sorgungslücken klar zu werden. Europa hat Mangel an Speisefetten und natürlichen Faser st offen. Die Mehrerzeugung an Speisefetten ist an eine Vermehrung d e s Best a n d e s an Rindern und Schweinen gebunden. Zur Aufzucht größerer Bestände an diesen Viehsorten bedarf es einer Steigerung des Anbaues von Kraftfuttermitteln. Besonders hochwertige Kraftfuttermittel sind die Nebenprodukte der Pflanzenöl-Erzeugung: die Oelkuchen. Eine Vermehrung des Oelfrüchteanbaues dient also unmittelbar (Margarinerohstoffe) und mittelbar (Fütterung der Kühe) der Besserung der Speisefettoersorgung unseres Erdteils. Seit erdenklichen Zeiten werden in Europa Raps, Rübsen, Lein, Mohn, Sonnenblumen und einige andere Oelpflanzen angebaut. Jüngeren Datums ist der Anbau der aus dem Fernen Osten stammenden Sojabohne. Sie ist in Südosteuropa mit Erfolg eingeführt worden und nimmt an Bedeutung ständig'zu. Nachdem Bessarabien, das bedeutendste Sojabohnengebiet des festländischen Europas, für Rumänien zurückgewonnen worden ist, darf die Störung, die der Bolschewismus auch auf diesem Wirtschaftsgebiet verursacht hat, als überstanden angesehen werden.
Auf dem Gebiet der Faserpflanzen ist in Europa zu den alten Kulturen des Hanf- und Le in bau es die Anpflanzung von Baumwolle hinzugekon^men. Auch hier ist Südosteuropa dasjenige Gebiet, das verhältnismäßig die meisten für den Baumwollanbau geeigneten Böden aufweist. Daneben hat man auch in Italien und neuerdings sogar auch in Spanien mit der Baumwoll- tultur gute Erfahrungen gemacht. Die entscheidende Frage war die, ob es gelingen werde, klimageeig- nete und dabei ertragreiche und qualitativ befr''e- digende Sorten zu züchten. Der verstärkte Anbau von Baumwolle wird in Europa auch dann eine Zukunft haben, wenn es gelingen wird, das baumwollreiche Aegypten in die Derforgungsgemeinschaft der Alten Welt bzw. des Mittelmeerraumes einzubeziehen. Eine gewisse Rolle wird stets die Seidenraupenzucht spielen, für die sich gleichfalls die südöstlichen und daneben auch die südlichen Gebiete des europäischen Kontinents eignen. In die gleiche Linie gehört die vermehrte Schafzucht, die besonders in den dünn besiedelten Ländern mit mageren Böden (südöstliche Gebirgsgegenden, das Innere Spaniens und Norwegen) gute Aussichten bietet. Neben einer Vermehrung der Schafhaltung hat auch eine Veredlung der zur Zeit vorhandenen teils recht wenig leistungsfähigen Schafrassen Bedeutung. Einer Sicherung der Produktion an künstlichen Spinnstoffen wird eine bessere Forstwirtschaft und eine planmäßige Wiederherstellung der durch Raubbau verödeten Waldungen dienen.
Innerhalb des Körnerdaues wird zunächst eine Verlagerung von Brotgetreide nach Futtergetreide, also Doh Weizen.fort nach Gerste, Hafer und Mais, ins Auge gefaßt werden müssen. Die Steigerung der verfügbaren Weizenmengen wird durch Erhöhung der Hektarerträae erzielt werden müssen. Dagegen muß darauf hingewirkt werden, daß eine aus der tropischen und der subtropischen Zone stammende Getreidesorte stärker als bisher angebaut wird, und zwar der Reis. Für diese Feldfrucht bestehen in der Türkei, in den Bal- kanländern, in Italien und in Spanien günstige Bedingungen. Die italienischen Reiseryten haben in den letzten Jahren ständig zugenommen und haben für die Versorgung Deutschlands eine wachsende Bedeutung gewonnen. Auch hier mußte in den landwirtschaftlichen Züchtungs- und Versuchsbetrieben viele Jahre hindurch emsig gearbeitet werden, bis die für das verhältnismäßig rauhe europäische Klima geeignete Sorten entwickelt worden waren. Bei der Ueberführung aller dieser Neuerungen in die landwirtschaftliche Praxis genügt durchaus nicht die Bereitschaft der Behörden und Organisationen der betreffenden Länder; es muß auch das Verständnis der praktischen Landwirte hinzukommen. Nachdem auf diesem wichtigen Gebiete erst einmal das Eis gebrochen worden ist, darf man dem neuen Anbau von Feldfrüchten in Kontinentaleuropa mit Zuversicht entgegensehen. D. S.
Mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet.
Berlin. 11. September. (DRV.) Der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht verlieh auf Vorschlag des Oberbefehlshabers des Heeres, Generalfeldmarfchall von Vrauchltsch, das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes an Oberst Melzer, Kommandeur eines Infanterie-Regiments, Haupt-
Unermüdliche Luftangriffe in Nordafrika.
Berlin, 11. Sept. (DNB.) Deutsche Fern kampfflugzeuge haben am 10. September ein Handelsschiff von 8 bis 10 000 BRT. getroffen. Der Flugplatz Abu Sueir wurde mehrere Male bombardiert, Alexandria und Port Said erhielten Bombentreffer, der Flugplatz G c - reifa wurde mit Bomben belegt, im Großen B i 11 e r f e e wurden Schiffe, darunter ein Frachter von 4000 BRT. getroffen, der Flugplatz Ismail i a sah seine Gebäude unter dem Bombenhagel in Brand aufgehen, Truppenansammlungen bei Sidi Barani und Marsa Matruk wurden auseinandergesprengt, drei Zerstörer vor der Küste angegriffen, die Ausladestellen in T o - b r u k mit Bomben belegt, der Ostteil von Tobruk und der Nordteil von Marsa Matruk getroffen und der Bahnhof hier wie in Abu Haggag bombardiert.
Oer italienische Bericht.
Rom, 11. Sept. (DNB.) Der italienische Wehrmachtbericht vom Donnerstag hat folgenden Wortlaut:
In der vergangenen Nacht haben britische Flugzeuge die Städte Genua und Turin überflogen, in deren Umgebung einige Bomben abgeworfen wurden. Zwei Tote unter der Zivilbevölkerung und einige Verwundete.
Messina hat einen neuen Luftangriff erlitten: einige Privatgebäude wurden beschädigt. Vier Verwundete unter der Bevölkerung. Ein feindliches
Flugzeug wurde van der Luftabwehr abgeschossen.
Die Luftwaffe der Achse setzte mit Erfolg ihre Angriffe auf die Verteidigungs-, Hafen- und Versorgungsanlagen von Tobruk fort. Außerdem wurden Truppenlager von Marsa Matruk und Autokolonnen im Gebiet der Oase von S i w a wirksam angegriffen. Italienische Bomber landeten einen Volltreffer auf ein britisches Handelsschiff in der Nähe von Tobruk. Deutsche Flugzeuge trafen einen feindlichen Torpedobootszerstörer auf Fahrt östlich von S o l l u m. Im Luftkampf haben deutsche Jäger fünf Hurricane abgefchossen.
In O st a f r i k a schlugen unsere Truppen in den Abschnitten von U o l ch e f i t und Culquabert in mehreren Zusammenstößen den Gegner unter Verlusten zurück.
Englische Flugzeuge überflogen die Schweiz.
Bern, 11. September. (Europapreß.) Vom zuständigen Territorial-Kommando wird mitgeteilt: „In der Nacht vorn 10. zum 11. September zwischen 23.15 und 4.15 Uhr haben mehrere Wellen von Flugzeugen unbekannter Nationalität in sehr großer Höhe den westlichen Teil der welschen Schweiz überflogen. Sie flogen zuerst in Richtung Nordwest—Südost und später in umgekehrter Richtung. Einige Flugzeuge kreisten eine Zeitlang über Genf."
mann Kaiser, Kompaniechef in einer Gebirgs- jägerabteilung, Hauptmann Oll, Abteilungskom- mandeur in einem Artillerie-Regiment, Oberleutnant Geißler, Batterieführer in einer Skurm- gefchühabteilung, Oberleutnant h ä n e r t, Kompanieführer in einem Infanterie-Regiment, Oberfeldwebel Gabriel, Zugführer in einem Panzerregiment; ferner an General der Pioniere Förster, Kommandierender General eines Armeekorps, Oberstleutnant h e n n i ck e, Kommandeur eines Infanterieregiments, Oberstleutnant Lang, Kommandeur einer Gebirgspanzerjäger-Abteilung, hauptmann Borchardt, Kompaniechef einer Panzerfpähkompanie, Oberleutnant Kalbitz, Kompaniechef in einem Pionierbataillon und Feldwebel Jungkunst, Zugführer in einem Infanterieregiment.
SA.-Mann
mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet.
/ Berlin, 11. Sept. (DNB.) Der Stabschef der SA. hat dem Sturmmann Otto Bukatschek, der als Unteroffizier des Heeres vom Führer mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet wurde, feine Glückwünsche ausgesprochen und ihn in Anerkennung seiner vorbildlichen Haltung zum SA. - Scharführer befördert. Unteroffizier Bukatschek hat hervorragenden Anteil am erfolgreichen Uebergang seines Regiments über die Beresina am 1. Juli. In selbständigem Entschluß stürmte er mit den ersten Schützen auf die zur Sprengung vorbereitete Brücke vor, riß die erste bereits brennende Zündladung auseinander, löschte mit feinem Spaten das Feuer und sand noch Zeit, die ebenfalls schon brennende Zündschnur zur zweiten Ladung zu zerschneiden. Bukatschek ist der 27. Ritterkreuzträger aus den Reihen der SA.
Erneuter Lustangriff auf Leningrad.
Berlin, 11. Sept. (DNB.) Im Laufe des 10. September und in der Nacht zum 11. September wurde das von den deutschen Truppen auf allen Seiten umschlossene Leningrad erneut von Kampfflugzeugen angegriffen. In allen Teilen der Stadt brachen große und viele kleinere Brände aus, die von ' den deutschen Truppen vor Leningrad noch lange beobachtet werden konnten. Im mittleren Abschnitt der Ostfront unternahmen Sturzkampfflugzeuge heftige Angriffe gegen militärische Ziele. Truppenansammlungen und Gleisanlagen wurden mit zahlreichen Bomben belegt und verschiedene Bahnhofsanlagen, Bahnhofsgebäude und Verladerampen durch gutliegenbe Treffer in Brand gefetzt ober zerstört. An anderer Stelle wurden Artilleriestellungen und sowjetische Panzeransammlungen mit Erfolg angegriffen.
Rund um den Ladogasee.
Der Ladogasee, der jetzt so viel genannt wird, gehört zu der finnisch-baltischen Seenplatte. Finnland führt ja auch den schmückenden Beinamen des „Landes der 1000 Seen". Der Ladogasee ist mit seinen mehr als 18 000 Quadratkilometer Fläche fast so groß wie ganz Württemberg. Er nimmt insgesamt 70 Flüsse in sich auf, von denen in den letzten Wochen besonders genannt wurden: derVuoksen auf de? Karelischen Landenge, der S w i r, der seinerseits der Abfluß des Onegasees ist, der Wolchow, der Abfluß des Ilmensees, und der S j a s, der von Tichwin herkomrnt und knapp östlich vom Wolchow mündet. Das Südufer ist verhältnismäßig seicht und durch viele Sandbänke und Klippen der Schiffahrt gefährlich. Daher wurden zwei Umgehungskanäle, die sogenannten Ladoga-Ka- näle, gebaut, die die Newa mit dem Wolchow verbinden. Das Nvrdufer stürzt dagegen steil zum See ab und ist viel stärker gegliedert als das Südufer. Infolge dieser Steilküste ist hier auch der See am tiefsten. Im Nordteil finden sich auch zahlreiche Inseln, von denen die größte Salomo, ein altes orthodoxes Kloster beherbergt. Wie die meisten Gewässer der finnisch-baltischen Seenplatte ist auch der Ladogasee sehr fischreich. Der Abfluß des Ladogasees zum Finnischen Golf ist die nur 64 Kilometer lange Newa. Mit dem Ladogasee ist der Onegasee durch den Swir verbunden. Der Onegasee ist der zweitgrößte See Europas, aber nur halb so groß als der Ladogasee. Er erreicht knapp die Größe Thüringens.
1238 Lustsiege des Geschwaders Trautloff.
Berlin, 11. September. (DNB.) Das Jagdgeschwader des Ritterkreuzträgers Major Trautloff erzielte am 7. September feinen 1200. Abschuß und hat seither die Zahl von 1238 Luftsiegen erreicht. Unter den -im Osten abgeschossenen 850 Flugzeugen waren 500 Bomber und 350 Jäger. Dem stehen lediglich 8 eigene Verluste gegenüber. Dem Geschwader gehört der Eichenlaubträger Oberleutnant Philipp mit 66 Luftsiegen an, 7 Angehörige des Geschwaders tragen das Ritterkreuz, 14 Flugzeugführer haben 20 und mehr Abschüsse. Eine einzige Staffel schoß allein 208 Gegner ab. Der erfolgreichste Tag des Jagdgeschwaders war der 30. 6., an dem bei einem Angriff der Sowjets von 80 angreifenden feindlichen Bombern 69 abgefchossen wurden. Am 6. 7. konnten 65 und am 7. 7. 60 Luftsiege errungen werden.
Jagdgeschwader Mölders errang über 2000 Abschüsse.
Berlin, 11. September. (DNB.) Das Jagdgeschwader Mölders errang am 8. September sei-
0er Schöpfer de« 7!SKK.
Korpsführer Hühnlein 60 Jahre alt.
Auf einer Fahrt zu feinen im Fronteinsatz fte- henden NSKK.-Männern vollendet der Korpsführer des NSKK., Reichsleiter der NSDAP., Adolf Hühnlein, fein 60. Lebensjahr. Der Name Adolf Hühnleins, mit dem sich Aufbau und Entwicklung der motorisierten Gliederung der Partei unlösbar verbinden, wurde zum Begriff für die m o t o r i • s ch e Wehrerziehung des deutschen Volkes, deren unschätzbarer Wert sich heute auf allen Schlachtfeldern dieses Krieges, insbesondere gerade jetzt im Osten, täglich erneut beweist. Die Bedeu-
llnfer Bild zeigt Korpsführer Hühnlein in einem Sommerlager der Motor-HI. bei der Ueberreichung von Leistungsurkunden. (Schirner-M.)
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tung, die das NSKK. unter seiner Führung als Willensträger des Motorisierungsgedankens errang, ist ebenso bekannt, wie der triumphale Siegeszug, den der deutsche Motorsport unter ihm antrat
Der Krieg wurde zur großen Bewährungsprobe auch für das NSKK. Während oie Mehrzahl seiner Führer und Männer seit den ersten Septembertagen 1939 unter den Fahnen steht, wurde dem Korps eine Vielzahl kriegswichtiger Sonderausgaben übertragen. Vom Polarkreis bis nach Afrika, vom Atlantik bis in die weiten Steppen der Sowjetunion reicht heute der Gesamteinfatz des NSKK. Trotz dieses umfassenden Fronteinsatzes geht auch in der inneren Kampffront die kriegswichtige Arbeit des NSKK. weiten Sie und die vormilitärische Ausbildung — insbesondere der Motor-HI. — auf wehrsportlichem und kraftfahrtechnischem Gebiet stellen im Verein mit dem Fronteinsatz des NSKK. das Ergebnis jener zähen Schulung dar, die in der Kampfzeit der Bewegung Begann und nun im großen Schicksalskampf des deutschen Volkes ihre höchste Bewährung findet. Wenn am 60. Geburtstag Adolf Hühnleins das deutsche Volk auf die große Leistung dieses alten Kampfgefährten des Führers blickt, dann weiß es in Dankbarkeit die im Krieg und Frieden bewährte Arbeit Hühnleins und feines NSKK. zu würdigen.
nen 2000. Abschuß. Den 2001. Abschuß konnte Major Beckh durch Abschuß eines sowjetischen Jägers erringen. Bis zum 10. September wurden vom Jagdgeschwader Mölders insgesamt 2033 feindliche Flugzeuge abgeschössen, davon im Osten 1357. Ferner wurden 188 Flugzeuge durch Bordwaffen am Boden vernichtet und 110 Flugzeuge durch Bomben am Boden beschädigt bzw. zerstört. 142 Panzerkampfwagen, 16 Geschütze, 34 Lokomotiven, 432 Lkws., 75 Fahrzeuge aller Art und ein Panzerzug wurden vernichtet. 354 Tiefangriffe wurden auf feindliche Flugplätze, marschierende Kolonnen, Batteriestellungen, Bereitstellungen feindlicher Heeresgruppen, Eisenbahnzüge und sonstige militärifdye Ziele durchgeführt. Dem Jagdgeschwader gehören 16 Ritterkreuzträger an. Die Erfolge wurden in 12 252 Flugstunden errungen.
Die ÜlliWMng-kmöer
Roman von 4jorft Hiernach
16. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Britta zögerte sekundenlang, sie suchte nach dem richtigen Wort. — „Das Leben, weißt ...", murmelte sie schließlich mit einer kleinen, vagen Handbewegung. Sie errötete ein wenig. Wahrscheinlich geschah es zum erstenmal in ihrem elfjährigen Dasein, daß sie solch ein verwunderliches Wort aussprach und hinter ihm all die dunklen Rätsel und Geheimnisse ahnte, die es umschloß. Lydia hob verständnisvoll die Schultern und starrte sie an. Britta konnte es ihx nicht erklären, was sie verspürte. Es war wie ein Schmerz. Manchmal stach er deutlicher, manchmal schwächer, sie wußte nicht zu sagen, wo er saß, und am wenigsten hätte sie erklären können, wo er herrührte. Am lautesten empfand sie ihn oftmals abends. Wenn sie wach im Bett laa und auf den Schlaf wartete, geschah es, daß ihre Augen sich in der Dunkelheit mit Tränen füllten. Es war ein Gefühl der Verlassenheit, aber sie konnte ihm keinen Namen geben. —
„Was denkst nach?"
Britta schrak leicht zusammen. — „Meinst, daß das stimmen tut, was die Kathi vorhin gesagt hat?"
„Ha ...?" machte Lydia.
„Daß der Konni die Sieglinda ... na, weißt schon!"
Lydia kratzte sich nachdenklich mit dem linken Fuß das rechte Bein. Sie erinnerte sich daran, daß der Vater einer Klassenkameradin auch zum zweitenmal geheiratet hatte. Das schien also ein durchaus üblicher Vorgang zu sein. „Weißt, der Konni ist halt ein Witwer ...", meinte sie vielsagend und mit jenem Genuß, den ihr seltene Worte stets bereiteten, „ein Witwer, verstehst, und die heiraten immer noch einmal ..."
Britta schloß sekundenlang die Augen und drückte das Kinn geaen die Knie. „Wenn er die Sieglinda beiraten tut', sagte sie nach einer Weile, und es klang wie ein unverbrüchlicher Schwur, „bann reiß ich aus!"
Lydias Augen flammten auf. „Iesfas naa, bees wär was!" stammelte sie atemlos. „Und wohin
täten wir ausreißen?" Das „Wir" bezeichnete, daß sie sich Brittas kühnen Plan schon vollständig zu eigen gemacht hatte.
„Zur Omi vielleicht ..."
Lydia schüttelte entschieden den Kopf: „Das wär nirn? Die töt uns am nächsten Tag zurückexpedieren, bees sag bir i! Aber ich wüßt was, ich kennet eine, bie zu uns halten töt unb uns nicht verraten tpürb ... Die Tante Trix in Berlin, wo sie boch Luisas Schwester is unb so ..."
In Brittas Gesicht erstarb der kurze Hoffnungsschimmer. „Ach", sagte sie, „aber wie kommen wir zur Trix hin, bis auf Berlin ...?"
„Sechs oder sieben Mark hätt ich in der Sparbuchs".
Aber Britta schüttelte den Kopf. „Was denkst, was das kostet! An Hunderter zumindest! — Mei, das wenn die Luisa wüßt, die tat die Sieglinda schon zum Tempel 'maushauen!"
Lydia nickte beipflichtend: „Und ob sie das töt!" Sie sah Britta abschätzend an, als überlege sie, ob sie es wagen dürfe, ihr ein Geheimnis ’ anzuvertrauen, das sie bis dahin tief verschlossen mit sich herumgetragen hatte.
„Du, sag mal", bohrte sie vorsichtig, „betest du eigentlich noch jeden Abend?"
„Freilich ...", bekannte Britta. Es war ihr anzumerken, daß sie nicht recht wußte, worauf Lydias Frage in diesem Augenblick abzielte.
„Und tut's was nutzen?" fragte Lydia kühl. Britta mußte ihr die Antwort schuldig bleiben. Sie stotterte zwar etwas vor sich hin, aber es waren höchst unklare, verworrene und verstaubte Worte.
,Ich bet' nicht mehr", sagte Lydia herausfordernd laut und hell, sie sah dabei Britta gerade und trotzig in die Augen. „Hundertmal hab' ich gebetet, lieber Gott, mach', daß die Luisa zurückkommt und daß dafür die Sieglinda tot umfällt. Und was ist geschehn? Nix!" Sie stampfte mit dem Fuß auf. Britta nagte an ihren Fingernägeln.
..Weiß", murmelte sie nach einer schweren Pause, "ich hab' auch schon manchmal gemeint, daß der liebe Gott hier katholisch is und von uns Protestanten nix wissen will ..."
„Brauchst ja nur nach Maria-Eich gehen, da hängt die ganze Kapell' voll Krücken von die Lahmen und Brillen von die Blinden, denen wo er geholfen hat, aber 's fan lauter Katholische!"
Britta angelte ihren Pantoffel mutlos unter dem Bett hervor und hüpfte ins Badezimmer voraus. Lydia folgte ihr nach. Söhnchen durfte noch im Bett bleiben und sich die Zeit bis zum Frühstück mit dem Struwwelpeter vertreiben.
Wer hörte, wie Lydia sich wufch, mußte glauben, sie läge in einer randvollen Badewanne und sei ständig in Gefahr, zu ertrinken. Es war fabelhaft, wie sie es verstand, mit* einem Liter Wasser zu prüften, zu sprudeln und das Badezimmer zu überschwemmen und dabei selbst bis auf die Fingerspitzen knochentrocken zu bleiben. Dafür entwickelte sie beim Zähneputzen um so mehr Eifer; allerdings kam es dabei auf den Geschmack der Zahnpasta an. Beim Spangl gab es eine Sorte, die „Blankodont" hieß; die war rosa gefärbt und schmeckte nach Rosenwasser. Davon verbrauchte Lydia in acht Tagen mit Leichtigkeit eine große Tube.
Als die Mädel endlich ins Speisezimmer glichen, um zu frühstücken, saß dort bereits Fräulein Zögling beim Kaffee. Sie trug das hellgraue Kostüm mit der weißen Seidenbluse, das sie sich erst vor ein paar Wochen angeschafft hatte. Die große lederne Einkaufstasche ftani) neben ihrem Stuhl. Sie wollte mit dem nächsten Zug in die Stadt fahren, um dort einige Besorgungen zu machen, die sich in Greiffing nicht erledigen ließen. Hellwang brauchte ein neues Farbband für die Schreibmaschine und Kopierpapier, und in der Küche mußte Geschirr ergänzt werden.
„Ich bin zum Mittagessen wieder zu Hause.-Was werdet ihr inzwischen tun?"
„Im Teich spritzeln ober sowas", antwortete Lydia.
„Ah, und dabei einen rechten Skandal machen und euern Vot?r stören, der gerade jetzt die Ruhe so dringend braucht!" fiel Fräulein Zögling scharf ein. ,Das kommt gar nicht in Frage! Für eure Spiele habt ihr am Nachmittag Zeit genug! Es ist nicht nötig, daß ihr die Ferien gänzlich vertrödelt. Es wird euch nichts schaden, wenn ihr an jedem Tag für ein paar Stunden wenigstens die Nasen in die Schulbücher steckt, damit ihr nicht völlig verdummt!"
Britta schluckte schwer an ihrer Suppe. Jede Hafer- slocke schien sich in einen harten, stachligen Kloß.zu verwandeln. Lydia starrte wütend in den Teller. Ihre Augen waren vor Erbitterung ganz hell. „Wir
haben früher in den Ferien nie zu lernen brau« chen!" stieß sie trotzig hervor.
Fräulein Zögling hob überrascht den Kopf: „Was ist denn das für ein merkwürdiger Ton?" fragte sie und runzelte die Brauen.
„Sie können ja unfern Papa fragen oder die Kathi, wenn Sie's nicht glauben wollen", fuhr Lydia störrisch fort; es war etwas von der Wildheit durchgehender Fohlen in ihrem Ausdruck. Und plötzlich flammte auch Britta auf, die sanfte, ängstliche Britta, die sonst den Kopf zwischen die Schultern
und ein piepsiges Sümmchen bekam, wenn sich aus Fräulein Zöglings Stirn Unmutsfalten zeigten.
„Immer haben wir in den Ferien spielen dürfen und baden und tun, was uns Spaß machte, und erst seit Sie da sind, müssen wir lernen und rechnen und haben überhaupt keine Freud' an den Ferien mehr. Und die^ Kathi hat schon gesagt, daß es so kommen wird..." Britta empfing von Lydia einen fürchterlichen Stoß ins Schienbein und brach plötzlich ab. Zornige Tränen rollten über ihre Wangen.
Fräulein Zögling war ein wenig bleich geworden.
„Ach, wie intereffant!" zischte sie und schien die Ichrnalen Lippen beim Sprechen kaum zu bewegen, „aus der Küche weht also dieser Wind der Rebellion! Nun, es wird höchste Zeit, daß ich mit eurem Vater ein ernsthaftes Wort über Kathi rede! Das ist ja unerhört...!" Sie warf einen Blick auf ihre Arm- banduhr und erhob sich plötzlich, sie stützte sich mit den Knöcheln der geballten Faust auf den Tisch.
„Erzogen werdet ihr von mir, und von niemandem sonst, verstanden?! Und über Spiel ober Arbeit entscheide ich, und niemand sonst, verstanden?.' Und am allerwenigsten hat Kathi ein Recht dazu, sich in meine Angelegenheiten zu mischen, und auch gegen mich aufzuhetzen. Kathi — tschi! Es ist ja wirklich unglaublich, was sie sich herausnimmt!" Es war so unglaublich, daß Fräulein Zögling mit klirrenden Schritten das Zimmer verließ und schnurstracks in die Küche rannte, um solch unerhörte Uebergriffe in ihre Rechte von vornherein und für alle Zukunft in ihre Schranken zu verweisen.
„Au weh, jetzt schnackelt's", wisperte Lydia, „jetza is gefehlt aä! Was mußtest du auch die Kathi reinbringen, du saublöde Gans?"
„Ich wollt's ja nicht, es ist mir halt so rausae- rutfcht", schluchzte Britta.
(Fortsetzung folgt.)


