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Kr.179 Erstes Blatt

Mittwoch. 4-August 1937

187. Jahrgang

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Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck und Verlag: Vrühlsche Universitättdruckerei R. Lange In Gietzen. Schriftlettung und Geschäftsstelle: Zchulftrahe 7

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ziehen.

Das Blatt will weiter erfahren haben, daß die Veröffentlichung des Briefwechsels Cham­berlains -'Mussolini angeregt worden sei. In diesem Falle würde man feststellen können, daß beide Briefe spontan abgefaßt worden seien. Sie seien einschließlich der Umschläge von den bei­den Staatsmännern eigenhändig geschrie- b e n worden und umfaßten jeder vier Seiten. Chamberlain habe seinen Brief am Ende seiner Unterredung mit Grandi geschrieben. Der Brief sei dann von Rom nach Rimini, wo sich Mussolini auf­hielt, weiter befördert worden. Der Duce habe so­fort seine Antwort niedergeschrieben und sie mit demselben Boten und am selben Tage zuruckgeschickt. Aus diesen Umständen gehe hervor, daß der Brief­wechsel sich nicht mit den Einzelheiten der englisch- italienischen Beziehungen befaßt, sondern den Zweck verfolgt habe, e i n e A t m o s p h a r e g e g e n s e l - tigen Vertrauens zu schaffen, in der diese Einzelheiten erörtert werden könnten. Die Bespre­chungen würden bald auf normalem diplo­matischem Wege eröffnet werden, eme Zu-

Jn Paris ist die Landestagung der Leh­rergewerkschaft eröffnet worden, an der 300 Vertreter der rund 95 000 Mitglieder dieser Orga­nisation teilnehmen. Der Generalsekretär erinnerte an eine Unterredung mit dem Ministerpräsidenten Chautemps, der ihm erklärt habe, daß vor Januar 1938 nicht mit einer Gehaltsaufbesserung als Ausgleich für die fortgesetzt steigenden Lebens­haltungskosten gerechnet werden dürfe. Die Spar­politik erlaube es der Regierung nicht, vor dem kommenden Jahre neue Kredite zur Verfügung zu stellen. Der Generalsekretär erklärte, es sei un­möglich, die augenblicklichen Gehälter beizubehal- ten, da d i e Preise von Tag zu Tag stie- g en. Die Gewerkschaft werde daher in Zusammen­arbeit mit anderen Gewerkschaften so manoverieren, daß sofort bei Wiederzusammentritt der Kammer die Eröffnung neuer Srebite für die Be­amtenschaft behandell werden könne.

<§m neuer Horizont.

Das Schauspiel der europäischen Politik zeigt eine neue Szene und ein neues Bühnenbild: Musso­lini und Chamberlain treten in den Vor­dergrund und unterhalten sich mit freundlichen Worten über die Möglichkeit einer Wiederannähe­rung zwischen Italien und Großbritannien Die Zu­schauer unten im Völkerparkett begrüßen die neue Wendung und nur die bezahlten Störenfriede Mos­kaus auf den Hinteren Stehplätzen äußern ihr Miß­fallen. Noch weiß niemand, wie das Stück ausgehen wird. Die Worte der Sympathie, die zwischen Rom und London hin und her fliegen, sind einstweilen nur Symptome ohne konkreten Inhalt. Die Be­mühungen um eine gegenseitige Verständigung und um eine Wiederbelebung des italienisch-englischen Gentlemen-Agreement vom Januar dieses Jahres können auch normalerweise über das Versuchssta­dium noch nicht hinausgelangt fein. Denn trotz der schriftlichen Botschaften, die zwischen beiden Regie­rungshäuptern ausgetauscht wurden, bewahrt man in Rom wie in London einige Zurückhaltung, weil natürlich fest umrissene Pläne und Einzelvorschläge heute im Augenblick der heftigsten Nichteinmi­schungskrise noch verfrüht wären. Immerhin hat sich der politische Himmel Europas etwas aufge­hellt, und man kann in großen Zügen die Wetter­lage von morgen erkennen.

Es ist fein Zufall, daß gerade jetzt, wo das Spiel mit der spanischen Ein- und Ausmischung wieder einmals remis steht, der Versuch gemacht wird, durch zweiseitige Verhandlungen von einer anderen Ecke her einen Ausweg aus der gegenwärtigen Sackgasse zu finden. Der britische Premierminister Neville Chamberlain, der sich sehr viel energi­scher als sein Vorgänger im Amt in die Führung der außenpolitischen Geschäfte eingeschaltet hat, ist durch seine nüchterne Denkungsart wohl zu der An­sicht aekommen, daß der bisherige Weg der Londo­ner Ausschußverhandlungen doch zu keiner Lösung der Spanienkrise führen wird. Er mag eingesehen haben, daß die Sowjets doch jede gemeinsame Ini­tiative der europäischen Mächte immer wieder lahm legen werden. Chamberlain will aber d i e europäische Entspannung, weil nach sei­ner Ueberzeugung das weltpolitische Interesse Eng­lands am besten durch eine friedliche Beilegung der kontinentalen Streitigkeiten gesichert wird. England braucht Ruhe in Europa, wenn es in Ueberfee handeln und verhandeln will Deshalb das Bestre­ben Chamberlains, die diplomatische Tatkraft der englischen Regierung nicht ganz und gar durch das ewige, nutzlose Hin und Her in den Nichteinmi­schungsausschüssen absorbieren zu lassen. Daher sein Versuch, durch eine direkte Aussprache mit den europäischen Großmächten, d. h. auch mit Deutschland und Italien, vielleicht zu einer umfas­senderen Regelung der europäischen Dinge zu

b e h ö r d e einzuholen. Frankreich-Reisende ersparen sich Unannehmlichkeiten an der Grenze, wenn sie sich vor Antritt der Reise bei ihrer zustän­digen Paßbehörde oder bei einem Reisebüro über die jeweils erforderlichen Vermerke unterrichten.

Haris erhöht die Verkehrstarife.

P a r i s, 4. Aug. (DNB. Funkspruch.) Mit Wir­kung vom Donnerstag tritt die erwartete Erhö­hung b er Transporttarife in Paris in Kraft. Die Teilstrecke für Autobusfahrten wird von 30 auf 40 Centimes und der Preis für die Untergrundbahn in der zweiten Klasse von 80 Centimes auf einen Franken erhöht. Außer­dem ist mit Wirkung ab 1. Januar eine weitere Erhöhung des Autobusteilabschnittes um fünf Cen­times und des 0-Bahnfahrpreises um 10 Centimes vorgesehen.

Die Annäherung zwischen Rom und London

Französische Befürchtungen grundlos.

Sizilianische Manöver.

Es ist eine Eigentümlichkeit der großen Sommer­und Herbstmanöoer, die alle Jahre von den euro­päischen Mächten abgehalten werden, daß sie nicht nur das Interesse der militärischen Fachwelt, son­dern auch die politische Phantasie der Völker in starkem Maße beschäftigen. Die Wahl derKriegs­chauplätze" verleitet ja auch sehr leicht zu allen möglichen Kombinationen und Spekulationen, weil natürlicherweise jeder Staat darauf bedacht sein muß, seine militärischen Kräfte dort zu erproben, wo sie für den Ernstfall vielleicht gebraucht werden könnten. Den möglichen Ernstfall aber bestimmt der Gang der internationalen Politik. Trotzdem wäre es falsch, aus der Wahl des Manöverortes aktuelle'politische Schlüsse in jedem Falle zu ziehen. Denn irgendwo müssen ja die Truppen ihre Uebun- gen durchführen, und daß dies abwechselnd in ver­schiedenen Grenzgebieten geschieht, ist aus allge­meinen Gründen leicht verständlich.

Die italienischen Sommermanöver

sammenkunft Mussolinis mit Eden würde wahr­scheinlich erst im letzten Abschnitt der Verhandlung stattfinden. Was die Absicht Chamberlains betreffe, einen neuen Vertrag an Stelle des Locarno- Paktes abzuschliehen, so sei allen Beteiligten klar gemacht worden, daß England ein solches Abkommen als Verstärkung des Völkerbundes und eine Grund­lage für die Aufrechterhaltung des Friedens be­trachte.

Daily Mail" hebt besonders die Worte des ita­lienischen Außenministers hervor, daß nach seiner Ansicht ein großer Fortschritt zu einer Säuberung der Athmosphäre und was viel wichtiger fei zu einer Beseitigung des gegenseitigen Mißtrauens getan worden sei. Nach Aeuße- rungen Graf Cianos sei es klar, daß die Beziehun­gen zwischen Italien und England wieder hergestellt werden könnten, wenn England das neue o ft - afrikanische Kolonialreich anerkannt haben würde.Morning Post" meldet, Cham­berlain habe keinerlei Versprechungen gemacht, die Angelegenheit müsse vom Kabinett erwogen wer­den, bevor irgendein Entschluß gefaßt werde. Viel­leicht werde eine Sondersitzung des Kabinetts im September vor der Abreife Edens nach Genf zur Teilnahme an der Völkerbundsverfammlung statt- finden. Mussolini werde sich nur mit einer unein­geschränkten Erklärung des Völkerbundes be­gnügen, daß das alte abessinische Makaseireich nicht mehr existiere. Die Italiener seien überzeugt, daß die britische Regierung in der Lage sei, in dieser Frage voranzugehen und daß ihr die anderen Völ­kerbundsmitglieder Folge leisten würden. Das Blatt erinnert daran, daß alle Beschlüsse in der Aethio- pien-Frage in erster Linie auf englische Initiative hin gefaßt worden seien.Daily Expreß" glaubt, daß die britische Regierung nicht die Initiative, er­greifen, sondern darauf warten werde, daß eine andere Nation die Angelegenheit zur Sprache bringen werde. England werde darauf bestehen, daß die Angelegenheit durch einen Kollektiv- beschlußdes Völkerbundes geregelt werde.

Das pariser Meresfe.

Paris, 4. Aug. (DNB. Funkspruch.) Die Pa­riser Presse verfolgt weiterhin mit großer Aufmerk­samkeit die Besserung der englisch-italienischen Atmosphäre und erblickt darin ein Vorzeichen für die praktische Regelung der rechtlichen Seiten der Eroberung Äthiopiens vor dem Völkerbund. Manche Blätter bedauern es allerdings, daß die englisch-italienische Bereinigung nichtdurchVer- mittlung Frankreichs, sondern selbständig angebahnt wurde. Auch stellen manche Zeitungen ungern fest, daß die französisch-italie­nische Entspannung nur als Fortsetzung der englisch-italienischen Bemühungen zu erwarten sei, was für Frankreich eine verpaßte Gelegen­heit darstelle. Im übrigen legt man in Paris im­mer wieder Wert darauf, zu versichern, daß durch den neuen englisch-italienischen Kurs derVierer - pakt - Gedanke wieder am Horizont erscheine, aber das englisch-französische Verhältnis in keiner Weise geschmälert werde. So berichtet der Vertre­ter desPetit Parisien" aus London, er habe in der dortigen italienischen Botschaft vernommen, daß die römische Regierung nicht beabsichtige, das Funktionieren" der englisch-französischen Entente zu behindern.

Wichtig für Frankreich-Beisende!

f. o ofitnuft (DNB.) Bon amtlicher ob'erVnbigem «aU im Sn.

§r?nlrChpr Weltausstellung nicht beabsichtigt sein

London, 4. Aug. (DNB. Funkspruch.) Die eng­lisch-italienische Annäherung steht auch heute im Mittelpunkt der Betrachtungen der englischen Presse. Einer Erklärung des italienischen Außenministers Grafen Ciano über die englisch-italienischen Be­ziehungen wird große Bedeutung beigemessen. Don einem Vertreter der italienischen Botschaft in Lon­don wurde erklärt, daß Italien entschlossen sei, eine ernstliche Anstrengung zu einer Verständigung zu machen. Nur auf diesem Wege könne ein dauernder europäischer Friede nähergebracht werden. Gleich­zeitig bestehe nicht die Absicht, einen Keil in das englisch-französische Ver­hältnis zu treiben. Italien wisse, daß ein solcher Versuch zwecklos sein würde. Der italienische Ver­treter fügte hinzu, daß Italien großen Wert auf eine baldige Anerkennung seiner Herr­schaft in Aethiopien lege.

Daily Telegraph" hebt ebenfalls besonders die Worte des italienischen Außenministers hervor, daß die Wiederherstellung freundschaftlicher Beziehungen zwischen England und Italien und die Wiederauf­nahme einer herzlichen Zusammenarbeit nicht gegen irgendein Land gerichtet seien und auch nicht gerichtet sein könnten. Vielmehr würde dadurch ein neues Element für die Aufrechterhaltung des Friedens in Europa geschaffen werden. Diese Erklärung Cianos sollte weitgehend zur Beruhigung Frankreichs beitragen, das in den letzten beiden Tagen befürchtet habe, daß die Herstellung engerer Beziehungen zwischen London und Rom zu einer entsprechenden Schwächung der Bande zwischen London und Paris führen könnte. Man habe die Versicherungen abgegeben, daß die Freundschaft zwischen England und Frankreich grundlegend und ständig sei und alle solche Befürchtungen unbegründet seien. Das Blatt weilt dann auf die Aeußerung Graf Cianos hin, daß vie Achse Berlin-Rom durch eine Verständigung zwischen Rom und London nicht berührt werde. Diese Worte seien in London gut aufgenommen worden, man habe betont, daß England ebensowenig eine Schwächung der Achse Berlin-Rom wünsche, als es bereit wäre, eine Verringerung der Zusammen­arbeit zwischen London und Paris in Betracht zu

Fall will die Volksfront-Regierung, daß etwa der Londoner Nichteinmischungsapparat durch eine Vier- mächtepolitik abgelöst würde. Obgleich sich Die lon­doner Ausschüsse wiederholt als aktionsunfahig er­wiesen haben, will Frankreich diesen Schwebezu­stand erhalten. Die glatte Ablehnung des engl schen Kompromißplanes durch Sowietrußland hatte i Paris keine andere Wirkung als den Versuch, zwi­schen Moskau und London 3" 'wermittetn .

Hier wird der Sinn der französischen Haltung zur italienisch-englischen Annäherung .offenbar Frankreich, das das Sawj-tbllndni- w.e e.nenKl tz am Bein mit sich schleppt machte d,° B° sch-- w i st e n in die neue Kombination mit tnneiiwrin SÄÄÄ*fSt »S X* Ä? ZZ-s-WM-L miermimsters anzulegen ha.

kommen.

Diese Politik hat nicht nur den Vorzug, statt mit Begriffen und Ideologien mit den realen Gegeben­heiten zu rechnen, sondern sie wird in eben dem Maße populär, in dem das Londoner Nichtein­mischungsverfahren allenthalben an Volkstümlichkeit verloren hat. Kein normaler Durchfchnittseuropaer findet sich noch in dem komplizierten Apparat der Londoner Nerhandlungstechnik mit seinen Frage­bogen und Reihenfolgen zurecht, aber jeher gesunde Menschenverstand begreift, was es Hjenn Deutschland, Italien, England und Frankreich sich Dertraaen. Wenn Chamberlain die Frage eines neuen SB e ft pattes wieder aufgeworfen und den europäischen Kanzleien zum Studium vorgelegt hat, so ist auch das ein Schritt zu neuen größeren Zielen. Es war also eine englische, nicht eine italie­nische Initiative, die den Gedankenaustausch Mischen dem alten und dem neuen Imperium in die Wege geleitet hat. Sie begann mit der Rede des britischen Außenministers Eden am 19. Juli im Unterl)au5. Eden erklärte damals, daß England entschlossen sei, seine eigenen Interessen zu verteidigen, daß es aber nicht die Absicht habe, die Interessen anderer Lander zu schädigen. Das Mittelmeer sei für England eine Hauptverkehrsader, aber dieser - Verkehrsweg bade Raum für alle. England habe nicht die Absicht, gegen irgendein anderes Land eine Politik des An- griffe oder der Rache zu verfolgen. Das WortVen- betta" gebe es in der englischen Sprache nicht Diese deutlich auf Italien gemünzten Worte wurden m Rom verstanden. Mussolini nutzte die Gunst der Stunde und ließ dem englischen Premier durch Bot­schafter Grandi eine freundlich gehaltene, mündliche Botschaft ausrichten, worauf dann Chamberlain sein Handschreiben nach Rom schicken ließ, das vom Duce ebenso zuvorkommend beantwortet wurD^

Dies ist gegenwärtig der Stand der Dinge, und man könnte mit den besten Hoffnungen in die Zu­kunft blicken, wenn es sich bei der ganzen Ange­legenheit nur um eine Auseinandersetzung zwischen England und Italien handeln wurde Aber neben Deutschland, das eine neue englisch-italienische Freundschaft herzlich begrüßen wurde,. steh^ al- vierte an allen westeuropäischen unD mmeimeen schen ' Fragen interessierte Macht noch F r a n reich. Eine Teilnahme des Ouai d Orsay an englisch-italienischen Verhandlungen aber scheut fürs erste wegen der schlechten Beziehungen zu^om LÄos"n9 Man & bk itali-nihhen SytN^- thieaußerungen gegenüber Engknd nur sur > Taktik um die engli ch-franzostsche Freunojcy s z ätewwss® ss'-ftSfe Frankreich an großen e P [einer sturen

lLomruen kann. Aus keinen

dieses Jahres finden in zwei Teilen statt. Sie be­ginnen in der laufenden Woche im nördlichen Po-Gebiet und werden vom 12. bis 19. August in den Weftprovinzen der Insel Sizilien fort­gesetzt. Dabei liegt das Hauptgewicht beim jroeiten Teil der Hebungen. Wenn solchermaßen die italieni­schen Manöver von Norden nach Süden verlegt worden sind man erinnere sich der Vorgänge in Tirol vor zwei Jahren, so ist darin unzweifel­haft auch eine Bestätigung für die Verlagerung des politischen Schwergewichts zu erblicken. Seit dem abessinischen Kriege ist nicht mehr Mitteleuropa, sondern das Mittelmeer der militärische Fak­tor, auf den sich die italienische Aufmerksamkeit, richtet. Italien liegt fast wie eine Insel im Mittel­ländischen Meer, und es ist klar, daß seine lang­gestreckten Küsten einen starken Anreiz für feind­liche Luft- und Seeangriffe bieten müssen. Dem ent­spricht das Thema der sizilianischen Manöver, wo­bei nicht schwer zu erraten ist, wer der mutmaß­liche Gegner im Ernstfälle sein könnte. Wie wenig angebracht es jedoch ist, der Wahl des Manöver- feldes eine aggressive politische Bedeutung zu unter- legen, das zeigt gerade dieser Fall. Während an der sizilianischen Küste die Maschinengewehre den landenden Feind vertreiben sollen, arbeiten die rö­mischen Diplomaten Schriftstücke aus, die einen neuen Freundschaftspakt mit England zum Inhalt haben.

Den Manövern in Sizilien liegt folgender Plan zugrunde: Eine angreifende Seemacht die rote Partei hat den Widerstand der blauen Partei in einem Seegefecht überwunden und macht nun Landungsverfuche, um in das Innere der In­sel einzudringen. Inzwischen haben die blauen Verteidiger jedoch Zeit gefunden, Befestigungs- aibeiten vorzunehmen und starke, teilweise motori­sierte Reserven an die Einbruchstelle heranzuführen. Es soll nun erprobt werden, ob es den Blauen gelingt, den Angreifer ins Meer zu treiben. Die Ähnlichkeit dieses Manöverplanes mit der Lage der alliierten Truppen auf der türkischen Halbinsel Gallipoli am Eingang zu den Dardanellen während des Weltkrieges ist frappant. Sie hat auch noch einen zweiten historischen Sinn, denn von Marsala, dem sizilianischen Küstenort aus begann im Jahre 1860 Garibaldi, der Vorkämpfer der italienischen Einigungsbewegung, seine Expeditions­armee gegen die neapolitanischen Truppen zu füh­ren. Solche und ähnliche Erinnerungen erhöhen natürlicherweise das Interesse der einheimischen Bevölkerung an Dem militärischen Schauspiel, das sich ihnen demnächst bieten wird. Freilich, das äußere Bild der Gefechtshandlungen wird ein ganz anderes fein als früher.

Da die Möglichkeit einer überraschenden und un- beobachtenden Landung heute ganz undenkbar ist, werden auf beiden Seiten sehr zahlreiche und gut ausgerüstete Verbände in den Kampf eingreifen. Da anderseits das Gelände in Sizilien sehr unweg­sam ist und daher den Einsatz von Großkampfmit­teln nur im beschränkten Maße zuläßt, liegt die eigentliche Problemstellung des Manöverplanes darin, wie trotz mangelnder strategischer Aufmarsch­straßen eine möglichst große Feuer st ärke an Der Front entwickelt werden kann. Es wieder­holt sich also das strategische und taktische Problem des abessinischen Krieges. Und tatsächlich werden die ostafrikanischen Erfahrungen in Sizilien eine bedeutende Rolle spielen. U. a. hat man, um die einzelnen Truppeneinheiten beweglicher zu ma­chen, die Divisionen auf zwei Regimenter nebst Artillerie-Stäben und sonstigem Zubehör vermin­dert. Außerdem sollen schnelle motorisierte Ver­bände zeigen, bis zu welchem Grade auch schwere Kampfmittel bei ungünstigem Terrain verwenDbar sind. Es ist bezeichnend, daß erst vor wenigen Wo­chen von der römischen Regierung fünf Millionen Lire bereitgestellt worden sind, um in dem Teil Siziliens, wo die Manöver stattfinden, den Stra­ßen- und Wegebau zu beschleunigen. Ein weiterer Gesichtsvunkt für die italienische Heeres­leitung ist die Kombination von Land-, See- und Luftstreitkräften, deren Zu­sammenarbeit bei den sizilianischen Manövern geübt und erprobt werden soll. Die Annäherung an einen möglichen Ernstfall ist also bei der ganzen Anlage des Manövers sehr stark, wenn auch Die' Annahme, daß ein feinDliches LanDungskorps sich in Sizilien festsetzen konnte, sehr unwahrscheinlich Hingt.

Der Auftakt in Venetien.

Unwetter erschwert die Operationen.

MailanD, 3. Aug. (DNB.) Die großen Som­mermanöver Des italienischen Heeres in Venetien Die hauptsächlich Der Erprobung Der Eilkolon-