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187. Jahrgang

Gießener Anzeiger

Ur-55 erste; Blatt <81. Jahrgang Donnerstag, 4. März 195?

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MZM General-Anzeiger für Oberheften

Sronffurt am Main 11686 druck und Verlag: vrühl'sche Universttats Such- und Steindruckerei R. Lange in Gietzen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulftrahe 1 MengenabMüste^Staf^

Amerika verzichtet auf den Grundsatz derFreiheit der Meere" im Kriegsfälle.

Das amerikanische Neutralitätsgeseh sott die Vereinigten Staaten aus kriegerischen Verwicklungen heraushatten.

Die Vorlage vom Senat angenommen.

Washington, 4. März. (DNB.) Der Senat hat mit 62 gegen 6 Stimmen die Neulrali - lätsgesehvorlage des Vorsitzenden des Aus­wärtigen Ausschusses des Bundessenats. Senators Pittman, angenommen und leitete den Ge­setzentwurf dem Repräsentantenhaus zur Abstim­mung weiter. Dieser Reutralitätsentwurf gibt die traditionelle amerikanische Politik der freien Tlleete auf und seht an ihre Stelle ein in allen Einzelheiten festgelegtes Programm, die Vereinig­ten Staaten im Falle eines Krieges aus allen Verwicklungen freizuhalten, um nicht wieder, wie im Jahre 1917, in einen fremden Krieg hineingezogen zu werden, wurde in den Entwurf eine genaue Aufzählung aller Kriegs­materialien eingefügt. Diese Aufzählung deckt sich mit den Erklärungen des Präsidenten Roose­velt, verhindert ihn aber, sie in künftigen Kriegen einzuschränken. Aus diesem Grunde auch beachtete der Senat nicht des Senators B o r a h leidenschaft­liche Appelle an dasTraditionsgefühl" und feine Ausführungen, dah Amerika jetzt zum ersten Male in seiner Geschichte sein Recht aufsouve­räne Schiffahrt" aufgebe.

Das Gesetz verbietet in dem Augenblick, wo der Präsident das Bestehen eines K ri e g s z u st a n- des oder eines Bürgerkrieges feststellt, automatisch 1. die Ausfuhr von Kriegsmateria­lien, zu denen auch Zivilflugzeuge gerechnet werden;

2. Anleihen oder Geld- oder Waren- kredite außer den normalen Krediten im Umfange des Vorkriegsgeschäftes;

3. Reisen auf Schiffen kriegführen­der Staaten;

4 Bewaffnung amerikanischerDamp- fer.

Alle hier gekauften Daren müssen bar be­zahlt werden, bevor sie ausgeführt werden kön­nen, dagegen ist die Ausfuhr von Waren, außer Kriegsmaterial, falls sie bar bezahlt sind, nicht verboten, vielmehr kann sich jedes Land alles hier kaufen, was es will und bezahlen kann.

Der Präsident hat, falls er die Verschiffung von Waren in amerikanischen Schif­fen für gefährlich hält, das Recht, die Liste solcher Waren festzusehen, die sich der Käufer dann in Nordamerika in eigenen Schiffen abholen muß, während amerikanische Schiffe eine solche Fracht, die zur Anhaltung, Durchsuchung, Beschlag­nahme oder Versenkung und zu Verwicklungen mit den Kriegführenden führen könnte, nicht befördern dürfen. Präsident Roosevelt kann aber, wie gesagt, die Ausfuhr von Waren nicht verbieten oder auf den normalen Friedensumfang beschränken, da der Kongreß ihm dieses Recht nicht gewährt hat. Er kann lediglich amerikanischen Schiffen die Beför­derung von Konterbande verbieten.

Mobilisierung der Wirtschaft."

Plane des amerikanischen Generalstabes.

Washington, 3. März. (DNB.) Der ameri­kanische Generalstab will vom Bundeskongreß Mit­tel anfordern für jährliche Probemobilisa­tion von kriegswichtigen Fabriken. Bon etwa 20 000 Fabriken sind etwa 12 000 als Schlüsselfabriken bezeichnet worden, von denen man im Kriegsfälle sofortige U m st e l l u n g auf die Herstellung von Kriegsmate­rial, einschließlich Uniformen, Kraftwagen usw., erwartet. Da für solche Zwecke eine Neuorganisation des gesamten Fabrikbetriebes erforderlich ist, was bei völlig unvorbereiteten Fabriken im Falle einer plötzlichen Mobilisierung geraume Zeit beanspruchen würde, sollen diese Fabriken hierfür jährlich gedrillt" werden. Der Generalstab setzt sich fer­ner für einen Fünfjahresplan zur Einstellung von 150 000 Reservisten ein. Man erklärt, daß das Heer zwar eine große Zahl oon Reserve­offizieren, nicht aber üb exr genügende Mannschastsreserven verfüge. Deshalb sol­len jährlich etwa 30 000 der normal aus dem Hee­resdienst Ausscheidenden für das Reserveverhältnis angeworben und zu jährlichen Uebungen verpflichtet werden. Darüber hinaus ist im Falle eines Krieges die Einführung der allge­meinen Wehrpflicht sowie eine militärische Kontrolle aller kriegswichtigen Fabriken geplant.

Kommunistische Umtriebe in der amerikanischen Handelsmarine

Washington, 4. März. (DNB. Funkspruch.) Weaver, der Direktor des Büros für Marine-Jn-

spektion und Navigation, erklärte im Kongreßaus­schuß, kommunistische Umtriebe drohten, die ameri­kanische Handelsmarine zu zerstören. Die Kommu­nisten hätten hinter dem kürzlichen Seemannsstreik gestanden. Die kommunistische Partei sei auch gegen die Einführung von Seemannsbüchern und plane einen Sitzstreik, der am 1. Mai beginnen solle, um gegen diese Maßnahme zu protestieren.

Wik Tränengasbomben gegen Streikende.

In West-Warwick (Rhode-Island) mußten Ar­beitswillige und 40 Polizeibeamte vor 250 Strei­kenden den Rückzug antreten. Die Tränen- und

Brechgasbomben der Polizisten konnten den Stein­hagel und den sonstigen Wurfgeschossen der Strei­kenden keinen Einhalt tun. Die Streikenden ergrif­fen die auf sie geschleuderten, aber nicht explodier­ten Gasbomben und warfen sie mitten unter die Polizisten zurück. An der Grenze der Staaten Rhode-Island und Massachusetts be­mächtigten sich streikende Lastkraftwagenfahrer eines mit Pappkartons beladenen Wagens, warfen ihn um und brannten ihn nieder. Der Fahrer, der selbst der Gewerkschaft angehört, wurde mit schweren Brandwunden ins Krankenhaus gebracht.

Deutschland und England.

Debatte im Oberhaus.-Lord Allan fordert Konferenz über die deutschen Wünsche.

London, 3. März. (DNB.) Im Oberhaus be­tonte Lord Allan of Hurtwood, ein Mitglied der nationalen Arbeiterpartei, die Notwendigkeit, Deutschland einzuladen, seine Beschwerden dar­zulegen.Wir haben", erklärte der Lord,Deutsch­land niemals öffentlich eingeladen, sich völlig gleich­berechtigt an einen Konferenztisch zu setzen. Das aber ist die einzige Möglichkeit, die Span­nungen in Europa zu beseitigen oder zu zeigen, ^-'te des Friedens steht und wer zum Krieg entschlossen ist." In der Frage der K o l o - ^ngian'b denkbar unglückliche Argu­mente gewählt. England erkläre einerseits, die Kolonien hätten für niemanden einen Wert, weder bevölkerungs-, noch handelspolitisch; andererseits wolle England alles behalten, was es besitze. Er könne nicht an einen Wieüer- ' aufbau Europas glauben, solange man nicht Deutschland Gerechtigkeit widerfahren ließe oder wenigstens Klarheit Über seine Absichten gewinne.

Der Konservative Lord R a n k e i l l o u r er­klärte, daß ein Angebot an Deutschland, wie es Allan angeregt habe, in völliger Uebereinstimmung mit den Verpflichtungen gehalten werden könnte, die England selbst übernommen habe. Auch wenn man das deutsche System nicht schätze, sei gegen­über dem sowjetrussischen doch ein Unterschied, daß nämlich die Deutschen ihre Doktrinen nicht in anderen Ländern pro­pagierten und dort auch keine unterirdische Tätigkeit entfalteten. Ihm scheine es notwendig, bei jedem Abkommen mit Deutschland dessen innere Angelegenheiten außer Be­tracht zu lassen. Das Flottenabkommen zwischen Deutschland und England sei ein Zeugnis erfolg­reicher Staats kunst.

Der Lordsiegelbewahrer Lord Halifax erklärte, die Regierung wurde einer Definition der kollektiven Sicherheit, die automatisch militärische Hilfe in jedem Kriegsfälle fordert, zustimmen, wenn sie glauben könnte, daß der Frieden dadurch ge­sichert würde. Da man dessen aber nicht sicher sei, sei es notwendig, zu definieren, wofür man selb st zu kämpfen bereit sei. Sonst mache man sich eines Riesenbluffs mitschuldig, und es entstehe die Gefahr, daß aus einem lokalen Krieg ein Weltkrieg werden könnte. Eine Politik der Iso­lierung könnten nur kleine Länder sich leisten. Der Mittelpunkt eines Weltreiches könnte aber weder isoliert werden, noch sich selbst isolieren. Die eng­lische Aufrüstung bedeute nicht, daß die Regie­rung den Ausbruch eines Krieges für wahrschein­lich ansehe. Das Rüstungsprogramm solle vielmehr einen Krieg so unwahrscheinlich wie möglich machen. Die Regierung hoffe, daß es bald möglich sein werde, mit mehr Erfolg über eine Rüstungsbegren­zung auf niedrigerem Stande zu verhandeln als jetzt.

Lord Allan habe beklagt, daß man Deutschland niemals an den Konferenztisch geladen habe. Das sei gerade das, was die Regierung in den letzten sechs bis zwölf Monaten versucht habe. Aber er müsse fragen, wer daran teil- nehmen würde. Sowjetrußland? Allan kenne sehr wohl die Schwierigkeiten, auf die eine Ein­ladung dieser Art stoßen würden. Auf alle Fälle werde ein Vorschlag, der zu besserem Verstehen führen könnte, auf das Entgegenkommen der eng­lischen Regierung rechnen können. Alle Anstren­gungen der Regierung seien dem einzigen Ziel untergeordnet, einen Frieden auf der Basis der Gerechtigkeit aufzubauen.

Englands SeeMnng

Kein Wettlauf um die Kaliberstärke.

London, 3. März. (DNB.) Im Haushaltsjahr 1937/38 beläuft sich die für das Marinebaupro­gramm vorgesehene Gesamtsumme auf rund 105 Millionen Pfund Sterling (1,2 Milliarden Mark), was gegenüber dem Jahre 1936 eine Erhöhung um 23,8 Millionen Pfund Sterling (etwa 285 Millio­nen Mark) bedeutet. Das neue Programm steht vor: 3 Schlachtschiffe (König-Georg-V.-Typ), 2 Flug­zeugmutterschiffe, 5 Kreuzer von 8000 Tonnen, 2 Kreuzer oon 5300 Tonnen, 16 Zerstörer (J.°Typ), 7 U-Boote (Patrouillentyp), 3 Begleitschiffe, 4 Mi­

nenleger, 3 Küstenpatrouillenschiffe, 1 Zerstörer­depotschiff, 1 U-Bootdepotschiff und verschiedene andere kleinere Schiffe und Boote. Die Personal- st ä r k e der Flotte soll 112 000 Mann betragen, also gegenüber 1936 um 10864 Mann e r - höht werden.Daily Telegraph" stellt fest, daß sich in diesem Jahre insgesamt 148 neue Kriegsschiffe in englischen Werften in B a u befinden werden einschließlich der aus früheren Haushalten noch ausstehenden Schiffs­bauten: 5 Schlachtschiffe, 21 Kreuzer, 5 Flugzeug­träger, 49 Zerstörer, 19 U-Boote, 3 Depotschiffe, 24 Schaluppen, 2 Ueberwachungsschiffe, 3 Kanonen­boote, 17 Schnellboote. Die im Haushalt vorge­sehenen 7 neuen Patrouillen-Unterseeboote werden eine Bedrängung oon ie 1100 Tonnen haben. Durch ihren Bau wird die britische U-Bootflotte auf rund 70 Boote verstärkt werden.

Die neuen britischen Schlachtschiffe werden m i t vierzehnzölligen Geschützen (35,6 Zenti­meter) bestückt werden. Diese Mitteilung ist inter­essant, weil an sich die großen Seemächte verab­redungsgemäß bis zum 1. April Zeit hatten, für sich eine Entscheidung über die Kaliber­grenze bei den Neubauten zu treffen. Amerika und Japan hatten diese Frage bisher offen gelassen, jeder roartete die Stellungnahme des anderen ab. Japan schreibt man die Absicht zu, sechzehnzöllige Geschütze (40,6 Zenti­meter) zu bevorzugen. Auch Sowjetrußland soll für dieses Kaliber odet ein noch höheres ein­treten. Die britische Admiralität hat nun an­scheinend die Hoffnung aufgegeben, daß ein Wett­lauf um das Kaliber vermieden werden kann. Ohne Rücksicht auf die Entscheidung der anderen See­mächte will sie am vierzehn zölligen Ge­schütz fest halten, da dieses infolge seiner Feuergeschwindigkeit als besonders lei­stungsfähig' gilt.

Italiens Vevölkernngspolitik.

Leitsätze des Faschistischen Großrats.

Rom, 4. März. (DNB. Funkspruch.) Der F a - schistische Großrat beschloß, die Bevölke­rungspolitik des Regimes nach folgenden Leitsätzen zu vervollkommnen:

1. Bevorzugung der Väter kinder­reicher Familien bei der Arbeit und Anstellung, da die kinderreichen Familien in Ausnahmezeiten für das Vaterland die grö­ßeren Opfer und den stärkeren Beitrag an Menschen leisten.

2. Eine Familien-Entlohnung (bei glei­cher Arbeitsart und Arbeitsleistung ein Ein­kommen im Verhältnis zur Belastung durch die Familie).

3. Bevölkerungspolitische Maßnahmen, um das Leben kinderreicher Familien sicherzustellen.

4. Einrichtung von Heiratsdarlehen und Mitgiftversicherungen für junge Ar­beiter. (Letztere bereits durch das Arbeitsgesetz vorgesehen.)

5. Nattonale Versicherung für bie kin­derreichen Familien.

6. Neueinteilung der Provinzen und Gemeinden auf Grund der Ergebnisse der kommenden Volkszählung von 1941, wobei Gemeinde und Provinzen gestrichen wer­den, in denen die Bevölkerung überaltert und dünn geworden ist und infolgedessen öffentlicher Einrichtungen nicht mehr bedarf.

7.,Eine Zentralstelle, die die Bevölkerungs­politik des Regimes überwacht und fördert.

Der Großrat erinnert feierlich alle Faschisten daran, daß das Bevölkerungsproblem das Pro­blem des Lebens und seiner Fortsetzung be­deutet. Denn ohne Leben gibt es keine Jugend, keine militärische Macht, keine wirtschaftliche Ex­pansion, keine sichere Zukunft des Vaterlandes.

*

Die Universität Lausanne hat dem D u c e, der früher zu ihren Hörern zählte, den Titel eines Ehrendoktors der volkswirtschaftlichen Fakul­tät verliehen. Das Diplom wird ihm anläßlich der 400-Jahrfeier der Universität Anfang Juni über­reicht werden.

Hollands Wiklschafispolillk.

Von unserem Str.-Berichterstatter

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

Amsterdam, Februar 1937.

Die holländische Einladung an die Staaten der sogenannten Oslo gruppe (d. s. außer den skandinavischen Staaten Belgien und Holland), Ver­treter zu einer vorbereitenden Konfe­renz in den Haag zu entsenden, ist von den be­teiligten Regierungen günstig ausgenommen wor­den, so daß man mit dem Zusammentritt dieser Konferenz für Anfang März rechnen kann. Wie es in der Verlautbarung der niederländischen Regie­rund heißt, handelt es sich bei dieser Konferenz um Vorbesprechungen von Sachver­st ä n d i g e n, die zum Ziele haben, die praktischen Möglichkeiten einer neuen Wirtschaftsver­einbarung der Oslostaaten zu prüfen und ge­gebenenfalls einen Arbeitsplan für eine zukünftige Hauptkonferenz der beteiligten Staaten auszuarbei­ten. Man ist sich in Holland darüber im klaren, daß die grundsätzliche Einigung über eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit der Oslostaaten wohl auf keine allzu großen Schwierigkeiten stoßen dürfte. Es gibt heute keinen Staat, der nicht grundsätzlich zu engerer wirtschaftlicher Zusammenarbeit bereit wäre. Weit schwieriger dürfte es jedoch fein, die angestrebte Zusammenarbeit in eine Form zu fas­sen, die den doch sehr auseinanderlaufenden wirt­schaftlichen Interessen aller zur Oslogruppe gehöri­gen Staaten gerecht werden kann. Bisher ist der gegenseitige Handel der Oslostaaten untereinander nicht sehr bedeutend gewesen. Die Wirtschaftssttuk- tur dieser Länder brachte es mit sich, daß ihr Warenaustausch sich in erster Linie in der Rich­tung der Großstaaten bewegte, das heißt im gegebenen Falle nach England und Deutschland. Das gilt für die skandinavischen Staaten im gleichen Umfang wie für Holland und Belgien.

In den zahlreichen Erklärungen, die zu dem neuen Osloplan veröffentlicht worden sind, ist im­mer wieder betont worden, daß dieser Plan sich nicht gegen dritte Staaten richte, daß er wohl eine nähere Zusammenarbeit zwischen den be­teiligten Ländern bezwecke, ohne aoer dabei andere Länder auszuschließen. Es wird einer der schwie­rigsten Aufgaben der bevorstehenden Haager Be­sprechungen fein, diesen Grundsatz in einer für alle Beteiligten tragbaren Form zu verwirklichen. Durch künstliche Maßnahmen ließe sich ohne Zweifel der bis jetzt nicht sehr bedeutende Warenaustausch zwi­schen den Ländern der Oslogruppe bis zu einem gewissen Ausmaß erhöhen, doch liegt hier die Ge­fahr nahe, daß bei berartigen künstlichen Maß­nahmen die bereits bestehenden, historisch gewach­senen und geographisch bedingten Wirtschafts­beziehungen zu anderen Staaten gefährdet wer­den. Diese Gefahr wird in einem Teil der hollän­dischen Oeffentlichkeit sehr richtig erkannt, bes-onders die Kreise um den Schöpfer des gewaltigen Erdöl­konzernsKoninklijke-Shell" D e t e r b i n g verschlie­ßen sich diesen Gefahren nicht. Die Auffassung die­ses holländischen Wirtschaftsführers, dessen Feld seiner Lebensarbeit im wahren Sinne des Wortes die Welt war, geht dahin, daß das natürliche Ab­satzgebiet Hollands, sowohl was seine landwirt­schaftliche, als auch seine koloniale Erzeugung an­lange, Deutschland ist. Den Warenaustausch mit Deutschland zu pflegen, sei daher eine der wich­tigsten Aufgaben jeder holländischen Wirtschafts­politik. Die Auffassung, daß es wichtiger sei, be­reits bestehende Beziehungen auszubauen und zu fördern, als neue Beziehungen anzuknüpfen, kann man immer wieder hören. Es muß daher abgewartet werden, ob der jetzt angestrebte Oslo- plan in feinen tatsächlichen und greifbaren Aus­wirkungen weit über einen wirtschaftlichen Kon­sultativpakt der beteiligten Staaten hinausgehen wird.

Abgesehen von der holländischen Oslo-Initiative, deren weiteres Schicksal sich eben noch nicht so ohne weiteres voraussagen läßt, macht sich in Hol­land in letzter Zeit auch in anderer Beziehung eine erhöhte Aktivität auf wirtschaftspolitischem Gebiet bemerkbar. Durch die Abwertung des Gul­dens ist Holland in mancher Hinsicht auf dem Weltmarkt konkurrenzfähiger geworden, das zeigt sich z. B. in den erhöhten Ausfuhrzahlen der hol­ländischen Elektroindustrie. Um nun der hol­ländischen Industrie, die jahrelang ihre Absatzmög­lichkeiten im Auslande immer mehr, schwinden sah, neue Verkaufsmöglichkeiten zu schaffen, ist eine Reihe von Bemühungen im Gange. Eine hollän- dische Wirtschaftsabordnung hat kürzlich in Ankara einen holländisch-türkischen Kompen­sationsvertrag abgeschlossen, laut welchem Holland an die Türkei Erzeugnisse seiner Elektro- und Radio-Industrie liefert und den Ausbau meh­rerer türkischer Häsen übernimmt, wogegen die Tür­kei an Holland Getreide liefert. Dieselbe Wirtschatts- abordnung wird sich auch in die Hauptstädte der Balkan st aalen begeben, um dort ebenfalls die Möglichkeiten für die Ausfuhr holländischer Jn- dustrieerzeugnisse zu untersuchen. Mit dem gleichen Ziel hat sich eine holländische Wirtschaftsabordnung am 18. Februar nach Südamerika begeben, wo mit den Regierungen von Argentinien, Brasi­lien, Chile und Uruguay Verhandlungen geführt werden sollen. Um dieser Abordnung' auch nach außen hin das nötige Ansehen zu verschaffen, wurde dem Abordnungsleiter, dem Staatsminister und Gouverneur von Südholland, Dr. van Karne - b e e f, für die Dauer der Reife der Titel eines außerordentlichen Botschafters der Königin ver- liehen. Don diesen Unterhandlungen mit den süd­amerikanischen Staaten verspricht man sich beson­ders viel. Die Blätter weisen darauf hin, daß der Warenaustausch mit Südamerika für Holland eines