Nr. 29 Drittes Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, 4. Zebruar 1957
Aus der Provinziathauptstadt.
Brennende Steine.
Nur wenige Tage noch und man wird uns überall auf den Straßen und Plätzen zierlichen, blanken Bernsteinschmuck in der Form kleiner Eichenblättchen und vierblättrigen Klees anbieten. Es sind die Februar-Abzeichen des Deutschen Winterhilfswerks.
Millionen Hände werden nach dem Bernstein greifen, von dem die Sage zu berichten wußte, daß in ihm geheimnisvolle Kräfte schlummern. Bor Krankheiten sollen die goldgelben Bernsteine ebenso schützen, wie vor Dämonen und vor dem „bösen Blick". So kann es nicht verwundern, daß dieser Wunderstein vor vielen tausend Jahren schon begehrt war.
Aber nicht nur die Angst und der Aberglauben werden bei der Verbreitung des Bernsteins eine Rolle gespielt haben. Auch die Freude und der Wille, sich zu schmücken, förderte den Absatz des „nordischen Goldes". Denn dieses „Gold" wurde nur im Norden, an der Nordsee- und Ostseeküste Germaniens, dem Meere abgerungen.
Diese Bernsteingewinnung hat unseren Ahnen einst viel Reichtum gebracht. Denn sie tauschten gegen Bernstein Kupfer ein, das aus Ungarn, aus den Alpenvorländern und aus Spanien kam, aber auch Zinn, das vom Süden und vom Westen her aus Irland eingeführt wurde. Kupfer und Zinn waren zur Herstellung der Bronze für Waffen, Geräte und Gefäße unerläßlich. Ein ganzes Zeitalter wurde nach diesem wertvollen Stoff das „Bronzezeitalter" genannt.
Erstaunlich ist, welche hohe Kunst der Verarbeitung von Bernsteinschmuck unsere Vorfahren schon besaßen! Beim Baggern im Haff der Kurischen Nehrung hat man große Bernsteinschätze gefunden. Man sand röhrenförmige Perlen, durchbohrte Knöpfe, Anhänger, die wie kleine Aexte oder Beile, wie Schiffchen, Linsen und Scheiben geformt waren. Auch menschliche Figuren und Köpfe, Nachbildungen von Pferden und Bären, schnitt man schon damals vor 4000 Jahren aus Bernstein.
Bei Laesten in Dänemark fand man ein Holzgesäß mit etwa 4000 bearbeiteten Bernsteinstückchen, die ein Gewicht von 8,5 Kilogramm besaßen. Diesen Bernsteinfund schätzt man sogar auf ein Alter von 5000 Jahren.
Wie erwähnt, fanden diese kunstvoll geschnittenen Bernsteinschmuckstücke, aber auch roher Bernstein Absatz bis nach England, Frankreich, bis nach der Schweiz und Italien. Dort sand man ein Grab, dessen Boden mit Bernsteinperlen ausgelegt war. Zur Zeit der römischen Kaiser war in Italien der Bernstein so „gefragt", daß ein Ritter einen Handelszug ausrüstete, mit ihm nach dem Samland (Ostpreußen) zog und reiche Beute heimführte. Unter ihr befand sich, wie der Geschichtsschreiber Plinius überliefert hat, ein Stück Bernstein, das 13 Pfund wog.
Die Bewohner der Insel Helgoland besaßen so viel Bernstein, daß sie es zum Unterhalten des — Feuers benützten! Denn das ist ja das seltsame an diesen Bernsteinen, daß sie brennen, wenn man sie ins Feuer hält.
Heute werden die „brennenden Steine" nur noch an der Küste Ostpreußens gewonnen. Dort sind auch 14 Millionen Bernsteinabzeichen aus 6 Millionen Baggereimern Rohstein gewonnen und von fleißigen, geschickten Händen geformt worden. Die geheime Kraft des Bernsteins wird sich am 6. und 7. Februar abermals dartun, indem er vielen, vielen deutschen Volksgenossen Freude und Hilfe bringt und somit deutsche Volksgemeinschaft sichtbar macht.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Der Jäger von Fall". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Spiel an Bord". — Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde: 20.15 Uhr: Lichtbilderoortrag von Dr. Poser (Göttingen), in der Neuen Aula über „Grönland und Spitzbergen".
Karneval im Sladttheater Gießen.
Aus dem Büro des Gießener Stadttheaters wird uns geschrieben: Auch in diesem Jahre steht der Spielplan der kommenden Tage ganz im Zeichen des Prinzen Karneval. Eröffnet wird das Programm der letzten Karnevalstage am Sonntag, 7. Februar, mit einer lustigen Morgenfeier „Eine Stunde Schmunzeln". Der Intendant Hermann Schultze-Griesheim hat das soeben vollendete neue Spiel des bekannten Autors Heinz
Erfolge derHI. -Heimbeschaffungsaktion im Gau Hessen-Nassau.
Die Gemeinden als vorbildliche Helfer.
NSG. Die Hitlerjugend hat auch im Gau Hessen-' Nassau nicht vergebens die Werbetrommel gerührt, um die Öffentlichkeit auf die dringende Notwendigkeit der Erstellung würdiger Heime aufmerksam zu machen. Die Gliederungen der Partei und die Gemeinden haben sich mit ganzer Kraft an die Lösung der Heimbeschaffungsfrage herangemacht. Man hat nichts unversucht gelassen, um den Bau von Schu- lungs- und Erziehungsstätten der HI. sicherzustellen und so die Heimnot endgültig zu bannen.
Der Bann 81/186 (Frankfurt), der von 80 notwendigen Räumen nur 20 besitzt, meldet ein durch Umbau aus einem Herrschaftshaus gewonnenes HJ.-Heim, die Planung und den Bauanfang eines großen Gebäudes in Höchst, und das Werden von vier großen Heimen durch Umgestaltung in der Martin-Luther-, Franke-, Varrentrapp- und Radilo- schule in Rödelheim.
Der Bann 115 (Darmstadt) weist ein neues schmuckes HJ.-Heim vor, das aus einem ehemaligen Kasino hervorgegangen ist und 19 HJ.-Scharheime bietet.
Der Bann 80 (Wiesbaden) hat es durch weitere Ausgestaltung seines Biebricher Heimes erreicht, daß nun neben Schulungsräumen auch eine Reihe geschmackvoller Heimräume zur Verfügung steht.
Der Bann 288 (Niederwald) kann vom Neubau schöner Heime in Rüdesheim, Oberlahnstein, Kiedrich, Kamp, Bad Schmalbach, Johannisberg, Niederlahnstein, Eltville, Hattenheim, Hallgarten und Kestert berichten.
Der Bann 2 5 3 (Lahntal) hat bereits die Errichtung von Heimen in Limburg (in Verbindung mit der Bann- und Jungbanndienststelle), in Kam- berg, in Diez (Lahn), Niederbrechen und Balduinstein sichergestellt.
Auch der Bann 303 (E s ch e n b u r g) meldet die finanzielle Deckung von Heimen in Dillenburg, Bicken und Beilstein.
Aus dem Westerwald berichtet der Bann 87 (Unterwesterwald) den endgültigen Bau von ausgezeichneten Heimen in Hachenburg, Höhr- Grenzhausen, Deesen, Marienberg und Montabaur.
Aus dem Odenwald teilt der Bann 249 (Odenwald) mit, daß die Gemeinden Lindenfels, Waldmichelbach, Fürth, Biblis und Lampertheim den Bau geschmackvoller Heime beschlossen und schon in Angriff genommen haben. Das Heim in Lindenfels verspricht ein Bau von ganz besonderer Note zu werden. Es enthält eine Ehrenhalle zum Gedenken der für die nationalsozialistische Idee gefallenen Hitlerjungen Christian Crößmann und Peter Frieß.
Lauterbach, Alsfeld und Schotten im B a n n 3 0 4 (Vogelsberg) haben den Bau von allen Dienstansprüchen genügenden HI.-Heimen beschlossen.
Und immer neue Gemeinden, wie Bad Homburg, Kelkheim, Rodheim, Somborn, Ernsthofen, reihen sich an. Schon sind die ersten Arbeiten an den HJ.- Heimen in Seckbach, Mengerskirchen, Dörnigheim, Auerbach und Schönberg begonnen worden, so daß mit ihrer Indienststellung bald gerechnet werden kann.
Es reicht noch nicht aus!
Wie groß aber auch die bisherigen Erfolge sind, so muß doch gesagt werden, daß im Verhältnis zur ungeheuren Zahl der unter der Führung der HI. stehenden Jugendlichen noch viel, viel mehr Heime erstellt werden müssen. Darum trommeln wir weiter: Schafft uns Heime!
Häufig fehlt es auch an der Inneneinrichtung. Da fehlt es an Heimmöbeln, Tischen, Stühlen, Schränken, Lampen, Regalen und Oefen; hier vermißt man noch Gerätschaften und Werkzeuge für den Werkunterricht, ganz zu schweigen von den Radioapparaten, die unerläßlich sind für den Ge- meinschaftsempsang zur „Stunde der jungen Nation", der Morgenfeier und des „Rufs der Jugend".
Darum geht auch der Ruf weiter:
„Zum heim die schöne Einrichtung!"
Stea uwe it „Diogenes" oder „Das Urteil nach dem Augenschein" zur Uraufführung erworben. — Es wirken mit: Diogenes, der mit dem Hund und mit dem Faß: Victor von Gfchrneidler; Philomele, die mit der Eifersucht: Inge Birkmann; Eugenia, die mit dem Ring: Rose Stirl; Axax, der in der Klemme: Peter Schorn; Terxes, der Hund aus Wolle, Lumpen und Draht; Eine Wurstpelle; eine Tonne, eine Lupe, etwas Ungeziefer: im Gefolge des Diogenes. — Bühnenbild: Karl Löffler. Die in eigener Werkstatt hergestellten Kostüme sind angefertigt nach Entwürfen von Sophie Buchner, ausgeführt von Willi E n d r i ch. — Paul Nieren sagt den zweiten lustigen Teil des Vormittags an, in dem Hans Geißler, Wilhelm Greif, die Ballettmeisterin Irmgard Zenner und die Tanzgruppe mitwirken. Kapellmeister Ernst Bräuer hat die musikalische Leitung, Günter Winkel die Gesamtleitung des Vormittags. In Anbetracht der Bedeutung des Tages wurden die Eintrittspreise um ein Geringes erhöht. Für unsere Platzmieter ist der Eintritt wie üblich frei. Die Platzmieter werden gebeten, die Eintrittskarten an der Tageskasse abzuholen, da die Nachfrage für Karten stark eingesetzt hat. Anfang der Morgenoeranstaltung 11.30 Uhr, Ende 12.30 Uhr.
Am Abend findet ein „Großer lustiger Abend" statt. Claire W a l d o f f parodiert, singt, lacht und unsere Mitglieder machen mit. Paul Nieren, der die Gesamtleitung des Abends hat, hat sich ferner die Mitarbeit sämtlicher Kapellmeister, Regisseure, technischer Vorstände, aller Mitglieder der Oper, Operette, des Schauspiels, aller Örchestermitglieder, der Tanzgruppe und des gesamten Chorpersonals gesichert. In einem bunten Reigen, der auf Frohsinn und Fasching eingestellt ist, rollt in wechsel- voller Aufeinanderfolge Musik, Gesang, Humor, Tanz, Wort und Lied ab. Anfang des lustigen Abends 19 Uhr, Ende 21 Uhr.
Am Dienstag, 9. Februar, findet ein „Großer bunter Faschingsabend" statt. „Kampf dem Verdruß" nennt Paul Nieren, der für die Gesamtleitung des Abends verantwortlich zeichnet, diesen
lustigen Faschingsquerschnitt. Gesang, Tanz, Humor und Ueberraschung wechseln ab. Sämtliche Mitglieder des Stadttheaters und „das Publikum" sind Mitwirkende. Um Mißverständnissen entgegenzutreten und Irrtümer aufzuklären, wird schon jetzt darauf hingewiesen, daß es in der Absicht des Theaters und in der Stimmung des Abends liegt, wenn möglichst viele Theaterbesucher bereits im Kostüm im Theater erscheinen, um den farbenprächtigen und bunten Eindruck des Abends zu erhöhen und die Stimmung allein durch äußere Beigaben zu heben. Anfang 20.11 Uhr, Ende 22.30 Uhr.
NSV., Ortsgruppe Mitte.
Vetr.: Kohlenabrechnung am 5. Februar.
Die Kohlenhändler werden ersucht, die Kohlenscheine der Serie D am Freitag, 5. Februar, um 20.30 Uhr, auf unserer Geschäftsstelle (Zigarrenhaus Möser), Eingang Löwengasse, einzureichen. Es wird hiermit darauf hingewiesen, daß die Rückseite der Kohlenscheine außer der Unterschrift des Händlers auch die Unterschrift des Empfängers, dessen Wohnung, Straße und Hausnummer und die genaue Bezeichnung der Kohlensorte, tragen muß. Nach dem 5. Februar eingereichte Scheine sind wertlos.
Winterhilfswerk 1936/37 Ortsgruppe Gießen-Süd.
Kohlenabrechnung.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine der „Serie D" am Freitag, 5 Februar, von 20 Uhr bis 21 Uhr auf unserer Geschäftsstelle, Crednerstraße 24, einzureichen. Später eingereichte Gutscheine werden nicht mehr angenommen.
Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.
Bett. Iugendfilmsiunde.
Die zweite Jugendfilmstunde des Bannes findet am 7. Februar, morgens 11 Uhr, im Lichtspielhaus,
Bahnhofstraße, statt. Es läuft der Film „Der Reiter von Deutsch-Ostafrika." Es nehmen alle Einheiten einschl. Jungvolk und BDM. daran teil. Die bereits erhaltenen Karten werden von den Ein« heilen vor Beginn der Vorstellung abgerechnet.
Deutsche Arbeitsfront.
Belr.: Schaufenster-Wettbewerb.
An dieser Stelle sei nochmals darauf hingewiesen, daß die Anmeldefrist zur Teilnahme am diesjährigen Schaufenster-Wettbewerb am 6. Februar abläuft. Bis zu diesem Zeitpunkt werden noch Anmeldungen bei dem Kreis-Jugendwalter, oder der Kreisbetriebsgemeinschaft Handel in der Deutschen Arbeitsfront, Schanzenstraße 18, zu Gießen angenommen.
Dieser Leistungswettbewerb findet im Rahmen des 4. Reichsberufswettkampfes der deutschen Jugend vom 28. Februar bis 6. März statt. Die Schaufenster müssen bis zum Sonntag, 28. Februar, mittags 12 Uhr, hergerichtet sein und sind auf die Dauer der Wettbewerbswoche so zu belassen.
Heil Hitler!
Kreisbetr.-Gemeinschaft Handel: Heyd Kreisjugendwalter der DAF. gez.: Seipp.
Zungmädel herhören! Zungmävel erzählen im Bundfunk!
„Jungmädel, was hast du erlebt?" Unter diesem Motto führen die Jungmädel mit den deutschen Reichssendern in der Zeit vom 26.1. bis 20. 2. einen großen Rundfunkwettbewerb durch. Bei dem Wettbewerb ist folgende Preisaufgabe gestellt: Jedes Jungmädel soll das schönste Erlebnis, das es in feinem Jungmädeldienst hatte, in Form einer kleinen Erzählung niederschreiben. Dies soll kein Schulaufsatz werden, sondern der Bericht soll so frisch, lebendig und natürlich sein, wie die Jung- mädel selber sind. Was die einzelnen erzählen wollen, ist ihnen vollkommen freigestellt. Die eine hat vielleicht schon den Führer gesehen, und dieser Augenblick ist ihr zum Erlebnis geworden. Eine andere hat einmal einen ganz besonders starken Eindruck bei einer Feierstunde an der Fahne oder am Lagerfeuer von unserer Kameradschaft bekommen, der ihr gezeigt hat, daß unsere Mädelgemeinschaft etwas Großes und Verpflichtendes ist. Oder war nicht einmal ein lustiger Abschiedsabend im Lager mit einem quitschfidelen Lagerzirkus das Schönste und Froheste, was das Mädel erlebte? Oder war es auf Fahrt durch deutsches Land? — So wird jedes IM. sein schönstes Erlebnis bis zum 2 0. Februar an den Reichssender Frankfurt a. M., Eschersheimer Landstraße 33, einsenden. Dort werden die besten Berichte ausgewählt, und die betreffenden Jungmädel dürfen dann innerhalb der Reichssendung ihr schönstes Erlebnis am Funk vorlesen oder erzählen.
Die Einsendungen müssen den Namen, die genaue Anschrift und das Alter des Jungmädels, außerdem Nummer und Name der zuständigen IM.-Gruppe enthalten.
„Nun zeige jeder, was er kann, los und ran!"
Die öcutfdie Rrbeitdfront 7^ vn.3.=Gemeinf(hah „firaft durch Freude"
Amt Feierabend.
Vorstellung am 13. Februar im Gießener Stadttheater. Am Samstag, 13. Febr., bringen wir als 11. Sondervorstellung im Stadttheater Gießen das spannende, zeitgemäße Schauspiel „Wasser für Canitoga" von Georg Turner. Die Eintrittspreise betragen 70 und 90 Pfennig.
Hinein ins bunte Masken« treiben mit vollem Sprung. N. B. (Wenn der Schaumwein knallt, springt cs sich noch ein« mal so gut!)
SCHAUMWEIN
Wunder der Wintererde.
Don WiN Scheller.
Allenthalben spürt die Welt, daß die Sonne begonnen hat, ihrem Licht ein längeres Verweilen am Himmel — der des Nachts mit weißem Mond und taufend Sternen über frostglitzernden Gärten steht — tagsüber zu erlauben. Noch ist die Sicht, Hügelketten und Waldkuppen entgegen, leicht verschleiert, aber die Bläue durchdringt schon das Grau der kalten Zeit, und die Wege ins Land hinein, die frühmorgens, erstarrt, weiß vom Reif schimmern, sind weich geworden um Mittag, und der Wanderer hält sich an ihrem Rand, wo die fahle Grasnarbe den Schritt ein wenig sichert.
Das Schweinen, das von der Blässe des Waldes und von der Leere der Aecker ausgeht, hat etwas Feierliches — es ist, als wäre alles ringsum zu einem ungebauten doch geträumten Dorn geworden, in dem sogleich die heilige Handlung beginnen wird. Nun, da der Pfad sich senkt, steigt der Acker hoch, und der Blick des Menschen staunt über die dunkle, in leichten Wellen bergan sich hebende, braune Fläche hin, die, von regelmäßigen Furchen durchzogen, dennoch als ein Gebilde erscheint, in dem kein kleinster Teil einem anderen gleicht. Gebirgsketten türmen sich hinter- und nebeneinander von Tälern getrennt, und ein Erinnern blüht auf wie der erste Anblick der Karte eines Gestirns, auf dem auch aus dem scheinbar Regelmäßigen der Gliederung eine unendliche Vielfalt redete, damals.
Stumm indessen ist solche Sprache, sie kennt keine Lautlehre und keine Grammatik, aber in dieser Stummheit des aufgebrochenen Ackers wuchert mehr, als Menschenworte fassen: aus der tiefen urhaften Ruhe der Wintererde, die das Bewußtsein des Wandernden wie der Schlaf einer überirdischen Gewalt umspinnt, spricht ein Geheimnis, das, würde es laut, in solchem Donnern sich verkündete, daß, wer es vernähme, nichts mehr hören könnte hinfur. Darum schweigt die Erde, weil der Mensch nicht gemacht ist, ihre Stimme zu ertragen: er wittert ihre Wunder eben im Vorübergehen, und er tut
gut, nicht zu lange stehen zu bleiben und über die Weite des Ackers zu schauen — an dessen oberen Ende ganz fern wie ein zerbrechliches Spielzeug eine Egge aufragt, die Zinken seitwärts gespreizt —, denn es könnte ihm sonst begegnen, daß er nachher den Zugang suchen mühte zu der kleinen, engen Welt, aus der er kam.
Der Acker in seiner nackten wortlosen Fülle der Nacht ist, hat er einmal den Blick gefangen, so groß, daß alles andere zu versinken anhebt: ein Zauber wirkt in ihm, seit der erste Mensch die Scholle brach, und was die Alten aus geworfenen Stäben ahnten — keiner deutete je es ganz —, lebt in ihm fort, zeitlos, um einst im frühen Herbst, aus dem Goldgewog des Aehrengefilds zu rauschen, ein unvergängliches Lied, wie Gott es fingen, leise vor sich hin/summen mag über der reifenden Welt.
Das Geheimnis der Wiederkehr ist es, das den Menschen, so er im Winter übers Land geht, aus dem weiten Schweigen der dunklen Erde anraunt. Er spürt in der Bewegung seines Herzens, wie ein Ungeheueres und Ungeformtes aus den Gründen und Abgründen der Ackerfurchen aufsteigt, das eher war, als die Welt wurde, und nun ihn umwebt, der hier von ungefähr vorüberschreitet, und wie es ihn anzieht und im Gefühl eines geheimnisvollen Zusammenhanges und Jneinandersems dem zu entrücken trachtet, was sonst als Wirklichkeit um ihn ist: und so kommt es, daß er, von der Bewegung seines Herzens fast geängstigt, weiterwandert und beinahe froh ist, zu bemerken, wie aus dem Nachbarfeld grüne Spitzen schon sich ans Licht trauen und einen leichten Flor über den braunen Untergrund gesponnen haben.
Ja, und nun werden im Widerhall des nahenden Waldes menschliche Stimmen laut, ihr wirres Rufen tönt lärmfroh von der Freude am zarten Grün hier und dort und an dem Blau, das über der Welt sich wölbt, und, aufgeschreckt von solchem Einbruch in die Winterstille, bricht ein Hase, hellbraun und grau, zwischen den Schollen auf und hoppelt in langen Sätzen davon, duckt sich auf einmal und ist verschwunden. Dort drüben aber, wo das erste Grün besonders kräftig aus dem Boden zu treiben scheint, sammelt sich mit ausgelassenem Krächzen
eine schwarze Schar großer Vögel, die nun auf dem lenzlichen Geviert spazieren gehen oder zusammenhocken wie zu Beginn eines wichtigen Palavers.
Ja, die Sonne, das merken sie alle, die Pflanzenkeime, die Vögel und die Menschen, verweilt jetzt schon ein wenig länger am Himmel droben, und ein Blick nur, der — noch einmal — aufmerksam Abschied nehmend über den dunklen Acker schweift, erkennt, daß die Erdschollen, wo sie nordwärts eine Fläche bieten, noch immer weißlich schimmern, angehaucht vom Frost der Winternacht mit weißem Mond und tausend Sternen.
Konsultation auf dem Postamt.
Wenn man sich Mühe gibt, wird man sich vorstellen können, daß auch eine Postangestellte, die an einem Schalter Briefmarken verkauft, einmal — ganz privat — magenkrank werden kann und zum Arzt geht. Aber es ist nun einmal so, daß man geneigt ist, einen Menschen, der hinter einem Schalter sitzt, für ein Wesen anzusehen, das so menschliche Dinge gar nicht antasten können ... Jedenfalls weiß ich, daß ich es ganz und gar erstaunlch fand, was ich neulich vor einem Postschalter erlebte ...
Ein Herr trat an den Nebenschalter links von mir, verlangte zwei Briefmarken zu 12 und sagte dann wie nebenbei: „Nun, wie geht's Ihnen denn? Besser? Zeigen Sie mal Ihre Zunge."
Die Dame hinter dem Schalter, also angesprochen, — offenbar doch von ihrem Arzt, der hier Briefmarken kaufen kam — die Dame erschrak nicht weniger als ich.
„Aber, Herr Doktor", lächelte sie, und gab ihm die zwei Briefmarken zu 12, „hier kann ich Ihnen doch nicht meine Zunge zeigen!"
Er nahm die Briefmarken. „Ach", sagte er, „nun zeigen Sie schon!"
Und siehe da, — es war niemand außer mir (und dem Arzt) auf dem Postamt — schwupp, kam ihr die Zunge zum Mund herausgefahren und hielt.
„Na, sehen Sie", sagte der Arzt, „sieht doch
tadellos aus" — und hatte im Handumdrehen an ihrer Zunge, die sie brav heraushielt, seine Briefmarken angefeuchtet. Wie der Blitz war das gegangen.
Und erst, als die Schrecksekunde vorüber war, die solchen Taten zu folgen pflegt, konnten wir alle drei ein Gelächter lachen, wie es postamtliche Räume sonst wohl selten hören mögen.
Christian Bock.
Zeitschriften.
— „DieKun ft", Monatshefte für Malerei, Plastik und Wohnkultur. 38. Jahrgang, Nr. 5/Februar 1937. Verlag F. Bruckmann A.-G., München. Auch das neue Februarheft bringt eine Fülle interessanter Aufsätze mit ausgezeichneten Bildreproduktionen. Besondere Aufmerksamkeit verdient die farbige Bildtafel „Die Kranzwinderin" von Friedrich Georg Kersting, ferner die ganzseitigen Abbildungen „Die schöne Straßburgerin" von Nicolas de Largil- liere, „Bronzestandbilder vom Grabmal des Kaisers Maximilian I. in der Hofkirche zu Innsbruck" und das Kunstwerk des Monats „Ritter, Mittel- rheinisch, um 1405". Der erste Artikel ist Friedrich Wasmann, dem Nazarener gewidmet. Es folgen: „Fritz Klimfch, neuere Werke"; eine selbstkritische Betrachtung „Zu meinen Bildern" von dem Maler Ernst Haider und eine Abhandlung über den Zeichner und Maler Rudolf Cammisar/Reizvoll ist auch die Wiedergabe von Teilstücken eines neuent- deckten Bildes von Hieronymus Bosch „Das jüngste Gericht". Der zweite Teil des Heftes über moderne Wohnkultur und Kunsthandwerk bringt einen besonders interessanten Artikel über „Das japanische Wohnhaus und die moderne Architektur" von Han- Eckstein mit vielen selten gesehenen Abbildungen. Es folgen die Veröffentlichungen „Ein Wohnhaus am Waldrand von Architektin Lux Guyer, Zürich" von Eduard Vriner, „Neue Schmiedekunst" voO Michael Birkenbihl und „Kleines Landhaus eines Architekten". Ein umfassender Nachrichtenteil beschließt das reichhaltige Heft.


