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ein Problem sei, das die britischen Staatsmänner umgehen könnten, indem sie es einfach nicht an­schnitten. Es handele sich nicht um einen jener Punkte der internationalen Beziehungen, den man einfach auf sich beruhen lassen dürfe. Im Gegenteil erfordere das deutsche Festhalten an der Kolonialforderung genauestes und sorgfältigstes Nachdenken.

Erneutes Treuegelöbnis der Wehrmacht.

EinTagesbefehl des Reichskriegsministers.

Berlin, 1. Februar. (DRV. Der Reichs- friegsminiffer und Oberbefehlshaber der Wehrmacht hat folgenden Tagesbefehl erlassen:

Am 30. Januar 1937 Hal der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht dem Generalfeldmar­schall von Blomberg. Generaloberst Frei- Herrn von Fritsch. Generaladmiral Dr. h. c. Boeder, General der Flieger IN i l ch das Gol­dene Parteiabzeichen verliehen. Der Füh- rer hat damit diesen Offizieren die höchste Or­densauszeichnung zuteil werden lassen, über die das nationalsozialistische Deutschland verfügt. Diese Ehrung gilt über den Einzelnen hinaus für d i e ganze Wehrmacht. Der Führer hat aus­gesprochen, daß Partei und Wehrmacht die beiden auf ewig verschworenen Garanten für die Behauptung des Lebens unseres Vol­kes sind und daß er den zahllosen Soldaten und Offizieren danke, die im Sinne der nationalsozia­listischen Bewegung in Treue zu ihm gestanden haben. Das haben wir getan und werden es in allen Zeiten tun. Unsere Kraft und unser Handeln, unser Gut und unser Blut gehören dem Führer und dem deutschen Völkel heil dem Führer!

von Blomberg, Generalfeldmarschall.

Das neue japanische Kabinett.

Parteien sind nicht vertreten.

Tokio, 2. Febr. (DNB. Funkspruch.) Der Kaiser ernannte auf Vorschlag des Ministerpräsidenten General h a y a s h i das neue Kabinett. Minister­präsident Hayashi hat vorläufig auch die Posten des Außenmini st ers und des Kultus- mi n ifte r s mitübernommen. Für die endgültige Besetzung des Außenministeriums ist entweder der japanische Botschafter in Paris Sato oder der Botschafter in Washington Saito in Aussicht ge­nommen. Weitere Minister sind: Inneres: Kawa- Harada, Krieg: N a k a m u r a, Marine: Y o n s i, Finanzen und Kolonien: Yuki, Justiz: Shiono (bisher Reichsanwalt), Landwirtschaft und Verkehr: Y a m a z a k i (der schon früher einmal Landwirt­schaftsminister war), Eisenbahn und Handel: Admi­ral a. D. Godo (bisher Direktor der Firma Showa-Stahl). Der einzige Parteimann in dem neuen Kabinett ist Y a m a z a k i, der aber aus der Showakei aus tritt. Die anderen Parteien haben eine Beteiligung am Kabinett abgelehnt.

In politischen Kreisen und in der Presse bezeich­net man das neue Kabinett als Koalition auf mittlerer Linie. Man erwarte keine Ueber- raschungen. Die stärkste Persönlichkeit sei Admiral Y o n a i, der erklärte, von Politik nichts zu ver­stehen. Er werde aber energisch den Standpunkt der Marine vertreten. Die Parteien sind angeb­lich entschlossen, sich gegen das Kabinett zu be­haupten.

Die faschistische Miliz ehrt ihre in Ostafrika gefallenen Kameraden.

Rom, 1. Febr. (DNB.) Der 14. Jahrestag der Gründung der faschistischen Miliz stand im Zeichen der Ehrung der für das italienische Imperium i n Ostafrika gefallenen Angehörigen der Miliz. Ihren Höhepunkt bildete die Kundgebung in Rom vor dem Altar des Vaterlandes. Aus ganz Italien hatten die Legionen starke Abteilungen zur Ehrung ihrer gefallenen Kameraden entsandt. Nach der Feldmesse verlieh Mussolini in der Uni­form des Oberkommandierenden der faschistischen Miliz zahlreiche goldene und silberne Auszeichnun­gen. Sie wurden von ihm an die Feldzeichen der Miliz-Legionen angeheftet, die in Ostafrika im Feuer gestanden hatten. Gleichzeittg verteilte der Duce zum ehrenden Gedächtnis der 41 Milizange­hörigen, die sich in den Kämpfen besonders aus­gezeichnet und ihr Leben für das faschistische Im­perium hingegeben haben, an ihre Hinterbliebenen goldene und silberne Medaillen. Einige der Krie- 'gerwitwen hatten zu der Feier ihre Kinder mit­

gebracht, die Mussolini unter dem Jubel der Mas­sen besonders herzlich begrüßte. Nach der Heben gäbe der Ehrenzeichen erklärte der Duce, daß die Namen der für das Imperium in Ostafrika gefal­lenen Milizkameraden von Geschlecht zu Geschlecht in den Herzen der Faschisten lebendig bleiben wer­den.Wenn das Vaterland noch einmal rufen sollte, werden die ganze Miliz und alle Italiener das heldische Beispiel der für das Imperium Gefallenen nachahmen."

Oer Mord an Borchgrave.

Warum Valencia den Belgiern Schaden­ersatz bietet.

Paris, 2. Februar. (DNB. Funksvruch.) Der Populaire" meldet, daß sich der belgische Außen­minister S v a a k mit dem Beauftragten der spa­nischen Bolschewisten del D a y o in St. Quentin dahin geeinigt habe, daß die Bolschewisten den für die Ermordung des Borchgrave geforderten Scha­densersatz von 1 Million lei ft en unter, der Voraussetzung, daß die Angelegenheit dem i n - ternationalen Schiedsgericht überwie­sen wird.

Das Organ der französischen Sozialdemokratie stellt sich vorbehaltlos auf den Standpunkt der spa­nischen Bolschewisten, daß der . in Madrid viehisch ermordete Botschaftssekretär gar keine offizielle Mission zu erfüllen gehabt hätte und daß daher die spanischen Bolschewisteneigentlich" berech­tigt gewesen wären, die Forderungen Belgiens zurückzuweisen! Die Machthaber in Valen­cia werden dann als außerordentlich versöhnlich hingestellt, daß sie sichtrotzdem" zu einem Scha­densersatz bereit erklärt haben. Dieversöhnliche Haltung" Valencias wird aber sofort verständlich, wenn man folgende Sätze liest:Del Vayo ist sich darüber klar gewesen, daß, wenn man den Forde­rungen der belgischen Regierung nicht nachgeben würde, eine belgische Ministerkrise hätte daraus entstehen können mit den größten Rück­wirkungen auf das demokratische Re­gime in Belgien. Del Vayo hat für die bel­gische sozialdemokratische Bruderpartei keine schwe­ren polittschen Störungen Hervorrufen wollen, die nur dem Rexismus den Weg zur Macht geöff­net hätten." Die inneren Zusammenhänge zwi­schen Bolschewismus und Demokratte konnten durch diese Feststellungen nicht besser beleuchtet werden.

we gisch en Stortlngs (Reichstags). Diekek norwegische Parlamentsausschuß, dessen Mehr» heit aus Marxisten bestand, hat sich die oben ge- kennzeichnete Provokation des deutschen Volkes er­laubt, auf die die jetzt erfolgte Gündung eines Deutschen Nationalpreises für Kunst und Wissenschaft durch den Führer die rich- tige Antwort war.

Das Scho in Schweden.

Stockholm, 1. Febr. (DNB.) Nach dem ersten Sturm der Entrüstung im schwedischen Blatterwald über den deutschen Beschluß der Ablehnung des Nobelpreises meldet sichOstgoeta Corre­spond e n z" mit folgender Auffassung:Das deutsche Verbot der Annahme von Nobelpreisen ist bedauerlich, wenn auch begreiflich. Der Fr:e- denspreis für Ossietzky hatte einen so heraus­fordernden Charakter, daß es keinerlei Verwunderung erregt, wenn die deutsche Regierung darauf reagiert. Der norwegische Storting hat der großartigen Stiftung Alfred Nobels einen u n heilbaren Schaden zugefügt. Der Umstand, daß das Verbot gleichzeitig mit der deutschen Reichstagssitzung erlassen wurde, zeigt, wie ernst­lich die deutsche Regierung sich durch die Verleihung des Friedenspreises beleidigt fühlt. Das Verbot scheint auch den Zweck zu haben, eine War­nung für alle diejenigen zu sein, die die Weltmeinung gegen Deutschland auf­hetze n".

AuchA f t o n b l a Ü e t" erklärt u. a., daß die Verleihung an Ossietzky vor allen Dingen ein fla­granter Mißbrauch des Friedens­preisgedankens Nobels und eine poli­tische Demonstration, also ein Vergehen gegen dessen Idee gewesen sei. Dadurch sei der Friedenspreis von dem norwegischen Ausschuß zu einer poli­tischen Agitation herabgesetzt worden mit dem Zweck, den Führer und die Deutschen zu verärgern. Die Wahl sei also eine unverantwort­liche, mutwillige Handlung gewesen. Der nokwe- aische Ausschuß habe damit dem Nobelpreis den schlechtesten Dienst erwiesen. Bevor sich gewisse demokrattsche Organe mit ihrem üblichen Gebell gegen Hitler und Deutschland ergehen, sollten sie doch, wenn sie noch einen gewissen Rest von objek­tiver Sachbeurteilung besitzen, darüber nachdenken, was vorgefallen ist und was die deutsche Demonstration veranlaßt hat.

Stalins Bluiherrschast.

13 Todesurteile vollstreckt. Neue Ver­haftungen für einen dritten Schauprozetz.

Moskau, 1. Febr. (DNB.) Die Telegraphen­agentur der Sowjetunion teilt mit, daß die vom Militärgerichtshof der Sowjetunion am 30. Januar zum Tode verurteilten dreizehn An­geklagten am 1. Februar erschossen wur­den. Die Erschossenen sind Ptjatakow, Serebrja- kow, Muralow, Drodnis, Liwschitz, Boguslawski, Knjasew, Rataitschak, Norkin, Schestow, Turok, Puschinund, Grasche.Daily Herald" meldet aus Moskau, daß Radek und Sokolnikow, die im Moskauer Theaterprozeß mit dem Leben davon­kamen, voraussichtlich bald wieder vor Ge­richt stehen würden, und zwar zusammen m i t Bucharin und Rykow und den anderen Mit- gliedern des angeblichen3. trotzkystischen Ringes" auf Grund neuenBelastungsmaterials".

Nach einer Melung des Krakauer Illustrierten Kurier wurde in Leningrad der frühere Befehls­haber der sowjetrussischen Ostseeflotte S o f festge­nommen. Die Verhaftung wird in Zusammenhang gebracht mit der Vorbereitung des dritten Mos­kauer Theaterprozesses. Außer Beloborodow soll auch Uglanow verhaftet worden fein. Belodorodow und Uglanow sind während des letz­ten Prozesses von den Angeklagten als Mitglieder einer gegen Stalin gerichteten Verschwörung ge­nannt worden. Uglanow hat sich früher als einer der Leiter der sogenanntenRechtsopposition" m i t Bucharin und Rykow betätigt. In der Sow­jetpresse sind bereits Artikel erschienen, in denen für Beloborodow und Uglanow das Todes­urteil gefordert wird.

Daily Telegraph" weist darauf hin, daß der Prozeß gegen Radek und Genoffen 100 Personen, darunter alte und junge Bolschewiken, Ingenieure und andere durch dieOeftänbniffe" der Angeklag­tenbelastet" habe. Es fei anzunehmen, daß alle diese Personen bereits verhaftet seien, doch wisse man nicht, ob sie jemals öffentlich vor Gericht kämen. Auch handele es sich nur um einen kleinen Hundertsatz derjenigen, die bei der Reinigungsaktion" gegen frühere Oppositionsfüh- rer und ihre Anhänger verhaftet worden feien.

Verschärfung der Streiklage in der amerikanischen Antomodilindnürie.

Nationalgarde zum Schuh der Fabriken eingesetzt.

Ne uy o r k, 1. Febr. (DNB.) Die Versuche der General Motors Co., durch Gerichtsbeschluß die Streikenden mit Hilfe der Polizei aus den Fa- briken zu vertreiben, lasten das Wieder­aufleben neuer blutiger Zusammenstöße befürchten. Die Streikenden, die die Fabriken besetzt halten, haben erklärt, sie würden einem gerichtlichen Be­fehl auf Räumung der Anlagen nicht nachkommen, sondern nur auf Anordnung der Streik­leitung die Betriebe verlassen. Gewaltversuche der Polizei würden sie mit Gewalt beantworten. Die Streikenden sind mit Lebensmitteln für einige Tage versorgt. Sie haben sich alle m i t Knüppeln und bleigefüllten Stöcken bewaffnet. Außerdem haben sie große Fässer mit schweren Schrauben und Eisenstücken, die a l s Wurfgeschosse dienen sollen, bereitgestellt. Die Feuerlöschschläuche sind von den Strei­kenden an große Behälter angeschlossen werden, die eine bisher nicht erkennbare schwarze Flüssig­keit enthalten. Auch sollen zahlreiche Waffen im Besitz der Streikenden sein. Aus Detroit und Ohio sind mehrere hundert Radikale zur Unter­stützung der Streikenden eingetroffen. Ferner wur­den viele Stahl- und Bergarbeiter aus Pennsylvania zur Unterstützung von den Streikenden herangezo­gen. Auch von außenher sollen die in den Betrie­ben befindlichen Streikenden im Falle des Ein­greifens der Polizei unterstützt werden.

In der Chevroletfabrik der General Mo­tors Werke in Flint (Michigan) kam es bereits zu blutigen Unruhen, als mehrere hundert Auf­

ständische, die vorher eine Gewerkschaftsversammlung besucht hatten, einen Sitzstreik beginnen wollten. Zehn Aufständische und mehrere Fabrikpolizstten wurden durch Wurfgeschosse verletzt. Unter den An­greifern befanden sich viele Weiber, die offen­bar durch die Versammlung aufgehetzt waren, und sich zu einerF r a u e n b r i g a d e" zusammen- getan hatten, was sie durch rote Mützen und rote Armbänder zum Ausdruck bringen wollten. Sie schlugen die Fabrikfenster ein und warfen Gasbomben in die Fabrik. Der Angriff konnte aufgehalten werden bis Polizeiver- ftärfungen eintrafen. Alfred Sloan, der Präsident der General Motors Company, wurde beim Ver­lassen seines Büros von 250 Streikposten bedroht. Nur dem Umstand, daß die schreienden Menschen ihn zuerst nicht erkannten, hatte es Sloan zu ver­danken, daß er mit heiler Haut in einen bereit- stehenden Kraftwagen e_n t f o m m e n konnte.

Bei Beginn der Nachtschicht gelang es den Auf­ständischen, noch zwei Cheorelot-Fabri- k e n durch einen Sitzstreik st i l l z u l e g e n. Der Gouverneur hat eingegriffen und ein Regiment N a - tionalgarde in Stärke von 1200 Mann hin be­ordert, die in feldmarschmäßiger Ausrüstung, mit aufgepflanztem Bajonett und unter Be­reitstellung von Trän engaspi st ölen die Fabriken besetzt haben. Die Besetzung be­schränkt sich vorerst auf die Absperrung des Fabrik­geländes ohne daß eiy Versuch gemacht wird, die Streikenden zu entfernen.

Oer Deutsche Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft.

Durch die gestern bereits mitgeteilte Verfügung des Führers über die Stiftung eines Deut­schen Nationalpreises für Kunst und Wis­senschaft ist die allgemeine Aufmerksamkeit auch wiederum auf den Nobel-Preis und die Nobel- Stiftung gelenkt worden, da in der Verfügung gleichzeitig jedem Deutschen für alle Zukunft die Annahme des Nobelpreises untersagt worden ist. Die beschämenden Vorgänge, von denen die Ver­fügung zu Beginn spricht, und welche die Veranlas­sung zu dem Verbot bildeten, find noch in frischer Erinnerung. Der überaus peinliche Eindruck, den die Zuteilung des Friedens-Nobelpreises an den in Deutschland rechtskräftig verurteilten Landesverräter Carl von Ossietzky hervorrief, ist auch vom Auslande weithin geteilt werden: ja die Familie des Stifters Alfred Nobel ist mit einer deutlichen Erklärung von der letzten Entscheidung über die Zuerteilung des Friedens-Nobelpreises abgerückt. Diese Entscheidung mußte in Deutschland als be­sonders verletzend und herausfordernd empfunden werden: Ossietzky ist bereits vor 1933 wegen Lan­desverrates rechtkräftig verurteilt worden, und Reichspräsident von Hindenburg hat seiner­zeit ausdrücklich die Begnadigung abgelehnt.

Der Begründung der Nobelstiftung ist der schwe­dische Chemiker Alfred Nobel, der am 21.Oktober 1833 in Stockholm geboren wurde und am 10. De­zember 1896 in San Remo starb. Nobel, der als Schöpfer der modernen Sprengstoff-Technik gilt (er erfand z. B. 1867 das Dynamit), begründete die Stiftung, die seinen Namen trägt, durch Testament vom 27. November 1895: Hiernach sollte der jährliche Zinsertrag seines ursprünglich 31,5 Millionen schwe­dischen Kronen betragenden Vermögens zu fünf gleichen Teilen denen verliehen werden, die in der Physik, in der Chemie und der Medizin, durch her­vorragende idealistische Schriften oder durch eifriges Wirken für eine Verbrüderung der Völker sich be­sonders verdient gemacht haben. Am 30. Oktober 1901 fand die erste' Preiszuteilung an den deutschen Forscher Emil von Behring, Marburg, statt. Seitdem sind deutsche Gelehrte und Dichter sehr häufig unter den Preisträgern zu finden gewesen.

Den physikalischen und den chemischen Preis ver­teilt die Stockholmer Akademie der Wissenschaften, den medizinisch-physiologischen das Karolinische medico-chirurgische Institut in Stockholm, den lite­rarischen die Stockholmer Schwedische Akademie, den Friedenspreis ein Ausschuß des nor -

Schnee in her ©faht

Von per Gchwenzen.

Man könnte wütend werden, wenn diese Briefe kommen: kleine, komische Kuverts aus den Schau­fenstern 'einer Dorfhandlung, wo sie mit ihrem ge­blümten Seitenfutter zwischen Malzbonbons und Wäscheklammern prangten. Lauter wundervolle Namen stehen im Poststempel, bayerische, erzgebir- gische, thüringische ... Ortsnamen, die hell wie Schnee sind und mir den Eiszapfen des Neides ins Herz stechen.

Lieber Freund! Anstatt an deinem wackeligen Schreibtisch zu hocken und Papier zu verderben, solltest du hierher kommen und Skirunen ins weiße Folio des Winters ritzen! Herzlichst Adolph!" Na­türlich, Adolph! Seit Monaten will er einen Ro­man schreiben. Alle Welt hat er darauf angepumpt, sogar mich, und das will was heißen. Was tut er aber? Ritzt Runen! Solche Leute haben eben Zeit.

Ach, wie ich mich schäme! Denn ich merke allmäh­lich selber, daß ich ganz ohne Wohlwollen, ganz ohne Heiterkeit bin. Neid frißt meine Seele an. Aber ich kann nichts dazu.

Schnee in der Stadt! Heiliger Winterhimmel, der du über Millionen Tannen hängst, du weißt cs, wie sehr ich den Schnee liebe. Ich kann ihn fressen wie ein Hund. Haben Sie mal einen Hund Schnee fressen sehen? Er gauzt und kläfft vor wilder Freude, er beißt in Den Schnee hinein, ganz albern wird er, ganz rasend, daß seine Zähne keinen Wi­derstand finden, er schnappt und klappt mit den Kiefern und verschwindet bis über den Nacken in der weißen Decke ... So ungefähr mache ich das auch, nicht ganz so schön: denn ich belle nicht. Aber ich muß die Hände hineinstecken, dis sie rot werden wie gesottene Krebse, und ich empfinde die Wärme der tausend kleinen Kriftallklingen angenehmer als Heizkissen oder Pulswärmer ...

Ach, ich bin ja selber daran schuld. Zuerst habe ich mein Gewissen, mit dem ich eigentlich auf sehr

vertrautem Fuß stehe, gefragt: Glaubst du, daß ich mir gestatten kann, etwas gegen meine Finanz­lage zu unternehmen? Nein, meinte das Gewissen. Fragte ich meine Finanzlage: Glauben Sie, daß meine Frau und ich ober einer von uns beiden dieses Jahr ein wenig Skilaufen darf? Nein, sagte die Finanzlage. Fragte ich meine Frau, erhob sich alsbald ein edler Wettstreit:Fahre du!"Nein, fahre du!" Dann haben wir es mit Streichhölzern ausgeraten. Ich gewann. Aber das galt nicht. Ab­gebrannte Streichhölzer gelten nicht, sagte meine Frau. Wir haben es noch mal ausgeraten. Ich ge­wann wieder. Daraufhin fuhr meine Frau.Nein", sagte sie,du nimmst ja im Guten nichts an. Aus­raten lasse ich mich nicht."

Nun ist Schnee in der Stadt! Ich und der Schnee, wir find beide kreuzunglücklich. Wir haben vor schlechter Laune den Schnupfen: denn wir können kein Viehsalz riechen. Ich fühle schon, daß ich zu schmelzen anfange, und mache einen weiten Bogen um jedes Kanalloch ...

Armer Schnee! Du kommst aus den hellen Hö­hen, wo die Froftwolken wie klingende Glasburgen stehen, der Atem des Himmels fror um die Tannen, ganz so wie das Maul eines schnaubenden Pferdes bereift ... Billionen Flocken fallen an einen rechten Ort, schaukeln auf Zweigen, glitzern über die Acker­furche, am verblichenen Halm, über dem Eis der Flüsse. Du aber, armer Schnee, nach herrlichem An­sturm durch die bewegliche Luft, in gewundenen Säulen dahingeführt, fielst auf die steinerne Oede der Straße, in die Lieblosigkeit unseres Betriebes. Da schmeißen sie mit ätzendem Sand nach dir, und backen auf dir herum wie auf einer Otter, und jagen dich mit Besen und Schabern, als wäre eine Wolke Wanzen aus das Pflaster herabgeregnet! Ich kann dir nicht helfen! Denn, siehst du, geliebter Freund, es ist doch so, und das wirst du in deinem kurzen Dasein nicht mehr begreifen lernen: wir werden alle durch unseren Platz beftimmt. Was ganz weiß ist, kann plötzlich ganz schwarz fein ... Wenn auch nur die geringste Aussicht darauf besteht, so kom­men schon alle und schmeißen mit Viehsalz. Sie

würden es dir beweisen: allein am vergangenen Samstag sind 118 Personen auf dir ausgerutscht. Das ist vernichtend. Du wirst Schmutz werden. Was trieb dich auch hierher? Weiß du nicht, daß du auf die Berge gehörst? Diese Stadt setzt dich ganz und gar ins Unrecht.

Du aber mußt gerecht sein. Ich weiß es, sie wollen dir deine Wärme nicht glauben: daß die Lappenkinder aus dem heißen Waschzuber vor die Hütte springen und sich in deinem weißen Laken wälzen, bis das Blut vor Hitze aus der Haut per­len will, daß du Hütten bauen kannst, darin die Grönländer vor Hitze nackend hocken müssen, wäh­rend die Leute in der Sonnenstadt Venedig in ihren Steinpalästen mit Pelz und Schnupftuch sitzen ...

Kannst du dich des lappischen Dichters Matti Aikio erinnern? Die Rennttere seines Vaters scharr­ten nach Moos, während Mattt in Paris zu studie­ren versuchte. Am ersten Tage, da es schneite, heulte er vor Freude wie ein Hund, trank eine Flasche Kognak auf dein Wohl, und wenn du dich recht erinnerst, so wirst du noch wissen, er trank sie auf einen Zug leer. Dann stieg er auf das Dach, um sein dankbares und gerötetes Gesicht zu den Schnee­wolken zu erheben. Aber er fiel durch das Glasdach in das Atelier eines Malers hinab und zertrüm­merte ein Gemälde:Ausbruch des Vesuvs." Aikio wurde ein richtiger Herr Schriftsteller mit Geld, Namen und Ruhm. Aber ich kenne Leute, die haben ihn nachts auf der Hauptstraße in Oslo angetrof­fen, wie er aus einer kleinen Schneehütte heraus­sah, die er sich auf dem Fahrdamm gebaut hatte ...

Siehst du, das war noch ein Mann, der ein Herz für dich hatte, wie die Kinder und die Hunde. An die mußt du dich halten. Sie meinen es gut mit dir, auch wenn sie nach dir schnappen ober Dir eine Kohlrüoe als Nase und Koks als Augen ein­drücken. Wir Erwachsenen haben nämlich niemals Zeit. Wir haben einen Beruf und eine Meinung und ein Gewissen und eine Finanzlage. Das alles dauert eine Weile.

Inzwischen schmilzt her Schnee?

Ehrwürdiges Alter.

In Istanbul leben nach der neuesten Statistik nicht weniger als 114 Personen, die bereits das hundertste Lebensjahr überschritten haben. Dabei scheint es, daß die Frauen den Stürmen des Le­bens besser gewachsen sind als die Männer: denn von den 114 gehören nicht weniger als 73 zu dem schwachen" Geschlecht, und es wird versichert, daß sie sich der besten Gesundheit erfreuen. Wessen diese alten Frauen noch fähig find, hat jüngst erst Fathma Nemli gezeigt, die zwar noch nicht ganz hundert Jahr, sondern erst 94 alt ist, aber die es doch noch für nötig hielt, ihre Zukunft zu sichern, indem sie sich wieder verheiratete. Sie wurde von den Re­portern der Zeitung in Jnstanbul natürlich über­laufen, und sie gab freimütig ihre Erklärungen ab, in denen sie sich über ihre junge Ehe mit der größ­ten Befriedigung äußerte. Sie fei, so erklärte sie, mit ihrer jetzigen Ehe viel zufriedener als mit ihren beiden ersten, die in ihre Jugend fielen: während sie jetzt in der Tat die einzige Ehefrau eines Man­nes fei, hätte sie damals imHarem" die Gunst ihrer Ehemänner mit vielen anderen Frauen teilen müssen. Fathma Nemli ist aus diesem Grunde eine begeisterte Verteidigerin der neuen Zeit.

Aber nicht nur Istanbul hat so alte Mitbürgerin­nen in seinen Mauern. Auch Polen erfreut sich solcher hochbetagter Frauen, und soeben ist in War­schau eine Frau gestorben, die nach den Behaup­tungen der polnischen Blätter sogar die älteste Frau der Welt war. Es handelt sich um eine gewisse Anna Stahl, die ein Alter von 119 Jahren erreicht hat. Sie war im Jahre 1817 geboren, und sie hat immer in der polnischen Hauptstadt gelebt, ohne je eine Reise zu unternehmen. Bis in ihre letzten Le­benstage war sie frisch und vergnügt, und sie brauchte niemals eine Brille zu tragen. Sie er­freute sich eines ausgezeichneten Gedächtnisses und erinnerte sich der geringsten Einzelheiten, die sie in ihrem langen Dasein erlebt hatte.