verdient. Ais die Reichsregierung Mitte November 1936 die im Versailler Vertrag enthaltenen Bestimmungen über die Wasserstraßen auf Reichs- aebieten kündigte, teilte sie u. a. mit, daß die Schifffahrt auf den auf deutschem Gebiete befindlichen Wasserstraßen den Schiffen aller mit dem Deutschen Reich in Frieden lebenden Staaten offensteht: „Es findet kein Unterschied in der Behandlung deutscher und fremder Schiffe statt." Deutschland sprach auch seine Verhandlungsbereitschaft zur Erörterung gemeinsamer Fragen aus und die Schweiz hatte keinen Grund, für ihre Rheinschifsahrt irgendwelche Nachteile zu befürchten. Wenn aber angesichts dieser Sachlage in der Westschweiz und in Frankreich gewisse Kreise mit der völlig unbegründeten Behauptung, „der Rhein sei nicht mehr frei" dafür eintreten, daß die Rhone die Rolle des Rheins zu übernehmen habe, so handelt es sich hier um einen tendenziösen Vorschlag, dessen wahre Absichten nur allzu deullich sind. Mitte Mai legte Bürgermeister und Kammerpräsident 5) e r r i o t der Lyoner Handelskammer bereits die Entwürfe des französischen Ministers für öffentliche Arbeiten über den Ausbau der Verkehrswege zwischen der Schweiz und dem Mittelmeer vor. In einer Entschließung wurde auf das ganz besondere Interesse hingewiesen, das die Schweiz nach Aufkündigung der Schiffahrtsklauseln des Versailler Vertrages an dieser Frage habe, und der Auffassung Ausdruck gegeben, daß der Zugang zum Mittelmeer jetzt erleichtert werden könnte durch die Schaffung eines gemischten Regimes, Eisenbahn- und Schiffsverkehr, mit dem Lyoner Jndustriehafen, wo eine Freizone errichtet würde, als „Transithafen".
Hier ist die französische Propaganda am Werke, um die schweizerische Unterstützung für ein Unternehmen zu erhalten, das überwiegend den Interessen Frankreichs dienstbar gemacht werden soll. Bekanntlich ist die Rhone nicht internationalisiert im Sinne der Freiheit der Schiffahrt auf dem Rheine. Ein französisches Gesetz verbietet ausländischen Schiffen, Güter von einem französischen zu einem anderen französischen Hafen zu befördern, so daß sich die schweizerischen Schiffe wesentliche Einschränkungen auferlegen müßten und damit die Wirtschaftlichkeit des Schiffahrtsbetnebes gefährdet würde. Der französische Plan, in Lyon einen Freihafen für die Schweiz zu errichten, ist somit von sehr untergeordneter Bedeutung. Er wurde auch vom Vorstand des „Vereins für die Schiffahrt auf dem Oberrhein" in Basel abgelehnt. Tatsächlich legt Frankreich größeren Wert auf den Ausbau der Wasserkräfte der Rhone, der nur Stückwerk bleiben müßte, wenn nicht die Abflußregulierung des Genfer Sees und die notwendigen Vorarbeiten an der 18-Kilometer-Flußstrecke auf schweizerischem Boden durchgeführt werden. Die Schweiz betrachtet dagegen das Rhone-Projekt unter dem Gesichtswinkel der Schiffbarmachung, die die Errichtung zahlreicher Schleusen auch auf französischem Gebiete erfordert. Die maßgebenden Wirtschafts- und Finanzkreise der Eidgenossenschaft sind nicht gewillt, jenen Tendenzen Vorschub zu leisten, die das Thema „Rhein oder Rhone" nur vom einseitigen Standpunkt Frankreichs aus beurteilen. Der Rhein ist und bleibt für die Schweiz die wichtigste Zufahrtsstraße zum Weltmeer.
Oer Schweizer Nationalfeiertag.
Bern, 1. Aug. (DNB.) Der nationale Feiertag der Schweiz, der 1. August, wurde im ganzen Lande in herkömmlicher Weise mit Glockengeläut und festlich begangen. Mehrere Bundesräte hielten Ansprachen. Bundespräsident Motta, der Vorsteher des eidgenössischen politischen Departements, sprach zu Auslandsschweizern. Er betonte unter Hinweis auf die gegenwärtige Lage die Notwendigkeit der bedingungslosen Landesverteidigung. Der Grundsatz der Neutralität beherrsche die gesamte auswärtige Politik der Schweiz und sei für sie eine Lebensnotwendigkeit. Die Erfahrung der letzten Jahre zwinge das Land, die Maxime der Neutralität selbst dem Völkerbund gegenüber zu behaupten. — In Giornico im Kanton Tessin wurde zur Erinnerung an die im Jahre 1478 stattgefundene Befreiungsschlacht für die italienische Schweiz ein Denkmal eingeweiht. Bundesrat Motta hielt bei diesem Anlaß eine Rede.
Chinesische Gegenaktion.
In Tokio wird „endgültige Klärung" verlangt.
Tokio, 3. Aug. (DNB. Funkspruch.) Die Agentur Domei meldet eine steigende Aktivität
Oer Jubel um den Führer in Breslau.
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Etwa eine halbe Million Menschen, darunter über 30 000 auslandsdeutsche Sänger und Sängerinnen, erlebten am Sonntag während des 12. Deutschen Sängerbundesfestes in. Breslau die große Verbundenheit aller Deutschen. Während des Vorbeimarsches streckten sich dem Führer immer wieder viele tausend Hände jubelnd entgegen. — (Presse-Bild-Zentrale-M.)
der chinesischen Truppen südlich der Bahnlinie Peiping—Tientsin und eine Konzentrierung der chinesischen Luftstreitkräfte. Das Erscheinen eines chinesischen Fliegers über Tientsin wird als Vorbereitung eines chinesischen Luftangriffs auf das Hauptquartier der japanischen Nord- China-Armee angesehen. Die japanische Presse fordert energische Militäraktionen gegen die die Bahn Peiping—Tientsin bedrohende chinesische Zentralarmee. Im Reichstag wurde ein Antrag eingebracht, in dem gefordert wird, das Verhältnis zu China, gestützt auf die militärische Kraft Japans, endgültig zu klären. Eine Teillösung wird grundsätzlich abgelehnt.
Das Hauptquartier der japanischen Nordchina- Garnison meldet eine erfolgreiche Säuberungsaktion gegen die versprengten Reste der 29. Armee im Gebiet von Peiping und Tientsin. Rund 3000 Mann der 39. Brigade der 29. Armee haben s i ch kampflos ergeben. Nach Meldungen des Hauptquartiers belaufen sich die Verluste auf japanischer Seite während der Kämpfe bei Tungtschau auf 278 Tote.
Amerika beharrt beim vermittelnden Kurs.
Washington, 2. Aug. (DNB.) Mitglieder des Parlaments hatten Präsident Roosevelt aufgefordert, die Neutralitätsbestimmungen im Fernoft-Konflikt fofortin Kraftzu setzen. Der Sprecher der Regierung im Bundessenat, Senator Lewis, erklärte, daß, wenn die Regierung auf diese Forderung einginge, Amerika innerhalb von einer Stunde mit Japan ober China oder mit beiden Staaten in Krieg verwickelt sein könnte. Die Verwirklichung dieser Forderung würde bedeuten, daß Amerika beide Nationen als miteinander im Kriege befindlich erkläre. Beide Nationen hätten dann aber das Recht, die Handelsschiffe der Vereinigten Staaten zu beschlagnahmen mit der Begründung, daß sie den Gegner mit Konterbande beliefer- t e n. Der Präsident der Vereinigten Staaten müsse
frei Hand haben, um weiterhin in vermittelndem Sinne auf die kriegführenden Parteien einwirken zu können.
Gianley Baldwin.
Am 3'August hat der englische Erstminister Stanley Baldwin, jetzt Lord of Bewdley, seinen 70. Geburtstag gefeiert. Er ist durch ein eigenartiges psychologisches Zusammenspiel ein echter Vertrauensmann des englischen Volkes geworden, wie sich noch bei seinem letzten großen Werk, der Lösung der Königskrisis im Dezember 1936, gezeigt hat. Die Eigenart dieses Zusammenspiels beruht darin, daß er der traditionsgesättigte, öom künstlerischen Empfinden beseelte, zu den Höhepunkten klassischer Bildung gereifte und humorvolle Mann auch zugleich der Mann „mit der Ruhe" war. Diese (scheinbar) neroenlose Ruhe hat auch ihr Symbol gefunden, das von den Karikaturisten geschaffen wurde: Die ewige Shag-Pfeife und der leicht saloppe Anzug. Wir sprachen eben von einem „eigenartigen psychologischen Zusammenspiel", das diesen Mann zum Sprecher seines Volkes gemacht hat. Viel mehr als es der Normalengländer zugeben will, waren Krieg und Nachkriegszeit eine schwere Belastungsprobe für das geruhsame Jnselvolk und so mag es wohl richtig sein, daß die Baldwinsche „Ruhe" den Engländern wie ein unverrückbarer Stern der Hoffnung erschien. Baldwin hat nicht immer glücklich operiert: Seine Kriegsschuldenregelung mit den Vereinigten Staaten war ein Fehlschlag und die Entlassung des Außenministers Sir Samuel Haare, der weiter als das Kabinett und das Unterhaus im abessinischen Konflikt sah, beinahe eine moralische Belastung. Aber seine „Ruhe" führte Baldwin immer über solche Zwischenspiele hinweg. Und mit seinem Namen bleiben unauflöslich verbunden: Die Niederschlagung des englischen Generalstreiks 1926, die Beendigung des Bergarbeiterstreiks, die Bildung der National- regierung 1931 und die Lösung der Krönungskrise. Und doch war es vielleicht nicht die Ruhe allein, die ihn trug, sondern daß er ganz und gar und
bis ins Letzte Sohn feines Volkes war und darum in seinen Reden jenen warmen Ton fand, der die Herzen band. Nach der Krönung Georgs VI. trat er in den Ruhestand. Seine Laufbahn ist aber noch nicht unbedingt beendet.
Kameradschaft der Reichspofi.
Der Reichspostminister spricht zu 10000 Gefolgschaftsmitgliedern in Koblenz.
10 000 Arbeiter, Angestellte und Beamte aus den Direktionsbezirken Frankfurt a. M., Koblenz, Aachen, Köln, Düsseldorf, Saarpfalz, Trier und Speyer der Deutschen Reichspost trafen sich Sonntagmittag in Koblenz am Deutschen Eck, um ein lebendiges Zeugnis herzlicher Betriebskamerad, schäft abzulegen. Auf dem Denkmalsvorplatz, den Freitreppen und der Denkmalsbrüstung hatten Abteilungen des Postschutzes, Postbeamte in blauer Uniform mit den Fahnen der DAF. und Frauen und Männer des Postsports in Turnkleidung Auf- ftellung genommen. Reichspostrninister NSKK.. Gruppenführer Dr. Ohnesorge schilderte an treffenden Beispielen, wie sich durch unseren Führer und seine Bewegung der Begriff der Masse gewandelt habe. Der Führer habe diesen Begriff seines einstigen Schreckens entkleidet und eine kühne und von starkem Willen getragene Gemeinschaft zum Siege geführt. Die Geistlosigkeit, die die unvermeid- liche Begleiterscheinung im Zeitalter der Technik und der Maschine zu sein schien, habe vor dem kühnen Geist und der Kraft Adolf Hitlers die Segel streichen müssen. So habe im Nationalsozialismus die maschinelle und technische Epoche ihre Umprä. gung zu einem glücklichen Aufstieg in einer geeinten starken Volksgemeinschaft erfuhren. Wenn er die Entwickelung im Kameradschaftsleben der Reichs« poft in den letzten vier Jahren überblicke, fo erscheine es ihm nicht vermessen, den heutigen Tag als den Beginn einer neuen Periode deutschen Ge- meinschaftslebens auffassen zu können. Der Mini- ster gab seiner Hoffnung Ausdruck, daß dieses Bei- spiel Nachahmung finden möge. — Abends fanden sich die Postarbeiter, -angestellten und -beamten zu frohen Kameradschaftsabenden in verschiedenen Sälen der Stadt zusammen.
Vesörderungen in der Wehrmacht
Berlin, 2. Aug. (DNB.) Der Führer und Reichskanzler hat mit Wirkung vom 1. August 1937 befördert: im Heer: zum General der Artillerie den Generalleutnant Keitel, Chef des Wehrmachtamtes.
Zu Generalleutnanten: die General« majore: Freiherr von Biegeleben, Höherer Kavallerieoffizier; Beyer, Kommandeur der 14. Division; Haase, Kommandeur der 17. Division; ß e e b , Kommandeur der 15. Division; Köst« r i n a, Militärattache bei der deutschen Botschaft in Moskau; von Falkenhorst, Kommandeur der 21. Division.
Zu Genercrlmajoren: die Obersten: Rit« ter von Speck, Kommandeur des Artillerie- Regiments 10; Fahrmbacher, Abteilungschef im Reichskriegsministerium; Böttcher, Kommandeur des Infanterie-Regiments 30; Dr. Speich, Inspekteur der Westbefestigungen; von Kortz« fleisch, Kommandeur des Infanterie-Regiments 3; von Briefen, Kommandeur des Infanterie- Regiments 69; von Salmuth, Chef des Generalstabes des IV. Armeekorps; Hansen, Abteilungschef , im Generalstabe des Heeres; Brand, Kommandeur des Artillerie-Regiments 12.
Zu Obersten: die Oberstleutnante: Mein» hold, im Infanterie-Regiment 50; Fischer, im Infanterie-Regiment 46; Schwartz, im Reichskriegsministerium; Rauch, im Infanterie-Regiment 1; Kühn, im Infanterie-Regiment 18; Dörffler, im Stabe des Generalkommandos des XII. Armeekorps; Fischer, im Infanterie-Regiment 57; Kessel, Jnfanterie-Gerät-Jnspektion (A) 1; Wilke, im Stab des Generalkommandos des VIII. Armeekorps; Zahn, im Infanterie-Regiment 119; Haverkamp, im Infanterie-Regiment 63; Siry, Kommandeur des Artillerie-Regiments 15; Trierenberg, im Generalstab der 16. Division; Birkenbihl; Kommandeur des Pionier- Bataillons 45; Hemmerich, Abteilungschef im Generalstabe des Heeres; Seeger, im Stab des Generalkommandos des V. Armeekorps; Hühner, im Infanterie-Regiment 83; von Schuler, Kommandeur der Panzerabwehrabteilung 5; Sch erbe n i n g, im Infanterie-Regiment 54; Sümmer-
Das Wieder- Daheim -Weh.
Von Nikolaus Knobel.
Der Herr Direktor, der Herr Lehrer, der Herr Bürovorsteher, — sie haben natürlich recht: man kann nicht immerzu im Strandkorb sitzen, man kann nicht das ganze Jahr hindurch nur an Bächlein entlang wandern, man kann nicht fein Leben im „Goldenen Lamm" verbringen. Wir hören das mit ebenfo sonnenverbrannten wie sauren Mienen und sehen es ein.
Indessen und trotzdem — es ist eine barbarische Sache, solche Rückkehr aus dem freien Leben in Badeanzug ober Nagelschuhen zu den Dienststunden in Schule oder Büro! Der gute Wille, den wir vor unseren Wagen schirrten, bäumt sich auf, dreht den ganzen Karren rückwärts, so daß wir ungewollt das verlassene Paradies vor den wehmütigen Augen sehen und denken müssen: Gestern um diese Zeit frühstückte ich noch auf dem Balkon, und eine Kuh läutete leise dazu. — Heute erwische ich mit hängender Zunge gerade noch die Bahn. — Vorgestern um diese Zeit: Dampferfahrt ... Heidelbeeren ... Alpenaussicht ... Schlaf in der Strandburg ... Heute: Telephon ... Schreibmaschine ... finsterer Ches... Hetzerei ...
Gibt es denn keine Mittel gegen das Wieder- Daheim-Weh? O doch! Aber unter uns gefaßten unb gutwilligen Leuten wollen wir uns nicht verschweigen, baß es gegen bis eiserne Gewalt des Schicksals immer nur Notbehelfe geben kann.
Dem ersten sieht man bas an. Sollen wir ihn ernst nehmen? Er gibt ben Rat» „Gar nicht erst w e g f a h r e n !" Wir nehmen ben Hut ab. Wir berounbern bie Enthaltsamkeit, bie in weiser Voraussicht ihr Augenmerk auf bas Enbe der Freuden richtet. Wir stehen hochachtungsvoll vor so viel eiserner Folgerichtigkeit.
Alsbann setzen wir ben Hut wieder auf, fest entschlossen, uns so bedauernswerterweise nicht zu verhalten. Wer mit seinem Pessimismus berartig Ernst machen kann, ber muß sich ja recht wohl darin fühlen Dagegen ist ein Optimist ein Mann, der weiß, baß ben schönsten Stunben ein Kater folgt, unb bennod) sagt: „Dann eben ben Kater!" Lieber nehmen wir jetzt wieder den schon unge
wähnt gewordenen Chef auf uns, als wir bas Urlaubsglück nachträglich noch preisgeben möchten.
Das Mittel Nr. 1 wirkte also besänftigens — wenn man es ablehnt.
Das Mittel Nr. 2 setzt zwax mehr eigene Mitwirkung voraus, bafür wirkt es aber auch gründ- licher unb tiefer.
Das Rezept heißt: Mache bie Rückkehr zur Heimkehr!
Da befinbet sich freilich nicht jeder Mann in der gleichen glücklichen Lage, zu feinem Schmerz ohne Gattin verreisen zu müssen ober sie verreisen zu lassen. Bei blefen ist ja bie Wiebervereinigung von selbst ein Wieber-Heimkommen. Aber auch bie gemeinsam wie ebenso bie unverheiratet Verreisten haben boch wohl sämtlich irgenbetroas. unb sei es eine Winzigkeit, auf bas sie sich bei ber Rückkehr freuen können. Heimgekehrt finb sie z. B nach Irrfahrten durch Feberngrüfte unb Matratzensteppen in ihr heimatlich gutes Bett. Nach wunderlichen Getränken zu ihrer vertrauten Kaffeekanne Nach auf- regenb wechselnden Zimmernachbarn zu ben alten guten Müllers nebenan unb ben zwar bösen aber gleichfalls alten Meiers unter ihnen.
Also verstärke man Zahl unb Wirkung ber Vertrautheiten unb vermehre bie angenehmen so sehr, baß im nächsten Jahre ber Abschieb zur Urlaubsreise richtig schwer wird.
Ein drittes Mittel endlich gegen das Wieder-Da- heirn-Weh heißt: Richtiger Umgang mit den Erinnerungen.
Man muß es lernen, sie heraufzuholen oder unterzutauchen, daß sie uns das Leben erleichtern Manche kommen so zur Unzeit, überraschend und aus Versehen, daß sie weh tun, wie wenn das Messer plötzlich über den Teller kreischt. Wenn ein Fenster gegenüber leise klappert und das Lieschen an der Schreibmaschine fängt schwermütig zu träumen an: „So klapperte im Fischerhäuschen das Fenster vom Seewind an seinem Haken Ach, und nachts hörte man das Meer rauschen. Ja, genau so klapperte das Fenster ..." Dann kostet das die Firma eine halbe Stunde und sie selbst einen sogenannten Anranzer.
Holt man so angenehme Erinnerungen dagegen zur rechten Zeit herauf, so trägt ein längst entwehter Seewind noch über eine Flaute des Herzens weg. Oder das Gedächtnis an den fünfstün
digen Gipfelanstieg wird beschworen, um das Schlangeftehen am Postschalter 3 nur halb-so-schlimm zu empfinden. Oder wenn schon wieder die geschäftliche Unruhe des Nachts nicht einschlafen lassen will, dann steht frisch bas Bilb ber sanften, wieber- fäuenben, träge ruhenben Kühe zur Verfügung, in deren Nähe am Waldrand wir in der summenden Mittagsstille ..., und da schlummern wir schon.
Ferien vergehen. Erinnerungen bleiben. Erinnerungen sind Geschenke ober Gefahren. Sie können uns hochtragen ober unterbuttern. Sie können unser Schifflein auf „Volle Fahrt voraus!" ober auf „Langsam rückwärts!" richten. Am Schalthebel sitzen wir selber.
Oer Urtvalöfinn.
Ein Grohwildjäger, der viel mit Negern im Innern Afrikas zusammenkam, schreibt diesen einen besonderen Sinn zu. den er „Urwaldsinn" nennt und desien Vorhandensein er daraus ableitet, daß es unmöglich Ware, einen Eingeborenen im Urwald zu verlieren. Ebenso unmöglich ist es für den Europäer aber auch, die Mittel und Wege zu erkennen, mit denen der Neger sich stets, auch im dichtesten Urwald zurechtfindet. Die Diener des Großwildjägers erklärten ihm öfter, daß sie schon aus dem Gefühl der Sonne in ihrem Nucken die Himmelsrichtung genau wüßten. Der Urwaldsinn des Negers erstreckt sich aber auch darauf, daß er schon von weitem die Beschaffenheit eines Bodens erkennt, auch wenn er noch nie über ihn gegangen ift. Eingeborene vermeiden stets sumpfige Gebiete oder rauhen steinigen Grund, lange bevor sie tatsächlich in desien Nähe gekommen find. Sie haben auch einen untrüglichen Sinn für den Verlauf der Flüsse, auch wenn keine Erfahrung vvrausgegangen ist. So wurde ein Njasia-Mann, der in ein ihm aanz fremdes Gebiet tarn, plötzlich stutzig, bog vom Fluß ab und ging landeinwärts. Oluf die 5rage, warum er das tue, erklärte der Neger: „Das Wasier macht hier einen großen Bogen, Herr! Es ist bester, den Weg abzuschneiden." Die Karte des Europäers zeigte keinen solchen Bogen des Flustes an und es Maren auch keine Merkmale dafür zu sehen; trotzdem hatte der Neger recht, denn es ergab sich, daß ein Umweg von 20 Kilometern gemacht werden mußte, wenn man ihm nicht folgte, während sie so nur
drei Kilometer zurückzulegen hatten. Schon bei den Kindern ist dieser Urwaldsinn ausgeprägt. Ein sechsjähriger Negerjunge kann einen Weihen mit derselben Sicherheit des Nichtungsgefuhles durch unbetretenen Urwald führen wie ein alter erfahrener Jäger. Auch die Frauen haben diesen Urwaldfinn durchaus. Nur an der Küste, wo die Einflüsse der Zivilisation wirksam werden, kann man beobachten, wie die natürlichen Sinneskräfte der Eingeborenen und damit auch der Urwaldsinn Nachlassen.
Ein Wörterbuch
der deutschen Pflanzennamen.
Der Wunsch, gesicherte deutsche Pflanzennamen zur Verfügung zu haben, ist heute, wo so viele Menschen mit Pflanzen zu tun haben, die mit den botanischen Fachausdrücken nur schwer auskommen, allgemein geworden. Die Grundlage dafür wird immer eine Sammlung des reichen deutschen Sprachgutes sein, und an dieser hat es bisher gefehlt, weil man von zwei verschiedenen Seiten an die Ausgaben Herangehen muh und sich kaum ein Gelehrter findet, der beide Gebiete gleichermaßen beherrscht. Der Botaniker wird immer seine sprachliche Not mit den Flamen der Pflanzen haben, der Sprachkenner seine botanische mit den Gewächsen selber. Nun ist, wie in der Zeitschrift des Deutschen Sprachverein- „Muttersprache" berichtet wird, ein Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen entstanden, das beiden Anforderungen gerecht wird. Ein sprachlich erfahrener Botaniker, Heinrich Marzell, hat es in jahrzehntelanger Sammler- und Forschertätigkeit zusammen mit dem Sprachwissenschaftler Wilhelm Wihmann geschaffen. So ist es ein reichhaltiges Nachschlagewerk gleichzeitig für den Pflanzenforscher und für den Sprach- und Volkskundler, für den Arzt und den Apotheker und für den Kulturhistoriker. Tllit Unterstützung von vielen Mitarbeitern aus allen deutschen Landschaften ist ein Werk aufgebaut, das den Wortschatz eines bisher nur sehr ungleich- mäßig erforschten Bereichs der deutschen Sprache in erstaunlicher Vollständigkeit erhält und klarlegt. Mit seinen 80000 deutschen Pflanzennamen ist das Wörterbuch, das unter Betreuung der Preußischen Akademie der Wissenschaften erscheint, ein neuer Beweis für den Reichtum der deutschen Sprache und die Unerschöpflichkeit der Ausdrucksmittel.


