Nr.5tt Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Montag, l.Marz (937
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Schuhcreme
manche Pfuscher und durch die damaligen wirtschaftlichen Verhältnisse heroorgerufen worden.
Die jetzige wirtschaftliche Entwicklung hat der Schafzucht einen Lichtblick gebracht, denn nun ist auch für die Schafzucht ein grundlegender Wandel geschaffen worden.
Der Vortragende besprach dann eine Reihe besonderer Aufgaben der Schäfer. Davon sind her- oorzuheben: Ausbildung eines guten Schäfernachwuchses. Pflicht zur Lehrlingseinstellung, mindestens etwa 50 Lehrstellen in unserem Zuchtgebiet. Bei der Lehrlingsausbildung ist vom Lehrmeister dafür zu sorgen, daß der Lehrling auch wirklich etwas Tüchtiges lernt. E n g st e Zusammenarbeit der Schäfer mit den Schafzüchtern Meinungsverschiedenheiten dürfen nicht auf Kosten der Schafzucht ausgetraqen
Eigener Bericht des Gießener Anzeigers.)
stehe auch bei der Schafzucht darin, unsere Versorgung weitgehendst vom Auslande unabhängig zu machen. Durch die Verbesserung und Vermehrung der Schafbestände müßten im Interesse unserer Wolle- und Fleischversorgung bedeutende Mehrlei st ungen erzielt werden.
Jeder Bauer und Landwirt müsse seinen Betrieb daraufhin prüfen, ob er neben der Rindvieh. und Schweinehaltung nicht noch zusähtich die Schafhaltung durchführen könne.
Nach einem Hinweis auf die Entwicklung der Schafzucht im Verlaufe des vorigen Jahrhunderts und nach einem Blick auf den Stand dieser Zucht und unserer Wolleversorgung vor dem Kriege machte der Vortragende in eindrucksvoller Weise deutlich, welche große Rolle für die Versorgung unseres Volkes die Schafzucht zu übernehmen hat. Es handelt sich dabei nicht allein um die Wolle- und Fleischversorgung, sondern auch um die restlose Ausnutzung aller Futtermöglichkeiten, denn das Schaf könne noch Futterquellen verwerten, die von anderen Tieren nicht mehr genommen werden.
Bei gleichbleibender Produktivität des bäuerlichen Kulturlandes lasse sich der Gesamtertrag des Bodens noch ganz wesentlich steigern, wenn die Schafhaltung als Ergänzung zu den anderen bäuerlichen Betriebszweigen hinzukomme.
Der Vortragende gab dann in großen Zügen einen Ueberblick über die Entwicklung der Schafzucht in Deutschland und in Hessen von 1920 bis jetzt, wobei er aus den überwundenen Jahren der Systemzeit einen erheblichen zahlenmäßigen Rückgang der Schafzucht, aber seit der Machtübernahme durch den Führer wieder eine ansehnliche Steigerung auf diesem Gebiete mitteilte. Er konnte dabei berichten, daß in anderen Landesbauernschaften, z. B. in Sachsen, gute Fortschritte im Wiederaufbau der Schafzucht gemacht worden sind und auch bei uns in Hessen eine aufsteigende Linie der Schafzucht vorhanden ist. Er ermahnte die Schafzüchter, auf die Qualitätssteigerung der Schafrassen und auf die Steigerung des Wolleertrages hinzuarbeiten.
Als Beispiel für Hessen ging er von einer Zahl von 80 000 Schafen aus. Wenn durch die Verbesserung der Zucht durch Auslese der Rassen pro Schaf und Jahr nur ein Pfund Wolle mehr erzielt werde, so bedeute das alljährlich eine Steigerung des Wolleertrages um 80 000 Pfund allein in Hessen, also eine ganz bedeutende Verbesserung unserer Versorgungslage.
Am Schlüsse seines Vortrages betonte er, daß durch den Führer und seine Regierung auch für die Schafzucht und ihre Erträgnisse bessere und stabile Verhältnisse geschaffen worden sind, die dem Schaf- Halter die Möglichkeit einer auf lange Sicht eingestellten Schafzucht und Schafwirtschaft geben. Ebenso ist die Absatzlage für Wolle und Fleisch in günstiger Weise gestaltet worden. Er forderte daher alle Schafzüchter zu gesteigerter Lei- st u n g auf diesem Zuchtgebiet auf.
Tierzuchtdirettor Dr Tornede, Biedenkopf,
sprach anschließend über das Thema „Der Schäfer in der Erzeugungs schlack)t". Er richtete die Aufforderung an die Schäfer, dafür zu sorgen, daß unsere Schafbestände stets auf züchterischer Höhe stehen und eine bodenständige Landesschafzucht aufgebaut wird. Die Schafzucht an sich sei auch in schlechten wirtschaftlichen Zeiten nicht unrentabel gewesen, ihr Niedergang sei nur durch
Am gestrigen Sonntag fand in Hungen der von der Krcisbauernschaft Oberhessen-West veranstaltete diesjährige Oberhessische Schäfer- t a g unter der Leitung des Landesfachschafts- gruppenwarts Schäfermeister Wirth (Wetterfeld) statt. Aus allen Teilen der Provinz Oberhessen und zum Teil auch aus der preußischen Nachbarschaft waren die Schäfer und Schäferinnen, vielfach auch der junge Nachwuchs in außerordentlich großer Zahl erschienen. Dazu hatten sich noch viele Freunde der Schäferei eingefunden. Bei der geschäftlichen Tagung im „Darmstädter Hof" am Vormittag war der Besuch so groß, daß der Saal fast überfüllt war.
Die geschäftliche Tagung
wurde von dem Landesfachschaftsgruppenwart Schäfermeister Wirth mit herzlichen Grußworten, besonders an die Vertreter der Partei, der Landes- und der Kreisbauernschaft und der Stadt Hungen eröffnet. Im Laufe der Tagung erschien auch der Kreisleiter Dr. Hildebrandt. Nach einem poetischen Schäfergruß, den ein Sohn des Schäfermeistcrs Wirth vortrug, wurde eine Minute des stillen Gedenkens den im verflossenen Jahre Heimgegangenen toten Schäfern gewidmet.
Bürgermeister Hofmann, Hungen,
überbrachte dann dien Willkommensgruß der Stadt Hungen und hob dabei mit Genugtuung hervor, daß die Stadt Hungen, in der seinerzeit der Oberhessische Schäfertag gegründet wurde und die immer eine gute Pflegestatt der Schafzucht geblieben sei, von nun ab ständig den Oberhessischen Schäfertag beherbergen werde. Er wünschte den Schäfern und Schäferinnen für diesen alljährlichen Festtag stets einen schönen Verlauf in bester Kameradschaft und damit einen wertvollen Gewinn aus dem Treffen der Berufskameraden.
Landesgefolgschastswart Steidie
richtete hierauf eine kurze Ansprache an die Versammlung, in der er hervorhob, daß der Schäfer im nationalsozialistischen Staate größere Aufgaben zu leisten habe, als früher. Der Redner forderte, nachdem im Dritten Reich die Schafzucht ihre gebührende Bedeutung wiedergewonnen habe, nun auch überall dafür zu sorgen, daß ein ges under Schäfer st and vorhanden ist und bestehen kann. Er lehnte die Pfuscharbeit im Schäferberuf ab und forderte die Gemeinden und Genossenschaften auf, dafür zu sorgen, daß den Gemeinde- bzw. Genossenschaftsschäfern ein auskömmlicher Lohn gewährt werde, damit sie sich und ihre Familien in wirtschaftlicher Gesundheit erhalten könn- nen. Weiter nahm er gegen das Unwesen der Schäfer-„Tippelbrüder" entschieden Stellung und forderte einen seßhaften, ehrbaren Schäfer st and. Um diesen zu erreichen, rief er die Schäfer zu eifriger Mitarbeit auf, die alle ihre Kräfte für die Aufgaben des nationalsozialistischen Staates im Dienste des Werkes Adolf Hitlers zur Verfügung stellen sollten.
Nach einem poeUschen Gruß des Schäfermeisters Lenz, Ehringshausen (Kreis Wetzlar), hielt der Vorsitzende des Landesverbandes der Schafzüchter in Hessen-Nassau,
Schuster, Häuser-Hof (Odenwald),
einen Vortrag über „Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Schafzuch t". Er betonte einleitend, daß die große volkswirtschaftliche Bedeutung der Schafzucht noch niemals bisher so stark hervorgetreten sei, als heute. Das Ziel be-
Das Fest der oberhefsifchen Schäfer
Schöner Äertauf des Oberhefsifchen Schäfertages in Hungen.
werden. Bestes Einvernehmen unter allen an der Schafzucht Beteiligten. Gerechte Entlohnung der Schäfer. Das Schwergewicht muß auf die Landesschafzucht gelegt werden. Dadurch können die größten Erfolge erzielt werden. Ausmerzung überalterter Tier aus den Herden. Hauptaugenmerk auf die bestmögliche Entwicklung der leistungsfähigsten Rassen, Ziel: im Laufe der Jahre muß erreicht werden, daß in den Herden nur noch Tiere 1. und 2. Klasse vorhanden, die jetzige 3. und 4. Klasse verschwunden ist. Werbung der Schäfer für ö i eNeugründung von Schafherden und Stärkung der eigenen Herde. Aber keine Uebersetzung der Herden. Es gibt noch genug Gemeinden, die eine Gemeindeschäferei einrichten können.
Der Redner konnte dann an Hand von Zahlen nachweisen, daß der Wiederaufbau der Schafzucht in Hessen seit der Machtübernahme sehr gute Fortschritte macht und die hessischen Prozentsätze der Schafvermehrung erheblich über dem Reichsdurchschnitt liegen.
Das Zuchtgebiet Hessen-Nassau marschiert in der Schafzucht mit an der Spitze sämtlicher Landesbauernschaften.
Diesen hohen Stand der Zucht muß jeder Schäfer nicht nur mit zu wahren wissen, sondern ihn noch
Ausstellung des VDK und derM. in Lang-Göns.
Mädchen des BDM. aus Lang-Göns betrachten sich aufmerksam das Bilderbuch. das von ihren Kameradinnen mit vieler Liebe und Mühe gezeichnet, gemalt und gebunden wurde. Auf dem Kindertisch sieht man viel selbstgefertigtes Spielzeug, das aus einfachstem Material hergeftellt wurde.
(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Am Samstagnachmittag wurde im Heim des BDM. in Lang-Göns eine Ausstellung von Handarbeiten des BDM. durch die Untergauführerin Käthe Pfeffer eröffnet. Die Jungmädel hatten in Kluft Aufstellung genommen. Nach gemeinsamem Gesang „Heilig Vaterland" wurde ein Gedicht von Baldur von Schirach oorgetragen. Bei der Eröffnungsansprache wies die Untergausühre- r i n darauf hin, daß wir es in Deutschland nicht mehr nötig hätten, uns nach der Mode von Paris zu richten. Wir würden neu anfangen und für einfache Kleider sorgen, denn das einfachste wäre auch das schönste. Puder, Schminke und Dauerwellen seien für deutsche Frauen überflüssig. Darauf erklärte sie die Ausstellung für eröffnet.
Die ausgestellten Gegenstände waren Übersichtlich auf verschiedenen Tischen ausgelegt. Da sah man zunächst Holzarbeiten, in der Hauptsache Spielsachen, die für die Kinder bestimmt sind, die von der NSV. betreut werden. Andere Spielsachen wieder gehen an Kinderschulen. Die meisten Holzsachen waren aus Abfällen geschnitzt und schön angestrichen. Einzelne Gruppenarbeiten schlossen sich an: Ein Schulfaal mit allem Zubehör, ein Kauf- laden, verschiedene Wiegen und Puppenwägelchen, Bilderbücher u. a.
Auf den Tischen mit Kleidern sah man: Kittelchen für kleine Kinder, Hosen, Blusen und Kleider für Mädchen, gestrickt und genähte. Diese Arbeiten waren fast durchweg von Angehörigen des BDM. angefertigt worden. Man sah auch selbstgewebte Kleidungsstücke, Schlummerrollen und viele andere Handarbeiten. Auf dem Tische in der Mitte waren verschiedene Gegenstände ausgestellt: Photoalben, Holzschalen, Schmuckkästchen, ein Album vom Hüttenberg mit entsprechenden Trachtengruppen- Aufnahmen. Hervorzuheben sind auch noch die schönen Lampenschirme aus Oelpapier, Untersätze, Handtäschchen aus Leder, Geldbeutel und viele Bastarbeiten.
Alles in allem zeugte die Ausstellung von der Geschicklichkeit und dem großen Fleiß, die hier unsere Jungmädel aufgewandt haben, um in ihrer freien Zeit nützliche Gegenstände herzustellen. Die Ausstellung war an zwei Tagen geöffnet, und zahlreiche Besucher fanden sich ein.
Gießener Konzertverein.
VII.Konzert: Das Wendling-Quartett.
Die Veranstaltungen des Wendling-Quartetts haben stets für das Gießener Musikleben eine besondere Aufgabe und Bedeutung erwiesen. Das bestätigte auch aufs neue das gestrige Konzert. Und dennoch, gegenüber den früheren Eindrücken erscheint diese Vereinigung noch innerlich gewachsen in der Kraft der Eindringung in die Werke und in der Rundung und im individuellen Ausgleich des Zusammenspiels, die jetzt eine kaum noch zu überbietende Höhe erreicht haben.
Stets schwingt hier bei der Wiedergabe die reiche Erfahrung eines der Musik gewidmeten Lebens mit, das selber eine Reihe von Stilgenerationen durchschritten hat und somit den reifen Blick gewonnen hat für die Erkenntnis des inneren Wesens des Stiles, für den in ihm gebundenen Zeitgeist und für den Niederschlag des persönlichen Erlebens im Werk. Dazu hilft die Größe der Lebenserfahrung, die den Sinn geschärft hat und die Intuition einfühlender Kräfte unterstützt. Dazu kommt die Tradition von Jahrzehnten, in der für die Mitglieder des Quartetts die Mufiziergemeinschaft zur inneren Lebensnotwendigkeit wurde.
Jedem der drei Werke ließ das Wendling-Quartett in der Wiedergabe den ihn zukommenden Stilcharakter in der Auffassung und in der Einzeldurcharbeitung zuteil werden. Bei Haydn war es in den Ecksätzen die Feinheit der Uebergänge, sowohl in dynamischer Beziehung wie in der Abwandlung des Tempos; völlig dem Pulsschlag und Lebenskern der inneren Entwicklung entsprechend. Das Andante wurde zu einem besonderen Ausdrucksfeld der Primgeige, die das Pasfagenfpiel in sinngemäßer Beziehung auf das Thematische organisch gliederte. Während der Kanon des Menuetts mit innerer Gespanntheit erfüllt wurde, war das Trio überaus fein differenziert im Zeitmaß und in der Vortragsschattierung.
Die Tiefe des persönlichen Erlebens wurde bei Beethoven zum entscheidenden Faktor der Darstellung. Wie aus einer anderen Welt erklangen in geheimnisvoller Verhaltenheit die Einleitungstakte, durchzittert von dem Schauer des Kommenden. Der Kopfsatz wurde in feinem organischen Aufbau so individuell erfaßt, daß die Wiedergabe ihn dem Hörer unbedingt nahe bringen mußte in eindringender Verständlichkeit. War der erste Teil des zweiten Satzes äußerst sorgfältig durchgliedert in seinem motivischen Verlaus, so ließ das Trio die sublimierte klangliche Einkleidung in letzter Durch- I
geistigung erstehen. Wenn man je von einem inneren Ergriffensein sprechen kann, so war das bei Spielern und Hörern der Fall in dem „Dankgesang eines Genesenen": ein tiefes religiöses Erschauern durchschwang die Wiederkehr des Dankchorals, von Mal zu Mal an beseeltem entrücktem Ausdrucksvermögen des Tones gewinnend; um so gegensätzlicher traten die beiden O-ckur-Mittelsätze heraus. Die Rezitativszene der ersten Geige (4. Satz) wurde in ihrer Eindringlichkeit verstärkt durch das fast dramatisch impulsive Mitgehen der drei Partner. Das Finale wuchs zu machtvollen akzentreichen Steigerungen heraus, im Spiegel der kontrastierenden Partien, gipfelnd, in der klanglichen Entfaltung des ^-ckur-Teiles. \
Mozarts Quartett wurde mit einem Ton wiedergegeben, der die schöne Sinnlichkeit des instrumentalen Klanges mit seinem Eigenwert in das Blickfeld rückte. Dabei glühte eine innere Wärme mit, die dem Werk aufblühendes Leben gab. Im Andante war es ein förmliches Schwelgen, fast ein gegenseitiges Sich-Ueberbieten der einzelnen Instrumente an Schönheit und Innigkeit des Klanges. Der ursprünglichen Bestimmung dieses Quartetts entsprechend, bewies sich das Cello als Träger schönster Gesanglichkeit und plastischer Thematik.
Die Hörer standen völlig im Banne der vier Künstler; das bezeugte der überaus starke Beifall.
Dr. Hermann Hering.
Nächtliche Wettfahrt.
Von Per Schwenzen.
Elf Stunden braucht die „Schnellroute" von Bergen nach Stavanger. Die Schiffe gehen allabendlich vom „Tyskebryggen" (Deutscher Kai) ab, im Anschluß an die „Bergenbahn", die von Oslo um neun Uhr eintrifft. Ich schlendere gemütlich vom Bahnhof zum Kai: „Wann, bitte, geht die Nachtroute nach Stavanger?"
„Um zehn Uhr, bitte."
„Danke. Wo liegt das Schiff?"
„Welches Schiff wünschen Sie? Es sind zwei."
„Nach Stavanger."
„Ja."
„Um zehn Uhr."
„Ja. Aber es sind zwei." —
Sie fahren um die Wette! Sie find beide groß genug, um jedes einen weit größeren Verkehr zu bewältigen. Es gibt keinen fachlichen Grund, außer dem der hemmungslosen Konkurrenz — aber sie fahren beide!
Die „Sandnaes" hat den roten Postkasten am
Landungssteg hängen. Sie ist heute das „offizielle" Schiff. Der Staat will ein gerechter Vater feiner Kinder sein und verteilt Post und Postzuschuß abwechselnd. Heute hängt der Kasten hier, morgen hängt er dort. Ich suche den Kapitän auf. Er trägt mich in das große Buch ein, hinter eine Kabinennummer. Hinter vielen Kabinennummern stehen keine Namen. Ich gehe an Deck. Viele Leute stehen am Kai, um den „Start" der Schiffe zu sehen. Es darf niemand zu spät kommen, und wenn er nur eine Karte in den roten Briefkasten werfen will. „Stavanger I" liegt vor uns. Gleichzeitig erklingen die Glocken der Schiffe. Gleichzeitig werfen sie den Steg vom Kai ab.
Die Ausfahrt aus dem nächtlichen Hafen von Bergen ist ein überwältigendes Erlebnis. Die schneebedeckten Berge scheinen wie mit silbrigem Eigenlicht durch den sternenklaren Himmel. Die kühne Lichterlinie der Drahtseilbahn nach Flöien springt in die Nacht, als hätte ein Fakir ein feuriges Band geschleudert und im Zenit des Schwunges festgebannt.
Die „Sandnaes" rauscht in der Kielspur des „Stavanger I" nach Süden, durch das Jnselmeer der Schären. Inzwischen steuere ich mich durch den „Skjlaergaard" der siebenundzwanzig Schüsseln, die den bescheidenen Abendtisch zieren. Mit bestens fundierter Neugier gerüstet, treffe ich zu später Stunde auf der Kommandobrücke ein. Der Vollmond hängt mit allen seinen Gebirgen geisterhaft hell am Himmel. Die Schären leuchten mit blankem Schnee im Fahrwasser. Kürzeste Wege durch schmale Durchfahrten werden gewagt. Wo ist „Stavanger I"? Ah, „Stavanger I" hat den weiteren Weg um den äußeren Schärengürtel gewählt. Das bedeutet zehn Minuten Vorsprung!
Steuerleute und Rudermann nehmen mich in die Schule. „Acht Monate dauert der Kampf schon. Man will uns aus der Route drängen. Aber nein, niemals! Die Leute von Stavanger allerdings wagen sich nicht recht an Bord, denn der „Routen- sieg" steht auf dem Panier Stavangers. Acht Monate dauert dieser Wettlauf. Die anderen haben ein wenig stärkere Maschinen. Wir verlieren meist zehn Minuten. Nicht viel auf elf Stunden, was? Morgens am Kai stehen die Leute und warten, wer zuerst kommt. Eine Sache — was? Aber wir haben den Postkasten! Dreimal in der Woche. Die anderen drei Male haben ihn leider die anderen. Nun, man muß gerecht sein, was soll die Posten machen? Sie ist doch staatlich. Also muß sie parteilos sein!
„Ah, da ist der Konkurrent." — Um eine mondbeleuchtete Felsenzunge biegt der „Stavanger I". Er geht gleichfalls mit ganzer Kraft, er wühlt sich durch das fahl leuchtende Wasser, feine Lichter
schaukeln näher und näher, er hängt sich an, kommt naher, fährt in hundert Meter Abstand hinter uns her und rückt in Luv auf. Er hüllt uns in schwarze Rauchwolken. Die Flüche der Männer halten meine eilige Flucht nicht auf.
Wir liegen in Kielspur zu „Stavanger I". Er zeigt uns das Verachter-Deck! Wir sprechen nicht gut von ihm. Und außerdem haben wir die Post. Soll er fahren, in drei Teufels Namen! Wir kümmern uns nicht um ihn. Wir sehen den Mond an. Der Steuermann gibt mir ein Fernrohr: „Guck chnauf, heut' ist er ganz lieblich. Du siehst die Frau im Mond. Mit langem Haar. Keine Dauerwellen. Wie vor tausend Jahren. Weiß der Teufel, ob es nicht Weiber auf dem Mond gibt, ich glaube es, es gibt überall Weiber. Wir werden ja sehen. Jetzt geht's ja mit den Raketen bald los. Ich sehe schon die ,Sandnaes' und die ,Stavanger-Mond-Schiff- Linlen!' Haha. Punkt 10 Uhr also Tyskebryggen! Parallel mit ganzer Kraft! Und wir wieder'fünf Minuten später, während die Mondmädchen die »Stavanger'-Jungens abküssen, pfui Teufel! Aber her rote Postkasten hängt an der .Sandnaes'- Rakete!" —
Ich glaube genau wie der Steuermann an die Zukunft, Menscbengeist und Raketen! Aber ich glaube und weiß, daß dieser Kampf nicht mehr über den Kraftgürtel der Erde bringen wird. Denn gegen Ende des Monats sind die beiden Parteien vom Seefahrt-Departement in Oslo geladen. Sie sollen partout nicht mehr um die Wette fahren. Denn so lustig das sein mag, erblickt man darin eine wirtschaftliche Schädigung der Allgemeinheit. Beide Parteien haben mit Männern anzutreten, begabt -mit Vollmachten, Entschlußkraft und loyaler Gesinnnno. Stehenden Fußes hat man sich zu vergleichen. Ein Schiff, ein Volk, ein Wille. Sonst wird der rote Postkasten vollends konfus!
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Der Reichs- und Preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat den Dozenten für Betriebswirtschaftslehre und Genossenschaftswesen, Dr. rer. pol. habil. Reinhold Henz - ler in Frankfurt beauftragt, die durch das Ausscheiden des Professors Hellauer in der Wirtschasts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt zum 1. April d. I. frei werdende Professur für Betriebswirtschaftslehre vertretungsweise zu übernehmen.
Dr. meck. Wilhelm König wurde beauftragt, an ber Tierärztlichen Hochschule Hannover die spezielle Chirurgie in Vorlesungen unb Hebungen zu vertreten.


