nr.2<H Erstes Blatt
187. Jahrgang
Donnerstag, 2 September 1957
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Lt-Booi-Angriff aus britischen Zerstörer im Mittelmeer
Verständigung imKittelmeer
Von Konteradmiral a. d. Gadow.
London, 1. Sept (DRV.) Der britische 1350-to- Zerstärer „havo c“ ist in der Rächt zum Mittwoch von einem unbekannten Unterseeboot auf der höhe von Valencia angegriffen worden. Das Schiff wurde aber nicht getroffen. Der Flolillenführer „Hard y" und der Zerstörer „h y p e r i o n“ find zusammen mit dem Zerstörer „havoc" aus Gibraltar ausgelaufen, um die Suche nach dem Unterseeboot aufzunehmen. Irgendwelche Spur von dem U-Boot konnte bis jetzt allerdings noch nicht gefunden werden. Der Zerstörer „havoc" ist damit bereits zum zweitenmal das Ziel eines Angriffes geworden. Im Februar d. I. wurde er von Flugzeugen bombardiert, als er sich auf dem Wege von Gibraltar nach Malta befand. Bisher konnte kein U-Boot von den auf der Suche befindlichen britischen Zerstörern ausfindig gemacht werden, das mit dem, das den Zerstörer angriff, identisch wäre.
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schehen seien. Es sei endlich Zeit, hier Klarheit zu schaffen. Die Erregung der öffentlichen Meinung in England sei zu verstehen, zumal Großbritannien keinen empfindlicheren Nero habe, als die Freiheit der Meere, hier aber liege ein Angelpunkt der englisch-französischen Zusammenarbeit. Die Zeit sei gekommen, um für eine ehrliche Aussöhnung zwischen Italien und England zu arbeiten. Diese Aussöhnung sei um so notwendiger, als sich in Asien eine Krise entwickele, die Jahre dauern könne. — Der „Figaro" meint, der Konflikt im Fernen Osten verhindere England eine feste Haltung einzunehmen. Mit seinen bedeutenden Streitkräften könne es sich nicht gleichzeitig im Mittelmeer und im Orient Gefahren aussetzen. Im Fernen Osten hänge alles von der Haltung Amerikas ab. Das Blatt sagt dann, daß noch nicht feststehe, ob es überhaupt möglich sei, allen Gefahren Widerstand zu leisten.
Englischer Marinebesuch in Venedig.
Venedig, I.Sept. (DNB.) Die beiden je 9750 Tonnen großen englischen Kreuzer „L o n d o n" und „Süsse x" des 1. Britischen Mittelmeeraeschwa- ders sind zu einem mehrtägigen Besuch i n V e n e - dig eingetroffen und haben im großen Hafenbecken gegenüber dem Markusplatz neben den hier bereits seit einigen Tagen liegenden italienischen Kreuzern „F>M m e" und „G o r i z i a (je 10 000 Tonnen) Anker geworfen. Von dem englischen Admiralschiff „London" wurdqn 21 Salutschüsse abgegeben, die das italienische Torpedoboot „Jntre- pido" erwiderte. Während des Aufenthaltes der englischen Schiffe ist eine Reihe von Besuchen und Gegenbesuchen zwischen den Offizieren der Schiffe und den italienischen offiziellen Stellen vorgesehen.
Schwerer Taifun über Hongkong.
Der Torpedoangriff wird in London als außerordentlich ernste Angelegenheit beurteilt. Außenminister Eden hatte bereits am Mittwochabend eine längere telephonische Besprechung mit dem in Schottland weilenden Ministerpräsidenten Chamberlain, sowie mit Sachverständigen des Außenministeriums und der Admiralität. Für Donnerstag wurde eine Ministerbesprechung einberufen, um über die Bedrohung der Schiffahrt im Mittelmeer zu beraten. Die Blätter erinnern daran, daß die englische Mittelmeerflotte am 17. August angewiesen worden ist, auf jedes angreifende U-Boot oder Flugzeug einen Gegenangriff zu eröffnen. Diese Anweisung werde möglicherweise noch verschärft werden. Wie „Daily Telegraph" berichtet, werden sich die Minister auch mit dem französischen Vorschlag einer gemein- samen Aktion zum Schutze der Schifffahrt im Mittelmeer befassen. In London bestehe aber wenig Neigung, eine Sondersitzung des Nichteinmischungsausschusses oder eine Konferenz der Mittelmeermächte in Genf abzuhalten. Den in maßgebenden französischen Kreisen zutage getretenen Wunsch, die französisch-spanische Grenze für Freiwillige zu öffnen, betrachte man mit großer Besorgnis. „Morning Post" meint, daß die Möglichkeit einer Verstärkung der englischen Mittelmeerflotte erwogen werde. Die Regierung' sei entschlossen, alles zu tun, um dieser neuen Form von Piraterei ein Ende zu machen. „Daily Expreß" äußert die Ueberzeugung, daß der Angriff auf den englischen Zerstörer durch ein sowjetspanisches U-Boot durchgeführt worden sei. Das Blatt hält es für wahrscheinlich, daß der französische Vorschlag einer Flottenzusammenarbeit aller Mittelmeermächte von England nicht angenommen werde. London begünstige vielmehr eine gemeinsame Erklärung der Mittelmeermächte, die eine energische Warnung an angreifende U-Boote und Flugzeuge enthalten würde. Voraussichtlich werde ein Flottenge- l e i t s y st e m im Mittelmeer eingerichtet werden.
Der seinerzeitige rote Torpedoangriff auf den deutschen Kreuzer „Leipzi g", für den sich die englische Presse damals schon nicht allzu sehr interessierte, scheint heute seltsamer Weise ganz vergessen zu sein. Es wird nur betont, daß der jetzige Zwischenfall die Notwendigkeit erhöht habe, den Schutz für die Schiffahrt im Mittelmeer zu verstärken. „Daily Telegraph" sagt sogar ausdrücklich, daß es sich um den e r st e n Zwischenfall handele, in dem ein Kriegsschiff im Mittelmeere durch ein U.-Boot angegriffen worden sei. Jede neutrale Macht sollte in gleicher Weise dafür sorgen, daß den Angriffen, die das Mittelmeer für Schiffe aller Art unsicher machten, Einhalt geboten werde. Die Linkspresse, die noch vor einigen Monaten in Krämpfe fiel, als Deutschland nach dem Angriff auf die „Leipzig" ein kollektives Vorgehen der interessierten Seemächte forderte, erklärt heute in heftigster Tonart, daß nur durch eine Kol - lektioaktion aller Staaten die Sicherheit im Mittelmeer aufrechterhalten werden könne. So schreibt das Labour-Organ „Daily Herald", es handele sich um eine kollektive Drohung, die eine kollektive Gegenhandlung erfordere. Die Sicherheit der Handelslimen im Mittelmeer fei „unteilbar". England solle daher einen Plan in diesem Sinne vorschlagen und auch Deutschland und Italien zur Mitarbeit einlasen.
Das pariser Echo.
Die französische Presse wünscht „Keine Ablenkung von Spanien".
Paris, 2. Sept. (DNB. Funkspruch.) Der Torpedoangriff auf den britischen Zerstörer „Havock" bildet das Hauptgesprächsthema der Pariser Presse, die auf den französischen Schritt beim Foreign Office hinweist, der die britische Regierung davon unterrichten soll, daß Frankreich die unsichere Lage im Mittelmeer für so ernst betrachte, daß es entschlossen sei, im Londoner Nichteinmischungsausschuß einen heftigen Protest einzulegen. Das „Oeuvre" meint, daß selbstverständlich die letzten Ereignisse im Mittelmeer die englisch-italienische Annäherungspolitik zunichte machten. Es sei aber möglich, daß die energische Haltung der französischen Regierung die Lage vollkommen geändert habe.
Das „Journal" fragt, zu wessen Gunsten die mysteriösen Angriffe im Mittelmeer eigentlich ge°
Ganze Straßenzüge in Trümmer. — Unübersehbarer Schaden im Hafen. Feuer in der Chinesenstadt.
London. 2. Sept. (DRV. Funkspruch.) Rach hier eingetaufenen Meldungen wurde Hongkong, die britische Besitzung vor der südchinesischen Küste mit der Hauptstadt Victoria und insgesamt rund einer Million Einwohnern, am Donnerstag früh von einem heftigen Taifun heimgesucht, der unübersehbaren Schaden anrichtete und ganze Strahenzüge in Trümmerfelder verwandelte. Die Straßen sind nach allen Richtungen blockiert. In dem im Westen von Hongkong gelegenen chinesischen Stadtteil W e st p o i n t ist ein Grohfeuer ausgebrochen. Die Verluste der Schiffahrt können noch nicht übersehen werden, doch befürchtet man, daß viele Fahrzeuge untergegangen sind. Der Hafen war zur Zeit des Sturmes mit Schiffen angefüllt, von denen mehrere schwer beschädigt wurden. Der japanische Dampfer „Asama Maru" wurde in der Junk-Bay auf Grund getrieben. Weitere Schiffe wurden an verschiedenen Stellen durch die Gewalt des
Sturmes und des Wellenganges an Land geschleudert. Alle Geschäfte, die am Meeresufer liegen, stehen unter Wasser. Die Stadt ist vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten. Sowohl der Kabel- wie der drahtlose Dienst sind unterbrochen.
Rach Beschreibung von Augenzeugen gleicht Hongkong nach dem Taifun einer Stadt, die von einem schweren Luftbombardement heimgesucht wurde. Die Zahl der Todesopfer wird bei vorsichtiger Schätzung mit 100 angegeben. Dazu kommen dann noch die bei den zahlreichen Schiffbrüchen auf See ums Leben gekommenen Personen. 3m Chine- fenoiertel von Westpoint, das im verlaufe des Sturmes von einer Feuersbrunst heimgesucht wurde, konnten bisher 15 Leichen geborgen werden. Viele Menschen liegen noch unter den Trümmern der zusammengestürzten Häuser begraben. Der Sturm erreichte zeitweise eine Geschwindigkeit von rund 180 Kilometerstunden.
China teilt den Sowjetpakt Tokio mit.
Japan lehnt Nichtangriffspakt mit China ab.
Tokio, 2. Sept. (DNB. Funkspruch.) Der chinesische Botschafter in Tokio, Hauschihying, suchte am Mittwoch den japanischen Außenminister H i r o t a auf, um ihm Aufklärungen über den chinesisch-sowjetrussischen Nichtangriffspakt zu geben. Der chinesische Botschafter betonte den defensiven Charakter des Abkommens, das den zahlreichen in Europa abgeschlossenen Nichtangriffspakten entspreche. Falls Japan die Absicht habe, mit China einen ähnlichen Pakt abzuschließen, so würde die chinesische Regierung ein solches Anerbieten annehmen. Außenminister Hirota ist auf den chinesischen Vorschlag nicht eingegangen.
Lebhafte Kampfe um Schanghai.
Neue Truppenlandungen der Japaner.
Schanghai. 1. Sept. (DNB.) Wie von chinesischer Seite berichtet wird, sind die japanischen Marinetruppen irn Jangtsepu-Bezirk durch Truppen der japanischen Armee abgelöst worden. Die Ersatztruppen sind in drei großen Transporten gelandet worden. Die abgelösten Truppen werden zur Verstärkung an der Hongkew-Front wieder eingesetzt. Auf der Reede von Wusung trafen weitere acht Transportschiffe mit Truppen aus Japan ein. Das Feuer der japam- fchen Artillerie auf Kiangwan hat ebenfalls wieder in stärkerem Maße eingesetzt. Ebenso wird eine sehr lebhafte Tätigkeit der japanischen Fliege r st a f f e l n an den Fronten von Schanghai und über den strategisch wichtigen Straßen gemeldet. So liegt die Straße zwischen Scbang^at und Nanking unter dauerndem Feuer Nach Berichten von Augenzeugen sollen auf ihr über 80 zerstörte und verlassene Autos stehen.
Die im Raum von Wusung mit beiderseitigem Einsatz von Artillerie und Bombern eingelelteten schwere Kämpfe erfaßten, auch das Gebiet der Universität T u n g s h i. Wie der . japanische Militärattache mitteilte, stießen die japanischen Truppen oom Dors Wusung noch Norden vor und eroberten Pn ° schnn. Der Vorstoß noch Westen brachte jedoch noch feine wesentlichen Ersolge. Aus chinesischer Seite sollen gegen die von Wusung aus längs dem Ufer des Yungtfe oorbrrngenben japa» Nischen Truppen zw e l neue chinesische Divisionen in den Kampf geworfen worden fern Das Ziel der japanischen Truppen sei der Entsatz der bei Lotten hart bedrängten japanischen Truppen. *
Die Meldung ruft die Erinerung daran wach, baß bei ben schweren Kämpfen um Schanghai 1832 die bekannte Wusung-Hochfchule. die einzige Schule Chinas mit deutschen Lehrern und deutscher Unterrichtssprache teilweise zerstört wurde. Nicht immer hat diese Hochschule, die
junge Chinesen in einem vierjährigen Lehrgang für das Studium der medizinischen und der technischen Wissenschaften vorbereitet, ihr Heim dort in dem Schanghaier Vorort Wusung, 10 Kilometer außerhalb der Stadt, gehabt. Sie lag früher innerhalb der Internationalen Niederlassung in Schanghai. Dort konnte auch der Unterricht unter wesentlicher Förderung durch die chinesischen Behörden bis zum Jahre 1917 durchgeführt werden. China wurde damals von der Entente gezwungen, seine Beziehungen zu Deutschland abzubrechen. Es ist bezeichnend, daß es französische Truppen waren, die die Schließung der Schule erzwangen, und daß es Frankreich" war, das die Gebäude widerrechtlich beschlagnahmte. B. R.
Warschau me’bef Entsendung einer sowjetrussischen Militärmission nach China.
Warschau, I.Sept. (DNB.) Einer der ersten Punkte der Geheimklausel des chinesisch-sowjetischen Paktes soll, wie die Warschauer Presseagentur ATE zu wissen glaubt, angeblich die Entsendung einer sowjetischen M i l i t ä r m i s s i o n nach China enthalten mit dem Kommandanten Zweiter Klasse Arnold E w e r m i n g an der Spitze. Zu der Abordnung gehören, so behauptet das Büro ferner, weitere Spezialisten der Roten Armee wie Oberst Kijri Janson, Oberst Nikolaj Riabinytsch, Major Kotschubiej, Major Sorin und Hauptmann Lundberg. Wie die Warschauer Presseagentur dann noch zu melden weiß, spricht man davon, daß der berüchtigte Komintern-Häuptling Dimitroff in die Mongolei und nach China fliege. Er hätte die Ausgabe, durch Bestechungen einen kommunistischen Umsturz in den von den Japanern besetzten Gebieten zu schüren. Die diesbezüglichen Anweisungen, so heißt es dann noch, hetzten zu Anschlägen und Terrorakten auf hervorragende Vertreter amerikanischer, englischer, französischer oder deutscher Nationalität im Sinne des einstigen Boreraufstandes, um Interventionen der fremden Mächte zum Schaden Japans zu provozieren.
Lieber eine Million Besucher in der Ausffel'ung «.Entartete Kunsts.
München, 1. Sept. (DRB.) Bis heute wurden in der Ausstellung ,.E n t a r t e t e k u n st" 1 027 370 Besucher gezählt. Diese gewaltige Ziffer läßt sich erklären, wenn man bedenkt, daß zu den haupt- besuchszeiten der Eingang alle paar Minuten polizeilich gesperrt werden muh und jedesmal ein paar hundert Personen berein^e^allen werden. Der Besucherstrom reißt von 9 Uhr bis 19 Uhr überhaupt nicht ab. "■
In der englisch-ita-lienischen Annäherung, die durch den Briefwechsel Chamberlain- Mussolini und die Einstellung der beiderseitigen Pressefehde verheißungsvoll eingeleitet und jetzt durch Mussolini zu fördern versucht wurde, ist eine gewisse Pause eingetreten, die von der Diplomatie durch Aufstellung eines Derhandlungsprogramms ausgefüllt werden soll. Die englische Anregung hat sich, wie man weiß, auf allgemeine Verbindlichkeiten beschränkt und davon abgesehen, über das gentlemens agreement vom 2. Januar 1937 mit seiner gegenseitigen Zusicherung der „freien Ein- und Durchfahrt durch das Mittelmeer" sowie dem italienischen Versprechen den Status quo zu achten und keine Absichten auf die Balearen zu hegen, einstweilen hinauszugehen. Die italienische Haltung, zuerst vorsichtig, dann wärmer als die englische, hat zu den Realitäten zurückgefunden und schätzt den Umfang der Punkte, über die eine Verständigung notwendig ist, wohl richtig ein. Es geht um strikt machtpolitische und militärische Fragen.
Nach italienischer Auffassung ist der englische Brückenschlag der Wahrnehmung zu verdanken, daß man zur Ausführung des riesigen Rüstungsprogramms nicht auf das spanische Eisenerz verzichten, sich also nach dem Fall der baskischen Hauptstadt mit Franco verträglich stellen und dementsprechend auch zu dem befreundeten Italien und seiner spanischen Politik eine verbindliche Beziehung errichten müsse. Wenn man jedoch hierzu in Italien hoffte, daß England alsbald seine „Fiktion" aufgeben werde, daß das rote Valencia Spanien repräsentiert, Franco anerkennen und sich von Sowjetrußland entfernen werde, so traf diese Hoffnunng bisher nicht ein. Vielmehr hat England seine Bedenken bezgl. eines künftigen Nationalspanien, das mit Italien ähnlich verbündet ist, wie 1926 unter Primo de Rivera, mit den Stichworten Gibraltar und Balearen, noch keineswegs überwunden. Wenn auch das italienische Versprechen in jenem gentlemens agreement nicht bezweifelt werden kann und auch Franco sich dafür verbürgt hat, keinen Zoll spanischen Bodens preiszugeben, so hat doch der Bürgerkrieg gezeigt, wie wirksam die nahe italienische Großmacht mit Spanien militärisch Zusammenwirken kann.
Die geographische Stellung der Pyrenäenhalbinsel mit den Balearen ist seit über einem Jahrhundert nicht so deutlich hervorgetreten wie jetzt: trotz Gibraltar beherrschen See- und Luftstreitkräfte selbst geringeren Grades, Flugzeuge, U.-Boote, Minen und ähnliches, gestützt auf die guten Häfen der Südostküste und die Balearen, die Einfahrt und das westliche Mittelmeer in ganz bestimmtem Umfang. Ein paar rote Flugzeuge aus Cartagena vermochten der Schiffahrt in der Meerenge bereits einen Schrecken einzujagen, und die Seemacht England mußte gestehen, daß sie nicht Streitkräfte genug besäße, um dort sicheres Geleit zu versprechen.
Für Frankreich steht in ähnlicher Weise die Nordsüdverbindung nach Algier und Dran, die um geringen Abstand an Menorka vorüberführt, auf dem Spiel, und damit seine bekannte strategische Lebenslinie für den europäischen Krieg, in dessen Bann die französische Politik zu verharren vorzieht. Den tiefsten französischen Wunsch aber, mit Italien gesondert zur Verständigung zu gelangen, hat diese Politik durch ihr russisches Bündnis, durch die Anteilnahme für Rotfpanien, durch die abessinischen Sanktionen, die Nichtanerkennung des italienischen Imperiums gründlich verbaut. Schon der erste Punkt eines Verhandlungsprogramms, die Zukunft Spaniens, erweitert sich daher unter der näheren Betrachtung zu einem Bündel von Schwierigkeiten.
Die zweite „Fiktion", die England nach italienischer Hoffnung überwinden wird, daß es nämlich nach ein selbständiges Abessinien und Mitglied des Völkerbundes gebe,' wird der Voraussicht nach nicht mehr so langlebig sein. Zwar erinnert England daran, daß es darüber nicht zu entscheiden habe und daß die Anerkennung des italienischen Imperiums schon einmal im Völkerbund von Rußland und verschiedenen anderen — darunter das Dominium Neuseeland! — verhindert worden sei, auch droht weiterer Austritt aus dem Genfer Rumpfgebilde, wenn diese Sache nicht honorig verläuft. Aber hier werden sich die Tatsachen und die englisch-französischen Motive doch wobl einmal durchsetzen. Mit der Realität des italienischen Abessinien und der Festsetzung Italiens am Roten Meer fyat sich England jedenfalls abgefunden, wie die Bemerkung Edens beweist, daß es sich nur am Dftufer — auf der arabischen Halbinsel — seine ausschließlichen Rechte vorbehalte. Im übrigen bleibt ja seine sichere Stellung am Suezkanal, verstärkt durch das ägyptische Bündnis, bestehen und damit die Macht am Zugang.
Hiermit wird jedoch der wichtigste dritte Punkt berührt. Was wird aus dem englisch-italienischen militärischen Gleichgewicht im östlichen Mitte l m e e r, wie es der abessinische Feldzug enthüllte? Malta wurde verstärkt, C y p e r n als Luftstützpunkt ausgebaut, ebenso die ägyptischen Häfen und Flugplätze. Der englische Flottenausbau verspricht einen machtvollen Stärkezuwachs, das Schlachtschiff stellte sich um auf Bomben- und Torpedoabwehr und schickt sich an, sein bedeutendes Uebergewicht wieder zur Geltung zu bringen, die Flottenluftwaffe wird verdreifacht. Hiermit droht das Gleichgewicht sich gegen Italien zu verschieben, aber die Frage muß noch offen bleiben. Denn keine Seemacht und Bordluftwaffe, ohne ausgedehnte Luftflugstützpunkte für Tausende von Bombenflugzeugen, kann an der Meerenge von Tunis der nahen italienischen Luftmacht so entgegen-


