch noch die erotische Phantasie der Nachwelt zu beschäftigen. M a n o n L e s c a u l t ist so einer und nicht weniger A d o l. phine Plessis, die im Alter von 23 Jahren 1847 ihre Kurtisanenlaufbahn beschloß und als das Urbild von Alexander Dumas „Kamelien- d a m e" berühmt geworden ist. Der sonst so verstandesklare Franzose kann noch heute Tränen der Rührung vergießen, wenn bloß ihr Name genannt wird. Kein Wunder also, wenn alljährlich am Allerseelentage die Pariser, die männlichen wenigstens, zu ihrem Grabe auf dem Montmartre wallfahren und es ebenso reich mit Kränzen und Blumen schmücken wie das Denkmal der Jeanne d'Arc am 14. Juli. Nur in einem Lande, in dem die Frau, die Frau als solche, die Frau jenseits von Gut und Böse, im Mittelpunkt alles Denkens und Fühlens steht, ist eine solche Huldigung möglich, und der Fremde, der sie bucht, wird gut
daran tun, sie als den Ausdruck einer nicht un- liebenswürdigen Nationaleigenschaft anzuerkennen.
Eine Zeitung der kleinen Stadt Winsen an der Luhe hatte sich am 1. April dieses Jahres einen Scherz geleistet, der, wären Scherze wiederholbar, nachgeahmt zu werden verdiente, schon des- halb, weil er den gewünschten Erfolg hatte. Winsen ist, was nicht jeder wissen wird, der Geburtsort von Johann Peter Ecker mann, dem Verfasser jener berühmten „Gespräche mit Goethe", die Nietzsche einmal als eines der besten deutschen Prosabücher bezeichnet hat. Ohne Eckermann kein Goethe (wenigstens kein vollständiger), aber auch ohne Winsen kein Eckermann. Freilich kann man auch umgekehrt sagen: ohne Eckermann fein Winsen. Dies mag der Gedankengang des Spaßvogels gewesen sein, der damals in der Win-
jener Zeitung von einem Eckermann-Denkmal schrieb, welches das Städtchen in der Lüneburger Heide zur bleibenden Erinnerung an seinen berühmten Sohn am nächsten Tage im Schloßpark enthüllen werde. Alle Welt übernahm die Nachricht, und Winsen war somit ganz plötzlich aus einem geographischen Begriff eine mit Achtung erfüllende Vorstellung geworden. Das Ganze war ein Aprilscherz, aber ein hübscher, wie sich bald Herausstellen sollte. Denn der Bürgermeister, der sich sagen mochte, daß Pstnsen jetzt den Fluch der Lächerlichkeit nur durch eine entschlossene Tat von sich abschütteln könnte, nahm den Spaß als Anregung und Mahnung, und wenn abermals der 1. April da ist, wird Winsen - an der Luhe sein wirkliches Eckermann-Denkmal haben. Kleine Ursachen, große Wirkungen!
Reise im Nahen Orient.
Von unserem $. A
in.,
Damaskus - 9000 Inn Wüste bis Vagdad.
Nachdruck verboten!
Bagdad, im November 1937.
Damaskus ist eine seltsame Oase in der Wüste. Die Araber nennen es in ihrer Sprache „Aschams" — die Sonne. Damaskus bedeutet wirklich für jeden Araber und Beduinen, der die angrenzenden Wüstengebiete durchquert hat, die Sonne des Lebens. Das kann nur der verstehen, der die ungeheuren, heißen Wüstengebiete Arabiens mit ihren Leiden, der ungeheuren Hitze und ihren Schrecken kennt. Der Europäer sieht Damaskus mit anderen Augen an. Für ihn ist diese Stadt in der Wüste eine Ueberraschung. Man mag es glauben oder nicht, in Damaskus gibt es asphaltierte Straßen, moderne Autos, Taxis. Pferdedroschken und sogar Straßenbahnen, elektrische Straßenbahnen, und das alles gaukelt einem das Bild einer europäischen Stadt vor. Diese Illusion wird aber weggewischt, wenn plötzlich der Straßenbahnschaffner mit wüstem Gebimmel seinen Wagen zum Halten bringen muß, weil eine Kamel- oder Eselkarawane sich langsam durch die Straßen schlängelt und aus technischen Gründen vor der Straßenbahn das „Vormarsch - Recht" hat. Oder an irgend einer Straßenecke plötzlich ein Grammophon aber Radio heult, dessen schreiende Dissonanzen der arabischen Gesänge einem klarmachen, daß man sich in einer anderen Welt befindet.
Seit Jahrhunderten ist Damaskus Welthandelsplatz des Nahen Ostens, und es war auch immer das Ziel arabischer Fürsten und Herrscher, die sich dort festsetzten und Damaskus so- wdhl als Festung wie auch als Brücke zum Mittelmeer betrachteten. Ein riesiger Festungsbau, der in seiner Gewaltigkeit und Ausdehnung auch heute noch Damaskus beherrscht, ist Zeuge einer längst vergangenen Zeit. Die Kampftürme sind eingeschossen, die Mauern zum Teil geschleift, nur die Kasematten haben sich erhalten. In ihnen wiehern heute keine wilden arabischen Streithengste mehr, sondern in den Kasematten stehen fein säuberlich geordnet Bett an Bett — denn hier liegt die syrische Garnison. Vor einigen Jahren noch wurde um den Bau bitter gekämpft, das war, als die Franzosen in den Jahren 1919/20 sich Syrien eroberten, es zum Mandatsgebiet machten, und Emir Fei- s a l, den damaligen Beherrscher Syriens, besiegten, der dann nach Mesopotamien sich zurückziehen mußte, um später König des Irak zu werden. Ein ganzes Stadtviertel liegt noch zusammengeschossen da, es ist der mahnende Zeuge der syrischen Freiheitsbewegung gegen die Franzosen vor zwei Jahren. Bittere Kämpfe haben die nach Freiheit ringenden Syrer mit den Franzosen geliefert. Rücksichtslos haben die Franzosen die Aufstandsbewegung niedergerungen und dabei wurde dieses Stadtviertel zusammengeschossen. Aus Protest gegen Frankreichs Gewaltherrschaft haben, die Araber das Stadtviertel nicht wieder aufgebaut. Ein führender
Sch -Korrespondenten^
arabischer Nationalist erklärte mir auf meine Frage, wie lange denn das so liegen bleiben solle: „Bis zu dem Tage, an dem die Franzosen unser Land endgültig verlassen haben. Bis ä u b em Tage der wirklichen Freiheit/
Ein anderes Stadtviertel gehört der Welt des Handels. In den Bazaren wird noch gehandelt und verhandelt, wie in uralten Zeiten. Ein Laden neben dem anderen. Ein Lädchen, kaum so groß, daß der Verkäufer sich darin umdrehen kann, neben einem fliegenden Händler. Kaufen kann man alles. Die berühmten alten Damaszener-Arbeiten: Waffen, Seiden, gold- und silberdurchwirkte Brokate, Keramiken, wirklich schöne, gute und antike Sachen. Alles das wird auch heute noch handwerklich in Damaskus hergestellt, denn das Handwerk vererbt sich auch hier von Generation auf Generation. Lange wird es jedoch wohl nicht mehr dauern, dann wird auch diese alte Kunst erliegen, denn die fabrikmäßig hergestellten Jmitativ- n e n „echter Damaszener-Arbeiten" finden schon reichlich Eingang in die Bazare.
Mitten in diesen Handelsstraßen liegt die gewaltige Omayaden-Moschee, sie ist das beft» erhaltene Wahrzeichen der Stadt und zeugt von türkischer Herrschaft. Die Omayaden-Moschee ist ein Prachtwerk orientalischer Baukunst, Teppiche von Millionenwerten decken die riesige Gebetshalle. Seit Jahrhunderten beten hier die mohammedanischen Gläubigen zu Allah. Und dann gibt es noch ein anderes Stadtviertel, das ist die moderne Stadt, hier entstanden, wie überall in den letzten Jahren im Orient, Hochhäuser und moderne Ladengeschäfte, Kinos und Tanzbars dürfen selbstverständlich nicht fehlen, ebenso wenig moderne Hotels und unter diesen ist eines, das kaum einem europäischen Luxushotel nachsteht. Damaskus ist ein Kaleidoskop. Sämtliche Sprachen des Orients Hingen einem an das Ohr. Auf den Europäer, der zum ersten Male die Stadt betritt, macht das alles einen gewaltigen Eindruck. Man übersieht den chronischen Schmutz, man versucht, nur das Schöne im Auge festzuhalten.
Diele Wolken sind am politischen Himmel Syriens aufgestiegen und vorbeigezogen — nun jedoch erwacht Damaskus auch politisch wieder zu neuem Leben. Es ist d ie Haupt st adtdes syri schen Staates, in dem sich seit kurzem die führenden arabischen Nationalisten aller Länder treffen. Hier wurde einst die arabische Freiheitsbewegung Syriens geboren und sie ist heute politische Hochburg, wenn sie auch zeitweilig durch französische Waffen vorübergehend zum Schweigen gebracht wurde. Erst kürzlich fanden mehrere große Konferenzen der Führer der panarabischen Bewegung statt, um immer wieder von neuem dem Gang der Dinge einen Austrieb zu geben. Eingeweihte wollen sogar wissen, daß die Führung der arabischen Aufstandsbewegung in Palästina eng mit Damaskus in Verbindung steht. Daher erklärt sich auch, daß der Mufti, das kirchliche Oberhaupt der Mohammedaner Palästinas, auf seiner Flucht aus Jerusalem in Syrien Schutz suchte.
Für uns ist jedoch Damaskus nur ein Saumstein auf dem weiten Wege nach dem Irak. Unser näch
stes Ziel ist Bagdad, und davon trennen uns noch fast 1000 Kilometer weiter Wüstenweg. In früheren Jahren brauchte man Wochen und auch Monate, um von Damaskus nach Bagdad zu gelangen, es gab nur eine Möglichkeit, die Kamel', karawane. Später, als die Automobile aufkamen, versuchten Wagemutige, die Wüste in kürzerer Zeit zu bewältigen. Manchem gelang es, aber viele mußten den Versuch mit dem Leben bezahlen. Sie kamen um, weil Wasser und Ben- zin nicht hinreichten, um die fast 1000 Kilometer zu bewältigen. Sie verdursteten oder ein Sandsturm deckte sie mit heißer Erde zu. Heute ist das auch anders geworden. Man hat Spezial- Autobusse für die Wüstendurchquerung gebaut und regelmäßige Fahrten eingerichtet. Auch dabei kommt es manchmal vor, daß so ein Wüsten-Auto- bus im Sande oder zur Regenzeit im Schlamm stecken bleibt. Aber Verluste an Menschenleben sind hier ausgeschlossen. Und trotz dieser bequemen Einrichtung versucht hin und wieder trotzdem ein „wüster" Wüstenfahrer in einem Tourenwagen die Ueberquerung. Wenn er jedoch ein solches Unternehmen wagt, muß er erst die Sondergenehmigung der syrischen und irakischen Behörden dazu einholen, die die Ueberwachung der Wüstenstrecke seit Jahren eingerichtet haben, außerdem ist er verpflichtet, einen arabischen „Wüsten-Chauffeur" mitzunehmen, der für die sichere Ueberquerung hastet.
Selbstverständlich gibt es auch Flugverbindungen, die jedoch wegen der beschränkten Platz«
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moglichkeit und der hohen Gebühren nur von wenigen benutzt werden. Der Weg mit der Kamelkarawane dauert, wie gesagt, wochenlang, und der Kostenpunkt der Reise ist unbekannt. Für 100 Mark befördert der Wüsten-Autobus, der Wüsten-Expreß, in 15 Stunden feine Fahrgäste von Damaskus nach Bagdad. Zum doppelten Preis und in vier Stunden schafft es das Flugzeug. Wir wählen den goldenen Mittelweg und entschließen uns zum Wüsten- Expreß. Angepriefen wird er als „airconditioned and dustprooh, d. h. zu deutsch eisgekühltund staubdicht. Und das sind zwei Eigenschaften, die für die Wüstendurchquerung fast unbezahlbar sind. Aeußerlich hat der Wüstenexpreß entfernte Aehnlich- feit mit dem „fliegenden Hamburger", aber mit dem Unterschied, daß der „Wüsten-Zepp" von einem Diesel-Tracker gezogen wird. Auch die innere Einrichtung ähnelt der seines deutschen Kollegen. Man sitzt in wunderbar gut gefederten Sesseln, die man nachts zum Schlafen zurückklappen kann.
Federung ist die Hauptsache, denn der Weg führt nicht über eine gepflegte Autystraße, sondern geht einfach durch die Wüste, über Berg und Tal, über Steine und zuweilen auch über spiegelglatte Sand- flächen. Vier Uhr nachmittags rollten wir ab, und bald hatten wir die Hügelkette kahler Sand- berge, die Damaskus umlagern, erklommen, und dann waren wir in der Wüste. Soweit das Auge blickt, kein Strauch, fein Grashalm, nichts — nur gelber flimmernder Sand, über dem ein strahlend blauer Himmel steht, und der eine unsagbare Hi^e ausströmt--und Steine. Da fällt einem das in
der Schule gelernte Wort ein: viel Steine gabs U"d wenig Brot. Wenn man so beharrlich in d m fühlen Wagen sitzt und durch die staubdichten großen Fenster hinausblickt, dann kann man sich oar feine- Vorstellung davon machen, wie heiß es draußen ist, und wie beschwerlich die Wüstendurchquerung ohne die Errungenschaften der Neuzeit ist.
An der syrischen Polizeistation hält der Autobus noch einmal. Die Polizeistation ist Paßfontrollstelle. Ein viereckiger, Heiner Festungsbau, von hohen Mauern umgeben, nur Schießscharten starren einem entgegen. Die französische Trikolore flattert über der Zitadelle, zum Zeichen, daß Syrien noch nicht frei ist, sondern immer noch unter französischer Mandatsherrschaft steht. Französische Fremdenlegionäre bevölkern diese Heine Festung. Sie haben wie immer das Los, auf den exponiertesten und schwierigsten Posten französischer Be-
Marionettentheater.
Von Sofie von Llhde.
Erwartungsvolle Stille!
Hundert Kinder, Heranwachsende, die schon nahe vor Zweifeln und Kritik stehen, und kleine, ängstlich frohe, auf dem Schoß der Mütter, blicken atemlos zu dem Bühnchen hinauf, wo hinter dem goldenen Vorhang das Licht sich entzündet hat und eine' geheimnisvoll leise Musik zur Märchenwelt hinüber führt, der auch wir Erwachsenen mit der ganzen glücklichen Bereitschaft zum Kindsein, die die Weihnachtszeit wie keine andere in uns erweckt, uns hinzugeben bereit sind. Da — ein allgemeines, jubelndes Ah! — der Vorhang hebt sich?
Holde Welt der Puppen, lächelndes Abbild unsrer Leidenschaften und Geschicke — nichts ist so im Tiefsten dem gleichnishaften Wesen des Märchens verwandt! Es ist die aufregende Geschichte vom Rumpelstilzchen, die über die kleinen Bretter geht und den Kindern Anlaß zu hüpfender Freude, zu lauter Empörung, zu verstummtem, mundoffenem Staunen gibt. Dieser König ist ein König wie er sein muß im Märchen: mit dicker, goldener Krone, mit Purpur und Hermelin und einem wohlwollenden, lebensfrohen Bäuchlein, geht er unter feinem Volk spazieren und hat alle Taschen voll unerhörter Möglichkeiten. Er schüttet denn auch gleich seinen Zaubermantel über ein Bauernmädchen aus und heraus fällt ein schöner Prinz und ein Königinnenkrönlein; aber zuvor hat das arglose Kind sich in die Hände eines kleinen Kobolds, des Rumpelstilzchens, begeben, der sie Stroh zu Gold spinnen lehrt und ihr damit den schlanken Königssohn verschafft, aber nun einen Wunsch bei ihr frei hat. Er nützt es aus, der boshafte, kleine Troll, und als die junge Königin schließlich ein Kindlein wiegt, fordert er dieses.
Wie kommt es, daß man ihm nicht zürnen kann, dem bösen Wicht? Ist es, weil er gar so herrlich aufregend die Märchenwelt der Unterirdischen verkörpert? Ist es, weil der Künstler, der ihn schuf, und die unsichtbare Hand, die ihn lenkt, etwas so wunderbar naiv und kindlich Böses, so koboldhaft Fröhliches aus ihm machen? Oder erkennt man ganz einfach in ihm etwas, das wir alle kennen: die Macht des Bösen überhaupt, die mit der einen Hand das Tor zu ersehnten Reichen öffnet und mit der andern uns heimlich die Kette um den Fuß legt und der wir doch immer und immer wiedex verfallen, weil die schenk—»^ mit so holden Betörungen lockt?
Nun, die Kinder denken so weit nicht, aber unbewußt unterliegen auch sie dem gnomenhaften Tropf. Da sie sich, trotz dem beschwichtigenden Psch! Psch! der Mütter und frommen Schulschwestern keinerlei Zwang auferlegen und lebhaft mitspielen, challt der Saal von ihren Meinungen wider, und die gehen alle dahin, daß das wildbehaarte kleinwinzige Männlein sehr böse sei, fragt man aber die kleinen Zuschauer, was denn nun das Schönste von allem fei, so rufen sie einmütig: „Das Rumpelstilzchen!" und nur sehr wenige und sehr zaghafte Stimmen sprechen sich für die arme, geprüfte Königin aus. Ein sehr temperamentvoller Vierjähriger, der auf meinem Schoße sitzt, schreit unter wütenden, rächenden Püffen gegen meine Beine: „O, du böser Rumpelstilz — du bist ja unartig! — na, wart nur, bis der Papi kommt!" — um schließlich, als das lästerliche Gnömchen mal wieder einen seiner höllisch frohen, triumphierenden Springtänze aufführt, mir um den Hals zu fallen mit dem vor Entzücken ganz erschöpften Seufzer: Guck doch bloß, der Rumpelstilz!?
Sieg des gutgelaunten Bösen auch hier?! Nachdenklich schaut man in die hundert strahlenden Augenpaare.
Pause, wie in dem richtigen, großen Theater. Da entladen sich die aufgestauten Leidenschaften in einem Lärm, der beispiellos ist. Längst haben auch die größeren Kinder, vom Märchenzauber bezwungen, alle „Weisheit" abgelegt und sind rtur noch Kinder. Alle sind von den Stühlen gesprungen, sie lachen, sie schreien, sie tragen Meinungsverschiedenheiten über das Stück prompt mit ihren Heinen Fäusten aus, sie hüpfen, sie tanzen, sie verlangen laut, daß es weitergehe. Die frommen Schwestern versuchen, wie ängstliche Hennen, die wilden Küchlein in den dunklen Falten ihrer weiten Gewänder zur Ruhe zu bringen, umsonst natürlich; die Mütter seufzen nur noch und halten fest, was sich erwischen läßt. Und schließlich werden Ungeduld und Aufregung in Schokoladeplätzchen und Lutschbonbons abreagiert.
Das Klingelzeichen? Die Kinder schreien auf, die Schwestern zerren Entwischte eilig auf ihre Plätze zurück, schon hebt sich der Vorhang wieder. Und wie das nun so ist in einem rechten Märchen und Marionettenspiel: das Gute siegt! Und Rumpel- stilzchen unterliegt mit seiner ganzen gewissenlos vergnügten Bosheit. In einer nächtlichen Waldszene, die so entzückend ist, so ganz Hexenhäuslwelt aus Kindertagen, daß auch mir Großen alle voll gläubigem Glück sitzen und schauen und lauschen und selbst der kleine Wildling auf meinem Schoß
ganz still geworden ist vor Verzauberung, belauscht der gute, dicke, komische Papa der armen Königin, von den glühenden Augen eines Geisterkaters sehr in Respekt gehalten, das Rumpelstilzchen, wie es um ein Feuer tanzt und voll Freude singt: „O wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß!" Aus diesen Namen aber kommt es gerade an und auf gar nichts sonst; denn der böse Quälgeist, seiner Sache gewiß, hat der weinenden Königin versprochen, ihr das Kindlein zu lassen, wenn sie seinen Namen rät. Nun läuft der dicke Papi, was hast du, was kannst du, nach Hause, den kostbaren Namen zu verkünden.
Eitel Glück im Königsschloß! Rumpelstilzchen tritt an, das Kind zu holen, und noch einmal ent» wickelt sich die ganze Meisterschaft der unsichtbaren Hände, die an den Fäden ziehen: wie die kleine Königin, nun schon heimliche Siegerin, mit gespielter Verzweiflung einen Namen nach dem andern rät, wie der frech vergnügte kleine Wicht, auf einer Stuhllehne umherhüpfend, in steigender Freude einen Namen nach dem andern verwirft, bis der richtige fällt und das Gnömchen sich vor fassungsloser Wut selber in Stücke reißt — ach, wie ist das entzückend! Es lind nicht nur die Kinder, die vor Begeisterung juveln.
Leise sinkt der Vorhang über einer holden Welt. Durch weihnachtliche Straßen folgt uns ihre Bezauberung, und als ich den vor lauter Aufregung, Glück und Kuchen ganz schläfrig gewordenen kleinen Wildling wieder in die Arme seiner Mutter zurückbringe, flüstert er mir besorgt zu: „Glaubst du, der arme Rumpelstilz wird nie mehr ganz?!"
Sieh an, er teilt meine Besorgnis! Und um ihn und mich zu trösten, sag ich überzeugt: doch, doch, das wird er sicher, bald tanzt er wieder frech und luftig um das Feuerlein.
Eine Londoner Mozart-Erinnerung.
An dem Haufe Ebury-Street im Londoner Stadtteil Chelsea soll eine Gedenktafel angebracht werden, die an den Besuch des achtjährigen Wolfgang Amadeus Mozart erinnert, der hier mehrere feiner ersten Kompositionen schrieb. Er war von seinem Vater über Paris nach London gebracht worden, wo er bei Hofe den größten Erfolg hatte. Ganz London drängte sich dazu, die „Naturwunder", wie der Vater seine Kinder nannte, zu sehen. Als der Vater eine schwere Erkältung davongetragen hatte, zog er sich, um Erholung zu suchen, mit feiner Familie nach Chelsea zurück, das damals noch ein Dorfleben für sich führte.
Aufruf zum Optimismus.
Viele Leute bilden sich em, daß die Pessimisten tiefsinniger seien als die Optimisten, und berufen sich dabei fälschlich, wie Dr. Johannes Neumann (Gießen) in einem Aufsatz des Dezemberheftes von Velhagen & Klafings Monatsheften auseinanderfetzt, auf philosophische Systeme und ihre Träger. In Wirklichkeit ist der Pessimist der Schwache. West die Welt anders zu sein pflegt, wie er sie wünscht, und weil er nicht die Kraft in sich fühlt, sie nach seinen Ansprüchen zu wandeln, ist er Pessimist. Man kann sich aber gegen die Tücke des Schicksals nicht dadurch wehren, daß man sich vor ihm zu hüten beschließt. Neumann setzt das sehr hübsch an Beispielen auseinander, wie wir sis alle erlebt haben. Er schreibt: „Wir haben in unserer Wirtschaft abgebaut, um nicht zuviel auszugeben, um unseren Haushalt auszubalancieren. Dabei wurde bei der Verringerung der Wirtschaft immer weniger verdient. Deshalb neuer Abbau, neue Sparmaßnahmen. Daraus wurde wieder ein noch stärkerer Schrumpfungsprozeß. Das war eine Spirale, die immer mehr nach innen ging mit der Richtung auf den toten Punkt. Wir haben jetzt gelernt, es umgekehrt zu machen. So wurde die Autosteuer aufgehoben. Zunächst fteilich fiel diese Steuer aus. Aber das Vertrauen wuchs. Aus der wirtschaftlichen Erleichterung wurde ein Ankurbelungsprozeß. Der Autoverkauf stieg. Nun ist die Autoindustrie eine Schlüsselindustrie, die wieder andere Industriezweige ankurbelte. Jetzt bewegte sich die Spirale nach auswärts. Der Verbrauch belebte wieder neu, und darum stieg das Vertrauen wieder weiter. Sorge, Angst, Mißtrauen lähmen. Vertrauen ab et macht Mut, und Mut stärkt wieder das Vertrauen. Dieser Aufruf zum Vertrauen bedeutet nicht, d n Gefahren und Schwierigkeiten gegenüber blind zu sein. Der wirkliche Optimist weiß um Not, um Schwierigkeiten, um Kampf, um Versagen und um Risiko. Nur weiß er auch, daß das, was aus diesen Tatsachen wird, von ihm abhängt. Er greift zu und hat das Gesetz des Handelns in seiner Hand. Er glaubt an die Möglichkeit, auch harte Tatsachen meistern zu können. Der Pessimist will alles Risiko vermeiden. Darum wagt er nichts. Und so glückt ihm auch nichts. Der Pessimist darf nie verlieren. Der Optimist rechnet mit der Möglichkeit, auch einmal zu verlieren, und er verliert auch manchmal: aber er läßt sich durch nichts und niemand entmutigen."


