Nr. 258 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Donnerstag, 4. November I95Z
Neues für den Büchertisch
des der Carl
Wieder bestätigte es sich, daß fionen formende Kraft der Persönlichkeit Furtwänglers Sicherheit auf das Orchester
und Treulosigkeit der Frauen, sondern: in Scherz, Komödienspiel und Verstellung sind sie alle gleich.
das sich überall bewährende Gestaltungsgabe waren weitere Stützen der von Werner E g k musikalisch vorzüglich betreuten Aufführung.
ßen Hafenstädten des Atlantik. Ihr Buch ist ein Niederschlag dieser ihrer Lebensarbeit. Es gibt nach einem kurzen Ueberblick über die Geschichte Brasiliens in losen Skizzen eine eindrucksvolle Schilderung der deutschen Kolonisation namentlich in den Südstaaten. Der Anteil der deutschen Schule am Zusammenhalt des Deutschtums und an der Erhaltung der deutschen Sprache fällt dabei sehr in die Augen. Interessant ist auch eine Schilderung des Lebens der deutschen Volksgenossen im Kaffeestaat Sao Paulo, wo zwar in der Stadt, dem „Chikago" Südamerikas, ein starkes, wurzelfestes Deutschtum mit zahllosen Vereinen, Schulen, Zeitungen sich hält, auf dem Lande aber vielfach die weit verstreuten deutschen Einzelsiedlungen in der fremden Umwelt ihre Sprache und damit auch ihre Erinnerung an die alte deutsche Herkunft verlieren und in fremdem Volkstum untergehen. Eine Arbeit, wie sie Maria Kahle in vorbildlicher Weise begonnen hat, ist vielleicht der beste Schutz vor diesem Verlust deutschen Bluts. Viele interessante Bilder verstärken den Eindruck von kräftigem, seiner Mission bewußten deutschen Volkstum in Brasilien.
JDr. Fr. W. Lange.
— Gunnar Gunnarsson: Der graue Mann. Roman. Einzige berechtigte Uebersetzung aus dem Dänischen von Helmut de B o o r. 217 Seiten. Leinen 5.— RM. Verlag Albert Langen / Georg Müller in München. 1937. — (287.) — Gun- narssons jüngstes Werk führt wieder nach Island und erzählt von einem der entscheidenden Wendepunkte in der Geschichte dieses alten Wikingervolkes. Es ist die Zeit des Kampfes zwischen Ohnmacht und Willkür, in die Olaf Hildesson, „der ärmste Mensch im ganzen Lande", hineingerät, und deren Härten er als Sohn eines Geächteten schuldlos zum Opfer fällt. Um des. Rechtes willen, das ihm zusteht, machte er sich eines harmlosen Vergehens schuldig, dessen Auswirkung er nicht übersehen kann, obwohl es eine ganze Welt in Aufruhr versetzt und schließlich zu seinem Tode führt. Noch ehe er sich darüber klar wird, ist er in den verderbenbringenden Streit herrschsüchtiger Sippen verwickelt, und was ihm in diesem blutigen Streit widerfährt, übersteigt alle Grenzen seines Verstandes: Recht wird in Unrecht verkehrt, Macht artet in Willkür aus und teuflische List triumphiert über menschliche Rechtschaffenheit. Ohne sich wehren zu können, wird er vom All-Thing, das noch ängstlich den Großen des Landes gefügig ist und mit zweierlei Maß mißt, an Stelle des eigentlichen Mörders geächtet und für vogelfrei erklärt. Rechtlos ist er geworden, der
ordentliche Verdienst des Werkes beruht darin, daß es dem Deutschen, dem Europäer, dem weißen Menschen der Gegenwart zum ersten Male einen klaren, realen Ueberblick über die Gesamtsituation des Europäers in der Gegenwart vermittelt. Hier ist der archimedische Punkt des Europäers gefunden worden, von dem aus er die Welt nicht etwa aus den Angeln zu heben vermag, sondern gerade wieder in die Angeln, nämlich in das Gleichgewicht schöpferischen, glücklichen, friedvollen Lebens zu bringen berufen ist. Nicht mit Unrecht wird das Werk des Europäus vom Verleger Spenglers Untergangswerk gegenübergestellt. Während Spengler aber zerstörend wirkte, weil er ein abschiednehmender, negativer Geist war, wirkt Europäus lebensfördernd und wegweisend. Wer das Buch von Europäus gelesen hat, wird sich, mag er auch in der einen oder anderen Einzelheit Einwände erheben, im Sturme der Zeiten zurechtfinden. Klarheit schafft das Buch. Europa geht entweder den Weg, den Europäus zeigt, oder es zerstört sich selbst. Das Buch ist eine politische Tat, die ihre großen Folgen in sich selbst trägt. Wer das Buch gelesen hat, lebt fortan mit ganz anderer Kraft und Schaffensfreudigkeit in unserer Zeit, in unserem Volke und in Europa. Hans Martin Elster.
— Maria Kahle: Deutsche Heimat in Brasilien, mit 37 Abbildungen. Preis geb. 2,70 Mark, Pappband 3,80 Mark. Verlag Grenze und Ausland, Berlin W 30. — (258) — Die Verfasserin ist als feinempfindende, für die Not deutschen Volkstums jenseits der Grenze aufgeschlossene Frau durch manches Buch und viele Vortragsreisen namentlich in den Kreisen des VDA. eine bekannte und hochgeschätzte Persönlichkeit. Sie wurde als junges Mädchen vom Weltkrieg in Brasilien überrascht und sah nun hier ihre Aufgabe, für die Tausende deutscher Volksgenossen, die in Brasilien eine zweite Heimat gefunden haben, in der Schlammflut der Verleumdungen, die die Alliierten auch in dem zum Bundesgenossen gepreßten Brasilien gegen Deutschland ausspien, ein wahres Bild der alten Heimat zu geben und ihnen damit Glauben, Zuversicht und Treue für die deutsche Sache in die Herzen zu senken. 1934 hat sie im Auftrage des VDA. eine zweite Reise nach Brasilien gemacht. So wurde sie Mittlerin zwischen Deutschland und seinen Söhnen im brasilianischen Urwald und in den gro-
die in weiten Dimen- suggestiven Musiker- mit automatischer überströmt und hin- Die Dritte Sin -
Schon wenige Tage später folgte die szenische Neugestaltung des untrennbaren Geschwisterpaares der veristischen Oper „Cavalleria r u st i - c a n a" und „B a j a z z o". An Mascagnis berühmtem Einakter ist der Bühnenbildner Edmund E r p f mit einem phantasievollen Szenarium vom gewohnten Schema abgewichen. Große Treppenaufbauten vor der Kirche eines sizilianischen Bergdorfes gestatteten dem Gastregisseur Bruno von Ni essen buntbewegte Szenen zwanglosen italienischen Volkslebens. Das Wirtshausbild erhält mittels Drehbühne einen erweiterten Schauplatz, nachdem das sinfonische Intermezzo bei geschlossenem Vorhang gespielt worden ist. Diese Teilung des Einakters trägt im dramaturgischen Sinne zur Spannungserhöhung bei. Das Orchester unter Johannes Schüler schwelgte in der sinnlichen Farbenglut und dem unaufhörlichen Melodienstrom der Partitur. In gesanglicher Hochform waren Franziska von D o b a y , die Santuzza, Marcel W i t t r i s ch , Turiddu, und Rudolf Bockelmann als Alfio. In Leoncavallos „Bajazzo" feierte vor allem Franz V ö l ck e r ais Canio Triumphe. Hilde Scheppau, Walter Großmann und Willi Domgraf-Faßbaender waren außerdem noch in der Tragödie des Komödiantentums beschäftigt, die Johannes Schüler mit glitzernden Farben der Orchesterpalette nachzeichnete. Das Bühnenbild von Karl Doll zeigte eine geschickte räumliche Aufteilung.
In der Volksoper erregte eine Neubearbeitung von Mozarts „C o f i fan tutte" von Intendant Erich Orthmann und Hans H a r t - l e b auf der Grundlage der früheren Bühnenfassung von Eduard D e v r i e n t Interesse. Diese Bearbeitung enthält wesentliche Handlungsabänderungen des auf Parodie und Ironie aufgebauten Liebesspiels, das Mozart mit einer ätherisch-leichten Musik ausgestattet hat. Die Damen des Originals durchschauen bis zum Schluß nicht die Verkleidung ihrer die weibliche Treue erprobenden Liebhaber, was sehr unglaubwürdig ist; in der neuen Fassung wird das Komplott durch die Zofe an die Damen verraten, so daß die größten Unwahrscheinlichkeiten wegfallen und zweifellos menschlich-wärmere und harmloschumorvollere Züge in das sonst
ter Ausdruckstiefe. Im Doppelkonzert für Violine und Cello unter Mitwirkung von Georg Kulenkamp f f und Enrico M a i n a r d i fetzten die Solisten ihrem Spiel zündende Lichter geistiger und technischer Brillanz auf. Mit der prachtvollen Akademischen Festouvertüre und mehreren im feurigen Pußta-Rhythmus dahinwirbelnden Ungarischen Tänzen klang das denkwürdige Konzert aus, dem auch Reichsminister Dr. Goebbels beiwohnte.
Heino Lüdicke.
Oper und Konzert in Berlin
Musikbericht aus der Reichshauptstadt.
Die Bearbeitung der Volksoper hat aus der schon vorhandenen Fassung Devrients noch musikalische und textliche Schwächen und Stilunreinheiten entfernt und hofft, damit diese bisher vernachlässigte Mozart-Oper endgültig für die Bühnen gewonnen zu haben. Erich Orthmann selbst waltete am Pult seines Amtes und schuf mit einem gewichtslosschwebenden Musizieren eine beglück-nde Mozart- Atmosphäre, wobei ihm ein gut aufeinander abgestimmtes Ensemble mit Margarete Eclas- Schurr, Margarete Krämer-Bergau, Franz N o t h o l t, Ferdinand Müller-Held- r i ch und Rosel S ch a f r i a n half.
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Die großen Philharmonischen Konzerte unter Wilhelm Furtwängler wurden mit einer Brahms- Huldigung zum Gedenken
Europäus: „Der Wiederauf st ieg Abendlandes aus der Dämonie T e ch n i k", Verlag Braune Bücher Berlin Rentfch, Berlin W. 62. — (247) — Das außer
reißende Leistungen erzielt.
Tonte in F-dur erfuhr eine Darstellung größ-
Die Berliner S t a a t s o p e r brachte in, ziemlich frivole Spiel kommen. „So machen's alle" rascher Folge, die für die 2Irbßit5intenfität des In- bezieht sich nun sinngemäß nicht mehr auf Betrug
stituts kennzeichnend ist, verschiedene Neuinszenierungen heraus. Die Einreihung von Ambroise Thomas' Oper „Mignon" (nach Goethes „Wilhelm Meister") in den Spielplan stellte sicherlich eine besondere Konzession an den durchschnittlichen Publikumsgeschmack dar, denn vom textlichen Standpunkt ist dies Werk eine Verballhornung des großen deutschen Dichters, und der zeitweilig banale Einschlag der Musik adelt diese literarischen Entgleisungen auch nicht gerade. Dennoch muß anerkannt werden, daß saubere Technik, flüssiger Ausdruck und gute Einfälle der Tonsprache „Mignon" zu einem großen Wurf der Opera comique gestempelt haben, dessen gefällige Sentimentalitäten in Musik und Text stets großer Nachfrage begegneten. Die Staatsoper konnte für die von Hanns F r i e - beriet neuinszenierte Aufführung, zu der Benno von A r e n t stilvolle und romantische Bühnenbilder beigesteuert hat, mit großer Besetzung aufwarten. Der prachtvolle Koloraturgesang Erna Bergers als Philine stand im Vordergrund, während die aus London als Gast verpflichtete Lisa Perli in der Titelpartie durch Heiserkeit an der vollen Entfaltung ihrer sehr bemerkenswerten Stimmmittel gehindert war. Marcel W i t t r i s ch s tenorale Qualitäten und Joses von M a n o w a r -
an den 40. Todestag des norddeutschen Meisters eröffnet. Außer den üblichen zwei Aufführungen jedes Philharmonischen Konzerts mußte Furtwängler wegen der großen Nachfrage ein weiteres Konzert einlegen und das gleiche Programm noch ein viertes Mal für „Kraft durch Freude" wiederholen. Zusammen mit dem Konzert der Berliner Philharmoniker in Hamburg erzielte Furtwänglers Brahmsehrung also fünfmal ausverkaufte Säle.
Boden ist ihm unter den Füßen entrissen, die Hei» mal geraubt, und er geht schimpflich zugrunde. Sein Opfer aber läßt die Gemüter nicht zur Ruhe kommen und weckt die Erinnerung an den „grauen Mann", von dem niemand weiß, ob es noch die alte Gestalt der Volksfage ist, die über Recht und Gesetz wacht, oder schon der Heiland des neuen Glaubens. So wird das Unrecht, das Olaf angetan wurde, zum entscheidenden Anstoß der Besserung: eine neue Zeit bricht an, in der auch der kleine Mann nicht mehr schutzlos dem Uebermut der Mächtigen preisgegeben ist. — In der Schlichtheit, die diese Dichtung auszeichnet, liegt ihre wahre Größe. Sie ist ein rühmenswertes Zeugnis germanischen Geistes.
— Egon Vie11a: Empfindsame Reise nach Lappland. Mit 15 Zeichnungen von Hans Kuhn. 280 Seiten. Preis Ganzleinen 5,40 Mark. Societäts-Derlag, Frankfurt a. M. — (298) — Die Fahrt führt von der Odermündung durch die Ostsee nach Reval, dann nach Helsingsors und weiter nordwärts, wo die schwedisch-finnische Grenze das weite, seenreiche Land der Lappen und Renntiere durchschneidet. Die Beschreibung dieser Reise ist nicht eine Aufzählung von landschaftlichen und völkerkundlichen Tatsachen, wiewohl in Bildern von dichterischer Kraft das Meer, die Städte, Flüsse und Kirchen, Wälder und Menschen erscheinen. Auch ist sie nicht ein subjektiver Bericht von nur persönlichen Erlebnissen. Sondern das Entscheidende ist die Einfühlung in den Geist des Landes und seiner Bewohner, die das Fremdartige vertraut und das Traumhafte zur Wirklichkeit macht. Aus Bericht und Beschreibung, aus sinnlicher Wahrnehmung und reinem Gefühl, aus stilistischem Können und gedanklicher Tiefe erwächst ein Bild jener nordischen Welt, deren Eigenart und Reiz durch die Zeichnungen von Hans Kuhn unterstrichen wird.
— Georg Grabenhorst: „Unbegreifliches Herz." Erzählung. In Leinen gebunden Preis 4,50 Mark. Verlag Albert Langen-Georg Müller, München. — (304) — Der Glanz sommerlicher Ferientage liegt über dieser Erzählung, die in ihrer Heiterkeit wie ein beschwingtes Spiel an- mutet, das nur zu bald ein schmerzliches Ende findet. Doller Hoffnungen ist der junge Regierungs- affeffor Andreas Arendt nach Bramdeck gekommen, um in dem kleinen Dorfe Constanze Roggentau, die große Schauspielerin, wiederzusehen, um deren Liebe er wirbt. Aber sie versteht mit fast mütterlicher Klugheit den jüngeren Freund und sich selbst vor der Unbesonnenheit seiner Leidenschaft zu bewahren. So schwer für ihn auch die Enttäuschung ist, sie weiß, für sie bleibt keine andere Wahl, als dem Rufe der Kunst zu gehorchen. Wie ungestüm das Leben fein Recht verlangt, erfährt Andreas freilich erst bei der Begegnung mit Johanna, deren natürliches und schlichtes Wesen ihn bis ins Innerste hinein verwandelt. Noch ehe er sich aber darüber klar wird, findet sie sich aus dieser Verwirrung der Gefühle wieder zurecht und kehrt in die Wirklichkeit zurück: sie darf ihn auf seinem Weg nicht begleiten, weil sie ihrem verpfändeten Worte die Treue wahrt. Wie die beiden Menschen sich finden und wieder verlieren und schließlich, reifer geworden im läuternden Schmerz des Verzichts, auseinandergehen, das wird in dieser Erzählung zu einem lange nachklingenden Erlebnis.
— Hans Grimm: Glaub e und Erfahrung. Sätze aus seinen Werken. (Die Kleins Bücherei Nr. 80.) Albert Langen-Georg Müller, München. — (335) — Aus Hans Grimms zahlreichen Werken wurden die wichtigsten Sätze in diesem Bändchen gesammelt. Was ihm im Lause eines reichen, kampferfüllten Lebens an Glaube und Erfahrung zugeströmt ist, gewinnt hier Stimme in mahnendem Zuspruch und leidenschaftlicher Beschwörung. Aus jedem seiner Worte spricht das Wissen um Glück und Not, Stolz und Größe und den verpflichtenden Adel des deutschen Volkes. Stärkende Zuversicht geht von diesem Bekenntnis eines Mannes aus, der sich von jeher dem Worte verpflichtet hat: „Ich habe eine einzige Leidenschaft, die heißt Deutschland".
Freundschaft mit Büchern.
Von Hanns Arens.
Gibt es wohl eine Familie, in der keine Bücher vorhanden sind? Schwerlich. Ein paar Bücher finden sich immer, und seien es uralte oder längst vergeßene und vergilbte. Jahrzehnte sind wohl darüber vergangen; von Umzug zu Umzug wurden sie mitgenommen, aufbewahrt für Kinder und Enkelkinder. Die Großeltern lasen sie vielleicht noch, dann die Eltern, bis jetzt die Kinder sie aus verstaubten Kisten und Winkeln holen.
Die Bücher wandern mit den Menschen. Sie sind auf seltsame Weise mit ihnen verbunden, von Generation zu Generation, von Geschlecht zu Geschlecht. Es ist ein weiter Weg. Sie gehören zu uns wie andere notwendige Dinge des täglichen Lebens. Wir denken nicht darüber nach, wann sie in unser Leben traten, selbst wenn wir es uns leicht errechnen könnten. Sie sind da, und das genügt.
Einige unter uns (und das sind sehr viele) lieben Bücher so sehr, daß sie, wenn sie ihnen entzogen würden, gleichsam den Tod Lesehungers st-kben könnten. Es sind die großen Verliebten di ^eb- Haber der Bücher. Sie bedeuten ihnen mehr als Geld und Gut. als alle klangvollen und rauschhasten Ber. gnugungen; sie machen ihnen das Dasein ebens- wert und ertragbar. Sie können nicht ohne Bucher leben, sie können es einfach nicht, wie fiti es auch ansangen wollten. Man steht ft-.hier und' bort unb wer ein Auge für diese Bücherfreunde hat. erkennt sie auf den ersten Blick.
Geht in ihre Wohnungen; sie mögen mcht prunk- baft sein, es sind vielleicht nur zwei kleine Zrm mer; das Notwendigste steht darin; aber an> Öen Wänden, vielleicht gar ringsherum, s^en Bucher, viele Bücher in bescheidenen Regalen ausgestellt a ssts s&ää LGS >»" poliert unä luiiftooll g-orb-ürt. R-m abgewort dem kargen Gehalt. Groschen für Groschen, Mark für Mark dem Tage abgegeizt bis es langte und der Schreiner bezahlt werden konnte. So auch o schon von früher Jugend an — kauft er stcy oie Bücher, seine Lieblinge, seine stillen Freunde u Streiter durch Tage und Jahre; Freunde die ihn iste enttäuschen, wenn erst einmal Freundschaft ge- schlossen wurde. Er kann sich auf sie verlassen, si hpfrüaen ihn nie und treten still zuruck, wenn seine U es ihm mcht erlau... sich ihnen zu widmen, bei ihnen zu s-'N. Sie warten, ste stnd geduldig, d einzigen, die ihm nah- stnd. und bereit, m dunklen und qualvollen Stunden, ,n denen der
Mensch, auch der uns liebste und nächste, zumeist fern ist, unerreichbar. Nur das Buch — wir haben es oft erleben müssen — ist uns dann zugetan, auf gütige Weise.
Wir sind ihnen dankbar und verbunden, wir lieben unsere Bücher, schenken ihnen unsere besten Stunden; wir hüten sie wie Schätze und geben ihnen alle Sorgfalt, alle Liehe, zu der der Mensch fähig ist. Das geschieht nicht laut und mit großen Worten, wie es die Menschen unter sich lieben; jeder Blick in ein Buch, jedes Aufblättern, jedes leise Betasten ihrer Rücken, wenn sie im Regal stehen, trägt unser ganzes Gefühl der Fregde und Dankbarkeit, unsere Hingabe und Leidenschaft.
Leidenschaft, ja, sie ist da, große, rauschende an manchen Tagen, stille, verhaltene, innerlich leise brodelnde zu mancher Stunde. Sie ist immerwährend, nie uns verlassend; und wenn Leid uxid Kummer auf uns lasten, dann spüren wir ihr heimliches Feuer, tief in uns, wenn wir uns den Büchern auftun, den lieben, hilfsbereiten. Sie find die schützende und stützende Mauer im täglichen Einerlei, im lauten Getriebe einer mechanisierten Welt. Unlösbar ist sie, die Leidenschaft, mit dem Bücherfreund verbunden, in trüben und heiteren Tagen.
Wer Bücher liebt und in sein Haus nimmt, besitzt das Wertvollste auf Erden: das Gut des Geistes. G
Markwart, der Eichelhäher.
Von Karl Scherer.
Der letzte Ausläufer des Gebirges endet in drei flache Basaltbuckel, die sich der Ebene sacht entgegensenken. Der mittelste trägt einen jungen Mischbestand aus Rotbuchen und Nadelhölzern mit eingesprengten Lärchen und schönen Weimutskiefern. Wo der Wald ausläuft, breitet sich ein Eichendriesch aus, dessen kräftige Bäume das kurze Hude- gras mit runden Dachkronen beschatten. Allmorgendlich treibt der Schäfer seine glanzwolligen Rhönschafe über den Driesch, und sobald die Herde vorüber ill, kommt ein starker Flug Eichelhäher aus dem Wald und verteilt sich kreischend über die Trift, wohl siebzig, achtzig Stück.
Mit der Morgenstille ist es dann vorbei. Das pfeift und schwatzt, schnarrt wie ein Star, schnurrt wie eine Maultrommel, flötet wie eine Drossel, maunzt wie junge Kätzchen und quiekt wie ein tagealter Frischling, den die Bache getreten hat; denn außer seinem mißtönigen, g'rellenden Grätschen stehen dem Allerweltskünstler noch viele andere Töne zur Verfügung. Fußhoch hüpfen und hopsen die bunten, schöngefiederten Vögel in die Lust,
stochern mit gesträubter Holle im Gras, drehen Eicheln aus den Hülsen, schweben umher und führen sich auf wie kleine Kinder.
Da taud)t aus dem Hohlweg am Ackerrand der halbwüchsige Sohn des Hüters auf und knallt mit seiner meterlangen Ochsenpeitsche. Der Flug wird hoch und flattert kreischend in die dichten Baumkronen, daß es aussieht, als blitzten bunte Edelsteine durch die Luft — Türkise, Amethyste und silbern funkelnde Diamanten — denn in seiner Farbenpracht ist der Häher einer der schönsten Vögel Deutschlands.
Markwart ist ein Sonderling und Tunichtgut, aber ein harmlos-lustiger Bruder, ein drolliger Kauz, ein schmucker Geselle, immer munter und aufgekratzt, aber auch mißtrauisch. Die verkörperte Wachsamkeit — nicht umsonst heißt er „Markwart" — steht er ständig auf Vorposten. Er sieht alles, und wenn er etwas entdeckt, grätscht er los, die ganze Sippe fällt ein und geht Hals über Kopf in Deckung. Er kennt Freunde und Feinde, warnt andere Tiere durch Kreischen vor dem Fuchs; den Rehbock aber warnt er vor dem Jäger. Wenn er auch ein Nesträuber ist, der sich frische Togeleier gern zu Gemüt führt, heute wissen wir, daß er mehr nützt als schadet.
Unter den alten Föhren am Berghang, unter deren Schirmdächer der Buntsandstein seine breiten bemoosten Platten zu hohen Geschieben aufschichtet, hat sich ein Horst Jungeichen angesiedelt. Weit und breit steht keine Eiche im Wald; woher stammen die jungen kräftigen Triebe, deren frisches Grün einen lichten Farbenton in das Graublau der Kiefern mischt? Das hat der „Forstgärtner" getan!
Wenn im Herbst die Eicheln fallen und Markwart sich an einem Oktobermorgen Kropf und Magen gefüllt hat, dann erwägt er als kluger Hausvater, daß auf die kurze nahrhafte Zeit der Eichelmast der böse lange Winter folgt. Drum sucht er geschützte Plätzchen und Waldwinkel, um da und dort kleine Speicher anzulegen, deren Vorräte ihm über die Notzeit forthelfen sollen. Aus der Fülle der unter einer reichtragenden Eiche verstreuten Früchte wählt er die rundlichsten und trägt sie zu seiner Niederlage, unb dann ist es ergötzlich zu sehen, wie listig der possierliche Schlaumeier bei diesem Geschäft zu Werke geht.
Da kommt er durch die Baumkronen herangeschwebt, fußt in halber Höhe auf einem Dürrast, der ihm Ausblick gewährt, und hält vorsichtig Umschau. Ist die Luft rein, dann flattert er von Ast zu Ast zur Erde. Und nun „stuft" er die herzugetragene Eichel sorgfältig in den Waldboden ein, immer darauf bedacht, daß ihn niemand bei dieser Hantierung belauscht, auch keiner von der eigenen
Sippe, der ihm das kostbare Gut stehlen könnte. Doch auch ihm spielt der Zufall oft einen Streich; vielleicht deckt Schnee den Grund, so daß er nicht zu feiner Vorratskammer gelangen kann, oder er findet das Plätzchen nicht wieder, die Eicheln, bleiben in der Erde, sprossen im Mai hervor und fördern die natürliche Besamung des Nadelwaldes mit jungem Laubgehölz, was wertvolle Mischbestände schafft.
Wie alles was lebt, zieht der Häher schmackhafte Kost vor, doch ein Kostverächter ist er nicht. Dicke Eicheln und ölhaltige Bucheckern sind seine Lieb- lingsatzung, Blindschleichen und junge Kreuzotte-m verzehrt er gern; Kerbtiere, Spinnen und Schildläuse nimmt sein hungriger Magen ebenso wahllos auf wie die Raupen des Kiefernspinners und die Puppen des Eichenwicklers. Zwischen den Jungespen der Wegböschung surrt ein Hirschkäfer heran, der Riese unter den europäischen Käfern, der am ausfließenden Eichensaft lebt und als „Donnergugi" nach uraltem Volksglauben den Blitz anzieht: der kurze starke Schnabel zermalmt den Panzer des Hornfchröters, dann zerlegt er ihn und würgt den Leckerbissen ruckartig hinunter, das Geweih läßt er liegen.
Markwart ist weder Strich- noch Zugvogel wo er einmal zu Hause ist, bleibt er, auch im kältesten Winter verläßt er uns nicht. Nur selten unternimmt der einzelne Vogel Wanderungen aus dem Osten nach dem Westen, jedoch nicht umgekehrt, wie die Beringung erwiesen hat; nur vereinzelt f)at man Massenwanderungen von Eichelhähern im Küstengebiet der Ostsee beobachtet. Sonderlich liebt er den Rand des Waldes, wo dieser mit buschigem Unterholz an das Feld grenzt, denn auch auf den benachbarten Getreidekoppeln ist ihm der Tisch gedeckt, Ackerschnecken und Kohlweißlinge und im Herbst, wenn der Pflug geht. Massen von Engerlingen. Auch gewährt ihm das nahe Gehölz rasche Zuflucht gegen Habicht, Wanderfalke und Waldohreule.
Wo immer der schöne Vogel hausen mag, im Eichenhochwald oder im Föhrenholz, im Feldgebiet oder zwischen den Weiden und Erlen am Bach — überall belebt er die Landschaft, fein schmuckes Federkleid, dessen Farben prächtig zusammenklingen, leuchtet wie ein buntes Kleinod aus dem Grün, und sein drolliges Wesen macht ihn zum Freund des Menschen.
Hochschulnacbnckien.
Professor Dr. Max Gutzwiller, Ordinarius für deutsches und römisches Recht an der Universität Heidelberg, wurde auf eigenen Antrag von den amtlichen Verpflichtungen entbunden«


