Einzelbild herunterladen

Aus der Geschichte

des Gießener Theaterabonnements.

Don Günter Winket, Dramaturg.

Um dem Publikum den regelmäßigen Besuch des Theaters zu erleichtern und um ungefähr Den Er­trag der Vorstellungen im voraus festzustellen, wurde dasAbonnement" geschaffen. Gegen Vor­auszahlung eines stark herabgesetzten Preises für eine bestimmte Reihenfolge von Vorstellungen er­hält der Abonnement das Recht, einen Platz ent­weder selbst oder von einem anderen benutzen zu lassen.

Schon im 19. Jahrhundert gab es m Gießen ein theatergewöhntes Publikum, Das sich die Vorteile des Abonnements zunutze machte. 1868 fanden die Vorstellungen desTheater in Gießen" im Cafö Leib statt. Die Preise der Plätze waren: Erster Platz 33 Kr.; zweiter Platz 18 Kr., Galerie 9 Kr. Die Vorteile für den Abonnenten wurden auf den Theaterzetteln angekündigt:Abonnement-Billetts zum ersten Platz ä Dutzend 5 Fl. 24 Kr., gültig für die Dauer meines Aufenthalts, sind in meiner Woh­nung .Darmstädter Haus' bis nachmittags 5 Uhr zu haben. Die Abonnements- und Tagesbtlletts müssen an der Kasse gewechselt werden. Tages- billetts zum ersten Platz ä 30 Kr. sind bis nach­mittags 5 Uhr nur in der Zigarrenhandluny der Herren Gebrüder Wenzel zu haben." Gezeichnet von W. Kern, Direktor.

Im Jahre 1871 schrieb der Leiter desTheater in Gießen": Dutzend-Billetts für die Dauer der Saison gültig, sind bei Siebmacher Herrn Weiß- bäcker, dem Rappen gegenüber, für 5 Fl. 24 Kr., das halbe Dutzend zu 2 Fl. 42 Kr. au haben.

Die Vorteile des Abonnements (heute nennen wir es: Platzmiete) machte sich also das Gießener Publikum schon im 19. Jahrhundert zunutze. So­lange es ein ständiges Theater in Gießen gibt, so­lange existiert also auch das Theaterabonnement als eine ständige Einrichtung. Diele Abonnenten gibt es, die schon seit 25 ober 30 Jahren ihren ständi­gen Platz im Stadttheater haben. Man kann sich also vorstellen, wieviel Freude und welche Fülle von Eindrücken das Theater-Abonnement in so langer Zeit dem Besucher vermittelt hat.

Heute ist es für jeden Gießener Volksgenossen eine Selbstverständlichkeit, eine Platzmiete im Stadt­theater zu haben, denn es ist der schönste und billigste Weg zum ständigen Theaterbesuch. Als Platzmieter erhalten Sie 32 Vorstellungen, die sich auf 20 Schauspiele, 6 Opern und 6 Operetten ver­teilen. Diese Zusammenstellung bietet die bestmög­liche Gelegenheit, anerkannt gute Aufführungen eines vielgestaltigen Spielplans zu besuchen. Außer­dem erhalten Sie alle Morgenfeiern und Gastspiele zu ermäßigten Preisen. Das neue Werbeheft ent­hält alle Pläne und Vergünstigungen für die neue Spielzeit. Die Theaterkasse, Johannesstraße 3, gibt gern Auskunst.

Fahrvlanverbeslerung der Reichsbahn.

Die Eilzüge Nr. 69 (Frankfurt a. M. Kassel Hannover. G i e ß en an 17.17 Uhr, ab 17.24 Uhr, und Nr. 70 Hannover Kastel Frankfurt a. M Gießen an 1309 Uhr, ab 13.16 Uhr, die im lau­fenden Fahrplan nur bis zum 5. September 1937 vorgesehen sind, verkehren weiter für den Rest des Sommerfahrplanabschnittes und im ganzen Winter­fahrplanabschnitt.

Am Sonntag, 5. September, wird der Personenzug 569 Gießen Mücke, Gießen ab 23 11 Uhr, Mücke an 23.51 Uhr, bis Nieder-Ohmen durchgeführt, und zwar Mücke ab 23.52 Uhr. Nieder-Ohmen an 23.57 Uhr

Gießener Dochenmarktprelie

* Gießen, 4 Sept. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, VA kg 1,57 Mark, feine Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60, Landbutter 1,42 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10 Pf., Eier, deutsche, Klasse S 13, Klasse A 12/=, Klasse B 12, Klasse C 1134, ausländische. Klasse B 12, Wirsing, % kg 9 bis 12 Pf., 50 kg 6 bis 9 Mark Weißkraut, % kg 8 Pf., 50 kg 5 bis 6 Mark, Rotkraut, % kg 9 bis 12 Pf., 50 kg 8 bis 9 Mark, gelbe Rüben, A kg

Schulhausbau für dasGießenerOstvieriel Oie neue Schule kommt an den Lutherberg.-Iür dasSüdviertei wird eineSchule in den nächsten Jahren errichtet.-Großzügiger Ausbau der Viehmarktbauten.

Veranlaßt durch die ständig zunehmende Be­bauung im Ostviertel der Stadt, insbesondere auch im sogenannten Ostmarkenteil, hat sich Oberbürger­meister Ritter als Leiter der Stadtverwaltung entschlossen, nunmehr den Immer dringlicher ge­wordenen Wünschen der Bevölkerung nach einem Schulhausbau für das O st m a^r t.e n o i e r- t e l Erfüllung zu verschaffen. Bei diesem Entschluß des Leiters unserer Stadtverwaltung hat eine sehr bedeutsame Rolle auch die Tatsache gespielt, daß der Fährverkehr, insbesondere der Motorfahrzeuge, in den Hauptverkehrsstraßen des östlichen Stadt­teils ganz gewaltig angewachsen ist, so daß die Ge­fahrenmomente für die Schulkinder beim Pasfieren und Ueberqueren der Straßen erheblich größer sind, als noch vor einigen Jahren. Um die Kinder bei ihrem Gang zur Schule nur auf eine möglichst kurze Strecke im starken Straßenverkehr sich be­wegen zu lasten und die Sorge der Väter und Mutter um die Sicherheit der Kinder auf dem Schulwege zu mindern, aber auch im Hinblick auf die weitere bauliche Entwicklung im östlichen Stadt­teil soll nunmehr Der Schulhausbau zur Tat werden.

Das neue Schulgebäude wird unter wesentlich anderen Gesichtspunkten errichtet als früher. Wäh­rend man früher umfangreiche Schulbauten mit einer großen Anzahl von Klaffen in einem Stadt­teil für alle übrigen Bezirke der Stadt massierte, will die Stadtverwaltung nunmehr dazu übergehen, das Schulhaus in kleinerem Umfange entspre­chend den Bedürfnissen eines Stadt­viertels zu errichten und mit diesen Bauten d i e einzelnen Wohngebiete der Stadt aus statten. Nach diesen Gesichtspunkten wird schon in naher Zukunft der Bau des Schul- Hauses am Lutherberg für den Ostteil der Stadt in Angriff genommen werden.

Ein weiterer Schulhausbau für das Südviertel der Stadt ist für die nächsten Jahre in Aussicht genommen. Dieses Schulhaus für den südlichen Stadtteil soll feinen Platz an der Crednerstraße erhalten. Ungeachtet dieser neuen Schulhausbauten werden bei dem erfreulichen Wachstum der Gießener Bevölkerung die bisherigen Schulhäufer am Hvrft-Westel-Wall und am Werner- wall auch weiterhin voll besetzt sein.

Nachdem die Gießener Zuchtvtehverstetge- rungshalle feit einiger Zeit ihren Zwecken dient, erfährt sie gegenwärtig einen Ausbau, der zur Vervollständigung der gesamten Anlage not­wendig ist. Dor allem wurden in großzügiger Pla­nung Zufahrtsstraße und Auftriebs- w e g gebaut bzw. sie sind im Bau begriffen. So wird gegenwärtig die große Auffahrtsstraße für Kraft­wagen fertiggefteßt, die hinter dem Gelände des Nutzviehmarktes (vor derLahnlust") entlangführt und in halbem Bogen um d i e Zuchtviehver- steigerungshalle herumführt. Diese

Straße gestattet die Anfahrt bis unmittelbar an die große Halle, die Anfahrt an eine neugeschaf - fene breite Rampe, an der mehrere Lastkraft­wagen anlegen können. Don Dort aus kann das Vieh, sei es Groß- oder Kleinvieh, auf kürzestem Wege in die Halle gebracht werden. Außerdem führt un­mittelbar hinter die Halle ein Gleisanschluß der Reichsbahn. Für den Fall eines größeren geschlosse­nen Viehtransportes kann mit den Eisenbahnwagen bis auf wenige Meter an die Halle herangefahren werden.

Neben dieser Straße wird gegenwärtig auch ein Auftriebsweg gebaut, der von der Eifenbahnüber­ührung von der StraßeAn den Bahnhöfen" chräg und in leichter Neigung zur Zuchtoiehver- teigerungshalle hinabfährt. Dieser Austriebsweg ist o gestaltet, daß das Gelände bes Nutzvieh- marttes zu rechter Hand liegen bleibt. Durch kräftige, in den Boden gerammte Pfähle und entsprechende Querverbindungen wird Dem Vieh Der Weg genau vvrgeschrieben Die Auftriebs­wege sind so geführt, daß jedes Tier zwangsläufig an seinen Bestimmungsort (in die Halle) gelangen muß und eine völlige Trennung des S ch l a ch t v i e h m a r k t e s vom Nutzvieh­markt erzielt wird

Im Laufe der vergangenen Wochen hat nun auch jener Teil der Zuchtviehversteigerungshalle feinen endgültigen Ausbau gefunden, der für Klein- Here, insbesondere für Schweine, bestimmt ist. In der großen Stallanlage, links der eigent­lichen Versteigerungshalle, sind quadratische Boxen angelegt worden die sehr massiv aus Steinbelag (der Boden), Zement (die niedrigeren Seitenwände) und Eisenrohren (Gitter und Türen) gestaltet sind. Die Türen sind dabei so eingerichtet, daß sie nach beiden Seiten ;u öffnen sind und ganz offen den Gang zwischen Den Boxen nach zwei Richtungen völlig abriegeln Also auch hier sind die Tiere ge­zwungen, einen ganz bestimmten Weg zu neh­men, sei es nun zur Waage, zur Halle zur Ver­ladestelle, oder zur Boxe zurück Die ganze Anlage ist so sinnreich, daß es Schwierigkeiten beim Trei­ben des Viehes überhaupt nicht mehr geben wird. Gegenwärtig werden sowohl im Kleinvieh-, wie auch im Großviehstall die Waagen eingebaut.

Der Gießener Diehhof, der in Zukunft nicht nur dem Nutzviehhandel und den Zuchtvieh­versteigerungen dienen soll, wird eine bedeutende Aufgabe zugewiesen erhalten durch die Schaffung eines großen Schlachtviehmarktes in Gießen, der etwa von Mitte Oktober ab in jeder Woche stattfinden wird. Der Gießener Piehhof wird damit für weiten Umkreis zu einer Bedeutung gelangen, die weit über das Bisherige hinausgeht. Die großzügigen und dankenswerten Maßnahmen unserer Stadtverwaltung dürften sich für unsere Stadt in vieler Hinsicht wirtschaftlich sehr günstig auswirken.

9 Pf., Karotten 8 bis 12, rote Rüben 8 bis 12, Spinat 20, Römischkohl 8 bis 12, Bohnen, grün 15 bis 25, gelb 15 bis 25, Erbsen 20 bis 35, Tomaten 15 bis 18, Zwiebeln 8 bis 10, Pilze 45 bis 50, Kartoffeln, neue, % kg 5 Pf., 5 kg 42 Pf., 50 kg 3,50 bis 4 Mark, Frühäpfel, % kg 10 bis 35 Pf., Falläpfel 5 bis 6, Pfirsiche 25 bis 30, Brombeeren 30 bis 33, Preiselbeeren 35, Birnen 5 bis 25, Zwet- schen 15 bis 17 Pf.. Hähne 1 bis 1,10 Mark, Suppen­hühner 80 bis 90 Pf., Enten 1 bis 1,20 Mark, Tauben, das Stück 50 Pf., Blumenkohl 10 bis 40, Salat 9 bis 10, Salatgurken 5 bis 20, Einmachgurken 1% bis 3, Endivien 9, Oberkvhlrabi 5 bis 8, Lauch 5 bis 10, Sellerie 10 bis 30, Rettich 5 bis 10, Ra­dieschen, das Bündel 8 bis 10 Pf

** Ein Achtzigjähriger. Am kommenden Montag, 6. September, kann Herr Ludwig Goß. Erlenaaste 13, feinen 80. Geburtstag feiern. Er er­freut sich aller geistigen und körperlichen Rüstigkeit

Der Jubilar feiert feinen Geburtstag im Kreise einer großen Familie. Vier Söhne, eine Tochter und zehn Enkelkinder werden um ihn fein. Der hochbetagte Mann arbeitete 45 Jahre lang bei der Firma Heyligenstaebt.

** Schwerer Unfall. In einer Stallung er­litt gestern der 51 Jahre alte Pferdepfleger August Schneider einen schweren Unfall. Eine Wagen­deichsel drang ihm in den Leib, so daß er sehr schwere Darmoerletzungen erlitt. Der Zustand Des betrauerns- werten Mannes machte feine sofortige Ueberführung in Die Chirurgische Klinik unD auch feine sofortige Operation notroenbig. Wie wir auf Anfrage bei Der Klinik hören, ist Der ZustanD Des beDauernsroerten Mannes sehr ernst. Er befinDet sich in Lebensgefahr.

** Explosionsunglück in Der Engel- Apotheke. Gestern gegen 15 Uhr ereignete sich in Der Engel-Apotheke ein Explosionsunglück Der 64 Jahre alte Laborant Heinrich ßeipolD war im Kellergeschoß mit Dem Umfüllen von Benzin

beschäftigt, als sich die dabei entstandenen Gase an irgendeiner Flamme in der Nähe entzündeten und eine Explosion hervorriefen. Der bedauernswerte Mann erlitt dabei erhebliche Verbrennungen an der Brust, am Hals, am Kopf und an den Händen. Er mußte nach erster ärztlicher Hilfe sofort durch die Sanitätskolonne vom Deutschen Roten Kreuz in die Chirurgische Klinik gebracht werden.

Schöffengericht Gießen.

Der G. N. aus Frankfurt a. M., der schon wie- derholt einschlägig vorbestraft ist, hatte sich gestern vor dem Schöffengericht wegen mehrfacher schwerer Urkundenfälschung und Betrugs zu verantworten. Der Angeklagte war in den Jahren 1935/36 als Werbevertreter eines Frankfurter Verlages im hie­sigen Bezirk tätig. In dieser Eigenschaft bereiste er Gießen, Wieseck, Grohen-Buseck und versuchte dort Abonnenten zu werben. Da das Ergebnis offenbar seiner Erwartung nicht entsprach, fälschte er Be­stellzettel auf den Namen mehrerer Einwohner aus den genannten Gemeinden und lieh sich die ent­sprechende Provision von dem Verlag auszahlen. Er setzte teilweise sogar Namen ein, die überhaupt nicht existieren

In der gestrigen Hauptverhandlung bestritt Der Angeklagte, sich strafbar gemacht zu haben. Er gab zu feiner Entlastung an, Die Bestellungen seien tat­sächlich aufgegeben worben, er habe jeboch bie Ur­schriften verloren. Darauf habe er, um sich weitere Unkosten zu sparen, selbst neue Formulare ausge­füllt. Der Angeklagte würbe jeboch allein schon ba- bunt) überführt, baß er bezüglich ber fingierten Namen keine stichhaltige Erklärung abgeben konnte. Im übrigen würben seine Einlassungen burch bie umfangreiche Beweisaufnayme restlos miberlegt.

Das Gericht erkannte wegen fünffachen Betrugs im Rückfall, vierfacher schwerer Urkunbenfälschung in Tateinheit mit Rückfallbetrug, sowie einer wei­teren schweren Urkunbenfälschung auf eine 0 e samtgefängnis strafe von 1 Iahr 5 M o - n a t e n. Außerbem würbe bem Angeklagten auf bie Dauer von 5 Jahren bie Befähigung aberkannt, sich als Werbeoertreter zu betätigen.

iKunOfunfprogramm.

Sonntag, 5. September.

6 Uhr: Hasenkonzert. 8.10: Gymnastik. 8.30: Deut­sche Scholle. Was ber Bauer wissen muß. 8.45: Dr- aelmusik. 9: Christliche Morgenfeier. 9.45: Wille zum Leben. 10: Was ist beine Pflicht? Die Forberung bes Tages. Es spricht Ministerpräsibent Walter Koehler. 10.30: Chorgesang. 11.15: Wir helfen bem Führer, ber Führer hilft uns. 12: Musik am Mittag. 14: Für unsere Kinber Kasperle als Babemeister. 14.30: Mu­sikalische Rückantworten. 15.15: Deutsche Scholle. Der Wetterhahn. 16: Nachmittagskonzert. Einlage 17: Sport bes Sonntags. 18: Heiteres gereimt und ungereimt. 19: Auftakt zum Reichsparteitag Nürn­berg 1937. 19.15: Frisch gestrichen. 19.45: Sport­spiegel bes Sonntags. 20: Zum 30 Tobestag von Eboarb Grieg. 22: Nachrichten, auch aus bem Senbe- dezirk. 22.15: Sportbericht. 22.30: Ausschnitte aus bem Schlußappell ber Auslanbsorganisation ber NSDAP, im Hof bes Neuen Schlosses in Stuttgart mit Ansprachen von Reichsminister Dr. I. Goebbels, Reichsstatthalter Murr, (Bauleiter Bohle unb Ober­bürgermeister Dr. Strölin. 22.55: Wir bitten zum Tanz. 24 bis 1: Nachtmusik.

Montag, 6. September.

6 Uhr: Choral. Morgenspruch. Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Musik am Morgen. 10: Schulfunk. 10.30: Hausfrau, hör zu! 11.40: Deutsche Scholle 12: Schloßkonzert. 13: Nachrichten, auch aus bem Senbebezirk 13.15: Schloßkonzert. 14: Nachrichten. 14.10: Klingenbe Farben. 15: Volk unb Wirtschaft. 15.15: Für unsere Kinber. 16: Nachmittagskonzert. 19: Stuttgart spielt auf. 20: Nachrichten. 20.10: Stuttgart spielt auf.

fesser

Geschichten um Adele.

Zur Erinnerung an Sie SanSrock

Als Abele S a n b r o ck vor runb fünfzig Jahren in Wien ihre Laufbahn mit kleinen Rollen begann, würbe es ihr einmal zu bunt. Wutentbrannt stürzte sie in bas Direktorzimmer unb hauchte ben Ge­waltigen an:Wie können Sie sich unterstehen, mir für bas nächste große Stück bie Rolle ber Reinmachefrau zuzuteilen? Sie benken wohl, baß ich diese lumpige Rolle tatsächlich spiele! Einen Eimer Wasser auf die Bühne bringen, ein paar Worte reden und dann wieder abtreten. Eine so kleine Rolle lasse ich mir von Ihnen nicht geben!" Sanften Herzens erwiderte der Direktor:Mein Fräulein, ich konnte diesmal bei der Rollenver­teilung wirklich nicht anders verfahren, denn, wie Sie wissen, haben Sie in letzter Zeit zwei größere Rollen ausgewogen Strafe muß sein Doch werde ich Ihnen einen Vorschlag zur Güte machen-, ich werde, wenn Sie es unbedingt wünschen, Ihre neue Rolle verlängern: bringen Sie zwei Eimer Wasser auf die Bühne!" Adele Sandrock hat später immer gern zugegeben, von diesem Direktor sehr viel gelernt zu haben.

Schnell stieg Adele Sandrock auf, spielte Grill­parzer, Ibsen, Schiller unb Shakespeare, würbe Hofburg-Tragöbin und Nachfolgerin ber großen Charlotte Wolter und nach vielen Jahren vergessen. In den Jahren in denen bie meisten Schauspielerinnen sich ins Privatleben zurückziehen, wechselte bie Sanbrock aus bem Hochklassischen ins Komische unb würbe noch einmal berühmt. Damals würbe sie von einem Zubringlichen gefragt:Sie haben boch auch einmal ganz klein angefangen?" Abeies kurzer Bescheib lautete:Gewiß!" Der Wiß­begierige fragte weiter:Sehr interessant unb als roas?2* Die Künstlerin schaute ihn scharf an: Genau wie Sie, Herr Generalbirektor!" Der ftanb mit offenem Munbe ba.Ja, ja", vollenbete sie ihren Satz,genau wie Sie als Säugling!"

Einmal frühstückte bie Sandrock mit einem Kol­legen auf ber Terrasse eines großen Cafös am Kurfürstenbamm in Berlin. Da bemerkte sie, baß eine Dame von ungewöhnlicher Körperfülle, bie einige Tische weiter fast auf zwei Stühlen saß, sie anstarrte. Der Kollege meinte lächelnb, biefe Rubenssche Frauengestalt stamme wohl aus ber Provinz. Da reckte sich bie Sanbrock auf, faßte bie Dame in ihr Lorgnon unb erwiderte ernst:Was heißt: aus der Provinz? Sie ist selbst eine Provinz!"

Nach langen Verhandlungen ließ sich die Sand­rock bewegen, in einer der ersten Tonfilmoperetten mitzuwirken. Doch bet der Aufnahme konnte sie es sich nicht verkneifen, den Regisseur beiseite zu bitten und ihm im tiefsten Bah zuzuflüstern:Aber eins will ich Ihnen doch gleich sagen, junger Herr: Nackt­tänzerin bin ich nicht!"

Einst war Adele damit beschäftigt, lustwandelnd durchs Filmatelier zu schreiten und dabei den Sprechtext ihrer Rolle zu memorieren. Ein Ar­beiter kam aus ben Kulissen und betrachtete die Künstlerin aufmerksam. Sie merkte den Blick, kam mit weiten Schritten auf ihn zu und fragte mit grollendem Ton:Mein Lieber, warum starren Sie mir denn andauernd ins Gesicht?" Der Arbeiter sagte:Entschuldigen Sie vielmals, Frau Sandrvck, aber Sie haben so viel Aehnlichkeit mit meiner ver­storbenen Großmutter" Aus Adeles Augen schoß ein Strahl und aus ihrem Munde traf ben Frevler die Baßstimme:Irrtum, junger Mann, so junge Großmütter gibt es gar nidjtr

*

Abele betrat eine Apotheke unb kaufte Pillen. Der Apotheker fragte:Soll ich bie Pillen ein­packen?" Abele, gutgelaunt, fragte zurück:Soll ich sie vielleicht nach Hause rollen?"

An einem strengen Wintertage versagte bie Zentralheizung. Adele war allein zu Hause unb versuchte, ein uraltes Oefchen anzuheizen, um sich gegen bie bittere Kälte zu schützen Aber vergeblich. Glücklicherweise kam halb ihre Schwester nach Hause, unb in brei Minuten brannte bas Oefchen. -.Du", sagte Abele zu ihrer Schwester,es ist mir völlig schleierhaft, wie ein Branb überhaupt ent­stehen kann!"

*

(Bern würben bie vielen kleinen Geschichtchen, bie über sie umgingen, ber Sandrock wiedererzählt ober, wenn sie gebrückt waren, ihr in bie Hänbe gespielt. Als ihr wieder einmal ein Blatt gezeigt wurde. In dem ihre Würde ein wenig belächelt wurde, meinte sie feierlich und mit rollenden Blicken:Wenn ich mich so würdevoll gäbe, wie ich von Natur aus bin, würden alle auf ben Hintern fallen!"

Einmal ist die Art der Adele Sandrock treffend charakterisiert worden von einem, der sie nicht kannte, ja, sie nicht einmal sehen konnte, nämlich von einem blinden Bettler. Sie reichte ihm ein an­sehnliches Geldstück und knüpfte daran mit ihrer männlichen tiefen Stimme Die mütterliche Mah­

nung:Aber nicht vertrinken!" Gerührt und scheu antwortet der Beschenkte:Nein, Herr General!" Hans Walther.

Das endlose Schnupftuch.

Der Dichter Eduard Mörike war eine Zeitlang Lehrer am Katharinenstift in Stuttgart. Einmal hielt er seinen Schülerinnen einen Vortrag über GoethesIphigenie" Er las ihnen einige besonders charakteristische Szenen und Monologe der Dichtung vor und geriet dabei so in Begeisterung, daß er alles um sich her vergaß

Plötzlich fühlte er das Bedürfnis, fick die Nase zu schneuzen. Er griff, emsig roeiterlefenb, nach ber rückwärtigen Rocktasche zog etwas Weißes, Langes heraus unb führte es zur Nase. Ein wenig störte ihn dabei bie ungewohnte Rauheit bes Tuches Aber er fanb keine Zeit, bem (Brunbe biefes Sachverhaltes nachzuforschen, unb fuhr in seiner Vorlesung fort. Zugleich wollte Mörike bas Tuch roteber in bie Tasche stecken aber es war seltsam, er stopfte unb stopfte, unb je mehr er in bie Tasche stopfte, besto länger bauerte es, es war, als hätte sich bas Tuch unversehens ins Riesenhafte vergrößert

Schließlich gab er ben Kampf auf unb ließ bas Tuch aus ber Tasche hängen. Als er es nach zehn Minuten abermals brauchte, kam es ebenso lang roieber heraus. Diesmal kam ihm bie Sache boch rätselhaft vor, er unterbrach seine Vorlesung unb bemerkte mit Schrecken, baß es bie Gardine bes Fensters hinter ihm war, bie er bearbeitet unb vergeblich in bie Tasche zu stopfen versucht hatte ...

foe.

Eine Gürteltierfarm.

Es gibt schon die verschiedensten Tiere, bie wegen ihrer Haut ober ihrer Haarbekleibung nicht nur ge­jagt, fonbern auch in Farmen gezüchtet werben, aber bas Neueste auf biefem Gebiet ist eine Gürteltier- farm, auf ber man bie verknöcherte unb gürtelartig zerlegte Leberhaut mit hornigem Ueberzug, bie bie Tiere kennzeichnet, in größerem Umfange zu ge­winnen hofft. Die Farm liegt in ber Nähe von Corn- fort in Texas. Die Schilder, die es auf seinem Ober- körper trägt, werden vielfach zu kunstgewerblichen Zwecken in Amerika gebraucht, für Körbe, Lampen­schirme unb kleine Geschenke. Das Gürteltierleber ist sehr beliebt unb wirb daher viel gebraucht, unb wenn es bem unternehmenben Mann, ber bie Gürteltier­farm gegrünbet hat, gelingt, größere Vorräte baoon zu liefern, so kann er ein reicher Mann Dabei werden.

Anneliese Garbe, muntere Naive.

Anneliese Garbe, die als muntere Naive an das Gießener Stadttheater verpflichtet wurde, schreibt über ihren Werdegang:

Ich bin ein echtes Frankfurter Kind. Schon sehr jung kam ich auf die Tanzschule Laban und machte

nach zweijährigem Studium in Berlin mein Exa- men als Gymnastiklehrerin. Aber es trieb mich zum Theater, und jo wurde ich Tänzerin am Hes- fischen Landestheater in Darmstadt Mein dama­liger Intendant entdeckte bald mein schauspielerisches Talent und gab mir zuerst kleine, bann immer größere Rollen zu spielen. Mein sehnlichster Wunsch war nun, eine richtige Schauspielerin zu werben Kurz entschlossen fuhr ich nach Berlin, um meine Schauspielprüfung zu machen. Ich beftanb sie und nun war mein Wunsch erfüllt. Ich kam bann nach Trier unb anschließenb nach Kaiserslautern. (Ausnahme: Stabttheater-Archio.)