Gießener Arbeitsdienst unterwegs zum Heichsparteitag.
Gestern nachmittag rückte ein Zug unseres Gießener Arbeitsdienstlagers „Justus von Liebig" mit der Fahne vom Lager am Philosophenwald aus, um sich auf die Fahrt nach Kassel zu begeben. Die Gießener Arbeitsdienstmänner treffen sich dort mit vielen Arbeitsdienstkameraden aus dem ganzen Arbeitsgau und werden zunächst einer kurzen Vorbereitung für das Auftreten beim Reichsparteitag in Nürnberg unterzogen. Voraussichtlich am Samstag werden die Kameraden des Arbeitsdienstgaues von Kassel aus nach Nürnberg abfahren. Die Gießener Arbeitsüienstabteilung ist unter Führung von Unterfeldmeister Schade mit 57 Mann dabei.
Arbeitsmaiden
werden schon am 1. Oktober eingestellt.
NSG. Um Mißverständnissen vorzubeugen, wird darauf hingewiesen, daß der nächste Einberufungstermin zum Arbeitsdienst für die weibliche Jugend der 1. Oktober 1 937 und nicht, wie scheinbar vielfach angenommen, der 1. April 1938 ist. Es gehen schon jetzt zahlreiche Meldungen zum 1. April 1938 ein, so daß die Gefahr einer Ueberfüllung des Arbeitsdienstes für die weibliche Jugend zu diesem Zeitpunkt besteht und viele Meldungen nicht mehr berücksichtigt werden können. Es empfiehlt sich daher, die Meldungen zum 1. Oktober 1937 umgehend abzugeben. Die Meldunaen sind zu richten an die Bezirksleitung XI, Hessen, des Arbeitsdienstes für die weibliche Jugend, Wiesbaden, Rheinstraße 78. Die nötigen Formulare sind bei den polizeilichen Meldeämtern erhältlich und bei der oben angegebenen Bezirksleitung XI, Hessen.
SondefzählungderHandwerksbetriebe
Lpd. 1938 wird im Rahmen einer allgemeinen Volks-, Berufs- und Betriebszählung erstmalig, gemäß den Anregungen des Reichsstandes des deutschen Handwerks, eine Sonderzählung der Handwerksbetriebe erfolgen, die bisher stets mit den Industriebetrieben zusammen erfaßt wurden. Nach einem schematischen Verfahren erfolgte nur eine gewisse Aussonderung der Betriebe mit zehn und weniger Werksangehörigen, obwohl einerseits derartige Kleinbetriebe durchaus Fabrikcharakter haben können, während umgekehrt solche mit einer weitaus höheren Beschäftigungszahl reines Handwerk repräsentieren. Eine derartig grobe Unterscheidung brachte in wirtschaftspolitischer Beziehung Nachteile mit sich in Fragen der Lehrlingshaltung.
Ke nerlei Wohnungsbeschlagnahme.
Lpd. In einer Darlegung des Reichsarbeitsblattes wird ausgeführt: In der Nachkriegszeit hatten die Gemeinden durch ein Gesetz aus dem Jahre 1923 das Reckt erhalten, leerstehende Wohnungen zu be- schlagnaymen und dem Vermieter eine wohnung- suchende Familie zuzuweisen. Diese Wohnungszwangswirtschaft hat in der Praxis zu erheblichen Schwierigkeiten geführt. Das Gesetz wurde daher im Jahre 1933 aufgehoben. Die Reichsregierung hat wiederholt erklärt, daß sie nicht beabsichtige, das Recht des Vermieters, seine Wohnung an einen von ihm auszuwählenden Wohnungsuchenden zu vermieten, in irgendeiner Weise einzuschränken.
Jetzt gibt's Süßen.
Ab 1. September 1937 das ketterverbok aufgehoben.
Lpd. Der Gartenbauwirtschaftsverband Hessen- Nassau teilt mit, daß die Hauptoereinigung der deutschen Gartenbauwirtschaft das auf Grund der Anordnung 122 bestehende Kelterverbot mit Wirkung vom 1. September 1937 aufgehoben hat. Ab Mittwock darf also mit der Herstellung von Aepfel- wein, schwäbischem Most (auch württembergischem und badischem Most, sowie Frischmost, Süßem Aepfelwein) und Apfelsüßmost (auch Dicksäften) begonnen werden.
** Eigentümer eines Herrenmantels gesucht. In einer anhängigen Strafsache konnte der Täter den Erwerb eines Herrenmantels nicht einwandfrei nachweisen. Er gab wenig glaubhaft an, seinen Mantel in der Neujahrsnacht 1936/37 in Gießen im Caf6 Amend gegen den jetzt in seinem Besitz befindlichen Mantel vertauscht zu haben. Diel wahrscheinlicher ist aber, daß er den Mantel gestohlen hat. Der Mantel ist sichergestellt. Personen, die Eigentumsrechte geltend machen kön
nen, werden gebeten, sich bei der Kriminalpolizei in Gießen, Zimmer 72, zu melden.
** Oeffentliche Bücherhalle. Im August sind 1622 Bände ausgeliehen worden. Davon kamen auf: Literaturgeschichte 2, Zeitschriften 4, Gedichte und Dramen 14, Erzählende Literatur 1003, Jugendschriften 228, Länder- und Völkerkunde 98,
Kulturgeschichte 5, Geschichte und Biographien 170, Naturwissenschaft und Technologie 41, Heer- und Seewesen 21, Haus- und Landwirtschaft 4, Gesundheitslehre 1, Religion und Philosophie 2, Staatswissenschaft 27, Fremdsprachliches 2 Bände. Nach auswärts kamen 19 Bände.
Oie Sonderzüge für Nürnberg.
NSG. Die Parteigenossen und Parteigenossinnen aus dem Gau Hessen-Nassau werden in diesem Jahre in neun Sonderzüaen zum Reichsparteitag nach Nürnberg gebracht. Für jeden Sonderzug wurde ein Transportführer bestimmt; außerdem wird jeder Zug von einem Arzt und zwei Sanitätern begleitet.
Sonderzug Nr. 107
wird benutzt von den Kreisen Dillenburg, Detterau und Hanau.
Hinfahrt:
7. September.
Dillenburg
ab
17.56
Herborn
18.10
Gießen
■■
19.05
Grohen-Linden
ee
19.18
Lang-Göns
ee
19.28
Butzbach
ee
19.42
Bad-Nauheim
• e
19.56
Friedberg
ee
20.10
Heldenbergen
e»
20.33
Hanau-Nord
ee
20.55
Aschaffenburg Hbf.
,,
21.31
8. September.
Würzburg Hbf.
ab
0.10
Fürth Hbf.
ee
2.44
Nürnberg Rbf.
3.01
Nü.-Dutzendteich
ee
3.15
Nürnberg Hbf.
an
3.22
Rückfahrt:
16. September.
Nürnberg Hbf.
ab
0.29
Dillenburg
an
8.25
Sonderzug Nr. 108 wird benutzt von den Kreisen Büdingen, Schotten, Gelnhausen, Offenbach, Ufingen.
Hinfahrt:
7. September.
Büdingen ab 20.18
Gelnhausen „ 20.48
Aschaffenburg Hbf. „ 21.41
ab
an
ab
ab
an
Nürnberg Hbf.
ab
22.28
9.00
0.19
2.58
3.09
17.50
18.25
18.56
19.10
19.19
19.29
19.46
20.18
20.41
20.50
22.45
23.10
23.31
23.45
0.42
1.39
4.34
4.45
0.53
7.05
ab an
Nürnberg Hbf. Büdingen
Rückfahrt:
16. September.
Rückfahrt:
15. September.
8. September.
Würzburg Hbf.
Fürth Hbf.
Nürnberg Hbf.
16. September.
Wetzlar an
Hinfahrt:
7. September.
Wetzlar Gießen Grünberg Nieder-Ohmen Burg-Gemünden Ehringshausen Zell-Romrod
Alsfeld
Lauterbach
Bad Salzschlirf Fulda
Flieden Elm Dollmerz
8. September.
Gemünden
Würzburg Hbf.
Fürth Hbf.
Nürnberg Hbf. ।
Sonderzug Nr. 300 wird benutzt von den Kreisen Alsfeld, Biedenkopf, Lauterbach, Schlüchtern und Wetzlar.
Oie Jagd im September.
Heiß strahlt am Taae die Sonne vom wolkenlosen, blauen Himmel hernieder auf die Flur, über die des Altweibersommers silberne Fäden treiben, kühl und tauig sind die Nächte. Das ist das Wetter, wie es der Waidmann im Scheiding liebt. Im Niederwildrevier steht die Jagd auf das Feldhuhn oben an. Die meisten Ketten pflegen schußreif zu fein, und gesellen sich nun noch ein guter Hund und ein sicherer Schütze dazu, dann sind alle Vorbedingungen für ein Waidwerk erfüllt, das nicht wenigen Jägern das schönste im ganzen Jagdjahr dünkt. Bei keiner Jagdart sind Herr und Hund so sehr miteinander verwachsen wie bei der Hühnerjagd. In flotter Suche sucht der Hund durch Kartoffeln und Rüben, über Stoppeln und Klee dahin, plötzlich wirft er sich herum, jeder Muskel scheint erstarrt zu sein: Hühner! Unbeweglich steht er sie durch, bis sein Herr sie heraustritt, prellt nicht nach, wenn die Kette abstreicht und da und dort ein Huhn im Doppelschuß fällt; sauber bringt er auf Befehl das Wild, ruhig sucht er auf dem Geläufe des geflügelten Hahnes, der ihm in den hohen Kartoffeln manches Rätsel aufgibt, und doch ist der feinnasige, spurwillige Hund ihm über. Das ist Hühnerjagd, wie sie sein soll. Daß viele unserer Jäger und vor allem Hunde von diesem Bilde noch weit entfernt sind, beleuchtet, wie ungeheuer wichtig es ist, dem deutschen Jäger aus der Leistungszucht heraus den Jagdgefährten zu schaffen, wie er sein muß, um Freude zu machen, zum Erfolg zu führen und viel, sehr viel Wild vor elendem Verludern zu bewahren.
Wer aber mit Genuß und Freude Hühner jagt, denke auch daran, daß vor der Jagd die Hege steht. Dorrn Dorfe brummt die Dreschmaschine noch. Dort gibt es jetzt Winterfutter genug, das nicht
mehr zu haben ist, wenn erst einmal die Not kommt und alles verschneit und verharscht ist.
Im Hochwildrevier aber steht die Brunft des Rotwildes bevor. Denn zu Aegide (1. September) tritt nach einer alten Jägerregel der Hirsch in die Brunft. Das soll nicht heißen, daß die eigentliche Brunft wirklich schon begonnen hätte, aber der Hirsch, der als Feisthirsch allein oder mit seinesgleichen zusammen stand, tritt nun zum Kahlwild, und dieses wechselt dann allmählich den gewohnten Brunftplätzen zu. Meist wird es letztes Drittel des Monats werden, bis zum ersten Mal nach kalter Nacht das Röhren des Hirsches des Weidmanns Ohr trifft. Doicher wird dieser versuchen, an Abschußhirschen möglichst alles auf die Decke zu legen, was sich nicht vererben soll. Don der Monatsmitte an haben auch das weibliche Rotwild und das Kalb Schußzeit.
Ebenso ist die Jagdzeit des Damhirsches aufgegangen, der noch in der Feiste steht. Die Jagd auf den Schaufler stellt in dieser Zeit an den Jäger oft noch höhere Anforderungen als die auf den Rothirsch. Auch das weibliche Damwild wird von Monatsmitte an frei.
Die Brunft des Rehwildes ist indes zu Ende gegangen. Waren die Böcke in der zweiten August- hälfte nach der Brunft meist reicht heimlich, so ändert sich im September das Bild. Sie halten dann oft ihren Wechsel wieder so gut wie im Mai und erleichtern dadurch dem Jäger den Abschuß, falls er noch nicht durchgeführt fein sollte. Am 16. September beginnt dann auch die Schußzeit des weiblichen Rehwildes und der Kitze. Dem Rickenabschuß kommt zweifellos eine besondere Bedeutung für die Aufartung des Rehwildes zu, und die Anlage zur Gehörnbildung z. B. wird sicherlich
vielfach über die Mutter vererbt. Leider gibt es für den Jäger kein äußeres Merkmal dafür. Drum ist es immer gut, dort, wo ein wirklich guter Bock gebrunstet hat, den Abschuß an weiblichem Rehwild einzuschränken und sonst vor allem die stärkeren Stücke zu schonen und die noch vielfach vorhandenen geringen wegzunehmen. Die Erfahrungen des verlustreichen Frühjahrs 1937 haben ja gezeigt, in welch starkem Maße gerade die geringeren Stücke Krankheiten zum Opfer fallen und damit völlig ungenutzt bleiben. Der in diesem Jahre zu erledigende Abschuß ist recht hoch, seine Durchführung macht erfahrungsgemäß in vielen Revieren Schwierigkeiten. Andererseits müssen sich die in Frage kommenden Revierinhaber darüber klar sein, daß bei nicht genügendem Abschuß durch die selbst seitens der Jagdbehörden die vom Reichsjagdgesetz vorgesehenen Maßnahmen durchgeführt werden, d. h. unter Umständen geeignete Personen mit dem Abschuß beauftragt werden. Da dies keinem Jagdpächter oder Eigenjagdbesitzer angenehm sein kann, auch gewisse Unkosten noch hinzukommen, empfiehlt es sich, mit dem Abschuß möglichst zeitig zu beginnen, wenn er noch am leichtesten ist, weil die Tage länger und die Abende wärmer sind.
Wenn wir uns noch erinnern, daß im September auch der stärkste deutsche Hirsch, der Elch, Schußzeit hat, Muffel- und G a m s w i l d desgleichen, fo ist damit die Jagd auf alles Schalen-
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wild (mit kleinen Ausnahmen) frei. Für unsere Gegend kommt allerdings nur noch bas Schwarzwild in Frage, dem der Jäger versuchen wird, auf Pirsch und Ansitz Abbruch zu tun, wo er nur kann. Denn Wildschaden bezahll ja schließlich niemand gern, besonders bei Wild, bei dem er noch nicht weiß, ob er jemals auch einen jagdlichen Erfolg hoben wird. 2)atu zigeunert aber bei uns das Schwarzwild zu sehr, um das Voraussagen zu können.
Zur Jagd auf die Ringeltaube und die Sumpfschnepfe, die schon im August offen war, gesellt sich nun noch das Jagen auf die Waldschnepfe hinzu. Denn der Vogel mit dem langen Gesicht tritt nun wieder die Reise nach Süden gleich anderen Zugvögeln an, die in unseren Revieren erbrüteten Jungschnepfen sind auch schußbar, und zum Abschuß auf dem Strich, der ebenso wie im Frühjahr möglich ist, gesellt sich nun noch das Buschieren hinzu.
Die Mauser der Enten ist so weit vorgeschritten, daß die Erpel nun bald wieder alle ihr Prachtkleid tragen. Dann aber macht eine Ente eigentlich erst richtig Freude, wenn zum silbrigen Grau das Mau des Spiegels, das Grün des Kopfes und Halses und das Rot der Ruder und des Schnabels sich hinzugesellen.
Das Gesetz gibt mit Beginn des Monats auch den Mäuse- und seinen Detter, den Rauh fuß - bussard, zum Abschuß frei. Wer also ber lieber- zeugung ist, daß die Zahl der Mauser zu groß geworden sei oder wer den einen ober anderen von ihnen als Interessent für Federwild und Hausgeflügel erkannt hat, kann nunmehr von ber Abschußmöglichkeit Gebrauch machen.
Schließlich sei noch Grimbarts, des Dachses, gedacht. Wenn die Zwetfchen reifen, ist ber Dachs feist. Die beste Zeit für feine Jagd naht damit heran. Zunächst wird es ja noch möglich sein, beim Ansitz am Bau feiner unerwünschten Zunahme Ein- halt zu tun, später wird man zum Spaten greifen müssen, um ihn dann allerdings auch zu einer Zeit zu erbeuten, wo er den größten wirtschaftlichen Wert besitzt. Hubertus.
Nundsunkprogramm
Donnerstag, 2. September.
6 Uhr: Choral. Morgenspruch. Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. 8.10: Gymnastik. 8.30: Bäderkonzert. 10: Schulfunk. 10.30: Hausfrau, hör zu! 11.40: Deutsche Scholle. 12: Mittagskonzert. 13: Nachrichten, auch aus dem Sendebezirk. 13.15: Mittagskonzert. 14: Nachrichten. 14.10: Was wär' die Welt ohne Liebe und Wein? 15: Volk und Wirtschaft. 15.15: Für unsere Kinder. 16: Nachmittagskonzert. 18: Zeitgeschehen im Funk. 19: Musik für jeden soll es sein, sie klingt vom Deutschen Eck am Rhein. 20: Nachrichten. 20.20: Musik für jeden soll es sein, sie klingt vom Deutschen Eck am Rhein. 21.15: Liebesscherz und Liebesschmerz. 22: Nachrichten.
WWW WWWS!
Roman von Bernhard Lonzer.
Urheberrechtsschutz:
Arthur Moewig, Romanvertrieb, Berlin SW 68.
4. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Etwas burschikos drückte sie dann Stefan die Hand.
„Grüß Gott, Stefan. Hat sich der arme kleine Dirkhammer-Liebling in diesen stillen Winkel verschleppen lassen?"
„Hat er! Gern sogar. Es wird ja heute noch Leben genug geben. Das mit dem Birkhammer- Licblina ist übrigens ebenso entzückend wie liebevoll gesagt. Ich fürchte nur, daß Fräulein v. Birkhammer mich nicht allzu sehr ins Herz geschlossen haben wird. Wenn es aber wirklich zutreffen sollte, nun, dann wäre man wenigstens eines Menschen Liebling ..."
„O Gott ...!" entsetzte sich Senta. „Wenigstens, sagen Sie? Sind Sie wirklich so bescheiden, daß Sie damit zufrieden sein würden?"
In ihren kalten Augen stand ein eigenartiges Licht.
Stefan wurde der Antwort enthoben durch eine Bewegung, die sich unter den Gästen bemerkbar machte. Er hob mit einer spöttisch-grißartigen Geste die Hand:
„Bitte — die Abfütterung beginnt!"
Die hoh-^. Flügeltüren zum Speisesaal waren geöffnet worden, und schon hatte sich eine Prozession gebildet, die in den strahlend hell erleuchteten. Saal schritt.
Wie ganz selbstverständlich legte Senta ihre Hand in Stefans Arm. Stefan ließ Suse und ihrem Mann den Vortritt und beschloß mit Senta den Zug. Er umfaßte die lange Reihe der vor ihnen Schreitenden mit einem eigentümlichen Mick. Gemessene, aber durchweg angenehme Erwartung drückte sich in den Bewegungen der Gäste aus.
Stefans Lippen formten unwillkürlich ein Lä- cheln. Von Perücken und steifen Vatermördern hatte der Großvater bei der einsamen Mittagstafel gesprochen. Das war ganz richtig empfunden gewe
sen. Und nun — mußte man in diesem Augenblick nicht wieder den gleichen Gedanken haben? War das hier nicht auch wie eine galante, ein wenig steife Polonaise aus versunkener Zeit? Mußten jetzt nicht mit einem Schlage die modernen elektrischen Lampen verlöschen und an ihre Stelle primitive Kerzen an den Wänden aufflackern? Stolzierte man nicht im bunten Frack und in Kniehosen einher? Hatte man nicht neben sich, vorn und hinter sich die schwingenden Glocken steifgeblähter Reifröcke?
Aber nein, es war schon Wirklichkeit, in der man lebte. Stefan spürte Sentas Arm sehr deullich in dem feinen, fühlte die Weichheit ihrer Haut, die Wärme ihres Blutes. In jeden Schritt, den 4r tat, drängte sich der Rhythmus des sich an ihn anschmiegenden Frauenkörpers. Der unbestimmbare, aber aufreizende Duft eines Parfüms erregte feine Nerven.
Senta ließ chre Nähe bewußt auf ihn einwirken. Stefan stellte das mit kühler Sachlichkeit fest — Herz und Sinne blieben davon unberührt.
Ein leises, girrendes Lachen klang plötzlich an seiner Seite auf.
„Nun—?" forschte er mit einem halben Lächeln.
,,2lch — ich will lieber nichts sagen. Es wird doch nur wieder etwas Dummes. Es ist immer etwas Dummes, was ich sage. In Ihren Augen wenigstens."
Stefan behielt fein Lächeln bei und schwieg.
„Ober nicht...?" forschte Senta mit einem schillernden Blick.
„Darüber habe ich wirklich noch nicht nachge- dacht", gab Stefan zurück.
„Ach —! Es lohnt nicht, darüber nachzudenken, nicht wahr?"
Stefan versagte sich die Antwort. Man hatte nun auch den Saal erreicht. Er strahlte im Glanz der vielen Flammen. War das noch derselbe Raum, der am Mittag fast gespenstisch angemutet hatte?
Die Mehrzahl der Gäste suchte nach den aufge- stellten Tischkarten den für sie bestimmten Platz an der Tafel.
„Sehen Sie nur", sagt Stefan lächelnd, „wie hilfloses Geflügel, das den Futtertrog umflattert und nicht weiß, wo es sich niederlassen soll."
Senta lachte auf.
„Sie sollen nicht lästern. Stefan. Außerdem müssen wir ja auch mitflattern, wenn wir unfern Platz finden wollen."
„Das werden wir kaum nötig haben, denn wir sind schon da."
Sie hatten ihren Platz am unteren Ende ber Tafel. Stefan hatte es ausdrücklich so gewünscht.
Senta war sichtlich schwer betroffen. Sie war gewohnt, mit ihm und ihren Eltern immer in Wolfgang v. Achenbachs unmittelbarer Nähe zu sitzen. Das war der Platz, der ihr nach ihrer Ansicht allein zukam. Und nun? Heute, gerade heute? An dem Tage, von dem man die Entscheidung erwartete...?
Ein dunkles Rot färbte ihre Stirn. Mit leise wogendem Atem blieb sie stehen und sah Stefan an.
„Ich glaube, mir wird ein ganz klein bißchen unwohl", lächelte sie verkrampft. „Das mit dem Platz hier ist doch wohl ein Irrtum, Stefan. Denn sonst..."
„Nun? Sonst...?"
Sie sah mit einem flackernden Blick zu Suse und Vollrath hinüber, die ihren Platz gleichfalls hier unten, unmittelbar ihnen gegenüber, gefunden hatten.
„Sonst müßte ich sagen: das sieht regelrecht nach Verbannung aus!" erwiderte sie mit fühlbarer Schärfe im Ton.
Stefan sah ihr ruhig in das erregte Gesicht.
„Ganz unrichtig wäre das nicht. Nur daß diese sogenannte Verbannung auf meinen ausdrücklichen Wunsch zurückzuführen ist. Ich finde nämlich, daß man sich hier freier bewegen kann. Man sitzt nicht so auf dem Präsentierteller, braucht nicht so viel Rücksicht auf andere nehmen, braucht nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Kurz gesagt: ich finde es zweckmäßig, daß wir heute gewissermaßen unter uns sind. Aus diesem Grunde habe ich auch Vollraths mit hierher »verbannt* ..." . Senta glaubte ihn zu verstehen. Ihr Gesicht hellte sich plötzlich wieder auf.
„Ah ...! In diesem Sinne will ich es mir gern gefallen lallen!"
Suse und ihr Mann waren im Augenblick auch überrascht gewesen, ihren Platz hier unten zu finden. Aber sie hatten Stefans Erklärung mit an- gehört. Suse begegnete jeht Stefans Augen. Sie verstanden sich auch ohne Worte.
Man ließ sich also nieder. Bald war eine allgemeine Unterhaltung an der Tafel im Gange. Die hinter großen Blattpflanzen verborgene kleine Künstlerkapelle begann zu spielen. Da erschienen auch schon die Diener, um aufzutragen.
Senta zeigte sich jetzt von sprühendem Temperament, um Stefan zu fesseln. Es gelang ihr anscheinend auch. Er war viel heiterer und ausgeschlossener als sonst. Sie ahnte allerdings nicht, daß es die offene Aussprache mit dem Großvater war, die ihm eine gewisse Freiheit und Sicherheit ihr gegenüber gegeben hatte. Sie glaubte heute zum ersten Male zu finden, daß er, entgegen ihrer heimlicken Befürchtungen, eigentlich doch die Anlagen zu Den Eigenschaften besaß, die sie von ihrem künftigen Gatten erwartete — die Eigenschaften eines jederzeit gefügigen Kavaliers! Und mehr verlangte man ja gar nicht. Große Gefühle — Gott, die lagen einem doch nicht, dazu war man nicht geschaffen. Bewundert zu werden und in jeder Beziehung herrschen zu können — das war es, was man sich erträumte. Stefan konnte wirklich sehr nett sein, und was ihm vielleicht noch fehlte, nun, das würde man ihm schon noch anerziehen, wenn man ihn erst sicher hatte.
Große und überschwengliche Gefühle brauchte man von ihm auch nicht zu befürchten. Dazu war er viel zu schwerfällig, viel zu beherrscht. Gott sei Dank! Nur keine peinlichen Ueberschwenglichkeiten! Unangenehm war seine Schwerfälligkeit nur insofern, als sie ihn bisher gehindert hatte, sich zu erklären. Und es wurde doch wirklich Zeit, man kam ja schon so langsam ins Gerede. Es schien ja nun endlich so weit zu sein, aber es war zweifellos kein Fehler, wenn man ihm ein bißchen auf die Sprünge half!
Suse Vollrath sprach gerade auf ihren Mann ein. Diese Gelegenheit benutzte Senta. Mit einem verführerischen Lächeln sah sie Stefan in die Augen.
„Da hätte man heute also etwas ganz Besonderes zu erwarten...?"
Er schien sie nicht zu verstehen.
„Wieso?"
„Nun —"
Sie schwieg plötzlich wieder und führte ihr Weinglas an die Lippen.
Fortsetzung folgt.


