Nr. 783 Zweites Statt
Lunge deutsche Nation
Kießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Samstag, 4. Dezember |93Z
Schlachtum denpattershäuferHos
Der Nebel wob noch leise Schleier über Wiesen und Waldlichtungen, als wir im Wagen dem Kampfgelände zustrebten. Jetzt erreichten 'wir den Pattershäuser Hof, um den an diesem Morgen die Entscheidungsschlacht entbrennen mußte. Ein alter Bauernhof, mit bemoosten Schindeln bedeckt, lag vor uns. Alle Türen und Fenster waren geschlossen, lieber dem verbarrikadierten Tor war ein Wehr- aang angelegt, der mit allen möglichen Wurfgeschossen — söndgefüllte Tüten — gut versorgt war.
Im Hof herrschte geschäftiges Treiben. Die letzten Vorbereitungen wurden getroffen, Kübel mit Wasser zurechtgestellt. Auf dem Misthaufen in der Mitte des Hofes war eine blaue Fahne aufgestellt, umgeben von drei Reihen Jungens, die sich untergehakt hatten. Dieser Fahne sollte der Angriff gelten, der in den nächsten Minuten erfolgen mußte. Von einem „Neutralen" und einem Wehrmachtsoffizier, die den Kampfhandlungen beiwohnten, ließen wir uns rasch den Stand der Operationen schildern.
Blau und Rot standen sich in der Nähe Dietzenbachs — in der Nähe von Frankfurt — bereits am vergangenen Abend gegenüber. Blau wurde auf einer etwa sieben Kilometer langen Front zurückgedrängt und mußte sich, um sich nicht zu zersplittern, im „Pattershäuser Hos" sammeln und festsetzen. Die Nacht war mit Aufklärungen und leichten Geplänkeln der Spähtrupps ausgefüllt. Rot hatte unter Ausnutzung der Vorteile, die das Gelände bot, den alten Bauernhof umzingelt, um einen konzentrierten Angriff zu unternehmen.
Da ging es auch schon los. Eine Trompete schmetterte, Schreckschüsse krachten. Ueberall im Gelände erhoben sich Gestalten und liefen los. Am Haupttor schien die Hauptmacht des Angreifers eingesetzt. Es ging einigermaßen toll zu, und wir wären froh, „Unparteiische" zu sein. Plötzlich ein großes Geschrei im Hof, ein Pfiff! Die Schlacht war beendet. Wie wir später erfuhren, war der Angriff auf das Tor nur eine Finte; während die Verteidiger ihr Hauptaugenmerk auf dieses Tor richteten, drangen die Roten durch einen rückwärtigen Eingang ein und hefteten den Sieg an ihre Fahnen.
Wir sahen eines der vielen Geländespiele, die die Hitler-Jugend und das Jungvolk in Hessen- N a s f a u durchführten. Besonders erbittert tobten die Kämpfe um die Gauhauptstadt Frankfurt. In Bischofsheim, wo ein Frankfurter Unterbann sein Geländespiel durchführte, waren als Gäste der -^tandortälteste und der Divisionskommandeur der 15. Division, Generalleutnant ß e e b , sowie der italienische Generalkonsul in Frankfurt, Marchese Ferrante di R u f f a n o , mit der Faschistischen Jugend der Frankfurter italienischen Kolonie er- sschienen. Recht originelle Sachen hatte sich das ^Jungvolk zum Teil ausgedacht. So zogen u. a. die Wikinger gegen die Normannen, um zehn gefangene Stammesbrüder mit -aUen möglichen Kriegslisten ^u befreien, während andere Einheiten — geteilt in sioux und Komantschen — sich „blutige Kämpfe" lieferten.
Alles in allem liefen diese Fehdetage für alle Beteiligten recht glimpflich ab, bis auf verdreckte lGesichter und zerrissene Hemden. Mathes.
Pimpfe im Winter.
Herrlich war der Sommer! Herrlich waren die Großfahrt, das Sommerlager! Kameraden, denkt noch einmal zurück an die erlebnisfrohen, sonnenhellen Tage, die ihr in der großen Gemeinschaft verbracht habt! Denkt noch einmal an die weiten Brünen Wiesen, voll von Blumenduft und Grillen- zezirp! Denkt an die großen weißen Wolken, die
Trepoaus - treppab.
Jagd auf Altmaterial.
„Halt, nicht um die Ecke! Das Haus gehört nicht mehr zu unserem Revier!", ertönt hinter uns . ie Stimme des Gefolgschaftsführers, der auf dem Ralle kontrollierend durch die Straßen fährt, schade! Das Haus sah gerade so aussichtsreich aus. Mindestens 25 Wohnungen. Na, schadet auch nichts! Wir werden auch woanders unseren Korb vollbe- jommen. — Womit? ...
Ach ja, das muß ja gesagt werden. Wir sind hei der Altmaterialsammlung, raffen alles an uns, was silbrig schimmert oder grau metallisch aus- s>eht: Flaschenkapseln, leere Tuben und Silber- Mpier. Da kann man schon etwas erleben, und wenn es nicht allein die Freude an der Aufgabe Tiare, die uns vorwärtstreibt, so wäre es der Spaß, ten es manchmal dabei gibt.
Kommt mit in das große Haus, das wir jetzt in Angriff nehmen. Diesmal gehört es wirklich zu nuferem Revier und nicht den Mädeln, die uns rntürlich mächtig Konkurrenz machen. Wir nehmen 1 e Treppen in großen Absätzen unb beeilen uns, hnn die Abendstunden sind kurz, und wenn erst Le Häuser geschlossen werden, ist es Essig mit dem Hammeln.
Einer stellt sich in Positur, der andere klingelt. , Wir sind gespannt, was für ein Gesicht aus dem t Mrschlitz lugen, was man uns auf unsere Bitte entworfen wird. Diesmal klappt es gleich auf An- I heb. Eine freundliche ältere Frau öffnet, und als unsere Uniformen sieht, sprudelt sie gleich los: „Ach, Sie kommen wegen der Sammlung? Ich fribe schon alles zurechfgelegt. Hier vor allen Dinkin das Silberpapier. Tuben habe ich nicht, und aich keine Flaschenkapseln."
.„Wir erklären ihr, daß sie ruhig „Du" zu uns fegen kann, und nehmen dann freudig eine Zigar- r.nfiffe voll Silberpapier in Empfang. Ein schöner -chwung. „Danke schön!" und „Heil Hitler!" — fiter gehts. Dann klingeln wir schon einen Stock Mr.
Vin abweisendes Gesicht sieht aus der Tür: „Wir linnen keine Zeitung brauchen!" Ist auch gar nicht üttig, meinen wir, und erklären dann, was mir if:, entlief) wollen. „Silberpapier?" Es bedarf dies- Nül etwas weitschweifiger Erklärungen, daß wir oider uns selbst Weihnachtsbaumschmuck anfertigen ud) andere damit beglücken wollen. Erst bei dem Kort „Vierjahresplan" dämmert es langsam bei )em Mann, und dann geht er ab.
Dann kommt er wieder, und wir können uns
so sanft über das Blau des Himmels schwammen! Denkt gn die fröhlichen Lagerabende, denkt an all die wilden Erlebnisse, an die Sturmnächte, an die Regengüsse, an die Geländespiele! Denkt noch einmal an die Fahrtentage, in denen ihr die deutsche Heimat kennen und lieben lerntet!
In der Erinnerung steigen mir noch einmal zu den Gipfeln windumtobter Berge empor und schauen meit über das Land. Noch einmal wan- dern wir durch die Wälder und Wiesen, in denen unsere Zelte standen. Noch einmal ziehen wir die Straßen entlang, die wir marschierten, durch Wälder, Felder, Städte.
^Nun sind die gelben Halme schon lange unter der Sense des Bauern gefallen und hohe, beladene Erntewagen haben die gesegnete Frucht glücklich in die Scheuer gebracht. Wieder schritt der Bauer über die Felder und bereitete den Boden für neue Saat. Leise raschelte der Wind im Laub, das in ersterbender Pracht die Wege bedeckte. Weißlich zogen Nebel und Rauch von Kartoffelfeuern über die kahlen Felder. Bunte Drachen mit langen Schweifen standen am Himmel. Doch schon früh wurde es Abend, und milchige Nebel stiegen aus den Tälern und hüllten das Land in ihre Schleier. —
Jetzt treibt der Wind schwere Schneewolken heran, und die Froste lassen den Boden erstarren. Eines Morgens liegt die Landschaft auf einmal in
Vorbereitungen
Don Brettln, Gteigwachs u
Diese Tage sind geschaffen zum Träumen. Du .stehst am Fenster, guckst der ersten schwebenden Schneeflocke nach; wirklich, die erste heuer Das ist ein Fest. Und dann durchfährt dich ein heißer Schreck: Wie lange noch?! Und bann fallen dir alle deine Sünden ein. Hast sie wirklich ganz vergessen, die Brettln? Hast du nicht geschworen im letzten Jahr: Meinetwegen braucht'» gar keinen Sommer geben? Du bist mir gut! Vergißt noch deine besten Kameraden!
Hattest du sie nicht im Anfang öfter mit heißem Leinöl ober Fichtenholzrohteer mehrmals präpariert unb gut gespannt auf den Boden getragen? Jetzt heißt's nachholen. Vorbereitungen sind bas Schönste; und wenn man sich oorftellt, wie der erste Schneetag richtig aussieht, kann man da nicht jetzt schon vor Lust saft aus der Haut platzen? — Dein Freynd kommt, der Franzl, den sollst du beraten, der ist nie mit dabei gewesen. — Ja, da mußte bu halt ganz von vorn beginnen. Der versteht's sonst nicht. Au weh, beine Kanten finb ganz abgefahren! Warum nahmst bu auch keine aus Stahl, bist eben noch unmodern, mein Junge. Das ift’s. Und dann hältst du dem Franz! einen ganzen Vortrag. Schau, sagst du, die Hauptsachen auf so einer Winterfahrt sind die Brettln, mußt zusehen, daß du ein Paar anständige kriegst. Esche oder Hickory, das ist das Beste im Gelände, bloß, daß das Eschenholz sich zu schnell ausfährt. Es gibt Rillen, und die muß man bann mit einem Glasscherben entfernen; Abziehen nennt man bas. Und den Lack an der Oberseite mußt du auch erneuern, wenn bu deine alten Brettln im neuen Jahr hervorsuchst. Wasser dürfen sie nicht saugen, bas ist das erste, was du lernen mußt. Ja, und deine Stiefel hast bu boch wohl auch gut übers Jahr gebracht: bie Sohlen neu gefirnift — wenn sie zu steif sind, darfst bu sie wohl auch mal ausnahmsweise mit Oel behanbeln, — nachher werben die Stiefel draußen nur jeden vierten Tag etwa geölt, sonst mit Fett oder besser einem Krem behandelt — am Oberleder, versteht sich —, die Sohle wird nur gefirnift. Zuviel Nähte sollen die Stiefel auch nicht haben, darauf mußt achten beim Einkäufen. Dann, daß sie gut in die Backen passen
weißlicher Helle vor uns. — Wir stapfen wieder durch verschneite Wälder, wir erleben die Wunder des Rauhreifes und schießen auf geflügelten Brettern in stiebenden Schneewolken die Hänge hinab.
Die Wände unseres Heimes schließen uns jetzt dichter zusammen. Wir sitzen um den selbstgebauten Tisch, basteln, erzählen Geschichten, fingen Lieder oder lesen auch aus Büchern vor, während im Ofen rotbäckige Aepfel schmoren und bas Zimmer mit süßem Duft erfüllen. Ja, nun soll auch bas Buch, bas im Sommer bem Leberball weichen mußte, wieder zu seinem Recht kommen. Wir hären mit klopfendem Herzen vom sieghaften Kampf deutschen Volkstums, wir lesen von wilden, großen Kämpfen, von Gefolgschaftstreue tapferer Männer, von Fernsehnsucht, Freiheitsliebe und Tod. Zusammen mit tollkühnen Entdeckern unternehmen wir verwegene Fahrten, stoßen unter tausend Gefahren zum Eis der Pole vor oder wandern durch die glühende Hitze der Wüsten. Andere Bücher wieder führen uns in das Reich der Natur unb Technik, unb wir staunen über die Weisheit einer alles treibenden Macht und über die Kühnheit menschlichen Geistes. —
Dan mag draußen der Sturm noch so tollen, der Schnee noch so dicht fallen, die Kälte mit noch so unerbittlicher Hand alles Leben erstarren lassen -r- in unserem Heim entdecken wir die Welt. Ja, der Winter ist schon! L. G. Buchheim.
zur Mnlerfahri.
ib anderem zünftigen Kram.
— na und überhaupt, bas ist ja bas Wichtigste- der Sitz. Fest, unb boch biegsam! Das ist bas große Geheimnis. Und bas hängt ganz unb allein von der Bindung ab. Hast bu als Skiläufer gute Stiefel, eine vernünftige Bindung und stehst auf guten Brettern, dann gibt es gar nichts mehr, was dir zustoßen kann. Aber beachten mußt diese drei, unb laufen unb — wachserln mußt halt auch können. Das ist natürlich mit eine Hauptfach.
Und bann fühlst bu dich fast schon als Künstler mit deinen Brettln. Das, Franzl, ist die Hauptfach nun: das Wachserln. Damit die Brettln nicht kleben, weißt. Zuerst bas Grundwachs. Dazu nimmt man am besten, weil boch bann bas Steigwachs dauerhafter hält, entweder einfaches Steigwachs oder Paraffin und bügelst das ein, ober nimmst ein hartes Steigwachs zum Einreiben. Besser aber ist ein zähflüssiges Grunbwachs, z. B. „Skare", bas in bie Laufflächen bringt unb auch bas Steigwachs festhält. Ober du kannst auch zähflüssiges Steigwachs für nassen Schnee heiß einbügeln, das geht auch. Dann kommt nachher draußen bie Kunst: richtig wachsen. Oder es ist vielmehr eine ganze Wissenschaft. Dabei denkst bu immer daran, daß es drei Hauptwachsarten gibt: hartes Steigwachs für kalten, trockenen Schnee, mittelweiches für mittleren, feuchten Schnee, wenn er pappt, und sehr weiches Wachs für völlig nassen, gefroren gewesenen Schnee.
An eins aber mußt halt immer denken beim Wachserln: sollen bie Brettln mehr greifen, bann stärker auftragen, sollen sie mehr gleiten, bann mußt bu bas Wachs mehr verreiben. — Zu schwer? Wart, bis bu braußen bist, benn bas sieht man besser unb merkt es, wenn man es falsch gemacht hat. Geh, Franzl, bas zeig ich dir bann einmal.
Unb bann nimmst auch bu deine Brettln unb überlegst, ob bu dir nicht Stahlkanten einziehen läßt ober noch was ganz anderes, daß die andern staunen sollen; unb bei der Mutter klopfst bu an, ob auch an beinen Skihosen bie Ecke gestopft ist, die du dir zuletzt noch oben eingerissen hattest. Denn nun ist es bald so weit. Und morgen — da schaust wieder in den Winter. hjs.
Stammeiffer Zungzug 3.
Die Entscheidung der Stammeisterschaft im Fußball sollte in den nächsten Tagen fallen. Unser Jungzug 3 war der Favoritenschreck des ganzen Stammes geworden; denn bei uns ist Schwung im Laden. Zackiger ist alles geworden: die Haltung, die Uniformierung, überhaupt der ganze Dienst. Im besonderen waren aber noch andere Dinge in der Entwicklung ...
Mit zerbrochenen Fensterscheiben und zerschlissenen Schuhen hat es angefangen. Die Schuld trug der Lappenball, der erste Vermittler zu den Geheimnissen des Königs Fußball. Seitdem hat es aber auch nicht an Dornen gefehlt am Wege, der zur vollendeten Fußball-Akrobatik führt. Künstlerpech — daß der Ball immer wieder feine eigenen Wege ging, um dann um so deutlichere Spuren zu hinterlassen.
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So gerüstet, konnte uns beim Stammeisterschafts- kämpf nichts mehr passieren. Die Frage nach bem Fähnleinsieger war schon gar keine Frage mehr. Sichere Sache für unseren Jungzug! Unsere Gegner, die Jungzüge 1 und 2 des Fähnleins, waren schon niebergefdjrien, ehe sie überhaupt gegen uns antraten. Wir waren vollzählig zur Stelle. „Sieben, acht, neun, zehn — wir wollen Knochen sehn!" Der Schlachtruf war allein ein durchschlagender Erfolg.
Einer nach dem anderen war lazarettfähig geworden, als der Ball immer weniger Gelegenheit fand, sich als letztes Hindernis zwischen die beiderseitigen Schienbeine zu schieben. So geschwächt, hatten die anderen schon von vornherein bei uns nicht mehr viel zu bestellen. „Moralisch vernichtet", nannte es Dotzki. Im Kanter wurde dann auch der erste und der zweite Gang genommen.
Der Favoritenschreck Jungzug 3 des Fähnleins 16 ging den anderen nun doch mehr als man zugeben wollte, auf die Nerven. Und dabei hatte man vorher große Reden geschwungen und geglaubt, die Stammeisterschaft schon in der Tasche zu haben. Was bei den Generalstabsbesprechungen vor dem Meisterschaftskampf auf die Tapete kam, war bestimmt nichts aus Andersens Märchenbuch ober Tausendundeiner Nacht.
Bei unserem gefürchteten Jungzug waren aber mittlerweile auch die Rollen verteilt und die Vorbereitungen zum entscheidenden Gang getroffen worden. Dotzki selbst würde sich den Tank kaufen und ihn schon auf die Schippe nehmen. Ihn konnte er doch nicht... Oder ob der Tank sich vielleicht einbildet, ihm mit seinen Generalstabsbiesen an den Hosennähten Respekt oder gar Angst einjagen zu können? Da war er schief gewickelt. Ueberhaupt Angst! Nur nicht bie Hühneraugen bange machen lassen! Kannten die überhaupt den schottischen Flachpaß, die Kunst der Kopfballartisten, die alles nur so mit der Virtuosität eines Rastelli hinlegen würden? Sie sollten sich wundern und das Angeben ein für allemal verlernen!
Dann konnte ber Führer des Fähnleins, wie er es so oft tat, feinen letzten Senf zu den Titelkämpfen seiner Jungzüge geben. Die Freude gönnte man ihm schon. Das war aber auch alles. Seinem Namen „Favoritenschreck" würde ber Jungzug 3 schon Ehre machen, und mochten die anderen noch so gerüstet fein. Die Entscheidungsschlacht sollte es beweisen. Ein mörderisches Treffen hat es denn auch gegeben, und der Sieg war natürlich unser.
R. L.
freuen: Eine ganz große Kugel zusammengeknülltes Silberpapier bringt er an. Nun wird er noch schonend aufgeklärt, daß wir im Dezember wiederkommen unb sein Zigarettenpapier dann hübsch glattgestrichen in Empfang nehmen wollen. Er begreift und will uns zur Belohnung noch eine nicht ganz leere Zahnpasta-Tube geben. Wir zügeln aber unsere Ungeduld und versprechen ihm, sie in ein paar Wachen abzunehmen, wenn sie leer ist. „Kampf dem Verderb!" Der Mann bekommt etwas Achtung — und wird in den nächsten Monaten sicher einer unserer besten „Kunden" werden.
Weiter geht es. Bei Schulzes ist nichts zu holen. Heini, mit Nachnamen Schulze, hat schon alles zu seiner Gefolgschaft mitgenommen. Dagegen läßt sich nichts einwenden, mehr schon gegen Frau Kampes Wunsch, uns ihre alten Zeitungen aufzuhängen. Wir verweisen freundlich darauf, daß die SA. für dieses Gebiet zuständig ist. „Das sind alles starke Männer, die können besser schleppen", sagt Erwin und drückt bereits nebenan auf den Klingelknopf. Keiner zu Haus. Ich notiere: Da müssen wir morgen noch einmal hin. Es wird nichts ausgelassen.
Nun sind wir schon im Erdgeschoß angelangt. Der Portier schaut aus seiner Luke und schüttelt dann bedauernd den Kopf: „Alles schon weg! Bei mir waren zwei andere!" Da hat uns also einer ins Handwerk gepfuscht. „Aber geht mal nach hinten, zu Frau Funke, die hat bestimmt noch etwas!" Schleunigst machen wir kehrt, um uns der neuen Ausgabe zuzuwenden. Frau Funke hat beftimmt noch was!
Jawohl, sie hat sogar mehr, als wir vertragen können. Denn sie hat anscheinend eben erst ihren Boden entrümpelt und will uns nun mit dem Kram beglücken. „Dieser Eisentopf ist doch noch sehr schön", sagt sie. Schön ist er zwar nicht, aber sie glaubt es eben. Wir sagen ihr, daß wir für Alteisen nicht zuständig sind, sondern der Altwarenhändler. Nun ist sie ganz traurig, weil wir auch für die Matratze von Opa keine Verwendung haben. Anäestrengt denkt sie nach, während uns schon der Boden unter den Füßen brennt. Wenn bloß nebenan bas Haus noch nicht zu ist!
Dann kommt ihr eine Erleuchtung: „Aber eine Tasse Kaffee können Sie haben! Sie müssen doch schon ganz durchfroren fein von dem vielen Herumlaufen." Das hatten wir nun wirklich nicht erwartet. Erwin ist tatsächlich etwas blaß um die Nase. Ob wir Kaffee trinken? Doch damit kann er mir nicht kommen. Das Nebenhaus wartet, und in unserem Korb ist noch Platz. Ich lehne also dankend ab. „Vielleicht ein anderesmal, wenn wir mehr Zeit haben. Heute ist noch nicht Kaffeezeit."
Unterwegs sage ich Erwin, er könne bei mir zu Haus nachher Kaffee trinken, und das sieht er ja denn auch ein. Gerade wollen wir losschieben, da tut sich unten eine Kellertür auf. „Jungens, kommt mal runter! Hier habe ich was für euch!" Das ist ja der Portier von vorhin. Er hat sich während unserer Unterhaltung auf die Socken gemacht und in seinem Keller gesucht. Da fand sich allerlei, was wir noch mitnehmen können. Wo hat der Mann nur die vielen leeren Tuben her? Egal, das ist richtig. Alles ein bißchen durcheinander, aber in Ordnung für uns. Wird also mitgenommen, mit bestem Dank.
Nebenan aber ist bas Haus boch schon zu. Dann kommen wir eben morgen roieber. Die Woche ist ja noch nicht um. hb.
Unsere Schweinezucht.
Ein Jungmädel erzählt.
In bem Schweinestall bes großen Bauernhofes nahe ber Stadt herrschte immer die gleiche Ruhe. Das mal eines der Schweine vor Behagen grunzte, sich im Stroh drehte, zum Trog ging und mit schmatzendem Geräusch fraß, gehörte zu der Umgebung. lieber den Christian regten fief) die altt'n Tiere nicht mehr auf; den kannten sie ihr ganzes Leben lang, der störte sie nicht.
Heute aber war es mit ber Ruhe im Stall nichts. Einige Schweine -mußten in anbere Koben umziehen, so daß der hinterste frei wurde. Dort arbeitete Christian lange Zeit. Es war zwar auch sonst hier alles blitzsauber, aber bas Stroh konnte noch etroas, aufgelodert werden, und an die Wand kamen fünf weiße Zettel. Der Christian pfiff, Und von Zeit zu Zeit schmunzelte er vor sich hin.
Dann klappte die Stalltür. Man konnte nicht gleich sehen, wenn man vom hellen Sonnenlicht hereinkam, aber man gewöhnte sich schnell daran. So blieben die Jungmädel denn auch erst einige Augenblicke zögernd stehen, ehe sie Christian erkannten und ihn lachend begrüßten.
Nun ging der Christian mit den Jungmädeln von Koben zu Koben. Krümel stieg immer auf den Rand des Troges, damit sie über bie Wand hineingucken konnte. Der Christian mußte sehr schnell denken, denn die Jungmädel fragten so viel hintereinander. Wie alt bas große Schwein hier in dem dritten Koben wäre, wieviel bie Tiere zum Fressen brauchten, was sie bekämen unb wie oft ...
Dann saß der Christian mit den Jungmädeln auf bem Hof in ber Sonne. — Plötzlich klang Räberrollen von der Straße her. „Dann kommen sie nun
chohl", meinte er, und sie gingen wieder zum (Statt hinüber. Der Wagen hielt, ein großer Kasten wurde heruntergehoben. Der Christian holte ein kleines Ferkel heraus und legte es Krümel in die Arme. Die stand ganz still; nicht weil sie Angst hatte, son- dern weil sie noch nie bas Klopfen von dem Herzen eines jungen Tieres gespürt hatte. Plötzlich schrie sie auf. Das Schweinchen hatte einen Sprung getan, rannte quer über den Hos. Krümel behielt erst den Mund offen, lief ihm bann nach, was aber weiter keinen Erfolg hatte. Die anbern Ferkel trug Christian nun selbst in den Stall, das war sicherer.
Einige Tage später war es. Da zogen bie Jungmädel mit Körben von Haus zu Haus. Sie brauchten kaum zu klingeln, denn die Leute warteten schon auf sie, hielten Kartoffelschalen und allerlei Abfälle bereit. Sie hatten in ber Zeitung gelesen, daß bie Jungmädel für siebzig Schweine, bie für bie NS. -Volkswohlfahrt bestimmt waren, Futter sammeln sollten.
In kurzer Zeit gehörten bie Schweine, die die NSV. den Jungmädeln zum Füttern gegeben hatte, eigentlich nicht mehr den Jungmädeln allein. Vielleicht war es aber gerade bas Schöne, baß alle Leute banach fragten, ob bie Schweinchen schon orbentlich gewachsen wären, und ob sie gut fräßen. Sie sagten auch kaum mehr, daß sie vergessen hät- ten, die Abfälle zu sammeln. Ja, ber alte Arbeiter vom Hinterhof ging eines Tages sogar mit ben Jungmäbeln zu bem. Bauernhof hinaus unb trug ihnen zwei Körbe. „Ich muß doch mal sehen, wie groß unsere Ferkel sind."
Mittlerweile war ber Herbst gekommen, unb es war nun manchmal roinbig unb kalt in ben Straßen, wenn bie Jungmädel ihren Dienst für bie NSV. taten. Aber seit ihnen jemand einen kleinen Leiterwagen geschenkt hatte, auf dem sie die Abfälle leichter als in den Körben befördern konnten, ging es viel schneller und einfacher. Nur einmal hatten sie Pech. Es hatte geschneit, und der Land- weg kurz vor dem Hof war zäher Morast. Da brach ausgerechnet ein Rad. Aber schließlich fuhr der Wagen auf drei Rädern dann doch noch weiter.
Die kleinen Schweine waren nun eigentlich keine richtig kleinen Schweine mehr. Sie waren gewachsen, sogar ordentlich. Wenn sie an nicht zu kalten Tagen in bie Box vor bem Stall gelassen würben, sah man so recht, wie groß sie nun waren. „Nun werden sie bald abgeholt", sagte ber Christian, und die Jungmäbel würben fast etwas nachdenklich. Eigentlich hatten sie bie Schweine richtig gern gemocht. Aber als sie an bie vielen Würste, an ben Speck unb bie Schinken bachten, waren sie boch sehr stolz auf den Erfolg ihrer Schweinezucht. R. T*


