M. 28 Erstes Blatt
187. Jahrgang
Mittwoch, 3. gebruar 1937
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Wieder getrennte Verkehrsministerien.
Oorpmüller zum Veichsverkehrs-, Ohnesorge zum VeichSpostminister ernannt.
Berlin, 2. Febr. (DRV.) Aus Anlaß der endgültigen Unterstellung der Deutschen Reichsbahngesellschaft unter die Hoheit der Reichsregierung hat der Führer und Reichskanzler angeordnet, daß die Personalunion in der Leitung des Reichsverkehrsministeriums und des Reichspostministeriums wieder aufgehoben wird und die beiden Ministerien wie früher von je einem Reichsminister verwaltet werden. Zum Reichsverkehrsmini st er hat der Führer und Reichskanzler den Generaldirektor der Deutschen Reichsbahngesellschaft, Dr. Julius Dorpmüller ernannt, der bis zur Durchführung der geplanten Reuorganifation gleichzeitig Generaldirektor der Deutschen Reichsbahngesellschaft bleibt. Zum R e i ch s p o st m l n i st e r hat der Führer und Reichskanzler den Staatssekretär im Reichspostministerium, Dr. Ohnesorge, ernannt. Dem aus seinem Amt ausscheidenden Reichsverkehrsmlnister Freiher von (Llh-Rübenach hat der Führer in einem Schreiben feinen Dank für die geleisteten Dien sie zum Ausdruck gebracht.
Mchsverkehrsminister Dr. Dorpmüller.
1869 wurde Julius Dorpmüller als Sohn eines Eisenbahningenieurs zu Elberfeld geboren. Er studierte das Jngenieurbaufach und begann 1893 in Aachen feine Laufbahn bei den Preußischen Staatseisenbahnen. 1907 wurde er zur Uebernahme der Stellung als Leiter des technischen Büros der Schantung-Eisenbahn-Gesellfchaft in Tsingtau, beurlaubt. Als Chefingenieur leitete er den Bau des 700 Kilometer langen Nordabschnittes der Tientsin-Pukow-Bahn, deren Betriebsführung er auch übernahm. Nachdem China 1917 in den Weltkrieg eintrat, entzog er sich der drohenden Internierung durch die Flucht über die Mandschurei, Sibirien und Rußland nach Deutschland. Bei Kriegsende war er im Feldeisenbahndienst tätig. 1919 wurde er Streckendezernent bei der Reichsbahndirektion Stettin und im Dezember Oberbaurat bei der Reichsbahndirektion Essen. Don 1922 bis 1924 leitete er die neuerrichtete Reichsbahndirektion Oppeln und vertrat in Verhandlungen mit Polen die deutschen Interessen. 1924 als Präsident der Eisenbahndirektion nach Essen versetzt, arbeitete er während der Besatzungszeit unter den schwierigsten Verhältnissen und erwarb sich große Anerkennung im Ruhrgebiet. 1925 wurde er Stellvertreter des Generaldirektors der Deutschen Reichsbahn. Im Dezember 1925 zeichnete ihn die Technische Hochschule in Aachen mit der Würde eines Dr.-Jng. e. h. aus. Seit 1926 leitet er als Generaldirektor die Reichsbahn. Bei der Gründung des Unternehmens „Reichsautobahnen" wurde Dorpmüller der Vorsitz des Verwaltungsrates und des Vorstandes des neuen Unternehmens übertragen.
Die Verdienste Dr. Dorpmüllers bei der Führung der Deutschen Reichsbahn, des größten Unternehmens der Welt, haben internationale Anerkennung gefunden. In seine Amtszeit als Gene
raldirektor fiel nach der Inflatton Aufbau und Vereinheitlichung der gesamten Reichsbahn in organisatorischer, technischer und betrieblicher Hinsicht zu dem leistungsfähigsten Unternehmen, das in der Hand des Staates Dienst am Volksganzen leistet. Dabei zeigte sich Dr. Dorpmüller stets als Förderer des Fortschritts. Es sei hierbei nur erinnert an die enge Verbindung der Reichsbahn mit der Lufthansa, an die Motorisierung des Eisenbahnbetriebes und an den Einsatz der Kraftwagen in den Reichsbahnverkehr. Ein besonderes Verdienst erwarb sich Dr. Dorpmüller mit der finanziellen Gesunderhaltung der Reichsbahn trotz aller Schwieriakeiten, die die Nachkriegszeit der deutschen Wirtschaft gebracht hat. So ist es der Persönlichkeit Dr. Dorpmüllers zu verdanken, daß nach der nationalen Erhebung die Deutsche Reichsbahn dem nationalsozialistischen Staat als ein voll leistungsfähiges Unternehmen zur Verfügung gestellt werden konnte, um sogleich tatkräfttg an der Arbeitsbeschaffung und am neuen Aufbau mitwirken zu können. Der Führer zollte der Reichsbahn bei der Jahrhundertfeier der deutschen Eisenbahnen im Dezember 1935 seine besondere Anerkennung. Die höchste Auszeichnung verlieh der Führer ihr aber am 30. Januar 1937, als er sie wieder ganz der Hoheit des Deutschen Reiches zurückgab.
ReichSpostmimsierDr.Ohnesorge
Wilhelm Ohnesorge wurde 1872 als Sohn eines Telegraphenbeamten in Gräfenhainichen geboren. Schon mit 18 Jahren trat er als Eleve bei der Oberpostdirektion Frankfurt am Main ein. Nachdem er 1897 die höhere Staatsprüfung abgelegt hatte, studierte er Mathematik. 1902 kam er zur Oberpostdirektton Berlin, von der er bei Beginn des Weltkrieges als Referent für das Nachrichtenwesen bei der Obersten Heeresverwaltung abberufen wurde. Bis Kriegsende leitete er die Tel e- graphendirektiondes Großen Hauptquartiers. Dr. Ohnesorge wurde mit dem E i - fernen Kreuz I, und II. Klasse ausgezeichnet. 1919 übernahm er die Leitung der Oberpostdirektion Dortmund. Von dort wurde er 1924 an die Oberpostdirektton Berlin berufen. Als Mann der Technik übernahm er im Jahre 1929 die Leitung des Reichspostzentralamtes Berlin-Tempelhof, bis er am 1. März 1933 als Staatssekretär in das Reichspostministerium berufen wurde.
Als alter Gefolgsmann des Führers, der schon im Jahre 1920 der NSDAP, beitrat und die Mit- §liedsnummer 42 führt, gründete er im gleichen ahre die erste Ortsgruppe außerhalb Bayerns in Dortmund. Dr. Ohnesorge hat sich auf dem Gebiet der Technik, vor allem des Fernsprechwesens größte Verdienste erworben, die in der ganzen Welt Anerkennung gefunden haben. Er war Mitglied des Verwaltungsrates der Reichsbahn, des Kuratoriums für Schwingungsforschung, des Ausschusses des Deutschen Museums und Vorstandsmitglied des Vereins Deutscher Ingenieure. Diele Jahre stand er an der Spitze des Verbandes Deutscher Elektrotechniker. Damit gelangt einer der hervorragendsten Kenner der Verkehrstechnik und des Poftwesens an die Spitze der Deutschen Reichspost.
L’Italia in cammino.
Don Dr. Franz Lüdtke.
Wie kein anderes Land Europas hat Italien Fremdherrschaft und Unfreiheit und dadurch lange Zeit eine grenzenlose Parteizerklüftung ertragen nriiffen — fast ein und ein halbes Jahrtausend hindurch. Welch ein Abstieg: vom Imperium, das die alte Welt beherrscht, herabzusinken zu einem Lande, das nur noch Spielball fremder Nationen und Interessen ist! Im 19. Jahrhundert, das bei allen Völkern den Nationalismus zum Siege führt, besitzt das zersplitterte Italien nur eine einzige italienische Regierung, die des Hauses Savoyen. Sonst besehlen Fremde und halten mit dem System Metternichs und den Waffen Frankreichs den Auf- stteg des gequälten, unglücklichen Landes nieder.
Man muß sich solche Tatsachen, die dort noch längst nicht vergessen sind, vergegenwärtigen, muß die Geschichte dieses unbarmherzig behandelten Landes kennen, wenn man seine neue Entwicklung verstehen will. Man konnte Italien die Freiheit nehmen, nicht aber die Sehnsucht nach ihr und nicht die treibende, spornende Erinnerung an eine gewaltige Vergangenheit. Das sind Werte, die gerade wir Deutschen — aus eigenem aeschichtlichen Leben heraus — erkennen und anerkennen. Und man konnte ihm auch noch ein anderes nicht nehmen: die Kräfte eines Blutes, das ein volles Jahrtausend lang vom germanischen Raum her beeinflußt und erneuert wurde.
Jedes revolutionäre Volk fühlt sich jung — und ist jung. Aus dem scheinbar vergreisenden Italien des 17. und 18. Jahrhunderts erhob sich die „Nuova Italia“ — erwuchs das Zauberwort, das ein neues, junges Geschlecht zum Tatwillen schmiedete: II Risorgimento. So hieß die Zeitschrift des Grafen Cavour, der die Einigung des Landes vorbereitete (wenn auch nicht mehr selbst erlebte) — so hieß der Schlachtruf, der einer ganzen Generation Kraft und Schwung lieh: Wiederauferstehung! Unter der Idee des Risorgimento vollzog sich — bei günstiger Ausnutzung der preußisch- deutschen Siege von 1866 und 1870 — Italiens Einigung. Sie war der erste Schritt. Mit jeweils wechselnd eingestellter Politik ging man dem Ziel entgegen: wirkliche Großmacht zu werden. Das neue Italien ist durchaus Erbe der altrömischen Politik des Realismus. Es bestreitet das auch nicht-, es hat ihr den verpflichtenden Namen des „sacro egoismo“ gegeben. Was sagt Mussolini? „Die Geschichte läßt sich mit Wenn und Aber nicht rückwärts konstruieren; sie hält auf ihren unsterblichen Seiten nur fest, was sich tatsächlich ereignet hat — aber sie geht hinweg über Möglichkeiten und verachtet Hypothesen."
Von Cavour, den man den Bismarck Italiens genannt hat, bis Mussolini ist eine gerade, ungebrochene Linie. Italiens große Tatsache ist d a s Mitte l m e e r — sein Schicksal. Nur über das Mittelmeer konnte der Aufstieg erfolgen. So ist C r i s p i s gesamte Polittk auf dieses Meer eingestellt — nicht etwa nur auf die Adria, das Italien mit Selbstverständlichkeit als „mare nostro" betrachtet, Crispi hat Frankreichs Vorgehen in Tunis nie anerkannt, und schon damals Tripolitanien besetzen wollen. Der Dreibund schuf ihm die Sicherung des Erfolges. Doch am Einspruch der Mächte scheiterte der Versuch, um 30 Jahre später bei veränderter Weltlage durchgeführt zu werden. Aber schon in den 80er Jahren kämpfte Italien um Ostafrika, um Abessinien — unglücklich, und unglücklicher noch von seiner Kolonie Eritrea aus in den 90er Jahren. Immer ist es der Gedanke an das Mittelmeer, der Italien treibt, und so erfüllt sich das geopolitische Gesetz, daß Staaten, die an der einen Seite an ein Meer grenzen, dieses auch von der anderen Seite her zu umfassen versuchen. Das Mittelmeer läßt nach dem „Risorgimento" Italien nicht mehr los, der altrömische Mittelmeergedanke hat an politischer Schlagkraft nichts eingebüßt.
Trotz der innerpolitischen Kämpfe, die den Staat lange lähmten, blieb der völkische Gedanke kraftvoll am Leben und gab der Außenpolitik die Richtung. Die Bewegung des „Nazionalismo", durch die all- italienischen Kongresse in Rom (1908) und Forli (1912) außerordentlich belebt, gab dem Risorgimento erst die Vollendung. Wohl hatte Italien durch den Weltkrieg an Macht gewonnen, aber für seinen Weiteraufstieg schien es keine weltpolitischen Möglichkeiten mehr zu geben. Im Mittelmeer stand, wie vor dem Kriege, Frankreich im Wege. Italien wurde um seine Hoffnungen betrogen, zudem im Innern durch Demokratie und Bolschewismus ruiniert. Da erwuchs aus dem nationalen Sozialismus und dem Willen des Frontkämpfertums — in Mussolini zusammengefaßt — der Faschismus. Das „Sempre avantt!" des savoyischen Königshauses, unter dem das Risorgimento Wirklichkeit geworden, wurde zur Losung der Nation
Als Italien nach Abessinien ging, sprach man von „Abenteuern". Doch man vergaß, daß nach seinen Grundsätzen — und hier lehnt sich Mussolini an den von ihm außerordentlich geschätzten Friedrich Nietzsche an — das „Leben gefährlich" ist. In dem Duce scheint irgend ein Kriegsmann, ein Cäsar römischer Vorzeit neu erstanden; in jeder Phase feiner Entwicklung ist er der Krieger, der Kämpfer. Er „abenteuert" nicht, denn sein Handeln, ob innen-, außen- oder kulturpolitisch, dient der Idee. Italien ist ihm Idee, ganz weit gefaßt, imperialistisch weit! Er will die Macht nur als Grundlage, als Sprungbrett für die Verwirklichung der Idee. Er ist ergriffen von der Sendung der Latinität. Ob er die Pontinifchen Sümpfe austrocknet und Neuland schafft, ob er Jahrtausende zurückgreift und versunkene Kaiserschiffe heben läßt — die Gegenwart und die Vergangenheit verschmel
zen in seinem Tun zur Ueberzeitlichkeit der „Idee Italien", der er und der Faschismus auch in neuen kultischen Formen dient.
Er wußte, daß Italien seine mittelmeerische Welt- machtpolittk nur mit einem Heer, einer Flotte und einer Eigenindustrie von Rang zu führen imstande sein würde. So schuf er dies alles und sicherte feinem Lande den Erfolg. Er wies feinem erwachten Volk die Linie, die von Cavour und Garibaldi durch Generationen von Politikern, Dichtern, Soldaten, von Gläubigen und Stürmern zu Musso- lini leitet, und die von der Auferstehung, dem Risorgimento, zum endgültigen Emporstieg führen foll, wie der bedeutendste Historiker Italiens, Giovachino Volpe, es in feinem Buch: „Ultalia in cammino“ kündet. „Italien im Gipfelstieg!" Darum wird auch der Duce, wie er wiederholt eindeutig verkündet hat, im Mittelmeer nie ein bolschewistisches Staatswesen anerkennen, das andere Völker zu zerrütten und zu knechten strebt. Das Italien des „in cammino“ lehnt in feinem Bereich den Ungeist des heutigen Moskau ab; es besitzt eine eigenständige Idee, und es weiß, daß nur b e r Dienst an ihr wirklich zum Gipfel führen kann.
Der Kommunismus in England.
Starke Abwehrbewegung gegen die kommunistische Zersetzungsarbeit.
London, 2. Febr (DNB.) In London wurde eine Anti-Kommunistische Ausstellung durch den konservativen Unterhausabgeordneten General Henry Page C r o f t eröffnet. Der Redner beschuldigte die britischen Kommunisten der Zersetzungsarbeit in den drei Waffengattungen, den englischen Werften und Munitionsfabriken. Den Befürworter einer englischen Volksfront, den Abgeordneten der Labour-Party Sir Stafford Cripps, bezeichnet General Croft als einen Verbündeten der Kommunisten. Er fragte die Hörer, ob sie sich der Tatsache bewußt seien, daß der kommumsttsche
Flügel der sogenannten Volksfront in England durch große finanzielle Zuwendungen der Stalin- schen Organisation ausgehalten werde? Der Plutokrat Sir Stafford Cripps, der fein gewaltiges „proletarisches Einkommen" von kapitalistischen Kunden beziehe, habe erst kürzlich erklärt, daß mit Hilfe des Klassenkampfes in England eine Revolution angezettelt werden müsse. Die Kommunisten führten Krieg gegen das Gebäude der britischen Gesellschaftsordnung. Seit jeher sei England ein Asyl für die Verfolgten anderer Länder gewesen. Man habe diesen Leuten gestattet, s i ch auf Kosten der britischen Wettbewerber zu bereichern. Aber wenn diese fremden Gäste, nachdem sie das britische Bürgerrecht erworben hätten, in den Rücken derer fallen, die sie gefüttert hätten und sich anschickten, die unreife britische Jugend dem Kommunismus in die Arme zu treiben und sie veranlaßten, ihrer eigenen Rasse gegenüber untreu zu werden, so müsse die Warnung ausgesprochen werden, daß alles seine Grenzen habe. Als Mann mit britischem Blut in den Adern warne er die Kommunisten, das britische Volk werde sie mit Ungestüm von dem Boden Englands vertreiben. Er hoffe, daß es soweit nicht kommen werde, sondern durch die Mobilisierung der öffentlichen Meinung gelinge, auf verfassungsmäßigem Wegs zu zeigen, daß England diese giftigen Bazillen in feiner Mitte nicht dulden wolle.
Wachsende Hungersnot in Madrid.
London, 3. Febr. (DNB. Funkspruch.) „Daily Expreß" berichtet, in Madrid sehe man Kinder, die sich um schmutzige Abfälle reißen, die man bereits auf die Straße geworfen hatte. Einige Leute essen bereits ihre Katzen. Dafür werde die Bevölkerung mit bolschewistischer Propaganda gefüttert. Drei Lichtspieltheater Madrids seien ausschließlich für Filme reserviert, in denen der sowjetrussische Bolschewismus verherrlicht werde. Am Ende jeder Vorstellung in den Lichtspieltheatern werde die Jnternattonale gespielt.
Was ist Wehrpolitik?
Von Generalleutnant a. O. von Mehsch.
Es ist schlimm, daß man die Titelfrage heute noch öffentlich aufwerfen muß. Man könnte im vierten Jahre des Dritten Reiches meinen und hoffen, daß jeder Volksgenosse diese Frage zu beantworten wüßte. Aber davon ist leider gar keine Rede. Vielmehr ist es Tatsache, daß Millionen, so befragt, die Antwort nicht nur schuldig bleiben, sondern gar nicht ahnen, daß sie damit zugleich die Frage offen lassen, warum mir den Weltkrieg verloren haben! Wir haben ihn militärisch bestanden und sind wehrpolitisch durchgefallen. Wir sind seitdem — oder wir sollten es vielmehr sein — um die eine große, einfache Erfahrung reicher, daß Kriege mit militärischen Mitteln allein nicht mehr gewonnen werden können, sondern auch mit wirtschaftlichen und kulturellen Mitteln geführt werden müssen. Da nun unter Wehrpolittk doch natürlich die Politik verstanden werden muß, mit der sich ein Staat wehrt, so kann das nur eine Politik sein, welche die militärischen und die wirtschaftlichen und die kulturellen Wehrmittel pflegt. Daraus geht klar hervor, daß Wehrpolittk keine fachliche Angelegenheit ist, die sich auf das militärische Gebiet beschränkt, sondern ein politischer Begriff, der sowohl die militärischen als auch die wirtschaftlichen und kulturellen Belange der Nation, insoweit sie irgendwie wehrbrauchbar sind, umfaßt.
Daraus folgt weiter, daß Wehrpolitik jeden deutschen Mann und jede deutsche Frau angeht, gleichviel wo sie stehen und was sie tun. Nicht so zwar ist das zu verstehen, daß sich nun jeder Volksgenosse aktiv in die Wehrpolittk der Führung einmischen soll. Wohl aber so, daß jeder und jede Deutsche Verständnis für die wehrpolitischen Notwendigkeiten des Staates und damit der Nation haben muß. Wenn dieses wehrpolitische Verständnis fehlt, wird es auch an verstehender Gefolgschaft fehlen. Es werden sich, ttotz allen Vertrauens, aus wehrpolittschem Unverstand wehrpolittsche Widerstände in Gestalt von Hemmungen und Reibungen ergeben, die nicht auf bösem Willen, sondern auf unzulänglichem Wissen beruhen. Dor allem aber wird es am inneren Anteil des Einzelnen an den wehrpolitischen Schwierigkeiten des Ganzen mangeln, und diese Schwierigkeiten werden nur dann befriedigend gemeistert werden, wenn die wehrpolitischen Zusammenhänge, die zwischen den militärischen, wirtschaftlichen und kulturellen Belangen bestehen, dem Volke schon im Frieden einigermaßen vertraut sind.
Das ist leider noch nicht in dem erwünschten Umfange der Fall. Wehrpolitik wird noch immer hie und da für eine Kasernenangelegenheit gehalten. Daß sie aber im Bäckerladen sehr fühlbar werden kann und in der Schulstube leicht faßbar erklärt werden muß, diese Einsicht ist einstweilen noch nicht genügend verbreitet. Recht verbreitet ist aber eine Art von Gleichgültigkeit gegenüber wehrpolitischen Belangen und eine Unwissenheit über wehrpolitische Zusammenhänge, die den ernsten Zukunftsmöglichkeiten unserer Außenlage schwerlich entspricht. Gewiß ist der Führer mit allen erdenklichen Mitteln bemüht, der friedliebenden Nation den Frieden zu erhalten. Gewiß ist das Friedensbedürfnis auch in anderen Völkern ähnlich stark. Gewiß wird der verbrecherische Versuch, Deutschland mit Erfola anzugreifen, immer aussichtsärmer. Allein, die Geschichte weiß leider auch von höchst unvernünftigen Kriegen, von schicksalhaften Völkerprüfungen zu höchst unwillkommener Zeit, von Zusammenstößen in höchst unvorteilhafter Lage, vom Zwange, sich zu wehren, ohne den geringsten Drang zur Waffe zu greifen. Alle diese Sorten, für welche die Völkergeschichte unzählige Beweise kennt, sind nicht mehr nur mit militärischem Können zu meistern. Dazu ist vielmehr ein wehrpolitisch aufgeklärtes Volk vonnöten, das sich mit allen wehrbrauchbaren Faktoren feiner gesamten Wehrkraft in die Waagschale wirft und es nicht der militärischen Wehrmacht allein überläßt, bi* Lasten des Kampfes zu tragen. Um diese wehr- brauchbaren Elemente außerhalb der Wehrmacht wissen; die gegenseitige Abhängigkeit der militärischen, wirtschaftlichen und kulturellen Wehrteilkräfte kennen; wissen, daß die Wirtschaft die Wehrmacht und die Kultur beide in ihrem Widerstandsvermögen stärken kann und stärken muß, — das ist wehrpolitisches Verständnis, und diese Aufgeschlossenheit ist seit dem Weltkriege eine absolut unentbehrliche Voraussetzung erfolgreicher Wehrpolittk geworden. Erst bann wird die militärische Wehrfront die wirtschaftliche und kulturelle Wehrtiefe haben, die nötig ist, um nachhaltigen Widerstand zu leisten. Erst dann wird alle wehrorganisatorische Arbeit den gesamten Volkskörper zum Wehroraan der soldatt- schen Gemeinschaft machen. Erst Dann kann die Wehrpolittk zu dem wehrbrauchbaren Kräftebündel gelangen, in dem, neben dem militärischen Instrumente keine personelle und materielle, keine wirt- schafttiche und kulturelle Teilkraft fehlt.
Wir haben diesen einfachen Gedanken schon so. oft in Wort und Schrift ü er treten, daß es uns fast' überflüssig erscheint, ihn zum xten Male zu wiederholen. Aber wir müssen leider immer von neuem feststellen, daß das allgemeine wehrpolittsche Verständnis zum Teil geradezu erschreckend weit hinter den wehrpolitischen Notwendigkeiten der Lage Deutschlands zurück bleibt. Millionen von Volksgenossen werden so refttos von ihrem persönlichen Daseinskampf oder Daseinsinteresse in Anspruch genommen, daß keinerlei Anteilnahme an wehrpolitischen Belangen übrig bleibt, zumal, wenn sie völlig abseits von den eigenen, persönlichen Lebensnotwendigkeiten zu liegen scheinen Aber das scheint eben nur so. Eines Tages wird sich offenbaren, daß


