Nr.l Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Zamrtag, 2.Zanuar 195Z
Aus der Provinzialhauptstadt.
Oer Januar im Volksmund.
Die mittelalterliche Streitfrage wegen des Jahresanfangs hatte viel früher der sagenhafte römische König Numa Pompilius gelöst, der das Jahr nicht mehr mit dem kriegerischen M-ars (März), sondern mit dem doppelgesichtigen Janus (Januar) beginnen ließ. Symbolisch schaut auch der Januar, in der Mitte des Winters stehend, ins alte und neue Jahr hinein, eröffnet den Kreislauf der wieder aufsteigenden Sonne und die Hoffnung auf den lieblichen Frühling. Als Karl der Große den Monaten deutsche Namen geben ließ, wurde der Januar „Wintermonat" getauft. Im Volksmund hieß er auch „Eis- und Schneemond, H-artmonat und Großer Horn" wegen seiner hornharten Kälte.
Es gehört nun einmal zu den Eigenheiten des Januar oder Jänner, wenn er sich selbst gleichen soll, den Winter mit aller Strenge regieren zu lassen. Darum auch die auf Jahrhunderte alter Volkserfahrung fußende Spruchweisheit:
Große Kälte im Jänner, Gute Ernte im Juni. — Jänner muß vor Kälte knacken, Wenn die Ernte gut soll sacken. — Aber: Wenn der Frost im Jänner nicht kommen will, kommt er sicher im Märzen und April. — Diese Volksbeobachtungen sagen, daß es für Garten und Feld am besten ist, wenn Januar Jänner bleibt, wenn er kalt und schneereich ist, wenn normales Winterwetter ohne außergewöhnliche Erscheinungen herrscht.
. Andere Volkssprüche besagen: Ist der Januar hell und weiß. Wird der Sommer sicher heiß. — Trockener Januar, Nasser Juli. — Wenn im Januar viel Nebel steigen, Wird sich ein schönes Frühjahr zeigen. — Im Januar viel Regen, Ist dem Land kein Segen. — Im Januar wenig Wasser, Im Herbst viel Wein. — Ein niederdeutsches Sprichwort sagt: Wann de Dage anfanget to lengen, Fangt de Winter an to strengen. —
Neben diesen und zahlreichen ähnlichen Wetter- spriichen allgemeiner Art befassen sich noch sehr viele Volksreime mit dem Wetter an einzelnen Tagen im besonderen. Der Januar bot der ehemals fast durchweg Landwirtschaft treibenden Bevölkerung Muße genug, das Wetter, von dem wir alle mehr oder weniger abhängen, zu beobachten. Und so heißt es im Bauernspruch:
Der Tag wächst am Neujahr um einen Hahnen- schritt, An Dreikönigen um einen Sprung und an Lichtmeß um eine Stunde. — Ist das Neujahr schön und klar, Deutet 's auf ein fruchtbar Jahr. — Wenn der Neujahrstag hell ist, Wird das Getreide gut. — Ein Jahr, das fängt mit Regen an, Bringt nicht viel Gutes auf die Bahn. — Wie Neujahr, So der August. Ein vierhundert Jahre alter Volksoers charakterisiert den Januar so:
Ich dörr mein Fleisch in Jänners Zeit Ich iß und trink fröhlich ohn' Neid. Kein Blut will ich jetzt von mir lo'n, Denn es ist nicht g'sund in diesem Mon.
Dornotizen.
Tageskalender für Samstag.
Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr „Seiner Gnaden Testament" (NS.-Kulturgemeinde). — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die Julika." — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Nacht mit dem Kaiser." — NSG. „Kraft durch Freude": 20.30 Uhr „Wir tanzen ins neue Jahr" im Cafe Leib. —
Tageskalender für Sonntag.
Stadttheater: 11.30 bis 12.30 Uhr „Die weiße Fürstin" (Uraufführung); 19 bis 21.45 Uhr „Der Zarewitsch." — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die Julika." — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Nacht mit dem Kaiser."
Stadttheater Gießen.
Heute abend findet die 6. Vorstellung für den Theaterring der NS.-Kulturgemeinde statt. Zum
ASV.- und MW.-Arbeit am Jahresende.
Von Gauamtsleiier Haug, Darmstadt.
NSG. Ein lleberlick über die Arbeit des Amtes für Volkswohlfahrt und des Winterhilfswerkes des deutschen Volkes im Gau Hessen-Nassau ergibt am Ende des Jahres 1936 die erfreuliche Feststellung, daß das Aufbringen und die Leistungen der vergangenen Jahre mindestens erreicht, eher aber verbessert werden.
Es steht somit heute schon fest, daß das Gesamtergebnis des 4. Winterhilfswerkes des deutschen Volkes mindestens nicht hinter den Zahlen des letzten WHW. zurücksteht.
Auch die weiter laufenden Leistungen der 71$.- Volkswohlfahrt im Gau Hessen-Nassau weisen eine beachtlich aufsteigende Kurve auf.
Es ist erneut der Beweis erbracht, daß auch im Jahr 1936 der Gedanke der deutschen Volksgemeinschaft immer tiefer Wurzel gefaßt hat und nicht eine vorübergehende Erscheinung des nationalsozialistischen Umbruches bedeutet.
Deutscher Sozialismus und deutsche
Volksgemeinschaft sind die tragenden Grundsäulen unseres Volkes und Staates geworden.
Das ist die Bilanz des Jahres 1936! Sie wird uns Verpflicht» ng und Parole an der Schwelle des neuen Jahres für unsere Arbeit sein!
Das Winterhilfswerk der Beamtinnen im Gau Heffen-Naffau.
NSG. Wie im vergangenen Jahre, so stellte auch dieses Mal die Abteilung „Weibliche Beamte" im Reichsbund der Deutschen Beamten, Gau Hessen- Nassau, sich freudig in den Dienst des Winterhilfswerkes 1936. Die mit großer Liebe und Sorgfalt selbstgefertigten Gegenstände mit einem Gesamtwert von über 6000 Mark verblieben in den einzelnen Kreisen des Gaues und wurden dort bedürftigen Volksgenossen zugeführt. Mit diesem Hilfswerk haben die weiblichen Beamten im RDB., wie fchon so oft, erneut bewiesen, daß sie den nationalsozialistischen Leitsatz: „Gemeinnutz geht vor Eigennutz" in die Tat umzusetzen verstehen.
letztenmal der große Erfolg: „Seiner Gnaden Testament", Komödie von Hjalmar Bergman. Die Spielleitung führt Hans Geißler. Anfang der Vorstellung 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr. Freier Kartenverkauf zu Tagespreisen.
Der Spielplan des Sladtthealers vom 3. bis 10. Januar.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Die 8. Morgenveranstaltung des Stadttheaters am 3. Januar bringt eine Gedenkfeier zum 10. Todestag des Dichters Rainer Maria Rilke. Die Feier ist von literarischer Bedeutung, da das Frühwerk Rainer Maria Rilkes „Die weiße Fürstin" zur Uraufführung gelangt. Rilke gab diesem Werk den Untertitel „Eine Szene am Meer". Es ist ungefähr um 1898 entstanden. Es ist das Verdienst des Intendanten Hermann Schultze-Griesheim, sich dieses Werk zur alleinigen deutschen Uraufführung gesichert zu haben. Es wirken mit: Die weiße Fürstin: Inge Birkmann; Donna Lara, ihre Schwester: Charlotte Krause; Amadeo, der Haushofmeister: Hans Geißler; der Bote: Peter Schorn; zwei Manner mit der Maske: Fritz Koch, Rüdiger Schuster. Die Spielleitung führt der Intendant. Das Bühnenbild schuf Karl Löffler. Kostüme: Willi Endrich. Die Gedenkrede zum Todestag des Dichters hält der Intendant. Wir bitten unsere Besucher, die Feier nicht durch zu spätes Kommen zu stören. In Anbetracht der besonderen Bedeutung des Tages wurden die Eintrittspreise um ein Geringes erhöht. Für unsere Platzmieter ist der Eintritt wie üblich frei. Anfang der Morgenveranstaltung 11.30 Uhr, Ende 12.30 Uhr. — Am Abend geht der große Erfolg „Der Zarewitsch", Operette von Franz L^har in Szene. Die musikalische Leitung führt der Kapellmeister Hans H. Hampel. Spielleitung: Paul W r e d e. Einstudierung der Tänze und choreographische Leitung: Irmgard Zenner. Anfang der Vorstellung 19 Uhr, Ende 21.45 Uhr. Außer Miete. (Zum letztest Male.)
Dienstag, 5. Januar, Anfang 20 Uhr, Ende 23 Uhr „Prinzessin Nofretete", Operette von Nico Dostal. Musikalische Leitung: Hans H. Hampel. Spielleitung: Paul W r e d e. Dienstag-Miete. 15. Vorstellung.
Mittwoch, 6. Januar, Anfang 19.30 Uhr, Ende 21.45 Uhr, Erstaufführung „Gyges und sein Ring", Trauerspiel von Friedrich Hebbel. Spielleitung: Wolfgang Kühne. Mittwoch-Miete. 15. Vorstellung.
Donnerstag, 7. Januar, Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr, Einmalige Vorstellung zu kleinen Preisen „Towarisch", Komödie von Jacques Deval. Spielleitung: Wolfgang Kühne. Außer Miete.
Freitag, 8. Januar, Anfang 20 Uhr, Ende 22 Uhr, „Zweites Orchesterkonzert", Solist: Georg K u l en- kampff, Berlin. Leitung: Prof. Stefan Temes- v a r y. Freitag-Miete. 15. Vorstellung.
Sonntag, 10. Januar, Anfang 15 Uhr, Ende 17.15 Uhr. Auf vielfachen Wunsch. Unwiderruflich letzte Wiederholung, „Prinzessin Allerliebst", oder: Der wundersame Regenschirm. Märchen von Forster. Spielleitung: Karl V o l ck. Außer Miete. — Von 19 bis 21.30 Uhr, Wiederholung der großen Silvester-Aufführung „Charleys Tante", Schwank von Thomas. Spielleitung und Bearbeitung: Der Intendant. Musikalische Leitung: E. Bräuer. Außer Miete.
Georg kulenkampff, der große deutsche Geiger, welcher uns schon im vorigen Jahr mit seiner großen Kunst erfreut hat, ist, wie wir soeben hören, als Solist für das zweite Orchesterkonzert im Stadttheater gewonnen worden.
Russischer Liederabend der Stadlmissron.
Heute, Samstag, 2. Januar, 20 Uhr, findet im Saal der Stadtmission, Löberstraße 14, ein russischer Liederabend statt. Auf die heutige Anzeige sei hingewiesen.
NEV., Ortsgruppe Gießen-Ost.
Belr.: Lebensmiktel-Opferring.
Die Sammlung wird Dienstag, 5. und Mittwoch, 6. Januar, von der NS.-Frauenschaft durchqeführt. Die Mitglieder wollen die Pfundpäckchen bereithalten und die Mitgliedskarte zur Eintragung vorlegen. Der Inhalt der Päckchen ist außen sichtbar anzugeben.
Es wird gebeten, daß sich außer den Mitgliedern auch diejenigen Volksgenossen beteiligen, die in der Lage sind, das WHW. zu fördern.
Betr.: Kohlenversorgung.
Die Kohlenhändler werden aufgeforbert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine bis zum 5. Januar, täglich in der Zeit von 17 bis 19 Uhr, auf der Geschäftsstelle, Kaiserallee 52, gegen eine Wertquittung umzutauschen. Später eingereichte Kohlengutscheine können nicht mehr in Zahlung genommen werden.
Der Gebietssührer der H).
zur Jahreswende.
Kameraden des Gebiets Hessen-Nassau!
hinter uns tiegt ein Jahr schwerster gemeinsamer Arbeit und zugleich das Jahr der größten Entscheidung!
Wit Freude und Stolz blicken wir alle zurück auf überstandene harte Prüfungen und errungene stolze Erfolge.
Unser Ringen geht weiter um die Seele der deutschen Jugend. Wir begnügen uns nicht mit einer äußeren „Totalität", mit einer bloßen „Wit- gliedschaft" aller, sondern wir fordern von jedem den ganzen Wenschen, den Geist, den Körper, die Seele, den Eharakter. Das ist unsere Totalität!
Wir stehen erst am Anfang unseres großen Marsches. Für das Iahr 1937 gilt deshalb die alle unerbittliche Parole: „Vorwärts, vorwärts...!“ heil Hitler!
Der k. Führer des Gebiets Hessen-Nassau: Brandt, Oberbannführer.
7lEV., Ortsgruppe Mitte.
Betr.: Kohlenabrechnung am 5. Januar.
Die Kohlenhändler werden ersucht, die Kohlen« scheine der Serie C am Dienstag, 5. Januar, 20.30 Uhr, auf unserer neuen Geschäftsstelle (Zigarrenhaus Moeser), Eingang Löwengasse, einzureichen. Es wird hiermit darauf hingewiesen, daß die Rückseite der Kohlenscheine außer der Unterschrift des Händlers auch die Unterschrift des Empfängers und die genaue Bezeichnung der Kohlensorte tragen muß. Nach dem 5. Januar eingereichte Scheine sind wertlos.
Kreisfilmstette.
Der Groß-Tonfilm „Der höhere Befehl" und „Tag der Freiheit — Unsere Wehrmacht" wird von der Gau-Filmstelle Hessen-Nassau an folgenden Terminen und Orten vorgeführt:
Sonntag, 3. Januar in Großen-Buseck, nachmittags und abends;
Montag, 4. Januar in Reiskirchen, nachmittags und abends;
Dienstag, 5. Januar in Londorf, nachmittags und abends;
Mittwoch, 6. Januar in Allendorf, nachmittags und abends;
Donnerstag, 7. Januar in Treis, nachmittags und abends;
Freitag, 8. Januar in Steinbach, nachmittags und abends;
Samstag, 9. Januar in Heuchelheim, nachmittags und abends;
Sonntag, 10. Januar in Großen-Linden, nachmittags und abends;
Montag, 11. Januar in Holzheim, nachmittags und abends;
Dienstag, 12. Januar, in Gambach, nachmittags und abends;
Mittwoch, 13. Januar in Wohnbach;
Donnerstag, 14. Januar in Steinfurt;
Freitag, 15. Januar in Beienheim;
Niederlage: Jean Weisel, Hießen, Sonnenstraße 6, Tel. 3888
Gießener Stadiiheaier.
Brandon Thomas: „Charleys Tante".
Diese Tante ist nicht totzukriegen. Vor acht Jahren sähen wir sie zum letztenmal, auch zu Silvester. Jetzt hat man sie wieder aus der Versenkung geholt, abgestaubt, aufgeputzt, frisch onduliert. Intendant Schultze-Griesheim hat sie persönlich einer Bearbeitung unterzogen: er hat vor allem die Musik von Richard R ö h r l dazu benutzt, dem Schwank einen parodistischen Anstrich zu geben, wobei der Ton abwechselnd auf opernhafte, melodramatische und revuemäßige Effekte gelegt wurde. Das kann die falsche, verkleidete, untergeschobene Tante männlichen Geschlechts alles vertragen, besonders zu Silvester, wo jedermann auf ungehemmten Ulk, auf entfesselten Betrieb und animierte Laune eingestellt ist. So faschingsmäßig ungebunden und ausgelassen wirkte denn auch die ganze Aufführung.
*
Heber den Inhalt ein Wort zu verlieren, wäre Raub am heute besonders kostbaren Raum. Denn die Tante ist männiglich bekannt, und wer sie etwa noch nicht kennen sollte, dem wollen wir nichts von dem Spaß nehmen, sie bei der nächsten Gelegenheit persönlich kennen zu lernen. Sie heißt diesmal mit Vornamen Heinrich und mit Zunamen Hub, ist blond und rosig und mit sanftem Embonpoint begabt, ein erfreulicher Anblick; sie wandelt in aufregenden Toiletten durch den Raum, mit gezierter Fistelstimme, neckisch, verschämt, entrüstet, entfesselt. Wenn sie das Lied von der Liebe singt, die ein Geheimnis ist, dann ist alle Welt ganz ergriffen, aber wenn sie am blauen Klavier, frei nach Grock, das Heidenröslein vorträgt und anschließend, mit wehender Boa, einen wild-brasilianischen Tanz zum Vesten gibt, dann schreien die Leute vor Vergnügen. So eine Tante ist das.
*
Herr Löffler hatte eine fröhliche und bunte Szenerie um das Schwankabenteuer herum gebaut. Herr Walter dirigierte in lebendigem Kontakt mit den verwirrenden und stürmisch bewegten Vorgängen auf der Bühne. Die Ballettmeisterin Irmgard Zenner führte ihre Girls vor, und man sah wieder mit Befriedigung, wie sauber und exakt, mit wieviel rhythmischem Schwung und technischer Durchbildung die kleine Gruppe bei der Sache ist.
Auch sonst waren alle Beteiligten in großer sil- vesterlicher Form. Die munteren Eton-Jünglinge Schorn und Walter; sehr niedlich anzusehen die beiden Backfische in Röckchen und Söckchen: Fräulein Prinz und Fräulein Krause; die echte Tante: Frl. Gerhardt, die besonders ihr Antrittslied scharmant herausbrachte; Frl. Birk- mann, neue Begabung für Steptanz, mit einer
aparten Anleihe beim Tonfilm „Allotria"; die Herren v. G s ch m e i d l e r (schottisch tariert mit Monokel und greller Lache) und Volck als zwei ältliche Kavaliere von komischer Verliebtheit; die Herren Nieren und Seitz als dienstbare Geister mit und ohne Bart. —
*
Das Haus war stark besucht und stark in Stimmung. Man ging angeregt und aufgekratzt heim, das neue Jahr wüstdig zu begrüßen und zu begießen.
Gastspiel „Das Meister-Sextett."
Als sie vor vier Jahren bei uns gastierten, hießen sie noch „Comedian Harmonists“. Natürlich hatten sie damals auch ein anderes Programm, aber sonst hat sich inzwischen nichts oder nur sehr wenig geändert. Geblieben ist ihre bestechende Musizierfreudigkeit, die vollkommene Geschlossenheit des Klangkörpers, die absolute Eigenart ihres Stils, die rhythmische Genauigkeit, die klare Artikulation, die noch im Pianissimo und im verwirrenden, überstürzten Schlagertempo jede Silbe verständlich macht. Sie verfügen noch immer über einen dunklen Baß und einen ganz leicht angesetzten, sehr weichen, italienisch gefärbten Tenor. Die Vokal- Harmonie ihres Gesanges scheint noch immer instrumental empfunden, so daß man — neben der obligaten Begleitung des Flügels — manchmal ein kleines Orchester zu vernehmen glaubt. Sie begleiten sich sozusagen selbst, verzichten aber auf jeglichen Effekt durch die Lautstärke. Sie summen eine Ouvertüre, einen Kanon, bringen Paraphrasen, Variationen, Verzierungen über die Grundmelodie und Synkopen. Es sind sehr hübsche und vor allem lustige Texte in ihrem Programm, aber es kommt bei ihnen viel weniger auf den Text als auf den Ton an. Und der musikalische Eindruck bleibt noch bestehen, wenn sie einen kindlichen Abzählreim fingen oder die freundliche Aufforderung an das Publikum: fünfzehn Minuten Pause.
*
Sie sind in allen Sätteln gerecht; sie sind ihres eigenen, untopierbaren Stils so sicher, daß sie mühelos die verschiedensten fremden Stilelemente aufnehmen und wiedergeben können: Wiener Walzer von Strauß, ungarischen Czärdäs von Lehar, Berliner Kabarett von 1900 (Walter Kollo), ein heiter melodiöses Marschliedchen auf holländisch, einen witzig pointierten Matrosensong („Ja, der Ozean ist groß"), ein venezianisches Gondellied, eine pantomimisch belebte mexikanische Schauerballade, eine herrliche kleine Parodie „Wenn die Sonja russisch tanzt", in der sie einen Miniatur-Donkosakenchor machen, und einen altägyptischen Ulk „In der Bar zum Krokodil". Gerade in den zahlreichen Zugaben zu den viermal vier Nummern ihres Programms konnte man hören und spüren, roiemet intensive Arbeit und wieviel Kunst in der Mühe
losigkeit und Akkuratesse dieses Sextetts sich verbirgt. Die entzückende, ganz zarte „kleine Frühlingsweise" (Humoreske von Dvorak) war eines der musikalisch feinsten Stücke des Abends. —
Zum Schluß blieben die Leute, genau wie vor vier Jahren, einfach sitzen, klatschten und trampelten; nur langsam begann das Haus sich zu leeren. Es war ein großer Erfolg. Thyriot.
„Die Julika."
Gloria-Palast.
Das ist die Geschichte vom Honved rittmeister Tamassy und seiner getreuen Magd Julika: eine einfache Geschichte, wie sie gewiß in Wirklichkeit hin und wieder Vorkommen kann und im Film des öfteren — wenigstens was die Handlung oder die Fabel betrifft. (Was nämlich die Darstellung angeht, so wird man dergleichen bis auf weiteres nur einmal zu Gesicht bekommen.) Der Rittmeister hat nach dem Tode seines Vaters den größten Teil feines ererbten Besitztums verkaufen und fein zahlreiches Gesinde entlassen müssen. Nur armselige 60 Joch Land sind ihm geblieben, der einsame Herrensitz — und die junge Magd Julika, die aus freien Stücken bei ihm bleiben will. Sie liebt das Land und ihre Heimat und hängt mit biblischer Treue an ihrem Herrn. Nun leben die beiden, Herr und Magd, ganz allein zusammen auf dem riesengroßen Besitz und.[folgen zusammen an zu arbeiten und ein neues ^fren aufzubauen. Die Julika schafft für drei, im Stall, im Haus, in der Küche, auf dem Felde ... sie säen und ernten zusammen, und alles geht gut, weil sie Mut und Vertrauen und Kraft haben und sich aufeinander verlassen können. Und langsam geht es wieder aufwärts. Auch bleiben sie dabei beide, was sie zuvor gewesen sind: Herr und Magd, der Rittmeister und das einfache, kleine Landmädel. Aber dann kommt der Winter, und dann hört die Arbeit auf; es gibt nichts mehr zu tun, und die beiden sitzen an den langen Abenden beieinander — ein wunderliches, ungleiches Paar, immer noch Herr und Magd, aber nun ift es allmählich so weit, daß ihnen beiden nicht mehr verborgen bleiben kann, daß sie auch als ein Mann und eine junge Frau da miteinander allein in einem großen Schloß sitzen ... Schon fangen sie im Dorf an darüber zu reden und von der Julika abzurücken. Und eines Tages meldet sich auch das frühere Leben, die alte feudale Welt des Rittmeisters wieder: eine junge elegante und verwöhnte Dame taucht auf, und der Rittmeister, lange entwöhnt, glaubt in ihr das Glück feines neuen Lebens gefunden zu haben. 2tber die junge Dow" läßt ihn ganz vergebens warten, die denkt gar nicht daran, mit dem Rittmeister zusammen 60 Joch zu bestellen; beinahe geht sogar die ganze herrliche Ernte darüber zum Teu
fel. Die Julika kann den Jammer am Ende nicht mehr mit ansehen, fährt nach Wien und sagt in aller Unschuld dem Fräulein Bescheid. Und als sie dann heimkommt und dem Rittmeister beichtet, daß sie alles verkehrt angefangen habe und nun kündigen möchte, bitte, — da ist es endlich so weit: nicht nur das Korn zu schneiden und einzubringen, sondern auch der Rittmeister weiß jetzt genau, wo er hingehört, und wie es mit ihm und der Julika bestellt ist.
Dies ist in großen Zügen der Umriß der Fabel, und es würden nicht sehr viele Worte darüber zu verlieren sein, wenn irgendjemand diese Julika spielte. Es ist aber nicht irgendwer, sondern die Wessely, und die macht aus dem Film ein bezauberndes Schauspiel. Es ist verblüffend: sie ist weder das, was man landläufig hübsch nennt, noch hat sie sich irgendwie zurechtgemacht oder aufgeputzt. Sie geht in der schlichten Landmädeltracht umher und läßt sich ein halb lächerliches, halb rührendes Zöpfchen im Rücken baumeln; aber das ist es gerade: sie „spielt" überhaupt nicht, sie ist da, ganz einfach, ein Naturwesen, muß man schon sagen, die herrlichste „Naive", die dem deutschen Film gegenroärtig zu Gebote steht. Ob sie ein kleines Liebeslied singt beim Feueranmachen, ob sie einen Reiterstiefel putzt, ob sie ihr schönes Sonntagskleid, das der Rittmeister gar nicht angeschaut hat, den Pferden auf der Weide zeigt, ob sie sich aus dem Leri- kon bildet, ob sie sich auf ein erträumtes Stelldichein freut ober ihre traurige Beichte ablegt —: immer, in jeder Bewegung, in jedem Schritt, jedem Kopfheben ift sie von einer bestrickenden Einfachheit und Natürlichkeit. Sie hat Herz und hat auch fiumor, eine schalkhaft-', unverdorbene Wnmut, die einfach bezwingend wirkt. Sie, die Wessely, macht die „Julika" zu einem ungewöhnlichen Erlebnis.
♦
Neben ihr, als Rittmeister, Attila .fiörbiaer, Pauls iüngerer Bruder, im Privatleben Paula Wesselns Gatte; er macht das ausgezeichnet: fnnnp, männlich, symvatbisch und gesammelt; feinem Bruder übrigens in manchen S^nen überraschend ähnlich Gut und verhalten auch, ohne falsche Heber« treibung, Gina Fo. lckenberg als Grit von .fieflmers. Sonft gibt es hier nicht viel zu svielen. Gäza von Balvary führt Regie: mit scharfer, aber nicht überfoannter Kontraftwirkuna vielen intim "n und feinfühlig aus^nrbeiteten f^in vrheitcn, nuch fchänen und klaren Sehern- au Kamera stand Franz Planer. — (Syndikat-Film.)
*
Beiprogramm: ein Marionetten-Varietö; hübsche Aufnahmen aus Mainfranken und Mecklenburg; die neue Wochenschau; ein Vorspann zum „Hof- konzert"; dazu auf der Bühne das Steptanzpaar Rose uni) Red. Thyriot


