Rr. 28 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Mittwoch, 3. Februar ^957
Küpreß — ein großer Erfolg!
Das Gießener Faschingsfest der Künstler und der presse.
Ja, es war ein schönes Fest! Und wenn wir getrost fortfahren, wie es in dem berühmten Liede heißt — „wieder alles voll gewest!" — Jo soll das durchaus keine bösartige Anspielung sein, und es braucht sich niemand getroffen zu fühlen: es war wirklich alles voll, der ganze Club nämlich, mit dem großen Saal und sämtlichen oberen und unteren Nebenräumen. Sehr voll sogar, aber immerhin haben sich die düsteren Prophezeihungen derer nicht erfüllt, die da verkündeten, es werde kein Stuhl zu kriegen sein und kein Bein auf die Erde kommen. Als wir gegen Vr5 Uhr morgens das Fest verließen, waren noch sehr zahlreiche Beine munter in Bewegung, und wir hatten, alles in allem und ohne der ferneren Entwicklung vorgreifen zu wollen, den Eindruck: dies war der Höhepunkt des Gießener Faschings.
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Es haben sich also die miesepetrigen Prophezeihungen etlicher Mißvergnügter mit Nichten erfüllt, und die emsigen Vorbereitungen der letzten Wochen haben die schönsten Früchte getragen. Die Veranstalter des Festes, das Gießener Stadttheater, die bildenden Künstler Oberhessens und die Gießener Presse dürfen mit dem Ergebnis zufrieden sein. Wir haben seit einer ganzen Reihe von Jahren kein derartiges Fest mehr in Gießen erlebt; die stürmische, zuletzt beängstigende Nachfrage nach Eintrittskarten und der glänzende Besuch sind gewiß das beste Zeichen dafür, daß auch bei uns, die wir ja den Karneval nicht gerade gepachtet haben, wie die Landsleute weiter südlich und westlich, ein Bedürfnis nach gut in Szene gesetzten Veranstaltungen solchen Stils besteht. Und wenn sich auch für dieses Jahr keine zweite Auflage ermöglichen läßt, fo scheint es doch geboten, im nächsten Fasching ein neues Fest steigen zu lassen. (Wir wollen uns einstweilen einen passenden Namen dafür ausdenken.)
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Die Räume des Gesellschaftsvereins waren von Grund auf einer heiteren und farbenfreudigen Verwandlung unterzogen worden. Der Ausstattungsstab des Stadttheaters hatte Hand in Hand mit der Gießener und der oberhessischen Künstlerschaft Ausgezeichnetes geleistet, um dem Fest einen stilgerechten und sinnvollen Rahmen, einen heiteren und faschingsmäßigen Anstrich zu verleihen. Wir wollen es uns versagen, die Namen aller an der Ausgestaltung der Räume Beteiligten aufzuführen; das würde zu weit gehen, und es soll sich niemand übergangen oder zurückgesetzt fühlen: wer in den letzten Tagen und Wochen vor dem Fest Gelegenheit hatte, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, und wer gestern abend selber da war und vor Beginn oder in den Tanzpausen treppauf, treppab durch die Säle und Galerien wandelte, einzeln oder auch paarweise, der wird bestätigen, daß hier eine vorbildliche Gemeinschaftsarbeit geleistet worden ist, und daß jeder — vom Theater, von der Kunst, von der Presse — mit unermüdlichem Fleiß und liebevoller Hingabe sein Bestes beigesteuert hat, um den Abend zu einem echten, stimmungsvollen Faschingsfest zu machen.
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Der große Saal glich einem weiten, durchbrochenen Zelt in Hellgelb und Orange; wenn von Zeit zu Zeit die Scheinwerfer von oben her farbig wechselnde Lichtgarben über die tanzende, wogende Menge fluten ließen, ergaben sich schlechterdings feenhafte Wirkungen. Die Wände und Emporenbrüstungen waren in einem sozusagen monumentalen Faschingsstil ausgemalt. Es war überhaupt alles bemalt, was irgend zu bemalen war, und wir wollen hoffen, daß die enorme Arbeit, die da so gleichsam improvisatorisch geleistet worden ist (für einen einzigen Abend!) auch gebührend gewürdigt wurde.
Von der riesigen, wenn auch unvollendeten Schlammbeißer-Büste im Saal mag nur eben die Rede sein, desgleichen vom prächtigen Thron des Prinzen Karneval. Aber es gab auch eine entzückend ausgestattete Alt-Gießener Kneipe. Es gab, in den Nebensälen und über die Galerien verschwenderisch ausgestreut, eine Porträtgalerie der künstlerischen Prominenz von Gießen (erstaunliche Fülle von Charakterköpfen!). Das Bieberlieschen schlängelte sich in katastrophalen Windungen an der Treppenwand zum ersten Stock hinauf, allwo unter anderm ein wirklich grauslicher und neckischer Guckkasten aufgebaut war; wir wissen nicht einmal, ob in allen Stücken Gebrauch davon gemacht worden ist. Den Theaterstammgast begrüßten allerlei vertraute Szenen und Gestalten an der Wand. Die Presse endlich, auch nicht faul, hatte einen Nebensaal unter die Fuchtel bekommen und den berühmten „Spiegel aus Papier", aber sozusagen historisch und ganz im Zeichen von Herrn Hase, an die Wand gezaubert. Wer Zeitung liest, hat mehr vom Leben: wer es jetzt noch nicht eingesehen hat, dem ist wirklich nicht zu helfen.
Schon mehr als eine Stunde vor Beginn waren die Räume von einer lustigen, farbenfrohen und erwartungsvollen Menge gefüllt. Bald nach 21 Uhr ging's ernstlich los. Fanfarenstöße und Herolde. Herr Nieren verkündete mit rheinischem Temperament den Einzug des Prinzen Karneval. Unter den Klängen des beliebten Narrhalla-Marsches erschienen alsbald auch seine Tollität Prinz Ernst August I. (W a l tz), vom Volke stürmisch begrüßt. Oberbürgermeister Ritter überreichte ihm nach Befragung der Untertanen den Schlüssel der Stadt und wünschte, der Narrenprinz möge für Tollheit und Fröhlichkeit Sorge tragen, wie es sich geziemt, denn wir haben heute, mehr denn je zuvor, ein Recht zu feiern. Nächst dem Schlüssel ward dem Prinzen ein Ehrentrunk gereicht. Dann sprach Ernst August selber, dankte für den herzlichen Empfang, dem Stadtoberhaupt aber für übertragene Schlüsselgewalt. Sein Kernspruch lautete: Es lebe die Freude, die Liebe, das Glück!
Hiernach begann ein festlicher Reigen; die Presse zog ein, die bildenden Künstler marschierten auf in ihrer schmucken Einheitstracht und überreichten einen Pinsel von beachtlichen Ausmaßen. Oberst Ollendorf (H u b) erschien mit Gefolge und verlas eine Proklamation „an die Schlamm- und andern Beißer". Aus „Prinzessin Nofretete" erschien das ägyptische Ballett, ein prächtiger Anblick im farbigen Licht. Herr Lindt und Frl. F 0 r n a l l a z brachten ihr Duett aus „Zarewitsch", Herr Bley (den wir später mit der Geige im Orchester wirken sahen) und Frl. I a ch n 0 w kamen uns ganz spanisch vor, und das Ballett machte mit der „schönen blauen Donau" den Schluß. Stürmischer Beifall folgte sämtlichen Darbietungen. Nachdem sich Prinz Karneval recht leutselig verabschiedet hatte, um anderweitigen Verpflichtungen (in Heuchelheim?) nachzukommen, begann sich das Faschingsfest dem ersten seiner verschiedenen Höhepunkte zu nähern.
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Auch der festlichste Festbericht muß ein Ende haben. Wann Schluß war, vermögen wir leider nicht zu sagen. Als wir zu schreiben anfingen, kamen noch lange nicht die letzten Heimkehrer aus der Sonnenstraße. Haben wir niemanden und nichts vergessen? Die Tombola fand reißenden Absatz; die Tanzkapellen spielten unermüdlich; unter den Kostümen waren eine Anzahl wirklich aparter und origineller Modelle zu bewundern; an der Bar, die von Charleys Tante und ihren selbstlosen Helfern emsig betreut wurde, herrschte meistenteils ein auf- und anregender Hochbetrieb ...
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Und wenn der Abend auch materiell seinen guten Zweck erfüllt hat, was wir wünschen und hoffen wollen, dann war es nicht nur ein heiteres und unterhaltsames, sondern auch ein in tieferem Sinne befriedigendes Fest. hth.
Der Kreis Schotten tagt.
NSG. Schotten, 3. Febr. In der Kreisschule der Deutschen Arbeitsfront in Schotten findet am 7. Februar eine Arbeitstagung des Kreisstabes und sämtlicher Ortsgruppen- und Stützpunktleiter der NSDAP., der Vertreter aller NS.-Organisationen, der Ortswarte und Ortsringleiter des Landschaftsbundes „Volkstum und Heimat" und der Vereinsführer des Kreises statt.
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Oberbürgermeister Ritter übergibt Sr. Tollität dem Prinzen Karneval den Schlüssel der Stadt. — (Ausnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Aus der provinzialhauptstavt.
Geheimrat Sommer -f.
Am gestrigen Dienstag gegen Abend ist nach kurzem Krankenlager an einer Lungenentzündung der Geheime Medizinalrat Prof. Dr. med. et phil. Robert Sommer, der langjährige frühere Direktor der Universitäts-Nervenklinik, im Alter von 72 Jahren verstorben. Mit Geheimrat Sommer
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ist eine Persönlichkeit heimgegangen, die durch ihr vielseitiges öffentliches Wirken eine der hervor» ragendsten Erscheinungen unserer Universität und des kommunalen Lebens war.
Erst jüngst noch, am 19. Dezember v. I., hatten wir anläßlich seines 72. Geburtstages und der damit verbundenen Verleihung der Ehrenplakette der Stadt Gießen durch den Oberbürgermeister an den hochverdienten Gelehrten und langjährigen Mitarbeiter der Gießener kommunalen Arbeit Gelegenheit, Geheimrat Sommer und sein Wirken zum Besten der deutschen Wissenschaft und zum Nutzen unserer Gießener Bevölkerung zu würdigen. Seit 1. April 1895, also seit nahezu 42 Jahren, weilte er als unermüdlicher Schaffer und in vielseitiger Hinsicht interessierter Mann inmitten der Gießener Bevölkerung. Er war am 19. Dezember 1864 zu Grottkau (Schlesien) geboren, hatte in Freiburg, Leipzig und Berlin studiert und war dann an verschiedenen Universitäten und psychiatrischen Anstalten tätig gewesen, ehe er am 1. April 1895 als Direktor die Leitung der unter seiner starken Einwirkung errichteten Psychiatrischen Klinik der Universität Gießen übernahm, die er bis ,311m 1. November 1933, wo er in den Ruhestand trat, innehatte. Obwohl er aus einer von Gießen weit entfernten Gegend unseres Vaterlandes stammte, ist er durch sein langjähriges Wirken und durch seine tief im oberhessischen Volkstum ruhende Verbundenheit mit all seinem Denken und Fühlen ein Gießener und Oberhesse geworden, dessen Liebe zu Land und Leuten in erster Linie seiner zweiten engeren Heimat galt. Diese Tatsache fand u. a. in vielfältiger Weise ihren sichtbaren
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Mond über der Waldschlucht.
Von Otto Alscher.
Das trostlose Grau des Februartages verlischt völlig und geht in ein gespensterhaftes Schimmern der alten Hartschneedecke über. Je tiefer die Felsschlucht rechts in Schwarz versinkt, um so mehr wächst das fahle Bleichen des Schneehanges links mit dem kurzen Eichenwald darüber empor. Aber dann kommt der Mond, noch hält ihn der Wald hoch oben am Kamm fest, nun löst sich die fahle Scheibe, wird voller, runder und schwebt dann kleiner und fern über der Schlucht.
Gerade gegenüber stürzt eine Felswand breit und zerschrammt zum Bachgrund ab. Dort unten fällt das Wasser mit eisigem Klirren über Blöcke, glitzert erstarrt in runden Becken, rinnt schmal weiter und bildet wieder einen kleinen Teich, in dem sich still der Mond spiegelt. Und nichts ist zu vernehmen als dieses helle Klirren des Wassers, das winterliche Singen und Glucksen der Wellen.
Ist jedes Leben in dieser Einsamkeit erstorben? Harrt es unter Schnee und Eis, tief in den Spalten der Felsen verkrochen auf ein fernes, kaum erhoffbares Erwachen?
Da verdunkelt ein Schatten den breiten Glanz des Mondlichtes. Erst ist es nur ein grauer Fleck, der fern sichtbar wird, dann vergrößert er sich rasch und nun, in geisterhafter Lautlosigkeit, schwebt ein Uhu die Schlucht heran, groß und'deutlich huscht er vorbei, blockt in den Wipfel einer alten Eiche ein, wo er schwarz und reglos gegen den Mond steht. Die Seele der Winternacht hat sich zum ersten Atemzug geregt.
Schon kommt ihr zweiter Pulsschlag, lieber ein Schneefeld jenseits gleitet ein schlanker Schatten. Wie eine Welle schwingt er in die Felswand, verhasst auf unsichtbarem Halt, sichert hochaufgerichtet, verschwindet auch schon in einer Runse, ist gleich wieder da, schwebt an der glatten Wand empor, schnellt im Sprung tiefer und verschmilzt mit dem Schatten einer Felsnase. Eine Weile bleibt er unsichtbar, doch plötzlich ist der schlanke Leib des Marders mit dem zierlichen Köpfchen an einer mondbeglänzten Stelle wieder da, wo er reglos verharrt; als erwarte er einen Befehl der Nacht, um feinen Weg fortzusetzen.
Kaum ist Weißkehlchen, der Steinmarder, verschwunden, tönt ein Pfiff tief aus der Klamm. Hell und mit einem warmen, frühlingshaften Klang ist der Laut, ihm folgt ein seltsames Kichern und schon durchrinnt ein Fischotter einen der silberglänzenden Tümpel, ein zweiter, stärkerer Otter jagt ihm nach, wieder kichert die Feh im verliebten
Spiel und verschwindet unter der metallenen Wasserfläche. Verdutzt hält der Rüde an, schiebt sich eine Steinklippe hinauf, späht aus, um sich mit einem Plumps ins Wasser werfend, der wiederauftauchenden Gefährtin zu folgen.
Die Nacht weitet sich immer mehr, je höher der Mond steigt. In regloses, gespanntes Harren versinkt das Waldtal.
Links, wo eine Zunge niederer Eichenbuschwald in das Schneefeld vorstößt, hoppelt ein Hase den Gestrüpprand entlang und sucht nach karger Aesung. Doch in ihm ist Unruhe, ist ein erregtes Ahnen, das den Hunger nicht zur Wirkung kommen läßt. Immer wieder reckt er sich zum Kegel auf, knabbert nur flüchtig an Ginster und Brombeerranken und hoppelt endlich, wie einen Entschluß fassend, dem Bache zu.
Plötzlich schießt dort aus den Haselsträuchern ein anderer Mümmelmann heraus, fällt über den ersten her, eine kurze Balgerei, dann preschen beide den Hang hinauf und verschwinden im Eichenjungwald.
Der Mond steht klein und fern über den Bergen, er legt Unendlichkeit zwischen sich und die winterstarre Wildnis. Und doch beherrscht er sie in seiner bleichen Unwirklichkeit, nur der Schein des Mondes ist es, der diesen Bergen, Wäldern und Felsen ausdrucksvolles Eigenleben gibt.
Wie jetzt ganz hoch obend am Berge ein zitterndes Heulen 'erwacht, ist dies wie ein müder Sammelruf der Wildnis zur Abwehr gegen den alles vereisenden Frost. Und da knirscht auch schon der Schnee von eiligem Geläuf, das rasch näher kommt, den Bach überfällt und jenseits in den Eichenwald eintaucht. Plötzlich treten schwarz und gedrungen drei Wölfe in den hellen Mondschein des schneefreien Hanges aus. Einer voran, zwei andere dicht nachdrängend, die massigen Schädel sich zugewandt, mit fletschendem Fang und bösem Knurren. Wie aber die Wölfin einen Augenblick Halt macht und nach ihnen zurückschaut, fallen die zwei Rüden übereinander her, suchen sich zu fassen, unterzukriegen. Tosend kracht der Schnee, klappen die Gebisie — da merken sie, daß die Wölfin weitergeeilt ist, schon im Wald des Steilhanges links verschwunden, sogleich lassen sie voneinander ab, und jagen ihr in langen Sätzen nach.
Ist es nicht seltsam, daß gerade in der harten Hungerszeit des Winters die Geschlechter der Tiere ihre hohe Zeit der Vereinigung haben? Geschieht dies nur deshalb, damit das werdende Leben mit dem steigenden Jahr in die Welt eintreten kann? Oder —'hat dies der Wille aller Schöpfung darum so eingerichtet, daß es nur jenen Tieren, die Not
und Hunger zu überstehen vermochten, den Kampfbewährten und vom Kampfwillen Durchglühten vorbehalten ist, das kommende Geschlecht zu zeugen ...
Wie mit klopfendem Pulsschlag umfängt die Stille der Winternacht die Einsamkeit der Berge. Ein Summen ist über dem Walde, als steigen aus endlosen Tiefen keimende Säfte empor, um einen noch fernen, jäh anbrechenden Tag vorzubereiten. Oder, war dieses geheime Raunen nur der Schwingenschlag des Uhus, der auf einmal wieder da ist, um dunkel und breit schattend zwischen den Felsen durch die Klamm zu schweben, dem Osten zu, der ihn ganz fern aufnimmt?
Der Uhu ging den Morgen zu holen ...
Zwei Männer und vier Glas Bier.
Zwei Männer, nennen wir sie Schulz und Schmidt, begegnen sich auf der Straße.
„Nett, daß wir uns mal wieder treffen, alter Freund!" sagt Schulz. „Gehen wir einen Augenblick hier in die Kneipe — ich gebe einen aus für uns beide."
„Reizend von dir, daß du einen ausgeben willst!" sagt Schmidt. „Nehme ich mit Dank an!"
„Zwei große Hell, Herr Ober!" sagt Schulz. Sie trinken. Sie unterhalten sich. Die Gläser werden allmählich leer.
„Na, alter Freund, trinken wir noch einen, weil ’s so nett ist?" sagt Schmidt. „Ich gebe einen aus für uns beide."
„Reizend von dir, daß du einen ausgeben willst!" sagt Schulz. „Nehme ich mit Dank an!"
„Herr Ober, zwei große Hell!" sagt Schmidt.
Sie trinken. Sie unterhalten sich. Die Gläser werden allmählich leer. Sie zahlen.
Schulz sagt: „Also ich hatte ein Bier für den Herrn da und eins für mich, Herr Ober."
Schmidt sagt: „Und ich hatte eins für den Herrn da und eins für mich, Herr Ober."
Dann gehen sie. Dann verabschieden sie sich voneinander.
Reizender Mensch, dieser Schulz! denkt Schmidt. Immer spendabel! Muß einen immer gleich einladen!
Reizender Mensch, dieser Schmidt, denkt Schulz. Immer freigebig! Muß einen immer gleich traktieren!
— Und wenn Schulz und Schmidt jemals auf den Gedanken kommen, daß jeder die zwei Glas Bier, die er getrunken i)at, selber bezahlt hat, dann will ich für meine Person kein Bier mehr im Leben trinken! Joachim Lange. ,
Schwarze Tiger.
Kürzlich ist in dem Wald von Dibrugarh in Assam ein prachtvoller schwarzer Tiger lebendig gefangen worden. Ein solcher Fang ist ein ungeheurer Glücks- fall, der dem Jäger ein kleines Vermögen einbringt. Schwarze Tiger, so schreibt der bekannte englische Zoologe Oliver G. Pike anläßlich dieses Fanges, find noch seltener als weiße Elefanten. In Indien find augenscheinlich nur drei frühere Exemplare festgestellt worden, einer im Jahre 1846, der zweite 1914 und der dritte 1928. Alle wurden in Assam oder Burma gefunden oder gesehen. Zwei von ihnen waren tot, und die Kadaver waren so zerstört, daß es unmöglich war, sie zu erhalten; der dritte wurde verwundet, entkam aber. Die schwarzen Tiger müssen alle ihre List zusammennehmen, um sich den Nachstellungen ihrer Feinde zu entziehen. Der uns bekannte gelb und schwarz gestreifte Tiger ist dem Dschungel wunderbar angepaßt, um sich darin zu verbergen, während der schwarze sich scharf aus seiner Umgebung abhebt.
Die Wissenschaft hat als Gegenstück zum Albinismus den Ausdruck Melanismus in der Zoologie eingeführt, beide Erscheinungen kommen bei den wild lebenden Tieren vor. In Indien ist der Melanismus seltener als der Albinismus, aber im tropischen Amerika ist beides bei den Säugetieren verhältnis- mäßig häufig. Der Melanismus wird durch cm außerordentliches Uebermiegen des schwarzen Pigments verursacht, der Albinismus hingegen durch einen Mangel daran. Albinos haben gewöhnlich rosa Augen und sind unfähig, das grelle Sonnenlicht wie ihre normalen Genoffen zu ertragerr. Bei Vögeln ist der Albinismus häufiger als bei Säugetieren. Man darf ihn jedoch nicht mit der gewöhnlichen Veränderung verwechseln, der gewisse Tiere alljährlich zu Beginn des Winters unterliegen. Der Berghase zum Beispiel, der im Sommer braun ist, wird, wenn die Berge voller Schnee liegen, weiß; und ebenso vertauscht das Schneehuhn sein braunes Sommcrgefieber im Winter mit weißem Federschmuck. Das im Sommer bräunliche Hermelin liefert uns im Winter den berühmten weißen Pelz.
Der „weiße Elefant" ist ein sehr seltenes, fast sagenhaftes Tier. Ein König von Siam schenkte einst ein Exemplar einem verhaßten Rivalen. Der weiße Elefant gilt im ganzen Orient als heilig und ihn umEommen zu lassen, würde als schweres' Verbrechen angeshen werden. Nun war aber der Appetit dieses Tieres fo ungeheuer, daß der neue Besitzer dadurch zugrunde gerichtet wurde, und der König hatte seine Rache.


