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Kr.75 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)

Donnerstags. April 1957

Aus der Stadt Gießen.

Das Anhelitorium.

Bekanntlich hat der Mensch fünf Sinne, Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack und Gefühl. Jeder dieser Sinne hat von Natur aus seine Begrenzung. Diese Begrenzung ist bei den verschiedenen Lebewesen sehr verschieden So hat z. B. das Auge bei ver­schiedenen Tiergattungen man denke nur an unsere Raubvögel eine unendlich viel größere Leistungsfähigkeit, als das menschliche Auge, ebenso verhält es sich mit dem Gehör oder dem Geruch. Trotzdem hat es der menschliche Verstand fertig­gebracht, Einrichtungen oder Erfindungen zustande- zubringen, die z. B. dem menschlichen Auge die Möglichkeit geben, Leistungen zu vollbringen, die die von der Natur gegebenen Anlagen um ein Viel­faches übertreffen. Nehmen wir nur das Mikroskop, mit dessen Hilfe es gelungen ist, mehrtausendfache Vergrößerungen zu erzielen, wodurch wir Einblicke in die Kleinwelt gewonnen haben, die wir vor Jahrzehnten noch für unmöglich gehalten hatten. Denken wir nur an unsere Riesenfernrohre, die uns in ungeahnter Weife Einblicke in die Geheimnisse des Kosmos tun ließen, und denken tnjr nur an unsere an sich so einfachen Brillen, mit deren Hilfe unzählige Menschen erst in den Genuß des Lesens und Schreibens gekommen find, weil ihr Augenlicht infolge Schwäche nicht leistungsfähig genug ist.

Wie steht es nun mit dem menschlichen Gehör? Wenn diesem auch infolge natürlicher Begrenzung nur bestimmte Schwingungen zugänglich sind, so sind auch hier technische Einrichtungen getroffen worden, die es Schwerhörigen ermöglichen, besser zu hören, als es ihnen ohne diese Hilfsmittels mög­lich wäre.

Mit dem Geruchssinn scheint die Sache aber an­ders zu liegen. Der Geruchssinn gehört zu den niedrigeren 'Sinnesorganen, denn die Menschen, denen er fehlt, oder bei denen er nur mangelhaft ausgebildet ist, entbehren zwar gewisse Genüsse, ihre geistige Ausbildung ist aber dadurch nicht ge­hemmt. Das Organ des Geruchssinnes ist die Nase. In ihr befindet sich der Geruchs- oder der Riech­nerv. Was nun den Vorgang des Riechens an­langt, so nahm man bisher an, daß es chemische Einwirkungen seien, die von den Riechstoffen aus­gehend die Geruchsnerven anregen. Neuere For­schungen haben aber ergeben, daß es nicht nur chemische Einwirkungen sind, sondern daß auch hier elektrische Wellen mitwirken, die die Nerven an­regen, allerdings Wellen von kaum meßbarer Größe und trotzdem unendlich vielfältiger Länge. Dies wird erklärlich, wenn wir bedenken, wieviel tausendfache Gerüche auf unsere Geruchsnerven einwirken. Nach­dem man diese Tatsache erkannt hatte, war es ver­ständlich, daß eine Reihe von Forschern sich der Frage zuwandte: Auf welche Weise kann man den menschlichen Geruchssinn verstärken, welchen Nutzen kann eine solche Verstärkung haben und welche Wir­kungen würden sie Hervorrufen? Die Frage, auf welche Weise man den Geruchssinn verstärken kann, dürfte gelöst sein. Man mußte nur kleine Empfangs­apparate konstruieren, mit deren Hilfe man diese winzigen Wellen auffangen und verstärken konnte. Diese Apparate, wahre Kunstwerke deutschen Er­findungsgeistes, sind fertiggestellt und können, wie tausendfache Versuche in den Laboratorien bewie­sen haben, nunmehr in den Handel gebracht wer­den. Auf der Leipziger Messe wurden die ersten Apparate dieser Art vorgeführt, und sie haben dort einen großen Erfolg gezeitigt. Welche Wirkungen auf medizinischem Gebiet noch erzielt werden können, wird erst die Zukunft zeigen.

Daß die Erfindung teils zur Hebung der Le­bensfreude, teils zur Sicherheit des Einzelnen bei­tragen wird, dürfte ohne weiteres einleuchten, es würde aber zu weit führen, sie im Einzelnen in diesem Rahmen aufzuführen. Diese kleinen Appa­rate können, ohne daß sie dem Träger unbequem werden, in die Nase eingeführt werden. Sie sind im Prinzip nichts anderes, als ganz kleine Emp- fangsapparate, die durch eine sehr sinnreiche Ein­richtung auf bestimmte Wellenlängen eingestellt werden können. Welche Wellenlängen man zu wäh­len hat, hängt von dem Zweck ab, den man zu er­reichen beabsichtigt, wobei zu berücksichtigen ist, daß jede Kreatur ihre bestimmten Geruchswellenlängen besitzt, die man leicht auf einer beigegebenen Skala

NSV. rüst zur Gommerarbeit.

Ein Aufruf des Gauleiters.

NSG. Die Gauamtsleitung Hessen-Nassau der National-Sozialistischen Volkswohlfahrt führt in der Zeit vom 1 bis 10. April 1937 eine Werbe- woche für die H i t l e r - F r e i p l a tz f p e n d e durch unter der Parole:NSV. ruft zur Sommer­arbeit!" Alle Gliederungen, einschließlich der Ver­bände und Vereine, haben ihre Mitarbeit zugesagt und helfen mit, die erforderlichen Pflege- und Gast­stellen für Kinder und Erwachsene sicherzustellen.

Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger er­läßt zu dieser Werbewoche folgenden

Aufruf:

Nicht Fürsorge, sondern Vorsorge ist die Parole der NS. - Volkswohlfahrt. Kinderlandverschickung, Hitler-Freiptahspende, Zeltlageraktion, Vlüllerver-

schickung und Kindergärten sind die Arbeitsgebiete der NS.-Volkswohlfahrt, die in weitgehendstem Maße der Gesunderhaltung des deutschen Volkes dienen und damit dieser Parole gerecht werden.

3n diesen Tagen wird wieder zur Mithilfe an der großen Sommerarbeit der NS.-Volkswohlfahrt aufgerufen, und ich hoffe zuversichtlich, daß alte diejenigen, die in der Lage sind, einen Feriengast aufzunehmen, sich diesem Rufe nicht verschließen werden. Parteigenossen, deutsche Volksgenossen, stellt Freiplähe für Erwachsene und Kinderpflege­stellen zur Verfügung!

Der Gau h e s s e n - N a s s a u muh auch im Jahre 1 9 3 7 in vorder st er Front stehen! Sprenger.

Verschönerungen um -en Gchiffenberg.

Die Heimatoereinigung Schiffenberg hielt am Dienstagnachmittag auf dem Schiffenberg eine Aus- schußfitzung ab.

Der Vereinsführer, Oberforftmeifter Nicolaus, begrüßte die aus Gießen und der näheren Um­gebung des Schiffenbergs zahlreich erschienenen Ver­treter und wies auf die weitgehenden Aufgaben der Heimatvereinigung auf dem Gebiete der Hei­matpflege hin.

Es wurde sodann die Tagesordnung für die am 2. Mai ftattfindende Hauptversammlung besprochen. Weiter wurde einstimmig beschlossen, für die neu errichtete Volkshalle in Watzenborn-Steinberg bzw. deren Ausgestaltung einen Betrag von 10Ö RM. ZU stiften.

Die feierliche Uebernahme des von dem verstor­benen Geh. Rat Sommer zur Verfügung gestell­ten Limesgeländes soll im Juni erfolgen. Zur Vor­bereitung der vorgesehenen Feierlichkeiten, mit denen gleichzeitig ein Sommerfest durchgeführt wer­den soll, wurde eine Kommission bestimmt, be­stehend aus den Herren Schäfer und Rätter (Watzenborn-Steinberg), Müller und Pfarrer Steiner (Hausen), sowie Kirchner und Dr. Michel (Gießen).

Die an dem nördlichsten Punkt des Limesgelän­des vorgesehene Schutzhütte soll in Kürze zur Auf­

stellung gelangen. Die Zahl der in der Umgebung des Schiffenbergs stehenden Ruhebänke soll ver­mehrt, die alten Bänke sollen mit neuem Anstrich versehen werden. Weiter ist an die Fassung neuer Quellen gedacht. Soweit der Durchblick nach dem Schiffenberg oder anderen schönen Punkten in des­sen Umgebung durch einzelne Bäume behindert ist, soll im Einvernehmen mit dem Forstamt Schiffen­berg der Durchblick freigemacht werden. Der Aus­schmückung der Räume des Schiffenbergs soll be­sondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Es ist geplant, im Einvernehmen mit dem Hess. Hochbau­amt, das Zimmer hinter dem Saal mit Wand­malerei zu versehen, sofern die Kosten hierfür tragbar sind. Durch Vermittlung des Gaujägermei­sters soll an die Jagdpächter der Umgebung des Schiffenbergs die Bitte gerichtet werden, die ein­gerichteten Hochsitze zu tarnen, oder sie dem Land­schaftsbild anzupassen.

Die einzelnen Ortsgruppen der Vereinigung sollen das Hauptgewicht auf die Veranstaltung von Hei­matabenden legen. Die am 1. Samstag jedes Mo­nats vorgesehenen Zusammenkünfte auf dem Schif­fenberg sollen wieder regelmäßig stattfinden.

Mit der Aufforderung, an der Erfüllung der Auf­gaben der Heimatvereinigung weiter tatkräftig mit­zuarbeiten, schloß der Vereinsführer die Tagung.

ablesen kann und sich durch Hebung schnell ein­prägen wird.

Man hat z. B. bei Jägern ganz verblüffende Ergebnisse erzielt. Da Rehe, Hirsche, Füchse, Wild­sauen usw. verschiedene Gerüche von sich geben, hat man festgestellt, daß Jäger, die mit diesem Ap­parat, dem Anhelitorium (lat. Anhelitus - Duft, Geruch im geistigen Sinne) ausgerüstet waren, ohne Hund die Spuren des betr. Wildes auf größere Entfernungenerriechen" konnten.

Es gibt im Volksmund den Ausspruch:Ich kann den Kerl nicht riechen". Man hat diesen Ausspruch bisher immer nur in übertragenem Sinne gebraucht, jetzt wird er durch den Apparat zur Wirklichkeit, man kann also, wenn man die Riechwellenlänge desguten Freundes" kennt, ihm schnell auswei­chen, wenn er in etwa 200 Meter Entfernung auf­taucht. In diesem Scherz liegt aber ein tiefer Sinn. Mancher Zusammenstoß mit solchenlieben Freun­den" laßt sich vermeiden, wenn man fein Anhelito­rium richtig eingestellt hat.

Daß es natürlich, wie immer bei solchen Neue­rungen, Zweifler gibt, ist begreiflich. Wer sich aber von der Richtigkeit und auch von der Wichtigkeit und der vielseitigen Anwendung dieser Erfindung über­zeugen will, der versäume nicht, die heute abend ab 18 Uhr in der Volkshalle stattfindende Vorfüh­rung zu besuchen. In Wort und Bild wird dort das Anhelitorium vorgeführt werden. Die Vor­führung soll kostenlos sein.

Bornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

Gau-Ausftellunq: 14 bis 19 Uhr in der Volks­halle. Gloria-Palast, Seltersweg:Der Etappen­

hase". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Die graue Same".

Neues Lustspiel im Stadttheater.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Der Intendant des Stadttheaters, Schultze- Griesheim, hat das neue LustspielDie Kleider meiner Frau" von Waldemar Frank, das soeben mit großem Erfolg in Hamburg uraufgeführt wurde, zur Aufführung für diese Spielzeit erworben.

Der 1. April.

Der 1. April ist überall als Narrentag bekannt. Der Brauch der Aprilscherze ist uralt, wenn auch sein Ursprung dunkel ist. Denn alle Deutungen hier­über find unsicher, wie z. B. der Bezug auf das un­beständige Aprilwetter, die Zurückführung auf ein römisches Narrenfeft oder auf ein altindisches Fest.. Zweifellos dürften die Aprilscherze aber auf alte kultische Frühlingsbräuche zurückgehen. Ihre Zahl ist in Art und Ausführung ungeheuer groß. Je nach der Gegend und dem Volksstamm sind die verschie­densten Scherze beliebt. Sei es, daß man Leute mit ganz unmöglichen Aufträgen in den April schickt, daß man sich scherzhafte Briefe schreibt usw.

In Deutschland führt man zum Teil den Ursprung des Aprilnarren (wenn auch fälschlicher Weise) sogar auf einen Beschluß des Reichstages zu Augsburg von 1530 zurück. Da war, um das Münzwesen in Ordnung zu bringen, ein besonderer Münztag für den 1. April festgesetzt worden. Auf diesen 1. April wurden nun große Spekulationen gemacht. "Als der Münztag aber nicht stattfand, war das natürlich ein großer Reinfall für die Spekulanten, die man als Aprilnarren" gründlich verlachte.

Oie Polizei trägt das Hoheitszeichen.

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Seit einigen Tagen hat sich in der Uniformierung unserer Gießener Polizei eine kleine Aenderung vollzogen. Die Polizei trägt jetzt am Tschako nicht mehr das Wappen des Volksstaates Hessen, sondern das Hoheitszeichen des Dritten Reiches, wie es jetzt für die gesamte deutsche Polizei geschaffen wurde. Unser Bild zeigt links die bisherige Helmzier, rechts das neue Hoheitszeichen. (Aufnahme: Neuner, Gie­ßener Anzeiger.)

Oie diesjährigen Konfirmanden in Gießen.

In diesem Jahre wurden in Gießen insgesamt 406 Kinder konfirmiert, und zwar 205 Knaben und 201 Mädchen. Es entfallen davon auf die Matthäus- gemeinde 85 (52 Knaben und 33 Mädchen), auf dis Markusgemeinde 85 (37 Knaben und 48 Mädchen), auf die Lukasgemeinde 92 (41 Knaben und 51 Mäd­chen), auf die Johannesgemeinde 40 (21 Knaben und 19 Mädchen), auf die Luthergemeinde 60 (31 Knaben und 29 Mädchen), auf die Petrusgemeinde 42 (23 Knaben und 19 Mädchen), auf die Militär­gemeinde 2 Mädchen.

Neuorganisation der NEKOV. des Gaues.

NSG. Im Zuge der von der Reichsorganisations­leitung der NSDAP, aufgegebenen Neuorganisation der Nationalsozialistischen Kriegsopferversorgung werden mit Wirkung vom 1. April 1937 die bis­herigen Bezirke Frankfurt a. M. und Mainz in den NSKOV.-Gau Hessen-Nassau übergeführt. Die Gau- dienststelle befindet sich in Frankfurt a. M., Brau­bachstraße 14/16. In den Diensträumen der NSKOV. ist ebenfalls das Amt für Kriegsopfer der Gau­leitung Hessen-Nassau der NSDAP, untergebracht.

Der Gaudienststelle Frankfurt a. M. sind Be­treuungsstellen angeschlossen. Davon ist eine in Gießen, Bahnhofstraße 38, die die versorgungs- und fürsorgerechtliche Betreuung der Kriegsopfer in den Kreisen Alsfeld, Biedenkopf, Dillkreis, Gie­ßen, Lauterbach, Limburg, Oberlahnkreis, Ober­westerwaldkreis, Schotten und Westerburg durch­zuführen hat.

Gießener Wochenmarkkpreise.

* Gießen, 1. April. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: D. f. Molkereibutter, V> kg 1,57 Mk., f. Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60, Landbutter 1,42 Mk., Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse S 14, Klasse A 13, Klasse B 12, Klasse C 11K, Klasse D Wi, ungezeichnete 10, Wirsing, % kg (gelb) 12, (grün) 16 bis 20, Weißkraut 10, Rotkraut 10 bis 12, gelbe Rüben 8 bis 12, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 20 bis 30, Unterkohlrabi 6 bis 8, Grünkohl 12 bis 15, Rosenkohl 25 bis 30, Feldsalat, 50 g 10 bis 12 Pf., Vi kg 90 Pf. bis 1,10 Mk., Tomaten 70 bis 75 Pf., Zwiebeln 10 bis 14, Meerrettich 30 bis 70, Schwarz­wurzeln 25 bis 35, Rhabarber 25 bis 30, Kartoffeln, % kg 5 Pf., 5 kg 44 Pf., 50 kg 3,65 bis 3,80 Mk.,

Und dabei über­aus gründliche Reinigungskraft, Schonung des Zahnschmelzes, angenehm mil­deru.erfrischen­der Geschmack.

50 pf. Die grofre Tube,

25 pf. Die kleine Tube

Skandal um Or.Vandergruen Vornan von Hans Hirthammer.

Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. S.

5. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Aber sie hat nicht an die Scheinwerfer des Autos gedacht, in deren Lichtkreis sie plötzlich gerät.

Im nächsten Augenblick steht Maria bei ihr und ergreift ihren Arm. Sie hat alles gesehen, das schmale, anmutige Gesicht, die durchnäßte Kleidung, den gehetzten Ausdruck in den Augen und ihr Gefühl läßt sie die Wahrheit ahnen.

Maria Vandergruen versteht es wie kaum eine andere, in eines Menschen Angesicht zu lesen. Darum, weil sie von höchster Schönheit bis zu tiefster Häßlichkeit des Herzens alles kennenlernte.

Kommen Sie mit herein, Fräulein!" bittet sie leise, betroffen fast, denn sie ahnt etwas von der Süße dieses Menschenkindes.

Gisch erschauert, als sie den Arm der Frau um ihre Schultern fühlt. Die gütige Stimme, die schwe­sterliche Berührung überrumpelt sie. Die Verstört­heit weicht von ihr, fällt ab wie eine pressende Fessel. Zudem ist die Kraft ihres Widerstandes zu

Ende.

Was denn, was denn?" brummt der Doktor fassungslos,Du wirst doch die Person nicht ins Haus bringen wollen?"

Laß gut sein, Stefan, das ist keine Manner- fache Schaffe jetzt lieber den Wagen unter Dach!" Ihm bleibt nichts übrig, als die Schultern zu heben und mit einem gekränktenWie du willst!" sich vom Schauplatz seiner Niederlage abzuwenden.

Als er sicher ist, nicht mehr gehört zu werden, macht er seinem Aerger Luft. Alberne Gefühls­duselei' Sich mit solchem Straßengesindel abzu­geben! Jawohl, Straßengesindel, es gibt keinen an­deren Ausdruck für eine Person, die man um drei Uhr früh auf einer Treppenstufe antrifft.Nungut immerzu! Wirst es schon sehen, Mariandl, wirst deine Ueberraschungen schon noch erleben!

Der ahnungslose Mann!

Maria Vandergruen geleitet die verwirrte Gisch, den Arm um ihre Hüfte gelegt, die Treppe hinauf in ihr Zimmer.Sie sind ja ganz durchnäßt, wir werden die Kleider wechseln müssen; hoffentlich haben Sie sich keine Erkältung geholt."

Nun ist Gisch ein Geschöpf, das von menschlicher Teilnahme bislang nicht viel zu spüren bekam. Sie hat ja die Eltern längst verloren, steht allein in der Welt. Gewiß, sie schlagt sich brav und mutig durch, nicht leicht, daß ihr was ankommt, nein, sie ist nicht von der Art, gleich den Kopf hängen zu lassen, wenn sich eine Widerwärtigkeit einstellt. Aber es bleiben die dunklen Stunden nicht aus, in denen das Herz ihr friert und zuckend sich nach einem anderen Herzen sehnt!

Darum wird sie von dieser Umarmung im Tief­sten angerührt, in einer jäh aufbrechenden Sehn­sucht lehnt sie den Kopf an Marias Schulter, und nun ist alles gut. Geborgenheit durchströmt sie.

Mit dieser Bewegung ist sie auch für Maria keine Fremde mehr. Die Mütterlichkeit, jeder wahren Frau ins Herz gegeben, ist angerufen, und Maria gibt sich dem neuen Gefühl verströmend hin.

Im Zimmer brennt noch die Stehlampe und wirst ihren warmen, rötlichen Schein auf die altertüm­lichen Möbel, auf das geöffnete Bett, auf die breite Couch. . _ ,

Maria drückt das Mädchen in einen Sessel und beginnt sogleich im Schrank zu kramen. Mit einem ermunternden Lächeln legt sie Wäsche und Kleider auf die Couch.Nun müssen Sie sich ausziehen, Kindchen. Ich glaube, daß Ihnen meine Sachen halbwegs passen werden. Hier ist auch em Frottier­tuch reiben Sie sich tüchtig ab! Ich werde Ihnen indessen einen ordentlichen Grog zubereiten! Wie ist es, sind Sie genug bei Kräften, um allein fertig zu werden?"

Gisch nickt und muß sich sehr zusammennehmen, daß ihr nicht wieder die Tränen kommen.

Als sie allein ist, beginnt sie sich mit abwesenden Bewegungen auszuziehen. Sie hat mich nicht ge­fragt! denkt sie und fühlt sich wie in ein Wunder hineinversetzt. Das ist ihr am unsahlichsten von allem dies schöne Vertrauen. Man hätte doch wahr­lich ein Recht gehabt, zu erfahren, wer sie fei, und wie es geschah, daß man sie unten an der Haustür 1 fand.

An den Mann freilich darf sie nicht denken, noch jetzt klingen ihr unter Angstschauern die gräßlichen Worte nach, mit denen er sie fortgewiesen hat.

Sie knöpft gerade die Jacke des Pyjamas zu, als Maria mit dampfenden Gläsern zurückkommt.

Paßt ja herrlich, entzückend sehen Sie aus! Nun trinken Sie rasch und dann wird geschlafen. Wollen Sie das Bett oder ziehen Sie die Couch vor? Mir ist es gleich."

Gisch machte ein hilflos bestürztes Gesicht.Nein, ich ich kann das doch nicht annehmen, was sollen Sie von mir denken? Ich Sie wissen ja gar nichts von mir. Ich ich bin eine Arbeiterin, ich habe nur keinen Zug mehr erwischt. Und dann ver­lor ich meine Geldbörse, es fing zu regnen an, und ich suchte Schutz unter der nächsten Haustür. Ich heiße Karoline Amelung und wohne in Charlotten- burg."

Sie stößt das alles in einer seltsamen, hastigen Erregung hervor, als sei es eine Gewissenslast, deren sie sich entledigen müßte.

Mit einem feinen Lächeln greift Maria nach der schlanken, feingegliederten Hand des Mädchens. Aber das ist doch im Augenblick vollkommen un­wichtig."

Ich muß um sieben Uhr in der Fabrik fein. Man bekommt gleich seine Papiere, wenn man zu Klagen Anlaß gibt."

Lassen Sie nur, ich werde anrufen und Ihr Wegbleiben entschuldigen."

Ach Gott Sie sind so gut zu mir, ich weiß gar nicht--"

Ob Sie jetzt sofort den Grog trinken?! Glauben Sie, ich habe keine Lust, endlich ins Bett zu kommen?"

Das hilft.

Als Maria kurze Zeit später die Liegende zudeckt, trifft sie aus weitgeöffneten Augen ein Blick, so hell und klar, so voll von unergründlicher Schönheit, daß die Frau sich betroffen abwendet. Niemals mehr wird sie diesen Blick vergessen, der ihr in einer jähen Offenbarung die innerste Gliederung dieses Menschenkindes enthüllt.

Sie dreht das Licht aus und öffnet das Fenster. Im Osten erwacht der neue Tag. Drunten im Gärt- lein beginnt eine Amsel ihr Morgenlied.

In tiefen Zügen atmet Maria den Atem der

Erde ein. Dann tritt sie, von einer Sehnsucht ge­trieben, noch einmal an das Lager des Mädchens.

Gisch schläft bereits.

5.

Stefan Vandergruen hat den nächtlichen Zwischen­fall nahezu vergessen, als er gegen elf Uhr zum Frühstück herunterkommt. Er pfeift gut gelaunt vor sich hin, sieht die Post durch, nimmt im Vorbei­gehen ein Stück Zucker vom Tisch und zerknabbert es behaglich, während er in den Garten hinaustritt.

Ah, die Gladiolen sind endlich aufgeblüht. Lange genug hat man sich mit ihnen herumgeärgert.

Stefan reißt da und dort ein vorwitziges Un­kräutlein aus, holt sich vom Eckbeet eine Handvoll Radieschen, da Maria sie gerne ißt, schneidet schließ­lich noch etliche Rosen ab und kehrt dann ins Zimmer zurück.

Maria ist noch nicht da.

Stefan vertreibt sich eine Weile die Zeit damit, die Rosen in eine Vase zu ordnen. Dann klingelt er nach dem Mädchen.

Ist meine Schwester noch nicht aufgestanden?" Ich weiß es nicht. Soll ich nachsehen?"

Na, lassen Sie nur!"

Stefan geht auf die Diele hinaus, spitzt die Lippen und pfeift.Burschen heraus!" pfeift er, das ist das Signal, mit dem sie sich zu verständigen pflegen. Man könnte es eine Unart nennen, aber laßt ihn nur! Wenn er wie ein Elefant durchs Haus trompeten würde, wäre es noch schlimmer, meint Maria. Sie hat recht

Jedenfalls klappt die Sache, denn im nächsten Augenblick erscheint Maria oben an der Treppe.

Morgen, Steff!"

Morgen, Mariandl! Ausgeschlafen? Geh zu, beeil dich ein bissel!"

Ja, ja, wir kommen gleich. Sag der Else sie foQ ein drittes Gedeck auflegen!" Schon ist sie wieder verschwunden.

Stefan steht da, als habe er eins auf den Schä­del bekommen. Was heißt:Wir kommen gleich!?" und wieso ein drittes Gedeck?

Er kratzt sich die widerspenstigen Haare und auf einmal fällt es ihm ein. Etwa gar diese Person von heute nacht? Ist die denn immer noch im Hause?

Ja, war die Mariandl total verrückt geworden?

(Fortsetzung folgtI)