Hr.102 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)
Dienstag,4. Mai (937
OieIagd im Mai.
Mit dem Mai ist endlich auch die lang ersehnte Sonne gekommen. Nicht nur der Bauer und der Gärtner warteten schmerzlich auf sie, sondern auch der Jäger. Denn ewiger Regen und immerwährende Nässe sind das, was das Wild schlechter verträgt als den kältesten Winter. Die starken Reh- oerluste, die in einzelnen oberhessischen Revieren bis 2nem Drittel des Bestandes geschätzt werden, sprechen da eine beredte Sprache, und wie es dem ersten Hasensatz gegangen ist, muß erst die Zukunft lehren. Aber jetzt leuchtet die warme Maiensonne über Wald und Flur, läßt die Lärchen und Buchen, die Birken und Eichen in ihrem jungen Grün noch einmal so schön erscheinen, weckt Waldmeister, Maiglöckchen und Sauerklee zum Blühen auf, überschneit die Schwarzdornhecke mit weißem Blütenschnee und breitet des Schaumkrautes zarten Schleier über der Wiese sattes Grün. Im Frühlicht des Maienmorgens ruft der Tauber, lockt der Kuckuck fein Weib, zieht die Gabelweihe ihre Kreise m Aether, und tausend Kehlen kleiner Sänger erlitten Forst und Feld.
Da kann kein wahrer Jäger zu Hause bleiben. Schon oft hat er das Wunder miterlebt, das sich draußen vollzieht, und doch muß er immer wieder es in sich aufnehmen mit offenen Augen und Ohren und offenem Herzen, fei es, daß er vor Tau und Tag auf leisen Sohlen pirscht, sei es, daß er lauschend sitzt, wenn die Eule im Dämmerlicht des Abends streicht. Doch nicht mir seine Seele will er rusrühen lassen und laben, sein Wild verlangt nach einem Schutz. In den nächsten Wochen wird sein Jungwild hier heranwachsen. Im Schilfe brütet bereits die Ente, Fasanen und Hühner machen ihr Gelege, Junghäschen liegen versteckt in der Hecke, iiald führt die Ricke ihr Kitz, das Alttier sein Kalb. Drum heißt es auf der Hut sein, denn kaum ist das ?orn ins Wachsen gekommen, da feldert auch wieder die „unschuldige" Mieze, und der streunende Hund ist jetzt so gefährlich wie im Winter, wenn Harschschnee den Böden bedeckt. Er hetzt das tragende Wild zu Schanden und reißt das Jungwild ■nit Leichtigkeit. Wer da die Kugel im Laufe läßt, versündigt sich an feinem Wild. In der alten Kiefer
gänge im Leben unseres Wildes sind viel lückenhafter und unsicherer als viele Jäger wissen. Sie zu verbessern und auf Grund neuer Erkenntnisse das Wild zu hegen und zu jagen, ist das Ziel, an dem jeder Jäger mitarbeiten muß.
Eine einfache Berechnung des jährlichen Zuwachses an Wild jeder Art und ein Vergleich mit dem tatsächlichen Abschuß läßt ohne weiteres erkennen, daß außerordentlich viel Wild irgendwie zu Grunde gehen muß. Unter den Feinden des Wildes hat die Mähmaschine eine besonders traurige Berühmtheit erlangt. Diele Vorschläge sind schon gemacht worden, die alle darauf abzielten, das Wild zu veranlassen, anstatt sich zu drücken zu flüchten. Nun brachten in den letzten Wochen die Jagdzeitungen zwei verschiedene Arten von Scheucheeinrichtungen, die in der Praxis erprobt und als gut befunden fein sollen. Die Anbringung kann nicht teuer sein. Es wäre wünschenswert, wenn Jäger, die zugleich Landwirte und Bauern sind, selbst einmal bei der bevorstehenden Klee- und Grasmahd den Versuch machen würden, um dann über ihre Erfahrungen zu berichten. Große Mengen von Wildbret, das so elend verkommt, könnte der Volksernährung erhalten werden, wenn eine wirklich gute Lösung gesunden werden könnte.
Leider kommt auch viel Jungwild oder kommen brütende Hühner und Fasanen durch die Sense zu Schaden. Oft könnte mit größter Aussicht auf Erfolg noch der Versuch gemacht werden, das Gelege zu retten, selbst wenn es Stunden unbebrütet blieb. Wildhuhneier vertragen ein Erkalten von mehr als 24 Stunden. Am schwierigsten steht es immer mit der Aufzucht nach dem Schlüpfen. Am besten ist es, durch Zwerghennen oder Japan. Seidenbühner brüten zu lassen, die dann die Küken gut führen. Andernfalls ist viel Geduld und Liebe zu den Jungtierchen nötig, wenn sie groß werden sollen. Nicht selten würde es auch möglich fein, durch Um
mähen ein Gelege zu retten. Das Ummähen stellt für den Bauer ja immer eine gewisse Erschwerung seiner Arbeit dar, drum sollte jeder Revierinhaber dem, der trotzdem durch sein Handeln das Gelege rettet, eine Belohnung öffentlich ausloben. Gar manches Nest ist dadurch vor der Vernichtung bewahrt geblieben. Dabei fei auch darauf hingewiesen, daß die Rettung dieses Jungwildes durchaus im bäuerlichen Interesse liegt. Junge Rebhühner leben ausschließlich von Insekten.
Bei sieben im letzten Jahre aus einer Kette geschossenen Hühnern waren die Kröpfe prall mit Heuschrecken gefüllt. Der Getreideschnellkäfer, dessen Larve als Drahtwurm bekannt ist, wird in Mengen vertilgt. Und über die Tätigkeit des Fasanes auf diesem Gebiet liegen gerade jetzt neue Untersuchungsergebnisse vor. So enthielten die Kröpfe von zwei Fasanen, die vorher auf einem Saatacker nach Nahrung gesucht hatten nicht weniger als 2000 Stück Drahtwürmer im Gesamtgewicht von 205 Gramm! Diese Beobachtung wird durch eingehende in England angestellte Versuche an einer größeren Anzahl von Fasanen bestätigt. Immer stehen die Insekten nebst Larven und die Schnecken ganz obenan. Dann folgen Unkrautsamen und Würmer, in letzter Linie erst Getreidekörner. Diese Feststellungen decken sich vollkommen mit den Beobachtungen, die von dem Verfasser hierzu früher veröffentlicht worden sind. Daraus ergibt sich ganz klar, daß das Dasein eines Bestandes an Hühnern und Fasanen durchaus im Interesse des Bauern selbst liegt. Vielleicht hilft die Erkenntnis mit, den Nestern dieser Tiere die Schönung angedeihen zu lassen, die sie verdienen.
Fasanen sind z. T. beliebte Dolierenvögel geworden, wobei der Bezug der Eier gelegentlich aus den Gelegen der freien Wildbahn erfolgt fein soll. Dazu sei nur festgestellt, daß Wegnahme von Eiern jagdbarer Vögel Wilddiebstahl ist und daß Wilddiebstahl mit Gefängnis bestraft wird. Es empfiehlt sich also der Bezug aus einwandfreien Quellen!
Hubertus.
Aus Der Stadt Gießen.
iber hat das Krähenpaar feinen Horst wieder beugen. Die Stoßfedern, die über den Rand ragen, derraten die schwarze Brüterin, die ein Schuß Lurchs Nest leicht samt ihrer Brut unschädlich macht. Doch auch den „Zweibeinen" gilt des Jägers Aufmerksamkeit, die er draußen zu Gesicht bekommt. Das Leseholzsuchen ist mit gutem Grunde jetzt in !er Satzzeit verboten, aber auch der Blumensucher st oft ein gefährlicher Gast im Revier.
Mährend so der Waidmann auf den Schutz feines "Bitties bedacht ist, gelten feine Reviergänge zur Zeichen Zeit dem Bestätigen seines Wildes. Zwar at er erst vor kurzem bei der Wildzählung „Jn- icntur" gemacht, aber damals hatten die meisten Söcfe noch den Bast auf dem Gehörn. Heute haben ie außer den ganz geringen alle gefegt, und nun ilt es beobachten; denn wenn der Juni kommt, :c?bt die Jagd auf den roten Bock auf, und dann eißt es, von all dem schlechten Zeug, das, wie die iautrophäenschau zeigte, noch in erschreckend hohem !l?aße in unseren Revieren seine Fährte zieht, mög- ichst viel abzuschießen. Kurz sind nur die Tage azu, dann steht alles in den Feldern und ist unlesbar. Drum heißt es jetzt diese Böcke „fest- nachen". Wer erst im Juni anfängt zu suchen, vird vielleicht zu spät kommen.
Erneut hat das Reichsjaadamt die Jägerschaft an frre Mithilfe bei der Wildmarkierung erinnert, kein Jäger, der ein Revier fein eigen nennt, vor o.lem aber fein Berufsiäaer, sollte in den kommenden Wochen ohne Wildmarken sein, wenn er in Revier ist. Jungwild findet man meist nur durch Hfsall, und wieviele günstige Gelegenheiten bleiben ungenutzt, weil die Wildmarke fehlt. Die Wildmarkierung aber liegt im eigensten Interesse des Jägers selbst. Denn unsere Kenntnisse vieler Vor-
Schneewittchen auf der Straße.
Endlich hatten die Regentage aufgehört, und man sah plötzlich, daß die Kastanien bald blühen wollten, der" Rasen dick und grün war und überall Blumen blühten. Die Sonne schien und lockte die Kinder — es ist eine ganze Anzahl aus unserm und den Nachbarhäusern — auf die Straße.
Vor unferm Hause bereitete sich ein Ereignis vor. Ich sah es am aufgeregten Hin- und Herlaufen der Kinder und am gelegentlichen Stehenbleiben der Vorübergehenden. Da eine nahe Straße ausgebessert wurde, war ein kleiner Schuppen für die Arbeiter und Geräte aufgestellt worden. Neue Randsteine lagen bereit. Die Kinder hatten sich nach Schluß der Arbeitszeit darüber hergemacht und einige davon mit vieler Mühe zu einem Viereck hingelegt. In der Mitte stand ein kleiner Kindertisch, mit allerlei Täßchen und Becherlein darauf, auch Löffelchen, und man konnte unschwer erkennen, daß es ein Eßzimmer vorstellen sollte. Ein zweiter Raum enthielt zwei zusammengelegte Randsteine: das Schlafzimmer mit einem Bett, klar!
Ich wartete gespannt, was nun käme. Die Kinder blieben eine Weile verschwunden. Nun hörte ich sie wieder: singend zogen sie heran, alle in Kapuzenmäntelchen, eins mit einem Glöckchen daran und mit einem schweren Sack über der Schulter. (Es war zum Glück Ende der Woche und die Klammersäcke wurden wohl nicht von den Müttern gebraucht!)
„Wir sind die sieben Zwerge, wir gehen in die Berge, wir klopfen und wir hämmern vom Morgen bis zum Dämmern.
Dann gehen wir nach Haus zu einem feinen Schmaus!" fangen die kleinen Kapuzenmännchen. Umständlich warfen sie dann, „zu Hause" angekommen, die Last ab und nahmen am Tisch Platz. Und nun hörte ich die alten, immer neuen Fragen:
„Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?" „Wer hat mit meinem Löffelchen gegessen?"
Die hohen Zwergenstimmchen zeigten größtes Erstaunen.
Vorher hatte sich ein Mädelchen in weißem Kleid, mit prachtvollen schwarzen Zöpfen, auf das allerdings etwas harte Ruhebett gelegt und schlief dort tief und fest, wie sich das nach einem so langen Wandern durch den großen Wald von selbst versteht.
Nun wurde sie von den aufgeregten Zwerglein entdeckt, und ein langes Wechselgespräch begann. Es endete schließlich:
„Schneewittchen, Königstöchterlein, schlag auf die blauen Aeugelein, laß springen dein Herzlein wohlgemut, sollst bleiben hier in unsrer Hut, im grünen Reich der sieben Berge!"
„Wie kann ich euch danken, ihr guten Zwerge?" „Kannst die Wirtschaft uns versehen, wenn wir tags in die Berge gehen!"
Dann gingen die Zwerge beruhigt wieder an ihre Arbeit, und Schneewittchen räumte das Geschirr ab: „Morgens im Dämmerschein feg ich das Kämmerlein!"
Wie schon die Kinder alles gelernt hatten! Es gab dann viel Beifall von den herbeigerufenen und
zufälligen Zuschauern, den die Kinder strahlend hinnahmen. Tagelang hatten sie vorher geübt, ein Mädel führte Regie, und alle Kinder, auch die ftörri« scheu Buben, folgten ihr aufs Wort. „Im Sommer wollen wir ein ganz großes Stück im Garten auf» führen", erzählten sie, „auf das Einüben freuen wir uns schon. Und niemand darf uns dabei helfen!" Die Verse waren von Theodor Storm, wie ich bann sand. Auch über seinem stillen Grabe in Husum fängt es nun an zu grünen und zu blühen, und vielleicht singt ihm eine Amsel ein süßes Lied von einem alten deutschen Volksmärchen, das man auch auf der Straße spielen kann. E. L. St.
Vornoiizen
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater: 20 bis 22.15 Uhr „Der Günstling".— Gloria-Palast, Seltersweg: „Die Tochter des Samurai". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die zweite Mutter". — Oberheffifcher Kunstverein, Turmhaus am Brand: 16 bis 18 Uhr Ausstellung von Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen von Lotte Droese.
Stadttheater Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet die erste Wiederholung der erfolgreichen neuen Oper „Der Günstling" von Rud. Wagner-Regeny und Kaspar Neher statt. Die Erstaufführung hat in Gießen ein sehr lebhaftes Echo gefunden. Musikalische Lettung Kapellmeister Paul Walter. Spielleitung Wo'lfgang Kühne. Leitung der Chöre Kapellmeister Ernst Bräuer. Infolge Beanspruchung des Orchesters in Bad-Nauheim findet, außer der heutigen Vorstellung, nur noch eine Vorstellung dieser Oper am Montag, 10. Mai, statt. Die Mittwoch-Miete vom 12. Mai muß, da das Orchester schon in Bad-Nauheim beansprucht wird, auf Montag, 10. Mai, vorverlegt werden. Die heutige Theater-Vorstellung findet als 29. Vorstellung der Dienstag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.15 Uhr.
Landschaflsbund Volkstum und Heimat, Ortsring Gießen.
Der Bund unternimmt am Himmelfahrtstag eine Wanderung durch den Krofdorfer Forst. Leitung: Heimatforscher E. Praß (Krofdorf).
ASD., Ortsgruppe Gießen-Ost.
Vetr.: Lebensmittel-Opferring.
Die Sammlung wird Dienstag, 4., und Mittwoch, 5. Mai, von der NS.-Frauenfchaft durchgeführt. Die Mitglieder wollen die Pfundpäckchen bereithalten und die Mitgliedskarte zur Eintragung vorlegen. Der Inhalt der Päckchen ist außen sichtbar anzugeben.
NSV., Ortsgruppe Mitte.
Vetr. Pfundfammlung.
Arn Mittwoch, 5. Mai, werden die Spenden (Pfundsammlung) durch die NS.-Frauenschaft eingesammelt. Die Hausfrauen werden gebeten, den Inhalt der Päckchen auf der Umhüllung kenntlich zu machen und die Mitgliedskarten zur Ouittungs» einzeichnung bereitzuhalten.
Studenten als Erntehelfer.
Ein Aufruf an die Studenten.
Auch euch erwartet ein Platz im Vierfahresplan, der gewaltigen Front kämpfender Volksgenossen. Reiht euch ein!
Oberschlesien, das Grenzland im Osten, die bayerische Ostmark rufen euch zu Land- und Fabrikdienst,
Und dabei überaus gründliche Reinigungskraft, ^Schonung des “Zahnschmelzes, angenehm milderu.erfrischender Geschmack.
50 Pf. öte große Tube,
25 pf. Öie kleine lubß^^
1A1
Bamberger Bi dwerke.
Zur Siebenhundertjahrfeier des Domes.
Nicht die Stadt Bamberg allein feiert in diesen lagen die siebenhundertste Wiederkehr ihrer Dvm- weihe, ganz Deutschland feiert mit, denn wenige unserer 'mittelalterlichen Kirchen sind uns Deutschen so ans Herz gewachsen, wenige empfinden wir fo als das steingewordene Sinnbild unserer besten Eigenschaften wie gerade diesen fränkischen Dom an der Regnitz. So wie er heute vor uns steht, ist et ein Werk des Uebergangs von der reifen Ro- mantft zur frühen Gotik. Eine Periode, die starke Mauermassen in ein schmückendes Prachtgewand zu flriben liebte, neigt sich mit ihm ihrem Ende zu, eine andere, deren Eifer mehr der konstruktiven Logik galt, erhebt sich in ihm mit der ganzen Anmat der Jugend. Er ist Spätling und Knospe zu- chich, und vielleicht ist es, neben seiner herrlichen Loge als „Statitkrone", diese glückliche Mischung der (Elemente, die bewirkt, daß wir beim Anblick des Simberger Domes unser Herz höher schlagen fühlen. Hinzu kommt das Bewußtsein einer langen urti stolzen Geschichte. Von ihr berichtet der heutige Dom nichts mehr, aber wir wissen doch, daß er einen Vorgänger hatte in dem frühromanischen Sau, der zusammen mit dem Bistum auf Geheiß Keifer Friedrichs II. im Jahre 1004 begonnen und 1012 geweiht wurde. Zweimal, 1081 und 1185, Lurch Brand beschädigt, aber wiederhergestellt, machte er schließlich nach 1200 einem vollständigen Dubau Platz, dem jetzigen Dom, dessen Bau- I-eichichte sich mit der Regierungszeit des Bauherrn, Uchof Ekberts von Andechs, deckt. Mit der Weihe am 6. Mai 1237 war er in der Gestalt fertig, die mir kennen: mit der noch ganz romanischen östlichen Schauseite des Georgenchors, einem westlichen Quer- fdjiff, dem sich der schon gotische Peterschor an- shließt, und dem doppelten, doch ungleichen Turm- par, das den ruhig ljin gelagerten Bau mächtig rinporhebt.
Mehr noch als die Architektur hat feine einzigartige Plastik den Weltruhm des Bamberger Lomes begründet. Drei Statuenportale, die Schran- fen des Georgenchors und die im Innern verstreuen Einzelbildwerke zeugen von ihr. Daß ihre Werkmeister aus dem Westen kamen und Bekanntschaft mit französischer Kathedralskulptur gemacht hatten, ilt sicher) doch ist es für die Beurteilung ihrer Lei- ftung nicht wesentlich. Daß diese Steinmetzen das in Frankreich Erlernte nicht nur in ein unversuchtes Deutsch übertrugen, sondern daß auch der Schüler über den Lehrer hinauswuchs und Werke brf, die an Adel der Form den französischen nicht
nachstehen, an Ausdrucksstärke sie dagegen weit übertreffen — das alles ist entscheidend. Bamberg bedeutet in dieser Hinsicht einen Höhepunkt der deutschen, ja der eeuropäischen Plastik. Es ist um einen Grad vornehmer als Naumburg und kräftiger als Straßburg, mindestens wenn man die Figuren der jüngeren Bildhauerwerkstatt, die wohl noch über die Dom weihe hinaus in Bamberg tätig war, betrachtet. Die der älteren Hütte, deren Erscheinen am Bauplatz man um 1210 ansetzt, wurzeln noch im Romanischen, haben noch nicht die freie Schönheit des zweiten Haupttneisters, aber was ihnen darin abgehen mag, ersetzen sie durch die Wucht ihrer Gebärdensprache, die Leidenschaftlichkeit ihres Innenlebens. Wo hat je ein Streitgespräch zwischen Männern eine solche Darstellung gefunden wie an den Georgenchorschranken, wo gottbegeisterte Propheten und Apostel über Glaubensfragen nicht disputieren, sondern mit Blicken und Fingern aufeinander einretien! Das Bogenfeld der Gnadenpforte neben dem Georgenchor ist zahmer, konventioneller, aber dafür gibt es wieder am Gewände des Fürstenportals — bezeichnenderweise handelt es sich auch da um Propheten und Apostel — solche Haudegen, deren innere Glut die Form sprengen zu wollen scheint und denen man es anmerkt, wie schwer es ihnen fällt, sich an einem Portal, das eine gewisse Uniformität der Haltung fordert, in Rech und Glied zu stellen.
Erst mit der jüngeren Werkstatt tritt dann der große Meister auf den Plan, der die Rauheiten des Vorgängers überwindet und das Strenge mit dem Zarten harmonisch zu verbinden weiß. Unter feiner Leitung erhielt das Bvgenfeld des Fürsten- portals das herrlich bewegte Relief mit der Darstellung der letzten Dinge sowie die beiden weiblichen Begleitfiguren, die den Triumph der Kirche über den Alten Bund versinnbildlichen, bekamen die Adamspfvrte, die bisher nur einen architektonischen Rahmen hatte, ihren Statuenschmuck in Gestalt des kaiserlichen Stifterpaars, der beiden Heiliaen Petrus und Stephanus und der Eltern des Menschengeschlechts, diese zum ersten Male in einer Großplastik völlig nackt dargestellt — sie alle noch etwas befangen, noch mcht ganz aufgeblüht.
Die letzte, noch mögliche Steigerung bringen dann die wohl schon damals im Inneren des Domes aufgestellten Freifiguren, Gestalten von einer Mächtigkeit der inneren und äußeren Form, daß man die Frage, ob auch sie für ein Figurenportal bestimmt waren, verneinen möchte. Maria, eine wahre Königin der Frauen, nach van einer leifen Verhaltenheit des Ausdrucks; ihre Partnerin Elisabeth, eine lodernde Flamme, wissend um ein fernes und ungutes Schicksal, eine Bluts- und Geistverwandte
jener germanischen Seherin, die einst dem Drusus drohend entgegentrat; schließlich jener königliche Reiter, der, am Choreingang aufgebaut, aller Namen, die man ihm schon gegeben hat und weiter geben wird, zu spotten scheint, weil er bas Symbol des „ewigen Deutschen" ist, des Trägers einer göttlichen Botschaft, der in der Phantasie unseres Volkes immer neue Formen sucht und findet, sich stets wandelt und doch immer derselbe ist.
Noch viel wäre von der Plastik des Domes zu sagen, auch der späteren. An die des dreizehnten Jahrhunderts schließt sich die des vierzehnten an, die in der erschütternden Greisenfigur des Bischofs Friedrich von Hohenlohe ihren Höhepunkt erreicht. Riemenschneiders Kaisergrab bezeichnet den Ausgang des Mittelalters. Ein prachtvolles Denkmal hat sich der Barock in der Kreuz,igungsgruppe des Justus G l e s f e r im Westchor gesetzt. Zu diesen Kostbarkeiten tritt jetzt anläßlich der Jubiläumsfeier der großartige holzgeschnitzte Altar des Veit Stoß, das letzte Werk des Meisters, bisher in der Oberen Pfarrkirche der Stadt, kaum beachtet, aufgestellt. Er wird fortan den Ostchor schmücken und damit die Reihe erlesener Werke der Bildhauerkunst schließen, die den Dom zu Bamberg zu einer Ruhmeshalle der deutschen Kunst macht.
Ernst von Niebelschütz.
Benedetti ärgert sich über Bismarck.
Vor 70 Jahren wurde die deutsche und europäische Oesfentlichkeit durch die Luxemburger Frage schwer beunruhigt. Napoleon wünschte zum Ausgleich für die Erwerbungen, die Preußen 1866 gemacht hatte, das Großherzogtum für sich zu gewinnen, und beinahe wäre es darüber zum Kriege zwischen Preußen und Frankreich gekommen. Die Behandlung der Frage durch Bismarck war ein diplomatisches Meisterstück, dem in der Darstellung des früher in Gießen wirkenden Historikers Professor Dr. Gustav Rvlvff im Maiheft von Velhagen & Kla - sings Monatsheften nachzugehen einen hohen Genuß bereitet. Einen beinahe humoristischen Anstrich hat, wie sich Bismarck dem Drängen des französischen Botschafters Benedetti durch gelegentliche Hinweise auf sein schlechtes Befinden entzieht, und wie dieser ärgerlich nach Hause schreibt: „Seine Krankheit hindert ihn nicht, bei Schnee und Regen auf die Jagd zu gehen, den Verfassungsberatungen vorzusitzen, in den Kammern zu sprechen, Diners zu geben, an der königlichen Tafel zu erscheinen und da eine gute Figur zu machen; sie hindert ihn einzig daran, die Mitglieder des diplomatischen Korps zu empfangen." Bismarck empfand die Be- dettifche Betriebsamkeit als zudringlich und rücksichts
los und sah darin eine charakteristische Eigentümlichkeit der französischen Diplomatie. „Ich bin geneigt", schrieb er, „einen großen Teil der Schuld an seinem Auftreten dem allgemeinen Charakter der französischen Diplomatie, in Verbindung mit der unbewußten Wirkung feiner persönlichen Lebhaftigkeit zuzuschreiben. Die in bezug auf gute Erziehung und Höflichkeit wenig vorteilhafte Veränderung, welche in dem geselligen Verkehr der Franzosen überhaupt in der letzten Generation im Vergleich zu ihren Vorfahren eingetreten ist, hat ihren Einfluß auch aus den diplomatischen Verkehr geäußert. Dazu mögen noch Traditionen und Gewohnheiten des ersten Kaisertums kommen, unter deren Einfluß selbst Talleyrand stand, dessen diplomatisches Auftreten keineswegs immer ein taktvolles war. Es hat sich in der französischen Diplomatie ein schulmeisterlicher überlegener Ton gebildet, der am allerwenigsten gegenwärtig auf dem hiesigen Terrain angebracht ist." Wie wenig, sollte Benedetti ein paar Jahre später auf der Brunnenpromenade zu Ems noch einmal und besonders nachdrücklichst erfahren.
6oMd>ulnad)rid)fen.
Dr. Bernhard Neumann, em. ord. Professor für chemische Technologie an der Technischen Hochschule und an der Universität Breslau, vollendete sein 7 0. Lebensjahr. Der Gelehrte (jubilierte sich 1900 an der Technischen Hochschule Darmstadt, wo er 1906 zum ao. Professor ernannt wurde. 1914 folgte Neumann einem Rufe an die Technische Hochschule in Breslau als o. Professor für chemische Technolvgie; in gleicher Eigenschaft wurde er 1914 an die dortige Universität berufen. Professor Neu» mann hat eine große Anzahl von Arbeiten über Ehemie, metallurgische Berechnungen, Theorie und Praxis der Elektrolyse ufro. veröffentlicht.
Der ao. Professor Dr. A. F a u st an der Universität Tübingen wurde zum ordentlichen Professor für Philosophie an der Universität Bres - l a u ernannt.
Der Führer und Reichskanzler hat den ao. Professor Dr. Hans Bürger-Prinz in Hamburg zum Ordinarius für Psychiatrie und Nervenheilkunde an der Universität Hamburg ernannt.
Der bedeutende Heidelberger Anglist Geheimrat Professor Dr. Johannes Hoops hat von der Kalifornischen Staatsuniversität Berkeley bei San Franzisko eine Einladung erhalten, im Sommer 1937 als Gastprofessor dort Vorlesungen und Hebungen aus dem Gebiet der englischen Vhi- lologie zu halten; Geheimrat Hoops wird der Einladung Folge leisten.


