Deutsche Seefahrer in der Südsee.
Von A. von Gkerst.
Während über die Beteiligung deutscher Forscher ort her Erschließung des australischen Kontinents viel geschrieben ist und Namen wie Dr. Ludwig Leichhardt (nach dem ein Vorort von Sydney benannt ist), Freiherr Ferdinand von Müller, Georg von Neumayer, um nur einige zu nennen, fast jedem Gebildeten geläufig sind, sind die Leistungen deutscher Seefahrer, die zu Anfang des 19. Jahrhunderts unendlich viel für die Erforschung des damals noch wenig bekannten Stillen Ozeans toten, zum größten Teil vergessen worden. Vielleicht liegt das daran, daß diese kühnen Seeleute im Auftrage der russischen Regierung fuhren. Aber obwohl vom Heck der Schiffe die kaiserlich-russische Andreasflagge flatterte, führen baltische Deutsche aus den damals russischen Ostseeprovinzen das Kommando.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte Rußland seine Herrschaft bis an die asiatischen und amerikanischen Gestade des Stillen Ozeans ausgedehnt, von Alaska im Norden bis San Franzisko im Süden erstreckten sich russische Faktoreien. Sowohl die asiatischen als auch die amerikanischen Niederlassungen des Zarenreiches waren für ihren Unterhalt vom Mutterlande abhängig, und meistens zweimal jährlich wurden Kriegsschiffe von der Ostsee um das Kap Horn in den Pazifik geschickt, wobei sie auch rein wissenschaftliche Aufgaben auszuführen hatten. In der Mehrheit der Fälle wurden diese Schiffe von erfahrenen und kühnen deutsch-baltischen Seeoffizieren befehligt.
Im Jahre 1803 wurde von Kaiser Alexander I. dem estländischen Edelmann Adam Johann v. K rufe n ft e r n (geb. 1770, geft. 1846), die erste russische Wellumseglung aufgetragen. Das hierzu bestimmte Geschwader bestand aus den zwei Schiffen „Nadeschda" von 450 Tonnen und „Newa" von 370 To. Die Schiffe liefen im Juli 1803 aus und kehrten im August 1806 nach der vor der Hauptstadt St. Petersburg gelegenen Seefestung Kronstadt zurück. Außer Krusenstern nahmen noch zahlreiche Deutsche als Offiziere, Aerzte und Gelehrte an der Expedition teil. Genannt seien u. a. Freiherr von Bellingshausen, von Romberg, die Doktoren Espenberg, von Langsdorf, Tilesius, Horner und Lab and, die Offiziere von Löwe n ft e r n und von F r i d e r i c i, die Seekadetten Otto und Moritz von Kotzebue, Söhne des in russischen Diensten stehenden Theaterschriftstellers August von Kotzebue (im Jahre 1820 vom Studenten Sand ermordet). Die Expedition erforschte die Marquesas- und die Hawai-Jnseln und die Osterinsel und segelte bann nach Kamtschatka und Alaska, von wo die Rückreise nach Rußland unternommen wurde. Das Ergebnis der Fahrt ist im monumentalen „Atlas de l’Ocean Pacifique" und in einem Bericht Krusensterns niedergelegt, der in die meisten europäischen Sprachen übersetzt wurde.
Im Jahre 1815 wurde auf Befehl des tatkräftigen Gouverneurs von Russisch-Amerika, des gleichfalls deutsch-baltischen Grafen Baranoff, die zur Hawai-Gruppe gehörende Insel Kauai besetzt. Die Expedition auf dem Schiff „Suworoff" wurde geleitet von dem aus Würzburg stammenden Arzt, Scheffer, der in Göttingen studiert hatte und später in den russischen Geheimdienst eintrat. Auf der Jnfel wurden Befestigungen angelegt, selbst auf der größten Insel des Archipels, Oahu, in der Gegend, wo heute sich die Stadt Honolulu befindet, die Flagge der russisch-amerikanischen Kompanie ge
hißt. Die Besetzung dauerte bis 1817 und wurde dann aufgegeben, da Rußland keine neuen, außer den bereits bestehenden Verpflichtungen im Pazifik eingehen wollte.
Im Jahre 1816 beschloß die russische Regierung wieder eine Expedition nach dem Stillen Ozean auszuschicken. Zum Leiter wurde, auf Empfehlung Krusensterns, der damals erst 28jährige Marineleutnant Otto von Kotzebue, der als Seekadett die erste russische Weltumseglung mitgemacht hatte, berufen. Kotzebue war in Reval geboren und später auf dem Gut Mäks in Estland ansässig. Mit dem ihm zur Verfügung gestellten, nur 180 To. großen Schiff „Rurik" fuhr Kotzebue um das Kap Horn und dann über die Oster-Insel, die Paumotu- Gruppe nach der Beringstraße im hohen Norden, wo der nach ihm benannte Kotzebue-Sund entdeckt wurde. Auf her Rückreise wurden die Radak-Jnseln im Marschall-Archipel erforscht. In seinem Vorwort zum Reisebericht von Kotzebue schrieb Krusenstern, daß Kotzebue einen so urierschrockenen Mut und eine so große Beharrlichkeit, verbunden mit vollendeter seemännischer Gewandtheit gezeigt hatte, daß er in dieser Hinsicht wohl dem berühmten englischen Seefahrer Fl i n d e r s an die Seite gestellt werden könnte.
Auf seiner Fahrt wurde Kotzebue von dem bekannten deutschen Dichter Adelbert von Cha- misso, dem Verfasser des „Peter Schlemihl", als offiziellem Naturforscher, dem Zoologen Dr. Esch- Holz und dem deutschen Maler Choris begleitet. 1818 kehrte die Expedition um das Kap der guten Hoffnung nach Kronstadt zurück.
Kotzebue unternahm eine zweite Weltreise mit dem russischen Schiff „Predpritjatie", in deren Verlauf bis dahin unbekannte Inseln im Marschall- Archipel, die Bellingshausen-Jnseln u. a. entdeckt wurden. In seiner Begleitung waren die Deutschen: Pfeiffer, von Moller, Graf Heyden, von Siegwald, Eschholz, Preuß, Lenz und Hoffmann.
Der berühmteste aller deutsch-baltischen Seefahrer war Fabian Gottlieb Freiherr von Bellings- Hausen (1778 bis 1852). Er war auf der Insel Oesel geboren und hatte bereits als Leutnant zur See die Weltumseglung unter dem Kommando von Krusenstern mitgemacht. 1819 wurde er zum Leiter einer russischen Expedition ernannt, die Forschungen in der Südsee und eine Umsegelung des antarktischen Kontingents ausführen sollte. Wie sehr er sich dabei bewährt hat, ersieht man aus dem Urteil britischer Fachbücher, in denen offen zugegeben wird, daß, wenn England keinen größeren Seefahrer als Kapt. Cook hervorgebracht hat, der Name von Bellingshaufen unmittelbar nach demjenigen von Cook zu nennen fei.
Don den vier im Jahre 1819 nach dem Pazifik ausgesandten Schiffen waren zwei, die Korvette „Wostok" und das kleinere Schiff „Mirny" unter das Kommando von Bellingshausen gestellt. Sie trafen Ende 1819 über Teneriffa und Rio de Janeiro in Südgeorgien ein und entdeckten einige der Süd-Sandwich-Jnseln. Don hier aus legten sie sich auf einen östlichen Kurs und vollführten die erste und einzige russische Umseglung der Antarktis, wobei ihre Route durchweg südlicher als diejenige von Cook lag. Decks und Takelagen waren über und über mit Eis und Schnee bedeckt, schwere Seen brachen über die Schiffe ein, und Bellingshausen fürchtete, daß sie dem ungeheuren Anprall
der Wellen nicht würden standhalten können. Als die Vorräte zur Neige gingen, wurde gezwungenermaßen der Kurs auf Sydney genommen, wo die Ankunft der Schiffe durch Earl Bathurst dem Gouverneur Macquarie angezeigt worden war. Der „Wostok" traf in Sydney am 29. März 1820 ein. Gouverneur und Bevölkerung der damals etwa 15 000 Einwohner, darunter 2000 Sträflinge, zählenden Stadt taten ihr Bestes, um Offizieren und Mannschaften den Aufenthalt so angenehm wie nur möglich zu gestalten. Nach gründlichen Reparaturen und einer Entdeckungsfahrt nach dem Paumotu- Archipel und Tahiti, kehrten die Schiffe von Bellingshausen wieder nach Sydney zurück und verließen die gastliche Stadt endgültig am 11. November 1820. Laut dem offiziellen Bericht des Gouverneurs Macquarie nach London wurde dem Geschwader die größte Aufmerksamkeit erwiesen.
Von Sydney ging es nach der südlich von Tasmanien gelegenen einsamen Macquarie-Jnsel, damals Stützpunkt der Jäger auf See-Elefanten. Für drei Flaschen Rum (zu der Zeit gangbarste Wahrung auch in Neusüdwales) wurde ein Exemplar des seither ausgestorbenen nichtfliegenden Papageis, des südlichsten Vertreters dieser Vogelart, erstanden und später einem Museum in St. Petersburg übergeben. Die Weiterfahrt erfolgte südlich von Neuseeland, wobei am Neujahrstage von 1821 fast der 70. südliche Breitengrad erreicht wurde. Von Südgeorgien ging es heimwärts, und die Schiffe kehrten am 5. Juli 1821 wieder nach Kronstadt zurück. Bellingshausen nahm 1828 am Türkenkriege teil, kommandierte als Vizeadmiral die russische Ostseeflotte und starb 1852 als Admiral und Gouverneur der Festung Kronstadt, wo ihm 1869 ein Denkmal errichtet wurde. Der Bericht über feine Expedition wurde 1831 veröffentlicht.
Bellingshausens Bedeutung liegt nicht nur in seiner epochemachenden Umseglung des Südpols, sondern weil er auch nachweisen konnte, daß es südlich des 60. Breitengrades eisfreies Meer gibt. Seine Tat zeugte von deutscher Tüchtigkeit, Ausdauer und deutschem Wagemut, Eigenschaften, die das baltische Deutschtum stets ausgezeichnet haben.
Die letzten Besuche russischer, von baltischen Deutschen kommandierter Kriegsschiffe in der Süüsee, die in den australischen Annalen erwähnt werden (eine mustergültige Sammlung historischer Urkunden und Berichte über Australien und die Südsee befindet sich im Mitchell-Museum in Sydney, ist die Fahrt des Kapt. Grafen L u e t k e mit dem „Senjawin", wobei die den Namen dieses Schiffes tragende Gruppe in den Karolinen im Jahre 1826 entdeckt wurde, sowie der Besuch der Schiffe „Krotzky" und „Helena" unter dem Kommando von Kapt. von Hagemeister in Sydney im Jahre 1829. Gouverneur Darling von Neusüd- wales hat in seinem, Bericht den Besuchern ein ausgezeichnetes Führungszeugnis ausgestellt. Das Ziel aller dieser Schiffe waren die russischen Besitzungen in Nordasien und Nordamerika.
Die Lektüre der Berichte dieser deutsch-baltischen Seefahrer, die in Originalausgaben in verschiedenen Sprachen in Sydney aufbewahrt werden, ist heute noch von besonderem Reiz und Interesse, nicht nur für Fachleute und Wissenschaftler.
Zeitschriften.
— „Die Kun st", Monatshefte für Malerei, Plastik und Wohnkultur, 39. Jahrgang. (Verlag F. Bruckmann, München). Im Novemberheft weist Ullrich Christoffel auf Schnorr von Carolsfeld als Meister der Form und des Stils hin. Der Aufsatz ist mit einigen der entzückendsten Schöpfungen Schnorrs bebildert. Zu der Wiedergabe des Leibl- Bildniffes von Frau Roßner läßt Emil Waldmann
einen Brief Seibis an Kommerzienrat Roßner lesen. Von dem Schöpfer bedeutender Ehrenmäler, Rich. Kuöhl, bringt das Heft Abbildungen einiger Arbeiten des Künstlers, dessen Werdegang Dr. Rudolf Schmidt aufzeichnet. Gemälde des norwegischen Künstlers Einar Berger, und einige köstliche Proben aus her Romantik-Ausstellung des Kabinetts Franke in München verdanken wir ebenfalls Ullrich Christoffel. Der erste Teil bringt außerdem den Modellentwurf des Stadions in Nürnberg, von Professor Speer und eine interessante Auswahl aus der Sammlung heutiger chinesischer Malerei des Botschafters Trautmann. Im zweiten Teil hat man einen großen Platz den architektonischen Schöpfungen von Hans Volkart, Stuttgart, eingeräumt. Geschmackvolle Arbeiten des Möbelhauses Gleiser, Berlin, Erzeugnisse der Berliner Goldschmiedewerkstatt Wilm und der Handweberei Hablik - Lindemann, Itzehoe, runden das Heft ab.
Kleine Strafkammer Gießen.
Der L. L. und der Th. D., beide aus München, hatten vorn Amtsgericht Gießen wegen falscher Anschuldigung eine Strafe von einem Monat Gefängnis bzw. 50 RM. Geldstrafe erhalten. Gegen dieses Urteil legten sie Berufung ein, die vor her Kleinen Strafkammer verhandelt wurde.
Die beiden Angeklagten waren mit noch drei -anderen als Reisende für eine Münchener Firma im Friedberger Bezirk tätig. In jener Zeit wurde ein Mädchen aus Utphe in einem Kraftwagen entführt. Da die Reisenden sich damals in der Gegend aufhielten, geriet einer von ihnen, dessen Route durch das Dorf führte, in den Verdacht der Täterschaft. Bei einer gemeinschaftlichen Unterredung zwischen den Fünfen, die in einem Gießener Lokal stattfand, stellte, sich jedoch einwandfrei heraus, daß der zunächst Verdächtigte nicht der Täter gewesen sein konnte. Trotzdem brachte es der erste Angeklagte fertig, eine Anzeige gegen diesen bei her Gendarmerie zu erstatten, die er dem zweiten Angeklagten in hie Maschine diktierte. Da die Haltlosigkeit dieser Beschuldigung sich bald herausstellte, wurde das jetzt anhängige Verfahren wegen falscher Anschuldigung gegen die Beiden eingeleitet. E» tauchte dabei sogar der Verdacht auf, daß die beiden Angeklagten die Täter seien und die Anzeige nur deshalb in Szene gesetzt hätten, um den Verdacht von sich abzuwälzen. Dies wurde jedoch von den beiden auf das entschiedenste in Abrede gestellt.
Auch in der Hauptverhandlung behaupteten dis Angeklagten, die Anzeige nur deshalb erstattet zu haben, roeU sie von der Schuld des anderen überzeugt gewesen seien. Die Beweisaufnahme ergab eindeutig, daß ihnen die Unrichtigkeit ihrer Anzeige ganz genau bekannt gewesen sein mußte. Trotzdem hielt das Gericht auch bei dem ersten Angeklagten eine Geldstrafe für ausreichend und erkannte statt der Gefängnisstrafe von einem Monat auf eine Geldstrafe von 100 R M., die Berufung des zweiten Angeklagten wurde zurückgewiesen.
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