nr. 250 (Elftes Blatt
187. Jahrgang
Samstag, 2. Oktober 1057
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Des deutschen Volkes Erntedank.
Gegen der Scholle.
Von Curt Hohel.
im die die
Ein eisernes Schicksal hat uns schon einmal auf diese unbedingte Zusammengehörigkeit und diese grundlegende Macht des Bauerntums im Staate §ewiesen: damals, als wir mit der ganzen Welt im 'riege standen. Damals aber waren wir noch nicht reif zur Tat, die Not war zu groß dazu. Heute aber haben wir uns zu dieser Tat durchgekämpft. Heute stehen wir wieder im Ringen mit einer noch Ungeordneten Welt. Nicht im Waffenkampf, aber Wirtschastsringen. Und nun baut der Führer neue Ordnung mit eherner Folgerichtigkeit auf, Ordnung, die sich auf die Scholle gründet. Wir
Fahren wir landauf und landab in unserem Deutschland — von Ostpreußen herab nach Bayern und dann durch Franken nach Hessen und hinauf ins Niedersächsische: allenthalben, in Schwaben und Baden, in Thüringen und am Rhein, in Pommern und Schlesien, überall strotzt das Land unserer Vater in bäuerlicher Fülle, in der Schönheit des Landbaues, in dem Stolze und der Würde und Freiheit des Bauern. Als wir in diesem goldenen Sommer vom Schwarzwalde herauffuhren durchs Donautal, da strömte es in unser verstädtertes Herz hinein wie ein mächtiger Zauber: das waren die Auen der Hohenstaufenzeit, das waren die Aecker der Borfahren, dort in Franken oben, da hatten sie geackert und geerntet und dort war dein Name heimisch unter den Landleuten, da kannten sie dich als einen der Ihren und du trankst mit ihnen den Wein und das Bier und feiertest ihre Feste.
Und so geht es jedem anderen auch, der hierzulande bauernbürtig ist. Und dann kommst du hinauf nach Ostpreußen, und wieder ist es deutsche Bauernkraft, die dich anheimelt: da steht auf dem sauer hochgebrachten und erarbeiteten Acker nahe am Dünensand der Hafer mannshoch, und der Roggen hat kräftige volle Aehren. Aufgereckt steht der Bauer davor, und seine Augen strahlen in die der Bäuerin hinein: Da können wir stolz drauf sein!... Und der Stadtmensch steht dabei und suhlt sich ein wenig klein und hilflos vor diesem mächtigen Stolze, aber es ist ja doch dasselbe Land und dasselbe Erbe, und die Vorväter waren auch von diesem Holze und Stolze. Und so ist auch der Stadtmensch ftoh mit den Bauern, an deren Tische er teilhaben darf und deren Freude er mitfreuen darf. Das ist unser neues Erleben des Landes und des Bauern: wir sind alle Heimkehrer, und unsere Sinne sind ganz neu und ganz jung geöffnet dem Segen oer Erde.
Wir erleben etwas, das heute noch nicht ganz bewußt wird, und das ist auch gut unb notwendig so Wir erleben die Verjüngung eines ganzen Volkes. Ein verstädtertes Volk strebt plötzlich z u - rück aufs Land. Das ist eine einfache Lebenstatsache in Deutschland. Wir setzen andere Völker damit oft in Verwunderung: wir werden bäuerischer und derber, wir befreien uns stürmisch und haben eine Freude an der Einfachheit. Eine elementare Bewegung zur Scholle hin hat unser Volk erfaßt und läßt es sich wandeln Wir sind ja immer ein bäuerisches Volk gewesen: aber wir wollten es nicht wahrhaben, und es setzte im vorigen Jahrhundert eine gefährliche Wendung zur Stadt ein. Weite Bezirke des Ostens blieben unter» bevölkert, der Nachwuchs suchte die Stadt, verstädterte und ging dem Lande und der ländlichen Fruchtbarkeit verloren. Heute stehen wir sorgenvoll vor dieser Tatsache und unsere Hoffnung in dieser Hinsicht ist auch die Rückwendung im Herzen der Deutschen.
Das Gefühl fliegt voraus: das muß so sein. Noch werden unsere jungen Stadtmenschen keine „Bauern , nur weil sie wieder sich um Bäuerisches kümmern. So schnell geht das nicht! Es werden gewiß auch Umwege und Irrwege gegangen. Aber darauf kommt es nicht an. Es kommt auf die Sehnsucht an. Es kommt darauf an, daß Bauerntum nicht mehr mißachtet ist, daß der Städter sich nicht besser und überlegen dünkt vor dem Bauern. Es kommt darauf an, daß die Jugend wieder Freude am bäuerischen Schaffen hat und daß sie die schwere Arbeit des Ackerbaues liebt. Das ist der Sinn der nattonalsozialistischen Hinwendung zum Acker, zur Scholle, zur (Erbe.
Und der Bauer? — Gewiß widerstrebt es ihm, sich umworben zu sehen. Gewiß widersttebt ihm diese oft ungeschickte, übereifrige „Heimkehr" der anderen. Denn Bauerntum ist Wachstum. Aber er spürt doch schon, daß er anderes Ansehen genießt, daß er geehrt wird, daß er Hilfe und Antrieb findet. Gewaltig steht die deutsche Bauernschaft geeint da im Reiche Adolf Hitlers. Gewaltig sind die Anstrengungen, die ihr helfen. Ihr Rang ist im umfassenden Plane deutschen Aufbaus als oberster bestimmt. Es ist nicht mehr eine Wirtschaftsorganisation und Interessenvertretung der „Landwirtschaft", in die er sich einreiht — nein, es ist die .geschlossene Standesftont einer neuen Ordnung, die sich auf Blut und Scholle gründet. Der Bauer ist Richtmaß, und auf ihn gründet sich das Reich in allen seinen Ordnungen, auf ihn und den Arbeiter und Soldaten. Der Bauer aber ist der Nährst a n d , und ohne ihn können die beiden anderen nicht leben. Das ist nun wieder ganz klar und gewiß.
müssen wieder sorgsam umgehen mit dem Korn, wir müssen haushalten mit dem Unsrigen und sorgen, daß der Acker trägt und das Richtige und Notwendige hervorbringt. Wir sind wieder vor eine Not und Notwendigkeit gestellt. Und wir erfüllen sie nun.
Wieder ist ein Erntejahr um, wieder treten wir als ganzes Volk zum Erntedank an. Wieder wenden sich unsere Blicke zu jenem Bückeberg im Weserland, wo der Führer zu seinen Bauern spricht und mit ihnen dankt dem Herrn der Geschicke für Segen der Heimaterde. Es war kein leichtes Jahr. Die Welt ringsum ist verworrener als je. Aber
der Glaube in uns ist fester denn je, daß wir standhalten, wenn unser Acker Frucht trägt und wenn unser Bauer das Letzte aus ihm herausholt. Der Plan ist groß, der ihn dazu auffordert, er fetzt jeden von uns ein in ein gewaltiges Werk der Freiheit. Vor mehr als einem Jahrhundert war der Ruf: Bauernbefreiung! Heute ist er: Freiheit durch Bauerntum! Nahrungsfreihett des geeinten Volks! So treten wir alle innerlich zum Bückeberg wie an einen großen Altar des Volksheiligtums, des Ackers unseres heiligen täglichen Brotes. Und unser Gebet ist hier der alte Ruf: Herr, mach uns frei!
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Ludwig Richter: Erntetanz.
Den Maler und Zeichner Adrian Ludwig Richter aus Dresden, der von 1803 bis 1884 gelebt hat, und dessen Erntetanz-Bild wir hier wiedergeben, hat ein Kunsthistoriker als den „lieben und bescheidenen Klassiker des Kindlichen" bezeichnet: das trifft den Wesenskern des Menschen und Künstlers genauer, als wenn man ihn — ein wenig obenhin — einen Romantiker nennt, der er gewiß auch gewesen ist. Von Richters Gemälden, welche die romantischen Züge am ausgeprägtesten spiegeln, ist eigentlich nur die immer wieder abgebildete „Ueber- fahrt am Schreckenstein" wirklich volkstümlich geworden. Volkstümlich und volksnah im schönsten Sinne des Wortes ist dagegen fast alles, was uns Ludwig Richter als Zeichner und Illustrator hinterlassen hat. Die Märchen von Bechstein und Musäus, Hebels alemannische Gedichte und Gotthelfs Erzählungen, Robert Reinicks Geschichten und Gustav Nieritzens Dolkskalender, Klaus Groth und Oliver Goldsmith, Schillers „Glocke", Goethe und „Des Knaben Wunderhorn" hat er bebildert, mit feiner Phantasie und seinem Zeichenstift begleitet.
Auf diesen Blättern finden wir alle Eigenschaften, die uns zuerst in den Sinn kommen, wenn Ludwig Richters Name genannt wird und unsere Erinnerung und Vorstellung anregt: jene Kindlichkeit, von der schon die Rede war, die unschuldige Frömmigkeit, die Schlichtheit, Heiterkeit und Reinheit des Herzens; unb wenn wir Ludwig Richters Kunst als eine ganz und gar deutsche Kunst empfinden, so
wohl vornehmlich um derentwillen, was uns so unverhohlen und unbezweifelbar aus allen oder fast allen seinen Bildern anspricht und heimatlich umfängt: das deutsche Gemüt. Dies ist ein Begriff, der leicht einen unschönen Beiklang oder Nebensinn von Pseudoromantik und Biedermeierei bekommen kann, aber wer sich mit offenem Blick und empfänglichem Herzen in die Welt vertieft, die Ludwig Richter auf ungezählten Blättern umschrieben und abgebildet hat, der kann nicht mißverstehen, was hier gemeint ist. Es ist eine völlig deutsche Welt schlechthin, die da vor uns ersteht mit Mutter und Kind, mit Haus und Familie, mit Dorf und Landschaft, mit Dornröschen und Rotkäppchen und den sieben Schwaben, mit Schlachtfest und Brotbacken und Weinprobe, mit Christmarkt und Weihnachtsmusik, vom Turm geblasen.
Wir würden es vermissen, wenn das Dankgebet der Schnitter, die Aehrenlese und der Erntetanz fehlten, den wir hier abbilden. Und wenn man nach dem Besonderen fragt, das unser Bild bezeichnet, so ist es dies: man braucht es nicht zu erklären oder zu deuten; es spricht aus sich selbst, es bedarf keiner Worte. Die Gewänder der Menschen, die da versammelt sind, kommen uns altmodisch vor, aber die Großen und die Kinder, die Musikanten, die Trinker und die Tanzenden, sie leben alle aus dem nämlichen Gefühl der Freude und der Dankbarkeit, das auch uns, nach hundert Jahren, am Erntedanktag bewegt. Hans Thyriot.
Gruß aus einem Dorf.
Von Heinrich Aerkanlen.
Du lieber Freund in der großen Stadt — ich weiß, diese wenigen Worte schon stürzen dich in leise Unruhe. Sei nicht böse drum. Du möchtest fort zum Dienst. Die Straßenbahn trifft eher eine Sekunde zu früh denn zu spät an der Haltestelle ein. Es eilt alles so. Auch daß ich mit der Hand und nicht mit der Maschine schreibe, ist schlimm. Einigen wir uns, und du behältst deine gute Laune: lies nicht weiter, steck den Brief ein, saufe zur Straßenbahn. Aber vergiß nicht, dir dein Brot für die Frühstückspause mitzunehmen Kann sein, wenn du ißt — daß du einen Augenblick Ruhe hast für mich.
Was ich eigentlich will? — O — nichts. Nimm dir nur Zeit für jeden Bissen, den du jetzt ißt. Denke daran, es ist Brot. Schmeckst du die Erde und die Sonne darin, den Regen zur Nacht und den guten Wind? Du schüttelst den Kopf und beißt mit deinen gesunden Zähnen von neuem hinein in das dunkle Brot. Was will er eigentlich? Wozu diesen Aufwand? Wozu diesen Bries mit Absätzen darin, als schreibe ein Doktor seine Medizin auf: dreimal täglich einen Eßlöffel voll.
Tobe dich ruhig aus. Denn jetzt kommt d i e Ri n d e deines Brotes an die Reihe. Die muß besonders gut gekaut werden. Darin ist zu Erde, Sonne, Regen und Wind noch das heilige Feuer des Herdes eingefangen.
Nein, brauchst dich nicht zu ärgern. Ich bin nicht im Urlaub, den du schon hinter dir hast. Es regnet auch nicht, daß ich die Zeit totschlagen müßte mit Betrachtungen, wie sie die Dichter anzustellen pflegen, wenn sie abwechselnd von sich selber den verwehenden Traumgestalten ihres Herzens nacheilen. Einzig nur: ich mache auch eine Pause — genau wie du. Und diese Pause widme ich den Gedanken um den Bauern, um das Korn, um das Brot.
Du hast es jetzt ent)gültig satt? Willst dir die karge Zeit der Ruhe nicht fortstehlen lassen von einem, der besser täte, zu handeln statt zu reden? Lies nicht weiter — wir treffen uns wieder am Spätnachmittag, wenn du zurückfährst nach Haufe.
Die Abendzeitung ist heraus. Der Mann an der Ecke kommt dir einen Schritt entgegen und der Groschen in deiner Tasche für die Zeitung und den Mann auch. Und jetzt brennen dir die neuesten Meldungen in der Hand. Aber du greifft doch wieder nach meinem Brief. Absatz drei — dieser Pedant!
Der Pedant kommt nämlich auch von der Arbeit heim. Er hat einen guten Weg getan. Grünen Grashüpfern ist er behutsam ausgewichen, den Grillen hat er zugehört. Den Grillen ausgerechnet — höhnst du? Und vergißt in der Eile, daß es doch einen Sinn haben muß, wenn irgendwo unablässig Musik gemacht wird von einem unsichtbaren Orchester. Das Heu hat geduftet wie süßer Wein. Es war berauschend. Sprich kein Wort jetzt zu diesem „Rausch", jedes wäre zu billig. Der Bauer, der das Heu zusammenrechte, sprach auch kein Wort. Das Hemd klebte ihm naß auf dem Rücken, er hatte feine Blicke überall: auf den Himmel, auf den Buben und das Mädchen, die ihm halfen, auf die Frau, die das duftende Gras bündelte und auf mich. Ich habe den Blick ausgehalten und erwidert. Ich habe in ein Buch geschaut, das jeder kennt und nur mancher lieft.
Dann kam ich an das Kartoffelfeld. Als wir im Frühjahr zusammen hier entlang gingen, lagen die Furchen da gleich ausgestreckten Händen. Jetzt zeigen sie Risse und Narben und Borken, die verkrustet sind. Doch halten sie in ihren Händen die Frucht. Der Weg ist ausgefahren hier. Der künstliche Schrott ist längst ausgespült von vielen Wintern, Steine blicken durch. Steine, wie sie wohl auf dem Acker selbst gelegen haben und in mühsamer Arbeit fortgeschafft wurden. Jetzt denken die Menschen in der Bahn, du hieltest einen Liebesbrief in Händen, sie lächeln ein wenig hinter dir her, weil du in deiner Versunkenheit beinahe eine Haltestelle weiter gefahren wärst.
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Ja — die Tage dunkeln rasch. Ich merke es wie du, da ich vom Felde heimkam, in mein Dorf, darinnen die Holzstöße geschichtet stehen für den langen Winter. Noch einmal ist die Herbstsonne weich und lockend wie ein letztes Märchen. Hier und dort steht eine Stalltür offen und — wir sagten so, als wir Kinder waren — es riecht nach Kuh. Warm und gesund. Und die Häuser sahen mich neugierig und sehr erstaunt an: was will der bei uns, dessen Schritt stockend und ungewohnt scheint, anders als der Schritt der Männer, die in unseren Mauern wohnen?
So ein Haus in der Stadt, nicht wahr — eins wie das andere. Aber in einem Dorf — da ist jedes Haus anders als fein Nachbar. Die hat fein Baumeister mit Maß und Zirkel errichtet, die find gewachsen wie ein Baum, Ring um Ring, aus dem Wissen der Vorderen, abgeneigt aller Glätte. Sie lieben die kleinen Gärten, die Ställe für das Pferd und die Kuh, die Scheuer für die Frucht des Sommers; sie sind dem Kleinvieh gut, dem wachen


