Ur. 102 Erstes Blatt
181. Jahrgang
Dienstag, 4. Mai 1957
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Ein entlarvtes Mrsenmanöver.
Wer die Lebenserinnerungen des Gründers der „Time s", Walter, und die der besten Chefredakteure der „Times" kennt, weiß, welches Maß an Opfergeist, Hingabe an den Beruf und Charakterfestigkeit dazu gehörte, diesem Weltblatt den Ruf der Objektivität und eines abgewogenen Urteils zu verschaffen. Wie traurig für eine solche Tradition und für Englands Presse überhaupt, deren reprä- sentioes Schild diese Zeitung ein Jahrhundert lang war, sich jetzt auf Lügenmeldungen ertappe n zu laßen, die die Gewissenhaftigkeit und Ernsthaftigkeit dieser Zeitung mehr als in Frage stellen. Wir können uns auch nicht entsinnen, beim Reuter-Büro in der Nachkriegszeit ähnlich drastische Beispiele von frei erfundenen Meldungen gelesen zu haben wie die des famosen Reuter-Korrespondenten in Bilbao, der die tollsten Dinge aus dem Aermel schüttelt.
Ja doch, wir hatten vor 18 Jahren einen Weltkrieg. Wir haben noch nicht vergessen, wessen die englische Presse, auch die seriöse, von Reuter ganz zu schweigen, damals fähig war. Wir wissen, daß Objektivität in dem Lande des Grundsatzes „Right or wrong, my country!" immer nur ein Schleier war, mit dem man seinen Nationalegoismus geschickt tarnte. Aber man tat doch wenigstens in der Nachkriegszeit wieder so, als ob man sich auf seine Zuverlässigkeit und seinen Moralstandpunkt etwas zugute hielte. Wir werden in Zukunft jedenfalls wissen, daß wir jederzeit selbst in der repräsentativsten englischen Zeitung so belogen werden können wie in irgendeinem Revolverblatt der Slums einer angelsächsischen Großstadt.
Es herrschte in jenen Tagen, da der Korrespondent der „Times" und der des Reuter-Büros über so ausgezeichnete Ohren und Augen verfügten, ein für die Biskaya überaus typischer Nebel. Dicke Regenschauer peitschten tagelang die steilen Hänge des kantabrischen und baskischen Berglandes. Jeder Flugzeugangriff in einem solchen Wetter im Hochgebirge wäre glatter Irrsinn gewesen. Zu glauben, daß inmitten so dicken Nebels auch nur im entferntesten die Möglichkeit eines Bombenangriffs auf ein Kriegsschiff wie die „E s p a n a" bestanden hätte, kann nur ein Lächeln Hervorrufen. Aber diese Korrespondenten sahen ja noch viel mehr. Ihre scharfen Augen durchdrangen alle Nebelbänke und sahen gleich über hundert Flugzeuge, natürlich deutscher Herkunft, auf einmal. Die Heimatredaktion der „Times", ein Kollegium stolzer, verantwortungsbewußter Journalisten, druckte anstandslos diese freien Erfindungen ihres Korrespondenten ab.
Warum? Nun, die große englische Rüstung s - an leihe droht ein Fiasko zu werden. Da muß dem Eifer des britischen Bürgers ein wenig nach- geholfen werden. Man führte darum auch in diesen Tagen in London in Gegenwart des Kriegsministers Duff Cooper und anderer bekannter Politiker und Minister einen Film „The Gap“ (Die Lücke) vor. Dieser Film schildert — wir berichteten schon darüber — sehr eindringlich Schreckensszenen beim Angriff feindlicher Flugzeugaeschwader auf London. Man sagt zwar in diesem Film nicht, woher diese Flieger kämen. Aber die „Times" schildert durch die Feder ihres „Augenzeugen" ja so anschaulich die restlose Zerstörung des spanischen Städtchens G u e r n i c a durch natürlich „deutsche Flieger". Die Schlüsse des englischen Publikums liegen dann nahe. Zeichnet Anleihe, das bedeuten alle diese Manöver der „Times" und des Reuter-Büros. Zeichnet schleunigst Anleihe! Ihr seht ja, wie die bösen Deutschen mit ihren Fliegerbomben das spanische Städtchen zerschmettern. Wenn wir euch auch ein paar Wochen vorher feierlich vom Regierungstisch her versichern ließen, daß die Schlachtschiffe gegen Angriffe aus der Luft ziemlich geschützt seien, so seht ihr doch, daß eine einzige Bombe genügt, um den Schlachtkreuzer „Espana" zu versenken. Zeichnet also Anleihe, um die britische Rüstung zu sichern!
Hat jemand etwas dagegen, daß englische Zeitungen zur Zeichnung einer nationalen Anleihe aufrufen? Nein, dreimal nein! Die Engländer mögen rüsten, soweit es ihr Steuersäckel verträgt. Das ist ihre Sache. Aber als Mittel zum Zweck eine Greuel- hetze gegen eine Nation aufzuziehen, die durch den Abschluß des deutsch-englischen Flottenoertrages den bis jetzt einzigen unwiderlegbaren Beweis ihres Willens zur praktischen Rüstungsbegrenzung erbracht hat, das ist eine Infamie. Das ist schlimmer als die Lügenheuchelei der kleinen jüdischen Emigrantenblätter und all jener tausend Stänkerer in der Welt, die bezahlt oder verhetzt ihr Gift in die öffentliche Meinung hineinpumpen, um den Frieden zu gefährden. Denn hier handelt es sich um Blätter von Weltruf und um das amtliche englische Nachrichtenbüro! Die sofortige Nachprüfung der englischen Lügenberichte durch die französische Presse, die gewiß keiner Deutschfreundlichkeit beschuldigt werden kann, zeigt die Unwahrhaftigkeit der englischen Berichte. Wie lange aber, wird ein stolzes Bolk es noch dulden, von einigen verantwortungslosen Politikern derartig mißbraucht zu werden und sich derartig falsch unterrichten zu lassen. Dr. Vo.
Die Action Fran? aise" schreibt die fol- genden "erfrischend deutlichen Worte: „Wir haben bereits gesagt, was von der mit großem Lärm weiten der angeblichen Bombardierung Guer» micas künstlich entfachten »Weltemporung zu Lenken ist. Alles war n i ch t s a l s B l u f , L u ge
n d Heuchelei. Das Urteil der Journalisten, die Das in Trümmer liegende Guernica besichtigt haben, beweist dies unwiderleglich."
Bolschewisten zündeten Guernica an.
Französische Journalisten decken die Greuelhehe der „Times" aus.
Sin „Augenzeugenbericht" der Times
und seine Widerlegung.
London, 3. Mai. (DNB.) Am 28. April brachte d i e „Times" unter den Ueberschriften „Die Tragödie von Guernica" — „Stadt durch Luftangriffe zerstört" — „Bericht eines Augenzeugen" — einen Bericht ihres Sonderberichterstatters aus Bilbao, in dem es u. a. hieß: Guernica, die älteste Stadt und das Zentrum der kulturellen Ueberlieferung des Baskenlandes, wurde gestern nachmittag durch einen von den Insurgenten (so bezeichnet „Times" die Kämpfer des nationalen Spaniens) ausgeführten Luftangriff vollständig zerstört.
Das Bombardement dieser offenen, weit hinter der Front liegenden Stadt dauerte genau 31/« Stunden. Während dieser Zeit warf eine mächtige, drei deutsche Typen, nämlich Junkers- und Heinkel-Bombenflugzeuge sowie hein- kel-kampfflugzeuge umfassende Luftflotte über der Stadt unaufhörlich Bomben im Gewicht von je 1000 Pfund und darunter und fchähungsweise mehr als 3000 zweipfündige Aluminium-Brandgeschosse ab. Während dies geschah, stießen die über der Witte der Stadt kreisenden Kampfflugzeuge tief herab, um den Teil der Zivilbevölkerung, der im offenen Gelände Zuflucht gesucht hatte, m i t Maschinengewehrfeuer zu bestreichen.
Der Montag war der übliche Markttag. Als der Markt voller Menschen war, läuteten die Kirchenglocken aus Anlaß sich nähernder Flugzeuge, und die Bevölkerung suchte in Kellern und Unterständen Schutz. Fünf Minuten später erscheint ein einzelnes deutsches Bombenflugzeug, kreist in geringer Höhe über der Stadt und warf dann sechs schwere, augenscheinlich auf die Eisenbahnstation gezielte Bomben ab. Nach weiteren fünf Minuten kam ein zweites Bombenflugzeug, das die gleiche Anzahl Bomben über der Stadtmitte abwarf. Etwa eine Viertelstunde später kamen drei Junkersflugzeuge an, um das Zerstörungswerk fortzusetzen Das Boiv- bardernent hörte erst mit Einbruch der Dunkelheit auf. Die ganze 7000 Einwohner und 3000 Flüchtlinge zählende Stadt wurde langsam und systematisch in Stücke zermalmt. In einer von der Casa de Juntas abwärts führenden Straße sah ich eine Stelle, an der eine 50 Köpfe starke, fast ausschließlich aus Frauen und Kindern bestehende Gruppe in einem Luftschutzraum unter einer Masse brennender Trümmer eingeschlossen gewesen sein soll. Viele Menschen wurden im offenen Gelände getötet, und die Gesamtzahl der Toten dürste sich auf Hunderte belaufen. Ein bejahrter Priester mit Namen Aronategui wurde durch eine Bombe getötet, als er im Begriff stand, Kinder aus einem brennenden Haus heraus in Sicherheit zu bringen.
Die Taktik der Bombenflugzeuge, die diejenigen interessieren dürfte, die sich mit dem Studium der neuen Militärwissenschaften beschäftigen, war folgende: zuerst warfen kleine Gruppen von Flugzeugen über der ganzen Stadt schwere Bomben und Handgranaten ab, wobei ste ganz systematisch ein Gebiet nach dem anderen vornahmen. Dann kamen Kampfflugzeuge, die tief herabstiehen, um diejenigen, die voller Schrecken aus den Unterständen flohen, durch tausendpfündige Bomben, die ein Loch von acht Bieter Tiefe reißen, zu bewerfen und mit Maschinengewehren zu beschießen. Diele Menschen wurden auf der Flucht getötet.
Der Zweck dies Vorgehens bestand augenscheinlich darin, die Bevölkerung zu zwingen, wieder unter» irdischen Schutz aufzusuchen, denn jetzt erscheinen sogar bis zu zwölf Bombenflugzeuge gleichzeitig und werfen schwere sowie Brandbomben ab. Die einzigen Gegenmaßnahmen, die die Basken treffen konnten, da sie keine genügende Anzahl von Flugzeugen besitzen, um den Luftflotten der Aufständischen entgegenzutteten, waren solche, die der Heroismus der baskischen Geistlichkeit einleitete. Sie segnete die auf den Knien liegende, aus Sozialisten, Anarchisten, Kommunisten sowie aus den bekenntnistreuen Gläubigen in den zusammenbrechenden Unterständen bestehende Volksmenge und betete für sie. A l s ich Guernica nach Mitternacht betrat, stürzten links und rechts die Häuser zusammen, und es war sogar für die Feuerwehrleute unmöglich, nach dem Zentrum der Stadt vorzudringen. Die Krankenhäuser Josefinas und das Santa-Clara-Nonnen- kloster waren glühende Aschenhaufen: alle Kirchen, mit Ausnahme der Santa-Maria-Kirche, waren vernichtet, und die wenigen noch stehenden Häuser waren zur Vernichtung verdammt. Als ich Guernica heute nachmittag aufs neue besuchte, stand der größte Teil der Stadt noch in Flammen, wahrend neue Feuer ausbrachen. In einem zerstörten Krankenhaus waren etwa dreißig Tote aufgebahrt.
Hierzu stellt derSonderberichterstatter von Havas nach einer Besichtigung der Stadt fest: Die ausländischen Journalisten haben feststellen
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Von bolschewistischer Seite waren Meldungen verbreitet worden, daß die an der Bilbao-Front gelegene kleine spanische Stadt Guernica durch Bombenflugzeuge der Nationalisten vor der Einnahme zerstört worden sei. Jetzt trafen die er st en Bilddokumente aus dieser Stadt ein. Jeder, der Gelegenheit hatte, die Wirkung von Fliegerbomben zu beobachten, erkennt, daß derartige Zerstörungen niemals durch Bomben, sondern durch systematische Sprengungen und angelegte Brände erzielt werden können. In diesem Zustand überließen die Bolschewisten den nationalen Truppen die Stadt. — (Scherl-Biloerdienst-M.)
können, daß sämtliche Mauerreste keine Spuren von Bombensplittern tragen, daß dagegen aber die Fenster von Rauch und Feuer geschwärzt sind. Die Journalisten hätten überhaupt nirgends Bombeneinschläge feststellen können, wodurch bewiesen wird, daß das Feuer der Stadt nur auf Brandstiftung zurückge führt werden könne. Aus einer weiteren Feststellung der Journalisten ergebe sich die Tatsache, daß einige wenige Häuser, die aus Eisenbeton errichtet und nicht verbrannt waren, völlig mit Benzin und Petroleum begossen worden sind. Spuren der erwähnten Brennstoffe feien noch vorhanden.
Bomben - Einschlagstrichler aber seien trotz der eingehendsten Untersuchungen durch die Journalisten in der Stabt nicht gefunden worden. Die in der Stadt gebliebenen Einwohner erklärten, daß die Bolschewi- ften ihr Zerfiorungswerk bereits am Montagabend begonnen hätten. Der Sonderberichterstatter des „Journal", Blaffot, der selbst in Durango und Guernica gewesen ist und die Ruinen eingehend untersucht hat, meldet, daß Guernica nicht durch Flugzeugbomben vernich
tet wurde, sondern daß es die Bolschewisten gewesen seien, die „die Stadt mit eigener Hand angezündet haben". Don den rund 90 v. H. zerstörten Häusern von Guernica seien überhaupt nur drei oder vier Häuser, die Spuren von kugeln aufweisen. Der Berichterstatter, der aus seinen Kriegserfahrungen bei Arras genau die Wirkung von Flugzeugbomben kennt, hat keinen einzigen Bombentrichter entdecken können.
Die „Neue Zürich er Zeitung" hatte — schon bevor die Ursache der Zerstörung Guernicas feststand — erklärt, daß es nicht leicht zu verstehen sei, warum England so plötzlich über die Zerstörung dieser Stadt einen Entrustungs - sturm tostaffe, während es über die viel größeren Opfer von Badajoz, Madrid und Barcelona sich nicht rührte. Die Ursache werde wohl die fein, daß der Masse der englischen Bevölkerung das Bewußsein der eigenen Gefährdung durch die Schilderung der Bombardierung einer „offenen Stadt" eingehämmert werden falle. Die Entrüstung darüber falle in der Bevölkerung einen starken Abwehrwillen wecken, der der Notwendigkeit der Aufrüstung sehr zustatten komme.
Um die Räumung Vilbaos.
Franco schlägt eine Sicherheitszone vor.
Der Räumungsplan
eine bolschewistische Kriegslist.
London, 3. Mai. (DNB.) Von zuständiger englischer Seite wird der Eingang einer Note Oer spanischen Nationalregierung bestätigt, in der gegen die geplanten Maßnahmen für Den Abtransport der Zivilbevölkerung aus Bilbao Protest eingelegt wird. Die Note besagt u. a., es sei unzulässig, daß der für zahlreiche Verbrechen gegen das Völkerrecht verantwortliche bolschewistische Anführer der baskischen Provinz die ausländischen Mächte aufforderte, kollektive Maßnahmen gegen d i e Souveränität seines eigenen Landes zu ergreifen. Die Verbringung der Zivilbevölkerung nach ausländischen Staaten sei unnötig, da sie zwischen Bilbao und Santander Zuflucht nehmen könnte, und da ferner eine S i ch e r h e i t s z o n e geschaffen werden könne, wenn das Internationale Rote Kreuz dessen Nichtbenutzung für militärische Zwecke garantiere. General Franco wäre auch bereit, Frauen und Kinder und alte Leute ohne Unterschied der politischen Ansichten mit Ausnahme verbrecherischer Personen in nationalspanisches Gebiet einzulassen. Die nationalspanischen Behörden erklären ferner, daß der Räumungsplan eine Kriegslist der fowjetruffifchen Machthaber in Bilbao fei. Sie wollten sich der Zivilbevölkerung entledigen, um das nationale Eigentum in Bilbao und den anderen Städten zu zerstören. Eine Unterstützung dieses
Planes würde der Mittäterschaft bei der zukünftigen Zerstörung von Bilbao gleichkommen. Schließlich wird erklärt, daß die Sicherheit des Hafens und der Zone, in der sich die ausländischen Konsulate befänden, angesichts der militärischen Operationen nicht garantiert werden könnte.
England und Frankreich hallen an dem Räumunasplan fest.
Paris, 4. Mai. (DNB. Funkspruch.) Die Blätter erklären, daß trotz der ablehnenden Stellungnahme des Generals Franco die englisch-französischen Absichten sich nicht ändern würden. Am Dienstag würden bereits 5 0 0 0 Frauen und Kinder aus Bilbao abbefördert und nach Frankreich und teilweise auch nach England gebracht werden. Zwei französische Schiffe würden zu den englischen Einheiten stoßen, um den Schutz der Zivilbevölkerung zu sichern. Wie es heiße, würden die Flüchtlingstransportschiffe m i t der Roten Kreuzflagge fahren.
Das „Echo de Paris" behauptet, daß außer den englischen Handelsschiffen die im Hafen von Bilbao befindlichen Schiffe aller Nationen bei der Abbeförderung mitwirken würden, allerdings unter der Bedingung, daß kein Unterschied etwa aus politischen oder sonstigen Gründen zwischen den verschiedenen Teilen der nichtkämpfenden Bevölkerung gemacht werde. Das Blatt unterstreicht hierbei, daß die Befreiung der Geiseln zunächst noch nicht vorgesehen sei.


