Nr 206 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstags September IQ57
Unsere 116er bei der Herbstübung des Regiments.
Lniereffanier Manöverkrieg bei Burkhardsfelden und Reiskirchen.
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Freitag mittag bei Burkhardsfelden, herbstlicher Sonnenschein liegt über der Landschaft. Es ist ein reichlich warmer Tag. Auch wenn man ohne jedes Gepäck durch die Landschaft geht, wird einem allerlei warm. Wir besuchen die Soldaten unseres Gießener Infanterie-Regiments 116 bei ihrer Regimentsübung. Allerdings sehen wir um die Mittagsstunde zwischen 11 und 12 Uhr von dem ganzen Regiment nicht viel mehr als ein Dutzend Männer. Alles übrige steckt noch in den Waldstücken, entweder auf dem Anmarsch zur Hauptkampflinie, oder in Erwartung des Gegners zur Verteidigung bereitstehend. Die Landschaft zeigt ihr gewohntes alltägliches Bild. Friedlich und emsig geht der Landmann seiner Arbeit nach. Ein 83jähriger Mann aus Burkhardsfelden, der auf dem Wege zu seinem Ackerstück ist und mit dem wir ins Gespräch kommen, erzählt ganz begeistert von seiner einstigen Soldatenzeit, wo er zwei Jahre Bursche seines Hauptmanns wa^, mit seinem „Alten" mehrere Manöver mitgemacht, Leid und Freud der Hauptmannsfamilie geteilt hat ufw. Auf der benachbarten Baustrecke der Reichsautobahn erklingt in gewaltigen Akkorden das hohe Lied der Arbeit. Kurzum: der Werktag in all seinen Erscheinungsformen ist sichtbar. Dennoch ist etwas Ungewöhnliches zu bemerken.
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Auf dem Dauten-Berg hart südwestlich von Burkhardsfelden tritt dieses Ungewöhnliche zutage: eine aroße Menschenmenge. In gleicher Weise ist eine solche Ansammlung drüben am Rande des Ronnenköpfel südwestlich von Reiskirchen zu erkennen. Man hat hier die stärkste „Einheit" des Tages vor sich: die Schlachtenbummler. Die Kerntruppe dieser bunt zusammengewürfelten „Einheit" stellt unser Gießener E.-Bataillon des JR. 116 dar, das sich auf dem Dauten-Berg zusammen mit viel männlichem und weiblichem „Volk in Zivil" versammelt hat, um von dort aus die „blutige Schlacht" der Herbstübung zu beobachten. Im Verlaufe der frühen Nachmittagsstunden tritt auch die Schuljugend aus vom Uebungsgelände entfernteren Orten als Zuschauer mit in Erscheinung; u. a. gibt der Leiter und Rektor der Schule in Großen-Linden seinen auf Fahrrädern erschienenen Schülern und Schülerinnen der Oberklassen Gelegenheit, sich das interessante militärische Ereignis anzusehen und auch dadurch die Verbundenheit unserer Jugend mit der Wehrmacht zu vertiefen. Daß die Ortseinwohner der im Uebungsbereich
Zahlreiche Schlachtenbummler aus den Dörfern hielten die höhen besetzt.
liegenden Gemeinden ebenfalls sehr große Teile der stark interessierten Zuschauerschaft stellten, versteht sich von selbst. Und so sind denn von der Seite der Schlachtenbummler alle Vorbedingungen für einen vollen Erfolg des Uebungstages erfüllt. Dazu kommt noch das prächtige sommerliche Wetter, bei dem das herumspazieren im Gelände eine besondere Freude ist, wenigstens für die Zivilisten.
Zunächst ist der D a u t e n - B e r g der Ziel- und Mittelpunkt alles Geschehens. Er ist geradezu blau. Dieses Farbenbild rührt von den blauen Uniformen des E.-Bataillons her. Dessen Männer sitzen, lagern und stehen in Gruppen beieinander und besprechen natürlich die „Kriegslage". Die Offiziere geben den jungen Soldaten wertvolle Aufklärungen und Hinweise, so daß also mit dem Schlachtenbummel als selbstverständlich beabsichtigter Zweck auch ein gut Stück militärischer theoretischer Ausbildungsarbeit verbunden wird. Weiter hört man von einstigen Frontkämpfern, die als Ausbilder beim E.-Bataillon Dienst tun, mancherlei Erinnerungen an die Dienstzeit im Frieden und im Kriege lebendig werden, wobei wiederum die
Ein großer Tag für die Jugend. Die Soldaten
Erste Vorbereitungen für das Biwak. Beim Zelteknüpfen.
Frauen aus Reiskirchen brachten den Soldaten Wasser und Kaffee.
werden ausgefragt.
zu Ende. Der Leitende läßt „das Ganze" blasen, bald darauf folgt der Offiziers-Ruf, die Kritik schließt sich an, und währenddessen rücken die Bataillone ab zu ihren Biwakplätzen.
Der rechte Flügel von Blau bringt eine neue Note in den Kampf. Dieser Teil des Angreifers stößt ostwärts am Dauten-Berg vorbei, durch Burkhardsfelden hindurch, mit kräftigen Stoßtrupps gegen die Flanke und den linken Flügel von Rot vor. In prächtigem Schwung kommen die Männer von Blau hier voran, während das Zentrum des Angriffs beim Dauten-Berg zunächst abwartet, heftiges MG.-Feuer der Stoßtrupps klingt dicht hinter Burkhardsfelden hinüber zum Ronnenköpfel, der Hauptwiderstandslinie von Rot. Kräftig kommt die MG.-Antwort von den vorgeschobenen Sicherungen von Rot, aber auch aus der höhergelegenen Hauptstellung des roten Verteidigers wird dem blauen Angreifer ein heißer Empfang bereitet. Dennoch arbeiten sich die Stoßtrupps von Blau weiter vor, ihr Tempo wird jedoch zusehends langsamer, und schließ-
an Märschen „kräftige Stiche" zu verdrücken hatten. Der Angriff von Blau kommt rasch bis zum Dauten-Berg vor, allerdings kein Wunder, da Rot hier noch nicht zur Abwehr schreitet. Der „Krieg" ist also eine durchaus einseitige Angelegenheit von Blau.
auch alle die Ausspannung nach dem Abschluß der Kämpfe reichlich verdient.
lich müssen sie nicht allzu weit von der vorgeschobenen Sicherung von Rot in der Talsenke liegen bleiben. Das MG.-Feuer schläft langsam ein, nur ein einziges MG. von Blau' gibt noch mehrere Gurte Dauerfeuer. Dann noch einige Schüsse Schützenfeuer und wiederum ist allgemeiner „Frieden im Lande". Die Gegner liegen sich auf nahe Entfernung gegenüber und belauern einander scharf. Schließlich setzt Blau, um seinen Angriff weiter oortragen und erfolgreich gestalten zu können, mit der Vernebelung des Ronnenköpfel ein. Der Vernebelungstrupp hat allerdings als neuen Gegner den ziemlich lebhaften Wind, der die dicken Nebelschwaden rasch zerteilt. Immerhin ist es Blau nunmehr möglich, nachdem auch seine Kräfte im Zentrum und an seinem linken Flügel weiter vorangekommen sind, zum entscheidenden Stoß gegen die Hauptstellung von Rot am Ronnenköpfel anzusetzen. Im Schutze des leichten Nebelschleiers kommen die Angreifer gut voran, und nicht lange dauert es, bis die Unparteiischen immer mehr Verteidiger von Rot außer Gefecht setzen. Schließlich bricht Blau an mehreren Stellen in die Linien von Rot ein — und damit ist der „Krieg" des Tages
Etwas nach 12 Uhr kommt von den Truppen aus Leben ins Gelände. Blau fühlt zunächst mit schwachen Späherkräften vor. Einige Schüsse knallen beim Dauten-Berg. Der rote Späher hat seinen Gegner von Blau unter Feuer genommen. Dann liegen sich beide auf so nahe Entfernung hinter Buschwerk, oder im Kartoffelacker gegenüber, daß keiner vom anderen sich loslösen kann, ohne „abgeschossen" zu werden. Ergebnis: die Unparteiischen erklären beide für t o t. Bei den Roten kommt an Stelle des roten Helmbandes die gelbe Farbe an den Helm, bei den Blauen wird ebenfalls gelb am Helm das äußere Kennzeichen des Todseins. Einige der „Toten" nehmen die Gelegenheit wahr, vor allem einmal den Brotbeutel zu erleichtern und einen ordentlichen happen mit Stumpf und Stiel zu vernichten. Mittlerweile ist Blau aus den Waldstücken bei A l b a ch und ostwärts herausgetreten. Das gewohnte Bild des Vorgehens der Schützen fesselt die aufmerksamen Zuschauer. Vereinzelt oder in ganz kleinen Trupps von zwei bis drei Mann arbeiten sich die Angreifer vor. Zwischendurch preschen die motorisierten Melder. Plötzlich ein neues Bild. In sausender Fahrt kommt die Pak-Waffe auf das Gefechtsfeld. Dazwischen reiten, fahren und laufen die Unparteiischen mit der kämpfenden Truppe durchs Gelände, tauchen hier und da Offiziere der Leitung auf, tacken vereinzelt Maschinengewehre, oder peitscht hier und da einzelnes Schützenfeuer über das „Schlachtfeld". Die Männer in Feldgrau sind mit aller Begeisterung bei dem Manöverkrieg, obwohl sie schon vom Tage vorher und zum Teil auch während der Nacht
Nach der Uebung: Regimentskommandeur Oberst Herr!ein hält Kritik. (Aufnahmen [5]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
jungen Soldaten allerlei profitieren können. Ständig wird dabei von den Soldaten und den vielen Zivilisten Ausschau in südwestlicher und in südlicher Richtuna gehalten, denn von dort her wird die Entwicklung des Angriffs erwartet.
Angreifer ist Blau, der aus dem Raume von A l b a ch und ostwärts anschließend mit nordostwär- tiger und nördlicher Marschrichtung antreten soll. Die Verteidigung von Rot hat einen weit vorgeschobenen Späherposten am Slldhang des Dau- ten-Berges aufgestellt; zwischen diesen Posten und der Hauptwiderstandslinie am Waldrand des Ronnenköpfel sind einige stärkere Sicherungen vorgeschoben, die teilweise zur Verstärkung ihrer Feuerkraft mit Maschinengewehren versehen sind. Aber zunächst herrscht bis um die Mittagszeit tiefster Frieden.
Dicht bei Reiskirchen, ferner bei Linden- st r u t h und bei Saasen beziehen die Bataillone Frieden-Biwak. hochbeladene Strohfuhren werden von den Bauern zu den Uebungsplätzen gefahren und dort als „Bett" für die Nacht unter dem Zelt verwandt. Die Männer des Regiments bereiten nach dem Einrücken auf den Biwakplätzen den Zeltbau vor, dann folgt vor allem erst mal eine kurze Ruhepause. Der Abend des Tages findet seinen Ausklang am Biwakfeuer. Dabei spielt im Biwak am Ronnenköpfel das Musikkorps des Regiments die schönen alten Militärmärsche und schließlich bei loderndem Biwakfeuer vor den zum Zapfenstreich angetretenen Männern den Großen Zapfenstreich. Dann gehts in die Zelte zur „Bettruhe" auf dem Biwakstroh. B.
Aus der Stadt Gießen.
Hau — ruck!
Von Reinhold Braun.
..Hau-ruck war Fuhrmann. Wo's die dicksten und längsten Stämme zu laden gab, war er zu finden. Den Spitznamen „hau-ruck" hatte er dem Grenz- Haus-Förster zu verdanken. Als man den fragte, wohin er ginge, antwortete er: „Zum hau-ruck!" und erklärte dabei, daß er den Krüger-Karl solcherweise nenne, weil dieser gern sein „hau-ruck!" sage und das nicht nur beim Stämmeladen. Seitdem trug der Krüger-Karl diesen Namen, es war ein Ehrenname und zugleich einer, der sein Wesen kennzeichnete.
Wenn der Alte auch nicht mehr so zupacken konnte wie ehedem: Bei seinem „Hauruck!" schoß einem, und wenn man noch so müde war, eine Portion neue Kraft in Beine und Arme.
Viel Schweres war über ihn hingegangen. Dreimal war der Tod Gast bei ihm zu Hause. Dann gab es Zeiten, da ein Unglücksfall den anderen ablöste. Dazu kam mancher Verlust an Geld und Tieren. Aber das Schwere hatte er mit dem tätigen „hau- ruck!" seiner Liebe und der frischen Art feines Glaubens, den er stets in Leben und Schaffen umsetzte, hell und fest hinter sich gebracht und war dabei im Tiefsten heil geblieben. Ja, als er körperlich schon der Angemorschte war, hat er anderen durch seine hau-ruck-Weisheit manchen Beistand geleistet. Wenn es bei diesem oder jenem im Dorfe einmal nicht mehr weiter ging, wanderte er zu hau-ruck, wie er jetzt genannt wurde. Dieser schob dann seine Schulter mit unter die Last, und man fühlte sogleich: Der versteht sich aufs Tragen und Mittragen.
War es da ein Wunder gewesen, daß man ihn schon vor zwei Jahrzehnten zum Schulzen wählte, und zwar einstimmig, was noch nie vorgekommen war!
Nun lebt er nicht mehr, und doch lebt er. Ein Stück seiner Art steht unverlierbar in manchem Herzen. Aus der hau-ruck-Philosophie des Alten, die eben die der tätigen Liebe und der treibenden und helfenden Kraft war, läßt sich Gutes herausholen für den Daseinskampf und für Kameradschaft, Gemeinschaft, Ehe-, Freundes- und Trostbringerwesen.
Es braucht einem nur das Bild vom Stämmeladen gegenwärtig zu sein, hau-ruck! Daß es hell und lebensmutig erklinge in unserm Leben!
Borrwiizen.
Tageskalender für Samskag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Madame Bovary". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Mein Sohn, der Herr Minister". — Kameradschaft ehemaliger Freikorps-Kämpfer: 20.30 Uhr „Andres" Kameradschaftsabend. — Reichstreubund: 20.30 Uhr „Burghof" Kameradschaftsabend. — Skiklub Gießen: 20 Uhr Schiffenberg Sommerfest. — Oberhessischer Gebirgsverein: Abendgang.
Tageskalender für Sonntag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Madame Bovary". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Mein Sohn, der Herr Minister". — Eisenbahn-Verein Gießen: 15 Uhr „Karlsruhe" Sommerfest. — Regattaausschuß: 15 Uhr Auffahrt der Rudervereine; 16.30 Uhr Start am Felsen, Ziel am Bootshaus „hassia". Kameradschaftsabend ehemaliger Freikorps-Kämpfer.
Am morgigen Samstag veranstaltet die Kameradschaft ehemaliger Freikorps-Kämpfer im „Andres", Sonnenstraße, einen Kameradschaftsabend, in dessen Rahmen die Ehrenurkunden zur Ausgabe gelangen werden-
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21m Dienstag, 7. September, um 20 Uhr, treten am Studentenheim alle Ostpreußenfahrer 1936, Rugenteilnehmer und Oesterreichfahrer 1937 mit suchen und 10 Pfennig (für Kaffee) in Kluft zum Gemeinschaftsabend an.
Der Regimentskommandeur, Oberst Herr! ein, und die Stabs-Offiziere sind während des Gefechts dauernd bei Blau und Rot unterwegs, um sich von dem Stand der militärischen Leistungen der Truppen zu überzeugen, oder anordnend und verbessernd den jungen Soldaten militärische Lehrer und Erzieher zu sein. Der Zuschauer gewinnt bei seinen Beobachtungen auf beiden Seiten den Eindruck, daß auch der Kommandeur und seine Stabs-Offiziere, ebenso wie der Mann im Schützen- oder im MG.- Trupp, der Fernsprecher und der Melder, ein gewaltiges Stück militärischer Arbeit zu bewältigen haben, um die Uebung des Regiments in allen Teilen zum bestmöglichen Erfolg zu bringen. An Strapazen für alle 116er, vom Kommandeur bis zum letzten Mann, hat es jedenfalls an diesem Gefechtstage und auch schon in den Nachtstunden vorher nicht im geringsten gefehlt. Daher haben denn


