Hr.27 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
Dienstag, 2. Februar 1937
Aus Der Pwvinziathauptstadt.
OerMonatmitdemIrühlingSgedanken.
Offiziell gilt der Februar als der dritte und letzte Wintermonat, inoffiziell möchte man ihn bereits zum Bannerträger des Frühlings erklären, der nur nicht so kann, wie er möchte. Die Bauern sagen von ihm, daß er zwar der kürzeste, aber auch der hinterhältigste Monat des Jahres sei. Aus diesen Charakteristiken geht schon hervor, daß der Februar ein ziemlich unsicherer Kantonist unter seinen Zunftgenossen im Jahresablauf ist. Wenn man den Februar allerdings mit der Lupe der objektiven Statistik beschaut, so erscheint er wesentlich vertrauenswürdiger und eindeutiger, indem er nämlich als regelrechter Wintermonat zu gelten hat und keine Frühlingsgedanken rechtfertigt. Seine Mitteltemperatur ist nur ein Grad wärmer als die des Januar und stimmt ungefähr mit der des Dezember überein. Dabei find allerdings wesentliche Unterschiede zwischen Nord und Süd, Ost und West unseres Vaterlandes zu erkennen, und diese Erkenntnisse mögen wohl schuld daran sein, daß der Februar in manchen Teilen unseres Vaterlandes den bärbeißigen Winter gar nicht darstellen kann und faktisch in Frühling macht.
Da melden sich zum Beispiel Südwest- und Nordwestdeutschland bzw. die Bergstraße und der Niederrhein, die im Februar den Rufer des Lenzes erblicken und unbedenklich am Schluß des Monats die erste Frühlingsvegetation sprießen lassen. Es hat schon manche zweite Februarhälfte gegeben, in der es am Rhein wie im Mai war. Alle übrigen Teile Deutschlands genießen allerdings nicht diese besonderen Vergünstigungen. In der östlichen Reichshälfte ist der Februar unerbittlicher, strengster Winter, in Mittel- und Süddeutschland pflegt er gern mit Schneestürmen und unerwarteten strengen Frösten verfrühte Frühlingsgedanken im Keime zu ersticken. An der Waterkant spielt er sich als Sturmmonat ersten Ranges auf. Allerdings scheinen diese Stürme wieder mehr frühlingsmäßigen Charakter zu haben, da sie aus Westen wehen und das Eis der Ströme brechen. Eins steht allerdings fest: ein klarer Frostlag im Februar wirkt durchaus nicht mehr winterlich, weil die Sonne so warm scheint und so erhöht am Himmel steht, daß Schnee und Eis wie Butter dahinschmelzen. Richtig Winter ist es an solchen sonnigen Tagen eigentlich nur im Schatten und während der Nachtstunden.
Die intensive Sonnenstrahlung im Februar ist auch die Ursache dafür, daß in diesem Monat die Wintersportsaison ihren idealen Höhepunkt findet, indem der Aufenthalt in den Schneebergen um diese Zeit eine Gesundungskur darstellt, wie man sie sich besser nicht denken kann. Leider weiß man in der Allgemeinheit nur zu wenig von diesem herrlichsten Geschenk des Februars und schiebt die Winterkur als „zu spät" auf die Seite. Wer es möglich machen kann, nehme im Februar einen Teil seines Urlaubs. Es gibt keine schönere Erholung als Sonnenkuren über Winterschnee.
Was wir hier vom Februar sagen, ist gewissermaßen sein Steckbrief für den Durchschnitt. Nicht immer hält sich dieser Monat an diese Charakteristik, und auch in diesem Jahre der ungewöhnlichen Wetterformen dürfte der Februar auf einige kleine Seitensprünge nicht verzichten. Man wird nicht fehlgehen, von ihm allerhand unliebsame Ueberraschun- gen zu erwarten, die namentlich in wiederholten Kälterücksälbn bestehen. Nach der Art, wie der Januarwinter in der vergangenen zweiten Monatshälfte einsetzte, scheint sich der Typ der Großwetterlage für den nächsten, den Spätwinter und Vorfrühling umfassenden Zeitraum ziemlich einseitig festgelegt zu haben. Kurz: man rechnet mit einem kalten Februar!
Vielleicht, daß er nach der Gewohnheit strenger Herren sich mitunter von besonderer Milde zeigt — die zweite Februarhälfte ist für derartige „Anwandlungen" bekannt —, im allgemeinen aber dürfte es verfehlt fein, in den Februar mit Frühlingsgedanken zu gehen. Wenn wir das erste Blatt vom Februarkalender abreißen, so denken wir daran, daß beispielsweise vor acht Jahren um die Zeit erst die
Kleiner Knigge für frohe Feste.
Von Christian Bock.
Man geht nicht zu einem Faschingsfest mit dem abendländisch besorgten Gesicht eines Europäers, der sich mit pedantischem Terminkalenderernst eine Sache vorgenommen hat. Etwas innere und äußere Vorbereitung sollte nach Möglichkeit immer sein. Sehr ratsam ist es, ein paar Freunde anzurufen, sie sollten ihre Faschingskostüme um eine Flasche Chianti wickeln, alles miteinander in ein Köfferchen tun und Herkommen.
Dann veranstaltet man zusammen eine festliche Ouvertüre, legt vielleicht eine Platte auf das Grammophon, zieht den alten Adam-Europäer aus, legt ihn feierlich gefaltet auf die Stühle und zieht die Narrenkostüme an, ihr dürft auch manchmal vom Chianti trinken.
Dem treibenden Strom des Festes soll man sich ganz hingeben. Zuweilen kann es lohnend sein, hinzurudern, wo sich an technischen Hindernissen, an Treppenaufgängen und Saalecken Wirbel bilden. Oft sind hübsche Europäerinnen, vom Strom abgetrieben, hierhergeschwemmt. Die sonderbaren Gesetze der Zivilisation sind aufgehoben: Man darf ohne Bedenken zu ihnen sprechen. Sie sind nicht einmal nach den gewohnten Gesetzen des Abendlandes verpflichtet zu sagen: „Was fällt Ihnen ein, mein Herr!"
Treppenabsätze eignen sich besonders zu lügenhaften Erzählungen. Treueschwüre auf Monate und Jahre dürfen nach einer angemessenen Frist, notfalls nach zwei Minuten, gebrochen werden. Indessen empfiehlt es sich, in einzelnen Fällen von selbst, solche Schwüre halbe oder ganze Stunden zu halten.
Bei alledem soll man nicht immer nur und ganz an die eigene Sache denken, gelegentlich sollte man auch zur allgemeinen Faschingsstimmung ein Weniges beitragen. Man ist geradezu verpflichtet, ältere Herren, die oorübergehen, einmal am Bart zu ziehen und dabei ein freundliches Wort an sie zu richten.
Beim Tanzen ist olle dogmatische Exaktheit verboten. Jede Gesetzmäßigkeit widerspricht dem Geist des Faschings, und es ist dafür gesorgt, daß Dogmatikern auf die Füße getreten wird.
Eine geheime, innere, ganz leicht alkoholische Beschwingtheit gibt allen Faschingstaten Schwung und Richtung.
Bezeugungen gegenseitiger Zuneigung dürfen öffentlich und rücksichtslos stattfinden. Gelegentlich
Heute abend Küpreß!
Geburtstag des ältesten Einwohners von Lang-Göns.
Beginn 20,30 Uhr, Einzug des Prinzen Karneval pünktlich 21 Uhr.
Vom Ausschuß des Künstler- und Pressefestes 1937 wird uns geschrieben:
Die Festbesucher werden gebeten, möglichst zeitig zum Küpreß zu erscheinen, da der feierliche Einzug des Prinzen Karneval mit Hofstaat pünktlich um 21 Uhr erfolgt. Die Festgäste müssen um diese Zeit bereits im Rund des Saales, auf den Galerien und zwischen den Säulen Aufstellung genommen haben. Später kommende Küpreß-Besucher können nicht damit rechnen, während des großartigen Empfanges Einlaß in den Saal zu finden.
All-Gießen-Gruppen.
Festbesucher, die in Stilkostümen aus alter Zeit erscheinen, werden gebeten, sich in eine Gruppe zusammenzuschließen und sich an den Festzug des Prinzen Karneval anzureihen. Zweckmäßigerweise nimmt die Gruppe „Alt-Gießen" schon vor Einzug des tollen Prinzen geschlossen Aufstellung. Die übrigen Festgäfte bilden einen dichten Ring um den äußersten Rand der Tanzfläche oder nehmen auf der Galerie und zwischen den Säulen Aufstellung. Es ist dabei darauf zu achten, daß die Fläche im Saal freigehalten wird, um den Hofstaat des Prinzen Carneval unterzubringen.
Alles rückt zusammen!
Um allen Festgästen die Möglichkeit eines Sitzplatzes zu geben, wird an jeden Festbesucher die Bitte gerichtet, an den Tischen eng zusammenzurücken. Eine Vorbestellung von Tischen oder Vorbelegen von Plätzen ist grundsätzlich nicht möglich. Die Leitung des Festausschusses wird in keinem Fall dulden, daß auf diese Weise ganze Tische für später kommende Festbesucher belegt werden. Gegen das Freihalten von einem oder zwei Plätzen für später kommende Gäste durch bereits anwesende Festgäste ist nichts einzuwenden. Aber auch hier soll Rücksicht genommen werden, wie es überhaupt von allen Küpreß-Besuchern abhängt, durch gegenseitiges Entgegenkommen dem Fest auch in dieser Beziehung einen harmonischen Verlauf zu sichern.
Tanzen darf jeder.
Es besteht die Möglichkeit, daß wegen zeitweiser Ueberfüllung des Tanzparketts in Abteilungen getanzt werden muß. Auch hier wird sich jeder ein
sichtsvolle Festbesucher ohne weiteres den Anordnungen fügen. Die Kapellen spielen nahezu ohne Pause, so daß sich jeder austanzen kann, soviel er will. Um eine genaue Kontrolle zu ermöglichen ist es unstatthaft, das Fest zu verlassen und wiederzukommen. Die Festkarten werden beim ersten Eintritt entwertet. Wer das Fest vorzeitig verläßt, um später wiederzukommen, kann nicht damit rechnen, wieder eingelassen zu werden. Die Pförtner haben strenge Anweisung, niemand — ganz gleichgültig, wer es sei, und auf wen er sich berufen mag — ohne gültige Eintrittskarte einzulassen. Daran werden alle Versuche, das Fest zu später Stunde ohne Festkarte besuchen zu können, scheitern. Die Pförtner bewachen die Türen bis zum Schluß des Festes.
Ballons anbrennen Unfug!
Bei anderen Veranstaltungen hat sich gezeigt, daß sehr oft versucht wird, Luftballons mit Zigaretten anzubrennsn. Wir bitten unsere Festgäste, solche Scherze zu unterlassen. Obwohl unsere Luftballons nur mit Sauerstoff und nicht mit Wcisser- stoffgas gefüllt sind, können durch diesen Unfug sehr leicht böse Folgen entstehen. Es wird deswegen an alle Küpreß-Besucher die Bitte gerichtet, solche kindlichen Spiele zu unterlassen. Ein Fest des Frohsinns und des Humors, der leichtbeschwingten Muse und der Kunst verlangt von jedem ein Eingehen auf die dem Abend zugrundeliegende Idee: Das Gießener Künstler- und Pressefest 1937 ist das große Fest des Karnevals Oberhessens, das alle kulturtragenden Kreise an einem frohen Abend vereint.
Küpreß wird nicht wiederholt!
Vom Ausschuß des Künstler- und Pressefestes 1937 wird uns mitgeteilt: Die bestehende Absicht, das Küpreß noch einmal zu wiederholen, konnte leider nicht verwirklicht werden. Das Stadttheater hat Spielplanverpflichtungen übernommen, die nicht mehr geändert werden können. Die Räume des Gesellschaftsoereins find an allen anderen Tagen bereits vergeben. Eine Wiederholung des Festes in der gleichen Form ist aus diesen Gründen nicht mehr möglich.
s. Lang-Göns, 2. Febr. Am 4. Februar vollendet unser ältester Einwohner Heinrich Kiefer fein 9 2. Lebensjahr. Er war Teilnehmer der Feldzüge 1866 und 1870/71 und ist der letzte lebende Veteran unseres Dorfes. In verhältnismäßig körperlicher Frische kann er seinen Geburtstag begehen. Trotz seines Alters nimmt er noch regen Anteil an allen Zeitgeschehnissen. Er war immer ein treues und eifriges Mitglied des Kriegeroereins und lange Jahre dessen Vorsitzender. Das ganze Dorf nimmt am 4. Februar Anteil an diesem seltenen Geburtstag und wünscht dem alten Herrn noch einen recht gesegneten Lebensabend.
strengste Winterkälte begann und noch um Mitte des Monats Morgentemperaturen von 25 bis 35 Grad unter Null „Kleinigkeiten vom Alltag" waren.
Vornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Künstler- und Pressefest: 20.30 Uhr in den Räumen des Gesellschaftsvereins (Klub). — Gloria- Palast, Seltersweg: „Der lachende Dritte". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Und du mein Schatz, fährst mit".
Claire Valdoff kommt!
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Claire Waldosf singt, parodiert und lacht am Sonntag, 7. Februar, 19 Uhr, im Stadttheater, im Rahmen eines großen lustigen Abends, mit den Mitgliedern des Stadttheaters zusammen!
ASB., Ortsgruppe Gießen-Ost.
Betr. Lebensmittel-Opferring der Ortsgruppe Giehen-Ost.
Die Sammlung wird Dienstag, 2., und Mittwoch, 3. Februar, von der NS.-Frauenschaft durchgeführt. Die Mitglieder wollen die Pfundpäckchen bereithalten und die Mitgliedskarte zur Eintragung vor- legen. Der Inhalt der Päckchen ist außen sichtbar anzugeben. Es wird gebeten, daß sich außer den Mitgliedern auch diejenigen Volksgenossen beteiligen, die in der Lage sind, das WHW. zu fördern.
Betr.: Kohlenversorgung.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine bis zum
5. Februar täglich in der Zeit von 17 bis 19 Uhr auf der Geschäftsstelle, Kaiserallee 52, gegen eine Wertquittung umzutauschen. Später eingereichte Kohlengutscheine können nicht mehr in Zahlung genommen werden.
NGOAV. — Amt für Dolkswohlfabrt.
Ortsgruppe Gießeu-Mitte.
Pfundsammlung.
Am Mittwoch, 3. Februar, werden die Spenden (Pfundsammlung) durch die NS.-Frauenschaft eingesammelt. Die Hausfrauen werden gebeten, den Inhalt der Päckchen auf der Umhüllung kenntlich zu, machen und die Mitgliedskarten zur Quittungseinzeichnung bereitzuhalten. Die Pfundsammlung erstreckt sich während der Dauer des WHW. wieder auf alle Volksgenossen.
Ortsgruppe Gießeu-Nord.
Winterhilfswerk 1936/37.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine (Serie D) bis spätestens Freitag, 5. Februar, 20.30 Uhr, auf unserer Geschäftsstelle, Walltorstraße 38, einzureichen. Später eingehende Gutscheine können nicht mehr angenommen werden. Auf der Rückseite der Gutscheine ist die Art des gelieferten Brennmaterials anzugeben, gleichzeitig müssen die Gutscheine den Stempel oder Namen der Kohlenhändler und die Unterschrift, Wohnung, Straße und Hausnummer des Hilfsbedürftigen tragen.
Winterhilfswerk des deutschen Volkes 1936/37.
Ortsgruppenführung Gießen-Süd.
Am Dienstag, 2. Februar, Mittwoch, 3. Februar, Donnerstag, 4. Februar, findet in der Ortsgruppe Gießen-Süd durch die NS.-Frauenschaft die WHW.- Pfundsammlung statt. Es wird gebeten, die Lebensmittelspenden (Pfundpakete) zur Abholung bereitzuhalten.
Zn den nächsten Tagen Beginn des Omnibusbetriebs der Straßenbahn.
Vor einigen Wochen konnten wir auf Grund von Informationen an maßgebender Stelle mitteilen, daß die Stadtverwaltung zur Verbesserung der Ver- kehrsverhältnisse zwischen der Straßenbahnhaltestelle an der „Stadt Lich" (Licher Straße) und dem Wohngebiet unterhalb vom Kugelberg bis zur Waldkaserne einschließlich einen Pendelbetrieb mit modernen Omnibussen einrichten werde. Die Sache ist nunmehr soweit gediehen, daß dieser Omnibus- Pendelbetrieb in den nächsten Tagen aufgenommen
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kommen einem Vorübergehende in einer mechanischen Art dadurch zu Hilfe, daß sie besorgt das Paar in möglichst haltbare Papierschlangen einwickeln. Schwächeren Naturen, die ohne Hilfe sind, darf geraten werden, sich mit ihrer Partnerin zum Photographen zu begeben, der ihnen die Bezeugungen der Zuneigung vor dem Objektiv unnachsichtig befiehlt.
Im allgemeinen sollten immer Haltung und Gebaren zum Kostüm passend gewählt werden. Einem morgenländischen Fürsten ziemt es nicht, sich österreichisch-graziös zu benehmen oder westlich-elegant. (Selbst wenn es ihm angeboren sein sollte.)
Auf den Barstühlen halte man sich ab und zu einmal auf. Es sind Stätten der Besinnung, Oasen, in denen man eine Weile träumen kann, kühl, als wehten sanfte Winde um sie. Sogar allein ist gut hier sein. Ein Ort für Philosophen.
Indessen sei Philosophen, die um zwei Uhr nachts — aus Zufall oder Unbegabung — allein sind, doch geraten, sich nach etwas' menschlicher Freundschaft umzusehen. Es könnte ihnen geschehen, daß ihre Philosophie sonst am Ende trübe wird...
Gegen Morgen verbreitet sich unmerklich eine melancholisch-träumerische Stimmung: der eine Art Ernst nicht mehr abzustreiten ist. Die wirkliche Welt dämmert in den Fenstern. Es ist eine gute Sache, in diesen letzten Stunden zu zweit durch die Säle zu stromern, manchmal auf hohen Pfeilern zu sitzen oder auf Treppen.
Wer jetzt Schwüre schwört, der schwöre vorsichtiger. Die Atmosphäre der unbesorgten Verkleidung ist im Schwinden. Ohne daß darum die Sache traurig würde: noch immer ist in allem beschwingte Fäschingsstimmunq, und wer etwas davon versteht, weiß, daß diese letzten Stunden am Morgen die besten sind. Man bummelt streunend durch Knäuel von Papierschlangen, sitzt auf Tischen und Klavieren mit den Beinen baumelnd und kann beginnen, glaubhaft auch in Maharadscha-Maske, zu erzählen, daß es gerade noch für einen Aufenthalt an der Bar langen könnte, dann fei der Maharadschah bankerott.
Auf der Heimfahrt in den morgendlichen Straßen versuche man, noch die Würde zu bewahren, die man hat, selbst im verbergenden Mantel von europäischem Schnitt.
Erst zu Hause zieht man ganz die falsche Würde aus und fängt zu glauben an, man sei ein anderer. Indessen soll man nie zu plötzlich daran glauben und noch im Halbschlaf träumerisch denken, wer man war.
Lichtspielhaus:
„UnD Du, mein Schah, fährst mit."
Die Ufa hat sich ein Vergnügen daraus gemacht, die abenteuerliche und ein bißchen amerikanisch-unwahrscheinliche Geschichte der Schauspielerin Maria Seydlitz — der Roman stand vor einiger Zeit in einer großen Illustrierten — im Film erscheinen zu lassen: grotesker Einfall, eine kleine und sozusagen namenlose deutsche Schauspielerin aus der finstersten „Provinz" als Star an ein großes Neuyorker Revuetheater zu engagieren: sie weiß selber nicht einmal, wieso und woher und wer und warum. Das kommt aber alles nach der Reihe ans Tageslicht, und die kleine Maria aus dem provinziellen Stadttheater bringt es wahrhaftig fertig, sich „drüben" durchzusetzen, was aus verschiedenen Gründen nicht einfach ist. Am Ende kann sie sogar auf dem Kopf stehend fingen, was dort gerade als „letzter Schrei" gilt, und es gibt einen Bombenerfolg. Aber so groß der Erfolg auch ist — die Liebe ist noch größer. Da war nämlich unterwegs einer auf dem Schiff, der dachte sich, diese Maria wäre gerade die Richtige, und als er sieht, wie drüben alles zugeht, fährt er voller Wut mit dem nächsten Schiff wieder beim nach Deutschland. Und erst im allerletzten Augenblick, als die Kapelle schon „Muß i denn" spielt, taucht Maria neben ihm auf und summt einen eigenmächtig verwandelten Text dazu. Die Maria spielt Marika Rökk mit einer staunenswerten Vielseitigkeit, singt, tanzt, turnt mit einem halsbrecherischen Temperament: zuletzt reines Variete: eine elegante, saubere Leistung. Dem Regisseur Georg Jacoby gab das Leben auf dem großen Dampfer und der USA.betrieb nach der Broadway-Melodie vielfältige Anregungen. Vom Ensemble: Hans Söhnker, guter, lieber Junae: die Konstantin: scharmant wie immer; Alfred Abel: angenehm leicht und verhalten. Sima als Regisseur in großer Fahrt. — Hübsche Musik von Franz D o e 11 e. Hans Thyriot.
Zeitschriften.
— „D a s Innere Reich". (Herausgeber: Paul Alverdes und K. B. v. Mechow. Verlag Albert Langen/Georg Müller, München.) — Hermann Stehr eröffnet das Februarheft mit der „Geschichte über den Dächern", einer symbolischen Erzählung. Dann zeugt Rudolf A. Schröder von der schöpferischen Begegnung und Auseinandersetzung des griechischen und'deutschen Geistes, indem er aus feiner werdenden Jlias-Uebersetzung den 14. Gesang vorlegt. In einem Gespräch über Musik in Goethes
„Wilhelm Meister", das Karl Gerstberger beisteuert, spüren wir die lebendige Gegenwart der deutschen Klassik, während Paul F. Schmidt in einem reich bebilderten Aufsatz die Probleme der deutschen Malerei im 19. Jahrhundert an Gestalten wie Leibl, Menzel, Böcklin und Marees aufzeigt. Heinrich Zil- lich zeigt in seiner ausgezeichneten Novelle „Das erste Gefecht" die verwandelnde Kraft des Krieges, von dem die wesentlich deutsche Dichtung unserer Zeit ihren Ausgang nahm. Neben den Gedichten von Fritz Knöller und Volkmar Haselbach lieft man ein größeres lyrisches Werk von Georg Britting, „Rabe, Roß und Hahn". Den Beschluß des Heftes bildet, auf den Anfang zurückgreifend, eine liebevoll eingehende Würdigung und Deutung des Schaffens von Hermann Stehr durch Willi Steinborn.
Hochschulnachrichten.
Der Senior der Marburger Theologischen Fakultät, em. Professor für Neues Testament und Kirchengeschichte Geheimer Konsiftorialrat D. Dr. Gustav Adolf Jülicher vollendete dieser Tage sein 8 0. Lebensjahr. Der greise Gelehrte, der seit 1923 von den amtlichen Verpflichtungen entbunden ist, bekleidete von 1901 bis 1902 das Rektoramt in Marburg; 1930 konnte er das goldene Doktorjubiläum feiern. Jülicher ist einer der an= gesehensten Vertreter der historischen Kritik des Neuen Testaments. Vor 49 Jahren kam er als außerordentlicher Professor der Theologie an die Universität Marburg, nachdem er sieben Jahre lang als Pfarrer und Privatdozent in Berlin tätig gewesen war. Sein erstes großes Werk über „Die Gleichnisreden Jesu" ist bis heute grundlegend für die behandelte Frage. Seine weiteren zahlreichen Arbeiten über das Neue Testament und die älteste Kirchengeschichte brachten ihm Weltruf ein.
Der Dozent für Bürgerliches Recht, Zivilprozeß- recht und Handelsrecht Rechtsanwalt Dr. jur. habil. Arnold Schantz ist zum nichtbeamteten außerordentlichen Professor in der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt ernannt worden. — Der Dozent für Geburtshilfe und Gynäkologie Dr. med. habil. Karl Ehrhardt ist zum nichtbeamteten außerordentlichen Professor in der Frankfurter Medizinischen Fakultät ernannt worden. — Dem beamteten außerordentlichen Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät Dr. Erich Egner ist die Leitung des Instituts für Landesplanung und Siedlungsaufbau in Stadt und Land bei der Universität Frankfurt übertragen worden.


