Nr. 77 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhellen)
Samstag. Z.Apri! 1937
Deutsche Baupolitik.
Von Dr. Carl Wellthor.
Kurz hintereinander sind zwei Veröffentlichungen über die deutsche Bautätigkeit ergangen, der Jahresbericht der Deutschen Bau - und Bodenbank und der Bericht des Reichsverbandes Deutscher Heimstätten. Die starke Beanspruchung des deutschen Kapitalmarktes zwang bereits seit Versiegen der Kapitalzufuhr aus dem Ausland zu einer gewissen Rationierung. Immerhin bildete die Bautätigkeit als eines der arbeitsintensivsten Gebiete der Wirtschaft einen wichtigen Teil der Arbeitsbeschaffung, die den Inhalt des ersten deutschen Dierjahresplanes ausmachte. Ministerpräsident Göring hat als Beauftragter des (zweiten) Vierjahresplanes unter den vordringlichen Arbeiten, die in der Zeit von 1936 bis 1940 zu leisten sein werden, den Arbeitersiedlung s b a u ausdrücklich genannt. Daneben wird noch der Volkswohnungsbau, nämlich die Errichtung von gesundheitlich einwandfreien Stockwerkbauten, eine Rolle spielen.
Die übrige private Wohnungsbautätigkeit wird stark eingeschränkt werden müssen. Die Vorkehrungen hierfür sind bereits in den ersten Verordnungen geschaffen worden, die General Göring Anfang November 1936 erließ. Die vierte Verordnung zur Durchführung des Vierjahresplans behandelt „die Sicherstellung der Arbeitskräfte und des Bedarfs an Baustoffen für staats- und wirtschaftspolitisch bedeutsame Bauvorhaben". Durch diese Verordnung werden alle privaten und öffentlichen Hoch-und Tiefbauvorhaben für anzeigepflichtig erklärt. Die Unbedenklichkeitserklärung der Baupolizei genügt also nicht mehr; es muß "eine Genehmigung des zuständigen Arbeitsamts hinzutreten, ehe ein Bauvorhaben in Angriff genommen werden kann.
Die deutsche Baupolitik befindet sich in einem Uebergangsstadium, die engere Arbeitsbeschaffung, die den ersten Vierjahresplan ausgemacht hatte, ist vorüber. An die Stelle von Ueberfluß an Arbeitskräften ist auf einigen wichtigen Gebieten ein Mangel getreten. Zu den laufenden Bauvorhaben ist ein außerordentlicher Bedarf hinzugetreten, insbesondere der Bau von Kasernen für das neue Volksheer, von Wohnungen für die Familien der Offiziere und Unteroffiziere, für neue Produktionsanlagen und für verschiedene öffentliche Zwecke.
Während die Bautätigkeit früher so gut wie ausschließlich in privaten Händen lag, ist sie jetzt in hohem Maß verstaatlicht oder doch staatlich beeinflußt worden. Die private Bautätigkeit hat Jahrzehnte lang den Bau von Groß- und Mittelwohnungen bevorzugt. Als das durchschnittliche Volkseinkommen fant nahm die Nachfrage nach solchen Wohnungen ab und der Staat mußte einspringen, um die Umwandlung unvermietbarer Großwohnungen in Kleinwohnungen zu erleichtern. Aber auch die von den Gemeinden vorgenommenen oder geförderten Wohnungsbauten halten einer strepgen Kritik nicht stand. Die errichteten Wohnungen waren meist zu teuer und daher für die Masse der Arbeiter unerschwinglich. Im Bericht des Reichsverbandes Deutscher Heimstätten für 1936 wird mit berechtigtem Selbstgefühl verzeichnet, daß fast zwei Drittel der durchgeführten Wohnungseinheiten Objekte mit einem monatlichen Mietzins von weniger als 30 Mark darstellten. Wenn die UebergangszeU, in der wir auch auf dem Gebiet der Lohnbemessung stehen, überwunden sein wird so wird man für Arbeiterwohnungen, besonders' wenn sich damit etwas gärtnerische Eigenerzeuguna verbindet, einen monatlichen Mietssatz von 40 Mark als tragbar ansehen können, — wenigstens für kopfreiche Familien.
Als der Nationalsozialismus vor vier Jahren neue Gesichtspunkte für den Wohnungsbau aufstellte: die Standortfrage unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit und die Bedürfnisfrage unter dem Gesichtspunkt der Werkzugehörig- keit und der D a u e r b e f ch ä f t i g u n g , war ein gewaltiger ungedeckter Wohnungsbedarf angesammelt. Unter den früheren Regierungen hat ein staatlicher Einfluß auf den Wohnungsbau von höheren
nationalwirtschaftlichen Erwägungen gefehlt. Die Gemeinden siedelten die in ihrem Zuständigkeitsbereich vorhandenen Wohnungslosen meist an, ohne Rücksicht darauf, ob für die so seßhaft Gemachten die Gewähr einer Dauerbeschäftigung bestand. Als Folge davon gibt es in zahlreichen großen Städten örtlich und verkehrspolitisch verfehlte Siedlungen, deren Einwohner weite Wege zu ihren Arbeitsstätten zurückzulegen haben. Nach eingehenden Berechnungen wird in den nächsten Jahren außerhalb des laufenden, durch die Volksvermehrung hervorgerufenen Wohnungsbed.arfs ein aufgestauter, bisher unbefriedigt gebliebener Wohnungsbedarf von einigen hunderttausend Wohnungen zu decken sein. Auf diese Berechnungen gründet sich auch die Versicherung, daß es in absehbarer Zeit keinen Mangel an großen nationalen Bauvorhaben geben wird.
Das entscheidende Wort werden aber schließlich doch zwei weitere Umstände sprechen: die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung und als Folge davon die Gestaltung des Arbeitereinkommens und der Dauerzustand der Bevölkerungszunahme. Selbst wenn uns menschenmordende Katastrophen erspart bleiben, wird es sich erst erweisen müssen, ob die Geburtenzahl in Deutschland den durch die Ehestandsdarlehen erreichten hohen Stand beyalten und vielleicht noch überbieten werden. Wohnungsbau über den tatsächlich bestehenden Bedarf hinaus gehört zu dem volkswirtschaftlich verfehltesten Aufwand, der sich überhaupt denken läßt.
Bei einem Presseempfang, den die Leitung des Reichsverbands Deutscher Heimstätten bei der Veröffentlichung seines Jahresberichts veranstaltete, erwähnte der' Leiter des Reichsoerbandes Dr. Wagner eine an ihn gerichtete Frage: warum eigentlich alle, die je ein Eigenheim a u f eigenes Risiko gebaut haben, erklärten: einmal und nicht wieder. — Zweifellos bereitet die Flut von Anzeigen, Anträgen, Sonderaufwendungen usw. die vorgenommen werden müssen, viel Mühe und Kosten. Wer ein Haus baut, ist in der Regel Neuling auf diesem Gebiet und übersieht nicht das, was an Vorbereitungen für das Bauvorhaben erforderlich ist. Es ist die Regel, daß sich nicht eigentlich aus falscher Kalkulation des Bauvorhabens selber, sondern aus Nichtberücksichtigung entlegener Ausgaben und Verpflichtun
gen eine erhebliche Überschreitung des Voranschlags ergibt, die nachher die wirtschaftliche Rechnung über den Hausen wirft. Für den Bereich, in dem die Heimstätten zuständig sind, haben sie sich den Beinamen „Anwälte des Wohnungsbaus" erworben, — zweifellos ein Ehrentitel. Verschiedentlich haben führende Männer der Politik und der Bauwirtschaft — unter ihnen Ministerpräsident Göring im vorigen Jahr —, gefordert, daß die Formalitäten vereinfacht und verbilligt werden möchten. Solange die Verhältnisse zu einer scharfen Einschränkung der privaten Bautätigkeit zwingen, ist dies nicht besonders dringlich. Auch wird man für die besonderen Fälle des privaten Wohnungsbaus, die staatlich nicht nur geduldet, sondern ausdrücklich gewünscht werden, nämlich den Bau von Landarbeitersiedlungen —, nicht nur die langfristigen Baudarlehen und für die bis 1. November erstellten Wohnungen einen verlorenen Zuschuß von weiteren 1800 Mark gewähren, sondern den bäuerlichen Bauherrn auch bei der Erledigung der Förmlichkeiten in jeder Weise die Wege ebenen.
Der Sektor, den die Heimstätten als Treuhänder für Staat, Bauherrn und Baugewerbe bearbeiten, ist noch nicht sehr groß: 10 v. H. der gesamten Wohnungsproduktion des Jahres 1936 und 26 v. H. des von der öffentlichen Hand geförderten Wohnstättenbaus. Für das Jahr 1937 wird eine Steigerung dieser Ziffern erwartet. So dringend auch viele der in Angriff genommenen Bauvorhaben sind, so wichtig ist es doch, in die Entwicklung möglichste Stetigkeit hineinzubringen. Wenn jetzt ein Teil der öffentlichen Bauvorhaben (für staatliche, Gemeinde- und Parteizwecke) zurückgestellt oder doch verlangsamt werden muß, und wenn der private Eigenheimbau zeitweilig fast ganz aufhören wird, so ist das für die Betroffenen gewiß ein Opfer; dafür wird aber eine Reserve an Bauvorhaben angesammelt, die mobil gemacht werden kann, wenn die vordringlichen Bauten erledigt sein werden. Es wäre keine glückliche Entwicklung, wenn die Zahl der Facharbeiter im Baugewerbe in diesen Jahren dringenden Bedarfs so zunähme, daß in Zeiten verminderter Beschäftigungsmöglichkeit eine Massenarbeitslosigkeit einrisse, wie sie diese Berufsart schon einmal durchlebt hat.
Dienst an der Volksgesundheit.
Oer Kampf der Behörden gegen Krankheit und Seuchen.
Von Hans
Der Begriff der „Behörde" hat für sehr viele Menschen einen unangenehmen Beigeschmack, bei ihnen hat sich aus vergangenen Zeiten die Vorstellung festgesetzt, daß Behörden/ wenn sie schon anfangen zu „kämpfen", in erster Linie ge g e n e inan d e r kämpfen. Ein Spottvogel hat gesagt, daß neun Zehntel der Arbeit einer Behörde im Kampfe gegen das Nebenzimmer draufgehe! Das ist zum Glück in einem Staat, der alle Kräfte zusammenfaßt und in den Dienst höchster Ziele der Volkwer- dung' stellt, nicht mehr möglich. Und wo sich noch Reste davon finden, da ist man daran, schleunigst mit chnen aufzuräumen. Wie sehr sich der neue Geist durchgesetzt hat, erleben wir mit am schönsten auf dem Gebiete der Volksgesundheit. Da vergeht kaum eine Woche, ohne daß wir von neuen Wegen hören, die die Behörden beschreiten, um unserem Volke das kostbarste Gut, das es hat, seine Gesundheit zu erhalten oder, wo sie fehlt, zu erwerben. Im Reichsgefundheitsamt und besonders im Reichsausschuß für Volks- gefundheitsdienft stehen Hunderte von Gelehrten und Forschern, von Männern der Praxis und Organisatoren im Dienste der Bekämpfung aller dem Volke gefährlichen Krankheiten und Seuchen. Der Reichsausschuß hat sich eine Anzahl von Unterausschüssen angegliedert, so zur Bekämpfung des Krüppeltums, der Tuberkulose, des Krebses, der Rauschgifte, welche letztere als
Hartmann.
so verheerend angesehen werden, daß man eine eigene Unterabteilung zur Bekämpfung des Alkohol i s m u s eingerichtet hat.
Diese Ausschüsse stehen nun nicht, wie der eingefleischte Behördenfeind vermuten möchte, auf dem Papier, sondern sie sind durch ein über ganz Deutschland gespanntes Netz von Dienststellen rührig am Werke, um auf ihrem Gebiete auch das Letzte an Menschen, Kräften, Vorbeugungsmaßnahmen, Wissenschaftlicher Forschung zu mobilisieren, so daß alles in einer Einheitsfront des Kampfes zusammenwirkt. Wir wählen aus den^ riesigen Bereich dieses behördlichen Kampfes gegen Krankheit und Seuchen einige Beispiele aus, die für jeden Mann und jede Frau im deutschen Volke sichtbar machen, wie Großes da geleistet wird.
Eine glückliche Vereinigung von vorsichtig-wissenschaftlicher Behandlung und scharfem Durchgreifen im praktischen Leben des Volkes zeigt sich zunächst bei der Rauschgiftbekämpfung. Sie ist durch den Reichsausschuß vor ganz kurzer Zeit der Oefsentlichkeit bekannt geworden, und sie hat dabei ihre Ziele nicht nur hochgesteckt, sondern auch scharf formuliert. Der nicht gesundheitlich notwendige Gebrauch von Kokain, Morphium und ähnlichen Suchtmitteln und die mißbräuchliche Verwendung der . Massenkonsumgüter des Alkohols und Nikotins sollen | bekämpft werden, und zwar mit dem Ziele der Ausrottung. Es hat sich herausgestellt, daß die
Volksgesundheit hier in ein Gefahrenfeld erster Ordnung geraten ist. Die Schlafmittel, die gewohnheitsmäßig gebraucht werden, anstatt daß man durch körperliche Betätigung, durch Umstellung der Ernährung oder auf seelischem Wege die Schlaflosigkeit zu bekämpfen versucht, sind eine Quelle von Unrast und Nervosität, und es bedarf der zusam- mengefaßten Kraft der Gesundheitsärzte, Jugendführer und vor allem auch der Familien, um hier den Schaden abzudämmen.
Wie steht es mit dem Alkohol? Man hat errechnet, daß es in Deutschland etwa 300 000 Alka- holgefährdete gibt, das sind also Menschen, die in Gefahr sind durch undisziplinierten Mißbrauch des Alkohols, also durch einen Mangel an Selbstbeherrschung, sich und ihre Familie gesundheitlich und seelisch zu schädigen und vielleicht an den Rand des Abgrundes zu bringen. Darüber hinaus besteht die Wahrscheinlichkeit — die Wissenschaft ist sich noch nicht völlig schlüssig darüber, — daß auch das Erbgut geschädigt, also der Keim vergiftet wird, so daß ein unglückliches Geschlecht von schwerbelasteten Nachkommen entstehen muß. Daher hat ja auch das Gesetz über die Unfruchtbarmachung schädlichen Keimgutes bestimmt, daß schwere Alkoholiker sterilisiert werden dürfen. Es kommt, wie die Wissenschaft festgestellt hat, bei den Alkoholschädigungen darauf an, den Kampf möglichst frühzeitig aufzunehmen, weil sonst schwere Dauerschädigungen auftreten
Es ist nun wichtig und jeder Volksgenosse sollte es wissen, daß ein System von Maßnahmen ausgearbeitet wurde, das dazu dient, die Gefährdeten möglichst gesund zu machen. Es halfen dabei drei Jnftanzengruppen zusammen: an Behörden das Gesundheitsamt, das Wohlfahrtsamt, die Polizeiverwaltung, die Träger der Gemeinschaftsaufgaben der Sozialversicherung, Schulen, Kirchen, Krankenhäuser, Strafanstalten usw.; ferner a l s Partei- Instanzen die Aemter für Volksgesundheit, die Aemter für Volkswohlfahrt, der NSD.-Aerztebund, die NS.-Frauenschaft, die HI., SS., SA., NSKK., der Arbeitsdienst und die DAF.; an karitativen Körperschaften das Rote Kreuz, die Innere Mission, die Caritas. Die große Aufgabe, die dem deutschen Volke hier gestellt ist, ist die diese Fülle von Möglchkeiten nicht zu einem leerlaufenden Mechanismus werden zu lassen, sondern um der großen Verantwortung willen mit dem kleinsten Aufwand von behördlicher Arbeit (Akten, Beratungen, Ent- scheidungen) eine möglichst hohe Wirkung zu erzielen. Dann kann es geschehen, daß entscheidende Wirkungen in bezug auf die Gesundung des deutschen Volkes und damit für seine Zukunft erzielt werden.
Da der Staat des neuen Deutschland vor keiner Aufgabe Halt macht, befassen sich die Forscher jetzt auch mit der schädlichen Nachwirkung des übermäßigen, rauschgiftähnlich wirkenden Nikotin- genusses. Wir sind jetzt so weit volksgemeinschaftlich erzogen, daß wir zwar niemandem seine harmlosen Genüsse nehmen wollen, daß wir aber da, wo Gefahr für das Volk droht, unerbittlich sind und daß die Behörden sich da wachsam und als der getreue Eckart des Volkes walten. Einer der führenden Männer bei der organisierten behördlichen Suchtmittelbekämpfung hat kürzlich den Sinn und das Ziel der Maßnahmen so zusammengefaßt: „Planvolle Verwendung öffentlicher Mittel; kompromißlose Erfassung der unheilbaren und uneinsichtigen Suchtkranken; Stützung der Heil- und Besserbaren und die Gewährung ausreichenden Schutzes an gefährdete Familienmitglieder — kurz, die Erfüllung nationaler und sozialer Verpflichtungen gegenüber dem Valksganzen."
Wir haben bisher nur die Arbeit eines Ausschusses innerhalb der weitverzweigten Arbeit des Reichsausschusses für Volksgesundheitsdienst behan-
»Urquell
deres das zum Schluß der Mahlzeit. Wenn diese zu Ende ging, küßten die Kinder Vater und Mutter die Hand und sagten gesegnete Mahlzeit. Bei Tische ging es nie schweigsam zu, denn Leutnant Lagerlöf ließ die Unterhaltung durchaus nicht ins, Stocken geraten. Es war merkwürdig, wie er immer wieder einen neuen Gesprächsstoff fand. Und wenn er auch auf seinem Morgenspaziergang nichts anderes erlebt hatte, als vielleicht eine Begegnung mit einem alten Weibe, so konnte er daraus doch eine ganz große Geschichte machen.
Don zwei bis drei Uhr sollten die Kinder wieder im Freien sein, aber oft kamen sie schon vor zwei Uhr atemlos dahergelaufen, um mit ihren Aufgaben fertig zu werden, ehe der Nachmittagsunterricht begann.
Von zwei bis vier Uhr faßen sie am Schultisch, und nach vier Uhr lernten sie gleich die Aufgaben für den nächsten Tag.
Aber länger als bis fünf Uhr durften sie mit dem Lernen nicht fortmachen. Im Saal war geheizt, und auf dem aufgeschlagenen Spieltisch waren Butter und Brot und Gläser zum Trinken hergerichtet. Diese Stunde war für die Kinder em besonderes Vergnügen! Sie saßen oder lagen vor dem Ofen, in dem das Feuer knisterte und loderte, und aßen ihr Butterbrot. Dabei plauderten sie ei - riq und heckten allerlei Pläne aus. Dies war eigentlich die einzige Zeit am Tage, die ihnen ganz allem 0e®enn die letzte ©tut im Ofen erloschen mar, wurde auf dem runden Tisch vor dem Sofa bie Lampe angezündet. Jetzt war Frau Lagerlos die Unterrichtgebende, und sie lehrte ihre kleinen Mädchen nähen und häkeln und Strumpfe stricken. Sie befaß auch eine Ausgabe von H. C. Andersens Märchen, und wenn die Kinder recht fleißig gewesen waren, dann erzählte oder las s,e ihnen zur Belohnung das Märchen vom Reisekameraden oder vom Feuerzeug oder von den wilden Schwanen vor. In dem Buche roaren aud) miete rounber. schone lustige Silber, unb bas Betrachten b.eser Bilder roar' für bie Kinder ein fast ebenso großes Vergnügen wie das Erzählenhören.
Um acht Uhr gab es Abendbrot, und jetzt erst erschstn auch Leutnant Lagerlöf. Bis dahin hatte er drunten im Kontor gesessen und in seine großen Rechenbücher geschrieben.
Und nun endlich durfte man sich nach diesem so sehr abreitsreichen und streng emgetellten Tage gehen lassen. Die Kinder durften ihre Arbei en weglegen. der Leutnant ließ sich im Schaukelstuhl nieder und erzählte lustige Bubenstreiche.
Lieder der Kindheit.
Von Selma Lagerlöf.
Morgens um halb sieben Uhr zündete das Kindermädchen auf Marbacka in der Kinderstube em lustiges Feuer im Ofen an, und um sieben Uhr mußten die Kinder aus den Betten heraus und sich an- kleiden.
Wenn sie dann so ungefähr um halb acht Uhr fertig und die Betten in aller Eile gemacht waren, wurde aus der Küche ein Auftragebrett herem- gebracht, auf dem sich die Teller voll Morgensuppe mit Sahnerosen darauf, sowie große Butterbrote aus Hartbrot befanden. Das war die erste Mahlzeit des Tages.
Bis acht saßen die Kinder dann an einem großen schwarzen Tisch, der am Fenster stand, und gingen ihre Aufgaben durch. Sie blieben da noch immer im Kinderzimmer, das auch als Schulstube dienen mußte, weil kein andrer Raum zu diesem Zweck zur Verfügung stand.
Sobald es acht Uhr schlug, klappten die Kinder ihre Bücher zu, die Ueberkleider wurden angezogen, und es ging hinaus in den dämmerigen Wintermorgen. Wie das Wetter war, danach wurde gar nicht gefragt; sie eilten nur hinaus, um nachzu- ehen, ob das Eis auf dem Teich zum Schlittschuhlaufen tauge, ober ob das Schlittenfahren in der Allee nicht' noch besser gehe, ober, wenn sich keine anbre Zerstreuung barbot, in ben Stall hinunterzugehen, um nach ben Kaninchen zu sehen unb mit dem Schäferhund herumzutollen.
Kurz vor neun Uhr gab es Frühstück, bas aus Eiern ober Pfannkuchen ober aus gebackenen He- ringen mit gedämpften Kartoffeln oder aus Blut- pudding mit Speck oder Tunke beftand^B-im Frühstück fetzte man sich nicht um den Dich. Man ging hin hielte sich der Reihe nach [em Essen, steh sich dann an kleinen Tischchen nieder und ah. was man auf dem Teller hatte. .
Um neun Uhr muhte das Frühstuck vollendet fein, und dann begann der Unterricht. Dazu ging man wieder hinaus in die Kinderstube, und nun wurde an dem großen schrparzen Tisch gelesen, geschrieben und gerechnet, bis mittags .prost Uhr Die kleinen Mädchen lernten nicht mehr bei Herrn Ty berg, runden Tisch im „Saal". Eines der kleinen Mädchen sprach das Tischgebet vor dem Essen, ein an-
Bisweilen, und das war das schönste von allem, setzte er sich auch an das alte Klavier und schlug einige Akkorde an.
„Kommt, Kinder, kommt!" rief er. „Jetzt fingen wir Bellman!"
Da ließen sich die kleinen Mädchen nicht zweimal bitten. Sofort waren sie bei ihm, und dann kam mit Lust und Liebe der Dichter Bellman an die Reihe. Immer wurde mit dem alten „Noak" und „Joakim aus Babylon" angefangen. Dann kamen andre von seinen Liedern dran, wie „Vater Moritz" und „Mutter, pa Tuppen" sowie „der Tanzmeister Mollberg und seine betrüblichen Erlebnisse in dem Rostocker Keller".
Leutnant Lagerlöf saß am Klavier, schlug kräftig die Tasten zur' Begleitung und sang halblaut mit, um Takt und Melodie aufrechtzuerhalten. Und die kleinen Kinder stimmten aus vollem Halse mit ein. Sie sangen, daß es durch das ganze Haus schallte.
Ja, da war Leben und Bewegung! Das war lustig nach dem arbeitsvollen Tage! Sie verstanden zwar nicht viel von dem, was sie fangen, aber die Melodien erwärmten und weckten ihre schlummernden Lebensgeister. Ach, wie schön es klang, wenn „Ulla tanzte in Engageanter Flor und Franser", oder wenn Fredman sang:
„Noch weiter als der Süd vom Nord Liegt mir der nächste Tag noch fort!"
Und hätten sie denn anders als lustig fein können, wenn der beständig unglückselige Mollberg in den Bottich hineinsprang, in dem die Stockfische der Schankwirtin in der Salzlake lagen, oder wenn die Festtorte bei der großen Bootfahrt dick mit Zucker und Zimt und Anchovis bestreut erschien?
Aber das beste war doch wohl, daß die Kinder nach Herzenslust fingen durften, solange sie wollten. Der Leutnant ließ sie gewähren, er unterbrach sie nie und tadelte auch nicht. Niemals unterbrach er sie, um sie daran zu erinnern, daß es so etwas wie Modulation und Zusammenklang gebe. Sie waren auch fest überzeugt, baß sie Bellman richtig fangen, gerabe so wie er gesungen werben sollte.
Noch lange, lange, ja ihr ganzes Leben lang, ist ben Marbackaer Kinbern bie Liebe zu ben Bell- man-Liebern tief im Herzen tebenbig geblieben. Sie lieben biefe Lieber nicht nur wegen ihrer Fröhlichkeit, ihrer Wehmut unb ihrer einschmeichelnben Schönheit, unb ebensowenig ihrer selbst wegen, sondern darum, weil der leiseste Ton der Bellmanschen Laute in ihrer Erinnerung die nie versiegende Zärtlichkeit wachruft, die ihre Kindheit so glücklich gemacht hatte.
Ein uraltes Lehrbuch der Medizin.
Als das „Goldene Buch der Medizin" wird von den chinesischen Aerzten ein Werk angesehen, von dem man annimmt, daß es wahrscheinlich in der Zeit des Kaisers Huang-Ti, im 3. vorchristlichen Jahrtausend, entstanden ist. In diesem Werk „Huang-Ti-Nei-Ching" werden, wie in der Frankfurter Wochenschrift „Die Umschau" berichtet wird, in Fragen des Kaisers und Antworten seines Ministers Mi-Po die damaligen Vorstellungen über Anatomie, Physiologie, über Krankheiten und ihre Behandlung wiedergegeben. Sie sind stark mit reli» giöfen, philosophischen und astrologischen Anschauungen durchsetzt. Danach müssen aber von den chinesischen Aerzten schon vor Jahrtausenden Sektionen menschlicher Leichen vorgenommen worden sein, wie die richtigen Angaben über die Größe des menschlichen Verdauungskanals, bie nur durch Sektionen gewonnen sein können, beweisen. Im Gegensatz bazu lehnen bie chinesischen Aerzte heute vielfach bie Leichenöffnung als etwas Unmögliches unb Grausames ab. Schon in jener alten Zeit warf ber Kaiser Huang-Ti bie Frage auf, warum bie Menschen in früheren Zeiten länger lebten als heute, bas heißt vor etwa 4600 Jahren, wo sie schon in ben fünfziger Jahren an Altersschwäche stürben. Der Minister gibt barauf bie Antwort, baß sich bie Alter ber Natur besser angepaßt unb regelmäßiger gelebt hätten. In bem alten Werk wirb auch ber Blutkreislauf beschrieben unb habet bie Leber als Quelle ber Denktätigkeit bezeichnet; außerbem stellt es bie Leber als Speicherungsorgan bes Blutes hin unb kennt bamit eine ihrer Funktionen, bie uns erst burch bie Forschung ber letzten Jahre erperi- mentell gesichert ist; benn wir wissen jetzt, daß der Blutspeicher der Leber bei verstärktem Blutbedarf, so nach starkem Blutverlust und bei körperlicher Anstrengung, Blut in den menschlichen Kreislauf schickt. Auch die Vererbung von Geisteskrankheiten war den chinesischen Aerzten schon vor über 4000 Jahren bekannt.
öocbfdiulnacbricbkn.
Dem ao. Professor Dr. Ludwig Wolff an der Universität Göttingen ist unter Ernennung zum Ordinarius ber Lehrstuhl für beutsche Philologie an ber Universität Marburg übertragen worben.
Dem o. Professor Dr. Otto Streck in Beil i n ist in gleicher Diensteigenschaft der Lehrstuhl für Wasserbau an der Technischen Hochschule München übertragen worden.


