ttr.281 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, 2. Dezember (957
Aus der Stadt Gießen.
Klimatologische Eigenheiten des Dezember.
In der meteorologischen Rechnungsweise zählt der Dezember als der erste Wintermonat. In der astronomischen Rechnungsform beginnt der Winter erst am 21. Dezember. Das letztere Datum hat mit den Wetterverhältnissen auf dem Erdball nichts zu tun, es ist auf bestimmte, allgemein bekannte Sternkonstellationen abgestellt. Aber die Wetterform in der Erdatmosphäre kümmert sich in keiner Weise um die astronomischen Vorgänge im weiten Weltenraum. Wenn der Dezember ins Land zieht, haben wir meistens bereits einige Kostproben des Winters gehabt. Unser Klima neigt namentlich in den letzten Jahrzehnten zu mehr oder weniger ausgeprägten Frühwinterperioden, die gewöhnlich im November sich einstellen. In diesem Jahre sind die winterlichen Wetterlagen — allerdings nur schwach ausgeprägt — zum Teil in der ersten Dekade des November, zum Teil in der dritten Dekade eingetreten. Fast allgemein ist der erste Schnee im November gefallen, wobei die norddeutschen, ostdeutschen und süddeutschen Landgebiete bereits für einige Tage eine zusammenhängende Schneedecke erhielten. Im Westen des Reiches ist es dagegen bis auf die Gebirgslagen bei Plackschnee geblieben, der größte Teil des Rheinlandes hat noch keinen Schnee beobachtet.
Der Dezember als erster Wintermonat bringt in allen Jahren — Ausnahmen sind in diesem Falle ganz selten — den wirklich ersten stärkeren Frost, verbunden mit Schnee. Diese Schnee- und Frvst- periode stellt sich für gewöhnlich in der ersten Monatshälfte, also vor dem 15. Dezember ein, findet in der Zeit vom 10. bis 20. Dezember ihren Höchstpunkt, um schneller dann wieder abzuschwächen. Aus dieser Abschwächung der winterlichen Kraft entstehen die bekannten Wärmewellen und Tauwetterperioden gerade um die Weihnachtszeit. Es ist eine eigenartige Erscheinung unseres mitteleuropäischen Dezemberklimas, daß es in dem letzten Monatsdrittel einen starken Wettersturz bringt, der die vorherige winterliche Pracht gerade während der Festtage zum Schmelzen bringt. Wenn man auch hier nicht von einer unbedingt eintreffenden Regel sprechen kann — in 20 von 100 Fällen haben wir auch weiße Weihnachten — so ist doch im allgemeinen die pessimistische Stimmung für das Weihnachtswetter berechtigt, jedenfalls in der nordwestdeutschen Landeshälfte.
Wir sagten, daß der Dezember die ersten strengeren Fröste bringt. Man versteht darunter Tiefstwerte von 10 bis 15 Grad unter Null, die vorzugsweise im deutschen Osten, oder auf der bayerischen Hochebene zu erwarten sind, im Westen des Reiches rafft sich der Dezemberfrost nur selten zu Kältegraden von mehr als 10 empor. Eine interessante und durchaus noch offen stehende Frage ist, ob der kommende Dezember schneereich wird. Nach den Feststellungen der meteorologischen Statistiken in den letzten Monaten, gerechnet ab September, verzeichnen wir in den meisten Teilen Mitteleuropas, insbesondere in West-, Nord-, Mittel- und Ostdeutschland eine Niederschlagsarmut, die auf die Sommerperiode Übertragen eine katastrophale Dürre hervorgerufen hätte. In den letzten Wochen ist durchschnittlich nur ein Achtel der normal zu erwartenden Niederschläge eingetreten. Dementsprechend verzeichnen ja auch die Flüsse und Talsperren einen ungewöhnlich niedrigen Wasserstand, der sich im nächsten Sommer bedenklich auswirken könnte, wenn bis dahin keine umfassende Zunahme der Niederschlagstätigkeit eintritt. Diese Armut an Niederschlägen wirkt sich natürlich auch auf die Wünsche nach ausreichender Schneelage in den Bergen aus, die man für die kommenden Wochen erwartet. Auch die bisherigen Schneemengen in den Bergen sind erheblich unter dem Normalmaß geblieben.
Wir sehen, daß der beginnende Dezember gerade in diesem Jahr mancherlei interessante und saisonwirtschaftlich wichtige Fragen völlig offen läßt.
„Tag -er Nationalen Solidarität."
3um 4. Dezember.
Der kommende Samstag ist der „Tag der Nationalen Solidarität". Zum vierten Male nehmen an diesem Ehrentag des neuen Deutschland wieder Minister, Reichs- und Gauleiter, Führer der Partei und ihrer Gliederungen, Staatsbeamte, leitende Persönlichkeiten der Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft, Männer der Presse usw., die Sammelbüchse in die Hand, um denjenigen zu dienen, die aus eigener Kraft die Not des Winters nicht bannen können.
Dienst an diesen Volksgenossen ist Dienst am Volke, ist wahre Solidarität.
Die Leistungen des Winterhilfswerks find gewaltig, sie find in der Welt beispiellos. Die Aufgaben, die das Winterhilfswerk zu erfüllen hat, find außerordentlich groß. Es soll je nicht nur die Not unter den Aermsten der Armen notdürftig behoben, sondern es soll wirklich geholfen werden, fo daß auch diese Volksgenossen fühlen, daß sie wertvolle und nicht lästige Glieder der großen deutschen Volksgemeinschaft sind, daß sie dasselbe Recht auf das Leben wie alle anderen haben.
Die Anforderungen, die sich aus dieser nationalsozialistischen Grundeinstellung für das Winterhilfswerk ergeben, sind riesengroß. CEs ist deshalb Pflicht jedes deutschen Volksgenossen, am „Tag der Nationalen Solidarität" seine Solidarität durch die Tat zu beweisen und zu opfern.
Die Ergebnisse der vergangenen Jahre am „Tag der Nationalen Solidarität" waren stolze Zeugen für die deutsche Volksgemeinschaft: das Ergebnis dieses Jahres soll ein herrlicher Sieg des Opfers werden, um der Welt zu beweisen — die das deutsche Winterhilfswerk wie ein unfaßbares Wunder bestaunt, wenn sie es auch nicht immer eingesteht —, daß die Kraft und Stärke dieser deutschen Volksgemeinschaft noch größer geworden ist.
Wer am 4. Dezember nicht nur spendet, sondern wirklich opfert, der hilft nicht nur seinen armen Volksgenossen, sondern der hilft Deutschland auch im Urteil der Welt. Denkt daran, ihr deutschen IHänner, ihr deutschen Frauen am „Tag der Nationalen Solidarität"!
Enge Zusammenarbeit zwischen Medizinstudentin und BDM.
NSG. In Gießen fand eine Besprechung zwischen der Obergauführerin des BDM. und den Medizinstudentinnen der Universität Gießen statt, in der die Möglichkeiten und Form einer engen Z u - fammenarbeit zwischen Medizinstu- bentin und BDM. geklärt wurden. Als Erfolg dieser Zusammenkunft konnte bereits ein Plan aufgestellt werden, nach dem Arbeitsgemeinschaften gegründet werden und eine ständige Zusammenarbeit gewährleistet ist. Ein Treffen der Frankfurter Studentinnen wird folgen. Damit ist die Mitarbeit der Medizinerinnen im BDM. für den Gau Hessen-Nassau als erstem im Reich positiv eingeleitet. Mit der Führung der Sonder- gruppe Gießen wurde Dr. Elsbeth Kalbfleisch, Gießen, mit der Führung der Frankfurter Gruppe die stellvertretende Obergauärztin, Dr. Waltraud Kittel, Frankfurt, beauftragt.
Die Zusammenfassung der Medizinstudentinnen an den Universitäten zu BDM. - Arbeitsgemeinschaften verfolgt das Ziel, die Studentinnen von vornherein mit den Aufgaben der ärztlichen Führung gesunder Mädel vertraut zu machen. Der in Verbindung mit der Obergauärztin ausgearbeitete Dienstplan sieht vor, daß die ersten drei Semester, die ja bereits der ANST. verpflichtet sind, vom BDM. nicht beansprucht werden, während die folgenden Semester ihre besonderen Aufgaben erhalten. Semester 4 und 5 nehmen monatlich teil 1. an einem Heimabend einer BDM.-Einheit, 2. an einer B D M. - F a h r t oder Wochenendschulung und 3. zweimal an einer besonderen A r - b e i t s g e m e i n s ch a f t, die sich mit rassepolitischen und rassehygienischen Fragen befaßt und von einer BDM.-Führerin geleitet wird.
Vom 6. bis 11. Semester widmen sich die Studentinnen zweimal monatlich praktischer Betreuungsarbeit bei Untersuchungen, Ausbildung von UD.-Mädel (Unfall-Dienst-Mädel). Sie überwachen die Uebungen für das BDM. - Lei- stungsabzeichen und stehen in allen Gefundheits- fragen der aktiven Führerin beratend und helfend zur Seite. Auf Mädelschulungen und im Lager, die sie einmal monatlich besuchen, lernen sie den Gesundheitszustand und die Leistungsfähigkeit der Mädel beurteilen und werden an alle die Fragen herangeführt, die für die Gesundheitsfüh
rung der Mädel von Bedeutung sind, z. B. die ärztliche Einstellung zum Dienst, zu Sport und Fahrt, ja zu allen Fragen der Lebenshaltung überhaupt.
Besonders zu erwähnen ist noch, daß sich dieser Dienst nicht nur auf die Semesterzeit erstreckt, sondern daß die Studentin auch während der Ferien mit der BDM.-Einheit ihres Heimatortes Verbindung aufnimmt und sich besonders um die Betreuung der Sommerlager und Großfahrten kümmert.
Während das Medizinftudium die Studentin immer wieder an die kranken Menschen heransührt, stellt die Arbeit i m B D M. sie bewußt in den Dien ft des Gesunden. Gesunderhaltung und Gesundheitsförderung der Jugend ist die große Aufgabe, an der sie mitarbeiten darf und soll. Als Kamerad zur Kameradin wird sie frühzeitig hinein- geftellt in die junge Gemeinschaft, um an ihren Forderungen in das Volk von morgen hineinzuwachsen.
BDM.- u. ZM.-Untergau 116, Gießen
Dienstbefehl!
Betr.: IM. - Gruppenführerinnen- Besprechung.
Die Besprechung der IM.-Gruppenführerinnen am Freitagabend beginnt um 19 Uhr auf der Dienststelle.
Betr.: Tag der Nationalen Solidarität.
Am Tag der Nationalen Solidarität sammeln reichseinheitlich die Mädel- und Jungmädel- Gruppenführerinnen in ihren Gruppenstandorten. Die Gruppenführerinnen setzen sich mit ihren Ortsgruppenleitern in Verbindung.
Achtung Jungmädel!
Am Samstag, 4. Dezember, sammeln alle Jungmädel im Reich Kinderspielzeug. Die Jungmädelstandortführerinnen fetzen sich mit ihren Orts- gruppenroaltern der NSV. in Verbindung, damit die Sammlung klappt. Jungmädel! Es darf kein Haus vergessen werden! Sammelt mit demselben Eifer und derselben Freude, wie bei der Kinderwäschesammlung! Bis zum Mittwoch, 8. Dezember, machen die Gruppenführerinnen einen Bericht über
die Sammlung! Die Gießener Jungmädel treten wie das letzte Mal um 14.45 Uhr am Brandplatz zum Sammeln an.
Betr.: Jungmädelfchulung.
Zur Jungmädelfchulung ist noch nachzutragen, daß die Führerinnen, die konfirmiert find, vom Kirchgang im Heimatort beurlaubt find und am Schulungsort in die Kirche gehen können.
Betr.: Mädelschulung.
Die 3. Winter-Wochenendschulung für Mädelführerinnen ist am 5. Dezember. Die Schulungen beginnen in allen bereits bekannten Schulungsorten um 8 Uhr und enden zwischen 17 und 18 Uhr.
Nlädel und Iungmädel.
Betr.: Fragebogen für Heimbeschaffung.
Von folgenden Gruppen fehlen immer noch aus- gefüllte Fragebogen: M.-Gruppe 2/116 und JM.- Gruppen 1 und 3/116, von den Landgruppen 6, 7, 8, 10, 11, 12, 13, 15, 17 und 18/116. Die Frage-
gegen spröde Rau f
" Allabendlich mit Nivea-Creme die Haut geschmeidig machen. Dann trotzt sie Wind und Wet-
bogen sind entweder zu den Mädel- oder Jungmädelgruppenführerinnen gelangt. Setzt euch deshalb miteinander in Verbindung.
Betr.: Sportrundschreiben.
Es stehen immer noch eine ganze Menge Antworten aus, und zwar von den Mädel-Gruppen 1, 3, 4, 5, 7, 8, 10, 11, 12, 13, 14, 16, 18 und 19/116, und von den Jungmädel-Gruppen 1, 4, 5, 6, 7, 8, 10, 11, 13, 14, 15, 16, 17, 18 und 19/116.
Ich mahne die Gruppen zum letzten Male an, die Angelegenheit sofort zu erledigen.
liornofwen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Mädchen für alles". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Warschauer Zitadelle". — Stadtkirche. 20 Uhr Leipziger Soloquartett. — Goethe-Bund und Kaufmännischer Verein: 20 Uhr Neue Aula Vortragsabend „Svend Fleuron". — Leistungsschau der Volksschulen des Kreises Gießen in der Turnhalle der Neuen Pestalozzischule.
Weihnachtsliedersingen in der Stadtkirche.
Das Leipziger Soloquartett für Kirchengesang — Leitung Professor Röthig — wird am heutigen Donnerstag, 2. Dezember, in der Stadtkirche Weihnachtslieder fingen.
Vortrag in der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel.
Die Kreisgruppe Gießen der Wirtfchaftsgruppe Einzelhandel macht darauf aufmerksam, daß am morgigen Freitagabend im Hotel Schütz ein Vortrag über „Buchführung, Jahresabschluß, Steuererklärung" stattfindet.
WHW., Ortsgruppe Gießen-7!orb.
Betr.: Kohlenabrechnung.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine (Serie C) bis spätestens Samstag, 4. Dezember, auf der Geschäftsstelle, Walltorstraße 38, einzureichen. Später eingehende Kohlengutscheinr können nicht mehr angenommen werden. Die Gutscheine müssen auf der Rückseite mit dem Stempel ober Unterschrift der Kohlenhändler und der Unterschrift, Straße und Hausnummer des Hilfsbedürftigen verfehen fein.
WHW. Ortsgruppe G eßen-Mitte.
Betr.: Kohlenabrechnung am 3. Dezember.
Die Kohlenhändler werden ersucht, die Kohlenscheine der Serie B diesmal am Freitag, 3. D e- jember, 20.30 Uhr, auf unserer Geschäftsstelle (Zigarrenhaus Moeser, Eingang ßöroengaffe) ein-
Abenteuer im Rebel.
Von Alexander Keller.
Diese Geschichte erzählte mir Ingenieur Win- decker. Das Mädchen Karin fuhr eines Tages langsam und vorsichtig durch den Nebel, der seit den frühen Morgenstunden über der Stadt lag, und hatte das dumme Gefühl, durch einen Wattebausch zu gleiten, aus dem Wesen und Dinge schemengleich heraustraten, um gleich darauf, wie van einer Riesenhand weggefegt, wieder zu verschwinden.
Karin warf einen besorgten Blick auf die Uhr — es war elf —, dazu hatte sie noch einige Besorgungen und einen Besuch im Hotel (Dina Wansloy, eine* Freundin von auswärts, war angekommen). Der Besuch wurde abgekürzt mit Rücksicht auf die Sechzig-Kilometer-Fahrt zu Tante Agathe ... rasch einige hastige Zärtlichkeiten, ein flüchtiger Händedruck, und Karin eilte die Treppe des Hotels hinab ... Gerade als sie die Halle erreichte, schritt ein gutgekleideter, jüngerer Herr durch die Drehtür und warf einen überraschten Blick auf das Mädchen, das stehen geblieben war, um die Stulpen anzuziehen; er ging dann nach oben, blieb aber auf halber Treppe wieder stehen und rief einen Boy, dem er einen Auftrag gab — nicht ohne den Blick auf Karin geheftet zu halten. Es wurde wohlwollend aus den Augenwinkeln vermerkt. Der Boy flitzte vorbei, grinsend, und die Drehtür wirbelte herum, wobei 'sie müde Seufzer ausstieß.
Eine Minute später sprang Karin hinter den Volant und ließ den Anlasser anlaufen; sie schlug den Kragen ihrer Jacke hoch, schaltete ein, und der Wagen setzte sich in Bewegung wie ein schleichendes Tier — Nase voran ...
Scheußliches Fahren. Die Verkehrsschutzleutt schienen plötzlich alle an den verkehrtesten Orten zu stehen, und die Häuser verkrochen sich hinter wallenden Schleiern. Links war jetzt das Grammophon-Haus, nicht zu verkennen am Lautsprecher, der Tag und Nacht arbeitete ... dann kam die Kreuzung, mehr gefühlt als gesehen, dann ein kleiner Bogen ... und endlich die lange, gerade Straße, die an schönen Tagen irgendwo an die Wolken lief.
Kann wußte, daß die Straße zu dieser Tageszeit wenig oder fast gar nicht befahren war und ließ den Wagen laufen. Die Büsche, hinter denen kleine Häuser lagen, fegten vorbei, und der Motor begann zu fingen, hoch und schallend, und fraß die Straße.
Etwas stimmte nicht. Karin sah in den Rücken- Ispiegel, er war angelaufen— sie wandte sich um: hundert Schritte hinter ihr jagte ein großer, schwe
rer Wagen einher, und der Fahrer hinterm Rad, vermummt wie ein alter Turnierritter, schien aufgeregt zu sein; er gestikulierte und schrie ...
So ist das nun mal nicht, dachte Karin ein wenig erheitert; aber solche Dinge kamen vor, wenn Mädchen allein über die Straße fahren. Sie gab Gas — viel Gas. Da vorn irgendwo begann der Wald — dann mußte eine Brücke kommen; der Wagen, einmal losgelassen, stürzte in den Nebel..
Karin warf einen scheuen Blick zurück — der Mann jagte noch immer hinter ihr her. Minuten später war er noch immer da. Jetzt sprang der Wald auf — der Mann verfolgte sie unentwegt, und Karin begann nachdenklich zu werden. Der Nebel, der Wald, die einsame Gegend und der sie verfolgende Mann waren nur zu geeignet, ihrem Selbstvertrauen einen Stoß zu versetzen. Und sie holte aus dem Wagen heraus, was nur herauszuholen war; auf zwanzig Kilometer in der Runde gab es weder Häuser noch Menschen.
Wieder ein Blick zurück — er kam noch immer hinter ihr her, und wenn man seine Gesten und Schreie ernst nahm, waren seine Absichten sicher die übelsten. Einen Augenblick schwankte Karin: auf der geraden Straße konnte er sie, versagte sie auch nur einen Augenblick — sicher einholen und stellen — blieb nur eines übrig, auszuweichen. Hundert dumme Geschichten von Ueberfällen auf der Landstraße flitzten ihr durch den Kopf ... da war jetzt die Brücke, die vorbeidonnerte ... aber irgendwo weiter vorn mußte ein Weg nach rechts abbiegen, und ohne zu denken, rieß Karin das Lenkrad nach rechts und stürmte — auf zwei Rödern die Biegung nehmend — in den feutchten, schweigenden Wald. Sicher war der Verfolger jetzt an der Kreuzung vorbeigeschossen, und ehe er wenden konnte, war sie tief im Nebel und in Sicherheit ... nur weiter ... immer weiter ... einmal rechts, dann wieder links ... es war eine tolle Fahrt, und dann — blieb ihr fast das Herz stehen. Eine Hupe schrie hinter ihr, und der fremde Wagen streckte seine große Kühlerfigur aus dem Nebel.
Karin stoppte, fest entschlossen, im entscheidenden Augenblick aus dem Wagen zu springen und zu flüchten ... Ehe sie aber mit zitternden Fingern die Tür aufttoßen konnte, schoß der andere Wagen heran — der Marrn sprang mit einem Satz heraus und riß die Kappe ab; es war der Herr aus der Halle ... Karin sank zurück, hob beide Hände, hatte aber nicht mehr die Kraft zu schreien ...
Da sagte eine ruhige, höfliche Stimme „Dem Himmel sei Dank, daß ich Sie erreicht habe ..." Karin schlug die Augen auf ... die Situation war neu — wenn auch grotesk. Als reine Liebes
werbung konnte man — bei allem Wohlwollen — die Angelegenheit doch nicht ruhig hinnehmen ... so sagte sie: „Und — warum ... sind Sie mir nachgefahren .". .
„Weil", sagte der Fremde wohlwollend, „der Boy im Hotel meine Tasche statt in meinen in Ihren Wagen gelegt hat und ich um vier eine wichtige Konferenz habe ..."
„Natürlich haben sie später geheiratet", schloß Ingenieur Windecker seine Erzählung, „solche Dinge gehen ja fast immer so aus — aber so eine Geschichte kann wirklich nur im Nebel passieren ..."
Peinliche Lleberraschnng am Bücherkarren.
Von Christian Vock.
Ich rode gern in Bücherkarren, die irgendwo an Straßenecken stehen, und ganz besonders gern unter den Kästen, wo „jedes Buch nur 30 Pfennige!" kostet. Olle Schulgrammatiken gibt es da, französische Lehrbücher, Romane, die längst vergangen und vergessen sind, gelb gewordene Essaybände und Praktische Ratschläge für die Ehe, alles bunt kariert durcheinander.
Vor so einem Kasten stand ich und klappte ein Buch nach dem anderen um, las einen Titel, klappte wieder um, las, klappte — und da war dann plötzlich ein Buch, das ich kannte, eins, das ich sehr gut kannte, denn dieses Buch war mein Buch.
Nein, nicht daß es mein Eigentum gewesen wäre, aber das Buch war von mir. Vor Drei, vier Jahren hatte ich dieses Buch geschrieben — nun lag es hier. „Nur 30 Pfennige" stand darüber.
Ja, wenn es noch über dem einzeln ausgestellten Buch gestanden hätte: „Nur 30 Pfennige!" ich hätte stolz darauf fein können — aber fo? So, wie es dalag, unter vierzig anderen Büchern, unter Schulgrammatiken und alten medizinischen Klamotten? Nur so in den Dreißig-Pfennigkasten geschmissen: Kauft, Leute, kauft! Jede Klamotte nur 30 Pfennig!
Der Buchhändler, dem der Bücherkarren gehörte, mochte gesehen haben, wie fasziniert ich da vor einem Buche stand, und kam näher geschlendert.
„Nun, mein Herr", fing er an, „etwas gefunden?"
Ich greife, wie er mich fragt, nach dem Buche in der Kiste, nach meinem Buch: „Was ist das für ein Buch", sage ich, „— hier in dieser Kiste?"
Aber er merkt offenbar den Vorwurf in meiner Frage gar nicht und denkt, ich will das Buch von ihm erwerben. ______
„Ja", sagt er und schlenkert so mit den Armen, „weiß nicht. Hat mir mal jemand gebracht."
Ich stehe da und betrachte mein Buch und sage nichts. Und der Buchhändler legt mein Schweigen auf feine Art aus. „Also — sagen wir schon 25 Pfennig — na?"
Ich wackle etwas mit dem Kopf, als wäre mir das noch zu teuer. Aber dann möchte ich nun doch mal hören, was man so in Buchhändlerkreisen von mir hält.
„Sagen Sie", fange ich an, „wer hat denn das geschrieben? Was ist das für einer?"
Er sieht mich an, dann das Buch in meiner Hand, er beugt sich herunter, um Titel und Verfasser zu lesen, und schüttelt mit dem Kopf und sagt: „Ich weiß es leider nicht, mein Herr — keine Ahnung."
„So", sage ich, „aha! — Aber ich weiß es."
„Sie wissen es?"
„Ja", erkläre ich und tippe gewichtig mit dem Zeigefinger auf den Buchdeckel, „30 Pfennig ist gar kein Preis für das Buch. Das Buch ist viel zu billig!"
„Zu billig?" wundert er sich. „Sagen Sie zu billig? Nicht zu teuer?"
„Nein — zu billig!"
„Ach!"
Er ist völlig verblüfft, und ich setze meine Aufklärung in einem gelehrten bibliophilen Ton fort: „Das Buch hat einen viel höheren Wert — ich sage Ihnen das nur aus purer Menschenfreundlichkeit, weil ich nicht will, daß Sie den wirklichen Wert des Buches so unterschätzen, und irgendein Käufer Sie übervorteilt, wenn er das Buch für 30 Pfennig kauft."
„Oh", sagt der Buchhändler und freut sich, „das ist außerordentlich liebenswürdig von Ihnen, daß Sie mich darauf aufmerksam machen, das ist sehr freundlich."
„Na ja", winke ich lässig ab, „ich sah es ja nur ganz zufällig, und ich kann es nicht sehen, daß ein wertvolles Buch so verschleudert wird."
„Ich danke Ihnen, mein Herr, ich danke. Aber was glauben Sie", fragte er mich dann, „wieviel man dafür verlangen müßte?"
„Ja, rate ich ihm", stellen Sie es ruhig da oben in die Zweimarkreihe hin. Soviel ist es jedenfalls wert."
Er nimmt das Buch, betrachtet es noch einmal und stellt es dann feierlich nach oben hin.
Ich grüße obenhin und gehe. Ich bin im Wert gestiegen vor mir und anderen, ich bin eins höher gerückt und stehe auf dem Brett der besseren Herrschaften unter dem Schild: „Jedes Buch in dieser Reihe 2 Mark."


